»Auch das Ende scheint hübsch,« fuhr Prokopius fort. – »Eine Vermehrung
deiner Macht in Italien aber scheint uns um so minder wünschbar, als man
uns wieder täglich vor deinem ungemessenen Ehrgeiz warnt.
Erst neulich sollst du beim Weine gesagt haben: das Scepter sei aus dem
Feldherrnstab und dieser aus dem Stock entstanden: – gefährliche Gedanken
und ungeziemende Worte.
Du siehst, wir sind von deinen ehrgeizigen Träumen unterrichtet.
Diesmal wollen wir warnen, ohne zu strafen: aber wir haben nicht Lust, dir
noch mehr Holz zu deinem Feldherrnstab zu liefern: und wir erinnern dich,
daß die stolzest ragenden Wipfel dem kaiserlichen Blitz am nächsten
stehn.«
»Das ist schändlich!« rief Prokop. »Nein, das ist schlimmer: es ist dumm!«
sagte Cethegus. »Das heißt die Treue selbst zum Aufruhr peitschen.«
»Recht hast du,« schrie Belisar, der, wieder hereinstürmend, diese Worte
noch gehört hatte. »Oh, er verdient Aufruhr und Empörung, der undankbare,
boshafte, schändliche Tyrann.«
»Schweig! Um aller Heiligen willen, du richtest dich zu Grunde!« beschwor
ihn Antonina, die mit ihm wieder eingetreten war und suchte, seine Hand zu
fassen.
»Nein, ich will nicht schweigen,« rief der Zornige, an der offenen
Zeltthür auf und niederrennend, vor welcher Bessas, Acacius, Demetrius und
viele andere Heerführer mit Staunen lauschend standen. »Alle Welt soll’s
hören. Er ist ein undankbarer, heimtückischer Tyrann! Ja du verdientest,
daß ich dich stürzte! Daß ich dir thäte nach dem Argwohn deiner falschen
Seele, Justinianus!«
Cethegus warf einen Blick auf die draußen Stehenden: sie hatten offenbar
alles vernommen: jetzt, eifrig Antoninen winkend, schritt er an den
Eingang und zog die Vorhänge zu. Antonina dankte ihm mit einem Blicke. Sie
trat wieder zu ihrem Gatten: aber dieser hatte sich jetzt neben dem
Zeltbett auf die Erde geworfen, schlug die geballten Fäuste gegen seine
Brust und stammelte: »O Justinianus, hab’ ich das um dich verdient? O zu
viel, zu viel!« Und plötzlich brach der gewalt’ge Mann in einen Strom von
hellen Thränen aus. Da wandte sich Cethegus verächtlich ab: »Lebwohl,«
sagte er leise zu Prokopius, »mich ekelt es, wenn Männer heulen.«
Achtzehntes Kapitel.
In schweren Gedanken schritt der Präfekt aus dem Zelt und ging, das Lager
umwandelnd, nach der ziemlich entlegenen Verschanzung, wo er mit seinen
Isauriern sich eingegraben hatte vor dem Thor des Honorius. Es war auf der
Südseite der Stadt, nahe dem Hafenwall von Classis, und der Weg führte zum
Teil am Meeresstrand entlang.
So sehr den einsamen Wanderer in diesem Augenblick der große Gedanke, der
der Pulsschlag seines Lebens geworden war, beschäftigte, so schwer die
Unberechenbarkeit Belisars, dieses gefühlsüberschwenglichen
Gemütsmenschen, und die Spannung wegen der Antwort der Franken gerade
jetzt auf ihm lastete, – doch ward seine Merksamkeit, wenn auch nur
vorübergehend, auf das außergewöhnliche Aussehen der Landschaft, des
Himmels, der See, der ganzen Natur abgezogen.
