Von ~Mendele Mocher Sforim~.
Im Monat Adar, sagt der Talmud, freut man sich. Der Schnee schmilzt,
auf allen Wegen liegt tiefer Schmutz und ehrliche Juden, abgerissen und
schmierig, beginnen nachzudenken, woher sie Geld für die Peßachfeier
nehmen sollen -- die Zeit unsrer Freude ist da!
Um diese Zeit erhielt ich einen Brief von einem Glupsker Bekannten,
ich solle doch ja so bald als möglich zu ihm kommen, mit Sack und
Pack, mit dem Planwagen und den Bücherbündeln, um einen Tausch zu
machen: er wolle mir für meine alte Ware neue geben, Sammelbücher,
Unterrichtswerke, Gedichte, Bilder und Skizzen, hochinteressante
Romane, psychologische, ökonomische und soziale Erzählungen, dazu feine
und kunstvolle Gegenstände von mancherlei Art, Chanukahlampen und
dergleichen mehr. Mein Bekannter in Glupsk betreibt vielerlei Geschäfte
mit wenig Segen. Er ist Buchhändler und Makler und auch ein Stückchen
von einem Schriftsteller und Verleger, und dazu ein armer Teufel,
~das~ aber in reichem Maße. Um ehrlich zu sein: ich habe sein
Anerbieten nicht ganz ernst genommen, denn ich wußte ja, daß er im
Notfall -- er nehme es mir nicht übel -- ein Lügner sei, wie das ja oft
bei Kaufleuten so geht, die in Kauf und Verkauf das Maß „verbessern“:
ihre Ware ist pures Gold, die des andern schlechtes Blech.
So habe ich also von seinem Briefe, der die alte Ware in Grund und
Boden verdammte und die neue über den grünen Klee lobte, nicht viel
Aufhebens gemacht. Dann aber überlegte ich, daß es am Ende doch so
übel nicht wäre, nach Glupsk zu fahren. Wozu sollte ich meine Ware so
lange festhalten? Wohl möglich, daß die andere schlechter, daß sie ganz
wertlos war; aber besser oder schlechter -- man muß handeln. Mag der
Besen schlechter sein -- wenn er nur neu ist!
Ich beschloß also, schleunigst abzureisen, um noch zu Purim nach Glupsk
zu kommen und die berühmten Glupsker Purimspieler zu sehen. Alle Tage
des ganzen Jahres sind sie arme einfältige Gesellen, zu Purim aber sie
sind klug und geistreich, und Wortspiele fallen da wie die Tropfen
wenn es regnet. Es war mir aber nicht beschieden, da ich noch einige
Zeit daheim verweilen mußte. Als ich dann so weit war, gedachte ich zu
Peßach wieder daheim einzutreffen. So sorgte ich noch vor der Abfahrt
dafür, mein Haus mit all den guten Dingen zu versehen, die man zu
diesem Feste braucht. Ich empfahl meiner Frau, um Gottes willen an
nichts zu sparen, nicht an Rosinen und nicht an Wasser, und einen
Rosinenwein zu bereiten, den ein König nicht verschmähen müßte. „Und
kaufe auch einen Sack Kartoffeln und Gänseschmalz und einen recht
wohlgenährten Truthahn. -- Wie? Das Geld wird nicht reichen? Darum
mache dir nur ja keine Sorgen. Versetze deinen Schmuck, das oder jenes
Einrichtungsstück; Gott wird hoffentlich mit mir sein, und wir werden,
wenn ich in Frieden heimkehre, ein fröhliches Peßachfest feiern,
Rosinenwein mit Lakritzen trinken und lustig sein.“
So wurde alles besorgt. Allein Gott sandte Regen und Schnee über die
Welt, ein Gemisch von Wasser und nassen Eiskörnern, und der Weg wurde
unwegsam für Wagen und Schlitten, zu Pferd wie zu Fuß. Ich schleppte
mich mit Mühe und Not eine Viertelmeile täglich vorwärts. Jeder Schritt
kostete mein armes Pferdchen blutigen Schweiß. Es schleppte sich ein
paar Schritte, fiel, stand auf, ging wieder ein paar Schritte und
fiel abermals. Und ich Unseliger stapfe nebenher durch den Morast,
beschmutzt vom Kopf bis zum Fuß wie ein Teufel, gleite aus und falle,
falle und ächze.
