»Wenn mein Ziel erreicht, ist mein Leben vollendet. Glaubst du, ich
ertrüge den Gedanken, aus eitel Herrschsucht mein Volk zu verderben, um
kluger Zwecke willen? Nein: ich konnt’ es nur, weil ich mußte. Die Rache
ist jetzt meine Liebe und mein Leben und« ... – –
Da scholl von der Fronte des Gebäudes her, aber noch innerhalb der Mauer,
laut und schrillend der Ruf des Käuzchens, einmal – zweimal rasch nach
einander.
Wie staunte Perseus, als er den Präfekten eilig an die Kehle der Bildsäule
drücken sah, an der er lehnte, und wie sich diese geräuschlos in zwei
Hälften auseinander schlug. Cethegus schlüpfte in die Öffnung: die Statue
klappte wieder zusammen. Mataswintha aber und Aspa sanken wie betend auf
die Stufen des Altars.
»Also war’s ein Zeichen! Es droht Gefahr:« dachte der Späher; »aber wo ist
die Gefahr? und wo der Warner?« Und er wandte sich, trat vor und sah nach
links, nach der Seite der Goten.
Allein damit trat er in den Bereich des Mondlichts: und in den Blick des
Mauren Syphax, der vor der Eingangsthür des Hauptgebäudes in einer leeren
Nische Schildwache stand, und bisher scharf nach der linken, der
gotischen, Seite hin, gespäht hatte.
Von dort, von links her, schritt langsam ein Mann heran. Seine Streitaxt
blitzte im Mondlicht.
Aber auch Perseus sah jetzt eine Waffe aufblitzen: es war der Maure, der
leise sein Schwert aus der Scheide zog.
»Ha,« lachte Perseus, »bis die beiden mit einander fertig sind, bin ich in
Rom, mit meinem Geheimnis.«
Und in raschen Sprüngen eilte er nach der Mauerlücke des Vorhofs, durch
die er eingedrungen. Zweifelnd blickte Syphax einen Augenblick nach rechts
und nach links. Zur Rechten sah er entweichen einen Lauscher, den er jetzt
erst ganz entdeckte. Zur Linken schritt ein gotischer Krieger herein in
den Tempelhof. Er konnte nicht hoffen, beide zu erreichen und zu töten.
Da plötzlich schrie er laut: »Teja, Graf Teja! Hilfe! zu Hilfe! Ein Römer!
rettet die Königin! dort rechts an der Mauer, ein Römer!«
Im Fluge war Teja heran, bei Syphax. »Dort! rief dieser: »ich schütze die
Frauen in der Kirche!« Und er eilte in den Tempel.
»Steh, Römer!« rief Teja, und sprang dem fliehenden Perseus nach.
Aber Perseus stand nicht: er lief an die Mauer: er erreichte die Lücke,
durch welche er hereingekommen war: doch er konnte sich in der Eile nicht
wieder hindurchzwängen: so schwang er sich mit der Kraft der Verzweiflung
auf die Mauerkrone: und schon hob er den Fuß, sich jenseits hinabzulassen:
da traf ihn Tejas Axt im Wurf ans Haupt und rücklings stürzte er nieder,
samt seinem erlauschten Geheimnis. –
Teja beugte sich über ihn: deutlich erkannte er die Züge des Toten. »Der
Archon Perseus,« sagte er, »der Bruder des Johannes.« Und sofort schritt
er die Stufen hinan, die zur Kirche führten. An der Schwelle trat ihm
Mataswintha entgegen, hinter ihr Syphax und Aspa mit der Blendlaterne.
Einen Moment maßen sich beide schweigend mit mißtrauischen Blicken.
»Ich habe dir zu danken, Graf Teja von Tarentum,« sagte endlich die
Fürstin. »Ich war bedroht in meiner einsamen Andacht.«
»Seltsam wählst _du_ Ort und Stunde für deine Gebete. Laß sehen, ob dieser
Römer der einzige Feind war.«
Er nahm aus Aspas Hand die Leuchte und ging in das Innere der Kapelle.
Nach einer Weile kam er wieder, einen mit Gold eingelegten Lederschuh in
der Hand. »Ich fand nichts als – diese Sandale am Altar, dicht vor dem
Apostel. Es ist ein Mannesfuß.«
»Eine Votivgabe von mir,« sagte Syphax rasch. Der Apostel heilte meinen
Fuß, ich hatte mir einen Dorn eingetreten.«
»Ich dachte, du verehrst nur den Schlangengott?« – »Ich verehre, was da
hilft.« – »In welchem Fuße stak der Dorn.« Syphax schwankte einen
Augenblick. »Im rechten,« sagte er dann, rasch entschlossen.
»Schade,« sprach Teja, »die Sandale ist auf den linken geschnitten.« Und
er steckte sie in den Gürtel. »Ich warne dich, Königin, vor solcher
nächtlichen Andacht.«
»Ich werde thun, was meine Pflicht,« sagte Mataswintha herb.
»Und ich, was meine.« Mit diesen Worten schritt Teja voran, zurück zum
Lager: schweigend folgte die Königin und ihre Sklaven.
‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐‐
Vor Sonnenaufgang stand Teja vor Witichis und berichtete ihm alles.
»Was du sagst, ist kein Beweis,« sagte der König. – »Aber schwerer
Verdacht. Und du sagtest selbst, die Königin sei dir unheimlich.«
»Gerade deshalb hüt’ ich mich, nach bloßem Verdacht zu handeln. Ich
zweifle manchmal, ob wir an ihr nicht Unrecht gethan. Fast so schwer, wie
an Rauthgundis.« – »Wohl, aber diese nächtlichen Gänge?« – »Werd’ ich
verhindern. Schon um ihretwillen.«
»Und der Maure? Ich trau’ ihm nicht. Ich weiß, daß er tagelang abwesend:
dann taucht er wieder auf im Lager. Er ist ein Späher.«
»Ja, Freund,« lächelte Witichis. »Aber der meine. Er geht mit meinem
Wissen in Rom aus und ein. Er ist es, der mir noch alle Gelegenheiten
verraten.«
»Und noch keine hat genützt! Und die falsche Sandale?«
»Ist wirklich ein Votivopfer. Aber für Diebstahl; er hat mir, noch ehe du
kamst, alles gebeichtet. Er hat, bei der Begleitung der Königin sich
langweilend, in einem Gewölbe der Kirche herumgestöbert und da unten
allerlei Priestergewänder und vergrabnen Schmuck gefunden und behalten.
Aber später, den Zorn des Apostels fürchtend, wollt’ er ihn
beschwichtigen, und opferte, in seinem Heidensinn, diese Goldsandale aus
seiner Beute. Er beschrieb sie mir ganz genau: mit goldnen Seitenstreifen
und einem Achatknopf, oben mit einem _C_ –. Du siehst, es trifft alles zu.
Er kannte sie also: sie kann nicht von einem Flüchtenden verloren sein.
Und er versprach, als Beweis die dazu gehörige Sandale des rechten Fußes
zu bringen. Aber vor allem: er hat mir einen neuen Plan verraten, der all’
unsrer Not ein Ende machen und Belisarius selbst in unsre Hände liefern
soll.«
Zehntes Kapitel.
Während der Gotenkönig diesen Plan seinem Freunde mitteilte, stand
Cethegus, in frühester Stunde nach dem belisarischen Thor beschieden, vor
Belisar und Johannes.
»Präfekt von Rom,« herrschte ihn der Feldherr beim Eintreten an, »wo warst
du heute Nacht?«
»Auf meinem Posten. Wohin ich gehöre. Am Thor Sankt Pauls.«
»Weißt du, daß in dieser Nacht einer der besten meiner Anführer, Perseus
der Archon, des Johannes Bruder, die Stadt verlassen hat und seitdem
verschwunden ist?«
»Thut mir leid. Aber du weißt: es ist verboten, ohne Erlaubnis die Mauer
zu überschreiten.«
»Ich habe aber Grund zu glauben,« fuhr Johannes auf, »daß du recht gut
weißt, was aus meinem Bruder geworden, daß sein Blut an deinen Händen
klebt.« »Und beim Schlummer Justinians!« brauste Belisar auf, »das sollst
du büßen. Nicht länger sollst du herrschen über des Kaisers Heer und
Feldherrn. Die Stunde der Abrechnung ist gekommen. Die Barbaren sind so
gut wie vernichtet. Und laß sehn, ob nicht mit deinem Haupt auch das
Kapitol fällt.«
»Steht es so?« dachte Cethegus, »jetzt sieh dich vor, Belisarius.« Doch er
schwieg.
»Rede!« rief Johannes. »Wo hast du meinen Bruder ermordet?« Ehe Cethegus
antworten konnte, trat Artasines, ein persischer Leibwächter Belisars,
herein. »Herr,« sagte er, »draußen stehn sechs gotische Krieger. Sie
bringen die Leiche Perseus, des Archonten. König Witichis läßt dir sagen:
er sei heut’ Nacht vor den Mauern durch Graf Tejas Beil gefallen. Er
sendet ihn zur ehrenden Bestattung.«
»Der Himmel selbst,« sprach Cethegus stolz hinausschreitend, »straft eure
Bosheit Lügen.« Aber langsam und nachdenklich ging der Präfekt über den
Quirinal und das Forum Trajans nach seinem Wohnhaus. »Du drohst,
Belisarius? Dank’ für den Wink! Laß sehn, ob wir dich nicht entbehren
können.«
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In seiner Wohnung fand er Syphax, der ihn ungeduldig erwartet hatte und
ihm raschen Bericht ablegte. »Vor allem, Herr,« schloß er nun, »laß also
deinen Sandalenbinder peitschen. Du siehst, wie schlecht du bedient bist,
ist Syphax fern: – und gieb mir gütigst deinen rechten Schuh.«
»Ich sollte dir ihn nicht geben und dich zappeln lassen für dein freches
Lügen,« lachte der Präfekt. »Dieses Stück Leder ist jetzt dein Leben wert,
mein Panther. Womit willst du’s lösen?«
»Mit wichtiger Kunde. Ich weiß nun alles ganz genau von dem Plan gegen
Belisars Leben: Ort und Zeit: und die Namen der Eidbrüder. Es sind: Teja,
Totila und Hildebad.«
»Jeder allein genug für den Magister Militum,« murmelte Cethegus
vergnüglich.
»Ich denke, o Herr, du hast den Barbaren wohl wieder eine schöne Falle
gestellt! Ich habe ihnen, auf deinen Befehl, entdeckt, daß Belisar selbst
morgen zum tiburtinischen Thor hinausziehen will, um Vorräte
aufzutreiben.«
»Ja, er selbst geht mit, weil sich die oft aufgefangnen Hunnen nicht mehr
allein hinauswagen; er führt nur vierhundert Mann.«
»Es werden nun die drei Eidbrüder am Grab der Fulvier einen Hinterhalt von
tausend Mann gegen Belisar legen. »Das verdient wirklich den Schuh!« sagte
Cethegus und warf ihm denselben zu.
»König Witichis wird indessen nur einen Scheinangriff machen lassen auf
das Thor Sankt Pauls, die Gedanken der Unsern von Belisar abzulenken. Ich
eile nun also zu Belisar, ihm zu sagen, wie du mir aufgetragen, daß er
drei Tausend mit sich nimmt und jene gegen ihn Verschwornen vernichtet.«
»Halt!« sagte Cethegus ruhig, »nicht so eilfertig! Du meldest nichts.«
»Wie?« fragte Syphax erstaunt. »Ungewarnt ist er verloren!« –
»Man muß dem Schutzgeist des Feldherrn nicht schon wieder, nicht immer,
ins Amt greifen. Belisar mag morgen seinen Stern erproben.«
»Ei,« sagte Syphax mit pfiffigem Lächeln, »solches gefällt dir? Dann bin
ich lieber Syphax, der Sklave, als Belisarius, der Magister Militum. Arme
Witwe Antonina!«
Cethegus wollte sich auf das Lager strecken, da meldete Fidus, der
Ostiarius: »Kallistratos von Korinth.«
»Immer willkommen.«
Der junge Grieche mit dem sanften Antlitz trat ein.
Ein Hauch anmutiger Röte von Scham oder Freude färbte seine Wangen: es war
ersichtlich, daß ihn ein besonderer Anlaß herführte.
»Was bringst du des Schönen noch außer dir selbst?« so fragte Cethegus in
griechischer Sprache.
Der Jüngling schlug die leuchtenden Augen auf: »Ein Herz voll Bewunderung
für dich: und den Wunsch, dir diese zu bewähren. Ich bitte um die Gunst,
wie die beiden Licinier und Piso, für dich und Rom fechten zu dürfen.«
»Mein Kallistratos! was kümmern dich, unsern Friedensgast, den
liebenswürdigsten der Hellenen, unsre blutigen Händel mit den Barbaren?
Bleibe du von diesem schweren Ernst und pflege deines heitern Erbes: der
Schönheit.«
»Ich weiß es wohl, die Tage von Salamis sind ferne wie ein Mythos: und ihr
eisernen Römer habt uns niemals Kraft zugetraut. Das ist hart – aber doch
leichter zu tragen, weil ihr es seid, die unsre Welt, die Kunst und edle
Sitte verteidigt gegen die dumpfen Barbaren. Ihr, das heißt Rom und Rom
heißt mir Cethegus. So faß ich diesen Kampf und so gefaßt, siehst du, so
geht er wohl auch den Hellenen an.«
Erfreut lächelte der Präfekt. »Nun, wenn dir Rom Cethegus ist, so nimmt
Rom gern die Hilfe des Hellenen an: du bist fortan Tribun der Milites
Romani wie Licinius.«
»In Thaten will ich dir danken! Aber eins noch muß ich dir gestehn – denn
ich weiß: du liebst nicht überrascht zu sein. Oft hab’ ich gesehen, wie
teuer dir das Grabmal Hadrians und seine Zier von Götterstatuen ist.
Neulich hab’ ich diese marmornen Wächter gezählt und
zweihundertachtundneunzig gefunden. Da macht’ ich denn das dritte Hundert
voll und habe meine beiden Letoiden, die du so hoch gelobt, den Apollon
und die Artemis, dort aufgestellt, dir und Rom zu einem Weihgeschenk.«
»Junger lieber Verschwender,« sprach Cethegus, »was hast du da gethan!«
»Das Gute und Schöne,« antwortete Kallistratos einfach.
»Aber bedenke – das Grabmal ist jetzt eine Schanze: –
»Wenn die Goten stürmen –« – »Die Letoiden stehen auf der zweiten, der
innern Mauer. Und soll ich fürchten, daß je Barbaren wieder den
Lieblingsplatz des Cethegus erreichen? Wo sind die schönen Götter sichrer
als in deiner Burg? Deine Schanze ist mir ihr bester, weil ihr sicherster
Tempel. Mein Weihgeschenk sei zugleich ein glücklich Omen.«
»Das soll es sein,« rief Cethegus lebhaft, »und ich glaube selber: dein
Geschenk ist gut geborgen. Aber gestatte mir dagegen« –
»Du hast mir schon dafür erlaubt, für dich zu kämpfen. Chaire!« lachte der
Grieche und war hinaus.
