»Ich will zwischen euren Schwertern gehen. Lüge ich, so stoßt mich
nieder.« – »Warte!« rief Johannes und eilte hinweg.
Fünftes Kapitel.
Bald darauf erschien Johannes wieder mit seinem Bruder Perseus und
ungefähr dreißig entschlossenen armenischen Söldnern, die außer ihren
Schwertern kurze Handbeile führten. »Wenn wir drin sind,« sprach Johannes,
»reißest du, Perseus, das Ausfallpförtchen auf, rechts von der Porta
Capuana, im Augenblick, da die andern unsre Fahne auf dem Wall entfalten.
Auf dies Zeichen stürzen von außen meine Hunnen auf die Ausfallpforte.
Aber wer hütet den Turm an der Porta? Den müssen wir haben.«
»Isak, ein großer Freund der Edomiten, der muß fallen.«
»Er fällt,« sprach Johannes und zog das Schwert: »Vorwärts!« Er war der
erste, der in den Hohlgang der Wasserleitung stieg. »Ihr beiden, Paukaris
und Gubazes, nehmt den Juden in die Mitte: beim ersten Verdacht – nieder
mit ihm!«
Und so, bald auf allen Vieren kriechend, bald gebückt tastend, bei
völliger Dunkelheit, rutschten und schlichen die Armenier ihm nach,
sorgfältig jeden Lärm ihrer Waffen vermeidend: lautlos krochen sie
vorwärts.
Plötzlich rief Johannes mit halber Stimme: »faßt den Juden! Nieder mit
ihm! – Feinde! Waffen! – – Nein, laßt!« rief er rasch, »es war nur eine
Schlange, die vorüber rasselte! Vorwärts.«
»Jetzt zur Rechten!« sprach Jochem, »hier mündet die Wasserleitung in
einen Tempelgang.«
»Was liegt hier? – Knochen – ein Skelett!
Ich halt’s nicht länger aus! der Modergeruch erstickt mich! Hilfe!«
seufzte einer der Männer.
»Laßt ihn liegen! vorwärts!« befahl Johannes. »Ich sehe einen Stern.« –
»Das ist das Tageslicht in Neapolis,« sagte der Jude – »nun nur noch
wenige Ellen.« –
Johannes’ Helm stieß an die Wurzeln eines hohen Ölbaums, die sich im
Atrium des Tempelhauses breit über die Mündung des Tempelgangs spannten.
Wir kennen den Baum.
Den Wurzeln ausweichend, stieß er den Helm hell klirrend an die
Seitenwand: erschrocken hielt er an. Aber er hörte zunächst nur den
heftigen Flügelschlag zahlreicher Tauben, die da hoch oben wild
verscheucht aus den Zweigen der Olive flogen.
»Was war das?« fragte über ihm eine heisere Stimme.
»Wie der Wind in dem alten Gestein wühlt!« Es war die Witwe Arria. »Ach
Gott,« sprach sie, sich wieder vor dem Kreuze niederwerfend: »erlöse uns
von dem Übel und laß die Stadt nicht untergehen, bis daß mein Jucundus
wieder kommt! Wehe, wenn er ihre Spur und seine Mutter nicht mehr findet.
O laß ihn wieder des Weges kommen, den er von mir gegangen: zeig ihn mir
wieder, wie ich ihn diese Nacht gesehen, aufsteigend aus den Wurzeln des
Baumes.«
Und sie wandte sich nach der Höhlung. »O! dunkler Gang, darin mein Glück
verschwunden, gieb mir’s wieder heraus! Gott, führ’ ihn mir zurück auf
diesem Wege.« Sie stand mit gefalteten Händen gerade vor der Höhlung, die
Augen fromm gen Himmel gewendet.
Johannes stutzte. »Sie betet!« sagte er, »soll ich sie im Gebet
erschlagen?« – Er hielt inne; er hoffte, sie solle aufhören und sich
wenden. »Das dauert zu lange: ich kann unserm Herrgott nicht helfen!« Und
rasch hob er sich aus den Wurzeln heraus. Da schaute die Betende mit den
halberblindeten Augen nieder; sie sah aus der Erde steigen eine
schimmernde Mannesgestalt.
Ein Strahl der Verklärung spielte um ihre Züge. Selig breitete sie die
Arme aus. »Jucundus!« rief sie.
Es war ihr letzter Hauch. Schon traf sie des Byzantiners Schwert ins Herz.