Es war Oktober: – aber die Jahreszeit schien seit langen Wochen ihr Gesetz
geändert zu haben. Seit zwei Monden fast hatte es nicht geregnet: ja kein
Gewölk, kein Streif von Nebel hatte sich in dieser sonst so dünstereichen
Sumpflandschaft gezeigt. Jetzt plötzlich – es war gegen Sonnenuntergang –
bemerkte Cethegus im Osten, über dem Meer, am fernsten Horizont, eine
einzelne rundgeballte, rabenschwarze Wolke, die seit kurzem aufgestiegen
sein mußte.
Die untertauchende Sonnenscheibe, obwohl frei von Nebeln, zeigte keine
Strahlen. Kein Lufthauch kräuselte die bleierne Flut des Meeres.
Keine noch so leise Welle spülte an den Strand. In der weitgestreckten
Ebene regte sich kein Blatt an den Olivenbäumen. Ja, nicht einmal das
Schilf in den Sumpfgräben bebte.
Kein Laut eines Tieres, kein Vogelflug war vernehmbar: und ein
fremdartiger, erstickender Qualm, wie Schwefel, schien drückend über Land
und Meer zu liegen und hemmte das Atmen. Maultiere und Pferde schlugen
unruhig gegen die Bretter der Planken, an welchen sie im Lager angebunden
waren. Einige Kamele und Dromedare, die Belisar aus Afrika mitgebracht,
wühlten den Kopf in den Sand. –
Schwer beklommen atmete der Wanderer mehrmals auf und blickte befremdet um
sich. »Das ist schwül: wie vor dem »Wind des Todes« in den Wüsten
Ägyptens,« sagte er zu sich selber. – »Schwül überall – außen und innen. –
Auf wen wird sich der lang versparte Groll der Natur und Leidenschaft
entladen?«
Damit trat er in sein Zelt. Syphax sprach zu ihm, »Herr, wär’ ich daheim,
ich glaubte heute: der Gifthauch des Wüstengottes sei im Anzug,« und er
reichte ihm einen Brief.
Es war die Antwort des Frankenkönigs! Hastig riß Cethegus das große,
prunkende Siegel auf.
»Wer hat ihn gebracht?«
Ein Gesandter, der, nachdem er den Präfekten nicht getroffen, sich zu
Belisar hatte führen lassen. Er hatte den nächsten Weg – den durchs Lager
– verlangt. Deshalb hatte ihn Cethegus verfehlt.
Er las begierig: »Theudebald, König der Franken, Cethegus dem Präfekten
Roms. Kluge Worte hast du uns geschrieben. Noch klügere nicht der Schrift
vertraut, sondern uns durch unsern Majordomus kundgethan. Wir sind nicht
übel geneigt, danach zu thun. Wir nehmen deinen Rat und die Geschenke, die
ihn begleiten, an. Den Bund mit den Goten hat ihr Unglück gelöst. Dies,
nicht unsere Wandelung, mögen sie verklagen.
Wen der Himmel verläßt, von dem sollen auch die Menschen lassen, wenn sie
fromm und klug. Zwar haben sie uns den Sold für das Hilfsheer in mehreren
Centenaren Goldes vorausbezahlt. Allein das bildet in unsern Augen kein
Hindernis.
Wir behalten diese Schätze als Pfand, bis sie uns die Städte in Südgallien
abgetreten, welche in die von Gott und der Natur dem Reich der Franken
vorgezeichnete Gebietsgrenze fallen. Da wir aber den Feldzug bereits
vorbereitet und unser tapferes Heer, das schon den Kampf erwartet, nur mit
gefährlichem Murren die Langeweile des Friedens tragen würde, sind wir
gewillt, unsere siegreichen Scharen gleichwohl über die Alpen zu schicken.
Nur anstatt für: gegen die Goten.
Aber freilich, auch nicht für den Kaiser Justinianus, der uns fortwährend
den Königstitel vorenthält, sich auf seinen Münzen Herrn von Gallien
nennt, uns keine Goldmünzen mit eigenem Brustbild prägen lassen will und
uns noch andere höchst unerträgliche Kränkungen unserer Ehre angethan. Wir
gedenken vielmehr, unsere eigene Macht nach Italien auszudehnen.