»Der Knabe hat mich sehr lieb,« sagte Cethegus, ihm nachsehend. »Und mir
geht’s wie andern Menschenthoren: – mir thut das wohl. Und nicht bloß,
weil ich ihn dadurch beherrsche.«
Da hallten feste Schritte auf dem Marmor des Vestibulums und ein Tribun
der Milites ward gemeldet.
Es war ein junger Krieger mit edeln, aber über seine Jahre hinaus ernsten
Zügen. In echt römischem Schnitt setzten die Wangenknochen, fast im
rechten Winkel, an die gerade strenge Stirn: in dem tief eingelassenen
Auge lag römische Kraft und – in dieser Stunde – entschlossener Ernst und
rücksichtsloser Wille.
»Siehe da, Severinus, des Boëthius Sohn, willkommen mein junger Held und
Philosoph. Viele Monate habe ich dich nicht gesehen – woher kommst du?«
»Vom Grabe meiner Mutter,« sagte Severinus mit festem Blick auf den
Frager.
Cethegus sprang auf. »Wie? Rusticiana? meine Jugendfreundin! meines
Boëthius Weib!«
»Sie ist tot,« sagte der Sohn kurz. Der Präfekt wollte seine Hand fassen.
Severinus entzog sie.
»Mein Sohn, mein armer Severinus! Und starb sie – ohne ein Wort für mich?«
»Ich bringe dir ihr letztes Wort – es galt dir!«
»Wie starb sie? an welchem Leiden?« – »An Schmerz und Reue.« – »Schmerz –«
seufzte Cethegus, »das begreif’ ich. Aber was sollte sie bereuen! Und mir
galt ihr letztes Wort! – sag’ an, wie lautet es?«
Da trat Severinus hart an den Präfekten, daß er sein Knie berührte und
blickte ihm bohrend ins Auge. »Fluch, Fluch über Cethegus, der meine Seele
vergiftet und mein Kind.«
Ruhig sah ihn Cethegus an. »Starb sie im Irrsinn?« fragte er kalt.
»Nein, Mörder: sie lebte im Irrsinn, solang sie dir vertraute. In ihrer
Todesstunde hat sie Cassiodor und mir gestanden, daß ihre Hand dem jungen
Tyrannen das Gift gereicht, das du gebraut. Sie erzählte uns den Hergang.
Der alte Corbulo und seine Tochter Daphnidion stützten sie. »Spät erst
erfuhr ich,« schloß sie, »daß mein Kind aus dem tödlichen Becher
getrunken. Und niemand war da, Kamilla in den Arm zu fallen, als sie
trinken wollte. Denn ich war noch im Boot auf dem Meere und Cethegus noch
in dem Platanengang.« Da rief der alte Corbulo erbleichend: »Wie? der
Präfekt wußte, daß der Becher Gift enthielt?« – »Gewiß,« antwortete meine
Mutter. »Als ich ihn im Garten traf, sagt’ ich es ihm: »es ist
geschehen.«« Corbulo verstummte vor Entsetzen: aber Daphnidion schrie in
wildem Schmerz: »Weh! meine arme Domna! so hat er sie ermordet! Denn er
stand dabei, dicht neben mir, und sah zu, wie sie trank.« – »Er sah zu,
wie sie trank?« fragte meine Mutter mit einem Tone, der ewig durch mein
Leben gellen wird.
»Er sah zu, wie sie trank!« wiederholten der Freigelassene und sein Kind.
»O so sei den untern Dämonen sein verfluchtes Haupt geweiht! Rache, Gott,
in der Hölle, Rache, meine Söhne, auf Erden für Kamilla! Fluch über
Cethegus!« Und sie fiel zurück und war tot.«
Der Präfekt blieb unerschüttert stehen. Nur griff er leise an den Dolch
unter den Brustfalten der Tunika. »Du aber« – fragte er nach einer Pause –
»was thatest du?«
»Ich aber kniete nieder an der Leiche und küßte ihre kalte Hand und schwor
ihr’s zu, ihr Sterbewort zu vollenden. Wehe dir, Präfekt von Rom:
Giftmischer, Mörder meiner Schwester – du sollst nicht leben.«
»Sohn des Boëthius, willst du zum Mörder werden um die Wahnworte eines
läppischen Sklaven und seiner Dirne? Würdig des Helden und des
Philosophen!«
»Nichts von Mord. Wäre ich ein Germane, nach dem Brauche dieser Barbaren:
– er dünkt mir heute sehr vortrefflich! – rief’ ich dich zum Zweikampf, du
verhaßter Feind. Ich aber bin ein Römer und suche meine Rache auf dem Wege
des Rechts. Hüte dich, Präfekt, noch giebt es Richter in Italien. Lange
Monate hielt mich der Krieg, der Feind von diesen Mauern ab. – Erst heute
habe ich Rom, von der See her, erreicht: und morgen erheb’ ich die Klage
bei den Senatoren, die deine Richter sind – dort finden wir uns wieder.«
Cethegus vertrat ihm plötzlich den Weg an die Thüre.
Aber Severinus rief: »Gemach, man sieht sich vor bei Mördern. Drei Freunde
haben mich an dein Haus begleitet: – Sie werden mich mit den Liktoren
suchen, komm’ ich nicht wieder, noch in dieser Stunde.«
»Ich wollte dich nur,« sagte Cethegus wieder ganz ruhig, »vor dem Wege der
Schande warnen. Willst du den ältesten Freund deines Hauses um der
Fieberreden einer Sterbenden willen mit unbeweisbarer Mordklage verfolgen,
– thu’s: ich kann’s nicht hindern. Aber noch einen Auftrag zuvor: du bist
mein Ankläger geworden: aber du bleibst Soldat: und mein Tribun. Du wirst
gehorchen, wenn dein Feldherr befiehlt.«
»Ich werde gehorchen.«
»Morgen steht ein Ausfall Belisars bevor: und ein Sturm der Barbaren. Ich
muß die Stadt beschirmen. Doch ahnt mir Gefahr für den löwenkühnen Mann: –
ich muß ihn treu gehütet wissen. Du wirst morgen, – ich befehl’ es, – den
Feldherrn begleiten und sein Leben decken.«
»Mit meinem eignen.«
»Gut, Tribun, ich verlasse mich auf dein Wort.«
»Bau’ du auf meines: auf Wiedersehn: nach der Schlacht: vor dem Senat.
Nach beiden Kämpfen lüstet mich gleich sehr. Auf Wiedersehn: – – vor dem
Senat.«
»Auf Nimmerwiedersehn,« sprach Cethegus, als sein Schritt verhallte.
»Syphax,« rief er laut, »bringe Wein und das Hauptmahl. Wir müssen uns
stärken: – auf morgen.«
Elftes Kapitel.
Früh am andern Morgen wogte sowohl in Rom als in dem Lager der Goten
geschäftige Bewegung.
Mataswintha und Syphax hatten zwar einiges entdeckt und gemeldet: – – aber
nicht alles. Sie hatten von dem Gelübde der drei Männer gegen Belisar
erfahren und den früheren Plan eines bloßen Scheinangriffs gegen das Sankt
Pauls-Thor, um von dem Gedanken an Belisars Geschick abzulenken. Aber
nicht hatten sie erfahren, daß der König, in Änderung jenes Planes eines
bloßen Scheinangriffs, für diesen Tag der Abwesenheit des großen Feldherrn
einen in tiefstes Geheimnis gehüllten Beschluß gefaßt hatte: es sollte ein
letzter Versuch gemacht werden, ob nicht gotisches Heldentum doch dem
Genius Belisars und den Mauern des Präfekten überlegen sei. Man hatte sich
im Kriegsrat des Königs nicht über die Wichtigkeit des Unternehmens
getäuscht: wenn es wie alle früheren, vereinzelten Angriffe –
achtundsechzig Schlachten, Ausfälle, Stürme und Gefechte hatte Prokop
während der Belagerung bis dahin aufgezählt – scheiterte, so war von dem
ermüdeten, stark gelichteten Heer keine weitere Anstrengung mehr zu
erwarten. Deshalb hatte man sich auf Tejas Rat eidlich verpflichtet, über
den Plan gegen jedermann ohne Ausnahme zu schweigen.
Daher hatte auch Mataswintha nichts vom König erfahren, und selbst ihres
Mauren Spürnase konnte nur wittern, daß auf jenen Tag etwas Großes
gerüstet werde; – die gotischen Krieger wußten selbst nicht was.
Totila, Hildebad und Teja waren schon um Mitternacht mit ihren Reitern
geräuschlos aufgebrochen und hatten sich südlich von der valerischen
Straße bei dem Grabmal der Fulvier, an dem in einer Hügelfalte Belisar
vorbeikommen mußte, in Hinterhalt gelegt: sie hofften, mit ihrer Aufgabe
bald genug fertig zu sein, um noch wesentlich an den Dingen bei Rom
teilnehmen zu können.
Während der König mit Hildebrand, Guntharis und Markja die Scharen
innerhalb der Lager ordnete, zog um Sonnenaufgang Belisar, von einem Teil
seiner Leibwächter umgeben, zum tiburtinischen Thor hinaus. Prokop und
Severinus ritten ihm zur Rechten und Linken: Aigan, der Massagete, trug
sein Banner, das bei allen Gelegenheiten den Magister Militum zu begleiten
hatte. Constantinus, dem er an seiner Statt die Sorge für den
»belisarischen Teil« von Rom übertragen, besetzte alle Posten längs der
Mauern doppelt, und ließ die Truppen hart an den Wällen unter den Waffen
bleiben. Er übersandte den gleichen Befehl dem Präfekten für die
Byzantiner, die dieser führte.
Der Bote traf ihn auf den Wällen zwischen dem paulinischen und dem
appischen Thor. »Belisar meint also:« höhnte Cethegus, während er
gehorchte, »mein Rom ist nicht sicher, wenn er es nicht behütet: ich aber
meine: Er ist nicht sicher, wenn ihn mein Rom nicht beschirmt. Komm,
Lucius Licinius,« flüsterte er diesem zu, »wir müssen an den Fall denken,
daß Belisar einmal nicht wiederkehrt von seinen Heldenfahrten: dann muß
ein andrer sein Heer mit fester Hand ergreifen.«
»Ich kenne die Hand.«
»Vielleicht giebt es alsdann einen kurzen Kampf mit seinen in Rom
belassenen Leibwächtern: in den Thermen des Diokletian oder am
tiburtinischen Thore. Sie müssen dort in ihrem Lager erdrückt sein, ehe
sie sich recht besinnen. Nimm dreitausend meiner Isaurier und verteile
sie, ohne Aufsehen, rings um die Thermen her: auch besetze mir vor allem
das tiburtinische Thor.« – »Von wo aber soll ich sie fortziehen?« – »Von
dem Grabmal Hadrians,« sagte Cethegus nach einigem Besinnen. »Und die
Goten, Feldherr?« – »Bah! das Grabmal ist fest, es schützt sich selbst.
Erst müssen vom Süden her die Stürmenden über den Fluß: und dann diese
eisglatten Wände von parischem Marmor hinan, meine und des Korinthers
Freude. Und zudem,« lächelte er, »sieh’ nur hinauf: da oben steht ein Heer
von marmornen Göttern und Heroen: sie mögen selber ihren Tempel schirmen
gegen die Barbaren. Siehst du, – ich sagte es ja – es geht nur hier gegen
das Sankt Pauls-Thor,« schloß er, auf das Lager der Goten deutend, aus
welchem eben eine starke Abteilung in dieser Richtung aufbrach.
Licinius gehorchte und führte alsbald dreitausend Isaurier, etwa die
Hälfte der Deckung, ab: von dem Grabmal über den Fluß und den Viminalis
hinab gegen die Thermen Diokletians. Belisars Armenier am tiburtinischen
Thor löste er dann auch durch dreihundert Isaurier und Legionare ab.
Cethegus aber wandte sich nach dem salarischen Thor, wo jetzt Constantinus
als Vertreter Belisars hielt. »Ich muß ihn aus dem Wege haben,« dachte er,
»wenn die Nachricht eintrifft.« – »Sobald du die Barbaren zurückgeworfen,«
sprach er ihn an, »wirst du doch wohl einen Ausfall machen müssen? Welche
Gelegenheit, Lorbeern zu sammeln, während der Feldherr fern ist!« –
»Jawohl,« rief Constantinus, »sie sollen’s erfahren, daß wir sie auch ohne
Belisarius schlagen können.«
»Ihr müßt aber ruhiger zielen,« sagte Cethegus, einem persischen Schützen
den Bogen abnehmend. »Seht den Goten dort, den Führer zu Pferd! Er soll
fallen.« Cethegus schoß; der Gote fiel vom Roß, durch den Hals geschossen.
»Und meine Wallbogen, – ihr braucht sie schlecht! Seht ihr dort die Eiche?
ein Tausendführer der Goten steht davor, gepanzert. Gebt acht!« Und er
richtete den Wallbogen, zielte und schoß: durchbohrt war der gepanzerte
Gote an den Baum genagelt.
Da sprengte ein saracenischer Reiter heran: »Archon,« redete er
Constantinus an, »Bessas läßt dich bitten, Verstärkungen an das Vivarium,
das pränestinische Thor: die Goten rücken an.«
Zweifelnd sah Constantinus auf Cethegus. »Possen:« sagte dieser, »der
einzige Angriff droht an meinem Thore von Sankt Paul: und das ist gut
gehütet: ich weiß es gewiß: laß Bessas sagen: er fürchte sich zu früh.
Übrigens, im Vivarium habe ich noch sechs Löwen, zehn Tiger und zwölf
Bären für mein nächstes Cirkusfest! Laßt sie einstweilen los auf die
Barbaren! Es ist auch ein Schauspiel für die Römer dann!«
Aber schon eilte ein Leibwächter den Mons Pincius herab: »Zu Hilfe, Herr,
zu Hilfe! Constantinus, dein eignes, das flaminische Thor! Unzählige
Barbaren! Ursicinus bittet um Hilfe!«
»Auch dort?« fragte sich Cethegus ungläubig.
»Hilfe an die gebrochene Mauer! zwischen dem flaminischen und dem
pincianischen Thor!« rief ein zweiter Bote des Ursicinus.
