Aber Witichis wandte sich schmerzlich von ihm ab. –

Die Boten schossen wie Blitze hinweg; bald scholl aus allen Gassen der

donnernde Ruf: »Heil König Witichis,« und von allen Seiten stimmten die

jüngst noch Hadernden einig in diesen Ruf zusammen.

Sein Blick flog mit dem Stolz tiefsten Schmerzes über die Tausende. Und

Teja sprach hinter ihm leise: »du siehst, du hast das Reich gerettet.«

»Auf, führ uns zum Sieg!« rief Hildebad, »denn Guntharis und Arahad rücken

an: sie wähnen, uns ohne Haupt in offenem Zwist zu überraschen! heraus auf

sie! sie sollen sich schrecklich irren; heraus auf sie und nieder die

Empörer.« – »Nieder die Empörer!« donnerten die Heermänner nach, froh,

einen Ausweg ihrer tieferregten Leidenschaft zu finden.

Aber der König winkte mit edler Ruhe: »Stille! nicht noch einmal soll

gotisch Blut fließen von gotischen Waffen. Ihr harret hier in Geduld: du,

Hildebad, thu’ mir auf das Thor. Niemand folgt mir: ich allein gehe zu den

Gegnern. Du, Graf Teja, hältst das Lager in Zucht, bis ich wiederkehre. Du

aber, Hildebrand,« – er rief’s mit erhobener Stimme, – »reit’ an die Thore

von Ravenna und künde laut: sie sollen sie öffnen. Erfüllt ist ihr Begehr,

und noch vor Abend ziehen wir ein: der König Witichis und die Königin

Mataswintha.«

So gewaltig und ernst sprach er diese Worte, daß das Heer sie mit

lautloser Ehrfurcht vernahm.

Hildebad öffnete die Lagerpforte: man sah die Reihen der Empörer im

Sturmschritt heraneilen: laut scholl ihr Kriegsruf, als sich das Thor

öffnete.

König Witichis gab an Teja sein Schwert und ritt ihnen langsam entgegen.

Hinter ihm schloß sich das Thor.

»Er sucht den Tod,« flüsterte Hildebrand. »Nein,« sprach Teja, »er sucht

und bringt das Heil der Goten.«

Wohl stutzten die Feinde, als sie den einzelnen Reiter erkannten: neben

den wölsungischen Brüdern, die an der Spitze zogen, ritt ein Führer

avarischer Pfeilschützen, die sie in Sold genommen. Dieser hielt die Hand

vor die kleinen, blinzenden Augen und rief: »Beim Rosse des Roßgotts, das

ist der König selbst! jetzt, meine Burschen, pfeilkundige Söhne der

Steppe, zielt haarscharf und der Krieg ist aus.« Und er riß den krummen

Hornbogen von der Schulter.

»Halt, Chan Warchun,« sprach Herzog Guntharis, eine eherne Hand auf seine

Schulter legend. »Du hast zweimal schwer gefehlt in einem Atem. Du nennst

den Grafen Witichis König: das sei dir verziehn. Und du willst ihn morden,

der im Botenfrieden naht: Das mag avarisch sein: es ist nicht Gotensitte.

Hinweg mit dir und deiner Schar aus meinem Lager.«

Der Chan stutzte und sah ihn staunend an: »Hinweg, sogleich!« wiederholte

Herzog Guntharis. Der Avare lachte und winkte seinen Reitern: »Mir gleich!

Kinder: wir gehn zu Belisar. Sonderbare Leute, diese Goten! Riesenleiber –

Kinderherzen.«

Indessen war Witichis herangeritten. Guntharis und Arahad musterten ihn

mit forschenden Blicken. In seinem Wesen lag neben der alten, schlichten

Würde eine ernste Hoheit: die Majestät des höchsten Schmerzes.

»Ich komme, mit euch zu reden, zum Heil der Goten. Nicht weiter sollen

Brüder sich zerfleischen. Laßt uns zusammen einziehen in Ravenna und

zusammen Belisar bekämpfen. Ich werde Mataswintha freien und ihr beide

sollt am nächsten stehen an meinem Thron.«

»Nimmermehr!« rief Arahad leidenschaftlich. »Du vergißt,« sprach Herzog

Guntharis stolz, »daß deine Braut in unsern Zelten ist.«

»Herzog Guntharis von Tuscien, ich könnte dir erwidern, daß bald wir in

euren Zelten sein werden. Wir sind zahlreicher und nicht feiger als ihr,

und, o Herzog Guntharis, mit uns ist das Recht. Ich will nicht also

sprechen. Aber mahnen will ich dich des Gotenvolks. Selbst wenn du siegen

solltest, – du wirst zu schwach, um Belisar zu schlagen. Kaum einig sind

wir ihm gewachsen. Gieb nach!«

»Gieb du nach!« sprach der Wölsung, »wenn dir’s ums Gotenvolk zu thun.

Lege diese Krone nieder: kannst du kein Opfer bringen deinem Volk?« – »Ich

kann’s – ich hab’s gethan. Hast du ein Weib, o Guntharis?«

»Ein teures Weib habe ich.« – »Nun wohl: auch ich hatte ein teures Weib.

Ich hab’s geopfert meinem Volk: ich habe sie ziehen lassen, Mataswinthen

zu freien.«

Herzog Guntharis schwieg. Arahad aber rief: »dann hast du sie nicht

geliebt.«

Da fuhr Witichis empor: sein Schmerz und seine Liebe wuchsen riesengroß:

Glut deckte seine Wangen, und einen vernichtenden Blick warf er auf den

erschrockenen Jüngling: »Schwatze mir nicht von Liebe, lästre nicht, du

thörichter Knabe! Weil dir ein paar rote Lippen und weiße Glieder in

deinen Träumen vor den Blicken glänzen, sprichst du von Liebe? Was weißt

du von dem, was ich an diesem Weib verloren, der Mutter meines süßen

Kindes! Eine Welt von Liebe und Treue. Reizt mich nicht: meine Seele ist

wund: in mir liegen Schmerz und Verzweiflung mit Mühe gebändigt: reizt sie

nicht, laßt sie nicht losbrechen.«

Herzog Guntharis war sehr nachdenklich geworden.

»Ich kenne dich, Witichis, vom Gepidenkrieg: nie sah ich unadeligen Mann

so adelige Streiche thun. Ich weiß, es ist kein Falsch an dir. Ich weiß,

wie Liebe bindet an ein ehlich Weib. Und du hast das Weib deinem Volk

geopfert? Das ist viel.«

»Bruder! was sinnest du?« rief Arahad, »was hast du vor?« – »Ich habe vor,

das Haus der Wölsungen an Edelmut nicht beschämen zu lassen. Edle Geburt,

Arahad, heischt edle That!

Sag’ mir nur eins noch: weshalb hast du nicht lieber die Krone hingegeben,

ja dein Leben, als dein Weib?«

»Weil es des Reiches sicheres Verderben war. Zweimal wollt’ ich die Krone

Graf Arahad abtreten: zweimal schwuren die Ersten meines Heeres, ihn nie

anzuerkennen. Drei, vier Gegenkönige würden gewählt, aber, bei meinem

Wort, Graf Arahad würde niemals anerkannt. Da rang ich mein Weib von mir

ab, vom blutenden Herzen. Und nun, Herzog Guntharis, gedenk’ auch du des

Gotenvolks. Verloren ist das Haus der Wölsungen, wenn die Goten verloren.

Die edelste Blüte des Stammes fällt mit dem Stamm, wenn Belisar die Axt an

die Wurzel legt. Ich habe mein Weib dahingegeben, meines Lebens Krone:

gieb du die Hoffnung einer Krone auf.«

»Man soll nicht singen in der Goten Hallen: Der Gemeinfreie Witichis war

edler, als des Adels Edelste! Der Krieg ist aus: ich huldige dir, mein

König.« Und der stolze Herzog bog das Knie vor Witichis, der ihn aufhob

und an seine Brust zog.

»Bruder! Bruder! was thust du an mir! welche Schmach!« rief Arahad. »Ich

rechn’ es mir zur Ehre!« sprach Guntharis ruhig. »Und zum Zeichen, daß

mein König nicht Feigheit sieht, sondern eine Edelthat in der Huldigung,

erbitt’ ich mir eine Gunst. Amaler und Balthen haben unser Geschlecht

zurückgedrängt von dem Platz, der ihm gebührt im Volke der Goten.« »In

dieser Stunde,« sprach Witichis, »kaufst du ihn zurück: die Goten sollen

nie vergessen, daß Wölsungen-Edelsinn ihnen einen Bruderkampf erspart

hat.« – »Und des zum Zeichen sollst du uns das Recht verleihen, daß die

Wölsungen der Goten Sturmfahne dem Heer vorauftragen in jeder Schlacht.«

»So sei’s,« sagte der König, ihm die Rechte reichend, »und keine Hand wird

sie mir würdiger führen.« »Wohlan, jetzt auf zu Mataswintha,« sprach

Guntharis.

»Mataswintha!« rief Arahad, der bisher wie betäubt der Versöhnung

zugesehen, die alle seine Hoffnungen begrub. »Mataswintha!« wiederholte

er. »Ha, zur rechten Zeit gemahnt ihr mich. Ihr könnt mir die Krone

nehmen: – sie fahre hin, – nicht meine Liebe und nicht die Pflicht, die

Geliebte zu beschützen. Sie hat mich verschmäht: ich aber liebe sie bis

zum Tode. Ich habe sie vor meinem Bruder beschirmt, der sie zwingen

wollte, mein zu werden. Nicht minder wahrlich will ich sie beschützen,

wollt ihr sie nun beide zwingen, des verhaßten Feindes zu werden. Frei

soll sie bleiben, diese Hand, die kostbarer als alle Kronen der Erde.« Und

rasch schwang er sich aufs Pferd und jagte mit verhängtem Zügel seinem

Lager zu.

Witichis sah ihm besorgt nach. »Laß ihn,« sprach Herzog Guntharis, »wir

beide, einig, haben nichts zu fürchten. Gehen wir die Heere zu versöhnen,

wie die Führer.«

Während Guntharis zuerst den König durch seine Reihen führte und diese

aufforderte, gleich ihm zu huldigen, was sie mit Freuden thaten, und

darauf Witichis den Wölsungen und seine Anführer mit in sein Lager nahm,

wo die Besiegung des stolzen Herzogs durch Friedensworte als ein

Wunderwerk des Königs angesehen wurde, sammelte Arahad aus den Reitern im

Vordertreffen eine kleine Schar von etwa hundert ihm treu ergebenen

Gefolgen und sprengte mit ihnen nach seinem Lager zurück.

Bald stand er im Zelt vor Mataswinthen, die sich bei seinem Eintreten

unwillig erhob. »Zürne nicht, schilt nicht, Fürstin! diesmal hast du kein

Recht dazu. Arahad kommt, die letzte Pflicht seiner Liebe zu erfüllen.

Flieh, du mußt mir folgen.« Und im Ungestüm seiner Aufregung griff er nach

der weißen, schmalen Hand.

Mataswintha trat einen Schritt zurück und legte die Rechte an den breiten

Goldgürtel, der ihr weißes Untergewand umschloß: »fliehen?« sagte sie,

»wohin fliehen?«

»Übers Meer! Über die Alpen! gleichviel: in die Freiheit. Denn deiner

Freiheit droht höchste Gefahr.«

»Von euch allein droht sie.« – »Nicht mehr von mir! Und ich kann dich

nicht mehr beschirmen. Solang du mein werden solltest, konnte ich es,

konnte grausam sein gegen mich selbst, deinen Willen zu ehren. Aber nun –«

»Aber nun?« sprach Mataswintha erbleichend.

»Sie haben dich einem andern bestimmt. Mein Bruder, mein Heer und meine

Feinde im Königslager und in Ravenna, alle sind darin einig. – Bald werden

sie dich tausendstimmig als Opfer zum Brautaltar rufen. Ich kann’s nicht

denken! Diese Seele, diese Schönheit entweiht als Opfer in ungeliebtem

Ehebund.«

»Laß sie kommen,« sagte Mataswintha, »laß sehen, ob sie mich zwingen!« Und

sie drückte den Dolch, den sie im Gürtel trug, an sich. – »Wer ist er, der

neue Zwingherr, der mir droht.«

»Frage nicht!« rief Arahad, »dein Feind, der dein nicht wert, der dich

nicht liebt; der – folge mir! – flieh’, schon kommen sie!« Man hörte von

draußen nahenden Hufschlag.

»Ich bleibe. Wer zwingt das Enkelkind Theoderichs?«

»Nein! du sollst nicht, sollst nicht in ihre Hände fallen, der Fühllosen,

die nicht dich lieben, nicht deine Herrlichkeit, nur dein Recht auf die

Krone! Folge mir ... –«

Da ward der Thürvorhang des Zeltes zur Seite geschoben: Graf Teja trat

ein. Zwei Gotenknaben mit ihm, in weißer Seide, festlich gekleidet.

Sie trugen ein mit einem Schleier verhülltes Purpurkissen. Er trat bis an

die Mitte des Zeltes und beugte das Knie vor Mataswinthen. Er trug, wie

die Knaben, einen grünen Rautenzweig um den Helm. Aber sein Auge und seine

Stirne war düster, – als er sprach: »Ich grüße dich, der Goten und Italier

Königin!«

Mit erstauntem Blick maß sie ihn. Teja erhob sich, trat zurück zu den

Knaben, nahm von dem Kissen einen goldenen Reif und den grünen Rautenkranz

und sprach: »Ich reiche dir den Brautkranz und die Krone, Mataswintha, und

lade dich zur Hochzeit und zur Krönung – die Sänfte steht bereit.«

Arahad griff ans Schwert.

»Wer sendet dich?« fragte Mataswintha mit klopfendem Herzen, aber die Hand

am Dolch. »Wer sonst, als Witichis, der Goten König.« Da leuchtete ein

Strahl der Begeisterung aus Mataswinthens wunderbaren Augen: sie erhob

beide Arme gen Himmel und sprach: »Dank, Himmel, deine Sterne lügen nicht:

und nicht das treue Herz. Ich wußt es wohl.« Und mit beiden schimmernden

Händen ergriff sie das bekränzte Diadem und drückte es fest auf das

dunkelrote Haar. »Ich bin bereit. Geleite mich,« sprach sie, »zu deinem

Herrn und meinem.« Und mit königlicher Wendung reichte sie Graf Teja die

Linke, der sie ehrerbietig hinausführte.

Arahad aber starrte der Verschwundenen nach, sprachlos, noch immer die

Hand am Schwert. Da trat Eurich, einer seiner Gefolgen, zu ihm heran, und

legte ihm die Hand auf die Schulter: »Was nun?« fragte er, »die Rosse

stehen und harren: wohin?« »Wohin?« rief Arahad auffahrend – »wohin? Es

giebt nur noch Einen Weg: wir wollen ihn gehen. Wo stehen die Byzantiner

und der Tod?«

Zweites Kapitel.

Am siebenten Tage nach diesen Ereignissen bereitete sich ein glanzvolles

Fest auf den Fora und in dem Königspalast zu Ravenna.

Die Bürger der Stadt und die Goten aller drei Parteien wogten in

gemischten Scharen durch die Straßen und fuhren durch die Lagunenkanäle, –

denn Ravenna war damals eine Wasserstadt, fast, aber doch nicht ganz, wie

heute Venedig – die riesigen Kränze, Blumenbogen und Fahnen zu bewundern,

die von allen Zinnen und Dächern niederwehten: denn es galt, Vermählung

des gotischen Königspaares zu feiern.

Am frühen Morgen hatte sich das ganze jetzt vereinigte Heer der Goten vor

den Thoren der Stadt zu feierlicher Volksversammlung geschart. Der König

und die Königin erschienen auf milchweißen Rossen: abgestiegen waren sie

vor allem Volk unter eine breitschattende Steineiche getreten: dort hatte

Witichis seiner Braut die rechte Hand auf das Haupt gelegt: sie aber trat

mit dem entblößten linken Fuß in den Goldschuh des Königs.

Damit war unter dem Zuruf der Tausende die Ehe nach Volksrecht

geschlossen. Darauf bestieg das Paar einen mit grünen Zweigen geschmückten

Wagen, der von vier weißen Rindern gezogen ward; der König schwang die

Geißel und sie fuhren, gefolgt von dem Heere, in die Stadt. Dort schloß

sich an die halb heidnische, germanische, eine zweite, die christliche

Feier: der arianische Bischof erteilte seinen Segen über das Paar in der

Basilika Sancti Vitalis und ließ es die Ringe wechseln.

