Den Helden Belisarius hatte der geistige Kampf dieser Stunde, der rasche
Wechsel von Zorn, Furcht, Spannung und Triumph mehr als ein halber Tag des
Kampfes unter Helm und Schild angestrengt und erschöpft. Er verlangte nach
Erholung und Labung und entließ seine Heerführer, von denen keiner ohne
ein Wort der Anerkennung an den Präfekten das Zelt verließ. Dieser sah
seine Überlegenheit von allen, auch von Belisar, anerkannt; es that ihm
wohl, in einer Stunde den schlauen Bischof vernichtet und die stolzen
Byzantiner gedemütigt zu haben. Aber er wiegte sich nicht müßig in dieser
Siegesfreude. Dieser Geist kannte die Gefährlichkeit des Schlafes auf
Lorbeer: Lorbeer betäubt.
Er beschloß, sofort den Sieg zu verfolgen, die geistige Übergewalt, die er
in diesem Augenblick über den Helden von Byzanz unverkennbar besaß, jetzt,
unter ihrem ersten frischen Eindruck, mit aller Kraft zu benutzen und den
lang vorbereiteten Hauptstreich zu führen. Während er mit solchen Gedanken
dem Zug der Heerführer nachsah, die sich aus dem Zelt entfernten, bemerkte
er nicht, daß zwei Augen mit eigentümlichem Ausdruck auf ihm ruhten. Es
waren Antoninas Augen. Die Vorgänge, deren Zeugin sie gewesen, hatten
einen seltsam gemischten Eindruck auf sie gemacht. Zum erstenmal hatte sie
den Abgott ihrer Bewunderung, ihren Gatten, ohne alle eigne Kraft sich zu
helfen und zu wehren, in den Schlingen eines andern, des klugen Priesters,
liegen und nur durch die überlegne Kraft dieses dämonischen Römers
gerettet gesehen. Anfangs hatte ihr in dem Gatten verletzter Stolz diese
Demütigung mit schmerzlichem Haß gegen den Übermächtigen empfunden.
Aber dieser Haß hielt nicht vor und unwillkürlich trat, wie immer
gewaltiger sich die Macht seiner Überlegenheit entfaltete, Bewunderung an
des Verdrusses Stelle und erschreckte Unterordnung; sie empfand nur noch
das Eine: ihren Belisar hatte die Kirche und Cethegus hatte ihren Belisar
und die Kirche verdunkelt. Und daran knüpfte sich unzertrennlich der
ängstliche Wunsch, diesen Mann nie zum Feind, immer zum Verbündeten ihres
Gatten zu haben. Kurz, Cethegus hatte an dem Weibe Belisars eine geistige
Eroberung von größter Wichtigkeit gemacht: und er sollte es, noch dazu,
sofort merken.
Mit gesenkten Augen trat das schöne, sonst so sichre Weib auf ihn zu; er
sah auf: da errötete sie über und über und reichte ihm eine zitternde
Hand. »Präfekt von Rom,« sagte sie, »Antonina dankt dir. Du hast dir ein
großes Verdienst erworben um Belisarius und den Kaiser. Wir wollen gute
Freundschaft halten.«
Mit Staunen sah Prokop, der im Zelt zurückgeblieben, diesen Vorgang: »Mein
Odysseus überzaubert die Zauberin Circe,« dachte er.
Cethegus aber erkannte im Augenblick, wie sich diese Seele vor ihm beugte
und welche Gewalt er dadurch über Belisar gewonnen. »Schöne Magistra
Militum,« sagte er, sich hoch aufrichtend, »deine Freundschaft ist der
reichste Lorbeer meines Sieges. Ich stelle sie sogleich auf die Probe. Ich
bitte dich und Prokop, meine Zeugen, meine Verbündeten zu sein in der
Unterredung, die ich jetzt mit Belisar zu führen habe.«
»Jetzt?« sagte Belisar ungeduldig. »Kommt, laßt uns erst zu Tische und im
Cäkuber den Sturz des Priesters feiern.« Und er schritt zur Thüre.
Aber Cethegus blieb ruhig stehen in der Mitte des Zeltes, und Antonina und
Prokop lagen so ganz unter dem Bann seines Einflusses, daß sie nicht ihrem
Herrn zu folgen wagten. Ja, Belisar selbst wandte sich und fragte: »Muß es
denn jetzt gerade sein?«
»Es muß,« sagte Cethegus und er führte Antonina an der Hand nach ihrem
Sitz zurück.
Da schritt auch Belisar wieder zurück. »Nun so sprich,« sagte er, »aber
kurz.«
»So kurz als möglich. Ich habe immer gefunden, daß gegenüber großen
Freunden oder großen Feinden Aufrichtigkeit das stärkste Band oder die
beste Waffe. Danach werd’ ich in dieser Stunde handeln. Wenn ich sagte:
mein Thun lohnt sich selbst, so wollt’ ich damit ausdrücken, daß ich dem
falschen Priester die Herrschaft über Rom nicht eben um des Kaisers Willen
entrissen.«
Belisar horchte hoch auf. Prokop, erschrocken über diese allzukühne
Offenheit seines Freundes, machte ihm ein abmahnendes Zeichen.
Antoninas rasches Auge hatte das bemerkt und stutzte, mißtrauisch über das
Einverständnis der beiden. Cethegus entging dies nicht. »Nein, Prokop,«
sagte er zu Belisars Erstaunen: »unsre Freunde hier würden doch allzubald
erkennen, daß Cethegus nicht der Mann ist, seinen Ehrgeiz in einem Lächeln
Justinians befriedigt zu finden. Ich habe Rom nicht für den Kaiser
gerettet.«
»Für wen sonst?« fragte Belisar ernst.
»Zunächst für Rom. Ich bin ein Römer. Ich liebe mein ewiges Rom. Es sollte
nicht dem Priester dienstbar werden. Aber auch nicht die Sklavin des
Kaisers. Ich bin Republikaner,« sprach er, das Haupt trotzig aufwerfend.
Über Belisars Antlitz flog ein Lächeln: der Präfekt schien ihm nicht mehr
so bedeutend. Prokop sagte achselzuckend: »Unbegreiflich.« Aber Antoninen
gefiel dieser Freimut.
»Zwar sah ich ein, daß wir nur mit dem Schwerte Belisars die Barbaren
niederschlagen können. Leider auch, daß unsere Zeit nicht ganz reif ist,
mein Traumbild republikanischer Freiheit zu verwirklichen. Die Römer
müssen erst wieder zu Catonen werden, dies Geschlecht muß aussterben und
ich erkenne, daß Rom einstweilen nur unter dem Schilde Justinians Schutz
findet gegen die Barbaren. Drum wollen wir uns diesem Schilde beugen –
einstweilen.«
»Nicht übel!« dachte Prokop, »der Kaiser soll sie solang schützen, bis sie
stark genug sind, ihn zum Dank davonzujagen.«
»Das sind Träume, mein Präfekt,« sagte Belisar mitleidig, »was haben sie
für praktische Folgen?«
»Die, daß Rom nicht mit gebundenen Händen, ohne Bedingung, der Willkür des
Kaisers überliefert werden soll. Justinian hat nicht nur Belisar zum
Diener. Denke, wenn der herzlose Narses dein Nachfolger würde!« – Die
Stirn des Helden faltete sich. – »Deshalb will ich dir die Bedingungen
nennen, unter denen die Stadt Cäsars dich und dein Heer in ihre Mauern
aufnehmen wird.«
Aber das war Belisar zu viel. Zürnend sprang er auf, sein Antlitz glühte,
sein Auge blitzte. »Präfekt von Rom,« rief er mit seiner rollenden
Löwenstimme, »du vergißt dich und deine Stellung. Morgen brech’ ich auf
mit meinem Heer von siebzigtausend Mann nach Rom. Wer wird mich hindern,
einzuziehen in die Stadt, ohne Bedingung?«
»Ich,« sagte Cethegus ruhig. »Nein, Belisar, ich rase nicht. Sieh hier,
diesen Plan der Stadt und ihrer Werke. Dein Feldherrnauge wird rascher,
besser als das meine, ihre Stärke erkennen.« Er zog ein Pergament hervor
und breitete es auf dem Zelttische aus.
Belisar warf einen gleichgültigen Blick darauf, aber sofort rief er: »Der
Plan ist irrig! Prokop, reiche mir unsern Plan aus jener Capsula. –
Sieh her, diese Gräben sind ja jetzt ausgefüllt, diese Türme eingefallen,
hier die Mauer niedergerissen, diese Thore wehrlos. – Dein Plan stellt sie
alle noch in furchtbarer Stärke dar. Er ist veraltet, Präfekt von Rom.«
»Nein, Belisar, der deine ist veraltet: diese Mauern, Gräben, Thore sind
hergestellt.« – »Seit wann?« – »Seit Jahresfrist.« – »Von wem?« – »Von
mir.« Betroffen sah Belisar auf den Plan.
Antoninas Blick hing ängstlich an den Zügen ihres Gatten.
»Präfekt,« sagte dieser endlich, »wenn dem so ist, so verstehst du den
Krieg, den Festungskrieg. Aber zum Krieg gehört ein Heer und deine leeren
Wälle werden mich nicht aufhalten.«
»Du wirst sie nicht leer finden. Du wirst einräumen, daß mehr als
zwanzigtausend Mann Rom, – nämlich dies _mein_ Rom hier auf dem Plan, –
über Jahr und Tag selbst gegen Belisar zu halten vermögen. Gut: so wisse
denn, daß jene Werke in diesem Augenblick von fünfunddreißigtausend
Bewaffneten gedeckt sind.«
»Sind die Goten zurück?« rief Belisar. Prokop trat erstaunt näher.
»Nein, jene fünfunddreißigtausend stehen unter meinem Befehl. Ich habe
seit Jahren die lang verweichlichten Römer zu den Waffen zurückgerufen und
unablässig in den Waffen geübt. So habe ich zur Zeit dreißig Kohorten,
jede fast zu tausend Mann, schlagfertig.«
Belisar bekämpfte seinen Unmut und zuckte verächtlich die Achseln.
»Ich geb’ es zu,« – fuhr Cethegus fort – »diese Scharen würden in offner
Feldschlacht einem Heere Belisars nicht stehen. Aber ich versichre dich:
von diesen Mauern herab werden sie ganz tüchtig fechten. Außerdem hab’ ich
aus meinen Privatmitteln siebentausend auserlesene isaurische und
abasgische Söldner geworben und allmählich in kleinen Abteilungen ohne
Aufsehen nach Ostia, nach Rom und in die Umgegend gebracht. Du zweifelst?
hier sind die Listen der dreißig Kohorten, hier der Vertrag mit den
Isauriern. Du siehst deutlich, wie die Sachen stehen. Entweder du nimmst
meine Bedingung an: – dann sind jene fünfunddreißigtausend dein, dein ist
Rom, mein Rom, dieses Rom auf dem Plan, von dem du sagtest, es sei von
furchtbarer Stärke, und dein ist Cethegus. Oder du verwirfst meine
Bedingung: dann ist dein ganzer Siegeslauf, dessen Gelingen auf der
Raschheit deiner Bewegung ruht, gehemmt. Du mußt Rom belagern, viele Monde
lang. Die Goten haben alle Zeit, sich zu sammeln. Wir selber rufen sie
zurück: sie ziehen in dreifacher Übermacht zum Entsatz der Stadt heran,
und nichts errettet dich vom Verderben als ein Wunder.«
»Oder dein Tod in diesem Augenblick, du Teufel,« donnerte Belisar, und
riß, seiner nicht mehr mächtig, das Schwert aus der Scheide. »Auf, Prokop,
in des Kaisers Namen! Ergreife den Verräter! Er stirbt in dieser Stunde!«
Entsetzt, unschlüssig trat Prokop zwischen die beiden, indes Antonina
ihrem Gatten in den Arm fiel und seine rechte Hand zu fassen suchte.
»Seid ihr mit im Bunde?« schrie der Ergrimmte. »Wachen, Wachen herbei!«
Aus jeder der beiden Thüren traten zwei Lanzenträger in das Zelt: aber
noch zuvor hatte sich Belisar von Antonina losgerissen und mit dem linken
Arm den starken Prokop, als wär’ er ein Kind, zur Seite geschleudert. Mit
dem Schwert zu furchtbarem Stoß ausholend, stürzte er auf den Präfekten
los.