Ohne Weheruf, ein Lächeln auf den Lippen, sank sie auf die Blumen: –
Miriams Blumen.
Johannes aber wandte sich und half rasch seinem Bruder Perseus, dann dem
Juden und den ersten dreien seiner Krieger herauf. »Wo ist das Pförtchen?«
– »Hier links, ich gehe zu öffnen!« Perseus wies die Krieger an. – »Wo ist
die Treppe zum Turm!« – »Hier rechts,« sprach Jochem – es war die Treppe,
die zu Miriams Gemach führte, wie oft war Totila hier hereingeschlüpft! –
»still! der Alte läßt sich hören.«
Wirklich, Isak war es. Er hatte von oben Geräusch vernommen: er trat mit
Fackel und Speer an die Treppe: »Wer ist da unten? bist du’s, Miriam, wer
kommt?« fragte er.
»Ich, Vater Isak,« antwortete Jochem, »ich wollte euch nochmal fragen ...«
– und er stieg katzenleise eine Stufe höher. Aber Isak hörte Waffen
klirren.
»Wer ist bei dir?« rief er und trat vorleuchtend um die Ecke. Da sah er
die Bewaffneten hinter Jochem kauern. »Verrat, Verrat!« schrie er, »stirb,
Schandfleck der Hebräer!« Und wütend stieß er Jochem, der nicht zurück
konnte, die breite Partisane in die Brust, daß dieser rücklings
hinabstürzte. »Verrat!« schrie er noch einmal.
Aber gleich darauf hieb ihn Johannes nieder, sprang über die Leiche
hinweg, eilte auf die Zinne des Turmes und entfaltete die Fahne von
Byzanz. Da krachten unten Beilschläge: das Pförtchen fiel, von innen
eingeschlagen, hinaus und mit gellendem Jauchzen jagten – schon war es
ganz dunkel geworden – die Hunnen zu Tausenden in die Stadt.
Da war alles aus.
Ein Teil stürzte sich mordend in die Straßen, ein Haufe brach die nächsten
Thore ein, den Brüdern draußen Eingang schaffend.
Rasch eilte der alte Uliaris mit seinem Häuflein aus dem Kastell herbei:
er hoffte, die Eingedrungenen noch hinauszutreiben: umsonst: ein Wurfspeer
streckte ihn nieder. Und um seine Leiche fielen fechtend die zweihundert
treuen Goten, die ihn noch umgaben.
Da, als sie die kaiserliche Fahne auf den Wällen flattern sahen, erhoben
sich – unter Führung alter Römerfreunde, wie Stephanos und Antiochos des
Syrers, – ein eifriger Anhänger der Goten, Kastor, der Rechtsanwalt, ward,
da er sie hemmen wollte, erschlagen – auch die Bürger von Neapolis: sie
entwaffneten die einzelnen Goten in den Straßen und schickten,
glückwünschend und dankend und ihre Stadt der Gnade empfehlend, eine
Gesandtschaft an Belisar, der, von seinem glänzenden Stab umgeben, zur
Porta Capuana hereinritt.
Aber finster furchte er die majestätische Stirn und ohne seinen Rotscheck
anzuhalten, sprach er: »Fünfzehn Tage hat mich Neapolis aufgehalten. Sonst
lag ich längst vor Rom, ja vor Ravenna. Was glaubt ihr, daß das dem Kaiser
an Recht und mir an Ruhm entzieht? Fünfzehn Tage lang hat sich eure
Feigheit, eure schlechte Gesinnung von einer handvoll Barbaren beherrschen
lassen. Die Strafe für diese fünfzehn Tage seien nur fünfzehn Stunden –
Plünderung. Ohne Mord: – die Einwohner sind Kriegsgefangene des Kaisers –
ohne Brand: denn die Stadt ist jetzt eine Feste von Byzanz. Wo ist der
Führer der Goten? Tot?«
»Ja,« sprach Johannes, »hier ist sein Schwert, Graf Uliaris fiel.«
»Den meine ich nicht!« sprach Belisar. »Ich meine den jungen, den Totila.
Was ward aus ihm? Ich muß ihn haben.«
»Herr,« sprach einer der Neapolitaner, der reiche Kaufherr Asklepiodot,
vortretend, »wenn ihr mein Haus und Warenlager von der Plünderung
ausnehmt, will ich’s euch wohl sagen.«
Aber Belisar winkte: zwei maurische Lanzenreiter ergriffen den Zitternden.