»Diese Strecke braucht ihr nicht zu decken! Ihr wißt, sie steht unter
Sankt Peters besonderem Schutz: das reicht!« sprach beruhigend
Constantinus. Cethegus lächelte: »Ja, heute gewiß: denn sie wird gar nicht
angegriffen.«
Da jagte Marcus Licinius atemlos heran. »Präfekt, rasch aufs Kapitol, von
wo ich eben komme. Alle sieben Lager der Feinde speien Barbaren zugleich
aus allen Lagerpforten: es droht ein allgemeiner Sturm gegen alle Thore
Roms.«
»Schwerlich!« lächelte Cethegus. »Aber ich will hinauf. Du aber, Marcus
Licinius, stehst mir ein für das tiburtiner Thor. Mein muß es sein, nicht
Belisars! Fort mit dir! Führe deine zweihundert Legionare dorthin!«
Er stieg zu Pferd und ritt zunächst gegen das Kapitol zu, um den Fuß des
Viminal. Hier traf er auf Lucius Licinius und seine Isaurier. »Feldherr,«
sprach ihn dieser an, »es wird Ernst da draußen. Sehr Ernst! Was ist’s mit
den Isauriern? Bleibt es bei deinem Befehl?«
»Habe ich ihn zurückgenommen?« sagte Cethegus streng. »Lucius, du folgst
mir und ihr andern Tribunen. Ihr Isaurier rückt unter eurem Häuptling
Asgares zwischen die Thermen des Diokletian und das tiburtiner Thor.«
Er glaubte an keine Gefahr für Rom. Meinte er doch zu wissen, was allein
in diesem Augenblick die Goten wirklich beschäftigte. «Dieser Schein eines
allgemeinen Angriffs soll,« dachte er, »die Byzantiner nur abhalten, ihres
bedrohten Feldherrn vor den Thoren zu gedenken.«
Bald hatte er einen Turm des Kapitols erreicht, von welchem er die ganze
Ebene überschauen konnte. Sie war erfüllt von gotischen Waffen. Es war ein
herrliches Schauspiel. Aus allen Lagerthoren wogte die ganze Streitmacht
des gotischen Heeres heran, die ganze Ausdehnung der Stadt umgürtend. Der
Angriff sollte offenbar gegen alle Thore zugleich unternommen werden und
war nach Einem Gedanken entworfen.
Voran in dem ganzen, zu drei Vierteln geschlossenen Kreise schritten
Bogenschützen und Schleuderer, in leichten Plänklerschwärmen, die Zinnen
und Brustwehren von Verteidigern zu säubern. Darauf folgten Sturmböcke,
Widder, Mauerbrecher aus römischen Arsenalen entnommen oder römischen
Mustern, wiewohl oft ungeschlacht genug, nachgebildet, mit Pferden und
Rindern bespannt, bedient von Truppen, die, fast ohne Angriffswaffen, nur
mit breiten Schilden sich und die Bespannung gegen die Geschosse der
Belagerten decken sollten. Dicht hinter ihnen schritten die zum
eigentlichen Angriff bestimmten Krieger: in tiefen Gliedern, mit voller
Bewaffnung, zum Handgemeng mit Beilen und starken Messern gerüstet, und
lange, schwere Sturmleitern schleppend. In großer Ordnung und Ruhe rückten
diese drei Angriffslinien überall gleichmäßigen Schrittes vor: die Sonne
glitzerte auf ihren Helmen: in gleichen Zwischenräumen erschollen die
langgezognen Rufe der gotischen Hörner.
»Sie haben etwas von uns gelernt,« rief Cethegus in kriegerischer Freude.
Der Mann, der diese Reihen geordnet hat, versteht den Krieg.« »Wer ist es
wohl?« fragte Kallistratos, der, in reicher Rüstung, neben Lucius Licinius
hielt. »Ohne Zweifel, Witichis, der König,« sagte Cethegus. – »Das hätte
ich dem schlichten Mann mit den bescheidnen Zügen nie zugetraut.« – »Diese
Barbaren haben manches Unergründliche.«
Und vom Kapitol herab ritt er nun, über den Fluß, nach der Umwallung am
pankratischen Thor, wo der nächste Angriff zu drohen schien, und bestieg
mit seinem Gefolge den dortigen Eckturm.
»Wer ist der Alte dort, mit dem wehenden Bart, der mit dem Steinbeil den
Seinen voranschreitet? Er sieht aus, als hätte ihn der Blitz des Zeus
vergessen in der Gigantenschlacht,« forschte der Grieche.
»Es ist der alte Waffenmeister Theoderichs; er rückt gegen das
pankratische Thor,« antwortete der Präfekt.
»Und wer ist der Reichgerüstete dort, auf dem Braunen, mit dem Wolfsrachen
auf dem Helm? Er zieht gegen die Portuensis.« – »Das ist Herzog Guntharis,
der Wölsung,« sprach Lucius Licinius. »Und sieh, auch drüben auf der
Ostseite der Stadt, überm Fluß, so weit man schauen kann, gegen alle
Thore, rücken Sturmreihen der Barbaren,« sagte Piso.
»Aber wo ist der König selbst?« fragte Kallistratos.
»Siehe, dort in der Mitte ragt die gotische Hauptfahne: dort hält er,
oberhalb des pankratischen Thors,« erwiderte der Präfekt. »Er allein steht
regungslos mit seiner starken Schar, weit, um dreihundert Schritt zurück,
hinter der Linie,« sprach Salvius Julianus, der junge Jurist. »Sollte er
nicht mit kämpfen?« meinte Massurius. »Wäre gegen seine Weise. Aber laß
uns vom Turm aus den Wall hinab: das Gefecht beginnt,« schloß Cethegus.
»Hildebrand hat den Graben erreicht.« – »Dort stehen meine Byzantiner,
unter Gregor. Die Gotenschützen zielen gut. Die Zinnen am pankratischen
Thor werden leer. Auf, Massurius, schicke meine abasgischen Jäger und von
den römischen Legionaren die besten Pfeilschützen dorthin: sie sollen auf
die Rinder und Rosse der Sturmböcke zielen.«
Bald war der Kampf auf allen Seiten entbrannt: und mit Verdruß bemerkte
Cethegus, daß die Goten überall Fortschritte machten. Die Byzantiner
schienen ihren Feldherrn zu vermissen: sie schossen unsicher und wichen
von den Wällen, indes die Goten heute mit besonderer Todesverachtung
vordrangen. Schon hatten sie an mehreren Stellen den Graben überschritten
und Herzog Guntharis hatte sogar schon Leitern angelegt an den Wällen bei
dem portuensischen Thore, während der alte Waffenmeister einen starken
Widderkopf herangeschleppt und denselben durch ein Schirmdach gegen die
Feuergeschosse von oben gesichert hatte. Bereits donnerten die ersten
Stöße laut durch das Getümmel des Kampfes gegen die Balken des
pankratischen Thors. Dieser wohlbekannte Ton erschütterte den Präfekten,
der eben hier anlangte: »Offenbar,« sagte er zu sich selbst, »machen sie
jetzt bittern Ernst, nachdem der Scheinversuch so gut gelungen.«
Und wieder ein dröhnender Stoß. Gregor, der Byzantiner, sah ihn fragend
an. »Das darf nicht lange währen!« rief Cethegus zürnend, entriß dem
nächsten Schützen Bogen und Köcher und eilte auf den Mauerkranz an dem
Thore: »Hierher, ihr Schützen und Schleuderer! Mir nach!« rief er,
»schafft schwere Steine bei. Wo ist der nächste Ballist? Wo die
Skorpionen? das Schirmdach muß entzwei.«
Unter dem Schirmdach aber standen gotische Schützen, die eifrig durch die
Schießscharten nach den Zacken der Mauerzinnen lugten. »Es ist umsonst,
Haduswinth,« schalt der junge Gunthamund, »zum drittenmal leg’ ich
vergeblich an! es wagt ja keiner nur die Nase über die Brustwehr.« –
»Geduld,« sagte der Alte, »halte den Bogen nur gespannt! Es kommt schon
einer, den der Fürwitz plagt. Auch mir leg’ einen Bogen bereit. Nur
Geduld.« – »Die hat man leichter mit deinen siebzig als mit meinen zwanzig
Jahren.«
Inzwischen hatte Cethegus die Wallzinne hier erreicht: er warf einen Blick
in die Ebene: da sah er den König, in der weiten Ferne, unbeweglich, im
Centrum stehen der gotischen Scharen, auf dem rechten Tiberufer. Das
störte und beunruhigte ihn. »Was hat er vor? Sollte er gelernt haben, daß
der Feldherr nicht fechten soll? Komm, Gajus,« rief er dem jungen Schützen
zu, der ihm kühn gefolgt war, »deine jungen Augen sehen scharf, blick’ mit
mir über die Zinne hier – was treibt der König dort?« Und er beugte sich
über die Brustwehr, Gajus folgte, eifrig spähend, seinem Beispiel.
»Jetzt, Gunthamund!« rief Haduswinth unten. Zwei Sehnen klangen und die
beiden Späher fuhren zurück.
Gajus stürzte, in die Stirn geschossen, nieder: und unter des Präfekten
Helmdach zersplitterte klirrend ein Pfeil. Cethegus strich mit der Hand
über die Stirn.
»Du lebst, mein Feldherr?« rief Piso, heranspringend.
»Ja, Freund. Es war sehr gut gezielt. Aber die Götter brauchen mich noch:
nur die Haut ist geritzt,« sprach Cethegus und schob den Helm zurecht.
Zwölftes Kapitel.
Da flog Syphax die Mauertreppe hinauf. Streng hatte ihm sein Herr
verboten, sich am Kampf zu beteiligen: »die Barbaren sollen dich mir nicht
töten und auch dich nicht erkennen: – du bist unersetzlich als Sklave
Mataswinthens und Kundschafter des Königs Witichis,« hatte Cethegus
gesagt.
»Wehe, wehe,« schrie er so überlaut, daß es seinem Herrn auffiel, der des
Mauren kluge Ruhe kannte, »welch’ ein Unglück!« – »Was ist geschehen?« –
»Constantinus ist schwer verwundet. Er wollte einen Ausfall führen aus dem
salarischen Thor und stieß sogleich auf die gotischen Sturmreihen. Ein
Schleuderstein traf sein Gesicht. Mit Mühe rettete man ihn auf den Wall.
Dort fing ich den Sinkenden auf: – er ernannte den Präfekten zu seinem
Vertreter. Hier ist sein Feldherrnstab.«
»Das ist nicht möglich!« schrie Bessas, der auf Syphax’ Ferse folgte. Er
hatte in Person selbst neue Verstärkungen verlangen wollen und kam eben
recht, die Nachricht zu hören. »Oder er war schon sinnlos als er’s that.«
»Hätte er dich bestellt, jedenfalls,« sprach Cethegus, ruhig das Scepter
ergreifend und dem schlauen Sklaven mit einem raschen Wink des Auges
dankend. Mit einem wütenden Blicke sprang Bessas von der Brüstung und
eilte davon. »Folg’ ihm, Syphax, und beacht’ ihn wohl,« flüsterte der
Präfekt.
Da eilte ein isaurischer Söldner herbei: »Verstärkung, Präfekt, ans
portuensische Thor. Herzog Guntharis hat zahllose Leitern angelegt.« Da
sprengte Cabao, der Führer der maurischen berittnen Schützen heran:
»Constantinus ist tot. Vertritt du Constantinus.«
»Belisar vertret’ ich,« sprach Cethegus stolz: »fünfhundert Armenier
ziehet ab vom appischen und schickt sie ans portuensische Thor.«
»Hilfe, Hilfe ans appische Thor! alle Verteidiger auf den Zinnen sind
erschossen!« meldete ein persischer Reiter, »die Vorschanze ist halb
verloren: vielleicht ist sie noch zu halten: aber schwer! Aber unmöglich
wär’s, sie wieder zu nehmen!«
Cethegus winkte seinem jungen Juriskonsulten, Salvius Julianus, jetzt
seinem Kriegstribun: »Auf, mein Jurist: »_beati possidentes_«! – Nimm
hundert Legionare und halte die Schanze um jeden Preis, bis weitere Hilfe
kommt.« –
Und er sah von der Mauerkrone wieder hinab. Unter seinen Füßen tobte das
Gefecht, donnerte der Mauerbrecher Hildebrands. Aber ihn kümmerte mehr die
rätselhafte Ruhe, in welcher der König im Hintergrund unbeweglich stand.
»Was hat er nur vor?«
Da dröhnte von unten ein furchtbar krachender Stoß und lauter Siegesjubel
der Barbaren: Cethegus brauchte nicht zu fragen: in drei Sprüngen war er
unten. –
»Das Thor ist eingestoßen!« riefen ihm entsetzt die Seinigen entgegen.
»Ich weiß es: jetzt sind wir selbst der Riegel Roms.« Und den Schild
fester andrückend, trat er hart an den rechten Thorflügel, in dem in der
That ein breiter Riß klaffte; und schon stieß der Widder an die
splitternden Platten neben der Öffnung. »Noch ein solcher Stoß und das
Thor liegt ganz,« sagte Gregor, der Byzantiner. »Richtig, deshalb darf es
nicht mehr dazu kommen. Her zu mir, Gregor und Lucius: stellt euch,
Milites! die Speere gefällt! Fackeln und Brände! zum Ausfall! Winke ich,
so öffnet das Thor und werft Widder und Schirmdach und alles in den
Graben.«
»Du bist sehr kühn, mein Feldherr!« rief Lucius Licinius, entzückt neben
ihn springend.
»Ja, jetzt hat die Kühnheit Vernunft, mein Freund!«
Schon war die Kolonne gestellt, schon wollte der Präfekt das Schwert zum
Zeichen des Angriffs erheben –: da erscholl vom Rücken her ein Lärm,
größer selbst als der der stürmenden Goten: Wehegeschrei und
Pferdegetrappel: – und Bessas drängte sich heran: er faßte den Arm des
Präfekten: – seine Stimme versagte.
»Was hemmst du mich in diesem Augenblick?« rief dieser und stieß ihn
zurück. – »Belisars Truppen,« stammelte entsetzt der Thraker, »stehen
schwer geschlagen vor dem tiburtinischen Thor: – sie flehen um Einlaß: –
wütende Goten hinter ihnen – Belisar ist in einen Hinterhalt gefallen: –
er ist tot.«
»Belisar ist gefangen!« schrie ein Türmer vom tiburtinischen Thor, atemlos
heraneilend. »Die Goten! die Goten sind da! sie stehn vor dem
nomentanischen und vor dem tiburtinischen Thor!« scholl’s aus der Tiefe
der Straße. »Belisars Fahne ist genommen! Prokop verteidigt seine Leiche!«
»Laß das tiburtinische Thor öffnen, Präfekt!« drängte Bessas, »deine
Isaurier stehen plötzlich dort. Wer hat sie dorthin geschickt?«
»Ich!« sagte Cethegus, überlegend.
»Sie woll’n nicht öffnen ohne deinen Befehl! rette doch seine – Belisars!