Aber plötzlich hielt er inne und senkte die Waffe, die schon des Bedrohten
Brust streifte.
Denn unbeweglich, wie eine Statue, ohne eine Miene zu verziehen, den
kalten Blick durchbohrend auf den Wütenden gerichtet, war Cethegus stehen
geblieben, ein Lächeln unsäglicher Verachtung um die Lippen.
»Was soll der Blick und dieses Lachen?« fragte Belisar innehaltend.
Prokop winkte leise den Wachen, abzutreten.
»Mitleid mit deinem Feldherrnruhm, den ein Augenblick des Jähzorns für
immer verderben sollte. Wenn dein Stoß traf, warst du verloren.«
»Ich!« lachte Belisar. »Ich sollte meinen du.«
»Und du mit mir. Glaubst du, ich stecke tolldreist den Kopf in den Rachen
des Löwen? Daß einem Helden deiner Art zu allererst der feine Einfall
kommen werde, dich mit einem guten Schwertstreich herauszuhauen, das
vorauszusehen war nicht schwer. Dagegen hab’ ich mich geschützt. Wisse:
seit diesem Morgen ist infolge eines versiegelten Auftrages, den ich
zurückließ, Rom in den Händen, in der Gewalt meiner blindergebnen Freunde.
Das Grabmal Hadrians, das Kapitol und alle Thore und Türme der Umwallung
sind besetzt von meinen Isauriern und Legionaren. Meinen Kriegstribunen,
todesmutigen Jünglingen, hab’ ich diesen Befehl hinterlassen für den Fall,
daß du ohne mich vor Rom eintriffst.« Er reichte Prokop eine Papyrusrolle.
Dieser las: »An Lucius und Marcus die Licinier Cethegus der Präfekt. Ich
bin gefallen, ein Opfer der Tyrannei der Byzantiner. Rächet mich! Ruft
sofort die Goten zurück. Ich fordre es bei eurem Eid. Besser die Barbaren
als die Schergen Justinians. Haltet euch bis auf den letzten Mann.
Übergebt die Stadt eher den Flammen als dem Heer des Tyrannen.«
»Du siehst also,« fuhr Cethegus fort, »daß dir mein Tod die Thore Roms
nicht öffnet, sondern für immer sperrt. Du mußt die Stadt belagern: oder
mit mir abschließen.«
Belisar warf einen Blick des Zornes, aber auch der Bewunderung auf den
kühnen Mann, der ihm mitten unter seinen Tausenden Bedingungen vorschrieb.
Dann steckte er das Schwert ein, warf sich unwillig auf seinen Stuhl und
fragte: »Welches sind deine Bedingungen für die Übergabe?« »Nur zwei.
Erstens giebst du mir Befehl über einen kleinen Teil deines Heeres. Ich
darf deinen Byzantinern kein Fremder sein.«
»Zugestanden. Du erhältst als Archon zweitausend Mann illyrischen Fußvolks
und eintausend saracenische und maurische Reiter. Genügt das?«
»Vollkommen. Zweitens.
Meine Unabhängigkeit vom Kaiser und von dir ruht einzig auf der
Beherrschung Roms. Diese darf durch deine Anwesenheit nicht aufhören.
Deshalb bleibt das ganze rechte Tiberufer mit dem Grabmal Hadrians, auf
dem linken aber das Kapitol, die Umwallung im Süden bis zum Thore Sankt
Pauls einschließlich, bis zum Ende des Krieges in der Hand meiner Isaurier
und Römer; von dir aber wird der ganze Rest der Stadt auf dem linken
Tiberufer besetzt, von dem flaminischen Thor im Norden bis zum appischen
Thor im Süden.«
Belisar warf einen Blick auf den Plan. »Nicht übel gedacht! Von jenen
Punkten aus kannst du mich jeden Augenblick aus der Stadt drängen oder den
Fluß absperren. Das geht nicht an.«
»Dann rüste dich zum Kampf mit den Goten und mit Cethegus zusammen vor den
Mauern Roms.«
Belisar sprang auf. »Geht! laßt mich allein mit Prokop! Cethegus, erwarte
meine Entscheidung.«
»Bis morgen,« sagte dieser. »Bei Sonnenaufgang kehr’ ich nach Rom zurück,
mit deinem Heer oder – allein.«
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Wenige Tage darauf zog Belisar mit seinem Heer in der ewigen Stadt ein
durch das asinarische Thor.
Endloser Jubel begrüßte den Befreier, Blumenregen überschüttete ihn und
seine Gattin, die auf einem zierlichen weißen Zelter an seiner Linken
ritt. Alle Häuser hatten ihren Festschmuck von Teppichen und Kränzen
angethan.
Aber der Gefeierte schien nicht froh: verdrossen senkte er das Haupt und
warf finstre Blicke nach den Wällen und dem Kapitol, von denen, den alten
römischen Adlern nachgebildet, die Banner der städtischen Legionare, nicht
die Drachenfahnen von Byzanz, herniederschauten.
Am asinarischen Thor hatte der junge Lucius Licinius den Vortrapp des
kaiserlichen Heeres zurückgewiesen: und nicht eher hob sich das wuchtige
Fallgitter, bis neben Belisars Rotscheck, getragen von seinem prachtvollen
Rappen, Cethegus der Präfekt erschienen war. Lucius staunte über die
Verwandlung, die mit seinem bewunderten Freunde vorgegangen. Die kalte,
strenge Verschlossenheit war gewichen: er erschien größer, jugendlicher:
ein leuchtender Glanz des Sieges lag auf seinem Antlitz, seiner Haltung
und seiner Erscheinung. Er trug einen hohen, reichvergoldeten Helm, von
dem der purpurne Roßschweif niederwallte bis auf den Panzer: dieser aber
war ein kostbares Kunstwerk aus Athen und zeigte auf jeder seiner
Rundplatten ein fein gearbeitetes Relief von getriebenem Silber, jedes
einen Sieg der Römer darstellend.
Der Siegesausdruck seines leuchtenden Gesichts, seine stolze Haltung und
sein schimmernder Waffenschmuck überstrahlte, wie Belisar, den
kaiserlichen Magister Militum selbst, so das glänzende Gefolge von
Heerführern, das sich, geführt von Johannes und Prokop, hinter den beiden
anschloß. Und dies Überstrahlen war so augenfällig, daß sich, sowie der
Zug einige Straßen durchmessen hatte, der Eindruck auch der Menge
mitteilte und der Ruf »Cethegus!« bald so laut und lauter als der Name
»Belisar« ertönte.
Das feine Ohr Antoninas fing an, dies zu bemerken: mit Unruhe lauschte sie
bei jeder Stockung des Zugs auf das Rufen und Reden des Volks. Als sie die
Thermen des Titus hinter sich gelassen und bei dem flavischen Amphitheater
die sacra Via erreicht hatten, wurden sie durch das Wogen der Menge zum
Verweilen gezwungen: ein schmaler Triumphbogen war errichtet, den man nur
langsam durchschreiten konnte.
»Sieg dem Kaiser Justinian und Belisarius, seinem Feldherrn,« stand darauf
geschrieben. Während Antonina die Aufschrift las, hörte sie einen Alten,
der wenig in den Lauf der Dinge eingeweiht schien, an seinen Sohn, einen
der jungen Legionare des Cethegus, Fragen um Auskunft stellen. »Also, mein
Gajus, der Finstre mit dem verdrießlichen Gesicht auf dem Rotscheck ... –«
»Ja, das ist Belisarius, wie ich dir sage,« antwortete der Sohn. »So? Nun
– aber der stattliche Held, ihm zur Linken, mit dem triumphierenden Blick,
der auf dem Rappen, das ist gewiß Justinianus selbst, sein Herr, der
Imperator?« – »Beileibe, Vater! der sitzt ruhig in seinem goldnen Gemach
zu Byzanz und schreibt Gesetze. Nein, das ist ja Cethegus, _unser_
Cethegus, mein Cethegus, der Präfekt, der mir das Schwert geschenkt. Ja,
das ist ein Mann. Licinius, mein Tribun, sagte neulich: wenn der nicht
wollte, Belisar sähe nie ein römisch Thor von innen.«
Antonina gab ihrem Apfelschimmel einen heftigen Schlag mit dem
Silberstäbchen und sprengte rasch durch den Triumphbogen.
Cethegus geleitete den Feldherrn und dessen Gattin bis an den Palast der
Pincier, der prachtvoll zu ihrer Aufnahme in stand gesetzt war. Hier
verabschiedete er sich, den byzantinischen Heerführern seinen Beistand zu
leihen, die Truppen teils in den Häusern der Bürger und den öffentlichen
Gebäuden, teils vor den Thoren in Zelten unterzubringen.
»Wenn du dich von den Mühen – und Ehren! – dieses Tages erholt,
Belisarius, erwarte ich dich und Antonina und deine ersten Heerführer zum
Mahl in meinem Hause.«
Nach einigen Stunden erschienen Marcus Licinius, Piso und Balbus, die
Geladenen abzuholen. Sie begleiteten die Sänften, in denen Antonina und
Belisar getragen wurden, die Heerführer gingen zu Fuß.
»Wo wohnt der Präfekt?« fragte Belisar beim Einsteigen in die Sänfte.
»So lang du hier bist: tags im Grabmal Hadrians, und nachts – auf dem
Kapitol.«
Belisar stutzte. Der kleine Zug näherte sich dem Kapitol.
Mit Staunen sah der Feldherr alle die Werke und Wälle, die seit mehr denn
zweihundert Jahren in Schutt gelegen waren, zu gewaltiger Stärke wieder
hergestellt.
Nachdem sie durch einen langen, schmalen und dunkeln Zickzackgang, den
engen Zugang zu der Feste, sich gewunden, gelangten sie an ein gewaltiges
Eisenthor, das fest geschlossen war, wie in Kriegszeit.
Marcus Licinius rief die Wachen an.
»Gieb die Losung!« sprach eine Stimme von innen.
»Cäsar und Cethegus!« antwortete der Kriegstribun. Da sprangen die
Thorflügel auf: ein langes Spalier der römischen Legionare und der
isaurischen Söldner ward sichtbar, letztere in Eisen gehüllt bis an die
Augen und mit Doppeläxten bewaffnet. Lucius Licinius stand an der Spitze
der Römer, mit gezücktem Schwert in der Hand: Sandil, der isaurische
Häuptling, an der Spitze seiner Landsleute. Einen Augenblick blieben die
Byzantiner unentschlossen stehen, von dem Eindruck dieser Machtentfaltung
von Granit und Eisen überwältigt.
Da wurde es hell in dem matt erleuchteten Raum: man vernahm Musik aus dem
Hintergrund des Ganges: und, von Fackelträgern und Flötenspielern
begleitet, nahte Cethegus, ohne Rüstung, einen Kranz auf dem Haupt, wie
ihn der Wirt eines Festgelages zu tragen pflegte, im reichen Hausgewand
von Purpurseide. So trat er lächelnd vor und sprach: »Willkommen! und
Flötenspiel und Tubaschall verkünde laut: daß die schönste Stunde meines
Lebens kam: Belisar, _mein Gast_ im Kapitol.«
Und unter schmetterndem Klang der Trompeten führte er den Schweigenden in
die Burg.
Vierzehntes Kapitel.
Während dieser Vorgänge bei den Römern und Byzantinern bereiteten sich
auch auf Seite der Goten entscheidende Ereignisse vor.
In Eilmärschen waren Herzog Guntharis und Graf Arahad von Florentia, wo
sie eine kleine Besatzung zurückließen, mit ihrer gefangenen Königin nach
Ravenna aufgebrochen. Wenn sie diese für uneinnehmbar geltende Feste vor
Witichis, der heftig nachdrängte, erreichten und gewannen, so mochten sie
dem König jede Bedingung vorschreiben. Zwar hatten sie noch einen starken
Vorsprung und hofften, die Verfolger durch die Belagerung von Florentia
noch eine gute Weile aufzuhalten. Aber sie büßten jenen Vorsprung beinahe
völlig dadurch ein, daß die auf der nächsten Straße nach Ravenna gelegenen
Städte und Kastelle sich für Witichis erklärten und so die Empörer
nötigten, auf großem Umweg im rechten Winkel zuerst nördlich nach Bononia
(Bologna), das zu ihnen abgefallen war, und dann erst östlich nach Ravenna
zu marschieren.
