Zweite Abteilung.
Erstes Kapitel.
Im Lager angelangt fand König Witichis alles in höchster Verwirrung;
gewaltsam riß ihn die drängende Not des Augenblicks aus seinem Gram und
gab ihm vollauf zu thun.
Er traf das Heer in voller Auflösung und in zahlreiche Parteiungen
zerspalten. Deutlich erkannte er, daß der Fall der ganzen gotischen Sache
die Folge gewesen wäre, hätte er die Krone niedergelegt oder das Heer
verlassen.
Manche Gruppen fand er zum Aufbruch bereit.
Die einen wollten sich dem alten Grafen Grippa in Ravenna anschließen.
Andere zu den Empörern sich wenden, andere Italien verlassend über die
Alpen flüchten. Endlich fehlte es nicht an Stimmen, die für eine neue
Königswahl sprachen: und auch hierin standen sich die Parteien
waffendrohend gegenüber.
Hildebrand und Hildebad hielten noch diejenigen zusammen, die an des
Königs Flucht nicht glauben wollten. Der Alte hatte erklärt, wenn Witichis
wirklich entflohen, wolle er nicht ruhen, bis der eidbrüchige König wie
Theodahad geendet. Hildebad schalt jeden einen Neiding, der also von
Witichis denke. Sie hatten die Wege zur Stadt und nach dem Wölsungenlager
besetzt und drohten, jeden Abzug nach diesen Seiten mit Gewalt
zurückzuweisen, während auch bereits Herzog Guntharis von der Verwirrung
Kunde erhalten hatte und langsam gegen das Lager der Königlichen anrückte.
Überall traf Witichis auf unruhige Haufen, abziehende Scharen, Drohungen,
Scheltworte, erhobene Waffen: – jeden Augenblick konnte auf allen Punkten
des Lagers ein Blutbad ausbrechen. Rasch entschlossen eilte er in sein
Zelt, schmückte sich mit dem Kronhelm und dem goldenen Stab, stieg auf
Boreas, das mächtige Schlachtroß, und sprengte, gefolgt von Teja, der die
blaue Königsfahne Theoderichs über ihm hielt, durch die Gassen.
In der Mitte des Lagers stieß er auf einen Trupp von Männern, Weibern und
Kindern, – denn ein gotisches Volksheer führte auch diese mit sich – der
sich drohend gegen das Westthor wälzte.
Hildebad ließ die Seinen mit gefällten Speeren in die Thore treten.
»Laßt uns hinaus,« schrie die Menge, »der König ist geflohen, der Krieg
ist aus, alles ist verloren, wir wollen das Leben retten.« »Der König ist
kein Tropf wie du,« sagte Hildebad, den Vordersten zurückstoßend. »Ja, er
ist ein Verräter,« schrie dieser, »er hat uns alle verlassen und verraten
um ein paar Weiberthränen.«
»Ja,« schrie ein anderer: »er hat dreitausend von unseren Brüdern
hingeschlachtet und ist dann entflohn.«
»Du lügst,« sprach eine ruhige Stimme und Witichis bog um die Lagerecke.
»Heil dir, König Witichis!« schrie der riesige Hildebad, »seht ihr ihn da!
– Hab’ ich’s nicht immer gesagt, ihr Gesindel? Aber Zeit war’s, daß du
kamst – sonst ward es schlimm.«
Da sprengte von rechts Hildebrand mit einigen Reitern heran: »Heil dir,
König, und der Krone auf deinem Helm. – Reitet durch das Lager, Herolde,
und kündet, was ihr saht: und alles Volk soll rufen: »Heil König Witichis,
dem Vielgetreuen.««