Rauthgundens wurde nicht gedacht.

Noch war die Kirche nicht mächtig genug, ihre Forderung der

Unauflöslichkeit einer kirchlich geschlossenen Ehe überall durchzusetzen:

vornehme Römer und vollends Germanen verstießen noch häufig in voller

Willkür ihre Frauen. Und wenn gar ein König aus Gründen des Staatswohls

und ohne Einspruch der Gattin das Gleiche beschloß, erhob sich kein

Widerstand. –

Aus der Kirche ging der Zug nach dem Palast, in dessen Hallen und Gärten

ein großes Festmahl gerüstet war.

Das ganze Gotenheer und die ganze Bevölkerung der Stadt fand hier, dann

auf den Fora des Herkules und des Honorius und in den nächsten Straßen und

Kanälen auf Schiffen, an tausend Tischen reiche Bewirtung, während die

Großen des Reiches und die Vornehmen der Stadt mit dem Königspaar in der

Gartenrotunde oder in der weiten Trinkhalle, die Theoderich hatte in dem

römischen Palast anbringen lassen, tafelten.

So wenig die Lage des Landes und des Königs Stimmung zu rauschenden Festen

passen mochten, – es galt, die Ravennaten mit den Goten und die

verschiedenen Parteien der Goten unter sich zu versöhnen: und man hoffte,

in Strömen des Festweins die letzten feindseligen Erinnerungen

hinwegzuspülen.

Am besten übersah man den Königstisch und die festlichen Tafeln, die sich

über den weiten Garten und Park verteilten, von dem zum Brautgemach

Mataswinthens bestimmten kleinen Gelaß, dessen einziges Fenster auf die

Rotunde vor dem Garten und, über den Garten hin, bis auf das Meer

ausblicken ließ.

In diesem Gemach drei Tage zuvor schon schmückend zu schalten und zu

walten, hatte sich Aspa, die Numiderin, als Lohn treuer Dienste

ausgebeten. »Denn diese ernsten, finstern Römer wissen ebensowenig wie die

rauhen Goten, dem schönsten Weib der Erde das Brautbett zu bereiten: in

Afrika, im Land der Wunder, lernt man das.«

Und wohl war ihr’s gelungen, wenn auch im Sinn der schwülen,

phantastischen Üppigkeit ihrer Heimat. Sie hatte das enge und niedre

Gemach wie zu einem kleinen Zauberkistchen umgeschaffen! Wände und Decke

waren von glänzend weißen Marmorplatten gefügt.

Aber Aspa hatte den ganzen Raum mit drei- und vierfach aufeinandergelegten

Gehängen von dunkelroter Seide verhüllt, die in schweren Falten von den

Wänden niederfloß, sich über die Getäfeldecke wie ein Rundbogen wölbte und

den Marmorboden so dicht verhüllte, daß jeder Tritt lautlos drüber hin

glitt und alles Geräusch sich im Entstehen brach. Nur an der

Fensterbrüstung sah man den schimmernd weißen Marmor sich prachtvoll von

der Glut der Seide heben.

Das Fenster von weißem Frauenglas war mit einem Vorhang von mattgelber

Seide verhangen und alles Licht in dem kleinen Raum strömte aus von einer

Ampel, die von der Mitte der Decke aus niederhing: eine Silbertaube mit

goldnen Flügeln schwebte aus einem Füllhorn von Blumengewinden: in den

Füßen trug sie eine flache Schale aus einem einzigen großen Karneol, der,

ein Geschenk des Vandalenkönigs, in den aurasischen Bergen gefunden, als

ein seltenes Wunder galt.

Und in dieser Schale glühte ein rotes Flämmchen, genährt von stark

duftendem Cederöl. Ein gebrochenes, träumerisches Dämmerlicht ergoß sich

von hier aus über das phantastische Doppelpfühl, das, halb von Blumen

verschüttet, darunter stand. Aspa hatte sich das bräutliche Lager als die

aufgeschlagnen Schalen einer Muschel gedacht, die an der innern Seite

zusammenhängen, zwei ovale muschelförmige Klinen von Citrusholz erhoben

sich nur wenig von dem Teppich des Bodens. Über die weißen Kissen und

Teppiche hin war eine Linnendecke von orangegoldnem Glanz gegossen.

Aber der eigenste Schmuck des Gelasses war die Fülle von Blumen, welche

die Hand der Numiderin mit poesiereichem, wenn auch phantastischem

Geschmack über das ganze Gemach verstreut und über die Wände, Decken,

Vorhänge, die Thüre und das Lager verteilt hatte.

Ein Bogen von starkduftigen Geißblattranken überwölbte laubenartig die

einzige Thüre, den schmalen Eingang. Zwei mächtige Rosenbäume standen zu

Häupten des Lagers und streuten ihre roten und weißen Blüten auf die

Teppiche. Die Ampel hing, wie erwähnt, aus einem kunstvoll gewundnen

Füllhorn von Blumen herab. Und überall sonst, wo eine Falte, eine Biegung

der Teppiche das Auge zu verweilen lud, hatte Aspa eine seltene Blume

glücklich angeschmiegt. Der Lorbeer und der Oleander Italiens, die

sicilische Myrte, das schöne Rhododendron der Alpen und die glühenden

Iriaceen Afrikas mit ihren reichen Kelchen: – alle lauschten je am

gelegensten Ort und doch, wie es schien, vom Zufall hingeworfen. –

Schon standen die Sterne am Himmel.

Es dämmerte draußen: im Gemach hatte Aspa die Flamme in der

veilchendunkeln Schale entzündet und war nur noch beschäftigt, hier und da

eine Falte zu glätten, indes sie eine römische Sklavin anwies, in den

Silberkrügen auf dem Bronzekredenztisch den Palmwein mit Schnee zu kühlen,

eine andre, das Gemach mit Balsam zu durchsprengen.

»Reichlicher die Narden, reichlicher die Myrrhen gesprengt! So!« rief

Aspa, eine volle Libation über das Lager spritzend.

»Laß ab,« mahnte die Römerin, »es ist zu viel! Schon der Duft der Blumen

betäubt: die Rose und das Geißblatt berauschen fast die Sinne: mir würde

schwindeln hier.«

»Ah,« lachte Aspa, »wie singt der Dichter: »Nüchternen nimmer nahet das

Glück: nur in seligem Rausche.« Laß uns jetzt das Fenster schließen.« –

»Nur ein wenig noch laß mich lauschen,« bat eine dritte junge Sklavin, die

dort lehnte. »Es ist zu schön! Komm, Frithilo,« sprach sie zu einer

gotischen Magd, die neben ihr stand, »du kennst ja all die stolzen Männer

und Frauen: sage, wer ist der zur Linken der Königin mit dem goldnen

Schuppenpanzer? er trinkt dem König zu.« – »Herzog Guntharis von Tuscien,

der Wölsung. Sein Bruder, Graf Arahad von Asta ... – wo mag der sein zu

dieser Stunde?«

»Und der Alte neben dem König, mit dem grauen Bart?«

»Das ist der Graf Grippa, der die Goten in Ravenna befehligt. Er spricht

die Fürstin an. Wie sie lacht und errötet! Nie war sie so schön.« – »Ja,

aber auch der Bräutigam – welch herrlicher Mann! Der Kopf des Mars, der

Nacken des Neptun. Aber er sieht nicht fröhlich: – vorhin starrte er lange

sprachlos in seinen Becher und furchte die Stirn: – die Königin sah es: –

bis der alte Hildebrand, gegenüber, ihm zurief. Da sah er seufzend auf.

Was hat der Mann zu seufzen? neben diesem Götterweib.«

»Nun,« sprach die Gotin, »er hat dann doch nicht ein ganz steinern Herz.

Er denkt dann vielleicht an die, die sein rechtes Weib vor Gott und

Menschen, die er verstoßen.«

»Was? wie? was sagst du? riefen die drei Sklavinnen zugleich. Aber

urplötzlich fuhr Aspa zwischen die Mädchen: »Willst du wohl schweigen mit

dem dummen Gerede, Barbarin! Mach, daß du fortkommst! Ein solches Wort: –

eine Silbe, daß es die Königin hört und du sollst der Afrikanerin

gedenken.«

Frithilo wollte erwidern. »Still,« rief eine der Römerinnen. »Die Königin

bricht auf.« – »Sie wird hier herauf kommen.« – »Der König bleibt noch.« –

»Nur die Frauen folgen ihr.« – »Sie geben ihr das Geleit bis hierher,«

sprach Aspa. »Gleich kann sie hier sein: bereitet euch, sie zu empfangen.«

Bald nahte der Zug, von Fackelträgern und Flötenbläsern eröffnet. Darauf

eine Auswahl der gotischen Edelfrauen: neben Mataswintha, der Braut oder

jungen Frau, schritt Theudigotho, die Gattin Herzogs Guntharis, und

Hildiko, die Tochter Grippas. Die vornehmen Frauen von Ravenna schlossen

den Zug.

An der Schwelle der Brautkammer verabschiedete Mataswintha ihr Gefolge, an

die jungen Mädchen ihren Schleier, an die Frauen ihren Gürtel

verschenkend.

Die meisten zogen sich wieder zu dem Fest in den Garten, andre nach Hause

zurück. Sechs Gotinnen aber, drei Frauen und drei Jungfrauen, ließen sich

als Ehrenwache vor der Thüre des Brautgemaches nieder, wo Teppiche für sie

bereitet lagen. Dort hatten sie mit einer gleichen Zahl gotischer Männer,

die den Bräutigam geleiteten, die Nacht zu verbringen: so wollt’ es die

gotische Sitte.

Mataswintha überschritt die Schwelle mit einem Ausruf des Staunens.

»Aspa,« rief sie, »das hast du schön gemacht! – zauberisch!« –

Die Afrikanerin kreuzte selig die Arme über die Brust und beugte den

Nacken. Sie an sich ziehend, flüsterte die Braut:

»Du kanntest mein Herz und seine Träume! Aber,« fuhr sie aufatmend fort,

»wie schwül! Deine glühenden Blumen berauschen.«

»In Glut und Rausch nahen die Götter!« sprach Aspa.

»Wie schön jene Violen: und dort die Purpurlilie; mir ist, die Göttin

Flora flog durchs Zimmer und dachte einen Liebestraum und verlor darüber

ihre schönsten Blumen. Es ist ein ahnungsvolles Wunder, das ich hier

erlebe. Es durchrieselt mich heiß. – Es ist schwül. – Nehmt mir den

schweren Prunk ab.« Und sie nahm die goldne Krone aus dem Haar.

Aspa strich ihr die vollen, dunkelroten Flechten hinter das feine Ohr und

zog die goldne Nadel heraus, die sie am Hinterkopf zusammenhielt: frei

wallte das Haar in den Nacken. Die andern Sklavinnen lösten die Spange,

die in Gestalt einer geringelten Schlange den schweren Purpurmantel mit

seinen reichen Goldstreifen auf der linken Schulter zusammenhielt. Der

Mantel fiel und zeigte die edle, hochschlanke Gestalt der Jungfrau in dem

ärmellosen wallenden Unterkleid von weißer persischer Seide. Ihre

schimmernden Arme umzirkten zwei breite, goldne Armreife: – Erbstücke aus

dem alten Schatz der Amalungen: grüne Schlangen von Smaragden waren darin

eingelegt.

Mit Entzücken schaute Aspa auf die Gebieterin, wie diese vor den in den

Marmor eingelassenen Metallspiegel trat, das lose Haar mit goldnem Kamm zu

schlichten.

»Wie schön du bist! wie zauberschön! – wie Astaroth, die Liebesgöttin: –

nie warst du so schön, wie in dieser Stunde.« Mataswintha warf einen

raschen Blick in den Spiegel. Sie sah, noch mehr, sie fühlte, daß Aspa

recht hatte: und sie errötete.

»Geht,« sagte sie, »laßt mich allein mit meinem Glück.« Die Sklavinnen

gehorchten. Mataswintha eilte ans Fenster, das sie rasch öffnete, wie um

ihren Gedanken zu entfliehen. Ihr erster Blick fiel auf Witichis, der

unten vom Schein der Hängelampen im Garten voll beleuchtet war.

»Er! Wieder er. – Wohin entflieh ich vor ihm, dem süßen Tod?«

Sie wandte sich rasch: da an der Wand, gerade dem Fenster gegenüber,

glänzte im Ampellicht eine weiße Marmorbüste. Sie kannte sie wohl: Aspa

hatte den Areskopf nicht vergessen, den treuen Begleiter lang harrender

Sehnsucht. Heute aber schlang sich ein Kranz von weißen und roten Rosen um

sein Haar. »Und wieder du!« flüsterte die Braut, süß erschrocken und legte

die weiße Hand vor die Augen. »Und schließ ich die Augen und wend’ ich sie

nach innen, so seh ich wieder sein Bild, sein Bild allein im tiefsten

Herzen. Ich werde noch untergehn in diesem Bilde! Ach, und ich will’s!«

rief sie die Hand fallen lassend und dicht vor die Büste tretend: »ich

will’s! Wie oft, mein Ares, wann der Abend kam, hab’ ich zu dir

aufgeblickt, wie zu meinem Stern, bis Frieden und Ruhe aus deinen klaren,

großen Zügen drang in die schwanke Seele. Wie wunderbar hat dieses Ahnen,

dieses Sehnen, dieses Hoffen sich erfüllt! Wie er einst dem weinenden

Kinde die Thränen getrocknet und die Ratlose nach Hause geführt, so wird

er auch jetzt all mein Klagen stillen und mir die wahre Heimat bauen in

seinem Herzen. Und durch all diese öden Jahre, durch all die letzten

Monate voll Gefahr und Angst trug ich in mir das sichere Gefühl: »Es wird!

Dir wird geschehen wie du glaubst! Dein Retter kommt und birgt dich sicher

an der starken Brust.« Und, o Gnade, unaussprechliche reiche Gnade des

Himmels: – es ward. Ich bin sein! Dank, glühenden, seligen Dank, wer immer

du bist, beglückende Macht, die über den Sternen die Bahn der Menschen

lenkt mit weiser, mit liebender, mit wunderbar segnender Hand. O ich

will’s verdienen, dieses Glück. Er soll im Himmel wandeln. Sie sagen, ich

bin schön: ich weiß es, daß ich’s bin: ich weiß es ja durch ihn: – ich

will’s für ihn sein. Laß mir, Himmel, diese Schöne. Sie sagen: ich habe

einen mächtigen, schwungvollen Geist. O gieb ihm Flügel, Gott, daß ich

seiner Heldenseele folgen kann in alle Sonnenhöhen. Aber, o Gott, laß mich

auch abthun meine Fehler, den spröden, stolzen, leicht gereizten Sinn, den

Trotz des zornigen Eigenwillens, den unbändigen Drang nach Freiheit ... –

O fort damit: beuge dich, beuge dich, hochmütiger Geist: ihm sich zu

beugen ist edelster Ruhm. Gieb dich gebunden, Herz, und verloren auf ewig

an ihn, deinen starken und herrlichen Herrn. O Witichis,« rief sie und

sank fortgerissen vom Gefühl halb aufs Knie, sich an das Lager lehnend und

zu der Büste aufblickend mit schwimmenden Augen – »ich bin dein. Thu wie

du willst mit meiner Seele! Vernichte sie! nur gesteh, daß du glücklich

bist, glücklich durch mich.«

Und sie beugte das schöne Haupt vor, nach den gefaltenen Händen.

Doch plötzlich fuhr sie empor. Licht, helles Licht floß ins Gemach. An der

offenen Thüre stand der König: draußen auf dem Gang zeigten sich

zahlreiche Goten und Ravennaten mit hellen Fackeln.

»Dank, meine Freunde,« sprach der König mit ernster Stimme. »Dank, für das

Festgeleit. Geht nun und vollendet die Nacht,« und er wollte die Thüre

schließen.

»Halt,« sprach Hildebrand, mit der Hand die Thüre wieder öffnend, so daß

Mataswintha sichtbar ward, »hier seht ihr, alles Volk: der Mann und das

Weib, die heut wir vermählt, sind glücklich geeint im Ehegemach. Ihr sehet

Witichis und Mataswintha: und ihren ersten ehelichen Kuß.«

Mataswintha erbebte. Sie wankte, und schlug erglühend die Augen nieder.