– Leiche!«
Cethegus zauderte – er hielt das Schwert halb erhoben – er schwankte. »Die
_Leiche_,« dachte er, »rett’ ich gern.« Da flog Syphax heran. »Nein! er
lebt noch!« rief er seinem Herrn ins Ohr, »ich hab ihn gesehen von der
Zinne: er regt sich noch: aber er ist gleich gefangen: die gotischen
Reiter brausen heran: – Totila, Teja, gleich sind sie bei ihm!«
»Gieb Befehl, laß das tiburtiner Thor öffnen!« mahnte Bessas. Aber des
Präfekten Auge blitzte: sein Antlitz überflog jener Ausdruck stolzer,
kühner Entschlossenheit, der es mit dämonischer Schönheit verklären
konnte. Er schlug mit dem Schwert an den zertrümmerten Thorflügel vor
sich: »Auf, zum Ausfall. Erst Rom: dann Belisar! Rom und Triumph!« Das
Thor flog auf.
Die stürmenden Goten, schon des Sieges sicher, hätten alles eher erwartet
als dies Wagnis der, wie sie wähnten, ganz verzagten Byzantiner. Sie waren
ohne Fechtordnung um das Thor herum zerstreut, wurden völlig überrascht
und durch den Anlauf der fest geschlossenen Reihe rasch in den hinter
ihnen klaffenden Graben geworfen.
Der alte Hildebrand wollte seinen Widder nicht lassen.
Sich hoch aufrichtend, zerschmetterte er Gregor, dem Byzantiner, mit
seinem Steinhammer den hochgeschweiften Helm und das Haupt. Aber
gleichzeitig fast stieß ihn selber Lucius Licinius mit dem Schildstachel
in den Graben. Cethegus zerhieb mit dem Schwert die Seile der Maschine,
die krachend auf den Alten stürzte.
»Jetzt Feuer in die Holzmaschinen, die noch stehen,« befahl Cethegus.
Rasch loderten deren Balken auf in Flammen. Sogleich kehrten die
siegreichen Römer zurück in die Wälle. Da rief Syphax dem Präfekten
entgegen: »Gewalt, Herr, Aufruhr und Empörung! Die Byzantiner gehorchen
dir nicht mehr! Bessas rief sie auf, das tiburtinische Thor mit Gewalt zu
öffnen. Seine Leibwächter drohen, Marcus Licinius anzugreifen und deine
Legionare und Isaurier zu schlachten durch die Hunnen.«
»Das büßen sie!« rief Cethegus grimmig. »Wehe Bessas! Ich will’s ihm
gedenken! Auf, Lucius Licinius, nimm den halben Rest der Isaurier! Nein,
nimm sie alle! alle! du weißt wo sie stehn: fasse die Leibwächter des
Thrakers von Porta Clausa her im Rücken. Und stehn sie nicht ab, – so hau’
sie nieder, ohne Schonung. Hilf deinem Bruder! Ich folge gleich!«
Lucius Licinius zauderte. »Und das tiburtinische Thor?« – »Bleibt
geschlossen.« – »Und Belisar?«
»Bleibt draußen.« – »Teja und Totila sind schon heran.« – »Desto weniger
kann man öffnen. Erst Rom: dann alles andere. Gehorche, Tribun!«
Cethegus blieb noch, die Ausflickung des pankratischen Thores anzuordnen.
Das währte sehr geraume Zeit. »Wie ging es, Syphax?« fragte er leise.
»Lebt er wirklich?« – »Er lebt noch.« – »Tölpel, diese Goten!«
Da kam ein Bote von Lucius. »Dein Tribun läßt melden: Bessas giebt nicht
nach: – schon ist das Blut deiner Legionare am tiburtiner Thor geflossen.
Und Asgares und deine Isaurier zögern, einzuhauen. Sie zweifeln an deinem
Ernst.« »Ich will ihnen meinen Ernst zeigen!« rief Cethegus, warf sich
aufs Pferd, verließ diesen Teil der Stadt, und jagte wie der Sturmwind
davon.
Weit war sein Weg: über die Tiberbrücke des Janiculum, am Kapitol vorbei,
über das Forum Romanum, durch die Sacra Via und den Bogen des Titus, die
Thermen des Titus rechts lassend, über den Esquilin hinaus, endlich durch
das esquilinische Thor an das tiburtinische Außenthor: – ein Weg vom
äußersten Westen an den äußersten Osten der weitgestreckten Stadt.
Hier, hinter dem Thore, standen die Leibwächter von Bessas und Belisar mit
gedoppelter Front. Die eine Schar schickte sich an, die Legionare und
Isaurier des Präfekten unter Marcus Licinius an der Thorwache zu
überwältigen und das Thor mit Gewalt zu öffnen, während die zweite Fronte
mit gefällten Speeren der Masse der andern Isaurier gegenüberstand, die
Lucius vergeblich zum Angriff befehligte.
»Söldner,« rief Cethegus, das schnaubende Roß dicht vor deren Linie
anhaltend, »wem habt ihr geschworen: mir oder Belisar?« »Dir, Herr,«
sprach Asgares, ein Anführer, vortretend, »aber ich dachte« – Da blitzte
das Schwert des Präfekten und tödlich getroffen stürzte der Mann. »Zu
gehorchen habt ihr, eidbrüchige Schurken, nicht zu denken!«
Entsetzt standen die Söldner. Aber Cethegus befahl ruhig: »Die Speere
gefällt! zum Angriff! mir nach!« Und die Isaurier gehorchten ihm und nun,
– ein Augenblick noch, und es begann in Rom selbst der Kampf.
Aber da erscholl von Westen, von der Richtung des aurelischen Thores, her
ein furchtbares, alles übertäubendes Geschrei: »Wehe, Wehe, alles
verloren! Die Goten über uns! Die Stadt ist genommen!«
Cethegus erbleichte und blickte zurück. Da sprengte Kallistratos heran,
Blut floß ihm über Gesicht und Hals. »Cethegus,« rief er, »es ist aus! Die
Barbaren sind in Rom! Die Mauer ist erstiegen.« »Wo?« fragte der Präfekt
tonlos. »Am Grabmal Hadrians!« – »O mein Feldherr!« rief Lucius Licinius,
»ich habe dich gewarnt.«
»Das war Witichis!« sagte Cethegus, die Augen zusammendrückend.
»Woher weißt du das!« staunte Kallistratos. »Genug, ich weiß es.« Es war
ein furchtbarer Augenblick für den Präfekten.
Er mußte sich sagen, daß er, rücksichtslos seinen Plan zum Verderben
Belisars verfolgend, eine Spanne Zeit Rom übersehen hatte. Er biß die
Zähne in die Unterlippe.
»Cethegus hat das Grabmal Hadrians entblößt! Cethegus hat Rom ins
Verderben gestürzt!« rief Bessas an der Spitze der Leibwächter.
»Und Cethegus wird es retten!« rief dieser, sich hoch im Sattel
ausrichtend. »Mir nach, alle Isaurier und Legionare.« »Und Belisar?«
flüsterte Syphax. – »Laßt ihn herein. Erst Rom: dann alles andre! Folgt
mir!« Und im Sturmflug sprengte er zurück, des Weges, den er gekommen. Nur
wenige Berittene konnten ihm folgen: im Lauf eilte sein Fußvolk, Isaurier
und Legionare, nach.
Dreizehntes Kapitel.
Draußen vor dem tiburtinischen Thore ward es zu gleicher Zeit stiller. Ein
Bote hatte die gotischen Reiter von dem überflüssigen Gefechte abgerufen.
Sie sollten hier innehalten und alle verfügbare Mannschaft um die Stadt
und über den Fluß eilig an das aurelische Thor senden, durch welches man
soeben in die Stadt gedrungen sei: dort brauche man alle Kräfte. Die
Reiter jagten, rechtsum schwenkend, nach jenem Thor, wo sich jetzt alles
zusammendrängte: aber ihr eigenes Fußvolk, stürmend an den
zwischenliegenden fünf Thoren: der Porta clausa, nomentana, salaria,
pinciana und flaminia, versperrte ihnen den Weg so lange, daß sie zu der
Entscheidung zu spät kamen, die am Grabmal des Hadrian gefallen war.
Wir erinnern uns der Lage dieses Lieblingsplatzes des Präfekten: dem
vatikanischen Hügel gegenüber, einen Steinwurf etwa vor dem aurelischen
Thor gelegen, mit diesem durch Seitenmauern verbunden und überall, außer
im Süden, wo der Fluß decken sollte, durch neue Wälle geschützt, ragte die
»_moles Hadriani_«, ein gewaltiger runder Turm von festestem Bau. Eine Art
Hofraum umgab das eigentliche Gebäude: vor der ersten, äußeren
Deckungsmauer im Süden floß der Tiber. Auf den Zinnen dieser Außenmauer,
in dem Hofraum und auf den Zinnen der Innenmauer lagerten sonst die
Isaurier, die der Präfekt zu übler Stunde hinweggezogen hatte, seinen Plan
gegen Belisar durchzusetzen. Auf den Zinnen der Innenmauer aber standen
die zahlreichen Statuen von Marmor und Erz, deren drittes Hundert das
Geschenk des Kallistratos vervollständigt hatte.
Der König der Goten hatte sich für heute in der Mitte des großen
Halbkreises, den die Barbaren auch um die Westseite, auf dem rechten
Tiberufer, um die Stadt gezogen, auf dem Felde Neros zwischen dem
pankratischen (alten aurelianischen) und dem (neuen) aurelianischen Thor,
wo sonst nur Graf Markja von Mediolanum lagerte, eine zurückgenommene,
abwartende Stellung gewählt. Er baute seinen Plan darauf, daß der
allgemeine Sturm gegen alle Thore notwendig die Kräfte der Belagerten
werde zersplittern müssen: und sowie an irgend einem Punkt durch
Hinwegziehung der Verteidiger eine Blöße entstehen würde, gedachte er, sie
sofort zu benützen.
In dieser Absicht hielt er unbeweglich im zweiten Treffen weit hinter den
Sturmkolonnen. Er hatte allen Anführern Auftrag gegeben, ihn schleunig
herbeizurufen, wo sich eine Lücke der Verteidigung zeige.
Lange, lange hatte er so gewartet. Manches Wort der Ungeduld hatte er von
seinen Scharen zu tragen gehabt, die müßig stehen sollten, während die
Genossen überall im frischen Vordringen waren: lange, lange harrten sie
auf einen Boten, der sie abriefe zur Teilnahme am Kampf.
Da bemerkte endlich des Königs scharfes Auge selbst zuerst, wie von den
Zinnen der Außenmauer am Grabmal Hadrians die wohlbekannten Feldzeichen
und die dichten Speere der Isaurier verschwanden. Aufmerksam blickte er
hin: sie wurden nicht abgelöst, die Lücken nicht ersetzt. Da sprang er aus
dem Sattel, gab seinem Rosse einen Schlag mit der flachen Hand auf den
stolzen Bug, sprach: »Nach Hause, Boreas!« und das kluge Tier lief
geradeaus in das Lager zurück. »Jetzt, vorwärts meine Goten! vorwärts,
Graf Markja!« rief der König, »dort über den Fluß – die Mauerbrecher laßt
hier zurück: nur die Schilde und die Sturmleitern nehmt mit. Und die
Beile. Voran!« Und im Lauf erreichte er den steilen Uferhang an der
südlichen Biegung des Flusses und eilte den Hügel hinab.
»Keine Brücke, König, und keine Furt?« fragte ein Gote hinter ihm.
»Nein, Freund Iffamer, schwimmen!« und der König sprang in die gelbe
schmutzige Flut, daß sie zischend hoch über seinem Helmbusch
zusammenschlug. In wenigen Minuten hatte er das andere Ufer erreicht, die
vordersten seiner Leute mit ihm. Bald standen sie hart vor der hohen
Außenmauer des Grabmals und die Männer blickten fragend, besorgt hinauf.
»Leitern her!« rief Witichis, »seht ihr nicht? Die Verteidiger fehlen ja!
Fürchtet ihr euch vor hohen Steinen?« Rasch waren die Leitern angelegt,
rasch die Außenwälle erstiegen, die wenigen Wachen hinabgestürzt, die
Leitern nachgezogen und an der Innenseite der Außenmauer in den Hof
hinabgelassen.
Der König war der erste in dem Hofraum.
Hier freilich wurde das Vordringen der Goten eine Weile gehemmt. Denn auf
den Zinnen der Innenmauer standen, vom pankratischen Thore hierher geeilt,
Quintus Piso und Kallistratos mit hundert Legionaren und nur ein Paar
Isauriern: und diese schleuderten einen dichten Hagel von Speeren und
Pfeilen auf die nur vereinzelt in den Hofraum hinabsteigenden Goten: auch
ihre Ballisten und Katapulten wirkten verheerend. »Schickt um Hilfe, um
Hilfe zu Cethegus!« rief oben auf der Mauer Piso. Und Kallistratos flog
davon.
Rechts und links fielen die Goten unten im Hof neben Witichis. »Was thun?«
fragte Markja an seiner Seite. »Warten, bis sie sich verschossen haben,«
sagte dieser ruhig. »Es kann nicht lange mehr währen. Sie werfen und
schießen viel zu hastig in ihrem Schrecken. Seht ihr: schon fliegen mehr
Steine denn Pfeile. Und die Speere bleiben aus.« – »Aber die Ballisten,
die Katapulten –« – »Werden uns bald nicht mehr schaden. Ordnet euch zum
Sturm. Seht, der Hagel wird sehr spärlich. So, nun die Leitern bereit und
die Beile. – Jetzt, rasch mir nach.« Und in schnellem Anlauf rannten die
Goten über den Hof.
Nur wenige waren dabei gefallen. Und schon standen sie hart an der
zweiten, der inneren Mauer: und hundert Leitern waren angelegt. Jetzt aber
waren alle Ballisten und Katapulten Pisos nutzlos geworden: denn, zum
Schuß in die Weite gespannt, konnten sie nicht ohne große Mühe und lange
Zeit zu senkrechtem Schuß gerichtet werden. Piso bemerkte es wohl und
erbleichte. »Wurfspeere her! Speere! Speere! oder alles ist hin!« – »Alle
verschossen,« keuchte trostlos neben ihm der dicke Balbus.
»Dann ist’s vorbei!« seufzte Piso, den rechten Arm totmüde senkend. »Komm,
Massurius, laß uns fliehn,« mahnte Balbus. »Nein, laßt uns hier sterben,«
rief Piso. Und schon tauchte der erste gotische Helm über den Rand der
Mauer.
Da scholl es die Mauertreppen von der Stadtseite herauf: »Cethegus!
Cethegus der Präfekt!«
Und er war’s; rasch sprang er auf die Zinne vor und hieb dem Goten, der
eben die Hand auf die Brustwehr stützte, sich heraufzuschwingen, die Hand
samt dem Arme ab. – Der Mann schrie und stürzte.
»O Cethegus,« sagte Piso, »du kommst zu rechter Zeit!« – »Ich hoffe es,«
sprach dieser und stieß die Leiter um, die vor ihm angelegt stand.
Witichis war darauf gestanden, – behend sprang er hinab. »Aber jetzt
Geschosse her, Speere, Lanzen. Sonst hilft alles nichts,« rief Cethegus.