Da wir nun wohl wissen, daß des Kaisers ganze Stärke in diesem Lande auf
seinem Feldherrn Belisar beruht, dieser aber eine große Zahl alter und
neuer Beschwerden gegen seinen undankbaren Herrn zu führen hat: so werden
wir diesem Helden antragen, sich zum Kaiser des Abendlandes aufzuwerfen,
wobei wir ihm ein Heer von hunderttausend Franken-Helden zu Hilfe senden
und uns dafür nur einen kleinen Teil Italiens von den Alpen bis Genua hin
abtreten lassen werden.
Wir halten für unmöglich, daß ein Sterblicher dieses Anerbieten ablehne.
Falls du zu diesem Plane mitwirken willst, verheißen wir dir eine Summe
von zwölf Centenaren Goldes und werden, gegen eine Rückzahlung von zwei
Centenaren, deinen Namen in die Liste unserer Tischgenossen aufnehmen. Der
Gesandte, der dir diesen Brief gebracht, Herzog Liuthari, hat unsern
Antrag Belisar mitzuteilen.«
Mit steigender Erregung hatte Cethegus zu Ende gelesen.
Jetzt fuhr er auf. »Ein solcher Antrag zu dieser Stunde: – in dieser
Stimmung: – er nimmt ihn an! Kaiser des Abendlandes mit hunderttausend
Franken-Kriegern! Er darf nicht leben.« –
Und er eilte an den Eingang seines Zeltes. Dort aber blieb er plötzlich
stehen: »Thor, der ich war!« lächelte er kalt. »Heißblütig noch immer? Er
ist ja Belisar und nicht Cethegus! Er nimmt nicht an. Das wäre, wie wenn
der Mond sich gegen die Erde empören wollte, als ob der zahme Haushund
plötzlich zum grimmigen Wolfe würde. Er nimmt nicht an! Aber nun laß
sehen, wie wir die Niedertracht und Gier dieses Merowingen nutzen. Nein,
Frankenkönig,« und er lächelte bitter auf den zusammengeknitterten Brief,
»solang Cethegus lebt, – nicht einen Fuß breit von Italiens Boden.«
Und einen raschen, heftigen Gang durchs Zelt. Einen zweiten langsamern.
Und einen dritten –: nun blieb er stehen –: und über seine mächtige Stirn
zuckt’ es hin. »Ich hab’ es!« frohlockte er. »Auf, Syphax,« rief er, »geh’
und rufe mir Prokop.« –
Und bei einem neuen Durchschreiten des Gemachs fiel sein Blick auf den zur
Erde gefallenen Brief des Merowingen. »Nein,« lächelte er triumphierend,
ihn aufhebend, »nein, Frankenkönig, nicht soviel Raum als dieser Brief
bedeckt, sollst du haben von Italiens heiliger Erde.«
Bald erschien Prokop. Die beiden Männer pflogen über Nacht ernste, schwere
Beratung. Prokop erschrak vor den schwindelkühnen Plänen des Präfekten und
weigerte sich lange, darauf einzugehen.
Aber mit überlegener Geistesmacht hatte ihn der gewaltige Mann umklammert
und hielt ihn eisern fest mit zwingenden Gedanken, schlug jeden Einwand,
noch eh’ er ausgesprochen, mit siegender Überredung nieder und ließ nicht
eher ab, seine unzerreißbaren und dichten Fäden um den Widerstrebenden zu
ziehen, bis dem Eingesponnenen die Kraft des Widerstandes versagte. –
Die Sterne erblichen und das erste Tagesgrauen erhellte den Osten mit
blassem Streif, als Prokopius von dem Freunde Abschied nahm. »Cethegus,«
sagte er aufstehend, »ich bewundere dich.