Unschlüssig stand der König in der Thür. »Du kennst der Goten Brauch,«

sprach Hildebrand laut, »so thu’ danach.«

Da wandte sich Witichis rasch, ergriff die zitternde Linke Mataswinthens,

führte sie schnell einen Schritt vorwärts und berührte mit den Lippen ihre

Stirn. Mataswintha zuckte.

»Heil euch!« rief Hildebrand. »Wir haben gesehen den bräutlichen Kuß. Wir

bezeugen hinfort den ehelichen Bund! Heil König Witichis und seinem

schönen Weib, der Königin Mataswintha.«

Der Zug wiederholte den Ruf und Hildebrand, Graf Grippa, Herzog Guntharis,

Hildebad, Aligern und der tapfere Bandalarius (Bannerträger) des Königs,

Graf Wisand von Volsinii, lagerten sich neben den sechs Frauen und Mädchen

vor der Thüre des Brautgemachs, welche Witichis nun schloß.

Sie waren allein.

Witichis warf einen langen, prüfenden Blick durch das Gemach. Das erste,

was Mataswintha that, war, – sein Kuß brannte auf ihrer Stirn, – daß sie

unwillkürlich soweit als möglich von ihm hinwegglitt. So war sie – sie

wußte nicht wie – in die fernste Ecke des Zimmers, an das Fenster,

gelangt. Witichis mochte es bemerken. Er stand hart an der Schwelle, die

Hände auf das mächtige, breite und fast brusthohe Schwert gestützt, das

er, aus dem Wehrgehäng genommen, in der Scheide, wie einen Stab, in der

Rechten führte.

Mit einem Seufzer trat er einen Schritt vor, das Auge ruhig auf

Mataswintha gerichtet. »Königin,« sprach er und seine Stimme drang ernst

und feierlich aus seiner Brust, »sei getrost! Ich ahne, was du fürchtend

fühlst in zarter Mädchenbrust. Es mußte sein. Ich durfte dein nicht

schonen. Das Wohl des Volks gebot’s: ich griff nach deiner Hand: sie muß

mein sein und bleiben. Doch hab’ ich schon in allen diesen Tagen dir

gezeigt, daß deine Scheu mir heilig. Ich habe dich gemieden: – und wir

sind jetzt zum ersten Mal allein. Auch diese gepreßte bange Stunde hätt’

ich dir gern erspart: es ging nicht an. Du kennst, glaube ich, die alte

Sitte des Brautgeleits. Und du weißt, in unserem Fall liegt alles daran,

sie nicht zu verletzen. Als ich in dies Gemach trat, und die Röte in

deinen Wangen aufflammen sah, – lieber hätt’ ich im ödesten Berggeklüft

dieses müde Haupt auf harten Fels zur Ruhe gelegt. Es ging nicht:

Hildebrand und Graf Grippa und Herzog Guntharis hüten diese Schwelle.

Sonst ist kein Ausgang aus diesem Gemach.

Wollt’ ich dich verlassen, es gäbe Lärm und Spott und Streit: und neuen

Zwist vielleicht. Du mußt mich diese Nacht in deiner Nähe dulden.«

Und er trat einen Schritt weiter vor und nahm die schwere Krone ab: auch

den Purpurmantel, den er, ähnlich dem Mataswinthens, über der Schulter

trug, warf er ab.

Zitternd, sprachlos lehnte Mataswintha an der Wand.

Witichis drückte dies Schweigen: so schwer er selber litt, ihn dauerte des

Mädchens. »Komm, Mataswintha,« sprach er. »Verharre nicht in unversöhntem

Zorn. Es mußte sein, sag’ ich dir. Laß uns, was sein muß, edel tragen und

nicht durch Kleinheit uns verbittern. Ich mußte deine Hand nehmen, – dein

Herz bleibt frei.

Ich weiß, du liebst mich nicht: du kannst, du sollst, du darfst mich nicht

lieben. Doch glaub’ mir: redlich ist mein Herz und achten sollst du

immerdar den Mann, mit dem du diese Krone teilst. Auf gute Freundschaft,

Königin der Goten!«

Und er trat zu ihr und bot ihr die Rechte.

Nicht länger hielt sich Mataswintha: rasch ergriff sie seine Hand und sank

zugleich zu seinen Füßen nieder, daß Witichis überrascht zurücktrat.

»Nein, weiche nicht zurück, du Herrlicher!« rief sie. »Es ist doch kein

Entrinnen vor dir! Nimm alles hin und wisse alles. Du sprichst von Zwang

und Furcht und Unrecht, das du mir gethan. O Witichis, wohl hat man mich

gelehrt, – das Weib soll immer klug verbergen, was es fühlt, soll sich

bitten lassen und erweichen und nur genötigt geben, was es aus Liebe

giebt, auch wenn ihr ganzes Herz danach verlangt. Sie soll niemals ... –

Hinweg mit diesen niedrigen Plänen armer Klugheit! Laß mich thöricht sein!

Nicht thöricht! Offen und groß, wie deine Seele!

Nur Größe kann dich verdienen, nur das Ungewöhnliche. Du sprichst von

Zwang und Furcht? Witichis, du irrst! – Es brauchte keines Zwangs! –

gern ...« –

Staunend hatte sie Witichis eine Zeit lang angesehen.

Jetzt endlich glaubte er, sie zu verstehen. »Das ist schön und groß,

Mataswintha, daß du feurig fühlest für dein Volk, die eigene Freiheit ohne

Zwang ihm opfernd. Glaub’ mir, ich ehre das hoch, und schlage das Opfer

darum nicht niedriger an. That ich doch desgleichen! Nur um des

Gotenreiches willen griff ich nach deiner Hand und nun und nie kann ich

dich lieben.«

Da erstarrte Mataswintha.

Sie ward bleich wie eine Marmorstatue: die Arme fielen ihr schlaff herab:

sie starrte ihn mit großen, offnen Augen an. »Du liebst mich nicht? du

kannst mich nicht lieben? Und die Sterne logen doch? Und es ist doch kein

Gott? Sag, bin ich denn nicht Mataswintha, die du das schönste Weib der

Erde genannt?«

Aber der König beschloß, dieser Aufregung, die er nicht verstand und nicht

erraten wollte, rasch ein Ende zu machen. »Ja, du bist Mataswintha, und

teilst meine Krone, nicht mein Herz. Du bist nur die Gemahlin des Königs,

aber nicht das Weib des armen Witichis. Denn wisse, mein Herz, mein Leben

ist auf ewig einer andern gegeben. Es lebt ein Herz, ein Weib, das sie von

mir gerissen: und dem doch ewig mein Herz zu eigen bleibt. Rauthgundis,

mein Weib, mein treues Weib im Leben und im Tod!«

»Ha!« rief Mataswintha, wie von Fieber geschüttelt und beide Arme

erhebend, »und du hast es gewagt ... –«

Die Stimme versagte ihr. Aber aus ihren Augen loderte Feuer auf den König.

»Du wagst es!« rief sie nochmals – »Hinweg, hinweg von mir!«

»Still,« sprach Witichis, »willst du die Lauscher draußen herbeirufen?

Fasse dich, ich verstehe dich nicht.«

Und rasch zog er das mächtige Schwert aus der Scheide, trat damit an das

Doppelpfühl und legte es auf den Rand der beiden Lager, wo sie eng

aneinanderstießen.

»Sieh hier dies Schwert! Es sei die ewige, scharfe, eherne, kalte Grenze

zwischen uns! Zwischen deinem Wesen und dem meinen.

Beruhige dich doch nur. Es soll uns ewig scheiden.

Ruhe du hier zur Rechten seiner Schneide, – ich bleibe links. So teile,

wie ein Schwertschnitt, diese Nacht für immer unser Leben!«

Aber in Mataswinthens Busen wogten die mächtigsten Gefühle, furchtbar

ringend, drohend: Scham und Zorn, Liebe und glühender Haß. Die Stimme

versagte ihr. »Nur fort, fort aus seiner Nähe,« konnte sie noch denken.

Sie eilte gegen die Thür.

Aber mit fester Hand ergriff Witichis ihren Arm.

»Du mußt bleiben.« Da zuckte sie zusammen: das Blut schoß in ihr auf:

bewußtlos sank sie nieder.

Ruhig sah Witichis auf sie herab. »Armes Kind,« sprach er, »der schwüle

Duft in diesem Gelaß hat sie ganz verwirrt! Sie wußte nicht, was sie

sinnlos sprach!

Was ist deine kleine mädchenhafte Verwirrung gegen Rauthgundens

Herzzerreißung und die meine.«

Und leise legte er die Besinnungslose auf das Pfühl zur Rechten des

Schwertes.

Er selbst setzte sich nun, in seinen Waffen klirrend, auf den Bodenteppich

zur Linken und lehnte den Rücken an das Lager.

Lang saß er so, das Haupt vorgebeugt und die Lippen auf ein blondes

Haargeflecht gedrückt, das er in kleiner Kapsel auf dem Herzen trug. Es

kam kein Schlaf in seine kummervollen Augen. –

Mit dem ersten Hahnenschrei verließ die Brautwache ihren Posten, von

Flötenbläsern abgeholt. Gleich darauf schritt der König aus dem Gemach, in

voller Rüstung.

Die Flöten hatten auch Mataswintha geweckt.

Aspa, die sich leise heranschlich, hörte plötzlich einen dumpfen Schlag.

Sie eilte in das Gemach. Da stand die Königin, auf des Königs langes

Schwert gestützt, und starrte vor sich zur Erde.

Der Areskopf lag zertrümmert zu ihren Füßen.

Drittes Kapitel.

Im friedlichen Licht des späten Nachmittags schimmerten die Kirche und das

Kloster, die am Fuß des Apenninus nordöstlich von Perusia und Asisium,

südlich von Petra und Eugubium, hoch auf dem Felsenhang oberhalb des

kleinen Fleckens Taginä, Valerius gebaut, seine Tochter vom Dienst des

Jenseits einzulösen.

Das Kloster, aus dem dunkelroten Gestein der Gegend aufgeführt, umfriedete

mit seinen Geviertmauern einen stillen Garten von dichtem grünem Laubwerk.

An den vier Seiten desselben liefen kühle Bogengänge hin mit

Apostelstatuen und Mosaik und mit Fresken auf goldnem Grund geschmückt.

All dies Bildwerk hatte den freudlosen byzantinischen Ernst: es waren

sinnbildliche Darstellungen aus der heiligen Schrift, zumal aus der

Offenbarung Johannis, dem Lieblingsbuch jener Zeit.

Feierliche Stille waltete rings. Das Leben schien weithin ausgeschlossen

von diesen hohen und starken Mauern. Cypressen und Thuien herrschten vor

in den Baumgruppen des Gartens, in dem nie eines Vogels Gesang vernommen

ward. Die strenge Klosterordnung duldete die Vöglein nicht: der Nachtigall

süßes Rufen sollte nicht die frommen Seelen in ihren Gebeten stören.

Cassiodor war es, der, schon als Minister Theoderichs einer streng

kirchlichen Richtung ergeben und biblischer Gelehrsamkeit voll, seinem

Freunde Valerius den ganzen Plan der äußeren und inneren Einrichtung

seiner Stiftung entworfen – ähnlich der Regel des Männerklosters, das er

selbst zu Squillacium in Unteritalien gegründet – und dessen Ausführung

überwacht hatte. Und sein frommer, aber strenger, der Welt und dem Fleisch

feindlich abgewendeter Geist drückte sich denn im größten wie im kleinsten

dieser Schöpfung aus. Die zwanzig Jungfrauen und Witwen, welche hier als

Religiosä lebten, verbrachten in Beten und Psalmensingen, in Buße und

Kasteiung ihre Tage. Doch auch in werkthätiger christlicher Liebe, indem

sie die Armen und Kranken der Umgegend in ihren Hütten aufsuchten und

ihnen Seele und Leib trösteten und pflegten.

Es machte einen feierlichen, poesievollen, aber sehr ernsten Eindruck,

wenn durch die dunkeln Cypressengänge hin eine dieser frommen Beterinnen

wandelte, in dem faltenreichen, dunkelgrauen Schleppgewand, auf dem Haupt

die weiße enganschließende Kalantika, eine Tracht, die das Christentum von

den ägyptischen Isispriestern überkommen. Vor den oft in Kreuzesform

geschnittenen Buchsgebüschen blieben sie stehen und kreuzten die Arme auf

der Brust. Immer gingen sie allein und stumm, wie Schatten glitten sie bei

jeder Begegnung aneinander vorüber. Denn das Gespräch war auf das

Unerläßliche beschränkt.

In der Mitte des Gartens floß ein Quell aus dunklem Gestein von Cypressen

überragt. Ein Paar Sitze waren in den Marmor gehauen.

Es war ein stilles, schönes Plätzchen: wilde Rosen bildeten dort eine Art

Laube und verbargen beinahe völlig ein finsteres, rohes Steinrelief, das

die Steinigung des heiligen Stephanus darstellte.

An diesem Quell saß, eifrig lesend in aufgerollten Papyrusrollen, eine

schöne, jungfräuliche Gestalt in schneeweißem Gewand, das eine goldne

Spange über der linken Schulter zusammenhielt, das dunkelbraune Haar, in

weichen Wellen zurückgelegt, umflocht eine fein geschlungene Epheuranke: –

Valeria war’s, die Römerin.

Hier, in diesen entlegenen, festen Mauern hatte sie Zuflucht gefunden,

seit die Säulen ihres Vaterhauses zu Neapolis niedergestürzt. Sie war

bleicher und ernster geworden in diesen einsamen Räumen. Aber ihr Auge

leuchtete noch in seiner ganzen stolzen Schönheit.

Sie las mit großem Eifer; der Inhalt schien sie lebhaft fortzureißen, die

feingeschnittenen Lippen bewegten sich unwillkürlich und zuletzt ward die

Stimme der Lesenden leise vernehmlich:

– – »Und er vermählte die Tochter dem erzumpanzerten Hektor. –

Die kam jetzt ihm entgegen, die Dienerin folgte zugleich ihr,

Tragend am Busen das zarte, noch ganz unmündige Knäblein,

Hektors einzigen Sohn, holdleuchtendem Sterne vergleichbar.

Schweigend betrachtete Hektor mit lächelndem Blicke den Knaben.

Aber Andromache trat mit thränenden Augen ihm näher,

Drückt’ ihm zärtlich die Hand und begann die geflügelten Worte:

»Böser, dich wird noch verderben dein Mut! Und des lallenden Knäbleins

Jammert dich nicht, noch meiner, die bald ach! Witwe von Hektor

Sein wird. Bald ja werden die grimmigen Feinde dich töten,

Alle mit Macht einstürmend auf dich. Dann wär’ mir das beste,

Daß mich die Erde bedeckt, wenn du stirbst: bleibt doch mir in Zukunft

Nie ein anderer Trost, wenn dich wegraffte das Schicksal:

Nein, nur Trauer: lang ist mein Vater dahin und die Mutter:

Du nur allein bist Vater mir jetzt und Mutter und alles ... –««

Sie las nicht weiter: die großen runden Augen wurden feucht, ihre Stimme

versagte; sie neigte das blasse Haupt.

»Valeria,« sprach eine milde Stimme, und Cassiodor beugte sich über ihre

Schulter. »Thränen über dem Buch des Trostes? Aber was sehe ich: – die

Ilias! Kind! ich gab dir doch die Evangelien.«

»Verzeih mir, Cassiodor. Es hängt mein Herz noch andern Göttern an als

deinen. Du glaubst nicht: je gewaltiger von allen Seiten her die Schatten

ernster Entsagung auf mich eindringen, seit ich bei dir und in diesen

Mauern weile, desto krampfhafter klammert sich die widerstrebende Seele an

die letzten Fäden, die mich mit einer andern Welt verbinden. Und zwischen

Grau’n und Liebe ratlos schwankt der Sinn.«

»Valeria, du hast keinen Frieden in diesem Haus des Friedens gefunden.