»Kein Geschoß mehr weit und breit,« antwortete Balbus. »Du kommst, hofften
wir, mit deinen Isauriern?« »Die sind noch weit, weit hinter mir!« rief
Kallistratos, der eben als der erste nach Cethegus wieder erschien.
Und aufs neue wuchs die Zahl der Leitern und der aufsteigenden Helme. Und
es wuchs die dringendste Gefahr.
Wild blickte Cethegus um sich. »Geschosse,« rief er mit dem Fuße
stampfend, »es müssen Geschosse herbei!« Da fiel sein Auge auf die riesige
Marmorstatue Zeus, des Erretters, die zu seiner Linken auf der Zinne
stand. Ein Gedanke durchzuckte ihn mit Blitzesschnelle, er sprang hinzu
und schlug mit einem Handbeil den rechten Arm der Statue mitsamt dem
Donnerkeil in ihrer Faust herab. »Zeus,« rief er, »leih mir deinen Blitz!
– Was hältst du ihn so müßig? Auf! zerschlagt die Statuen: und schleudert
sie den Feinden auf die Köpfe.« Und rascher, als er dies gesagt, ward sein
Beispiel befolgt. Mit Äxten und Beilen fielen die geängstigten Verteidiger
über die Götter und Heroen her und im Augenblick waren all’ die herrlichen
Gestalten zertrümmert.
Es war ein grausenhafter Anblick: da barst ein erhabner Hadrian, eine
Reiterstatue, Roß und Reiter mitten auseinander: da stürzte eine lächelnde
Aphrodite in die Knie: da flog der schöne Marmorkopf eines Antinous vom
Rumpfe und sauste, von zwei Händen geschleudert, auf einen gotischen
Büffelschild. Und weithin spritzten, die Zinnen bedeckend, Splitter und
Trümmer von Marmor und Erz, von Bronze und Gold. Krachend und dröhnend
schlugen die gewaltigen Lasten von Stein und Metall von den Zinnen herab
und zerschmetterten die Helme und Schilde, die Panzer und die Glieder der
stürmenden Goten und die Leitern selber, die sie trugen.
Mit Grauen blickte Cethegus auf das furchtbare Werk der Zerstörung, das
sein Wort angerichtet. Aber es hatte gerettet. Zwölf, fünfzehn, zwanzig
Leitern standen leer von den hart aufeinander folgenden Männern, die sie
kurz zuvor ameisendicht besetzt hatten: ebensoviel lagen zerbrochen am Fuß
der Mauer: überrascht von diesem unerwarteten Erz- und Marmorhagel, wichen
die Goten einen Augenblick. Aber gleich wieder rief sie das Horn Markjas
zum Sturm: und wieder sausten die centnerschweren Lasten hernieder.
»Unseliger, was hast du gethan?« jammerte Kallistratos und starrte auf die
Trümmer.
»Das Notwendige!« antwortete Cethegus und schleuderte den Rest von Zeus
dem Erretter über den Wall. »Siehst du, wie das traf? – zwei Barbaren auf
Einen Schlag« – und zufrieden blickte er hinab.
Da hörte er den Korinther rufen: »Nein, nein. Nicht diesen! Nicht den
Apoll!«
Und Cethegus wandte sich und sah, wie ein riesiger Isaurier sein Beil
gegen das Haupt des Latoniden schwang. »Narr, sollen die Goten herauf?«
fragte der Barbar und holte wieder aus.
»Nicht meinen Apollon!« wiederholte der Hellene und umschlang den Gott
schützend mit beiden Armen, weit sich vorbeugend.
Das ersah auf der nächsten Leiter Graf Markja: und glaubend, jener wolle
die Statue auf ihn niederschleudern, kam er ihm zuvor: sein Wurfspeer flog
und traf den Griechen mitten in die Brust. »Ach – Cethegus!« seufzte er
und starb. Der Präfekt sah ihn fallen und preßte die Brauen zusammen.
»Rettet die Leiche und seine beiden Götter verschont!« sprach er kurz –
und stieß die Leiter um, auf der Markja gestanden: mehr konnte er nicht
sagen und nicht thun: denn schon rief ihn eine neue, die drohendste
Gefahr.
Witichis, von seiner Leiter halb herabgeschleudert, halb herabgesprungen,
war seither hart an der Mauer gestanden unter dem Hagel der Stein- und
Metalltrümmer nach neuen Mitteln spähend. Denn seit der erste Versuch der
Sturmleitern durch die unverhofften, neuen Geschosse, die Götter und
Herren, abgewiesen war, hoffte er kaum noch, den Wall zu gewinnen. Während
er sann und spähte, schlug das schwere Marmorfußgestell eines Mars
gradivus dicht neben ihm auf die Erde, prallte nochmal empor und traf
dabei an eine Mauerplatte. Und siehe, diese Platte, die ein Quader von
härtestem Stein geschienen hatte, zersprang zerbröckelnd in kleine Stücke
von Mörtel und Lehm: und an ihrer Stelle wurde sichtbar eine schmale
Holzpforte, die von jener Masse nur locker verkleidet und verdeckt, den
Maurern und Werkleuten zum Ausgang und Eingang gedient hatte, wenn sie an
dem großen Gebäude arbeiteten und nachbesserten.
Kaum ersah Witichis die Holzthür, als er jubelnd ausrief: »Hierher,
hierher, ihr Goten! Beile zur Hand!« Und schon schlug seine eigne
Streitaxt donnernd an die dünnen Bretter, die nichts weniger als stark
schienen.
Verhängnisvoll drang der neue, seltsame Ton an des Präfekten Ohr! er hielt
oben inne in der Blutarbeit und lauschte. »Das ist Eisen gegen Holz! Bei
Cäsar!« sagte er zu sich selbst und sprang die schmale Mauertreppe herab,
die an der Innenseite der zweiten Mauer in den schwach durch Öl-Lampen
beleuchteten Innenraum des Grabmals führte.
Da dröhnte ein Schlag lauter als alle früheren, ein dumpfes Krachen und
helles Splittern folgte und jauchzendes Siegesgeschrei der Goten. Wie
Cethegus auf die letzte Stufe der Treppe sprang, fiel die Pforte krachend
nach innen in den Hof und König Witichis ward sichtbar auf der Schwelle.
»Mein ist Rom!« jubelte er, das Beil fallen lassend und das Schwert aus
der Scheide ziehend. »Du lügst, Witichis! zum erstenmal im Leben!« rief
Cethegus grimmig und sprang vor, so gewaltig den starken Schildstachel
stoßend gegen des Goten Brust, daß dieser überrascht einen Schritt
zurücktrat.
Diesen Schritt benutzte der Präfekt und stellte sich selbst auf die
Schwelle, die ganze enge Pforte füllend. »Wo bleiben die Isaurier!« rief
er.
Aber nur einen Augenblick hatte ihm Witichis Zeit gelassen, bis er ihn
erkannte. »So treffen wir uns doch im Zweikampf um Rom.« Und nun war das
Anspringen an ihm. Cethegus, bemüht die ganze Öffnung der Pforte zu
verschließen, deckte mit dem Schild seine Linke; sein rechter Arm mit dem
kurzen Römerschwert vermochte nicht genug, seine rechte Seite zu decken.
Der Stoß des langen Schwertes des starken Goten drang, nicht stark genug
von Cethegus abgewehrt, die Schuppenringe des Panzers durchschneidend,
tief in seine rechte Brust.
Der Präfekt wankte nach links: schon neigte er sich zu fallen: aber er
fiel nicht. »Rom! Rom!« sagte er tonlos, und krampfhaft hielt er sich noch
aufrecht.
Witichis war einen Schritt zurückgetreten, um in neuem Ansprung dem
gefährlichen Feind den Rest zu geben. Aber in diesem Augenblick erkannte
ihn oben auf der Zinne Piso und schleuderte einen prachtvollen schlafenden
Faun, der bereits mit abgehauenen Füßen auf dem Walle lag, auf den König
herab; er traf die Schulter und Witichis stürzte nieder. Graf Markja,
Iffamer und Aligern trugen ihn aus dem Gefecht.
Cethegus sah ihn noch fallen. Dann brach er selbst auf der Schwelle der
Pforte zusammen; schützende Arme eines Freundes fingen ihn auf: – aber er
erkannte diesen nicht mehr: sein Bewußtsein schwand.
Doch weckte ihn gleich wieder ein wohlbekannter Ton, der seine Seele
entzückte: es war die Tuba seiner Legionare, das Feldgeschrei seiner
Isaurier, die jetzt – endlich – im Sturmschritt eintrafen und, von den
Liciniern geführt, in dichten Scharen sich auf die durch den Fall ihres
Königs erschütterten Goten stürzten. Sie drängten sie siegreich zu einer
(einstweilen von den eingedrungenen Goten von Innen hinausgebrochenen)
Bresche der ersten Mauer unter großem Blutvergießen hinaus.
Der Präfekt sah die letzten Barbaren flüchten: – da schlossen sich
abermals seine Augen. »Cethegus!« rief der Freund, der ihn im Arme hielt,
»Belisar im Sterben: und so bist auch du verloren?« Cethegus erkannte
jetzt die Stimme Prokops. »Ich weiß nicht,« sprach er mit letzter Kraft,
»aber Rom, – Rom ist gerettet!« Und damit vergingen ihm die Sinne.
Vierzehntes Kapitel.
Nach der Anspannung aller Kräfte zu dem allgemeinen Sturm und seiner
Abwehr, der mit dem Morgenrot begonnen und bei sinkender Sonne erst
beendet war, trat bei Goten und Römern eine lange Pause der Erschlaffung
ein. Die drei Führer Belisar, Cethegus und Witichis lagen wochenlang an
ihren Wunden danieder.
Aber noch mehr wurde die thatsächliche Waffenruhe veranlaßt durch die
tiefe Niedergeschlagenheit und Entmutigung, die das Heer der Germanen
befallen hatten, nachdem der mit höchster Anstrengung angestrebte Sieg in
dem Augenblick, da er bereits gewonnen schien, ihnen entrissen wurde.
Sie hatten einen ganzen Tag lang ihr Bestes gethan: ihre Helden hatten an
Tapferkeit gewetteifert: und doch waren beide Pläne, der gegen Belisar und
der gegen die Stadt, im Gelingen selbst noch gescheitert. Und wenn auch
König Witichis in seinem steten Mute die Gedrücktheit des Heeres nicht
teilte, so erkannte er dafür desto klarer, daß er seit jenem blutigen Tage
das ganze System der Belagerung ändern mußte.
Der Verlust der Goten war ungeheuer; Prokop schätzt ihn auf dreißigtausend
Tote und mehr als ebensoviele Verwundete: sie hatten sich im ganzen
Umkreis der Stadt mit äußerster Todesverachtung den Geschossen der
Belagerten ausgesetzt und am pankratischen Thor und bei dem Grabmal
Hadrians waren sie zu Tausenden gefallen.
Da nun auch in den achtundsechzig früheren Gefechten die Angreifenden
immer viel mehr als die hinter Mauer und Turm gedeckten Verteidiger
gelitten hatten, so war das große Heer, das Witichis vor Monden gegen die
ewige Stadt geführt, furchtbar zusammengeschmolzen. Dazu kam, daß schon
seit geraumer Zeit Seuchen und Hunger in ihren Zelten wüteten. Bei dieser
Entmutigung und Abnahme seiner Truppen mußte Witichis den Gedanken, die
Stadt mit Sturm zu nehmen, aufgeben und seine letzte Hoffnung – er
verhehlte sich ihre Schwäche nicht – bestand in der Möglichkeit, der
Mangel werde den Feind zur Übergabe zwingen. Die Gegend um Rom war völlig
ausgesogen: und es schien nun darauf anzukommen, welche Partei die
Entbehrung länger würde ertragen oder welche sich aus der Ferne würde
Vorräte verschaffen können. Schwer fehlte den Goten die an der Küste von
Dalmatien beschäftigte Flotte. –
Der Erste, der sich von seiner Wunde erholte, war der Präfekt.
Von der Pforte, die er mit seinem Leibe verschlossen, bewußtlos
weggetragen, lag er anderthalb Tage in einem Zustand, der halb Schlaf,
halb Ohnmacht war.
Als er am Abend des zweiten Tages die Augen aufschlug, traf sein erster
Blick auf den treuen Mauren, der am Fußende des Lagers auf der Erde
kauerte und kein Auge von ihm wandte. Die Schlange war um seinen Arm
gerollt.
»Die Holzpforte!« war des Präfekten erstes, noch schwach gehauchtes Wort,
»die Holzpforte muß fort – ersetzt durch Marmorquadern .. –«
»Danke, danke dir, Schlangengott!« jubelte der Sklave, »jetzt ist der Mann
gerettet. Und auch du selbst. Und ich, ich, Herr, habe dich gerettet.« Und
er warf sich mit gekreuzten Armen nieder und küßte das Lagergestell seines
Herrn. – Er wagte nicht, dessen Füße zu berühren. »Du mich gerettet? –
Wodurch?«
»Als ich dich so totesbleich auf diese Decken gelegt, habe ich den
Schlangengott herbeigeholt, dich ihm gezeigt und gesprochen: »Du siehst,
starker Gott, des Herrn Augen sind geschlossen. Hilf, daß er sie wieder
aufschlägt. Bis du geholfen, erhältst du keine Krume Brot und keinen
Tropfen Milch. Und wenn er die Augen nicht wieder aufschlägt – an dem
Tage, da sie ihn verbrennen, verbrennt Syphax mit: aber du, o großer
Schlangengott, desgleichen. Du kannst helfen: also hilf: oder brenne.« So
sprach ich, und er hat geholfen.«
»Die Stadt ist sicher – das fühl’ ich, sonst hätte ich nicht entschlafen
können. Lebt Belisar? Ja! wo ist Prokop?«
»In der Bibliothek mit deinen Tribunen. Sie erwarten nach des Arztes
Ausspruch noch heute dein Erwachen oder deinen ... –« – »Tod? Diesmal hat
dein Gott noch geholfen, Syphax. Laß die Tribunen ein.«
Bald standen die Licinier, Piso, Salvius Julianus und einige andere vor
ihm; sie wollten bewegt an sein Lager eilen: er winkte ihnen Ruhe zu. »Rom
dankt euch, durch mich. Ihr habt gefochten wie – wie Römer. Mehr,
Stolzeres kann ich euch nicht sagen.« Und er übersah wie nachsinnend die
Reihe, dann sagte er: »Einer fehlt mir – ah mein Korinther! Die Leiche ist
gerettet. Denn ich empfahl sie Piso, sie und die beiden Letoiden; setzt
ihm als Denkmal eine schwarze Platte von korinthischem Marmor an die
Stelle, wo er fiel: stellt die Statue des Apollo über die Aschenurne und
schreibt darauf: »Kallistratos von Korinth ist hier für Rom gestorben; er
hat den Gott, der Gott nicht ihn gerettet.« Jetzt geht, bald sehen wir uns
wieder – auf den Wällen. Syphax, nun sende mir Prokop. Und bring einen
großen Becher Falernerwein.« »Freund,« rief er dem eintretenden Prokopius
entgegen, »mir ist, ich habe vor diesem Fieberschlaf noch flüstern hören:
»Prokop hat den großen Belisar gerettet.« Ein unsterblich Verdienst! Die
ganze Nachwelt wird dir’s danken – so brauch’ ich’s nicht zu thun. Setze
dich hierher und erzähle mir das Ganze ... – Aber halt: erst schiebe die
Kissen zurecht, daß ich meinen Cäsar wieder sehen kann. Sein Anblick
stärkt mehr als Arzneien. Nun sprich.«
Prokopius sah den Liegenden durchdringend an.