»Rebell, willst du mir Bedingungen machen? Sprich, oder die Folter macht
dich sprechen.«
»Erbarmen! Gnade!« schrie der Geängstigte. »Der Seegraf eilte mit wenigen
Reitern während der Waffenruhe hinaus, Verstärkung zu holen vom Castellum
Aurelians: er kann jeden Augenblick zurückkehren.«
»Johannes,« rief Belisar, »der Mann wiegt so schwer wie ganz Neapolis. Wir
müssen ihn fangen! Du hast, wie ich befahl, den Weg nach Rom abgesperrt?
das Thor besetzt?«
»Es hat niemand nach dieser Richtung die Stadt verlassen können.« sprach
Johannes.
»Auf! Blitzesschnell! wir müssen ihn hereinlocken!
Zieh rasch das gotische Banner auf dem Kastell des Tiberius wieder auf und
auf der Porta Capuana. Die gefangenen Neapolitaner stelle wieder bewaffnet
auf die Wälle: wer ihn warnt, mit einem Augenwinken, ist des Todes. Zieht
meinen Leibwächtern gotische Waffen an. Ich selbst will dabei sein!
dreihundert Mann in der Nähe des Thors. Man lasse ihn ruhig herein. Sowie
er das Fallgitter hinter sich hat, läßt man’s nieder. Ich will ihn lebend
fangen. Er soll nicht fehlen beim Triumphzug in Byzanz.«
»Gieb mir das Amt, mein Feldherr,« bat Johannes. »Ich schuld’ ihm noch
Vergeltung für einen Kernhieb.« Und er flog zurück zur Porta Capuana, ließ
die Leichen und alle Spuren des Kampfes wegschaffen und traf sonst seine
Maßregeln.
Da drängte sich eine verschleierte Gestalt heran: »Um der Güte Gottes
willen,« flehte eine liebliche Stimme, »ihr Männer, laßt mich heran! Ich
will ja nur seine Leiche, – o gebt Acht! sein weißer Bart! o mein Vater.«
Es war Miriam, die der Lärm plündernder Hunnen aus der Kirche nach Hause
gescheucht hatte. Und mit der Kraft der Verzweiflung schob sie die Speere
zurück und nahm das bleiche Haupt Isaks in ihre Arme.
»Weg, Mädel!« rief der nächste Krieger, ein sehr langer Bajuvare, ein
Söldner von Byzanz: – Garizo hieß er. »Halt uns nicht auf! wir müssen den
Weg säubern! In den Graben mit dem Juden!«
»Nein, nein!« rief Miriam und stieß den Mann zurück.
»Weib!« schrie dieser zornig und hob das Beil. –
Aber die Arme schützend über des Vaters Leiche breitend und mit
leuchtenden Augen aufblickend blieb Miriam furchtlos stehen: – wie gelähmt
hielt der Krieger inne: »Du hast Mut, Mädel!« sagte er, das Beil senkend.
»Und schön bist du auch, wie die Waldfrau der Liusacha. Was kann ich dir
Liebes thun? du bist ganz wundersam anzuschauen.« – »Wenn der Gott meiner
Väter dein Herz gerührt,« bat Miriams herzgewinnende Stimme, »hilf mir die
Leiche dort im Garten bergen: – das Grab hat er sich lange selbst
geschaufelt, – neben Sarah, meiner Mutter, das Haupt gegen Osten.« – »Es
sei!« sprach der Bajuvare und folgte ihr. Sie trug das Haupt, er faßte die
Knie der Leiche: wenige Schritte führten sie in den kleinen Garten: da lag
ein Stein unter Trauerweiden: der Mann wälzte ihn weg und sie senkten die
Leiche hinein, das Antlitz gegen Osten. –
Ohne Worte, ohne Thränen starrte Miriam in die Grube: sie fühlte sich so
arm jetzt, so allein; mitleidig, leise schob der Bajuvare die Steinplatte
darüber. »Komm!« sagte er dann. – »Wohin?« fragte Miriam tonlos. – »Ja,
wohin willst du?« – »Das weiß ich nicht! – Hab Dank,« sprach sie und nahm
ein Amulett vom Halse und reichte es ihm: es war von Gold, eine Schaumünze
vom Jordan, aus dem Tempel.
»Nein!« sagte der Mann und schüttelte das Haupt.
Er nahm ihre Hand und legte sie über seine Augen.