Wohlan, so zieh hinaus. Du bist ja frei und Herrin deines Willens. Kehre

zurück zu jener bunten Welt, wenn du glaubst, dort dein Glück zu finden.«

Sie aber schüttelte das schöne Haupt. »Es geht nicht mehr. Feindlich

ringen in meiner Seele zwei Gewalten. Welche auch siege, – ich verliere

immer.«

»Kind, sprich nicht so! du kannst die beiden Mächte, Erdenlust und

Himmelsseligkeit, nicht wie zwei gleiche Dinge in einer Wage wiegen.«

»Weh’ denen,« fuhr sie, wie mit sich selbst sprechend, fort, »welchen das

Schicksal den gespaltnen Doppeltrieb in die Seele gepflanzt, der bald zu

den Sternen nach oben, bald nieder zu den Blumen zieht. Sie werden keines

der beiden froh.«

»In dir, mein Kind,« sprach Cassiodor, sich zu ihr setzend, »walten

freilich unversöhnt deines weltlichen Vaters und deiner frommen Mutter

Sinn. Dein Vater, ein Römer der alten Art, ein Kind der stolzen, rauhen

Welt, kühn, sicher, selbstvertrauend, nach Gewinn und Macht strebend,

wenig, allzuwenig, fürcht’ ich, ergriffen von dem Geist unseres Glaubens,

der nur im Jenseits unsere Heimat sucht, – in der That Valerius, mein

Freund, war mehr ein Heide denn ein Christ. Und daneben deine Mutter,

fromm, sanft, aus einem Martyrergeschlecht, den Himmel suchend und der

Erde vergessen, auch sie hat wohl ein Teil von ihrem Wesen in dich ... –«

»Nein,« sprach Valeria aufstehend und das edle Haupt kräftig

zurückwerfend, »ich fühle nur des Vaters Art in mir. Kein Tropfen Blut

neigt jener Seite zu. Die Mutter war viel krank und starb schon früh.

Unter meines Vaters Augen wuchs ich auf; Iphigenia und Antigone und

Nausikaa, Cloelia und Lucretia und Virginia waren die Freundinnen meiner

Jugend. Nicht viele Priester sah man in des Kaufherrn Haus und wenn er

abends mit mir saß und las, so waren’s Livius und Tacitus und Vergilius,

nicht das heilige Buch der Christen. So wuchs ich heran bis in mein

siebzehntes Jahr, den Sinn allein auf diese Welt gerichtet. Denn auch die

Tugenden, die der Vater pries und übte, sie galten nur dem Staat, dem

Haus, den Freunden. Glücklich war ich in jener Zeit, ungespalten meine

Seele.«

»Du warst eine Heidin trotz des Taufwassers.«

»Ich war glücklich. Da kamen wir auf einer Reise zuerst in diese Mauern

mit ihrem Grabesernst und dunkle schwere Schatten fielen hier zuerst in

meine Seele. Dich fand ich hier und du entdecktest mir, was man mir bisher

sorgfältig verborgen hatte, daß die Mutter in schwerer Krankheit mich

schon vor meiner Geburt durch ein Gelübde dem ehelosen Leben im Kloster

geweiht, wenn Gott sie und ihr Kind am Leben erhalte, und daß mein Vater,

dem dieser Gedanke unerträglich, später mich vom Himmel eingelöst, indem

er, freilich mit Zustimmung des Bischofs von Rom, statt die Tochter

hinzugeben, Kirche und Kloster hier gebaut.«

»So ist es, Kind, mit dem vierten Teil seines Vermögens! Darüber kannst du

dich beruhigen. Der Nachfolger des heiligen Petrus, der die Macht hat, zu

binden und zu lösen, hat den Tausch, die Umwandlung des Gelübdes

gebilligt. Du bist frei!« – »Aber ich fühle mich nicht frei! Nicht mehr

seit jener Stunde! Was auch du, was auch der Vater gesagt, tief, tief in

meinem Herzen spricht eine Stimme: »der Himmel nimmt nicht totes Gold

statt einer lebendigen Seele. Das Schicksal läßt sich nicht abkaufen, was

einmal ihm verwirkt war.« Die finstre, ernste, drohende Macht jenes

heiligen Glaubens, der meiner Seele fremd gewesen und geblieben ist, die

in diesem feierlichen Raume wohnt, hat ein Recht, ein zwingend

Herrschaftsrecht über meine Seele und läßt nicht davon. Ich bin ihr

verfallen. Ihr gehör’ ich an, nicht wollend, widerstrebend, aber sicher

doch. Der Welt der Entsagung, des Schmerzes, der Dornen: nicht jener

goldnen Welt meines Homers, der Blumen und des Sonnenscheins, zu der noch

immer von innen meine ganze Seele neigt. So oft ich’s auch vergessen will,

immer ziehen wieder die Wolkenschatten über meine Seele. Sie drohen im

Hintergrunde aller Freuden: wie dort das finstre Martyrbild hinter den

roten Rosen.«

»Valeria, du hassest, scheint’s, was du verehren solltest.«

»Ich hasse es nicht. Ich fürchte es. Wohl war eine Zeit,« – und ein Strahl

der Freude flog über ihre Züge – »da glaubte ich den dunkeln Schatten für

immer besiegt von einem hellen Gott des Lichts. Als ich zuerst des jungen

Goten lachend Auge sah und seine sonnige Seele mich umschloß, als soviel

Jugend, Schönheit, Liebe und Glück mich umfluteten, da wähnte ich wohl,

für immer sei jener Bann gelöst. Aber es währte nicht lang.

Der finstre Gott des Schmerzes pochte vernehmlich an die goldne Wand, die

ich zwischen ihn und mich gebaut und immer näher drangen seine Schläge.

Der Krieg bricht aus, mein teurer Vater fällt und nimmt einen

verhängnisvollen Eid des Geliebten mit sich ins Grab. In Schutt versinkt

das Haus meiner Ahnen und ich muß flüchten aus meiner Vaterstadt. Sie

fällt dem Feinde zu. Nur das Opfer eines köstlichen Lebens rettet mir den

Geliebten. Die Woge des Krieges verschlägt ihn fern von mir.

Und wie ich erwache aus der Betäubung dieses Streichs, – find’ ich mich

hier, in diesem großen Grabe, dem Ort meiner Bestimmung. Ach, du wirst

sehen, der Himmel begnügt sich nicht mit dem leeren Grab. Er fordert auch

die Leiche, die hinein gehört.«

»Valeria! du solltest Kassandra heißen.«

»Ja, denn Kassandra sah die Wahrheit, ihre Gesichte trafen ein!«

»Du weißt, wir erkennen einer Seele den Preis zu, die der Erde vergißt

über dem Himmel. Aber Gott will erzwungne Opfer nicht. Und so sag’ ich

dir, du quälst dich mit eitlem Vorwurf. Der Papst hat dich gelöst, so bist

du frei.«

»Die Seele löst kein Papst. Der Papst nimmt Gold, das Schicksal nicht. Du

wirst erfüllt sehen, was ich dir ahnend vorhersage – nie werd ich

glücklich, nie werd ich Totilas und diese Stätte wird ... –«

»Und wenn’s so wäre? Hängst du denn noch gar so fest an Glück und

Hoffnung? Freilich, du bist noch jung. Aber Kind, ich sage dir: je früher

du dich losmachst, desto größerem Weh entrinnst du. Ich habe die Welt und

ihre falschen Freuden und Ehren alle gekostet und sie alle eitel und

treulos erfunden. Nichts auf Erden füllt die Seele aus, die nicht von

dieser Erde ist. Wer das erkennt, der sehnt sich hinweg aus dieser Welt

der Unrast und der Sünde. Erst in der Welt jenseits des Grabes ist deine

Heimat. Dahin verlangt die ganze Seele ... –«

»Nein, nein, Cassiodor,« rief die Römerin, »meine ganze Seele verlangt

nach Glück auf dieser schönen Erde! Ihr gehör’ ich an! Auf ihr fühl’ ich

mich heimisch. Blauer Himmel, weißer Marmor, rote Rosen, linde,

duftgefüllte Abendluft: – wie seid ihr schön!

Das will ich einatmen mit entzückten Sinnen! Wer das genießt, ist

glücklich! Weh dem, der es verloren! Von deinem Jenseits hab’ ich kein

Bild in meiner bangen Seele! Nebel, Schatten – graues Ungewiß allein liegt

jenseit des Grabes. Wie spricht Achilleus?

»Tröste mich doch nicht über den Tod! Du kannst nicht, Odysseus.

Lieber ja möcht’ ich das Feld als Lohnarbeiter bestellen

Für den bedürftigen Mann, dem nicht viel Habe geworden,

Als hier allzumal die Schatten der Toten beherrschen.«

So empfind’ auch ich. Weh’ dem, den nicht die goldne Sonne mehr bescheint.

O wie gern, wie gern wär’ ich glücklich in dieser schönen Welt, in meinem

schönen Heimatland: wie fürcht ich das Unheil, das doch unaufhaltsam näher

dringt, wie hier auf dieser Wand mit der sinkenden Sonne die Schatten

unhörbar, doch unhemmbar wachsen. O, wer ihn aufhielte, den furchtbar

nahenden Schatten meines Lebens!«

Da drang vom Eingang her ein heller, kräftiglust’ger Schall, ein fremder

Ton in diesen stillen Mauern, die nur vom leisen Choral der Jungfraun

wiedertönten. Die Trompete blies den muntern, kriegerischen Feldruf der

gotischen Reiter: belebend drang der Ton in die Seele Valerias.

Aus dem Wohngebäude aber eilte der alte Pförtner herbei. »Herr,« rief er,

»keckes Reitervolk lagert vor den Mauern. Sie lärmen und verlangen Fleisch

und Wein. Sie lassen sich nicht abweisen und der Führer: – da ist er

schon« –

»Totila!« jauchzte Valeria und flog dem Geliebten entgegen, der in

schimmernder Rüstung, vom weißen Mantel umwallt, waffenklirrend,

heranschritt.

»O du bringst Luft und Leben!« »Und neues Hoffen und die alte Liebe,« rief

Totila. Und sie hielten sich umschlungen.

»Wo kommst du her? Wie lang bist du mir fern geblieben!« – »Ich komme

geradeswegs von Paris und Aurelianum, von den Höfen der Frankenkönige. O

Cassiodor, wie gut sind jene daran jenseit der Berge! Wie leicht haben

sie’s! Da kämpft nicht Himmel und Boden und Erinnerung gegen ihre

Germanenart. Nahe ist der Rhenus und Danubius und ungezählte

Germanenstämme wohnen dort in alter ungebrochner Kraft: – wir dagegen sind

wie ein vorgeschobner, verlorner Posten, ein einzelner Felsblock, den

rings feindliches Element benagt.

Doch desto größer,« sprach er, sich aufrichtend, »ist der Ruhm, hier,

mitten im Römerland, Germanen ein Reich zu bauen und zu erhalten.

Und welcher Zauber liegt auf deinem Vaterland, Valeria. Es ist das unsre

auch geworden! Wie frohlockte mein Herz, als mich wieder Oliven und

Lorbeer begrüßten und des Himmels tiefes, tiefes Blau. Und ich fühlte

klar: wenn mein edles Volk sich siegreich erhält in diesem edlen Land,

dann wird die Menschheit ihr edelstes Gebilde hier erstehen sehn.«

Valeria drückte dem Begeisterten die Hand.

»Und was hast du ausgerichtet?« fragte Cassiodor.

»Viel! – Alles! Ich traf am Hofe des Merowingen Childibert Gesandte von

Byzanz, die ihn schon halb gewonnen, als sein Bundesgenosse in Italien

einzufallen. Die Götter – vergieb mir, frommer Vater – der Himmel war mit

mir und meinen Worten. Es gelang, ihn umzustimmen. Schlimmstenfalls ruhen

seine Waffen ganz. Hoffentlich sendet er uns ein Heer zu Hilfe.«

»Wo ließest du Julius?«

»Ich geleitete ihn bis in seine schöne Heimatstadt Avenio. Dort ließ ich

ihn unter blühenden Mandelbäumen und Oleandern. Dort wandelt er, fast nie

mehr den Platon, meist den Augustinus in der Hand und träumt und träumt

vom ewigen Völkerfrieden, vom höchsten Gut und von dem Staate Gottes! Wohl

ist es schön in jenen grünen Thälern: – doch neid’ ich ihm die Muße nicht.

Das Höchste ist das Volk, das Vaterland! Und mich verlangt’s, für dieses

Volk der Goten zu kämpfen und zu ringen. Überall, wo ich des Rückwegs kam,

trieb ich die Männer zu den Waffen an. Schon drei starke Scharen traf ich

auf dem Wege nach Ravenna. Ich selber führe eine vierte dem wackern König

zu. Dann geht es endlich vorwärts gegen diese Griechen, und dann: Rache

für Neapolis!« Und mit blitzenden Augen hob er den Speer – er war sehr

schön zu schauen.

Entzückt warf sich Valeria an seine Brust. »O sieh, Cassiodor, das ist

_meine_ Welt! _meine_ Freude! _mein_ Himmel! Mannesmut und Waffenglanz und

Volkesliebe und die Seele in Lieb’ und Haß bewegt – füllt das die

Menschenbrust nicht aus?«

»Jawohl: im Glück und in der Jugend! Es ist der Schmerz, der uns zum

Himmel führt.«

»Mein frommer Vater,« sagte Totila, mit der Linken Valeria an sich

drückend, mit der Rechten an seine Schulter rührend, »schlecht steht mir

an, mit dir, dem Ältern, Weisern, Besseren zu streiten. Aber anders ist

mein Herz geartet. Wenn ich je zweifeln könnte an eines gütigen Gottes

Walten, so ist es, wann ich Schmerz und unverschuldet Leiden sehe. Als ich

der edeln Miriam Auge brechen sah, da fragte mein verzweifelnd Herz: »lebt

denn kein Gott?«

Im Glück, im Sonnenschein fühl’ ich den Gott und seine Gnade wird mir

offenbar. Er will gewiß der Menschen Glück und Freude: – der Schmerz ist

sein heiliges Geheimnis – ich vertraue: dereinst wird uns auch dies Rätsel

klar. Einstweilen aber laß uns auf der Erde freudig das Unsere thun und

keinen Schatten uns allzulang verdunkeln.

In diesem Glauben, Valeria, laß uns scheiden. Denn ich muß fort zu König

Witichis mit meinen Reitern.«

»Du gehst von mir? schon wieder? Wann, wo werd’ ich dich wiedersehn?«

»Ich seh’ dich wieder, nimm mein Wort zum Pfand!

Ich weiß, es kommt der Tag, da ich mit vollem Recht dich aus diesen

ernsten Mauern führen darf ins sonnige Leben. Laß dich indes nicht

allzusehr verdüstern. Es kommt der Tag des Sieges und des Glücks: und mich

erhebt’s, daß ich zugleich das Schwert für mein Volk und meine Liebe

führe.«

Inzwischen war der Pförtner mit einem Schreiben an Cassiodor

wiedergekommen.

»Auch ich muß dich verlassen, Valeria,« sprach der.

»Rusticiana, des Boëthius Witwe, ruft mich dringend an ihr Sterbebett: sie

will ihr Herz erleichtern von alter Schuld. Ich gehe nach Tifernum.«

»Dahin führt auch unser Weg, du ziehst mit mir, Cassiodor. Leb wohl,

Valeria!«

Nach kurzem Abschied sah die Jungfrau den Geliebten gehn. Sie bestieg ein

Türmchen der Gartenmauer und sah ihm nach. Sie sah, wie er in voller

Rüstung sich in den Sattel schwang, sie sah mit freudigen Augen seine

Reiter hinter ihm traben. Hell blitzten ihre Helme im Abendlicht, die

blaue Fahne flatterte lustig im Winde: alles war voll Leben, Kraft und

Jugend.

Sie sah dem Zuge nach, lang und sehnend.

Aber als er fern und ferner sich hinzog, da wich der frohe Mut, den sein

Erscheinen gebracht, wieder von ihr. Bange Ahnungen stiegen ihr auf und

unwillkürlich sprachen sich ihre Gefühle aus in den Worten ihres Homeros:

»Siehest du nicht wie schön von Gestalt, wie stattlich Achilleus?

Dennoch harrt auch seiner der Tod und das dunkle Verhängnis,

Wann auch ihm in des Kampfes Gewühl das Leben entschwindet,

Ob ihn ein Pfeil von der Sehne dahinstreckt, oder ein Wurfspeer.«

Und schmerzlich seufzend schritt die Jungfrau aus dem rasch sich

verdunkelnden Garten in die dumpfen Mauern zurück.

Viertes Kapitel.

Inzwischen hatte König Witichis in seinem Waffenplatz Ravenna jede Kunst

und Thätigkeit eines erfahrnen Kriegsmannes entfaltet.