»Cethegus,« sagte er dann, ernsten Tones, »Belisar weiß alles.« »Alles?«
lächelte der Präfekt, »das ist viel.« – »Laß den Spott und versage
Bewunderung nicht dem Edelsinn: du, der du selber edel bist.« – »Ich?
Nicht daß ich wüßte.« – »Sowie er zum Bewußtsein kam, hat ihm Bessas
natürlich sofort alles mitgeteilt: hat ihm haarklein erzählt, wie du
befohlen, das Thor gesperrt zu halten, als Belisar in seinem Blute davor
lag, den wütigen Teja auf den Fersen: daß du befohlen, seine Leibwächter
niederzuhauen, die mit Gewalt öffnen wollten: jedes Wort von dir hat er
berichtet, auch deinen Ausruf: »Erst Rom, dann Belisar«: und hat deinen
Kopf verlangt im Rat der Feldherren. Ich erbebte. Aber Belisarius sprach:
»er hat recht gethan! hier, Prokop, bring ihm mein eigen Schwert und die
ganze Rüstung, die ich an jenem Tage trug, zum Dank.« Und in dem Bericht
an den Kaiser hat er mir die Worte diktiert: »Cethegus hat Rom gerettet
und nur Cethegus! Schick’ ihm den Patriciat von Byzanz!««
»Ich danke: ich habe Rom nicht für Byzanz gerettet.« – »Das brauchst du
mir nicht erst zu sagen, unattischer Römer.«
»Ich bin nicht in attischer Laune, Lebensretter! Was war dein Dank?«
»Still. Er weiß nichts davon. Und soll es nie erfahren.«
»Syphax, Wein. – Soviel Edelsinn kann ich nicht vertragen! Es macht mich
schwach. Nun, wie war der Reiterspaß?«
»Freund, das war kein Spaß. Sondern der furchtbarste Ernst, der mir noch
begegnet. Um ein Haar fehlte es, so war Belisar verloren.«
»Ja, es ist jenes Eine Haar, um das es immer fehlt bei diesen Goten! Dumme
Tölpel sind sie samt und sonders.«
»Du sprichst, als wär’ es dir sehr leid, daß Belisar nicht umgekommen.«
»Recht wär ihm geschehn. Ich hab ihn dreimal gewarnt. Er sollte endlich
wissen, was einem alten Feldherrn ziemt und was einem jungen Raufbold.«
»Höre,« sagte Prokop, ihn ernsthaft betrachtend, »du hast dir ein Recht
erworben, so zu sprechen, vor dem Grabmal Hadrians. Früher, wenn du des
Mannes Heldentum herabzogst ...« – »Dachtest du, ich spräche aus Neid
gegen den tapfern Belisar! Hört es, ihr unsterblichen Götter.«
»Ja, zwar deine gepidischen Lorbeern ...« –
»Laß mich mit diesen Knabenstreichen zufrieden! Freund, wenn es gilt, muß
man den Tod verachten, sonst aber vorsichtig das Leben lieben. Denn nur
die Lebendigen herrschen und lachen, nicht die stummen Toten. Das ist
meine Weisheit, und nenn’ es meine Feigheit, wenn du willst. Also – euer
Überfall – mach’s kurz! Wie ging’s?«
»Scharf genug. Als wir die Gegend erkundet hatten, – alles schien frei vom
Feind und sicher zum Futter holen – da wandten wir die Rosse allmählich
wieder gegen die Stadt, die wenigen Ziegen und die magern Schafe, dir wir
aufgetrieben, in der Mitte, Belisar voran, der junge Severinus, Johannes
und ich an seiner Seite. Plötzlich, wie wir aus dem Dorf _ad aras Bacchi_
ins Freie kommen, jagen aus den Gehölzen zu beiden Seiten der valerischen
Straße von links und rechts gotische Reiter auf uns zu. Ich sah, daß sie
uns stark überlegen waren und riet die Flucht mitten durch sie hindurch
auf der Straße nach Rom zu versuchen. Aber Belisar meinte: »Viele sind es,
doch nicht allzuviele,« und sprengte gegen die Angreifer zur Linken, ihre
Reihen zu durchbrechen. Doch da kamen wir übel an: die Goten ritten besser
und fochten besser als unsere mauretanischen Reiter: und ihre Führer,
Totila und Hildebad – jenen erkannte ich an den langflatternden gelben
Haaren und diesen an der ungeschlachten Größe – hielten sichtlich scharf
auf den Feldherrn selbst. »Wo ist Belisar und sein Mut?« schrie der lange
Hildebad vernehmlich durch das Klirren der Waffen.
»Hier!« antwortete dieser unverzüglich: und ehe wir ihn abhalten konnten,
hielt er schon dem Riesen gegenüber. Der war nicht faul und hieb ihm mit
seinem wuchtigen Beil auf den Helm, daß der goldene Kamm mit dem weißen
Roßhaarbüschel zerschmettert zur Erde rollte und Belisars Haupt bis auf
den Kopf des Pferdes niederfuhr. Und schon holte jener zum zweiten, dem
tödlichen Streiche aus: da war der junge Severinus, des Boëthius Sohn,
heran und fing den Hieb mit dem runden Schilde auf. Aber das Beil des
Barbaren drang durch den Schild und flog noch tief in den Hals des edeln
Jünglings. Er stürzte« – Prokop stockte in schmerzlichen Gedanken.
»Tot?« fragte Cethegus ruhig.
»Ein alter Freigelassener seines Vaters, der ihn begleitete, trug ihn aus
dem Gefecht. Doch starb er schon, so hört’ ich, eh’ er das Dorf
erreichte.«
»Ein schöner Tod!« sagte Cethegus. »Syphax, einen neuen Becher Wein!«
»Belisar hatte sich aber inzwischen aufgerafft und stieß nun in großem
Zorn mit seinem Speer dem Goten so gewaltig auf die Brustplatte seines
Harnisches, daß er der Länge nach vom Pferde flog. Laut jubelten wir auf,
aber der junge Totila« –
»Nun?«
»Sah kaum seinen Bruder fallen, als er sich grimmig durch die Lanzen der
Leibwächter Bahn brach zu Belisar. Aigan, sein Bannerträger, wollte ihn
decken, aber des Goten Schwert traf seinen linken Arm: er riß ihm die
Fahne aus der erschlafften Hand und warf sie dem nächsten Goten zu. Laut
auf schrie Belisar vor Zorn und wandte sich gegen ihn: aber der junge
Totila ist rasch wie der Blitz und zwei scharfe Hiebe trafen, eh’ er
sich’s versah, des Feldherrn beide Schultern: der wankte im Sattel und
sank langsam vom Pferd, das im selben Augenblick ein Wurfspeer traf und
niederwarf. »Gieb dich gefangen, Belisar!« rief Totila.
Der Feldherr hatte gerade noch die Kraft, das Haupt verneinend zu
schütteln, da sank er vollends zur Erde. Rasch war ich abgesprungen, hatte
ihn auf mein eigen Pferd gehoben und der Sorge des Johannes empfohlen, der
fünfzig Leibwächter um ihn scharte und ihn schnell aus dem Getümmel
flüchtend nach der Stadt hin brachte.« – »Und du?«
»Ich focht zu Fuß weiter. Und es gelang mir, da jetzt unsere Nachhut
eintraf, – die Vorräte in der Mitte hatten wir preisgegeben – das Gefecht
gegen Totila zu stellen. Aber nicht auf lange. Denn nun war auch die
zweite Schar der gotischen Reiter heran; wie der Sturmwind sauste der
schwarze Teja herzu, durchbrach unsern rechten Flügel, der ihm zunächst
stand, von vorn, durchbrach dann meine eigene gegen Totila gerichtete
Front von der Flanke und zersprengte unsern ganzen Schlachthaufen. Ich gab
das Gefecht verloren, ergriff ein ledig Roß und eilte dem Feldherrn nach.
Aber auch Teja hatte die Richtung von dessen Flucht erkannt und jagte uns
wütend nach. An der fulvischen Brücke holte er die Bedeckung ein; Johannes
und ich hatten mehr als die Hälfte der noch übrigen Leibwächter an der
Brücke aufgestellt, den Übergang zu wehren, unter Principius, dem tapfern
Pisidier, und Tarmuth, dem riesigen Isaurier. Dort fielen sie alle
dreißig, zuletzt auch die beiden treuen Führer, von dem Schwerte des Teja
allein, wie ich vernahm. Dort fiel die Blüte von Belisars Leibwächtern:
darunter viele meiner nächsten Waffenfreunde, Alamundarus der Saracene,
Artasines der Perser, Zanter der Armenier, Longinus der Isaurier, Bucha
und Chorsamantes die Massageten, Kutila der Thrakier, Hildeger der
Vandale, Juphrut der Maure, Theodoritos und Georgios die Kappadokier. Aber
ihr Tod erkaufte unsere Rettung. Wir holten hinter der Brücke unser hier
zurückgelassenes Fußvolk ein, das dann noch die feindlichen Reiter so lang
beschäftigte, bis das tiburtinische Thor sich, – spät genug! – dem wunden
Feldherrn öffnete. Dann eilt’ ich, als wir ihn auf einer Sänfte Antoninens
Pflege zugesandt, an das Grabmal Hadrians, wo, wie es hieß, die Stadt
genommen sei und fand dich dem Tode nah.«
»Und was hat jetzt Belisar beschlossen?«
»Seine Wunden sind nicht so schwer wie die deine und doch die Heilung
langsamer. Er hat den Goten den Waffenstillstand gewährt, den sie
verlangten, ihre vielen Toten zu bestatten.«
Cethegus fuhr auf von den Kissen. »Er hätte ihn verweigern sollen! Keine
unnütze Verzögerung der Entscheidung mehr! ich kenne diese gotischen
Stiere; nun haben sie sich die Hörner stumpf gestürmt: jetzt sind sie müd
und mürbe.
Jetzt kam die Zeit für einen letzten Schlag, den ich schon lang ersonnen.
Die Hitze draußen in der glühenden Ebene werden ihre großen Leiber
schlecht ertragen: schlechter den Hunger: am schlechtesten den Durst. –
Denn der Germane muß saufen, wenn er nicht schnarcht oder prügelt. Nun
braucht man nur ihren vorsichtigen König noch ein wenig einzuschüchtern.
Sage Belisar meinen Gruß: und mein Dank für sein Schwert sei mein Rat: Er
solle noch heute den gefürchteten Johannes mit acht Tausend Mann durch das
Picenum gegen Ravenna schicken: die flaminische Straße ist frei und wird
wenig gedeckt sein: denn Witichis hat die Besatzungen aller Festungen
hierher gezogen: und leichter gewinnen wir jetzt Ravenna, als die Barbaren
Rom. Sowie aber der König Ravenna, seinen allerletzten Hort, bedroht
sieht, wird er eilen, ihn um jeden Preis zu retten. Er wird sein Heer
hinwegziehen von diesen uneinnehmbaren Mauern und wieder der Verfolgte
statt des Verfolgers sein.« »Cethegus,« sprach Prokop aufspringend, »du
bist ein großer Feldherr.« – »Nur nebenbei, Prokopius! geh jetzt und grüße
mir den großen Sieger Belisar.«
Fünfzehntes Kapitel.
An dem letzten Tage des Waffenstillstands konnte Cethegus bereits wieder
auf den Wällen des Grabmals Hadrians erscheinen, wo ihn seine Legionare
und Isaurier mit lautem Zuruf begrüßten. Sein erster Gang war zu dem
Grabmal des Kallistratos; er legte auf die schwarze Marmorplatte einen
Kranz von Lorbeern und von Rosen nieder. Während er von hier aus die
Verstärkung der Befestigungen anordnete, brachte ihm Syphax ein Schreiben
von Mataswintha.
Es lautete lakonisch genug: »Mach’ bald ein Ende. Nicht länger kann ich
den Jammer ansehn. Die Bestattung von vierzig Tausend Männern meines Volks
hat mir die Brust zerrissen. Die Klagelieder schienen alle mich
anzuklagen. Währt das noch länger, so erlieg ich. Der Hunger wütet
furchtbar in dem Lager. Ihre letzte Hoffnung ist eine große Zufuhr von
Getreide und Vieh, die aus Südgallien unter Segel ist. An den nächsten
Calenden wird sie auf der Höhe von Portus erwartet. Handle danach – aber
mach’ rasch ein Ende.«
»Triumph,« sprach der Präfekt, »die Belagerung ist aus. Unsre kleine
Flotte lag bisher fast müßig zu Populonium. Jetzt soll sie Arbeit finden.
Diese Königin ist die Erinnys der Barbaren.« Und er ging selbst zu
Belisar, der ihn mit edler Großheit empfing. –
In derselben Nacht, der letzten der Waffenruhe, zog Johannes zum
pincianischen Thore hinaus, dann links nach der flaminischen Straße
schwenkend. Ravenna war sein Ziel. Und eilende Boten flogen zur See mit
raschen Segeln nach Populonium, wo sich ein kleines römisches Geschwader
gesammelt hatte. Der Kampf um die Stadt ruhte, trotz Ablauf des
Waffenstillstands, fast ganz. Eine Woche darauf etwa, machte der König,
der sein Schmerzenslager zum erstenmal verließ, in Begleitung seiner
Freunde den ersten Gang durch die Zelte. Drei von den sieben vormals
menschenwimmelnden Lagern waren völlig verödet und aufgegeben: auch die
übrigen vier waren nur noch spärlich bevölkert. Todmüde, ohne Klage, aber
auch ohne Hoffnung, lagen die abgemagerten Gestalten, von Hunger und
Fieber verzehrt, vor ihren Zelten.
Kein Zuruf, kein Gruß erfreute den wackern König auf seinem
schmerzensreichen Gang: kaum daß sie die müden Augen aufschlugen bei dem
Schall der nahenden Schritte.
Aus dem Innern der Zelte drang das laute Stöhnen der Kranken, der
Sterbenden, die den Wunden, dem Mangel, den Seuchen erlagen. Kaum fand man
die hinlängliche Zahl von Gesunden, die nötigsten Posten zu beziehen. Die
Wachen schleppten die Speere hinter sich her, zu matt, sie aufrecht oder
auf der Schulter zu tragen.