Gleichwohl war, als sie in der Sumpflandschaft der Seefestung anlangten
und nur noch einen halben Tagemarsch von ihren Thoren entfernt waren, von
dem Heer des Königs nichts zu sehen. Guntharis gönnte seinen stark
ermüdeten Truppen den Rest des ohnehin schon gegen Abend neigenden Tages
und schickte nur eine kleine Schar Reiter unter seines Bruders Befehl
voraus, den Goten in der Festung ihre Ankunft zu verkünden.
Aber schon in den ersten Morgenstunden des nächsten Tages kam Graf Arahad
mit seiner stark gelichteten Reiterschar flüchtend ins Lager zurück. »Bei
Gottes Schwert,« rief Guntharis, »wo kommst du her?«
»Von Ravenna kommen wir. Wir hatten die äußersten Werke der Stadt erreicht
und Einlaß begehrt, wurden aber entschieden abgewiesen, obwohl ich selbst
mich zeigte und den alten Grippa, den Grafen von Ravenna, rufen ließ. Der
erklärte trotzig, morgen würden wir seine und der Goten in Ravenna
Entscheidung erfahren: wir sowohl wie das Heer des Königs, dessen Spitzen
sich bereits von Südosten her der Stadt näherten.«
»Unmöglich!« rief Guntharis ärgerlich.
»Mir blieb nichts übrig, als abzuziehen, so wenig ich dies Benehmen
unseres Freundes begriff. Die Nachricht von der Nähe des Königs hielt auch
ich für eine leere Drohung des Alten, bis meine im Süden der Stadt
schwärmenden Reiter, die nach einer trockenen Beiwachtstelle suchten,
plötzlich von feindlichen Reitern unter dem schwarzen Grafen Teja von
Tarentum mit dem Ruf: »Heil König Witichis!« angegriffen und nach scharfem
Gefecht zurückgeworfen wurden.«
»Du rasest,« rief Guntharis. »Haben sie Flügel? ist Florentia aus ihrem
Wege fortgeblasen?«
»Nein! aber ich erfuhr von picentinischen Bauern, daß Witichis auf dem
Küstenweg über Auximum und Ariminum nach Ravenna eilt.« – »Und Florentia
ließ er im Rücken, ungezwungen? Das soll ihm schlecht bekommen.« –
»Florentia ist gefallen! Er schickte Hildebad gegen die Stadt, der sie im
Sturme nahm. Er rannte mit eigener Hand das Marsthor ein, – der wütige
Stier!«
Mit finsterer Miene vernahm Herzog Guntharis diese Unglücksbotschaften;
aber rasch faßte er seinen Entschluß. Er brach sofort mit all seinen
Truppen gegen die Stadt auf, sie durch einen raschen Streich zu nehmen.
Der Überfall mißlang.
Aber die Empörer hatten die Befriedigung, zu sehen, daß die Festung, deren
Besitz den Bürgerkrieg entschied, wenigstens auch dem Feind sich nicht
geöffnet hatte. Im Südosten, vor der Hafenstadt Classis, hatte sich der
König gelagert. Des Herzogs Guntharis geübter Blick erkannte alsbald, daß
auch die Sümpfe im Nordwesten eine sichere Stellung gewährten, und rasch
schlug er hier ein wohlverschanztes Lager auf.
So hatten sich die beiden Parteien, wie zwei ungestüme Freier um eine
spröde Braut, hart an beide Seiten der gotischen Königsstadt gedrängt, die
keinem ein günstiges Gehör schenken zu wollen schien.
Tags darauf gingen zwei Gesandtschaften, aus Ravennaten und Goten
bestehend, aus dem nordwestlichen und aus dem südöstlichen Thor der
Festung, dem Thor des Honorius und dem des Theoderich, und brachten, jene
in das Lager der Wölsungen, diese zu den Königlichen, den verhängnisvollen
Entscheid von Ravenna.
Dieser mußte sehr seltsam lauten. Denn die beiden Heerführer, Guntharis
und Witichis, hielten ihn, in merkwürdiger Übereinstimmung, streng geheim
und sorgten eifrig dafür, daß kein Wort davon unter ihre Truppen gelangte.
Die Gesandten wurden sofort aus den Feldherrnzelten beider Lager unter
Bedeckung von Heerführern, die jede Unterredung mit den Heermännern
verwehrten, nach den Thoren der Stadt zurückgebracht.
Aber auch sonst war die Wirkung der Botschaft in den beiden Heerlagern
auffallend genug. Bei den Empörern kam es zu einem heftigen Streit
zwischen den beiden Führern: dann zu einer sehr lebhaften Unterredung von
Herzog Guntharis mit seiner schönen Gefangenen, die, wie es hieß, nur
durch Graf Arahad vor dem Zorne seines Bruders geschützt worden war.
Darauf versank das Lager der Rebellen in die Ruhe der Ratlosigkeit.
Folgenreicher war das Erscheinen der ravennatischen Gesandten in dem Lager
gegenüber. Die erste Antwort, die König Witichis auf die Botschaft erließ,
war der Befehl zu einem allgemeinen Sturm auf die Stadt.
Überrascht vernahmen Hildebrand und Teja, vernahm das ganze Heer diesen
Auftrag. Man hatte gehofft, in Bälde die Thore der starken Festung sich
freiwillig aufthun zu sehen. Gegen das gotische Herkommen und ganz gegen
seine sonst so leutselige Art gab der König niemand, auch seinen Freunden
nicht, Rechenschaft von der Mitteilung der Gesandten und von den Gründen
dieses zornigen Angriffs.
Schweigend, aber kopfschüttelnd und mit wenig Hoffnung auf Erfolg, rüstete
sich das Heer zu dem unvorbereiteten Sturm: er ward blutig
zurückgeschlagen. Vergebens trieb der König seine Goten immer wieder aufs
neue die steilen Felswälle hinan. Vergebens bestieg er, dreimal der erste,
die Sturmleitern: vom frühen Morgen bis zum Abendrot hatten die Angreifer
gestürmt ohne Fortschritte zu machen: die Festung bewährte ihren alten
Ruhm der Unbezwingbarkeit.
Und als endlich der König, von einem Schleuderstein schwer betäubt, aus
dem Getümmel getragen wurde, führten Teja und Hildebrand die ermüdeten
Scharen ins Lager zurück.
Die Stimmung des Heeres in der darauf folgenden Nacht war sehr trübe und
gedrückt. Man hatte empfindliche Verluste zu beklagen und nichts gewonnen,
als die Überzeugung, daß die Stadt mit Gewalt nicht zu nehmen sei. Die
gotische Besatzung von Ravenna hatte neben den Bürgern auf den Wällen
gefochten; der König der Goten lag belagernd vor seiner Hauptstadt, vor
der besten Festung seines Reiches, in der man Schutz und die Zeit zur
Rüstung gegen Belisar zu finden gehofft!
Das Schlimmste aber war, daß das Heer die Schuld des ganzen
Unglückskampfes, die Notwendigkeit des Bruderstreits auf den König schob.
Warum hatte man die Verhandlung mit der Stadt plötzlich abgebrochen? Warum
nicht wenigstens die Ursache dieses Abbrechens, war sie eine gerechte, dem
Heere mitgeteilt? Warum scheute der König das Licht?
Mißmutig saßen die Leute bei ihren Wachtfeuern oder lagen in den Zelten,
ihre Wunden pflegend, ihre Waffen flickend: nicht, wie sonst, scholl
Gesang der alten Heldenlieder von den Lagertischen, und wenn die Führer
durch die Zeltgassen schritten, hörten sie manches Wort des Ärgers und des
Zornes wider den König.
Gegen Morgen traf Hildebad mit seinen Tausendschaften von Florentia her im
Lager ein. Er vernahm mit zornigem Schmerz die Kunde von der blutigen
Schlappe und wollte sofort zum König; aber da dieser noch bewußtlos unter
Hildebrands Pflege lag, nahm ihn Teja in sein Zelt, und beantwortete seine
unwilligen Fragen.
Nach einiger Zeit trat der alte Waffenmeister ein, mit einem Ausdruck in
den Zügen, daß Hildebad erschrocken von seinem Bärenfell, das ihm zum
Lager diente, aufsprang und auch Teja hastig fragte: »Was ist mit dem
König? Seine Wunde? Stirbt er?«
Der Alte schüttelte schmerzlich sein Haupt: »Nein: aber wenn ich richtig
rate, wie ich ihn kenne und sein wackres Herz, wär’ ihm besser, er
stürbe.«
»Was meinst du? was ahnest du?«
»Still, still,« sprach Hildebrand traurig, sich setzend, »armer Witichis!
es kommt noch, fürcht’ ich, früh genug zur Sprache.« Und er schwieg.
»Nun,« sagte Teja, »wie ließest du ihn?« – »Das Wundfieber hat ihn
verlassen, dank meinen Kräutern. Er wird morgen wieder zu Roß können. Aber
er sprach wunderbare Dinge in seinen wirren Träumen – ich wünsche ihm, daß
es nur Träume sind, sonst: weh dem treuen Manne.«
Mehr war aus dem verschlossenen Alten nicht zu erforschen. Nach einigen
Stunden ließ Witichis die drei Heerführer zu sich rufen. Sie fanden ihn zu
ihrem Staunen in voller Rüstung, obwohl er sich im Stehen auf sein Schwert
stützen mußte; seitwärts auf einem Tisch lag sein königlicher Kronhelm und
der heilige Königsstab von weißem Eschenholz mit goldner Kugel. Die
Freunde erschraken über den Verfall dieser sonst so ruhigen, männlich
schönen Züge. Er mußte innerlich schwer gekämpft haben. Diese kernige,
schlichte Natur aus Einem Guß konnte ein Ringen zweifelvoller Pflichten,
widerstreitender Empfindungen nicht ertragen.
»Ich hab’ euch rufen lassen,« sprach er mit Anstrengung, »meinen Entschluß
in dieser schlimmen Lage zu vernehmen und zu unterstützen. Wie groß ist
unser Verlust in diesem Sturm?«
»Dreitausend Tote,« sagte Teja sehr ernst. »Und über sechstausend
Verwundete,« fügte Hildebrand hinzu.
Witichis drückte schmerzlich die Augen zu. Dann sprach er: »Es geht nicht
anders. Teja, gieb sogleich Befehl zu einem zweiten Sturm.«
»Wie? Was?« riefen die drei Führer wie aus Einem Munde.
»Es geht nicht anders,« wiederholte der König. »Wie viele Tausendschaften
führst du uns zu, Hildebad?« – »Drei, aber sie sind totmüde vom Marsch.
Heut’ können sie nicht fechten.«
»So stürmen wir wieder allein,« sagte Witichis nach seinem Speer langend.
»König,« sagte Teja, »wir haben gestern nicht einen Stein der Festung
gewonnen und heute hast du neuntausend weniger ..« –
»Und die Unverwundeten sind matt, ihre Waffen und ihr Mut zerbrochen,«
mahnte der alte Waffenmeister.
»Wir müssen Ravenna haben!«
»Wir werden es nicht mit Sturm nehmen!« sagte Teja.
»Das wollen wir sehen!« meinte Witichis.
»Ich lag vor der Stadt mit dem großen König,« warnte Hildebrand: »er hat
sie siebzigmal umsonst bestürmt: wir nahmen sie nur durch Hunger – nach
drei Jahren.« –
»Wir _müssen_ stürmen,« sagte Witichis, »gebt den Befehl.« Teja wollte das
Zelt verlassen. Hildebrand hielt ihn. »Bleib,« sagte er, »wir dürfen ihm
nichts verschweigen. König! die Goten murren: sie würden dir heut’ nicht
folgen: der Sturm ist unmöglich.«
»Steht es so?« sagte Witichis bitter. »Der Sturm ist unmöglich? Dann ist
nur eins noch möglich: der Weg, den ich gestern schon hätte einschlagen
sollen: – dann lebten jene dreitausend Goten noch. Geh, Hildebad, nimm
dort Krone und Stab!
Geh ins Lager der Empörer, lege sie dem jungen Arahad zu Füßen: er soll
sich mit Mataswintha vermählen; ich und mein Heer, wir grüßen ihn als
König.« Und er warf sich erschöpft aufs Lager.