»So,« sagte er, »das wird mir gut thun mein Leben lang. Jetzt muß ich
fort, wir müssen den Grafen fangen, den Totila. Leb wohl.«
Dieser Name schlug in Miriams Herz: – noch einen Blick warf sie auf das
stille Grab und hinaus schlüpfte sie aus dem Gärtchen. Sie wollte zum
Thore hinaus auf die Straße: aber das Fallgitter war gesenkt, an den
Thoren standen Männer mit gotischen Helmen und Schilden. Erstaunt sah sie
um sich.
»Ist alles vollzogen, Chanaranges?« – »Alles, er ist so gut wie gefangen.«
– »Horch, vor dem Wall, – Pferdegetrappel – sie sind’s! zurück, Weib.«
Draußen aber sprengten einige Reiter die Straße heran gegen das Thor.
»Auf! auf, das Thor,« rief Totila von weitem. Da spornte Thorismuth sein
Roß heran. »Ich weiß nicht, ich traue nicht!« rief er, »die Straße war wie
ausgestorben und ebenso drüben das Lager der Feinde: kaum ein paar
Wachtfeuer brennen.«
Da scholl von der Zinne ein Ruf des gotischen Hornes. »Der Bursch bläst ja
gräßlich!« sprach Thorismuth zürnend. »Es wird ein Welscher sein,« meinte
Totila. »Gebt die Losung,« rief’s herab auf lateinisch. »Neapolis,«
antwortete Totila entgegen. »Hörst du’s? Uliaris hat die Bürger bewaffnen
müssen. Auf das Thor! ich bringe frohe Kunde,« fuhr er fort zu den oben
Aufgestellten, »vierhundert Goten folgen mir auf dem Fuß: und Italien hat
einen neuen König.«
»Wer ist’s?« fragte es leise drinnen. »Der auf dem weißen Roß, der erste.«
Da sprangen die Thorflügel auf, gotische Helme füllten den Eingang,
Fackeln glänzten, Stimmen flüsterten.
»Auf mit dem Fallgitter,« rief Totila, dicht heranreitend. Spähend blickte
Thorismuth vor, die Hand vor den Augen. »Sie haben gestern getagt zu
Regeta,« fuhr Totila fort, »Theodahad ist abgesetzt und Graf Witichis
...« –
Da hob sich langsam das Gitter und Totila wollte eben dem Roß den Sporn
geben, da warf sich vor die Hufen seines Hengstes ein Weib aus der Reihe
der Krieger. »Flieh,« rief sie, »Feinde über dir! die Stadt ist gefallen!«
Aber sie konnte nicht vollenden: ein Lanzenstoß durchbohrte ihre Brust.
»Miriam!« schrie Totila entsetzt und riß sein Pferd zurück.
Doch Thorismuth, der längst Argwohn geschöpft, zerhieb, rasch
entschlossen, mit dem Schwert, durch das Gitter hindurch, das haltende
Seil, an dem das Thor auf und nieder ging, daß es dröhnend vor Totila
niederschlug.
Ein Hagel von Speeren und Pfeilen fuhr durch das Gitter. »Auf das Gitter!
Hinaus auf sie!« rief Johannes von innen: aber Totila wich nicht.
»Miriam, Miriam,« rief er im tiefsten Schmerz. Da schlug sie nochmal die
Augen auf, mit einem brechenden, von Liebe und Schmerz verklärten Blick: –
dieser Blick sagte alles: er drang tief in Totilas Herz. »Für dich!«
hauchte sie und fiel zurück. – Da vergaß er Neapolis und die Todesgefahr.
»Miriam,« rief er nochmals, beide Hände gegen sie ausbreitend. –
Da streifte ein Pfeil den Bug seines Pferdes, blitzschnell prallte das
edle Tier hochbäumend zurück. Das Fallgitter fing an, sich zu heben: da
faßte Thorismuth nach Totilas Zügel, riß das Pferd herum und gab ihm einen
Schlag mit der flachen Klinge, daß es hinwegschoß. »Auf und davon, Herr,«
rief er, »ja, sie müssen flink sein, die uns einholen.« Und brausend
sprengten die Reiter auf der Via Capuana den Weg zurück, den sie gekommen;
nicht weit verfolgte sie Johannes, im Dunkel der Nacht und des Wegs
unkundig. Bald begegnete ihnen die heranziehende Besatzung vom Kastell
Aurelians: auf einem Hügel machten sie Halt, von wo man die Stadt mit
ihren Zinnen, in dem Schein der byzantinischen Wachtfeuer auf den Wällen,
liegen sah.