Die Heerführer kamen an die Schanzen vor dem aurelischen Thor; im
Wallgraben lag ein junger Schütz und kaute an dem bittern Gras. Hildebad
rief ihm zu: »Beim Hammer! Gunthamund, was ist das? deine Sehne ist ja
gesprungen, was ziehst du keine andre auf?« – »Kann nicht, Herr, die Sehne
sprang gestern bei meinem letzten Schuß. Und ich und die drei Bursche
neben mir, wir haben die Kraft nicht, eine neue aufzuziehen.« Hildebad gab
ihm einen Trunk aus seiner Lederflasche: »hast du auf einen Römer
geschossen?« »O nein, Herr,« sagte der Mann, »eine Ratte nagte dort an der
Leiche. Ich traf sie glücklich und wir teilten sie zu viert.«
»Iffaswinth, wo ist dein Oheim Iffamer?« fragte der König. »Tot, Herr.
Er fiel hinter dir, als er dich hinwegtrug. Vor dem verfluchten
Marmorgrab.«
»Und dein Vater Iffamuth?« – »Auch tot. Er vertrug’s nicht mehr, das
giftige Wasser aus den Pfützen. Der Durst, König, brennt noch heißer als
der Hunger. Und es will ja nicht regnen aus diesem bleiernen Himmel.« »Ihr
seid alle aus dem Athesisthal?« »Ja, Herr König, vom Iffinger-Berg. O
welch köstlich Quellwasser dort daheim!«
Teja sah in einiger Entfernung einen andern Krieger aus seiner Sturmhaube
trinken. Seine Züge verfinsterten sich noch mehr. »He du, Arulf!« rief er
ihm zu, »du scheinst nicht Durst zu leiden?« – »Nein, ich trinke oft,«
sprach der Mann. »Was trinkst du?« – »Das Blut von den Wunden der
Frischgefallnen. Anfangs ekelt’s sehr: aber man gewöhnt’s in der
Verzweiflung.«
Schaudernd schritt Witichis weiter. »Schick’ all’ meinen Wein ins Lager,
Hildebad. Die Wachen sollen ihn teilen.« – »All deinen Wein? O König, mein
Schenkamt ist gar leicht geworden. Du hast noch anderthalb Krüge. Und
Hildebrand, dein Arzt, sprach, du sollst dich stärken.«
»Und wer stärkt diese, Hildebad? Die Not macht sie zu wilden Tieren!«
»Komm mit nach Hause,« mahnte Totila, des Königs Mantel ergreifend. »Hier
ist nicht gut sein.«
Im Zelt des Königs angelangt, setzten sich die Freunde schweigend um den
schönen Marmortisch, der auf goldnen Gefäßen steinhartes verschimmeltes
Brot aufwies und wenige Stücke Fleisch. »Es war das letzte Pferd aus den
königlichen Ställen,« sagte Hildebad, – »bis auf Boreas.« – »Boreas wird
nicht geschlachtet! – mein Weib, mein Kind sind auf seinem Rücken
gesessen.«
Und er stützte das müde Haupt auf die beiden Hände: eine neue schwere
Pause trat ein. »Freunde,« hob er endlich an, »das geht nicht länger also.
Unser Volk verdirbt vor diesen Mauern. Mein Entschluß ist schwer und
schmerzlich gereift –«
»Sprich’s noch nicht aus, o König!« rief Hildebad. »In wenig Tagen trifft
Graf Odoswinth von Cremona ein mit der Flotte: und wir schwelgen in allem
Guten.«
»Er ist noch nicht da!« sprach Teja.
»Und unser Verlust an Menschen, so schwer er ist,« ermutigte Totila, »wird
er nicht durch frische Mannschaft ersetzt, wenn Graf Ulithis von Urbinum
eintrifft, mit den Besatzungen, die der König aus den Festen von Ravenna
bis Rom weggezogen hat, unsre leeren Zelte zu füllen?«
»Auch Ulithis ist noch nicht da,« sprach Teja. »Er soll noch in Picenum
stehen. Und kommt er glücklich an, so wird der Mangel im Lager noch
größer.«
»Doch auch die Römerstadt muß fasten!« meinte Hildebad, das harte Brot mit
der Faust auf dem Steintisch zerschlagend. »Laß sehn, wer’s länger
aushält!«
»Oft hab’ ich’s überdacht in schweren Tagen und schlummerlosen Nächten,«
fuhr der König langsam fort.
»Warum? warum das alles so kommen mußte? Nach bestem Gewissen hab’ ich
immer wieder Recht und Unrecht abgewogen, zwischen unsern Feinden und uns:
und ich kann’s nicht anders finden, als daß Recht und Treue auf unsrer
Seite stehen. Und wahrlich, an Kraft und Mut haben wir’s nicht fehlen
lassen.«
»Du am wenigsten,« sagte Totila.
»Und an keinem schwersten Opfer!« seufzte der König. »Und wenn nun doch,
wie wir alle sagen, ein Gott im Himmel waltet, gerecht und gut und
allgewaltig, warum läßt er all’ dies ungeheure, unverdiente Elend zu?
Warum müssen wir erliegen vor Byzanz?«
»Wir dürfen aber nicht erliegen,« schrie Hildebad. »Ich habe nie viel
gegrübelt über unsern Herrgott. Aber wenn er das geschehen ließe, müßte
man Sturm laufen gegen den Himmel und ihm seinen Thron mit Keulen
zerschlagen.«
»Lästre nicht, mein Bruder!« sprach Totila. »Und du, mein edler König, Mut
und Vertrauen.
Ja, es waltet ein gerechter Gott dort über den Sternen. Drum muß zuletzt
die gute Sache siegen. Mut, mein Witichis, und Hoffnung bis ans Ende.«
Aber der Tiefgebeugte schüttelte das Haupt. »Ich gestehe es euch, ich habe
aus diesem Irrsal, aus den schrecklichen Zweifeln an Gottes Gerechtigkeit,
nur einen Ausweg gefunden. Es kann nicht sein, daß wir all’ dies schuldlos
leiden. Und da unsres Volkes Sache zweifellos gerecht, so muß verborgne
Schuld an mir, an eurem König haften. Wiederholt, erzählen unsre Lieder
aus der Heidenzeit, hat sich ein König für sein Volk selbst den Göttern
geopfert, wenn Unsieg, Seuche, Mißwachs jahrelang den Stamm verfolgte. Er
hat die verborgne Schuld auf sich genommen, die auf den Volksgenossen zu
lasten schien und sie durch Tod gebüßt, oder indem er ohne die Krone ins
Elend ging, ein friedloser Landflüchtiger. – Laßt mich die Krone abthun
von diesem Haupt ohne Glück noch Stern. Wählt einen andern, dem Gott nicht
zürnt: wählt Totila, oder –«
»Das Wundfieber faselt noch aus dir!« unterbrach ihn der alte
Waffenmeister. »Du mit Schuld beladen! du, der Treueste von uns allen!
Nein, ich will’s euch sagen, ihr Kinder allzujunger Tage, die ihr der
Väter alte Kraft mit der Väter altem Glauben verloren habt, und nun keinen
Trost wißt für eure Herzen. Mich erbarmt eurer Reden ohne Zuversicht.« –
Und seine grauen Augen leuchteten in seltnem Glanze über die Freunde hin.
»Alles was hier auf Erden erfreut und schmerzt, ist kaum der Freude noch
des Schmerzes wert. Nur auf eines kommt es hier unten an: ein treuer Mann
gewesen sein, kein Neiding, und den Schlachttot sterben, nicht den
Strohtot. Den treuen Helden aber tragen die Walküren aus dem blutigen Feld
auf roten Wolken hinauf in Odhins Saal, wo die Einheriar mit vollen
Bechern ihn begrüßen. Dann reitet er alltäglich mit ihnen hinaus zu Jagd
und Waffenspiel beim Morgenlicht und wieder herein zu Trunk und
Skaldensang in goldner Halle beim Abendlicht. Und schöne Schildjungfrauen
kosen mit den Jungen: und weise Vorzeitrunen raunen wir Alten mit den
alten Helden der Vorzeit. Und ich werde sie alle wiederfinden, die starken
Gesellen meiner Jugend, den kühnen Winithar und Herrn Waltharis von
Aquitanien und Guntharis den Burgunden. Und schauen werd’ ich auch ihn,
dessen Anblick ich lange begehrt: Herrn Beowulf, den Geaten, und aus
grauen Urtagen den Cherusken, der zuerst die Römer schlug, von dem noch
die Sänger der Sachsen singen und sagen. Und wieder trag’ ich Schild und
Speer meinem Herrn, dem König mit den Adleraugen. Und so leben wir fort in
alle Ewigkeit in Licht und heller Freude, vergessen der Erde hier unten
und alles ihres Wehs.«
»Ein schön Gedicht, alter Heide,« lächelte Totila. »Wenn uns aber das
nicht mehr tröstet für wirkliches, herznagendes Leid? Sprich du doch auch,
Teja, du finstrer Gast. Was ist dein Gedanke bei diesen unsern Leiden? Nie
fehlt uns dein Schwert: was versagst du dein Wort? Was schweigt dein
tröstender Harfenschlag, du liederkundiger Sänger?«
»Mein Wort,« sagte Teja aufstehend, »mein Wort und Gedanke wäre euch
vielleicht schwerer zu tragen als all’ dies Leid. Laß mich noch schweigen,
mein sonnenheller Totila. Vielleicht kommt noch der Tag, da ich dir
Antwort gebe. Vielleicht auch zur Harfe spiele, wenn dann noch eine Saite
daran hält.« Und er schritt aus dem Zelte.
Denn draußen in dem Lager hatte sich ein wirrer, rätselhafter Lärm von
rufenden, fragenden Stimmen erhoben.
Die Freunde sahen ihm schweigend nach. »Ich weiß wohl, was er denkt,«
sagte der alte Hildebrand endlich. »Denn ich kenne ihn vom Knaben auf: Er
ist nicht wie andere. Auch im Nordland denken manche so, die nicht an Thor
und Odhin glauben, sondern nur an die Not und ihre eigene Kraft und
Stärke. Es ist fast zu schwer für ein Menschenherz. Und glücklich, –
glücklich macht es nicht, wie er zu denken. Mich wundert, daß er singt und
Harfe schlägt dabei.«
Da riß Teja, wieder eintretend, die Zeltvorhänge auf: sein Antlitz war
noch bleicher als zuvor: seine dunkeln Augen blitzten: aber seine Stimme
war ruhig wie sonst, da er sprach: »Brich das Lager ab, König Witichis.
Unsere Schiffe sind bei Ostia in der Feinde Hand gefallen. Sie haben Graf
Odoswinths Kopf ins Lager geschickt. Und sie lassen auf den Wällen Roms,
vor den Augen unserer Wachen, von den gefangenen Goten die erbeuteten
Rinder schlachten. Große Verstärkungen aus Byzanz unter Valerian und
Euthalius: Hunnen, Sclavenen und Anten, hat eine segelreiche Flotte aus
Byzanz in den Tiber geführt. Denn der blutige Johannes hat das Picenum
durchzogen ... –«
»Und Graf Ulithis?«
»Er hat Ulithis geschlagen und getötet, Ancona und Ariminum genommen. Und
–«
»Ist das noch nicht alles?« rief der König.
»Nein, Witichis! Eile thut not! Er bedroht Ravenna: er steht nur noch
wenige Meilen von der Stadt.«
Sechzehntes Kapitel.
Am Tage nach dem Eintreffen dieser für die Goten so verhängnisvollen
Nachrichten hatte Witichis die Belagerung Roms aufgegeben und sein tief
entmutigtes Heer aus den vier noch übrigen Lagern herausgezogen.
Ein volles Jahr und neun Tage hatte die Einschließung gewährt. So viel Mut
und Kraft, so viele Anstrengungen und Opfer waren vergeblich gewesen.
Schweigend zogen die Goten an den stolzen Wällen vorüber, an denen ihr
Glück und ihre Macht zerschellt waren. Schweigend trugen sie die höhnenden
Worte, die Römer und »Romäer« (Byzantiner) ihnen von den sichern Zinnen
herab zuriefen. Ihr Zorn und ihre Trauer waren zu groß, um durch solchen
Spott getroffen zu werden.
Aber als Belisars Reiterei, aus dem pincianischen Thore brechend, die
Abziehenden verfolgen wollte, wurde sie grimmig zurückgewiesen. Denn Graf
Teja führte die gotische Nachhut.
So zog das Heer von Rom auf der flaminischen Straße durch Picenum in
raschen Märschen (obwohl den von den Feinden besetzten Plätzen Narnia,
Spoletium und Perusium ausgewichen werden mußte) nach Ravenna, wo Witichis
zur rechten Zeit eintraf, die gefährliche Stimmung der Bevölkerung, die
auf die Kunde von dem Unglück der Barbaren schon mit dem drohenden
Johannes in geheime Verhandlungen getreten war, zu unterdrücken.
Johannes zog sich bei der Annäherung der Goten in seine letzte wichtige
Eroberung Ariminum zurück. In Ancona lag Konon, der Nauarch Belisars, mit
den thrakischen Speerträgern und mit Kriegsschiffen.
Der König führte aber keineswegs sein ganzes, von der Belagerung Roms
aufgebrochenes Heer nach Ravenna, sondern hatte unterwegs viele
Mannschaften in Festungen verteilt. Eine Tausendschaft ließ er unter
Gibimer in Clusium in Tuscien, eine andre in Urbs Vetus unter Albila, eine
halbe in Tudertum unter Wulfgis: in Auximum vier Tausendschaften unter
Graf Wisand, dem tapfern Bandalarius: in Urbinum zwei unter Morra: in
Caesena und Monsferetrus je eine halbe. Hildebrand entsandte er nach
Verona, Totila nach Tarvisium und Teja nach Ticinum, da auch der Nordosten
der Halbinsel durch byzantinische, von Istrien aus drohende Truppen
gefährdet wurde.
Er that dies übrigens noch aus andern Gründen.
Einmal, um Belisar auf dem Wege nach Ravenna aufzuhalten. Dann, um im Fall
einer Einschließung nicht wieder sobald durch die große Stärke des Heeres
dem Mangel ausgesetzt zu sein. Und endlich, um für den nämlichen Fall die
Belagerer auch vom Rücken und zwar von mehreren Seiten her beunruhigen zu
können. Sein Plan war zunächst, die seinem Hauptstützpunkt Ravenna
drohende Gefahr abzuwenden, und sich mit seinen zerrütteten Streitkräften
auf die Verteidigung zu beschränken, bis fremde Hilfstruppen,
langobardische und fränkische, die er erwartete, ihn in den Stand setzen
würden, wieder das offne Feld zu halten.