»Du sprichst wieder im Wundfieber,« sagte der Alte. »Das ist unmöglich!«
schloß Teja.
»Unmöglich! Alles unmöglich? der Kampf unmöglich? und die Entsagung? Ich
sage dir, Alter: es giebt nichts andres nach der Botschaft aus Ravenna.«
Er schwieg.
Die drei warfen sich bedeutende Blicke zu.
Endlich forschte der Alte: »Wie lautet sie? vielleicht findet sich doch
ein Ausweg? Acht Augen sehen mehr als zwei.«
»Nein,« sagte Witichis, »hier nicht, hier ist nichts zu sehen: sonst hätt’
ich’s euch längst gesagt: aber es konnte zu nichts führen. Ich hab’s
allein erwogen. Dort liegt das Pergament aus Ravenna, aber schweigt vor
dem Heer.«
Der Alte nahm die Rolle und las: »Die gotischen Krieger und das Volk von
Ravenna an den Grafen Witichis von Fäsulä!« –
»Die Frechen!« rief Hildebad dazwischen.
»Den Herzog Guntharis von Tuscien und den Grafen Arahad von Asta. Die
Goten und die Bürger dieser Stadt erklären den beiden Heerlagern vor ihren
Thoren, daß sie, getreu dem erlauchten Hause der Amalungen und eingedenk
der unvergeßlichen Wohlthaten des großen Königs Theoderich, bei diesem
Herrscherstamm ausharren werden, solang noch ein Reis desselben grünt. Wir
erkennen deswegen nur Mataswintha als Herrin der Goten und Italier an: nur
der Königin Mataswintha werden wir diese festen Thore öffnen und gegen
jeden andern unsre Stadt bis zum äußersten verteidigen.«
»Diese Rasenden,« sagte Teja. »Unbegreiflich,« versetzte Hildebad.
Aber Hildebrand faltete das Pergament zusammen und sagte: »Ich begreife es
wohl. Was die Goten anlangt, so wißt ihr, daß Theoderichs ganze
Gefolgschaft die Besatzung der Stadt bildet; diese Gefolgen aber haben dem
König geschworen, seinem Stamm nie einen fremden König vorzuziehen: auch
ich hab’ diesen Eid gethan: aber ich habe dabei immer an die Speerseite,
nicht an die Spindeln, nicht an die Weiber, gedacht: darum mußt’ ich
damals für Theodahad stimmen: darum konnt’ ich nach dessen Verrat Witichis
huldigen. Der alte Graf Grippa von Ravenna nun und seine Gesellen glauben
sich auch an die Weiber des Geschlechts durch jenen Eid gebunden: und
verlaßt euch darauf, diese grauen Recken, die ältesten im Gotenreich und
Theoderichs Waffengenossen, lassen sich in Stücke hauen, Mann für Mann,
eh’ sie von ihrem Eide lassen, wie sie ihn einmal deuten. Und, bei
Theoderich! sie haben recht. Die Ravennaten aber sind nicht nur dankbar,
sondern auch schlau: sie hoffen, Goten und Byzantiner sollen den Strauß
vor ihren Wällen ausfechten. Siegt Belisar, der, wie er sagt, Amalaswintha
zu rächen kommt, so kann er die Stadt nicht strafen, die zu ihrer Tochter
gehalten: und siegen wir, so hat sie die Besatzung in der Burg gezwungen,
die Thore zu sperren.«
»Wie immer dem sei,« fiel der König ein, »ihr werdet jetzt mein Verfahren
verstehn. Erfuhr das Heer von jenem Bescheid, so mochten viele mutlos
werden und zu den Wölsungen übergehn, in deren Gewalt die Fürstin ist. Mir
blieben nur zwei Wege: die Stadt mit Gewalt nehmen – oder nachgeben: jenes
haben wir gestern vergebens versucht und ihr sagt, man könne es nicht
wiederholen. So erübrigt nur das andre: nachgeben. Arahad mag die Jungfrau
freien und die Krone tragen; ich will der erste sein, ihm zu huldigen und
mit seinem tapfren Bruder sein Reich zu schirmen.«
»Nimmermehr!« rief Hildebad, »du bist unser König und sollst es bleiben.
Nie beug’ ich mein Haupt vor jenem jungen Fant. Laß uns morgen hinüber
rücken gegen die Rebellen, ich allein will sie aus ihrem Lager treiben und
das Königskind, vor dessen Hand wie durch Zauber jene festen Thore
aufspringen sollen, in _unsre_ Zelte tragen.«
»Und wenn wir sie haben?« sagte Teja, »was dann? Sie nützt uns nichts,
wenn wir sie nicht als Königin begrüßen. Willst du das? Hast du nicht
genug an Amalaswintha und Godelindis? Nochmals Weiberherrschaft?«
»Gott soll uns davor schützen!« lachte Hildebad.
»So denke ich auch,« sprach der König, »sonst hätt’ ich längst diesen Weg
ergriffen.«
»Ei, so laß uns hier liegen und warten bis die Stadt mürbe wird.«
»Geht nicht,« sagte Witichis, »wir _können_ nicht warten. In wenigen Tagen
kann Belisar von jenen Hügeln steigen und nacheinander mich, Herzog
Guntharis und die Stadt bezwingen: dann ist’s dahin, das Reich und Volk
der Goten. Es giebt nur zwei Wege: Sturm –«
»Unmöglich,« sprach Hildebrand.
»Oder nachgeben. Geh, Teja, nimm die Krone. Ich sehe keinen Ausweg.«
Die beiden jungen Männer zauderten.
Da sprach mit einem ernsten, trauervollen Blick der Liebe auf den König
der alte Hildebrand: »Ich sehe den Ausweg, den schmerzvollen, den
einzigen. Du mußt ihn gehen, mein Witichis, und bricht dir siebenmal das
Herz.« Witichis sah ihn fragend an: auch Teja und Hildebad staunten ob der
Weichheit des felsharten Alten.
»Geht ihr hinaus,« fuhr dieser fort, »ich muß allein sprechen mit dem
König.«
Fünfzehntes Kapitel.
Schweigend verließen die beiden Goten das Zelt und schritten draußen, den
Ausgang abwartend, die Lagergasse auf und nieder. Aus dem Zelt drang hin
und wieder Hildebrands Stimme, der in langer Rede den König zu ermahnen
und zu drängen schien: und hin und wieder ein Ausruf des Königs.
»Was kann nur der Alte sinnen?« fragte Hildebad, still haltend, »weißt
du’s nicht?« »Ich ahn’ es,« seufzte Teja, »armer Witichis!« – »Zum Teufel,
was meinst du?« »Laß,« sagte Teja, »es wird bald genug auskommen.«
So verging geraume Zeit.
Heftiger und schmerzlicher klang die Stimme des Königs, der sich der Reden
Hildebrands mächtig zu erwehren schien.
»Was quält der Eisbart den wackern Helden?« rief Hildebad ungeduldig. »Es
ist, als wollt’ er ihn ermorden. Ich will hinein und helf’ ihm.«
Aber Teja hielt ihn an der Schulter.
»Bleib,« sagte er. »Es muß wohl sein.«
Während sich Hildebad losmachen wollte, nahte Lärm von Stimmen aus dem
obern Ende der Lagergasse. Zwei Wachen bemühten sich vergebens, einen
starken Goten zurückzuhalten, der mit allen Zeichen langen und eiligen
Rittes bedeckt, sich gegen das Zelt des Königs drängte.
»Laß mich los,« rief er, »guter Freund, oder ich schlage dich nieder.«
Und drohend hob er eine wuchtige Streitaxt.
»Es geht nicht. Du mußt warten. Die großen Heerführer sind bei ihm im
Zelt.«
»Und wären alle großen Götter Walhalls samt dem Herrn Christus bei ihm im
Zelt, ich muß zu ihm. Erst ist der Mensch Vater und Gatte und dann König.
Laß’ los, rat’ ich dir.«
»Die Stimme kenn’ ich,« sagte Graf Teja, nähertretend – »und den Mann.
Wachis, was suchst du hier im Lager?«
»O Herr,« rief der treue Knecht, »wohl mir, daß ich euch treffe. Sagt
diesen guten Leuten, daß sie mich loslassen. Dann brauch’ ich sie nicht
niederzuschlagen. Ich muß gleich zu meinem armen Herrn.«
»Laßt ihn los: sonst hält er Wort: ich kenne ihn. Nun, was willst du bei
dem König?«
»Führt mich nur gleich zu ihm. Ich bring ihm schwarze, schwere Kunde von
Weib und Kind.«
»Von Weib und Kind?« fragte Hildebad erstaunt. »Ei, hat Witichis ein
Weib?«
»Die wenigsten wissen es,« sagte Teja. »Sie verließ fast nie ihr Gut, kam
nie zu Hof. Fast niemand kennt sie: aber wer sie kennt, der ehrt sie hoch.
Ich weiß nicht ihresgleichen.«
»Da habt ihr recht, Herr, wenn ihr je recht gehabt,« sprach Wachis mit
erstickter Stimme. »Die arme, arme Frau und ach, der arme Vater. Aber laßt
mich hinein. Frau Rauthgund folgt mir auf dem Fuß. Ich muß ihn
vorbereiten.«
Teja, ohne weiter zu fragen, schob den Knecht in das Zelt, und folgte ihm
mit Hildebad.
Sie trafen den alten Hildebrand ruhig, wie die Notwendigkeit, auf dem
Lager des Königs sitzen, das Kinn mit dem mächtigen Bart in die Hand und
diese auf das Steinbeil gestützt. So saß er unbeweglich und richtete fest
die Augen auf den König, der, in höchster Aufregung, mit hastigen
Schritten, auf und nieder ging und im Sturm seiner Gefühle die
Eintretenden gar nicht bemerkte: »Nein! nein! niemals!« rief er, »das ist
grausam! frevelhaft! unmöglich!«
»Es muß sein,« sagte Hildebrand, ohne sich zu rühren.
»Nein, sag’ ich,« rief der König und wandte sich.
Da stand Wachis dicht vor ihm. Er starrte ihn wirr an: da warf sich der
Knecht laut weinend vor ihm nieder.
»Wachis,« rief erschreckend der König, »was bringst du? Du kömmst von ihr!
Steh’ auf – was ist geschehen?«
»Ach Herr,« jammerte dieser immer noch knieend, »euch sehen, zerreißt mein
Herz! Ich kann nichts dafür! Ich hab’s vergolten und gerächt nach
Kräften.«
Da riß ihn Witichis bei den Schultern auf: »Rede, Mensch, was ist zu
rächen? Mein Weib –?«
»Sie lebt, sie kommt hierher, aber euer Kind ...« –
»Mein Kind,« sprach er erbleichend, »Athalwin, was ist mit ihm –?«
»Tot, Herr, – ermordet!«
Da brach ein Schrei wie eines Schwerverwundeten aus des gequälten Vaters
Brust. Er bedeckte das Antlitz mit beiden Händen, teilnehmend traten Teja
und Hildebad näher. Nur Hildebrand blieb unbeweglich und sah starr auf die
Gruppe.
Wachis ertrug die lange Pause des Schmerzes nicht. Er suchte die Hände
seines Herrn zu fassen. Da senkte sie dieser von selbst. Zwei große
Thränen standen auf den braunen Wangen des Helden: er schämte sich ihrer
nicht.
»Ermordet!« sagte er, »mein schuldlos Kind! von den Römern!« »Die feigen
Teufel,« rief Hildebad.
Teja ballte die Faust und seine Lippen bewegten sich lautlos.
»Calpurnius!« sprach Witichis mit einem Blick auf Wachis.
»Ja, Calpurnius! Die Nachricht von deiner Wahl war aufs Gut gelangt und
dein Weib und Sohn in dein Lager entboten. Wie jauchzte jung Athalwin, daß
er nun ein Königssohn sein werde, wie Siegfried, der den Drachen schlug!
Nun wolle er bald ausziehen auf Abenteuer und auch Drachen schlagen und
wilde Riesen. Da kam der Nachbar von Rom zurück. Ich merkt’ es wohl, daß
er noch finsterer sah und neidischer als je und hütete dir Haus und Stall.