Erst jetzt raffte sich Totila aus seinem Schmerz, aus seiner Betäubung
auf. »Uliaris!« seufzte er, »Miriam!« »Neapolis, – wir sehen uns wieder.«
Und er winkte zum Aufbruch gen Rom.
Aber von Stund an war ein Schatte gefallen in des jungen Goten Seele: mit
dem heiligen Recht des Schmerzes hatte sich Miriam in sein Herz gegraben
für immerdar.
Als Johannes mit den Reitern von seiner fruchtlosen Verfolgung heimkehrte,
rief er, vom Pferde springend, mit wütiger Stimme: »Wo ist die Dirne, die
ihn gewarnt? Werft sie vor die Hunde.« Und er eilte zu Belisar, das
Mißgeschick zu melden.
Aber niemand wußte zu sagen, wohin der schöne Leichnam geraten. Die Rosse
hätten sie zertreten, meinte die Menge. Aber einer wußte es besser:
Garizo, der Bajuvare. Der hatte sie im Tumult sachte, wie ein schlafend
Kind, auf seinen starken Armen davongetragen in das nahe Gärtchen, hatte
die Steinplatte von dem kaum geschlossenen Grabe gewälzt und die Tochter
sorglich an des Vaters Seite gelegt: dann hatte er sie still betrachtet.
Aus der Ferne scholl das Getöse der geplünderten Stadt, in der die
Massageten Belisars, trotz seines Verbots, brannten und mordeten und sogar
die Kirchen nicht verschonten, bis der Feldherr selbst, mit dem Schwert
unter sie fahrend, Einhalt schuf. –
Es lag ein edler Schimmer auf ihrem Antlitz, daß er nicht wagte, wie er so
gern gewollt, sie zu küssen. So legte er denn ihr Gesicht gegen Osten und
brach eine Rose, die neben dem Grabe blühte, und legte sie ihr auf die
Brust. Dann wollte er fort, seinen Teil an der Plünderung zu nehmen. Aber
es ließ ihn nicht fort: er wandte sich wieder um. Und er hielt die Nacht
über, an seinen Speer gelehnt, Totenwacht am Grabe des schönen Mädchens.
Er sah auf zu den Sternen und betete einen uralten heidnischen Totensegen,
den ihn die Mutter daheim an der Liusacha gelehrt. Aber es war ihm nicht
genug: andächtig betete er noch dazu ein christlich Vaterunser. Und als
die Sonne emporstieg, schob er sorgfältig den Stein über das Grab und
ging.
So war Miriam spurlos verschwunden.
Aber das Volk in Neapolis, das im stillen warm an Totila hing, erzählte,
schönheitstrahlend sei sein Schutzengel herabgestiegen, ihn zu retten, und
wieder aufgefahren gen Himmel.
Sechstes Kapitel.
Der Fall von Neapolis war erfolgt wenige Tage nach der Versammlung zu
Regeta.
Und Totila stieß schon bei Formiä auf seinen Bruder Hildebad, den König
Witichis mit einigen Tausendschaften schleunig abgesandt hatte, die
Besatzung der Stadt zu verstärken, bis er selbst mit einem größeren Heere
zum Entsatz herbeieilen könne. Wie jetzt die Dinge standen, konnten die
Brüder nichts andres thun, als sich auf die Hauptmacht, nach Regeta,
zurückziehen, wo Totila seinen traurigen Bericht von den letzten Stunden
von Neapolis erstattete. Der Verlust der dritten Stadt des Reiches, des
dritten Hauptbollwerks Italiens, mußte den ganzen Kriegsplan der Goten
verändern.
Witichis hatte die zu Regeta versammelten Scharen gemustert: es waren
gegen zwanzigtausend Mann. Diese, mit der kleinen Schar, die Graf Teja
eigenmächtig zurückgeführt, waren im Augenblick die ganze verfügbare
Macht: bis die starken Heere, die Theodahad weit weg nach Südgallien und
Noricum, nach Istrien und Dalmatien entsendet, wiewohl sofort zur
schnellen Rückkehr aufgefordert, einzutreffen vermochten, konnte ganz
Italien verloren sein.
Gleichwohl hatte der König beschlossen, sich mit diesen zwanzig
Tausendschaften in die Werke von Neapolis zu werfen und hier dem durch den
Zufluß der Italier auf mehr als die dreifache Übermacht angeschwollenen
Heere der Feinde bis zum Eintreffen der Verstärkungen Widerstand zu
leisten. Aber jetzt, da jene feste Stadt in Belisars Hand gefallen, gab
Witichis den Plan, sich ihm entgegenzustellen, auf. Sein ruhiger Mut war
ebensoweit von Tollkühnheit wie von Zagheit entfernt.