Ich ächzte nicht nur für mich, sondern auch für mein Pferd. Wie kam
mein armes Pferdchen dazu, sich so quälen zu müssen? Und wem zuliebe
mußte es sich quälen? ~Mir~ zuliebe, der ich mit einem Schlage
alle alten Ladenhüter los werden wollte. Einen ganzen Wagen hatte ich
damit angestopft, mehr als das arme Tier erzog, ohne Mitleid, ohne
einen Gedanken an seine Qual.
Solange es seine Leiden noch ertrug, ging und fiel, fiel und aufstand,
sich fast aus seiner eigenen Haut zog und doch ging, stellte ich mich
gefühllos, zeigte ihm die Peitsche, rief und schalt. Als aber das
Pferdchen endlich ganz und gar in einen Sumpf geriet, irgendwo unter
einem Berge, sich im Schmutz ausstreckte, so lang es war, die Füße
von sich spreizte und liegen blieb, ohne auch nur ein Glied noch zu
rühren, da meldete sich mein jüdisches Herz mit einer Moralpredigt: Du
törichter, dummer Kerl, du nimmst eine ehrliche Kreatur und verkümmerst
ihr das Leben mit schwerer Arbeit, mit unendlichen vielen schweren
Bündeln von Büchern, von ~Makulatur~! Alles hat doch Maß und Ziel!
Ziegel und Steine kann man nur bis zu einem bestimmten Maße einem Pferd
aufladen, sonst erträgt es sie nicht; und du hast deinem Pferdchen,
einem elenden Geschöpfe, die ganze Masse der Jüdischkeit, das ganze
Joch aller jüdischen Bündel aufgelegt! Was ist das Ende? Das gute Wesen
plagt sich, keucht, reibt sich auf, kann sich nicht mehr vom Fleck
rühren und ringt mit seiner Seele. Schau es an, wie es daliegt, ohne
ein Lebenszeichen zu geben. Wie ein toter Körper!
Doch was hilft das alles, was nützt Leid und Reue? War es zuerst
~wie~ ein toter Körper, so war es nachher wirklich und wahrhaftig
einer. Mein Pferdchen war verendet!
Dort und damals war ich wie ein Kapitän, dem sein Schiff mitten im Meer
untergeht. Allein und verlassen stand ich mitten auf der Straße und
ein Meer von Schmutz dehnte sich um mich herum. Das Pferdchen lag tot
im Sumpf, der Wagen steckte bis über die Achsen im Morast; und morgen
ist Erew Peßach, und in meiner Seele ist’s bitter und trüb. Was sollte
ich tun? Aber ein Jude hat doch einen Gott; wenn es schon ganz schlimm
wird, erinnert man sich seines lieben Namens. So tat auch ich. Es war
die Zeit des Minchah-Gebetes. So wandte ich denn mein Angesicht gen
Osten, sagte „Pithum Haktoreth“ und betete langsam und mit Inbrunst,
so lange, bis die ersten Sterne aufschimmerten. Der Heilige, gepriesen
sei er, hörte mein Gebet, zeigte mir etwas wie ein fernes Feuer und gab
mir den Gedanken ein, dorthin zu gehen, wo es leuchtete. So kroch ich
auf Händen und Füßen lange zwei Stunden, bis ich auf eine Hütte stieß,
wo einer am Waldesrand wohnte. Der Mann blickte mich zuerst wild an,
als er aber sah, daß ich in Furcht und Zagen vor ihm stand und den Kopf
hängen ließ, wurde er weicher und gewährte mir Gastfreundschaft. Er
bewirtete mich mit gebratenen Kartoffeln und einem Glas Tee und wies
mir zur Nacht einen Platz im Schuppen an. Am andern Morgen bat ich
ihn dringend, ein Paar Ochsen an meinen Wagen zu spannen und mich nach
Bojberik zu fahren, was die nächste Stadt war. Dafür erlaubte ich ihm,
außer seinem Lohn, das Fell meines toten Pferdchens abzuziehen und noch
als Andenken die Hufeisen zu behalten. Ich tat das des Friedens wegen.
Er sollte nicht sagen, daß man einem Juden nichts Gutes erweisen dürfe,
weil er nicht zu danken verstehe.