Aber das Kind hüten – wer hätte daran gedacht, daß Kinder nicht mehr
sicher!«
Witichis schüttelte schmerzlich das Haupt.
»Der Knabe konnte nicht erwarten, daß er seinen Vater sehen solle im
Kriegslager und all’ die Tausende von gotischen Heermännern und daß er
Schlachten solle in der Nähe sehen. Er warf sein Holzschwert weg von Stund
an, und sagte: ein Königssohn müsse ein eisernes tragen, zumal in
Kriegszeiten. Und ich mußte ihm ein Jagdmesser suchen und schleifen dazu.
Mit diesem seinem Schwert nun rannte er Frau Rauthgunden jeden Morgen früh
davon. Und fragte sie, »wohin?« so lachte er: »auf Abenteuer, lieb’
Mutter!« und sprang in den Wald. Dann kam er mittags müd und zerrissenen
Gewandes heim: und ausgelassen stolz. Aber er sagte kein Wort und meinte
nur, er habe Siegfried gespielt.
Ich hatte aber meine eigenen Gedanken. Und als ich gar einst an seinem
Schwert Blutflecken bemerkte, schlich ich ihm nach zu Walde. Richtig, es
war, wie ich gedacht.
Ich hatte ihm einst warnend eine Höhle im schroffen Felsgeklüft gezeigt,
das steil über den Gießbach hangt, weil dort die giftigen Vipern zu
Dutzenden nisten.
Er fragte mich damals nach allem aus: und als ich sagte, jeder Biß sei
tödlich, und gleich gestorben sei eine arme Beerensammlerin, die der
Beißwurm in den nackten Fuß gestochen, da zog er flugs sein Holzschwert
und wollte mitten darunter springen. Mit Mühe und schwer erschrocken hielt
ich ihn damals ab.
Und jetzt fielen mir die Vipern ein und ich zitterte, daß ich ihm eine
Eisenwaffe gegeben. Und bald fand ich ihn im Walde, mitten im
Steingeklüft, unter Dornen und Gestrüpp: da holte er einen mächtigen
Holzschild hervor, den er sich selbst gezimmert und dort versteckt hatte.
Und eine Krone war frisch drauf gemalt.
Und er zog sein Schwert und sprang laut jauchzend in die Höhle.
Ich sah mich um: da lag das lang mächtige Gewürm zu halben Dutzenden von
frühern Schlachten her mit zerhauenen Häuptern umhergestreut: ich folgte,
und so besorgt ich war, ich konnt’ ihn nicht stören, wie er so heldenmütig
focht! Er trieb eine dickgeschwollene Natter mit Steinwürfen aus ihrem
Loch, daß sie sich züngelnd aufringelte: gerade wie sie zischend gegen ihn
sprang, warf er blitzschnell den Schild vor und hieb sie mit einem Streich
mitten entzwei. Da rief ich ihn an und schalt ihn herzhaft aus. Er aber
sah gar trotzig drein und rief: »Sag’s nur der Mutter nicht! denn ich
thu’s doch! bis der letzte der Drachen tot ist!« Ich sagte, ich würde ihm
sein Schwert nehmen. »Dann fecht’ ich mit dem hölzernen, wenn dir das
lieber ist!« rief er. »Und welche Schmach für einen Königssohn!«
Da nahm ich ihn die nächsten Tage mit mir zum Einfangen der Rosse auf die
Wildweide. Das vergnügte ihn sehr: und nächstens, dacht’ ich, brechen wir
ja auf.
Aber eines Morgens war er mir wieder entschlüpft und ich ging allein an
die Arbeit. Den Rückweg nahm ich den Fluß entlang, gewiß, ihn an der
Felshöhle zu finden. Aber ihn fand ich nicht. Nur das Gehäng seines
Schwertes, zerrissen, an den Dornen hangen und seinen Holzschild zertreten
auf der Erde. Erschrocken sah ich umher und suchte, aber –«
»Rascher, weiter,« rief der König.
»Aber?« fragte Hildebad.
»Aber in den Felsen war nichts zu sehen. Da gewahrte ich große Fußspuren
eines Mannes im weichen Sande. Ich folgte ihnen.
Sie führten bis an den steilen Rand des Felsens. Ich sah hinab. Und
unten« –
Witichis wankte.
»Ach, mein armer Herr! Da lag am Ufer des Flusses hingestreckt die kleine
Gestalt.
Wie ich die steilen Felsschroffen hinabkam, ich weiß es nicht, im Flug war
ich unten. – Da lag er, das kleine Schwert noch fest in der Hand, von den
Felsspitzen zerrissen, das lichte Haar von Blut überströmt –«
»Halt ein,« sprach Teja, die Hand auf seine Schultern legend, indes
Hildebad des armen Vaters Hand faßte, der stöhnend auf sein Lager sank.
»Mein Kind, mein süßes Kind, mein Weib!« rief er.
»Ich fühlte das kleine Herz noch schlagen. Wasser aus dem Fluß brachte ihn
nochmal zu sich. Er schlug die Augen auf und erkannte mich. »Du bist
herabgefallen, mein Kind,« klagte ich.
»Nein,« sagte er, »nicht gefallen, geworfen.« Ich war starr vor Entsetzen.
»Calpurnius,« hauchte er, »trat plötzlich um die Felsecke, wie ich auf die
Vipern einhieb. »Komm mit mir,« sagte er und griff nach mir. Er sah bös
aus und falsch. Ich sprang zurück. »Komm,« sagte er, »oder ich binde
dich.« »Mich binden!« rief ich. »Mein Vater ist der Goten König und der
deine. Wag’ es und rühr’ mich an!« Da ward er ganz wütig und schlug nach
mir mit dem Stock und kam näher; ich aber wußte, daß in der Nähe unsere
Knechte Holz fällten und schrie um Hilfe und wich zurück bis an den Rand
der Felsen. Erschrocken sah er sich um. Denn die Leute mußten mich gehört
haben: ihre Axtschläge ruhten plötzlich. Doch plötzlich vorspringend,
sagte er: »Stirb, kleine Natter!« und stieß mich über den Fels.««
Teja biß die Lippen. »O der Neiding,« rief Hildebad. Und Witichis riß sich
mit einem Schrei des Schmerzes los.
»Mach’s kurz,« sagte Teja. – »Er verlor wieder die Sinne. Ich trug ihn auf
meinen Armen nach Hause zur Mutter. Noch einmal schlug er die Augen auf,
in ihrem Schos. Ein Gruß an dich war sein letzter Hauch.«
»Und mein Weib – ist sie nicht verzweifelt?«
»Nein, Herr, das ist sie nicht: die ist von Gold, aber auch von Stahl. Wie
der Knabe die Augen geschlossen, zeigte sie schweigend zum Fenster hinaus,
nach rechts.
Ich verstand sie: dort stand des Mörders Haus.
Und ich waffnete alle deine Knechte und führte sie hinüber zur Rache: und
wir legten den ermordeten Knaben auf deinen Schild, und trugen ihn in
unsrer Mitte zur Mordklage. Und Rauthgundis ging mit, ein Schwert in der
Hand, hinter der Leiche. Vor dem Thor der Villa legten wir den Knaben
nieder.
Calpurnius selbst war entflohn auf dem schnellsten Roß zu Belisar. Aber
sein Bruder und sein Sohn und zwanzig Sklaven standen im Hof: sie wollten
eben zu Pferd steigen und ihm folgen. Wir erhoben dreimal den Mordruf.
Dann brachen wir ein.
Wir haben sie _alle_ erschlagen, alle: und das Haus niedergebrannt über
den Bewohnern. Frau Rauthgundis aber sah dem allen zu, an der Leiche Wacht
haltend, auf ihr Schwert gestützt, und sprach kein Wort. Und mich schickte
sie Tags darauf voraus, nach dir zu suchen. Sie folgte mir bald darauf,
sowie sie die kleine Leiche verbrannt. Und da ich einen Tag verloren,
durch die Empörer vom nächsten Wege abgesperrt, so kann sie stündlich da
sein.«
»Mein Kind, mein Kind, mein armes Weib! Das ist der erste Ertrag, den mir
diese Krone bringt. Und nun,« rief er mit aller Heftigkeit des Schmerzes
den Alten an, »willst du noch das Grausame fordern, das Untragbare?«
Hildebrand stand langsam auf: »Nichts ist untragbar, was notwendig ist.
Auch der Winter ist tragbar. Und das Alter. Und der Tod. Sie kommen ohne
zu fragen, wollt ihr’s tragen? Sie kommen. Und wir tragen’s. Weil wir
müssen. Aber ich höre Frauenstimmen und rauschende Gewande. Gehen wir.«
Witichis wandte sich von ihm zur Thür.
Da stand, unter dem Zeltvorhang, in grauem Gewand und schwarzem Schleier
Rauthgundis sein Weib, eine kleine schwarze Marmorurne an die Brust
drückend.
Ein Ruf liebereichen Schmerzes und schmerzreicher Liebe: – – und die
Gatten hielten sich umfangen.
Schweigend verließen die Männer das Zelt.
Sechzehntes Kapitel.
Draußen hielt Teja den Alten leise am Mantel zurück: »Du quälst den König
umsonst,« sagte er. »Er wird nie darein willigen. Er kann’s auch nicht.
Jetzt am wenigsten.«
»Woher weißt du ...? –« unterbrach der Greis. – »Still: ich ahn’ es: wie
ich alles Unglück ahne.« – »Dann wirst du auch einsehen, daß er muß.« –
»Er, – er wird’s nie thun.« – »Aber – du meinst sie selbst?« –
»Vielleicht!« – »Sie wird,« sagte Hildebrand.
»Ja, sie ist ein Wunder von einem Weib,« schloß Teja.
Während in den nächsten Tagen das jetzt kinderlose Paar seinem stillen
Schmerze lebte und Witichis kaum sein Zelt verließ, geschah es, daß die
Vorposten der königlichen Belagerer und die Außenwachen der gotischen
Besatzung von Ravenna, den eingetreten thatsächlichen Waffenstillstand
benutzend, in mannigfachen Verkehr traten.
Sie warfen sich, scheltend und zankend, gegenseitig die Schuld an diesem
Bürgerkriege vor.
Die Belagerer klagten, daß die Besatzung in der höchsten Not des Reiches
dem gewählten König der Goten seine Königsburg verschlossen. Die
Ravennaten schmähten auf Witichis, der der Tochter der Amaler nicht gönne,
was ihr gebühre.
Einer solchen Unterredung hörte unbemerkt der alte Graf Grippa von Ravenna
selber zu, der die Runde auf den Wällen machte. Plötzlich trat er vor und
rief zu den Leuten des Witichis hinunter, die ihren König lobten und
rühmten:
»So? Ist das auch edel und königlich gehandelt, daß er statt aller Antwort
auf unsern billigen Spruch Sturm lief wie ein Rasender? Und hatte doch ein
so leichtes Mittel, das Gotenblut zu sparen! Wir wollen ja nur, daß
Mataswintha Königin sei! Nun, kann er deshalb nicht König bleiben? Ist’s
ein zu hartes Opfer, mit dem schönsten Weib der Erde, mit der Fürstin
Schönhaar, von deren Reiz die Sänger singen aus den Straßen, Thron und
Lager zu teilen? Mußten lieber so viel tausend tapferer Goten sterben?
Nun, er soll nur so fortstürmen! Laß sehn, was eher bricht: sein Eigensinn
oder diese Felsen.«
Diese Worte des Alten machten den größten Eindruck auf die Goten vor den
Wällen.
Sie wußten nichts zu erwidern zu ihres Königs Verteidigung. Von seiner Ehe
wußten sie so wenig wie das ganze Heer: daran hatte auch Rauthgundens
Anwesenheit im Lager wenig geändert: denn, wahrlich, nicht gleich einer
Königin war sie eingezogen.
In großer Erregung eilten sie zurück ins Lager und erzählten, was sie
vernommen, wie der Eigensinn des Königs ihre Brüder hingeopfert. »Darum
also hat er die Botschaft aus der Stadt verheimlicht,« riefen sie!
Bald bildeten sich in jeder Gasse des Lagers Gruppen, lebhaft bewegte, die
anfangs leiser, bald immer lauter die Sache besprachen und auf den König
schalten. Die Germanen jener Zeit behandelten ihre Könige mit einem
Freimut der Rede, der die Byzantiner entsetzte.