Während jede Woche, ja jeden Tag vor und in der Stadt größere und kleinere

Scharen von den gotischen Heeren eintrafen, die der Verrat Theodahads an

die Grenzen gesendet hatte, arbeitete der König unablässig daran, das

ganze große Heer, das allmählich bis auf einhundertundfünfzig

Tausendschaften gebracht werden sollte, auszurüsten, zu waffnen, zu

gliedern und zu üben. Denn die Regierung Theoderichs war eine äußerst

friedliche gewesen: nur die Besatzungen der Grenzprovinzen, kleine

Truppenmassen, hatten mit Gepiden, Bulgaren und Avaren zu thun gehabt, und

in den mehr als dreißig Jahren der Ruhe waren die kriegerischen Ordnungen

eingerostet.

Da hatte der tüchtige König, von seinen Freunden und Feldherren eifrig

unterstützt, Arbeit vollauf. Die Arsenale und Werften wurden geleert, in

Ravenna ungeheure Vorratspeicher angelegt und zwischen der dreifachen

Umwallung der Stadt endlose Reihen von Werkstätten für Waffenschmiede

aller Art aufgeschlagen, die Tag und Nacht unablässig zu arbeiten hatten,

den Forderungen des kampfbegierigen Königs, des massenhaft anschwellenden

Heeres zu genügen. Ganz Ravenna ward ein Kriegslager. Man hörte nichts als

die Hammerschläge der Schmiede, das Wiehern der Rosse, den Sturmruf und

Waffenlärm der sich übenden Heerscharen.

In diesem Getöse, in dieser rastlosen Thätigkeit betäubte Witichis, so gut

es gehen wollte, den Schmerz seiner Seele und begierig sah er dem Tag

entgegen, da er sein schönes Heer zum Angriff gegen den Feind führen

könne. Doch hatte er bei allem Drange, im Kampfgewühl sich selber zu

verlieren, seiner Königspflicht nicht vergessen, und durch Herzog

Guntharis und Hildebad ein Friedensanerbieten an Belisar gesendet mit den

mäßigsten Vorschlägen.

So von Krieg und Staat ganz in Anspruch genommen, hatte er kaum einen

Blick und Gedanken für seine Königin, der er auch, wie er meinte, kein

größeres Gut als die ungestörteste Freiheit zuwenden konnte.

Aber Mataswintha war von jener unheilvollen Brautnacht an von einem Dämon

erfüllt, von dem Dämon unersättlicher Rache. In Haß übergeschlagene Liebe

ist der giftigste Haß.

Ihre tiefe und leidenschaftliche Seele hatte von Kindheit an das Ideal

dieses Mannes hoch zu den Sternen erhöht. Ihr Stolz, ihre Hoffnung, ihre

Liebe, war einzig an dieser Gestalt gehangen und sicher, wie den Aufgang

der Sonne, hatte sie die Erfüllung ihrer Sehnsucht durch diesen Mann

erwartet.

Und nun mußte sie sich gestehn, daß er ihre Liebe hatte ans Licht gebracht

und nicht erwidert: daß sie, obwohl seine Königin, mit dieser Liebe wie

eine Verbrecherin dem verstoßenen und doch ewig allein in seinem Herzen

wohnenden Weibe gegenüberstehe. Und er, auf den sie als Retter und

Befreier von unwürdigem Zwang gehofft, er hatte ihr die höchste Schmach

angethan: eine Ehe ohne Liebe. Er hatte ihr die Freiheit genommen und kein

Herz dafür gegeben. Und warum? was war der letzte Grund dieses Frevels?

Das Gotenreich, die Gotenkrone!

Sie zu erhalten, hatte er sich nicht besonnen, einer Mataswintha Leben zu

verderben. »Hätte er meine Liebe nicht erwidert – ich wäre zu stolz, ihn

darum zu hassen. Aber er zieht mich an sich, behängt mich, wie zum Hohne,

mit dem Namen seines Weibes, führt diese Liebe bis hart an den Gipfel der

Erfüllung und stößt mich dann achtlos hinunter in die Nacht

unaussprechlicher Beschämung. Und warum? warum das alles. Um einen eiteln

leeren Schall: »Gotenreich!« Um einen toten Reif von Gold. Weh ihm, und

wehe seinem Götzen, dem er dies Herz geschlachtet. Er soll es büßen. An

seinem Götzenbilde soll er’s büßen. Hat er mir ohne Schonung mein Idol,

sein eigen Bild, meine schöne Liebe mit Füßen getreten, – wohlan, Götze

gegen Götze! Er soll leben, dieses Reich zernichtet zu sehen, diese Krone

zerstückt. Zerschlagen will ich ihm seinen Lieblingswahn, um den er die

Blüte meiner Seele geknickt, zerschlagen dieses Reich wie seine Büste. Und

wenn er verzweifelnd, händeringend vor den Trümmern steht, will ich ihm

zurufen: sieh, so sehn die zerschlagenen Götzen aus.«

So, in der widerstandlosen Sophistik der Leidenschaft, beschuldigte und

verfolgte Mataswintha den unseligen Mann, der mehr als sie gelitten, der

nicht nur sie, der sein und des geliebten Weibes Glück dem Vaterland

geopfert.

Vaterland, Gotenreich: – der Name schlug ohne Klang an das Ohr des Weibes,

das von Kindheit auf unter diesem Namen nur zu leiden, nur dagegen für

ihre Freiheit zu ringen gehabt hatte. Sie hatte nur der Selbstsucht ihres

Einen Gefühls, der Poesie dieser Leidenschaft gelebt, und zur Rache, Rache

für die Hinopferung ihrer Seele, dies Gotenreich zu verderben, war ihre

höchste, grimmige Lust. O hätte sie, wie jene Marmorbüste, mit Einem

Streich, dies Reich zerschmettern können!

Mit diesem Wahnsinn der Leidenschaft empfing sie aber deren ganze

dämonische Klugheit. Sie wußte ihren tödlichen Haß und ihre geheimen

Rachegedanken so tief vor dem König zu verbergen, – so tief wie sie sich

selbst die geheime Liebe verbarg, die sie noch immer für den grimmig

Verfolgten im tiefsten Busen trug.

Auch wußte sie dem König ein Interesse an der gotischen Sache zu zeigen,

welches das einzige Band zwischen ihnen zu bilden schien und das, wenn

auch in feindlichem Sinne, wirklich in ihr bestand. Denn wohl begriff sie,

daß sie dem gehaßten König nur dann schaden, seine Sache nur dann

verderben konnte, wenn sie in alle Geheimnisse derselben genau eingeweiht,

mit ihren Stärken wie mit ihren Blößen genau vertraut war.

Ihre hohe Stellung machte ihr leicht möglich, alles, was sie wissen

wollte, zu erfahren: schon aus Rücksicht auf ihren großen Anhang konnte

man der Amalungentochter, der Königin, Kenntnis der Lage ihres Reiches,

ihres Heeres nicht vorenthalten. Der alte Graf Grippa versah sie mit allen

Nachrichten, die er selbst erfuhr. In wichtigeren Fällen wohnte sie selbst

den Beratungen bei, die in den Gemächern des Königs gehalten wurden.

So war Mataswintha über die Stärke, Beschaffenheit und Einteilung des

Heeres, die nächsten Angriffspläne der Feldherren und alle Hoffnungen und

Befürchtungen der Goten so gut wie der König selbst unterrichtet. Und

sehnlich wünschte sie eine Gelegenheit herbei, dies ihr Wissen sobald und

so verderblich wie möglich zu verwerten.

Mit Belisar selbst in Verkehr zu treten, durfte sie nicht hoffen.

Naturgemäß richteten sich ihre Augen auf die aus Furcht vor den Goten

neutralen, im Herzen aber ausnahmlos byzantinisch-gesinnten Italier ihrer

Umgebung, mit denen sie leichten und unverdächtigen Verkehr pflegen

konnte.

Aber so oft sie diese Namen im Geiste musterte, – da war keiner, dessen

Thatkraft und Klugheit sie das tödliche Geheimnis hätte vertrauen mögen,

daß die Königin der Goten selbst am Verderben ihres Reiches arbeiten

wolle. Diese feigen und unbedeutenden Menschen – die Tüchtigeren waren

längst zu Cethegus oder Belisar gegangen – waren ihr weder des Vertrauens

würdig, noch schienen sie Witichis und seinen Freunden gewachsen.

Wohl suchte sie auf schlauen Umwegen durch den König und die Goten selbst

zu erkunden, welchen unter allen Römern sie für ihren gefährlichsten,

bedeutendsten Feind hielten. Aber auf solche Anfragen und Erkundigungen

hörte sie immer nur Einen Mann nennen, immer und immer wieder einen

einzigen. Und der saß ihr unerreichbar fern im Kapitol von Rom: Cethegus

der Präfekt. Es war ihr unmöglich, sich in Verbindung mit ihm zu setzen.

Keinem ihrer römischen Sklaven wagte sie einen so verhängnisvollen

Auftrag, als ein Brief nach Rom war, anzuvertrauen.

Die kluge und mutige Numiderin, die den Haß ihrer angebeteten Herrin gegen

den rohen Barbaren, der diese verschmäht, vollauf teilte, ungeschwächt bei

ihr durch heimliche Liebe, hatte sich zwar eifrig erboten, ihren Weg zu

Cethegus zu finden. Aber Mataswintha wollte das Mädchen nicht den Gefahren

einer Wanderung durch Italien, mitten durch den Krieg, aussetzen. Und

schon gewöhnte sie sich an den Gedanken, ihre Rache bis zu dem Zug auf Rom

zu verschieben, ohne inzwischen in ihrem Eifer in Erforschung der

gotischen Pläne und Rüstungen zu erkalten.

So wandelte sie eines Tages nach der Stadt zurück von dem Kriegsrat, der

draußen im Lager, im Zelt des Königs war gehalten worden. Denn seit die

Rüstungen ihrer Vollendung nah und die Goten jeden Tag des Aufbruchs

gewärtig waren, hatte Witichis, wohl auch um Mataswintha aus dem Wege zu

sein, seine Gemächer im Palatium verlassen und seine schlichte Wohnung

mitten unter seinen Kriegern aufgeschlagen.

Langsam, das Vernommene ihrem Gedächtnis einprägend und über die

Verwertung nachsinnend, wandelte die Königin, nur von Aspa begleitet,

durch die äußersten Reihen der Zelte, einen sumpfigen Arm des Padus zur

Linken, die weißen Zelte zur Rechten. Sie mied das Gedränge und den Lärm

der innern Gassen des Lagers.

Während sie bedächtig und ihrer Umgebung nicht achtend dahinschritt,

musterten Aspas scharfe Augen die Gruppe von Goten und Italiern, die sich

hier um den Tisch eines Gauklers geschart hatte, der unerhörte und nie

gesehene Künste zum besten zu geben schien, nach dem Staunen und Lachen

der Zuschauer zu schließen.

Aspa zögerte etwas in ihrem Gang, diese Wunder mit anzusehen. Es war ein

junger, schlanker Bursch: nach der blendend weißen Haut des Gesichts und

der bloßen Arme wie nach dem langen gelben Haar gallischen Zuschnitts ein

Kelte, wozu die kohlschwarzen Augen nicht stimmen wollten. Er verrichtete

wirklich Wunderdinge auf seiner einfachen Bühne. Bald sprang er in die

Höhe, überschlug sich in der Luft und kam doch senkrecht, bald wieder auf

die Füße, bald auf die Hände, zu stehen. Dann schien er brennende Kohlen

mit sichtlichem Behagen zu verspeisen und dafür Münzen auszuspeien: dann

verschluckte er einen fußlangen Dolch und zog ihn später wieder aus seinen

Haaren hervor, um ihn mit drei, vier andern scharfgeschliffenen Messern in

die Luft zu werfen und eins nach dem andern mit nie fehlender Behendigkeit

am Griff aufzufangen, wofür ihn Gelächter und Rufe der Bewunderung von

Seite seiner Zuschauer belohnten.

Aber schon zu lange hatte sich die Sklavin verweilt.

Sie sah nach der Herrin und bemerkte, daß ihr Weg gesperrt war von einer

Schar italischer Lastträger und Troßknechte, welche die Gotenkönigin

offenbar nicht kannten und gerade an ihr vorbei, über den Weg hin, nach

dem Wasser zu, lärmende Kurzweil trieben. Sie schienen sich einen

Gegenstand, den Aspa nicht wahrnahm, zu zeigen und ihn mit Steinen zu

werfen.

Eben wollte sie ihrer Herrin nacheilen, als der Gaukler neben ihr auf dem

Tisch einen gellenden Schrei ausstieß; Aspa wandte sich erschrocken und

sah den Gallier in ungeheurem Satz über die Köpfe der Zuschauer weg wie

einen Pfeil durch die Luft auf die Italier losschießen. Schon stand er

mitten in dem Haufen und schien, sich bückend, einen Augenblick unter

ihnen verschwunden.

Aber plötzlich ward er sichtbar. Denn einer und gleich darauf ein zweiter

der Italier stürzte von seinen Faustschlägen nieder.

Im Augenblick war Aspa an der Königin Seite, die sich schnell aus der Nähe

der Schlägerei entfernt hatte, aber, zu der Sklavin Befremden, stehen

blieb, mit dem Finger auf die Gruppe weisend.

Und seltsam in der That war das Schauspiel.

Mit unglaublicher Kraft und noch größerer Gewandtheit wußte der Gaukler

das Dutzend der Angreifer sich vom Leibe zu halten. Die Gegner

anspringend, sich wendend und duckend, weichend, dann wieder plötzlich

vorspringend und den nächsten am Fuß niederreißend oder mit kräftigem

Faustschlag vor Brust oder Gesicht niederstreckend, wehrte er sich.

Und das alles ohne Waffe: und nur mit der rechten Hand: denn die linke

hielt er, wie etwas bergend und schützend, dicht an die Brust. So währte

der ungleiche Kampf minutenlang. Der Gaukler ward näher und näher von der

wütenden lärmenden Menge dem Wasser zugedrängt. Da blitzte eine Klinge.

Einer der Troßknechte, zornig über einen schweren Schlag, zuckte ein

Messer und sprang den Gaukler von hinten an. Mit einem Schrei stürzte

dieser zusammen: die Feinde über ihn her.

»Auf! reißt sie auseinander! helft dem Armen,« rief Mataswintha den

Kriegern zu, die jetzt von dem verlassenen Tisch der Goten herankamen,

»ich befehle es! die Königin!«

Die Goten eilten nach dem Knäuel der Streitenden: aber noch ehe sie

herankamen, sprang der Gaukler, der sich für einen Moment von allen

Feinden losgemacht, hoch aus dem Gewirr und eilte mit letzter Kraft davon,

gerade auf die beiden Frauen zu – verfolgt von den Italiern, welche die

wenigen Goten nicht aufzuhalten vermochten.

Welch’ ein Anblick! Seine gallische Tunika hing ihm in Fetzen vom Leibe:

ein Stück seiner gelben Haare schleifte am Rücken und siehe, unter der

gelben Perücke kam schwarzes glänzendes Haar zum Vorschein und der weiße

Hals verlief in eine bronzebraune Brust.

Mit letzter Kraft erreichte er die Frauen. Da erkannte er Mataswintha.

»Schütze mich, rette mich, weiße Göttin!« schrie er und brach zusammen vor

Mataswinthas Füßen. Schon waren die Italier heran, und der vorderste

schwang sein Messer. –

Aber Mataswintha breitete ihren blauen Mantel über den Gefallenen:

»Zurück!« sprach sie mit Hoheit, »laßt ab von ihm. Er steht im Schutz der

Gotenkönigin.« Verblüfft wichen die Troßknechte zurück. »So?« rief nach

einer Pause der mit dem Dolch, »straflos soll er ausgehn, der Hund und

Sohn eines Hundes? und fünf von uns liegen am Boden halbtot? und ich habe

fortan drei Zähne zu wenig? Und keine Strafe?« »Er ist gestraft genug,«

sagte Mataswintha, auf die tiefe Dolchwunde am Halse deutend. »Und all das

um einen Wurm,« schrie ein zweiter, »um eine Schlange, die aus seinem

Ranzen schlüpfte und die wir mit Steinen warfen.« – »Da seht! er hat die

Natter geborgen, da, an seiner Brust. Nehmt sie ihm.« »Schlagt ihn tot,«

schrien die andern.