Ja, der König mußte seiner Seele noch einen andern schmerzlicheren
Entschluß abringen. Während in den Tagen nach dem Eintreffen Totilas in
dem Lager vor Rom sich der Schmerz und der Grimm der Goten in
Verwünschungen über den Verräter Theodahad, über Belisar, über die Italier
Luft machte, während schon die kecke Jugend hier und da anhob, auf das
Zaudern des Königs zu schelten, der sie nicht gegen diese Griechlein
führen wolle, deren je vier auf einen Goten gingen, während der Ungestüm
des Heeres schon über den Stillstand grollte, gestand sich der König mit
schwerem Herzen die Notwendigkeit, noch weiter zurückzuweichen und selbst
Rom vorübergehend preiszugeben.
Tag für Tag kamen Nachrichten, wie Belisars Heer anwachse: aus Neapolis
allein führte er zehntausend Mann – als Geiseln zugleich und
Kampfgenossen, – von allen Seiten strömten die Welschen zu seinen Fahnen:
von Neapolis bis Rom war kein Waffenplatz fest genug, Schutz gegen solche
Übermacht zu gewähren und die kleineren Städte an der Küste öffneten dem
Feind mit Jubel die Thore.
Die gotischen Familien aus diesen Gegenden flüchteten in das Lager des
Königs und berichteten, wie gleich am Tage nach dem Falle von Neapolis
Cumä und Atella sich ergeben, darauf folgten Capua, Cajeta und selbst das
starke Benevent. Schon standen die Vorposten Belisars, hunnische,
saracenische und maurische Reiter, bei Formiä. Das Gotenheer erwartete und
verlangte eine Schlacht vor den Thoren Roms.
Aber längst hatte Witichis die Unmöglichkeit erkannt, mit zwanzigtausend
Mann einem Belisar, der bis dahin hunderttausend zählen konnte, im offnen
Feld entgegenzutreten. Eine Zeit lang hegte er die Hoffnung, die mächtigen
Befestigungen Roms, das stolze Werk des Cethegus, gegen die byzantinische
Überflutung halten zu können: aber bald mußte er auch diesen Gedanken
aufgeben.
Die Bevölkerung Roms zählte, dank dem Präfekten, mehr waffenfähige und
waffengeübte Männer denn seit manchem Jahrhundert: und stündlich
überzeugte sich der König, von welcher Gesinnung diese beseelt waren.
Schon jetzt hielten die Römer kaum noch ihren Haß wider die Barbaren
zurück: es blieb nicht bei feindlichen und höhnischen Blicken: schon
konnten sich Goten in den Straßen nur in guter Bewaffnung und großen
Scharen blicken lassen: täglich fand man vereinzelte gotische Wachen von
hinten erdolcht.
Und Witichis konnte sich nicht verhehlen, daß diese Elemente des
Volksgeistes gegliedert und geleitet waren von schlauen und mächtigen
Häuptern: den Spitzen des römischen Adels und des römischen Klerus. Er
mußte sich sagen, daß, sowie Belisar vor den Mauern erscheinen werde, das
Volk von Rom sich erheben und mit dem Belagerer vereint die kleine
gotische Besatzung erdrücken würde.
So hatte Witichis den schweren Entschluß gefaßt, Rom, ja ganz
Mittelitalien aufzugeben, sich nach dem festen und verlässigen Ravenna zu
werfen, hier die mangelhaften Rüstungen zu vollenden, alle gotischen
Streitkräfte an sich zu ziehen und dann mit einem gleich starken Heere den
Feind aufzusuchen.
Er war ein Opfer, dieser Entschluß.
Denn auch Witichis hatte sein redlich Teil der germanischen Rauflust und
es war seinem Mut eine herbe Zumutung, anstatt frisch drauf loszuschlagen,
zurückweichend seine Verteidigung zu suchen. Aber noch mehr. Nicht
rühmlich war es für den König, der um seiner Tapferkeit willen auf den
Thron des feigen Theodahad gehoben worden, wenn er sein Regiment mit
schimpflicher Flucht begann: er hatte Neapolis verloren in den ersten
Tagen seiner Herrschaft: sollte er jetzt freiwillig Rom, die Stadt der
Herrlichkeiten, sollte er mehr als die Hälfte von Italien preisgeben? Und
wenn er seinen Stolz bezwang um des Volkes willen, – wie mußte das Volk
von ihm denken? Diese Goten mit ihrem Ungestüm, ihrer Verachtung der
Feinde! Konnte er irgend hoffen, ihren Gehorsam zu erzwingen? Denn ein
germanischer König hatte mehr zu raten, vorzuschlagen, als zu befehlen und
zu gebieten. Schon mancher germanische König war von seinem Volksheer
wider seinen Willen zu Kampf und Niederlage gezwungen worden. Er fürchtete
ein Gleiches: und schweren Herzens wandelte er einst des Nachts im Lager
zu Regeta in seinem Zelte auf und ab.