Hier wirkten der Verdruß über den Rückzug von Rom, die Schmach der
Niederlage vor Ravenna, der Schmerz um die geopferten Brüder, der Zorn
über sein Geheimtun zusammen, einen Sturm des Unwillens gegen den König zu
erregen, der deshalb nicht minder mächtig, weil er noch nicht offen
ausgebrochen.
Nicht entging diese Stimmung den Heerführern, wann sie durch die Gassen
des Lagers schritten und bei ihrem Nahen die Drohworte kaum mehr
verstummten. Aber sie konnten die Gefahr nur entfesseln, wenn sie strafend
sie beim Namen nannten.
Und oft, wann Graf Teja oder Hildebad beschwichtigend einschreiten
wollten, hielt sie der alte Waffenmeister zurück.
»Laßt es nur noch anschwellen,« sagte er: »wenn’s genug ist, werd’ ich’s
dämmen.« »Die einzige Gefahr wäre,« murmelte er halblaut vor sich hin –
»Daß uns die drüben im Rebellenlager zuvorkämen,« sagte Teja.
»Richtig, du alles Erratender. Aber das hat gute Wege. Überläufer
erzählen, daß sich die Fürstin standhaft weigert. Sie droht, sich eher zu
töten als Arahad die Hand zu reichen.«
»Pah,« meinte Hildebad, »daraufhin würd’ ich’s wagen.«
»Weil du das leidenschaftliche Geschöpf nicht kennst, das Amalungenkind.
Sie hat das Blut und die Feuerseele Theoderichs und wird auch uns am Ende
böses Spiel machen.«
»Witichis ist ein anderer Freier als jener Knabe von Asta,« flüsterte
Teja. »Darauf vertrau ich auch,« meinte Hildebad. »Gönnt ihm noch einige
Tage Ruhe,« riet der Alte. »Er muß seinem Schmerz sein Recht anthun: eh’
ist er zu nichts zu bringen. Stört ihn nicht darin: laßt ihn ruhig in
seinem Zelt und bei seinem Weibe. Ich werde sie bald genug stören müssen.«
Aber der Greis sollte bald genötigt sein, den König früher und anders als
er gemeint aus seinem Schmerz aufzurufen.
Die Volksversammlung zu Regeta hatte gegen diejenigen Goten, die zu den
Byzantinern übergingen, ein Gesetz erlassen, das schimpflichen Tod drohte.
Solche Fälle kamen zwar im ganzen selten, aber doch in den Gegenden, wo
wenige Germanen unter dichter Bevölkerung lebten und häufige Mischheiraten
stattgefunden hatten, häufiger vor.
Der alte Waffenmeister trug diesen Neidingen, die sich und ihr Volk
entehrten, ganz besonderen Zorn. Er hatte jenes Gesetz beantragt gegen
Heereslitz und Fahnenwechsel. Noch war eine Anwendung desselben nicht
nötig gewesen und man hatte der Bestimmung fast vergessen.
Plötzlich sollte man ernst genug daran gemahnt werden.
Belisar selbst hatte zwar Rom mit seinem Hauptheer noch nicht verlassen.
Aus mehr als Einem Grunde wollte er vorläufig noch diese Stadt zum
Stützpunkt all’ seiner Bewegungen in Italien machen.
Aber er hatte den weichenden Goten zahlreiche Streifscharen nachgesandt,
sie zu verfolgen, zu beunruhigen und insbesondre die zahlreichen Kastelle,
Burgen und Städte zu übernehmen, in welchen die Italier die barbarischen
Besatzungen vertrieben oder erschlagen hatten, oder, von keiner Besatzung
im Zaum gehalten, einfach zum »Kaiser der Romäer,« wie er sich auf
griechisch nannte, abgefallen waren.
Solche Vorfälle ereigneten sich, besonders seit der gotische König in
vollem Rückzug und nach Ausbruch der Empörung die gotische Sache halb
verloren schien, fast alle Tage. Teils mit dem Druck, teils ohne den Druck
oder die Erscheinung byzantinischer Truppen vor den Thoren ergaben sich
viele Schlösser und Städte an Belisar.
Da nun die meisten doch lieber den Schein einer Nötigung abwarteten, um,
falls die Goten gleichwohl unverhofft wieder siegen sollten, eine
Entschuldigung zu finden, war dies für den Feldherrn ein weiterer Grund,
solche kleine Abteilungen, meist aus Italiern und Byzantinern gemischt,
unter Führung der Überläufer, die der Gegend und der Verhältnisse kundig
waren, auszusenden. Und diese Scharen, ermutigt durch den fortgesetzten
Rückzug der Goten, wagten sich weit ins Land: jedes gewonnene Kastell
wurde ein Ausgangspunkt für weitere Unternehmungen.
Eine solche Streifschar hatte jüngst auch Castellum Marcianum gewonnen,
das bei Cäsena, ganz in der Nähe des königlichen Lagers, eine Felshöhe
oberhalb des großen Pinienwaldes krönte. Der alte Hildebrand, an den
Witichis seit seiner Verwundung den Oberbefehl abgegeben, sah diese
gefährlichen Fortschritte der Feinde und den Verrat der Italier mit
Ingrimm: und da er ohnehin die Truppen nicht gegen Herzog Guntharis oder
gegen Ravenna beschäftigen wollte, – er hoffte auf eine friedliche Lösung
des Knotens – beschloß er, gegen diese kecken Streifscharen einen
züchtigenden Streich zu thun.
Späher hatten gemeldet, daß, am Tage nach Rauthgundens Ankunft im Lager,
die neue, byzantinische Besatzung von Castellum Marcianum sogar Cäsena,
diese wichtige Stadt, im Rücken des gotischen Lagers, zu bedrohen wagte.
Grimmig schwur der alte Waffenmeister diesen Frechen das Verderben. Er
selbst stellte sich an die Spitze einer Tausendschaft von Reitern, die in
der Stille der Nacht, Stroh um die Hufe der Rosse gewickelt, in der
Richtung gegen Cäsena aufbrachen.
Der Überfall gelang vollkommen.
Unbemerkt gelangten sie bis in den Wald, an den Fuß des hoch auf dem Fels
gelegenen Kastells. Hier verteilte Hildebrand die Hälfte seiner Reiter auf
alle Seiten des Waldes, die andere Hälfte ließ er absitzen und führte sie
leise die Felswege des Kastells hinan. Die Wache am Thor ward überrascht
und die Byzantiner, von einer überlegenen Macht überfallen, flohen nach
allen Seiten den Fels hinab in den Wald, wo der große Teil von den
Berittenen gefangen wurde. Die Flammen des brennenden Schlosses
erleuchteten die Nacht.
Eine kleine Gruppe aber zog sich fechtend über das Flüßchen am Fuß des
Felsens zurück, über das nur eine schmale Brücke führte. Hier wurden die
verfolgenden Reiter Hildebrands von einem einzelnen aufgehalten, einem
Anführer, nach dem Glanz der Rüstung zu schließen.
Dieser hochgewachsene und schlanke, wie es schien noch junge Mann – sein
Visier war dicht geschlossen – focht wie ein Verzweifelter, deckte die
Flucht der Seinen und hatte schon vier Goten niedergestreckt.
Da kam der alte Waffenmeister zur Stelle und sah eine Weile den ungleichen
Kampf mit an. »Gieb dich gefangen, tapferer Mann!« rief er dem einsamen
Krieger zu, »dein Leben sichr’ ich dir.«
Bei diesem Ruf zuckte der Byzantiner zusammen: einen Augenblick senkte er
das Schwert und sah auf den Alten. Aber schon im nächsten Moment sprang er
wütend vor und wieder zurück; er hatte dem vordersten Angreifer mit
gewaltigem Streich den Arm vom Leibe geschlagen. Entsetzt wichen die Goten
etwas zurück.
Hildebrand ergrimmte. »Drauf!« schrie er, vorspringend, »jetzt keine Gnade
mehr! Zielt mit den Speeren.« »Er ist gefeit gegen Eisen!« rief einer der
Goten, ein Vetter Tejas, »dreimal hab’ ich ihn getroffen – er ist nicht zu
verwunden.«
»Meinst du, Aligern?« lachte der Alte grimmig, »laß sehen, ob er auch
gegen Stein gefeit ist.«
Und er schleuderte seinen steinernen Wurfhammer – er war fast der einzige,
der nicht von dieser heidnisch alten Waffe gelassen – sausend gegen den
Byzantiner.
Die wuchtige Steinaxt schlug krachend grad auf den stolz geschweiften Helm
und wie blitzgetroffen fiel der Tapfere nieder. Zwei Männer sprangen rasch
hinzu und lösten ihm den Helm.
»Meister Hildebrand,« rief Aligern erstaunt, »das war kein Byzantiner.«
»Und kein Italier,« sagte Gunthamund. »Sieh die Goldlocken – das war ein
Gote!« meinte Hunibad. Hildebrand trat hinzu – – und schrak zusammen.
»Fackeln her,« rief er – »Licht! – – Ja,« sprach er finster, seinen
Steinhammer wieder aufhebend, »das war ein Gote. Und ich! – ich hab’ ihn
erschlagen,« fügte er mit eisiger Ruhe hinzu. Aber seine Faust zitterte am
Hammerschaft.
»Nein, Herr,« rief Aligern, »er lebt. Er war nur betäubt! Er schlägt die
Augen auf.«
»Er lebt?« fragte der Alte mit Grauen, »das woll’n die Götter nicht!« »Ja,
er lebt!« wiederholten die Goten, ihren Gefangenen aufrichtend. – »Dann
weh über ihn! und mich! Aber nein! ihn senden die Götter der Goten in
meine Gewalt! Bind’ ihn auf dein Roß, Gunthamund, aber fest! Und wenn er
entwischt, gilt es deinen Kopf statt des seinen. Auf, zu Pferd und nach
Hause!«
Im Lager angelangt fragte die Bedeckung den Waffenmeister, was sie für
diesen Gefangenen rüsten sollten.
»Einen Bund Stroh für heute Nacht,« sagte der, »und für morgen früh –
einen Galgen.« Mit diesen Worten ging er in das Zelt des Königs und
berichtete den Erfolg seines Zuges.
»Wir haben unter den Gefangenen« schloß er finster, »einen gotischen
Überläufer. Er muß hängen, ehe die Sonne morgen niedergeht.« »Das ist sehr
traurig,« sagte Witichis seufzend. – »Ja, aber notwendig. Ich berufe das
Kriegsgericht der Heerführer auf morgen. Willst du den Vorsitz führen?«
»Nein,« sagte Witichis, »erlaß mir’s: ich bestelle Hildebad an meiner
Statt.« »Nein,« sagte der Alte, »das geht nicht an. Ich bin Oberfeldherr,
solang du im Zelte liegst: ich fordere den Vorsitz als mein Recht.«
Witichis sah ihn an: »du siehst grimmig und so kalt! Ist’s ein alter Feind
deiner Sippe?« »Nein,« sprach Hildebrand. – »Wie heißt der Gefangene?« –
»Wie ich, Hildebrand.« – »Höre, du scheinst ihn zu hassen, diesen
Hildebrand! Du magst ihn richten, aber hüte dich vor übertriebener
Strenge. Vergiß nicht, daß ich gern begnadige.«
»Das Wohl der Goten fordert seinen Tod,« sagte Hildebrand ruhig »und er
wird sterben.«
Siebzehntes Kapitel.
Früh am andern Morgen wurde der Gefangene verhüllten Hauptes hinausgeführt
auf eine Wiese, im Norden, »an der kalten Ecke« des Lagers, wo sich die
Heerführer und ein großer Teil der Heermänner versammelt hatten.
»Höre,« sagte der Gefangene zu einem seiner Begleiter, »ist der alte
Hildebrand auf dem Dingplatz?«
»Er ist das Haupt des Dings.«
»Barbaren sind und bleiben sie! Thu’ mir den Gefallen, Freund – ich
schenke dir dafür diese purpurne Binde – und geh zu dem Alten. Sag ihm:
ich wisse, daß ich sterben muß.