So kam ich in der Abenddämmerung nach Bojberik, als keine lebende Seele
mehr auf der Straße war; groß und klein war bereits in den Bethäusern
versammelt. Aufrichtig gesagt, war mir das sehr angenehm; ein Jude
steckt doch gern in alles seine Nase, will alles mit der Hand anfühlen,
ein Jude will doch alles wissen. Und nun kam ich, ein bekannter Jude,
Mendel der Buchhändler, mit einem Paar Ochsen dahergefahren! Natürlich
würde man mit Kind und Kegel zusammengelaufen sein und mir einen
festlichen Empfang mit Hoch und Hurra gemacht haben. Ich bin aber doch
ein einfacher Jude, ein gewöhnlicher Mensch, und scheue soviel Ehre.
Ich habe in Bojberik einen Bekannten und guten Freund aus alten Tagen
her; er ist Buchhändler wie ich und in allen Orten, wo Juden wohnen,
wohlbekannt unter dem Namen Hendel Bojberiker aus Bojberik. Vor Hendels
Haus ließ ich mich führen. Während des Fahrens hatte ich Zeit, mich in
Gedanken zu versenken. Ochsen sind bekanntlich keine Schnelläufer, sie
gehen Schritt vor Schritt, bedächtig, langsam, ohne Eile, wiederkäuend.
Ich saß im Wagen und kaute auch nochmals alle die Begebenheiten durch,
die mich unterwegs getroffen hatten. Ich sinnierte und sehnte mich
nach meinem Haus, nach Weib und Kindern. Das Herz tat mir weh, da mir
das Fest zerstört war, da ich nicht wie ein König neben meiner Königin
obenan sitzen würde. Ich gedachte auch des Truthahns: wahrscheinlich
war es ein fetter, feiner Truthahn, ein wahres Labsal! Und ich sehnte
mich inniglich... Die Ochsen tappten, krochen durch Gassen und Gäßchen,
bis sie endlich vor Hendels Haus stehen blieben.
Eine Weile stand ich mit beklommenem Herzen vor der Tür. Ich stand wie
ein Armer an der Tür des Reichen: „Werde ich ihn nicht bei schlechter
Laune antreffen? Wird er mich nicht scheel ansehen?“ Aber was tut nicht
ein Jude vor Not? Vor Not bemüht er sich um fremde Menschen, vor Not
wird er ein Gast. Ich fasse mir Mut, strecke die Hand aus und öffne
die Tür, öffne sie leise und langsam, und sie knarrt. Ich drücke leise
und sie knarrt, als ob sie etwas zu fordern hätte. So kam ich in den
finstern Hausflur; und alsbald regten sich die Leute und machten mir
einen Empfang: sie empfingen mich mit lautem Freudengeschrei und wie
berauscht vor Wonne. Ich konnte gar nicht verstehen, was mit ihnen los
war. Eins läuft in die Stube hinein und ruft: „Gekommen!... Er ist
da, er ist da!“ Ein zweites schreit ganz außer Atem: „Ein Licht, ein
Licht, steckt ein Licht an!“ Ich höre eine Frauenstimme, zuckersüß,
voll Anmut und Liebenswürdigkeit, und eine Frau kommt herausgeeilt,
umarmt, küßt und halst mich -- beinahe. Sie schwatzt, spricht liebe-
und vorwurfsvolle Worte durcheinander, freut und erbost sich zugleich:
„Welcher Gast, welch seltener Gast!... Weshalb kommst du so spät? Bin
ich nicht auch so gut wie andere Leute?“
Ich stand verdonnert da, wie ein Nachtwandler, aber als ich endlich
den Mund auftat und antworten und erzählen wollte, was mir passiert
war, entzündete man eine Kerze -- und wir standen alle erstarrt und mit
offenem Munde da wie Golems. Wahrhaftig, eine schöne Szene!
* * * * *
Die Sache verhielt sich so: Hendel war auf Geschäftsreisen gegangen.
Er sollte zu Sabbath Hagadol, dem Sabbath vor Peßach, heimkommen und
war nicht eingetroffen. Da war seine Familie sehr traurig gewesen.
Als ich nun in der Dunkelheit eintrat, dachten die Kinder, es sei der
Vater, und die Frau glaubte, ihr Mann sei zu Peßach gekommen; da gab es
Freude und Aufruhr, als sie aber den Irrtum merkten, blieben sie mit
aufgerissenen Augen und Mündern stehen.
Auch der Frau Hendels war das Fest zerstört, da ihr Mann zu Peßach
nicht da war und sie keinen König hatte. Andererseits aber dankte
sie Gott und pries seinen Namen, daß er ihr doch einen bekannten
Menschen beschert hatte, den Seder zu halten. Sie geleitete mich zu dem
Hessebett und „machte mich zum Könige an Hendels Statt“.