Da nahten hastige Schritte und der Vorhang des Zeltes ward aufgerissen:
»Auf, König der Goten,« rief eine leidenschaftliche Stimme, »jetzt ist
nicht Zeit, zu schlafen!« – »Ich schlafe nicht, Teja,« sprach Witichis,
»seit wann bist du zurück? Was bringst du?« – »Eben schritt ich ins Lager,
der Tau der Nacht ist noch auf mir. Wisse zuerst: sie sind tot.« – »Wer?«
– »Der Verräter und die Mörderin!« – »Wie? du hast sie beide erschlagen?«
– »Ich schlage keine Weiber. Theodahad, dem Schandkönig, folgte ich zwei
Tage und zwei Nächte. Er war auf dem Weg nach Ravenna, er hatte starken
Vorsprung. Aber mein Haß war noch rascher als seine Todesangst. Schon bei
Narnia holte ich ihn ein: zwölf Sklaven begleiteten seine Sänfte: sie
hatten nicht Lust, für den Elenden zu sterben: sie warfen die Fackeln weg
und flohn.
Ich riß ihn aus der Sänfte und drückte ihm sein eigenes Schwert in die
Faust: er aber fiel nieder, bat um sein Leben und führte zugleich einen
heimtückischen Stoß nach mir. Da schlug ich ihn, wie ein Opfertier: mit
drei Streichen. Einen für das Reich: und zwei für meine Eltern. Und ich
hing ihn an seinem goldenen Gürtel auf, an der offenen Heerstraße, an
einem dürren Eibenbaum: da mag er hangen, ein Fraß für die Vögel des
Himmels, eine Warnung für die Könige der Erde.«
»Und was ward aus ihr?«
»Sie fand ein schrecklich Ende!« sprach Teja schaudernd.
»Als ich von hier nach Rom kam, wußte man nur, daß sie verschmäht, den
Feigling zu begleiten: er floh allein. Gothelindis aber rief seine
kappadokische Leibwache zusammen und verhieß den Männern goldne Berge,
wenn sie zu ihr halten und mit ihr nach Dalmatien und in das feste Salona
sich werfen wollten.
Die Söldner schwankten und wollten erst das verheißne Gold sehen. Da
versprach Gothelindis, es zu bringen und ging. Seitdem war sie
verschwunden. Wie ich wieder durch Rom kam, war sie freilich gefunden.« –
»Nun?« – »Sie hatte sich in die Katakomben gewagt, allein, ohne Führer,
einen dort vergrabnen Schatz zu holen. Sie muß sich in diesem Labyrinth
verirrt haben, sie fand den Ausgang nicht mehr. Suchende Söldner trafen
sie noch lebend: ihre Fackel war nicht herabgebrannt, sondern fast völlig
erhalten: sie mußte alsbald erloschen sein, nachdem sie die Höhlung
beschritten. Wahnsinn sprach aus ihrem Blick: lange Todesangst,
Verzweiflung haben dieses böse Weib zermürbt: sie starb, sowie sie ans
Tageslicht gebracht war.«
»Schrecklich!« rief Witichis. – »Gerecht!« sagte Teja. »Aber höre weiter.«
Eh’ er beginnen konnte, eilten Totila, Hildebad, Hildebrand und andre
gotische Führer ins Zelt: »Weiß er’s?« fragte Totila. – »Noch nicht,«
sagte Teja. – »Empörung!« rief Hildebad! »Empörung! Auf, König Witichis,
wehre dich deiner Krone! Lege dem Knaben das Haupt vor die Füße.«
»Was ist geschehn« fragte Witichis ruhig.