Aber er möge doch mir – und mehr noch meinem Geschlecht – hörst du? –
meinem Geschlecht – die Schande des Galgens ersparen. Er möge mir heimlich
eine Waffe senden.« Der Gote, Gunthamund, ging, Hildebrand zu suchen, der
das Gericht bereits eröffnet hatte. Das Verfahren war sehr einfach. Der
Alte ließ zuerst das Gesetz von Regeta vorlesen, dann von Zeugen
feststellen, wie man sich des Gefangenen bemächtigt, darauf diesen selbst
vorführen. Noch immer bedeckte ein Wollsack sein Haupt und seine
Schultern. Eben sollte dieser abgenommen werben, als Gunthamund sich zu
Hildebrand drängte und in sein Ohr flüsterte.
»Nein,« sagte dieser, die Stirn runzelnd. »Ich laß’ ihm sagen: die Schmach
für sein Geschlecht sei seine That, nicht seine Strafe.« Und laut fuhr er
fort: »Zeigt das Antlitz des Verräters! Er ist Hildebrand, der Sohn des
Hildegis!«
Ein Ruf des Staunens und Schreckens lief durch die Menge.
»Sein eigner Enkel!« »Alter, du sollst nicht weiter richten! Du bist
grausam gegen dein Fleisch und Blut!« rief Hildebad aufspringen. »Nur
gerecht, aber gegen alle,« sagte Hildebrand, den Stab auf die Erde
stoßend. »Armer Witichis!« flüsterte Graf Teja.
Aber Hildebad sprang auf und eilte hinweg nach dem Lager.
»Was kannst du für dich vorbringen, Sohn des Hildegis?« fragte Hildebrand.
Der junge Mann trat hastig vor: sein Antlitz war von Zorn gerötet, nicht
von Scham: keine Spur von Furcht lag auf seinen Zügen: sein langes, gelbes
Haar flog im Wind. Die Menge war von Mitgefühl ergriffen. Schon der
Bericht seines todesmutigen Widerstandes, dann die Entdeckung seines
Namens, endlich jetzt seine Jugend und Schönheit sprachen mächtig für ihn.
Er ließ sein Auge flammend die Reihen durchfliegen, und mit Stolz auf dem
Alten haften.
»Ich verwerfe dies Gericht! Euer Gesetz trifft mich nicht! Ich bin Römer,
kein Gote! Mein Vater starb vor meiner Geburt, meine Mutter war eine
Römerin, die edle Cloelia. Diesen barbarischen Alten hab’ ich nie als mir
verwandt empfunden. Seine Strenge hab’ ich verachtet wie seine Liebe.
Seinen Namen hat er mir, dem Kinde, aufgezwungen, mich meiner Mutter
entrissen. Ich aber entlief ihm, sobald ich konnte: nicht Hildebrand,
Flavus Cloelius habe ich mich von je genannt. Römisch waren meine Freunde,
römisch von jeher meine Gedanken, römisch mein Leben. All meine Freunde
gingen zu Belisar und Cethegus: sollt’ ich zurückbleiben? Tötet mich, ihr
könnt’ es und ihr werdet’s. Aber gesteht, daß es Mord ist, nicht
Rechtsvollzug. Ihr richtet keinen Goten, ihr ermordet einen gefangenen
Römer. Denn römisch ist meine Seele.«
Schweigend, mit gemischten Empfindungen hörte die Menge diese
Verteidigung.
Da erhob sich ingrimmig der Alte, sein Auge sprühte Blitze, seine Hand
zitterte, vor Zorn, an dem Stabe. »Elender!« schrie er, »du bist eines
gotischen Mannes Sohn, das räumst du ein. So bist du denn ein Gote: und
wenn du dich als Römer fühlst, verdienst du schon dafür, zu sterben.
Sajonen, fort mit ihm, an den Galgen.«
Da trat der Gefangene noch mal an die Schranken der Stufe. »So sei
verflucht,« schrie er, »du tierisch rohes Volk! Verflucht, ihr Barbaren
allesamt, und zumeist du, Greis, mit dem Wolfsherzen! Glaubt nicht, daß
all eure Wildheit euch frommt und eure Grausamkeit! Hinweggetilgt sollt
ihr werden aus diesem schönen Land und keine Spur soll von euch künden.«
Auf einen Wink des Alten warfen ihm die Bannboten wieder die Hülle ums
Haupt und führten ihn ab nach einem Hügel, wo ein starker Eibenbaum aller
seiner Zweige und Blätter beraubt war. Da wurden die Augen der Menge von
ihm nach dem Lager abgelenkt, aus dem Lärm und Hufschlag eilender Rosse
nahte.
Es war ein Zug Reiter mit dem königlichen Banner, Witichis und Hildebad an
der Spitze. »Haltet ein,« rief der König von weitem, »schont den Enkel
Hildebrands: Gnade, Gnade!«
Aber der Alte wies nach dem Hügel.
»Zu spät, Herr König,« rief er laut, »es ist aus mit dem Verräter. So geh
es jedem, der seines Volks vergißt. Erst kommt das Reich, König Witichis,
und dann kommt Weib und Kind und Kindeskind.«
Groß war der Eindruck dieser That Hildebrands auf das Heer, größer noch
auf den König. Witichis fühlte das Gewicht, das durch dieses Opfer jede
Forderung des Alten gewonnen hatte. Und mit dem Gefühl, daß jetzt jeder
Widerstand viel schwerer geworden, kehrte er in sein Zelt zurück. Und
Hildebrand benutzte seinen Vorteil, die Stimmung. Er trat am Abend mit
Teja in das Zelt des Königs.
Schweigend, Hand in Hand saßen die Gatten auf dem Feldbett; auf dem Tisch
vor ihnen stand die schwarze Urne, daneben lag eine Goldkapsel nach Art
der Amulette an blauem Bande: die kleine römische Bronzelampe verbreitete
nur trübes Licht. Als Hildebrand dem König die Hand reichte, sah ihm
dieser ins Antlitz: ein Blick sagte ihm, daß Hildebrand mit dem festen
Entschluß eingetreten sei, jetzt seinen Gedanken durchzusetzen um jeden
Preis.
Alle Anwesenden schienen stillschweigend von dem Eindruck des
bevorstehenden Seelenringens durchschauert.
»Frau Rauthgundis,« hob der Alte an, »ich habe Hartes mit dem König zu
reden. Es wird euch kränken, es zu hören.«
Die Frau erhob sich, aber nicht um zu gehen. Der Ausdruck tiefen Schmerzes
und tiefer Liebe zu ihrem Gatten gab den regelmäßigen festen Zügen eine
edle Weihe. Sie legte, ohne die Rechte aus der Hand des Gatten zu ziehen,
leise die Linke auf seine Schulter.
»Sprich nur fort, Hildebrand, ich bin sein Weib und fordre die Hälfte
dieser Härte.«
»Frau,« – mahnte der Alte nochmal.
»Laß sie bleiben,« sprach der König, »fürchtest du, ihr ins Angesicht
deine Gedanken zu sagen?« – »Fürchten? nein! und sollt ich einem Gott ins
Antlitz sagen, das Volk der Goten ist mir mehr als du – ich thät’s ohne
Furcht: Wisse denn ...« –
»Wie? du willst? Schone, schone sie,« sprach Witichis, den Arm um seine
Frau schlingend. Aber Rauthgundis sah ihn groß und fest an: »Ich weiß
alles, mein Witichis. Wie ich gestern Abend durchs Lager wandelte,
unerkannt, im Schutz der Dämmerung, hörte ich die Heermänner an den Feuern
auf dich schelten und diesen Alten hoch erheben. Ich lauschte und hörte
alles, was dieser fordert und was du weigerst.«
»Und du hast mir nichts gesagt?« »Hat es doch keine Gefahr. Weiß ich doch,
daß du dein Weib nicht verstoßen wirst. Nicht um eine Krone und nicht um
jenes zauberschöne Mädchen. Wer will uns scheiden? Laß diesen Alten drohn:
ich weiß ja doch, es hängt kein Stern am Himmel fester als ich an deinem
Herzen.«
Diese Sicherheit wirkte auf den Alten.
Er furchte die Stirn: »Nicht mit dir hab’ ich zu rechten. Witichis, ich
frage dich vor Teja: – du weißt, wie es steht. Ohne Ravenna sind wir
verloren – Ravenna öffnet dir nur Mataswinthens Hand. – Willst du diese
Hand fassen oder nicht?«
Da sprang Witichis auf. »Ja, unsre Feinde haben Recht! Wir sind Barbaren!
Da steht vor diesem fühllosen Alten ein herrlich Weib, an Schmerzen wie an
Treue unerreicht, vor ihm steht die Asche unseres gemordeten Kindes und er
will von diesem Weib, von dieser Asche weg den Gatten zu neuer Ehe rufen.
Nie, niemals!«
»Vor einer Stunde waren Vertreter aller Tausendschaften des Heeres auf dem
Weg in dein Zelt,« sprach der Greis. »Sie wollten erzwingen, was ich
fordere. Ich hielt sie mit Mühe ab.«
»Laß sie kommen!« rief Witichis, »sie können mir nur die Krone nehmen,
nicht mein Weib.«
»Wer die Krone trägt, ist seines Volkes, nicht mehr sein eigen.«
»Hier,« – da ergriff Witichis den Kronhelm und legte ihn auf den Tisch vor
Hildebrand, – »noch einmal geb’ ich euch und zum letztenmal die Krone
zurück. – Ich habe sie nicht verlangt, weiß Gott. – Sie hat mir nichts
gebracht als diese Aschenurne. – Nehmt sie zurück: – laßt König sein wer
will und Mataswintha frein.«
Aber Hildebrand schüttelte das Haupt. »Du weißt, das führt zum sichersten
Verderben. Schon jetzt sind wir in drei Parteien gespalten. Viele Tausende
würden Arahad nie anerkennen. Du bist’s allein, der noch alles
zusammenhält. Fällst du weg, so lösen wir uns auf, ein Bündel
losgebundener Ruten, die Belisar im Spiele bricht. Willst du das?«
»Frau Rauthgundis, kannst du kein Opfer bringen für dein Volk?« sprach
Teja näher tretend.
»Auch du, hochsinniger Teja, gegen mich? ist das deine Freundschaft?«
»Rauthgundis,« sprach dieser ruhig, »ich ehre dich vor allen Frauen hoch,
und Hohes fordre ich darum von dir.« –
Hildebrand aber begann, »du bist die Königin dieses Volkes. Ich weiß von
einer Gotenkönigin aus unsrer Ahnen Heidenzeit. Hunger und Seuchen
lasteten auf ihrem Volk. Ihre Schwerter waren sieglos. Die Götter zürnten
den Goten. Da fragte Swanhild die Eichen des Waldes und die Wellen des
Meeres und sie rauschten zur Antwort:
»Wenn Swanhild stirbt, leben die Goten.
Lebt Swanhild, so stirbt ihr Volk.«
Und Swanhild wandte den Fuß nicht mehr nach Hause. Sie dankte den Göttern
und sprang in die Flut. Aber freilich, das war die Heidenzeit.«
Rauthgundis blieb nicht unbewegt. »Ich liebe mein Volk,« sprach sie, »und
seit von Athalwin nur diese Locke übrig,« sie wies auf die Kapsel, »glaub’
ich, gäb’ ich mein Leben für mein Volk. Sterben will ich – ja,« rief sie,
»aber leben und diesen Mann meines Herzens in andrer Liebe wissen – nein.«
»In andrer Liebe!« rief Witichis, »wie redest du mir so? Weißt du’s denn
nicht, wie ewig dies gequälte Herz nur nach dem Wohlklang deines Namens
schlägt? Hast du’s denn nicht empfunden, noch nicht, an dieser Urne nicht,
wie ewig unsre Herzen eins? Was bin ich, ohne deine Liebe? Reißt mir das
Herz aus der Brust, setzt mir ein andres ein: dann etwa laß ich von dieser
Seele. Ja, wahrlich,« rief er den beiden Männern zu, »ihr wißt nicht was
ihr thut und kennt euren Vorteil schlecht. Ihr wißt nicht, daß meine Liebe
zu diesem Weib und dieses Weibes Liebe das Beste ist am armen Witichis.