Auch ich dankte dem Höchsten und lobte ihn, der an mir Wunder getan
hatte. Er hatte mich aus der ruhelosen Verbannung nach Bojberik
gebracht, daß ich wie ein König dasaß, Bitterkraut und Eier und Fisch
und Knödel aß und für Hendel und Hendels Weib die Hagadah las, mit
lautem Preis und Lobgesang: Hallelujah!
[Illustration]
Jedoch nicht an mir allein geschah solch ein Wunder, daß ich, ungeahnt,
wie ein König dasaß. Wie ich einige Tage später erfuhr, war auch
Hendel dasselbe Wunder, derselbe Peßach zuteil geworden.
Hendel Bojberiker hatte seinen Wagen mit Büchern vollgepackt und war
von Bojberik abgefahren, wie er alljährlich vor Peßach zu tun pflegt.
Und so geschah Hendel dasselbe, was Mendel geschah: Schnee und Regen,
Sumpf und Morast, Pfützen und Gräben, Kummer und Leiden den ganzen
Weg entlang. Auch sein Pferd ging und fiel, stürzte und wälzte sich
im Schlamm. Und wenn es mit dem Leben davonkam und nicht umkam, so
verdankte es das wahrhaftig nicht seiner Heldenkraft, denn es war dürr
und ausgemergelt, hinkte und hatte eine Beule auf dem Auge -- mein
Pferdchen war nach aller Meinung im Vergleich zu jenem gesund und
schön. Nur ist der Morast in den Gegenden, durch die Hendel kam, dünner
und verursacht nicht so unglückliche Folgen wie der dichte Sumpf um
Bojberik und Glupsk. So zog Hendel langsam mit seinem Pferdchen dahin,
kroch mit Mühe und Not vorwärts und gelangte genau am Erew Peßach nach
Kabzainsk. So fuhr er noch am Abend vor mein Haus, hielt ganz fein bei
meiner Frau den Seder, saß auf meinem Hessebett und war König an meiner
Statt, glücklich und zufrieden, daß Gott ihm einen Ruheort gegönnt
hatte.
Das erzählte mir Hendel selbst, als wir einander nach dem Feste in
der Hälfte des Wegs begegneten; und wir krümmten uns vor Lachen, als
wir von dem Tausch erfuhren. Aber als ich begann, ihm von meiner Reise
nach Glupsk zu erzählen, um dort alte Bücher für neue zu tauschen, zog
er ein saures Gesicht, schüttelte bedenklich den Kopf und sagte dann:
„Du magst Gott danken, daß du mit dem Pferdchen davongekommen bist. Ein
ganz schöner Sündenbock!“
Ich sah ihn groß an. „Was siehst du mich an, Mendel?“ rief er. „Ich
sage dir: wohl dir, daß dein Pferdchen umgekommen ist! Denn so bist du
vor der Reise nach Glupsk und vor einem übeln Geschäft behütet worden.
Du kannst zufrieden sein, daß es dir nicht gelungen ist, jene Ware zu
kaufen. Ich beneide dich: du darfst jetzt hoffen, den Buchhandel ganz
los zu werden. Zum Teufel mit den Scharteken, alten und neuen! Wie
gut wäre es, hätte auch mein Pferdchen ein böses Ende genommen, ja,
womöglich schon vor einem Jahre! So hätte ich von der neuen Ware nichts
gewußt und hätte mein Geld nicht verloren. Nein, Mendel, ich wiederhole
dir: es ist ein Glück für dich, daß dein Pferdchen verreckt ist.“
Wenn ihr aber glaubt, Hendels Zorn sei echt gewesen, so seid ihr im
Irrtum. Hendel handelt noch immer mit Büchern wie seit jeher, und auch
ich bin ein Buchhändler geblieben wie zuvor. Ja, damals, mitten auf dem
Weg, als Hendels Zorn ein wenig verflogen war, haben wir stehenden
Fußes einen Tausch gemacht: ich gab ihm philosophische Bücher, Artikel
und Predigten, und er gab mir Klagelieder und Trauergesänge. Denn für
Klagelieder und Trauergesänge war die Zeit gerade recht: es ging gegen
den Frühling, überall fing es an zu grünen und zu sprießen, und unsere
jüdischen Brüder bereiteten sich zu Klagen, Weinen und Fasten.