Aber da kamen zahlreiche Gotenkrieger heran und schafften ihrer Königin

Gehorsam, die Italier unsanft zurückstoßend und einen Kreis um den

Gefallnen schließend. Aspa blickte scharf zu und plötzlich sank sie mit

gekreuzten Armen neben dem Gaukler nieder.

»Was ist dir, Aspa? steh auf!« sprach Mataswintha staunend. »O Herrin!«

stammelte diese, »der Mann ist kein Gallier! Er ist ein Sohn meines

Volkes. Er betet zu dem Schlangengott! Sieh hier seine braune Haut unter

dem Halse. Braun wie Aspa, – und hier – hier, eine Schrift; Schriftzeichen

eingeritzt über seiner Brust: die heilige Geheimschrift meiner Heimat,«

jubelte sie. Und, mit dem Finger deutend, hob sie an zu lesen.

»Der Gaukler scheint verdächtig. – Warum diese Verstellung?« sprach

Mataswintha. »Man muß ihn in Haft nehmen.«

»Nein, nein, o Herrin,« flüsterte Aspa. »Weißt du, wie die Inschrift

lautet? – Kein Auge als meines kann sie dir deuten.« – »Nun?« fragte

Mataswintha. »Sie lautet,« flüsterte Aspa leise: »Syphax schuldet ein

Leben seinem Herrn, Cethegus dem Präfekten.« Ja, ja ich erkenne ihn, das

ist Syphax, Hiempsals Sohn, ein Gastfreund meines Stammes: die Götter

senden ihn zu uns.«

»Aspa,« sprach Mataswintha rasch, »ja, ihn senden die Götter: die Götter

der Rache. Auf, ihr Goten, legt diesen wunden Mann auf eine Bahre, und

folgt damit meiner Sklavin in den Palast! Er steht fortan in meinem

Dienst.«

Fünftes Kapitel.

Wenige Tage darauf begab sich Mataswintha wieder ins Lager, diesmal nicht

von Aspa begleitet. Denn diese wich Tag und Nacht nicht von dem Bette

ihres verwundeten Landsmannes, der unter ihren Händen, ihren Kräutern und

Sprüchen sich rasch erholte.

König Witichis selbst hatte diesmal die Königin abgeholt mit dem ganzen

Geleit seines Hofes. In seinem Zelte sollte der wichtigste Kriegsrat

gehalten werden. Das Eintreffen der letzten Verstärkungen war auf heute

angekündet: und auch Guntharis und Hildebad wurden zurückerwartet mit der

Antwort Belisars auf das Friedensanerbieten.

»Ein verhängnisvoller Tag!« sagte Witichis zu seiner Königin. »Bete zum

Himmel um den Frieden.«

»Ich bete um den Krieg,« sprach Mataswintha, starr vor sich hinblickend.

»Verlangt dein Frauenherz so sehr nach Rache?« – »Nach Rache nur noch ganz

allein – und sie wird mir werden.«

Damit traten sie in das Zelt, welches schon von gotischen Heerführern

erfüllt war. Mataswintha dankte mit stolzem Kopfbeugen dem ehrerbietigen

Gruß. »Sind die Gesandten zurück?« fragte der König, sich setzend, den

alten Hildebrand, »so führt sie ein.«

Auf ein Zeichen des Alten erhoben sich die Seitenvorhänge und Herzog

Guntharis und Hildebad traten ein, sich tief verneigend.

»Was bringt ihr? Frieden oder Krieg?« fragte Witichis eifrig. »Krieg!

Krieg, König Witichis!« riefen beide Männer mit Einem Munde. – »Wie?

Belisar verwirft die Opfer, die ich ihm biete? Du hast ihm freundlich,

eindringlich, meine Vorschläge mitgeteilt?«

Herzog Guntharis trat vor, und sprach: »Ich traf den Feldherrn im Kapitol

als Gast des Präfekten und sprach zu ihm: »Der Gotenkönig Witichis

entbietet dir seinen Gruß.

In dreißig Tagen kann er mit hundertfünfzig Tausendschaften wehrhafter

Goten vor diesen Thoren stehn. Und ein Schlachten und Ringen um diese

ehrwürdige Stadt wird anheben, wie es ihre seit tausend Jahren mit Blut

getränkten Gefilde nie geschaut.

Der König der Goten liebt den Frieden mehr als selbst den Sieg: und er

gelobt, Kaiser Justinian die Insel Sicilien abzutreten und ihm in jedem

seiner Kriege mit dreißigtausend Mann Goten beizustehen, wenn ihr sofort

Rom und Italien räumt, das uns gehört nach dem Recht der Eroberung wie

nach dem Vertrag mit Kaiser Zeno, der es Theoderich überließ, wenn er den

Odovakar stürzen könne.« So sprach ich, deinem Auftrag gemäß.

Belisar aber lachte und rief: »Witichis ist sehr gnädig, mir die Insel

Sicilien abzutreten, die ich schon habe und er nicht mehr hat. Ich schenke

ihm dafür die Insel Thule! Nein. Der Vertrag Theoderichs mit Zeno war

abgezwungen und das Recht der Eroberung, – nun das spricht jetzt für uns.

Kein Friede, als unter der Bedingung: das ganze Gotenheer streckt die

Waffen, und das ganze Volk zieht über die Alpen und sendet König und

Königin als Geiseln nach Byzanz.««

Ein Murren der Entrüstung ging durch das Zelt.

»Zornig, ohne Antwort auf solchen Vorschlag, wandten wir ihm den Rücken

und schritten hinaus. »Auf Wiedersehen in Ravenna,« rief er uns nach. Da

wandt’ ich mich,« sprach Hildebad »und rief: »Auf Wiedersehen vor Rom!«

Auf, König Witichis, jetzt zu den Waffen. Du hast das Äußerste versucht an

Friedensliebe und Schmach geerntet. Jetzt auf! Lang genug hast du gezögert

und gerüstet! Jetzt führ’ uns an, zum Kampf.«

Da tönten Trompetenstöße aus dem Lager: man hörte den Hufschlag eilig

nahender Rosse. Alsbald hob sich der Vorhang des Zeltes und eintrat Totila

in glänzenden Waffen, vom weißen Mantel umwallt. »Heil meinem König, Heil

dir Königin,« sprach er huldigend. »Mein Auftrag ist erfüllt: ich bringe

dir den Freundesgruß des Frankenkönigs. Er hielt ein Heer bereit im Solde

von Byzanz, dich anzugreifen. Es gelang mir, ihn umzustimmen. Sein Heer

wird nicht gegen die Goten in Italien einrücken. Graf Markja von

Mediolanum, der bisher die Cottischen Alpen gegen die Franken gedeckt,

ward dadurch frei mit seinen Tausendschaften: er folgt mir in Eile. Im

Rückweg hab ich aufgerafft, was ich irgend von waffenfähigen Männern fand

und die Besatzungen der Burgen an mich gezogen. Ferner:

Wir hatten bisher Mangel an Reiterei. Getrost, mein König: ich führe dir

sechstausend Reiter zu, auf herrlichen Rossen. Sie verlangen, sich zu

tummeln in den Ebenen von Rom. Nur Ein Wunsch lebt in uns allen: führ uns

zum Kampf, zum Kampf nach Rom.«

»Hab Dank, mein Freund, für dich und deine Reiter.

Sprich, Hildebrand, wie verteilt sich jetzt unsres Heeres Macht? Sagt an,

ihr Feldherren, wie viele führt ein jeder von euch? Ihr Notare, zeichnet

auf!«

»Ich führe drei Tausendschaften Fußvolk,« rief Hildebad. »Ich vierzig

Tausendschaften zu Fuß und zu Roß mit Schild und Speer,« sprach Herzog

Guntharis. »Ich vierzig Tausendschaften zu Fuß: Bogenschützen,

Schleuderer, Speerträger,« sagte Graf Grippa von Ravenna. »Ich sieben

Tausendschaften mit Messer und Keule,« zählte Hildebrand. »Und dazu

Totilas sechs Tausendschaften Reiter und vierzehn erlesene Tausendschaften

Tejas mit der Streitaxt – wo ist er? ich vermisse ihn hier! – Und ich habe

meine Scharen zu Fuß und zu Roß auf fünfzig Tausendschaften erhöht,«

schloß der König.

»Das sind zusammen einhundertsechzig Tausendschaften,« schrieb der

Protonotar, die Pergamentrolle dem König überreichend.

Da flog ein froher Glanz kriegerischen Stolzes über des Königs ernstes

Angesicht. »Einhundertsechzig Tausendschaften gotische Männer: Belisar,

sollen sie vor dir die Waffen strecken, ohne Kampf? Wie lang braucht ihr

noch Rast, um aufzubrechen?«

Da eilte der schwarze Teja ins Zelt. Er hatte beim Eintreten die letzte

Frage vernommen. Sein Auge sprühte Blitze, er bebte vor Zorn. »Rast? Keine

Stunde Rast mehr: auf zur Rache, König Witichis! Ein ungeheurer Frevel ist

geschehn, der laut um Rache gegen Himmel schreit. Führ’ uns sofort zum

Kampf!«

»Was ist geschehn?«

»Ein Feldherr Belisars, der Hunne Ambazuch, umschloß, wie du weißt, seit

lange mit Hunnen und Armeniern das feste Petra. Kein Entsatz war nah und

fern. Der junge Graf Arahad nur – er suchte wohl den Tod – überfiel mit

seiner kleinen Gefolgschaft die Übermacht; er fiel im tapfersten Gefecht.

Verzweifelt widerstand das Häuflein gotischer Männer in der Burg. Denn

alles wehrlose Volk der Goten: Greise, Kranke, Weiber, Kinder, vom flachen

Land in Tuscien, Valeria und Picenum war hierher geflüchtet vor dem Feind,

wohl viele Tausend. Endlich zwang sie der Hunger, gegen freien Abzug die

Thore zu öffnen. Der Hunne schwor allen Goten in der Stadt, ihr Blut nicht

zu vergießen. Er zog ein und befahl den Goten sich in der großen Basilika

Sankt Zenos zu versammeln. Das thaten sie, über fünftausend Köpfe, Greise,

Weiber, Kinder und ein paar hundert Krieger. Und als sie alle beisammen

... –« Teja hielt schaudernd inne.

»Nun?« fragte Mataswintha, erblassend.

»Da schloß der Hunne die Thüren, umstellte das Haus mit seinem Heer und –

verbrannte sie alle fünftausend, samt der Kirche.«

»Und der Vertrag?« rief Witichis.

»Ja, so schrieen auch die Verzweifelten ihn an durch Qualm und Flammen.

»Der Vertrag,« lachte der Hunne, »sei erfüllt: kein Tropfe Blutes sei

vergossen. Ausbrennen müsse man die Goten aus Italien wie die Feldmäuse

und schlechtes Gewürm.« Und so sahen die Byzantiner zu, wie fünftausend

Goten, Greise, Weiber, Kranke, Kinder – König Witichis, hörst du’s?

Kinder! – elend erstickten und verbrannten. Solches geschieht und du – du

sendest Friedensboten! Auf, König Witichis,« rief der Ergrimmte, das

Schwert aus der Scheide reißend, »wenn du ein Mann bist, brich jetzt auf

zur Rache. Die Geister der Erwürgten ziehen vorauf: – Führ’ uns zum Kampf!

zur Rache führ’ uns an!«

»Führ’ uns zum Kampf! zur Rache führ’ uns an!« wiederhallte das Zelt vom

Ruf der Goten.

Da stand Witichis auf in ruhiger Kraft.

»So soll’s sein. Das Äußerste geschah. Und unsere beste Rüstung ist unser

Recht: jetzt auf, zum Kampf.«

Und er reichte seiner Königin die Pergamentrolle, die er in der Hand

hielt, die über seinem Stuhl hängende Königsfahne, das blaue Bandum, zu

ergreifen.

»Ihr seht das alte Banner Theoderichs in meiner Hand, das er von Sieg zu

Sieg getragen. Wohl ruht es jetzt in schlechtrer Hand als seine war: –

doch zaget nicht. Ihr wisset: übermütige Zuversicht ist meine Sache nicht,

doch diesmal sag ich euch voraus: in dieser Fahne rauscht ein naher Sieg,

ein großer, stolzer, rachefroher Sieg. Folgt mir hinaus. Das Heer bricht

auf, sogleich. Ihr Feldherren, ordnet eure Scharen: nach Rom!«

»Nach Rom,« wiederhallte das Zelt. »Nach Rom!«

Sechstes Kapitel.

Inzwischen schickte sich Belisar an, mit der Hauptmacht seines Heeres die

Stadt zu verlassen: Johannes hatte er deren Bewachung übertragen.

Er hatte beschlossen, die Goten in Ravenna aufzusuchen. Sein bisher von

keinem Unfall gehemmter Siegeslauf und die Erfolge seiner

vorausgeschickten Streifscharen, die durch den Übergang der Italier alles

flache Land, auch alle Festen und Burgen und Städte, bis nahe bei Ravenna,

gewonnen, hatten in ihm die Zuversicht erzeugt, daß der Feldzug bald

beendigt und nur das Erdrücken der ratlosen Barbaren in ihrem letzten

Schlupfwinkel übrig sei.

Denn nachdem Belisar selbst den ganzen Süden der Halbinsel: Bruttien,

Lucanien, Calabrien, Apulien, Campanien: dann Rom mit Samnium und die

Valeria durchzogen und besetzt hatte, waren seine Unterfeldherren, Bessas

und Constantinus, mit der lanzentragenden Leibwache des Feldherrn, die

unter Führung des Armeniers Zanter, des Persers Chanaranges und des

Massageten Äschman standen, vorausgesendet worden, Tuscien zu unterwerfen.

Bessas rückte vor das sturmfeste Narnia: für die damaligen

Belagerungsmittel war die Burgstadt fast uneinnehmbar: – sie thront auf

hohem Berge, dessen Fuß der tiefe Nar umspült. Die beiden einzigen

Zugänge, vom Osten und vom Westen, sind ein enger Felsenpaß und die hohe,

alte, von Kaiser Augustus gebaute, befestigte Brücke. – Aber die römische

Bevölkerung überwältigte die halbe gotische Hundertschaft, die hier lag,

und öffnete den Thrakiern des Bessas die Thore. Dem Constantinus

erschlossen sich ebenso ohne Schwertstreich Spoletium und Perusia. Auf der

östlichen Seite des Ionischen Meerbusens hatte inzwischen ein andrer

Unterfeldherr Belisars, der Comes Sacri Stabuli Constantinus, den Tod

zweier byzantinischer Heerführer, des Magister Militum für Illyrien,

Mundus, und seines Sohnes Mauricius, die gleich im Anfang des Krieges bei

Salona in Dalmatien im Gefecht gegen die Goten gefallen waren, gerächt,

Salona besetzt und durch ihre große Übermacht die geringen gotischen

Scharen zum Rückzug auf Ravenna gezwungen. Ganz Dalmatien und Liburnien

war darauf den Byzantinern zugefallen. Von Tuscien aus streiften, wie wir

sahen, die Hunnen Justinians schon durch Picenum und bis in die Ämilia.

Die Friedensvorschläge des Gotenkönigs hielt Belisar daher für Zeichen der

Schwäche. Daß die Barbaren zum Angriff übergehen könnten, fiel ihm nicht

ein. Dabei trieb es ihn, Rom zu verlassen, wo es ihn anwiderte, der Gast

des Präfekten zu heißen; im freien Felde mußte sein Übergewicht bald

wieder hervortreten.

Der Präfekt ließ das Kapitol in der treuen Hut des Lucius Licinius und

folgte dem Zuge Belisars. Vergebens warnte er diesen vor allzugroßer

Zuversicht.

»Bleibe du doch hinter den Felsen des Kapitols, wenn du die Barbaren

fürchtest,« hatte dieser stolz geantwortet.

»Nein,« erwiderte dieser. »Eine Niederlage Belisars ist ein zu seltnes

Schauspiel, man darf es nicht versäumen.« In der That, Cethegus hätte eine

Demütigung des großen Feldherrn, dessen Ruhm die Italier allzusehr anzog,

gern gesehen.

Belisar hatte sein Heer aus den nördlichen Thoren der Stadt geführt und

wenige Stadien vor der Stadt in einem Lager versammelt, es hier zu mustern

und neu zu ordnen und zu gliedern. Schon der starke Zufluß von Italiern,

die zu seinen Fahnen geeilt waren, machte das nötig. Auch Ambazuch, Bessas

und Constantinus hatte er mit dem größten Teil ihrer Truppen wieder in

dies Lager herangezogen: sie ließen in den von ihnen gewonnenen Städten

nur kleine Besatzungen zurück.

