So wie Marcus, römischer Konsul, Richter der Juden, der zur Zeit
des zweiten Tempels in Jerusalem weilte, es selbst gesehen und
beschrieben hat.
Folgendes ist die Ordnung des Peßachopfers, wie ich es zum Teil selbst
gesehen, im übrigen aber genau gehört habe:
Zu Beginn des Monates, der bei ihnen Nissan heißt, gehen Boten und
Gesandte im Auftrage des Königs und der Richter nach allen Gegenden um
Jerusalem an alle Besitzer von Schafen oder Rindern mit dem Befehl,
ihr Vieh schleunigst nach der Stadt zu bringen, damit die Peßachpilger
ausreichend Opfertiere und auch Speise finden; denn des Volkes ist sehr
viel. Wer aber nicht zur rechten Zeit kommt, dessen gesamter Besitz
wird zugunsten des Tempels eingezogen. So ziehen denn alle Besitzer von
Herden eiligst heran und lassen ihr Vieh durch den Bach nahe der Stadt
gehen, um es zu baden und von allem Schmutz zu säubern. Denn sie wenden
hierauf ein Wort Salomos an: „Von der Schwemme kamen sie.“ Wenn sie an
die Berge rings um Jerusalem kommen, sind ihrer so viele, daß man das
Gras nicht mehr sieht: alles ist weiß von dem Schimmer der Vließe. Und
wenn der zehnte Tag kommt -- am vierzehnten bringt man das Opfer dar
--, gehen alle hinaus, um das Opfertier einzuhandeln (sie nennen es
Peßach).
Wenn sie aber zur Vollbringung des Dienstes hinausgehen, sagt nie einer
zum andern: „Trolle dich fort!“ oder „Mach Platz, daß ich vor dir an
die Reihe komme!“ Und wäre selbst einer ihrer Könige, Salomo oder
David, der letzte daran. Als ich ihre Priester darauf hinwies, daß das
doch ungehörig sei, sagten sie mir: „Das soll andeuten, daß vor Gott
kein Stolz und Rang gilt, weder während der Vorbereitung zum Dienst
noch -- erst recht -- beim Dienste selbst. Da sind alle vor ihm gleich
zum Guten.“
Wenn nun der vierzehnte Tag des Monats anbricht, steigen sie auf einen
hohen Turm im Tempel (die Hebräer nennen ihn Lul), der erbaut ist
wie bei uns die Glockentürme. In den Händen tragen sie drei silberne
Trompeten, auf denen sie blasen; dann verkünden sie laut rufend: „Volk
Gottes, höre, die Zeit ist gekommen, das Peßachopfer zu schlachten zu
Ehren dessen, der seinen Namen im Heiligtume ruhen ließ!“ Und wenn das
Volk diese Ankündigung hört, zieht es Festgewänder an; denn von Mittag
an ist für alle Juden Feiertag.
An einem Eingang der großen Halle im Tempel stehen von außen zwölf
Leviten mit silbernen Stäben und zwölf von innen mit goldenen Stäben.
Die von außen haben die Kommenden zu beruhigen und zu dirigieren,
damit niemand durch zu große Hast zu Schaden komme und nicht alle
auf einmal herzudrängen und in Streit geraten. Es ist nämlich einmal
vorgekommen, daß am Peßach ein alter Mann mitsamt seinem Opfer in dem
großen Gedränge erdrückt wurde. Die Leviten aber, die innen stehen,
haben die Hinausgehenden zu beaufsichtigen, damit sie nicht stoßen.
Auch schließen sie die Tore der Halle, wenn sie sehen, daß mehr Leute
hineinkommen als zugleich Platz haben.
An der Schlachtstelle aber stehen viele Reihen von Priestern mit
silbernen und goldenen Schalen in Händen. Wenn eine Reihe mit Silber
beginnt, ist sie durchaus mit Silber, wenn mit Gold, ist sie durchaus
mit Gold: so ist es um der Pracht und der Schönheit willen. Jeder
einzelne von den Priestern schöpft eine Schale Blut vom Schlachttier
und reicht sie dem nächsten, dieser reicht sie weiter und so fort bis
an den Altar. Der letzte aber am Altar reicht die Schale leer zurück,
der nächste reicht sie weiter und so fort, bis jeder Priester eine
volle Schale bekommen und eine leere Schale zurückgegeben hat. Das
geht ohne jede Unterbrechung und Aufenthalt, denn sie sind in dieser
Verrichtung flink und gewandt, so daß die Schalen hin- und herlaufen
wie Pfeile vom Bogen eines Kriegers. Sie haben sich ja schon dreißig
Tage vorher in dieser Arbeit eingeübt und genau darauf geachtet, wo
etwa eine schwache Stelle wäre.
Dort stehen auch zwei hohe Säulen, auf denen zwei Priester mit
silbernen Trompeten postiert sind. Sie blasen zu Beginn der
Opferhandlung, um den Priestern auf der Kanzel ein Zeichen zu geben,
daß sie den Lobgesang anstimmen mit klangvollen und dankerfüllten
Tönen, mit allen Musikinstrumenten; an diesem Tage werden alle
Instrumente verwendet. Auch der Opferer fällt in den Lobgesang ein.
Ist das Opfer aber noch nicht beendigt, so wird der Lobgesang nochmals
angestimmt.
Nach dem Schlachten geht man hinaus in die Hallen; dort sind die Wände
ringsum mit eisernen Haken und Zinken versehen, an denen man das
Opfertier aufhängt, um es abzuhäuten. Auch viele Stäbe gibt es dort;
denn falls kein Haken frei ist, nimmt man zum Abhäuten einen Stab.
Sodann gibt man ab, was für den Altar gebührt, und geht leichten und
fröhlichen Mutes fort, wie ein Sieger im Kampf. Denn das Peßachopfer
nicht zur rechten Zeit dargebracht zu haben, gilt als ewige Schande.
Die Priester tragen während dieser Diensthandlung rote Gewänder, damit
man das Blut nicht sieht, das auf sie spritzt. Das Kleid ist kurz
und reicht nur bis zu den Knien, sie sind auch barfuß und ihre Ärmel
reichen nur bis zum Oberarm, alles, damit sie während der Verrichtung
nicht behindert sind. Auf dem Haupte tragen sie eine hutartige Mütze,
um die drei Ellen Tuch wie ein Turban gewunden sind. Der Hohepriester
aber hat, wie man mir gesagt hat, einen vierzigfach gewundenen weißen
Turban. Die Öfen, in denen das Opfer gebraten wird, sind nahe dem
Eingang; man erklärte mir, dies diene dazu, den Glauben und die Freude
an dem Feste recht öffentlich und allgemein zu machen. Wenn es gebraten
ist, essen sie es mit Singen und Jubeln; noch aus der Ferne hört man
ihre jauchzenden Stimmen. Und in den Peßachnächten werden wegen der
vielen Fremden an keinem Tore von Jerusalem die Türen geschlossen;
die Juden sagen, zu Peßach seien doppelt so viel Menschen da, als aus
Ägypten zogen.