Sie ist mein guter Stern. Ihr wißt nicht, daß ihr zu danken ist, ihr
allein, wenn etwas euch an mir gefällt. An sie denk’ ich im Getümmel der
Schlacht und ihr Bild stärkt meinen Arm. An sie denk ich, an ihre Seele,
klar und ruhig, an ihre makellose Treu, wenn’s gilt, im Rat das Edelste zu
finden. – O, dieses Weib ist meines Lebens Seele, nehmt sie hinweg und ein
Schatte ohne Glück und Kraft ist euer König.«
Und in leidenschaftlicher Erregung schloß er Rauthgundis in die Arme. Sie
war erstaunt, selig erschrocken. Noch nie hatte der stete, ruhige Mann,
der sein Gefühl gern scheu in sich verschloß, so von ihr, von seiner Liebe
gesprochen. Nicht, da er um sie warb, wie jetzt, da er sie lassen sollte.
Aufs mächtigste erschüttert sank sie an seine Brust: »Dank, Dank, Gott,
für diese Schmerzenstunde,« flüsterte sie, »ja, jetzt weiß ich, dein Herz,
deine Seele sind ewig mein.«
»Und bleiben dein,« sagte Teja leise, »wenn auch eine andre seine Königin
heißt! Sie teilt nur seine Krone, nicht sein Herz.«
Das schlug tief in Rauthgundis Seele. Sie sah, ergriffen von diesem Wort,
mit großen Augen auf Teja.
Hildebrand erkannte es wohl und sann darauf, jetzt seinen Hauptschlag zu
führen.
»Wer will, wer kann an eure Herzen rühren?« sprach er. »Ein Schatte ohne
Glück und Kraft – das wirst du nur, wenn du mein Wort verwirfst und
brichst deinen heiligen, heiligen Eid. Denn der Meineidige ist hohler als
ein Schatte.«
»Seinen Eid?« fragte Rauthgundis erbebend. »Was hast du geschworen?«
Witichis aber sank auf den Sitz und sein Haupt auf seine Hände.
»Was hat er geschworen?« wiederholte sie.
Da sprach Hildebrand, langsam jedes Wort in die Seele der Gatten zielend.
»Wenige Jahre sind’s. Da schloß ein Mann, in mitternächtiger Stunde, mit
vier Freunden einen mächtigen Bund. Unter heiliger Eiche ward der Rasen
geritzt und er that einen Eid bei der alten Erde, dem wallenden Wasser,
dem flackernden Feuer und der leichten Luft. Und sie mischten ihr rotes
Blut zu einem Bund von Brüdern auf immer und ewig und alle Tage.
Sie schworen den schweren Schwur, zu opfern alles Eigen: Sohn und Sippe,
Leib und Leben: Waffen und Weib dem Glück und Glanz des Geschlechtes der
Goten. Und wer von den Brüdern sich wollte weigern, den Eid zu ehren mit
allen Opfern, des rotes Blut solle rinnen ungerächt wie dies Wasser unter
den Waldwasen. Auf sein Haupt solle die Himmelshalle niederdonnern und ihn
erdrücken. Und wer vergißt dieses Eides und wer sich weigert, alles zu
opfern dem Volk der Goten, wenn die Not es gebeut und ein Bruder ihn
mahnt, der soll verfallen sein auf immer den dunkeln Gewalten, die da
hausen unter der Erde. Gute Menschen sollen mit Füßen schreiten über des
Neidings Haupt und sein Andenken verschlungen sein spurlos in die Tiefe: –
oder wer seiner gedenkt, gedenke sein mit Fluchen: und verdammt soll sein
seine Seele zu ewiger Qual. Und ehrlos soll sein sein Name, so weit
Christenleute Glocken läuten und Heidenleute Opfer schlachten, so weit der
Wind weht über die weite Welt.
So ward geschworen in jener Nacht von fünf Männern: von Hildebrand und
Hildebad, von Totila und Teja. Wer aber war der fünfte? Witichis, Waltaris
Sohn.«
Und – rasch streifte er dem König das Gewand über den linken Knöchel
zurück. »Sieh her, Rauthgundis, noch ist die Narbe des Blutschnitts nicht
verwischt. Aber der Schwur ist verwischt in seiner Seele. So schwor er
damals, als er noch nicht König war.
Und als ihn die Tausende von gotischen Männern auf dem Feld von Regeta auf
den Schild erhoben, da that er einen zweiten Schwur: »Mein Leben, mein
Glück, mein alles, euch will ich’s weihn, dem Volk der Goten, das schwör
ich euch beim höchsten Himmelsgott und bei meiner Treue.« Nun, Witichis,
Waltaris Sohn, König der Goten, ich mahne dich an jenen doppelten Eid zu
dieser Stunde. Ich frage dich, willst du opfern, wie du geschworen, dein
alles, dein Glück und dein Weib, dem Volk der Goten? Siehe, auch ich habe
drei Söhne verloren für dies Volk.
Und habe meinen Enkel, den letzten Sproß meines Geschlechts, geopfert,
gerichtet für die Goten, ohne Zucken mit den Wimpern. Sprich, willst du
das Gleiche thun? willst du halten deinen Eid? oder ihn brechen und ehrlos
unter den Lebendigen, verflucht sein unter den Toten, willst du?«
Witichis wand sich im Schmerz unter den Worten des furchtbaren Alten.
Da erhob sich Rauthgundis. Die Linke auf ihres Mannes Herz gelegt, die
Rechte wie abwehrend gegen Hildebrand ausstreckend, sprach sie: »Halt ein.
Laß ab von ihm. Es ist genug, schon längst. Er thut, was du begehrst. Er
wird nicht ehrlos und eidbrüchig an seinem Volke, um sein Weib.«
Aber Witichis sprang auf und umfaßte sie, als wollte man ihm sein Weib
sogleich entreißen.
»Geht jetzt,« sprach sie zu den Männern, »laßt mich allein mit ihm.«
Teja wandte sich zum Ausgang, Hildebrand zögerte.
»Geh nur, ich gelobe es dir:« sprach sie, die Hand auf die Marmorurne
legend, »bei der Asche meines Kindes: mit Sonnenaufgang ist er frei.«
»Nein,« sprach Witichis, »ich stoße mein Weib nicht von mir, nie.«
»Das sollst du nicht. Nicht du vertreibst mich: ich wende mich von dir.
Rauthgundis geht, ihr Volk zu retten und ihres Gatten Ehre. Du kannst dein
Herz nie von mir lösen: ich weiß es, es bleibt mein, seit heute mehr denn
je. Geht, was jetzo zwischen uns beiden zu leben ist, trägt keinen
Zeugen.«
Schweigend verließen die Männer das Zelt, schweigend gingen sie
miteinander die Lagergasse hinab, an der Ecke hielt der Alte.
»Gut Nacht, Teja,« sagte er, »jetzt ist’s gethan.«
»Ja, doch wer weiß, ob wohlgethan. Ein edles, edles Opfer: noch viele
andre werden folgen und mir ist: dort in den Sternen steht geschrieben:
umsonst. Doch gilt’s die Ehre noch, wenn nicht den Sieg. Lebwohl.«
Und er schlug den dunkeln Mantel um die Schulter und verschwand wie ein
Schatten in der Nacht.
Achtzehntes Kapitel.
Am andern Morgen noch vor Hahnenkraht ritt ein verhülltes Weib aus dem
Gotenlager. Ein Mann im braunen Kriegermantel schritt neben ihr, das Roß
am Zügel führend und immer wieder in ihr verschleiert Antlitz schauend.
Einen Pfeilschuß hinter ihnen ritt ein Knecht, ein Bündel hinter sich auf
dem Sattel, an dem die schwere Streitaxt hing.
Lange verfolgten sie schweigend ihren Weg.
Endlich hatten sie eine Waldhöhe erreicht: hinter ihnen die breite
Niederung, in der das Gotenlager und die Stadt Ravenna ruhten, vor ihnen
die Straße, die nach der Via Aemilia im Nordwesten führte.
Da hielt das Weib den Zügel an.
»Die Sonne steigt soeben auf: ich hab’s gelobt, daß sie dich frei und
ledig findet. Leb wohl, mein Witichis.« »Eile nicht so hinweg von mir,«
sagte er, ihre Hand drückend. »Wort muß man halten, Freund, und bricht das
Herz darob. Es muß sein.« – »Du gehst leichter, als ich bleibe.« Sie
lächelte schmerzlich. »Ich lasse mein Leben hinter dieser Waldhöhe: Du
hast noch ein Leben vor dir.« – »Was für ein Leben!« – »Das Leben eines
Königs für sein Volk, wie dein Eid es gebeut.« – »Unseliger Eid.« – »Es
war recht, ihn zu schwören: es ist Pflicht, ihn zu halten. Und du wirst
mein gedenken in den Goldsälen von Rom, wie ich dein in meiner Hütte tief
im Steingeklüft. Du wirst sie nicht vergessen, die zehn Jahre der Lieb’
und Treu, und unsern süßen Knaben.«
»O mein Weib, mein Weib,« rief der Gequälte und umschlang sie mit beiden
Armen, das Haupt auf den Sattelknopf gedrückt. Sie beugte das Haupt über
ihn und legte die Rechte auf sein braunes Haar.
Inzwischen war Wachis herangekommen: er sah der Gruppe eine Weile zu, dann
hielt er’s nicht mehr aus. Er zog leise seinen Herrn am Mantel: »Herr,
paßt auf, ich weiß euch guten Rat, hört ihr nicht?«
»Was kannst du raten?«
»Kommt mit, auf und davon! werft euch auf mein Pferd und reitet frisch
davon mit Frau Rauthgundis. Ich komme nach. Laßt ihnen doch, die euch so
quälen, daß euch die hellen Tropfen im Auge stehen, laßt ihnen doch den
ganzen Plunder von Kron’ und Reich. Euch hat’s kein Glück gebracht: sie
meinen’s nicht gut mit euch: wer will Mann und Weib scheiden um eine tote
Krone? Auf und davon, sag ich! Und ich weiß euch ein Felsennest, wo euch
nur der Adler findet oder der Steinbock.«
»Soll dein Herr von seinem Reich entlaufen, wie ein schlechter Sklave aus
der Mühle? Leb wohl Witichis, hier nimm die Kapsel mit dem blauen Band:
des Kindes Stirnlocken sind darin und eine,« flüsterte sie, ihn auf die
Stirn küssend und das Medaillon umhängend, »und eine von Rauthgundis. Leb
wohl, du mein Leben!«
Er richtete sich auf, ihr ins Auge zu sehen.
Da trieb sie das Pferd an: »Vorwärts, Wallada,« und sprengte hinweg:
Wachis folgte im Galopp, Witichis stand regungslos und sah ihr nach.
Da hielt sie, ehe die Straße sich ins Gehölz krümmte: – nochmal winkte sie
mit der Hand und war gleich darauf verschwunden.
Witichis lauschte wie im Traum auf die Hufschläge der eilenden Rosse. Erst
als diese verhallt, wandte er sich.
Aber es ließ ihn nicht von der Stelle.
Er trat seitab der Straße: dort lag jenseit des Grabens ein großer
moosiger Felsblock: darauf setzte sich der König der Goten, und stützte
die Arme auf die Knie, das Haupt in beide Hände. Fest drückte er die
Finger vor die Augen, die Welt und alles draußen auszuschließen von seinem
Schmerz.
Thränen drangen durch die Hände, er achtete es nicht. Reiter sprengten
vorüber, er hörte es kaum. So saß er stundenlang regungslos, so daß die
Vögel des Waldes bis dicht an ihn heran spielten.
Schon stand die Sonne im Mittag.
Endlich – hörte er seinen Namen nennen. Er sah auf: Teja stand vor ihm.
»Ich wußt es wohl,« sagte dieser, »du bist nicht feig entflohn. Komm mit
zurück und rette das Reich. Als man dich heut nicht in deinem Zelte fand,
kam’s gleich im ganzen Lager aus: du habest, an Krone und Glück
verzweifelnd, dich davon gemacht.
Bald drang’s in die Stadt und zu Guntharis: die Ravennaten drohen einen
Ausfall, sie wollen zu Belisar übergehn. Arahad buhlt bei unsrem Heer um
die Krone. Zwei, drei Gegenkönige drohn. Alles fällt in Trümmer
auseinander, wenn du nicht kommst und rettest.«
»Ich komme,« sagte er, »sie sollen sich hüten! Es brach das beste Herz um
diese Krone: sie ist geheiligt und sie soll’n sie nicht entweihn. Komm,
Teja, zurück ins Lager.«
Fünftes Buch.