Dunkle Gerüchte von einem anrückenden Gotenheer hatten sich in das Lager

verbreitet. Aber Belisar schenkte ihnen keinen Glauben. »Sie wagen es

nicht,« hatte er dem warnenden Prokop entgegnet. »Sie liegen in Ravenna

und zittern vor Belisarius.«

Spät in der Nacht lag Cethegus schlaflos auf dem Lager in seinem Zelt. Er

ließ die Ampel brennen. »Ich kann nicht schlafen,« sagte er –: »in den

Lüften klirrt es wie Waffen und riecht’s wie Blut. Die Goten kommen. Sie

rücken wohl durch die Sabina, die Via casperia und salara herab.«

Da rauschten seine Zeltvorhänge zurück und Syphax stürzte atemlos an sein

Lager.

»Ich weiß es schon,« sagte Cethegus aufspringend, »was du meldest: die

Goten kommen.« – »Ja, Herr, morgen sind sie da. Sie zielen auf das

salarische Thor. Ich hatte das beste Roß der Königin, aber dieser Totila,

der den Vortrab führt, jagt wie der Wind durch die Wüste. Und hier im

Lager ahnt niemand etwas.«

»Der große Feldherr,« lächelte Cethegus, »hat keine Vorposten

ausgestellt.« – »Er verließ sich ganz auf den festen Turm an der

Aniusbrücke(1) aber ... –«

»Nun? der Turm ist fest.« – »Ja, aber die Besatzung, römische Bürger aus

Neapolis, ging zu den Goten über, als sie der junge Totila, der Führer des

Vortrabs, anrief. Die Leibwächter Belisars, welche sich widersetzten,

wurden gebunden, zumal Innocentius, und Totila ausgeliefert. Der Turm und

die Brücke ist in der Goten Hand.«

»Es wird hübsch werden! Hast du eine Ahnung, wie stark der Feind?« –

»Keine Ahnung, Herr: ich weiß es so genau wie König Witichis selbst. Hier

die Liste ihrer Truppen. Sie schickt dir Mataswintha, seine Königin.«

Cethegus sah ihn forschend an. »Geschehen Wunder, die Barbaren zu

verderben?«

»Ja Herr, Wunder geschehen! Dies sonnenschöne Weib will ihres Volkes

Untergang um des Einen willen. Und dieser Eine ist ihr Gatte.«

»Du irrst:« sagte Cethegus, »sie liebte ihn schon als Mädchen und kaufte

seine Büste.«

»Ja, sie liebt ihn. Aber er nicht sie. Und die Marsbüste ward zerschlagen

in der Brautnacht.«

»Das hat sie dir doch schwerlich selbst gesagt.«

»Aber Aspa, die Tochter meines Landes, ihre Sklavin. Sie sagt mir alles.

Sie liebt mich. Und sie liebt ihre Herrin, fast wie ich dich. Und

Mataswintha will mit dir das Gotenreich verderben. Und sie wird durch Aspa

alles schreiben in den Zauberzeichen unseres Stammes. Und ich würde diese

Sonnenkönigin zu meinem Weibe nehmen, wenn ich Cethegus wäre.«

»Ich auch, wenn ich Syphax wäre. Aber deine Botschaft ist eine Krone wert!

Ein listig, rachedürstend Weib wiegt Legionen auf! Jetzt Trotz euch,

Belisar, Witichis und Justinian! Erbitte dir eine Gnade, jede, nur nicht

deine Freiheit: – ich brauche dich noch.«

»Meine Freiheit ist – dir dienen. Eine Gunst: laß mich morgen neben dir

fechten.«

»Nein, mein hübscher Panther, deine Klauen kann ich noch nicht brauchen: –

nur deinen Leisegang. Du schweigst gegen jedermann von der Goten Nähe und

Stärke. Lege mir die Rüstung an und gieb den Plan der salarischen Straße

dort aus der Kapsel. Jetzt rufe mir Marcus Licinius und den Führer meiner

Isaurier, Sandil.« Syphax verschwand. Cethegus warf einen Blick auf den

Plan. »Also dort her, von Nordwesten, kommen sie, die Hügel herab. Wehe

dem, der sie dort aufhalten will. Darauf folgt der tiefe Thalgrund, in dem

wir lagern. Hier wird die Schlacht geschlagen und verloren. Hinter uns,

südöstlich, zieht sich unsre Stellung entlang dem tiefen Bach; in diesen

werden wir unfehlbar geworfen: die Brücken werden nicht zu halten sein.

Darauf eine Strecke flachen Landes – welch schönes Feld für die gotischen

Reiter, uns zu verfolgen! – Noch weiter rückwärts endlich ein dichter Wald

und eine enge Schlucht mit dem zerfallnen Kastell Hadrians ... – Marcus,«

rief er dem Eintretenden entgegen, »meine Scharen brechen auf. Wir ziehn

hinab den Bach in den Wald und jeden, der dich frägt, dem sagst du: wir

ziehn zurück nach Rom.«

»Nach Hause? ohne Kampf?« fragte Marcus erstaunt, »du weißt doch: es steht

der Kampf bevor?«

»Ebendeswegen!« Damit schritt er hinaus, Belisar in seinem Zelt zu wecken.

Aber er fand ihn schon wach: Prokop stand bei ihm. »Weißt du’s schon,

Präfekt? flüchtendes Landvolk meldet, ein Häuflein gotischer Reiter naht:

die Tollkühnen reiten in ihr Verderben: sie wähnen die Straße frei bis

Rom.« Und er fuhr fort sich zu rüsten.

»Aber die Bauern melden, die Reiter seien nur die Vorhut. Es folge ein

furchtbares Heer von Barbaren,« warnte Prokop.

»Eitle Schrecken! Sie fürchten sich, diese Goten. – Witichis wagt gar

nicht, mich aufzusuchen. Endlich habe ich ja, vierzehn Stadien vor Rom,

die Aniobrücke durch einen Turm geschützt: – Martinus hat ihn gebaut nach

meinem Gedanken: – der allein hält der Barbaren Fußvolk mehr als eine

Woche auf – mögen auch ein paar Gäule durch den Fluß geschwommen sein.«

»Du irrst, Belisarius! ich weiß es gewiß: das ganze Heer der Goten naht,«

sprach Cethegus. – »So geh’ nach Hause, wenn du es fürchtest.« – »Ich

mache Gebrauch von dieser deiner Erlaubnis. Ich habe mir in diesen Tagen

das Fieber geholt. Auch meine Isaurier leiden daran: – ich ziehe mit

deiner Gunst nach Rom zurück.«

»Ich kenne dieses Fieber,« sagte Belisar – »das heißt: – an andern. Es

vergeht, sowie man Graben und Wall zwischen sich und dem Feinde hat. Zieh

ab, wir brauchen dich so wenig wie deine Isaurier.«

Cethegus verneigte sich und ging. »Auf Wiedersehen,« sprach er, »o

Belisarius. Gieb das Zeichen zum Aufbruch meinen Isauriern,« sprach er im

Lager laut zu Marcus. »Und meinen Byzantinern auch,« setzte er leiser bei.

»Aber Belisar hat ...« –

»Ich bin ihr Belisar. Syphax, mein Pferd.« Während er aufstieg, sprengte

ein Zug römischer Reiter heran: Fackeln leuchteten dem Anführer vorauf.

»Wer da? Ah du, Cethegus? wie, du reitest ab? Deine Leute ziehn sich nach

dem Fluß? Du wirst uns doch nicht verlassen, jetzt, in dieser höchsten

Gefahr?« Cethegus beugte sich vor. »Sieh, du, Calpurnius! ich erkannte

dich nicht: du siehst so bleich. Was bringst du von den Vorposten?«

»Flüchtige Bauern sagen,« sprach Calpurnius ängstlich, »es sei gewiß mehr

als eine Streifschar. Es sei der König der Barbaren, Witichis selbst, im

raschen Anzug durch die Sabina: sie seien schon auf dem linken Tiberufer:

Widerstand ist dann .. – Wahnsinn – Verderben. Ich folge dir, ich schließe

mich dir an.«

»Nein,« sagte Cethegus herb, »du weißt, ich bin abergläubisch: ich reite

nicht gern mit den Furien verfallnen Männern. Dich wird die Strafe für

deinen feigen Knabenmord sicher bald ereilen. Ich habe nicht Lust, sie mit

dir zu teilen.«

»Doch flüstern Stimmen in Rom, auch Cethegus verschmähe manchmal einen

bequemen Mord nicht,« sprach Calpurnius grimmig.

»Calpurnius ist nicht Cethegus,« sprach der Präfekt, stolz davon

sprengend. »Grüße mir einstweilen den Hades!« rief er.

Siebentes Kapitel.

»Verfluchtes Omen!« knirschte Calpurnius. Und er eilte zu Belisar:

»Befiehl den Rückzug, rasch, Magister Militum.« – »Warum, Vortrefflicher?«

– »Es ist der Gotenkönig selbst.« »Und ich bin Belisar selbst,« sagte

dieser, den prachtvollen Helm mit dem weißen Roßschweif aufsetzend. »Wie

konntest du deinen Posten im Vordertreffen verlassen?« – »Herr, um dir das

zu melden.« – »Das konnte wohl kein Bote? Höre, Römer, ihr seid nicht

wert, daß man euch befreit. Du zitterst ja, Mann des Schreckens. Zurück

mit dir ins Vordertreffen.

Du führst unsre Reiter zum ersten Angriff: ihr, meine Leibwächter Antallas

und Kuturgur, nehmt ihn in die Mitte. Er _muß_ tapfer sein, hört ihr?

Weicht er, – nieder mit ihm. So lehrt man Römer Mut.

Der Lagerrufer sagte eben die letzte Stunde der Nacht an. In einer Stunde

geht die Sonne auf. Sie muß unser ganzes Heer auf jenen Hügeln finden.

Auf! Ambazuch, Bessas, Constantinus, Demetrius, das ganze Lager bricht

auf, dem Feind entgegen.«

»Feldherr, es ist wie sie sagen,« meldete Maxentius, der treueste der

Leibwächter, »zahllose Goten rücken an.«

»Sie sind zwei Heere gegen uns,« meldete Salomo, Belisars

Hypaspisten-Führer.

»Ich rechne Belisar ein ganzes Heer.«

»Und der Schlachtplan?« fragte Bessas.

»Im Angesicht des Feindes entwerf’ ich ihn, während des Calpurnius Reiter

ihn aufhalten. Vorwärts, gebt die Zeichen, führt Phalion vor.« Und er

schritt aus dem Zelte; nach allen Seiten stoben die Heerführer, die

Hypaspisten, Prätorianer, Protektoren und Doryphoren auseinander, Befehle

gebend, verteilend, empfangend.

In einer Viertelstunde war alles in Bewegung gegen die Hügel. Man nahm

sich nicht Zeit, das Lager abzubrechen. Aber der plötzliche Aufbruch

brachte vielfache Verwirrung. Fußvolk und Reiter gerieten in der dunkeln,

mondlosen Nacht untereinander. Auch hatte die Kunde von der Übermacht der

vordringenden Barbaren Mutlosigkeit verbreitet.

Es waren nur zwei nicht sehr breite Straßen, die gegen die Hügel führten:

so gab es manche Stockung und Hemmung. Viel später als Belisar gerechnet,

langte das Heer im Angesicht der Hügel an: und als die ersten

Sonnenstrahlen sie beleuchteten, sah Calpurnius, der den Vortrab führte,

von allen Höhen gotische Waffen blitzen.

Die Barbaren waren Belisar zuvorgekommen. Erschrocken machte Calpurnius

Halt und sandte Belisar Nachricht.

Dieser sah ein, daß Calpurnius mit seinen Reitern nicht die Berge stürmen

könne. Er schickte Ambazuch und Bessas mit dem Kern des armenischen

Fußvolks ab, um auf der breitern Straße zu stürmen. Den linken und den

rechten Flügel führten Constantinus und Demetrius, er selbst brachte im

Mitteltreffen seine Leibwachen als Rückhalt heran. Calpurnius, froh des

Wechsels im Plan, stellte seine Reiter unter den steilsten Abfall der

Hügel, links seitab der Straße, von wo kein Angriff zu befürchten schien,

den Erfolg von Ambazuchs und Bessas Sturm abzuwarten und die fliehenden

Goten zu verfolgen oder die weichenden Armenier aufzunehmen.

Oben auf den Höhen aber stellten sich die Goten in langer Ausdehnung in

Schlachtordnung. Totilas Reiter waren zuerst eingetroffen: ihm hatte sich

Teja, zu Pferd, vor Kampfbegier fiebernd, angeschlossen: – sein

beiltragendes Fußvolk war noch weit zurück: – er hatte sich ausgebeten,

ohne Befehlführung, überall, wo es ihn reizte, ins Handgemenge zu greifen.

Darauf war Hildebrand eingetroffen und hierauf der König mit der

Hauptmacht gefolgt. Herzog Guntharis mit seinen und Tejas Leuten wurden

noch erwartet.

Pfeilschnell war Teja zu Witichis zurückgeflogen.

»König,« sagte er, »unter jenen Hügeln steht Belisar.

Er ist verloren, beim Gott der Rache! Er hat den Wahnsinn gehabt,

vorzurücken. Dulde nicht die Schmach, daß er uns zuvorkömmt im Angriff.«

»Vorwärts!« rief König Witichis, »gotische Männer vor!« In wenigen Minuten

hatte er den Rand der Hügel erreicht und übersah das Thalgefild vor ihm.

»Hildebad – den linken Flügel! Du, Totila, brichst mit deinen Reitern hier

im Mitteltreffen, die Straße herunter, vor. Ich halte rechts seitab der

Straße, bereit, dir zu folgen oder dich zu decken.«

»Das wird’s nicht brauchen,« sagte Totila, sein Schwert ziehend. »Ich

bürge dir, sie halten meinen Ritt diesen Hügel herab nicht auf.«

»Wir werfen die Feinde in ihr Lager zurück,« fuhr der König fort, »nehmen

das Lager, werfen sie in den Bach, der dicht hinter dem Lager glänzt: was

übrig ist, können eure Reiter, Totila und Teja, über die Ebene jagen bis

Rom.«

»Ja, wenn wir erst den Paß gewonnen haben, dort in den Waldhügeln, hinter

dem Fluß,« sagte Teja mit dem Schwert hinüberdeutend.

»Er ist noch unbesetzt, scheint’s: ihr müßt ihn mit den Flüchtigen

zugleich erreichen.«

Da ritt der Bannerträger, Graf Wisand von Volsinii, der Bandalarius des

Heeres, an den König heran. »Herr König, ihr habt mir eine Bitte zu

erfüllen zugesagt.« – »Ja, weil du bei Salona den Magister Militum für

Illyrien, Mundus, und seinen Sohn vom Roß gestochen.«

»Ich habe es nun einmal auf die Magistri Militum. Ich möchte denselben

Speer auch an Belisar erproben. Nimm mir, nur für heute, das Banner ab und

laß mich den Magister Belisar aufsuchen. Sein Roß, der Rotscheck Phalion

oder Balian, wird so sehr gerühmt: und mein Hengst wird steif. Und du

kennst das alte gotische Reiterrecht: »wirf den Reiter und nimm sein

Roß«.«

»Gut gotisch Recht!« raunte der alte Hildebrand.

»Ich muß die Bitte gewähren,« sprach Witichis, das Banner aus der Hand

Wisands nehmend. Dieser sprengte eilig hinweg. »Guntharis ist nicht zur

Stelle, so trage du es heute, Totila.«

»Herr König,« entgegnete dieser, »ich kann’s nicht tragen, wenn ich meinen

Reitern den Weg in die Feinde zeigen soll.« Witichis winkte Teja.

»Vergieb,« sagte dieser: »heut’ denk’ ich beide Arme sehr zu brauchen.« –

»Nun, Hildebad.« – »Danke für die Ehre: ich hab’s nicht schlechter vor als

die andern!« »Wie,« sagte Witichis, fast zürnend, »muß ich mein eigner

Bannerträger sein, will keiner meiner Freunde mein Vertrauen ehren?«

»So gieb mir die Fahne Theoderichs,« sprach der alte Hildebrand, den

mächtigen Schaft ergreifend. »Mich lüstet weitern Kampfes nicht so sehr.