Aber die Hoffnung, Belisar auf seinem Wege nach Ravenna durch diese
gotischen Burgen hinzuhalten, erfüllte sich nicht. Er begnügte sich, sie
durch beobachtende Truppen einzuschließen und zog ohne weiteres gegen die
Hauptstadt und den letzten bedeutenden Waffenplatz der Goten. »Habe ich
das Herz zum Tode getroffen,« sagte er, »werden sich die geballten Fäuste
von selbst öffnen.«
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Und so dehnten sich alsbald um die Königsstadt Theoderichs in weit
gestrecktem Bogen die Zelte der Byzantiner, an allen drei Landseiten, von
der Hafenstadt Classis an bis zu den Kanälen und Zweigarmen des Padus, die
im Westen besonders die Verteidigung der Festungslinien bildeten.
Zwar hatte die alte, vornehme Stadt damals schon viel verloren von dem
Schimmer, in dem sie seit zwei Jahrhunderten fast strahlte als Residenz
der Imperatoren: und auch das letzte Abendrot, das die glorreiche
Regierung Theoderichs über sie gebreitet, war seit dem Ausbruch des
Krieges verschwunden.
Aber gleichwohl. Welch andern Eindruck muß damals die immer noch
volkreiche, dem heutigen Venedig gleichende Wasserstadt gemacht haben als
heute, wo es den Wandrer aus den ausgestorbnen Straßen, den leeren
Plätzen, den einsam schweigenden Basiliken nicht minder melancholisch
anhaucht als draußen, vor den Mauern der Stadt, wo sich weithin die öde
Sumpflandschaft der Padusniederungen dehnt, bis sie in den Schlamm des
weit zurückgetretenen Meeres auslaufen.
Wo einst in der Hafenstadt Classis zu Wasser und zu Lande geschäftiges
Leben wogte, wo die stolzen Trieren der kaiserlichen Adria-Flotte tief
schaukelnd sich wiegten, da liegen jetzt sumpfige Wiesen, in deren hohem
Schilf und Riedgras verwilderte Büffel grasen; versumpft die Straßen,
versandet der Hafen, verschollen das Volk, das hier freudig geherrscht: –
nur ein riesiger runder Turm aus der Gotenzeit steht noch neben der allein
erhaltnen, einsamen Basilika San Apollinare in Classe fuori, die, von
Witichis begonnen, von Justinian vollendet, nun eine Stunde fern von aller
Menschenwohnung auf der sumpfigen Ebene trauernd ragt.
Die starke Seefestung galt für uneinnehmbar: darum hatten sie seit dem
Sinken ihrer Macht, und der wachsenden Gefährdung Italiens durch die
Barbaren, die Kaiser zur Residenz gewählt. Die Südost-Seite deckte das
damals noch bis an und in ihre und der Hafenstadt Mauern spülende Meer.
Und um alle drei Landseiten hatten Natur und Kunst ein labyrinthisches
Netz von Kanälen, Gräben und Sümpfen des vielarmigen Padus gesponnen, in
welchem sich der Belagerer rettungslos verstricken mußte. Und diese
Mauern! noch jetzt erfüllen ihre gewaltigen Reste mit Staunen; ihre
ungeheure Dicke und – weniger ihre Höhe als – die Anzahl von starken
Rundtürmen, die von ihren Zinnen noch heute aufsteigen, trotzten vor der
Erfindung der Feuerwaffe jedem Sturm, jedem gewaltsamen Angriff. Nur durch
Aushungerung hatte nach fast vierjährigem Widerstand der große Theoderich
diese letzte Zuflucht Odovakars bezwungen.
Vergebens hatte Belisar versucht, gleich nach seiner Ankunft die Stadt mit
Sturm zu nehmen. Kräftig ward sein Angriff abgewiesen und die Belagerer
mußten sich begnügen, die Festung enge zu umschließen und, wie einst der
Gotenkönig, durch Mangel zur Übergabe zu nötigen. Dem aber konnte Witichis
getrost entgegensehn. Denn er hatte mit der Vorsicht, die ihm eigen, in
diesem seinem Haupt-Bollwerk, schon vor dem Aufbruch nach Rom, Vorräte
aller Art, namentlich aber Getreide, in außerordentlicher Menge in
besonders von ihm (mit Benutzung und in den Räumen des ungeheuren
Marmorcirkus des Theodosius) erbauten Kornspeichern von Holzgezimmer
aufgehäuft. Diese ausgedehnten Holzbauten, gerade gegenüber dem Palast und
der Basilika Sancti Apollinaris, waren des Königs Stolz, Freude und Trost.
Nur weniges von diesen Nahrungsmitteln hatte man durch das von den Feinden
durchstreifte Land nach dem Lager vor Rom führen können: und bei einiger
Sparsamkeit reichten diese Magazine ohne Zweifel für die Bevölkerung und
das nicht mehr zahlreiche Heer leicht noch zwei und drei Monate aus. Bis
dahin aber war das Eintreffen eines fränkischen Hilfsheeres infolge der
aufs neue angeknüpften Verhandlungen sicher zu erwarten. Und dieser
Entsatz mußte notwendig die Aufhebung der Belagerung herbeiführen.
Dies wußten – oder ahnten doch – Belisar und Cethegus so gut wie Witichis:
und rastlos spähten sie nach allen Seiten, ein Mittel zu finden, den Fall
der Stadt zu beschleunigen. Der Präfekt suchte natürlich vor allem seine
geheime Verbindung mit der Gotenkönigin zu diesem Zwecke zu benutzen. Aber
einmal war der Verkehr mit ihr jetzt sehr erschwert, da die Goten alle
Ausgänge der Stadt sorgfältig überwachten. Und dann schien auch
Mataswintha wesentlich verändert und keineswegs mehr so bereit und
willfährig, sich als Werkzeug gebrauchen zu lassen, wie ehedem.
Sie hatte eine rasche Vernichtung oder Demütigung des Königs erwartet. Das
lange Hinzögern ermüdete sie: und zugleich hatten die großen Leiden ihres
Volkes in Kampf und Hunger und Krankheit angefangen, sie zu erschüttern.
Dazu kam endlich, daß die traurige Verwandlung in dem sonst so kräftigen
und gesundfreudigen Wesen des Königs, der stille, aber tiefe und finstre
Gram, der über seiner Seele lag, mächtig an ihrem Herzen rüttelte. Wenn
sie auch mit der ganzen Ungerechtigkeit des Schmerzes, mit dem bittern
Stolz gekränkter Liebe ihn verklagte, daß er ihr Herz verworfen und doch,
um der Krone willen, mit Gewalt ihre Hand erzwungen hatte, und wenn sie
ihn dafür auch mit der ganzen leidenschaftlichen Glut ihres Wesens zu
hassen glaubte und zum Teil auch wirklich haßte, so war doch dieser Haß
nur umgeschlagene Liebe. Und als sie ihn nun von dem schweren Unglück der
gotischen Waffen, von dem Fehlschlagen all’ seiner Pläne – an dem ihr
heimtückischer Verrat so großen Anteil trug, – tief, bis zur
krankhaft-schwermütigen Verfinsterung des Geistes, zu marternder
Selbstpeinigung niedergebeugt sah, so wirkte dieser Anblick gewaltig auf
ihre aus Härte und Glut seltsam gemischte Natur.
Sie hätte im Augenblick des schmerzlichen Zornes mit Entzücken sein Blut
fließen sehen. Aber mondenlang ihn mit bohrendem Gram sich selbst
zerstören sehen, – das ertrug sie nicht. Zu dieser weichern Stimmung trug
aber endlich wesentlich bei, daß sie seit der Ankunft in Ravenna auch eine
Veränderung in des Königs Benehmen gegen sie selbst bemerkt zu haben
glaubte. Spuren von Reue, dachte sie, von Reue über die Gewaltsamkeit, mit
welcher er in ihr Leben eingegriffen hatte.
Und weil sich in diesem Glauben ihr hartes, schroffes Auftreten bei den
selten und immer nur vor Dritten erfolgenden Begegnungen unwillkürlich
gemildert hatte, erblickte Witichis hierin einen erfreulichen Schritt des
Entgegenkommens, den er stillschweigend ebenfalls mit freundlicheren
Formen anerkannte und lohnte. Grund genug für Mataswinthens beweglich
flutende Gedanken, die Anträge des Präfekten, selbst wenn diese manchmal
noch durch des klugen Mauren Vermittelung an sie gelangten, abzuweisen.
Doch hatte der Präfekt aus dieser Quelle schon während des Zuges gegen
Ravenna erfahren, was später auch sonst bekannt wurde, daß die Goten Hilfe
von den Franken erwarteten. Unverzüglich hatte er deshalb seine alten
Verbindungen mit den Vornehmen und Großen, die an den Höfen zu Mettis
(Metz), Aurelianum (Orleans), und Suessianum (Soissons) im Namen der
merowingischen Schattenkönige herrschten, wieder angeknüpft, um die
Franken, deren damals sprichwörtlich gewordne Falschheit gute Aussicht auf
Gelingen solcher Versuche gewährte, von dem gotischen Bündnis wieder
abzuziehen.
Und als die Sache durch diese Freunde gehörig vorbereitet war, hatte er an
König Theudebald, der zu Mettis Hof hielt, selbst geschrieben und ihn
dringend gewarnt, bei einer so verlornen Sache, wie die gotische seit dem
Scheitern der Belagerung Roms offenbar geworden, sich zu beteiligen.
Diesen Brief hatten reiche Geschenke an seinen alten Freund, den
Majordomus des schwachen Königs, begleitet: und sehnlich erwartete der
Präfekt von Tag zu Tag die Antwort auf denselben: um so sehnlicher, als
das veränderte Benehmen Mataswinthens die Hoffnung auf raschere
Überwältigung der Goten abgeschnitten hatte.
Die Antwort kam, gleichzeitig mit einem kaiserlichen Schreiben aus Byzanz,
an einem für die Helden in und außer Ravenna gleich verhängnisvollen Tage.
Siebzehntes Kapitel.
Hildebad, ungeduldig über das lange Müßigliegen, hatte aus der ihm zu
besonderer Obhut anvertrauten Porta Faventina mit Tagesanbruch einen
heftigen Ausfall auf das byzantinische Lager gemacht, anfangs in
ungestümem Anlauf rasche Vorteile errungen, einen Teil der
Belagerungswerkzeuge verbrannt und ringsum Schrecken verbreitet.
Er hätte unfehlbar noch viel größern Schaden angerichtet, wenn nicht der
rasch herbeieilende Belisar an diesem Tage all’ seine Feldherrnschaft und
all’ sein Heldentum zugleich entfaltet hätte. Ohne Helm und Harnisch, wie
er vom Lager aufgesprungen, hatte er sich zuerst seinen eignen fliehenden
Vorposten, dann den gotischen Verfolgern entgegengeworfen und durch
äußerste persönliche Anstrengung und Aufopferung das Gefecht zum Stehen
gebracht. Darauf aber hatte er seine beiden Flanken so geschickt
verwendet, daß Hildebads Rückzug ernstlich bedroht war und die Goten, um
nicht abgeschnitten zu werden, all’ ihre errungenen Vorteile aufgeben und
schleunigst in die Stadt zurückeilen mußten.
Cethegus, der mit seinen Isauriern vor der Porta Honoriana lag und zur
Hilfe herbeikam, fand das Treffen schon beendet und konnte nicht umhin,
nachher Belisar in seinem Zelte aufzusuchen und ihm, als Feldherrn wie als
Krieger, seine Anerkennung auszusprechen, ein Lob, das Antonina begierig
einsog. »Wirklich, Belisarius,« schloß der Präfekt, »Kaiser Justinian kann
dir das nicht vergelten.«
»Da sprichst du wahr,« antwortete Belisar stolz: »er vergilt mir nur durch
seine Freundschaft. Für seinen Feldherrnstab könnte ich nicht thun, was
ich für ihn schon gethan habe und noch immer thue. Ich thu’s, weil ich ihn
wirklich liebe. Denn er ist ein großer Mann mit allen seinen Schwächen.
Wenn er nur Eins noch lernte: mir vertrau’n. Aber getrost: – er wird’s
noch lernen.«
Da kam Prokop und brachte einen Brief von Byzanz, der soeben von einem
kaiserlichen Gesandten überbracht worden. Mit freudestrahlendem Antlitz
sprang Belisar, aller Müdigkeit vergessen, vom Polster auf, küßte die
purpurnen Schnüre, durchschnitt sie dann mit dem Dolch und öffnete das
Schreiben mit den Worten: »Von meinem Herrn und Kaiser selbst! Ah, nun
wird er mir die Leibwächter senden und den lang geschuldeten Sold, den ich
erwarte, und das vorgeschossene Gold.«
Und er begann zu lesen.
Aufmerksam beobachteten ihn Antonina, Prokop und Cethegus: seine Züge
verfinsterten sich mehr und mehr: seine breite Brust fing an, sich wie in
schwerem Krampf zu heben: die beiden Hände, mit welchen er das Schreiben
hielt, zitterten. Besorgt trat Antonina heran: aber ehe sie fragen konnte,
stieß Belisar einen dumpfen Schrei der Wut aus, schleuderte das
kaiserliche Schreiben auf die Erde und stürzte außer sich aus dem Gezelt;
eilend folgte ihm seine Gattin.
»Jetzt darf ihm nur Antonina vor die Augen,« sagte Prokop, den Brief
aufhebend. »Laß sehn: wohl wieder ein Stücklein kaiserlichen Dankes,« –
und er las: »Der Eingang ist Redensart, wie gewöhnlich – aha, jetzt kommt
es besser:
»Wir können gleichwohl nicht verhehlen, daß wir, nach deinen eignen
früheren Berühmungen, eine raschere Beendigung des Krieges gegen diese
Barbaren erwartet hätten und glauben auch, daß eine solche bei größerer
Anstrengung nicht unmöglich gewesen wäre. Deshalb können wir deinem
wiederholt geäußerten Wunsche nicht entsprechen, dir deine übrigen
fünftausend Mann Leibwächter, die noch in Persien stehen, sowie die vier
Centenare Goldes nachzusenden, die in deinem Palaste in Byzanz liegen.
Allerdings sind beide, wie du in deinem Briefe ziemlich überflüssigermaßen
bemerkst, dein Eigentum: und dein in demselben Brief geäußerter Entschluß,
du wollest diesen Gotenkrieg bei dermaliger Erschöpftheit des kaiserlichen
Säckels aus eignen Mitteln zu Ende führen, verdient, daß wir ihn als
pflichtgetreu bezeichnen. Da aber, wie du in gleichem Briefe richtiger
hinzugefügt, all dein Hab’ und Gut deines Kaisers Majestät zu Diensten
steht und kaiserliche Majestät die erbetene Verwendung deiner Leibwächter
und deines Goldes in Italien für überflüssig halten muß, so haben wir,
deiner Zustimmung gewiß, anderweitig darüber verfügt und bereits Truppen
und Schätze, zur Beendung des Perserkriegs, deinem Kollegen Narses
übergeben.« – Ha, unerhört!« unterbrach sich Prokop.