Aber mich freut’s, wie die Jungen nach Ruhme dürsten. Gieb mir das Banner,

ich will’s heute wahren wie vor vierzig Sommern.« Und er ritt sofort an

des Königs rechte Seite.

»Der Feinde Fußvolk rückt den Berg hinan,« sprach Witichis, sich im Sattel

hebend. »Es sind Hunnen und Armenier,« sagte Teja, mit seinem Falkenauge

spähend, »ich erkenne die hohen Schilde!« Und den Rappen vorwärts spornend

rief er: »Ambazuch führte sie, der eidbrüchige Brandmörder von Petra.«

»Vorwärts, Totila,« sprach der König, »und aus diesen Scharen – – keine

Gefangnen.«

Rasch sprengte Totila zu seinen Reitern, die hart an der Mündung der

aufsteigenden Straße auf der Höhe aufgestellt waren. Mit scharfem Blick

musterte er die Bewaffnung der Armenier, die in tiefen Kolonnen langsam

bergauf rückten. Sie trugen schwere, mannshohe Schilde und kurze Speere zu

Stoß und Wurf.

»Sie dürfen nicht zum Werfen kommen,« rief er seinen Reitern zu. Er ließ

sie die leichten Schilde auf den Rücken binden und befahl, im Augenblick

des Anpralls die langen Lanzen, statt, wie üblich, in der Rechten, in der

Linken, der Zügelhand, zu führen, den Zügel einfach um das Handgelenk

geschlungen und über die Mähne weg die Lanze aus der rechten in die linke

Faust werfend. Dadurch trafen sie auf die rechte, vom Schild nicht

gedeckte Seite der Feinde. »Sowie der Stoß angeprallt – sie werden ihm

nicht stehen! – werft die Lanze im Armriem zurück, zieht das Schwert und

haut nieder, was noch steht.«

Er stellte sie nun, die Kolonne der Feinde rechts und links überflügelnd,

auf beiden Seiten neben der Straße auf.

Er selbst führte den Keil auf der Straße. Er beschloß, den Feind die

Hälfte des Hügels herankommen zu lassen. Mit atemloser Spannung sahen

beide Heere dem Zusammenstoß entgegen.

Ruhig rückte Ambazuch, ein erprobter Soldat, vorwärts.

»Laßt sie nur dicht heran, Leute,« sagte er, »bis ihr das Schnauben der

Rosse im Gesicht spürt. Dann, – und nicht eher, – werft: und zielt mir

tief, auf die Brust der Pferde, und zieht das Schwert. So hab’ ich noch

alle Reiter geschlagen.«

Aber es kam anders.

Denn als Totila, voransprengend, das Zeichen zum Angriff gab, schien eine

donnernde Lawine vom Berg herab über die erschrocknen Feinde einzubrechen.

Wie der Sturmwind jagte die blitzende, klirrende, schnaubende, dröhnende

Masse heran: und eh’ die erste Reihe der Armenier Zeit gefunden, die

Wurfspeere nur zu heben, lag sie schon, von den langen Lanzen auf der

schildlosen Seite durchbohrt, niedergestreckt. Sie waren weggefegt, als

wären sie nie gestanden.

Blitzschnell war das geschehen: und während noch Ambazuch seiner zweiten

Reihe, in der er selber stand, Befehl geben wollte, zu knieen und die

Speere einzustemmen, sah er schon auch seine zweite Reihe überritten, die

dritte auseinandergesprengt und die vierte unter Bessas kaum noch

Widerstand leistend gegen die furchtbaren Reiter, die jetzt erst dazu

kamen, die Schwerter zu ziehen. Er wollte das Gefecht stellen: er flog

zurück und rief seinen wankenden Scharen Mut zu.

Da erreichte ihn Totilas Schwert: ein Hieb zerschlug ihm den Helm. Er

stürzte in die Knie und streckte den Griff seines Schwertes dem Goten

entgegen. »Nimm Lösegeld,« rief er, »ich bin dein.«

Und schon streckte Totila die Hand aus, ihm die Waffe abzunehmen, da rief

Tejas Stimme: »Denk’ an Burg Petra.«

Ein Schwert blitzte und zerspaltnen Haupts sank Ambazuch. Da stob die

letzte Reihe der Armenier, Bessas mit fortreißend, entsetzt auseinander, –

das Vordertreffen Belisars war vernichtet. Mit lautem Freuderuf hatten

König Witichis und die Seinen den Sieg Totilas mit angesehn.

»Sieh, jetzt schwenken die hunnischen Reiter, die hier gerade unter uns

stehen, gegen Totila,« sagte der König zu dem alten Bannerträger. »Totila

wendet sich gegen sie. Sie sind viel zahlreicher. Auf! Hildebad, eile die

Straße hinunter, ihm zu Hilfe.«

»Ah,« rief der Alte, sich vorbeugend im Sattel, und über den Felsrand

spähend, »wer ist der Reitertribun da unten zwischen den zwei Leibwächtern

Belisars?«

Witichis beugte sich vor. »Calpurnius!« rief er mit gellendem Schrei.

Und siehe, urplötzlich sprengte der König, keinen Pfad suchend, gerade wo

er stand, hinab die Felshöhe auf den Verhaßten. Die Furcht, er möchte ihm

entrinnen, ließ ihn alles vergessen. Und als hätte er Flügel, als hätte

der Gott der Rache ihn herabgeführt über Gebüsch und spitze Felsspalten

und Schroffen und Gräben sauste der König hinunter.

Einen Augenblick faßte den alten Waffenmeister Entsetzen: solchen Ritt

hatte er noch nie geschaut. Aber im nächsten Moment schwang er die blaue

Fahne und rief: »Nach! nach eurem König!« Und das berittene Gefolge voran,

das Fußvolk, springend und auf den Schilden rutschend, hinterher, brach

das Mitteltreffen der Goten plötzlich steil von oben auf die hunnischen

Reiter.

Calpurnius hatte aufgesehn. Ihm war, als ob sein Name, gellend gerufen, an

sein Ohr schlüge. Ihm klang der Ruf wie die Posaune des Weltgerichts.

Wie blitzgetroffen wandte er sich und wollte auf und davon. Aber der

maurische Leibwächter zur Rechten fiel ihm in den Zügel: »Halt, Tribun!«

sagte Antallas, auf Totilas Reiter deutend – »_dort_ ist der Feind!« Ein

Schmerzenschrei riß ihn und Calpurnius zur Linken herum. Denn da stürzte

der zweite der Leibwächter, der Hunne Kuturgur, zu seiner Linken, klirrend

vom Pferd, unter dem Schwerthieb eines Goten, der plötzlich wie vom Himmel

gefallen schien. Und hinter diesem Goten drein sprang und kletterte und

wogte es den steilen Felshang hinab, der doch pfadlos schien: und die

Reiter waren von diesem plötzlich von oben gekommenen Feind in der Flanke

umfaßt, während sie gleichzeitig in der Stirnseite mit den Geschwadern

Totilas zusammenstießen.

Calpurnius erkannte den Goten. »Witichis!« rief er entsetzt, und ließ den

Arm sinken. Aber sein Pferd rettete ihn; verwundet und scheu geworden

durch den Fall des hunnischen Leibwächters zur Linken, setzte es in wilden

Sprüngen davon.

Der maurische Leibwächter zu seiner Rechten warf sich wütend auf den König

der Goten, der ganz allein den Seinigen weit vorausgeeilt war. »Nieder,

Tollkühner!« schrie er. Aber im nächsten Augenblick hatte ihn das Schwert

des Witichis getroffen, der unaufhaltsam alles vor sich niederzuwerfen

schien, was ihn von Calpurnius jetzt noch fern hielt. Rasend setzte ihm

Witichis nach. Mitten durch die Reihen der hunnischen Reiter, die,

entsetzt vor diesem Anblick, auseinanderstoben.

Calpurnius hatte sein Pferd wieder bemeistert und suchte jetzt Schutz

hinter den stärksten Geschwadern seiner Reiter. Umsonst. Witichis verlor

ihn nicht aus dem Auge und ließ nicht von ihm ab. Wie dicht er sich unter

seinen Reitern barg, wie rasch er floh, – er entging nicht dem Blicke des

Königs, der alles erschlug, was sich zwischen ihn und den Mörder seines

Sohnes drängte.

Knäuel auf Knäuel, Gruppe auf Gruppe löste sich vor dem furchtbaren

Schwert des rächenden Vaters: die ganze Masse der Hunnen war quer geteilt

von dem Flüchtenden und seinem Verfolger. Sie vermochte nicht, sich wieder

zu schließen. Denn ehe noch Totila ganz heran war, hatte der alte

Bannerträger mit Reitern und Fußvolk ihre rechte Flanke durchbrochen, in

zwei Teile gespalten.

Als Totila ansprengte, hatte er nur noch Flüchtlinge zu verfolgen. Der

Teil zur Rechten wurde alsbald von Totila und Hildebrand in die Mitte

genommen und vernichtet.

Der größere Teil zur Linken floh zurück auf Belisar.

Calpurnius jagte indessen, wie von Furien gehetzt, über das Schlachtfeld.

Er hatte einen großen Vorsprung, da sich Witichis siebenmal erst hatte

Bahn hauen müssen. Aber ein Dämon schien Boreas, des Goten Roß, zu

treiben: näher und näher kam er seinem Opfer. Schon vernahm der Flüchtling

den Ruf, zu stehen und zu fechten. Noch hastiger spornte er sein Pferd. Da

brach es unter ihm zusammen. Noch bevor er sich aufgerafft, stand Witichis

vor ihm, der vom Sattel gesprungen war. Er stieß ihm, ohne ein Wort, mit

dem Fuß das Schwert hin, das ihm entfallen. Da faßte sich Calpurnius mit

dem Mut der Verzweiflung.

Er hob das Schwert auf und warf sich mit einem Tigersprung auf den Goten.

Aber mitten im Sprung stürzte er rücklings nieder.

Witichis hatte ihm die Stirn mitten entzwei gehauen. Der König setzte den

Fuß auf die Brust der Leiche und sah in das verzerrte Gesicht. Dann

seufzte er tief auf: »Jetzt hab’ ich die Rache. O hätt’ ich mein Kind.«

Mit Ingrimm hatte Belisar die so ungünstige Eröffnung des Kampfes mit

angesehen. Aber seine Ruhe, seine Zuversicht verließ ihn nicht, als er

Ambazuchs und Bessas’ Armenier weggefegt, als er des Calpurnius Reiter

durchbrochen und geworfen sah.

Er erkannte jetzt die Übermacht und Überlegenheit des Feindes. Allein er

beschloß, auf der ganzen Linie vorzurücken, eine Lücke lassend, um den

Rest der fliehenden Reiter aufzunehmen.

Jedoch scharf bemerkten dies die Goten und drängten, Witichis voran,

Totila und Hildebrand, welche die Umzingelten vernichtet hatten, folgend,

den Flüchtlingen jetzt so ungestüm nach, daß sie mit ihnen zugleich die

Linie Belisars zu erreichen und zu durchdringen drohten.

Das durfte nicht sein. Belisar füllte diese Lücke selbst durch seine

Leibwache zu Fuß und schrie den fliehenden Reitern entgegen, zu halten und

zu wenden.

Aber es war, als ob die Todesfurcht ihres gefallnen Führers sie alle

ergriffen hätte. Sie scheuten das Schwert des Gotenkönigs hinter sich mehr

als den drohenden Feldherrn vor sich: und ohne Halt und Fassung rasten

sie, als wollten sie ihr eignes Fußvolk niederreiten, im vollen Galopp

heran.

Einen Augenblick ein furchtbarer Stoß: – ein tausendstimmiger Schrei der

Angst und Wut: – ein wirrer Knäuel von Reitern und Fußvolk minutenlang: –

darunter einhauende Goten: – und plötzlich ein Auseinanderstieben nach

allen Seiten unter gellendem Siegesruf der Feinde. –

Belisars Leibwache war niedergeritten, seine Hauptschlachtlinie

durchbrochen. – Er befahl den Rückzug ins Lager.

Aber es war kein Rückzug mehr: es war eine Flucht. Hildebads, Guntharis

und Tejas Fußvolk waren jetzt auf dem Schlachtfeld eingetroffen: die

Byzantiner sahen ihre Stellung im ganzen geworfen: sie verzweifelten am

Widerstand und mit großer Unordnung eilten sie nach dem Lager zurück.

Gleichwohl hätten sie dasselbe noch in guter Zeit vor den Verfolgern

erreicht, hätte nicht ein unerwartetes Hindernis alle Wege gesperrt.

So siegesgewiß war Belisar ausgezogen, daß er das ganze Fuhrwerk, die

Wagen und das Gepäck des Heeres, ja selbst die Herden, die ihm

nachgetrieben wurden nach der Sitte jener Zeit, den Truppen auf allen

Straßen zu folgen befohlen hatte. Auf diesen langsamen, schwer beweglichen

und schwer zu entfernenden Körper stießen nun überall die weichenden

Truppen und grenzenlose Hemmung und Verwirrung trat ein.

Soldaten und Troßknechte wurden handgemein: die Reihen lösten sich

zwischen den Karren, Kisten und Wagen. Bei vielen erwachte die Beutelust

und sie fingen an, das Gepäck zu plündern, ehe es in die Hände der

Barbaren falle. Überall ein Streiten, Fluchen, Klagen, Drohen: dazwischen

das Krachen der Lastwagen, die zerbrochen wurden, und das Blöken und

Brüllen der erschrocknen Herden.

»Gebt den Troß Preis! Feuer in die Wagen! schickt die Reiter durch die

Herden!« befahl Belisar, der mit dem Rest seiner Leibwachen in guter

Ordnung mit dem Schwert sich Bahn brach. Aber vergebens. Immer

unentwirrbarer, immer dichter wurde der Knäuel: – nichts schien ihn mehr

lösen zu können.

Da zerriß ihn die Verzweiflung.

Der Schrei, »die Barbaren über uns!« erscholl aus den hintersten Reihen.

Und es war kein leerer Schreck. Hildebad mit dem Fußvolk war jetzt in die

Ebene hinabgestiegen und seine ersten Reihen trafen auf den wehrlosen

Knäuel.

Da gab es eine furchtbare wogende Bewegung nach vorn: ein tausendstimmiger

Schrei der Angst – der Wut – des Schmerzes der Angegriffenen, der

Leibwachen, die, alter Tapferkeit gedenk, fechten wollten und nicht

konnten: – der Zertretenen und Zerdrückten – und plötzlich stürzte der

größte Teil der Wagen, mit ihrer Bespannung, und mit den Tausenden, die

darauf und dazwischen zusammengedrängt waren, mit donnerndem Krachen in

die Gräben links und rechts neben der Hochstraße.

So ward der Weg frei. Und unaufhaltsam, ordnungslos ergoß sich der Strom

der Flüchtigen nach dem Lager. –

Mit lautem Siegesgeschrei folgte das gotische Fußvolk, ohne Mühe mit den

Fernwaffen, mit Pfeilen, Schleudern und Wurfspeeren, in dem dichten Gewühl

seine Ziele treffend, während Belisar mit Mühe die unaufhörlichen Angriffe

der Reiter Totilas und des Königs abwehrte. »Hilf, Belisar,« rief Aigan,

der Führer der massagetischen Söldner, aus dem eben gesprengten Knäuel

heranreitend, das Blut aus dem Gesicht wischend: »meine Landsleute haben

heut’ den schwarzen Teufel unter den Feinden gesehen. Sie stehn mir nicht.

Hilf: dich fürchten sie sonst mehr als den Teufel!«

Mit Knirschen sah Belisar hinüber nach seinem rechten Flügel, der

aufgelöst über das Blachfeld jagte, von den Goten gehetzt.

»O Justinianus, kaiserlicher Herr, wie erfüll’ ich schlecht mein Wort!«

Und die weitere Deckung des Rückzugs ins Lager dem erprobten Demetrius

überlassend, – denn das hügelige Terrain, das jetzt erreicht war,

schwächte die Kraft der verfolgenden Reiter – sprengte er mit Aigan und

seiner berittenen Garde querfeldein mitten unter die Flüchtenden.

»Halt!« donnerte er ihnen zu, »halt, ihr feigen Hunde. Wer flieht, wo

Belisar streitet?

Ein Kampf um Rom: Historischer Roman. Zweiter Band · 第 9 / 23 题