»Graf Arahad von Asta, der eitle Laffe, hat sich empört. Er ist gleich
nach deiner Wahl davongeritten gegen Florentia, wo sein älterer Bruder,
der stolze Herzog von Tuscien, Guntharis, haust und herrscht. Da haben die
Wölsungen viel Anhang gefunden, haben die Goten überall aufgerufen gegen
dich zum Schutz der »Königslilie«, wie sie sie nennen: Mataswintha sei die
Erbin der Krone. Sie haben sie als Königin ausgerufen. Sie weilte in
Florentia, fiel also gleich in ihre Gewalt. Man weiß nicht, ist sie
Guntharis Gefangene oder Arahads Weib. Nur das weiß man, daß sie avarische
und gepidische Söldner geworben, den ganzen Anhang der Amaler und ihre
ganze Sippe und Gefolgschaft, zu all’ dem großen Anhang der Wölsungen,
bewaffnet haben. Dich schelten sie den Bauernkönig: sie wollen Ravenna
gewinnen!«
»O schicke mich nach Florentia mit nur drei Tausendschaften!« rief
Hildebad zornig. »Ich will dir diese Königin der Goten samt ihrem adeligen
Buhlen in einem Vogelkäfig gefangen bringen.«
Aber die andern machten besorgte Gesichter. »Es sieht finster her!« sprach
Hildebrand. »Belisar mit seinen Hunderttausenden vor uns: – im Rücken das
schlangenhafte Rom, – all’ unsre Macht noch fünfzig Meilen fern – und
jetzt noch Bruderkrieg und Aufruhr im Herzen des Reiches! der Donner
schlag’ in dieses Land.«
Aber Witichis blieb ruhig und gefaßt wie immer. Er strich mit der Hand
über die Stirn. »Es ist vielleicht gut so,« sagte er dann. »Jetzt bleibt
uns keine Wahl. Jetzt _müssen_ wir zurück.« – »Zurück?« fragte Hildebad
zürnend. – »Ja! Wir dürfen keinen Feind im Rücken lassen. Morgen brechen
wir das Lager ab und gehn ...« – »Gegen Neapolis vor?« sagte Hildebad. –
»Nein! Zurück nach Rom! Und weiter, nach Florentia, nach Ravenna! Der
Brand der Empörung muß zertreten sein, eh’ er noch recht entglommen.« –
»Wie? du weichst vor Belisar zurück?« – »Ja, um desto stärker vorzugehen,
Hildebad! Auch die Bogensehne spannt die Kraft zurück, den tödlichen Pfeil
zu schnellen.« – »Nimmermehr!« sprach Hildebad, »das kannst – das darfst
du nicht.«
Aber ruhig trat Witichis auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die
Schulter: »Ich bin dein König. Du hast mich selbst gewählt. Hell klang vor
andern _dein_ Ruf: »Heil König Witichis!« Du weißt es, Gott weiß es: nicht
ich habe die Hand ausgestreckt nach dieser Krone! Ihr habt sie mir auf das
Haupt gedrückt: nehmt sie herunter, wenn ihr sie mir nicht mehr
anvertraut. Aber solang ich sie trage, traut mir und gehorcht: sonst seid
ihr mit mir verloren.«
»Du hast recht,« sagte der lange Hildebad und senkte das Haupt. »Vergieb
mir! Ich mach’ es gut im nächsten Gefecht.«
»Auf, meine Feldherrn,« schloß Witichis, den Helm aufsetzend, »du, Totila,
eilst mir in wicht’ger Sendung zu den Frankenkönigen nach Gallien: ihr
andern, fort zu euren Scharen, brecht das Lager ab: mit Sonnenaufgang
geht’s nach Rom.«
Siebentes Kapitel.
Wenige Tage darauf, am Abend des Einzugs der Goten in Rom, finden wir die
jungen »Ritter«: Lucius und Marcus Licinius, Piso, den Dichter, Balbus,
den Feisten, Julianus, den jungen Juristen, bei Cethegus dem Präfekten in
vertrautem Gespräch.
»Das also ist die Liste der blinden Anhänger des künftigen Papstes
Silverius, meiner schlimmsten Argwöhner? Ist sie vollständig?« – »Sie ist
es. Es ist ein hartes Opfer,« rief Lucius Licinius, »das ich dir bringe,
Feldherr. Hätt’ ich gleich, wie das Herz mich antrieb, Belisar aufgesucht,
ich hätte jetzt schon Neapolis mit belagert und bestürmt, statt daß ich
hier die Katzentritte der Priester belausche und die Plebejer marschieren
und in Manipeln schwenken lehre.« – »Sie lernen’s doch nie wieder,« meinte
Marcus.
»Geduldet euch,« sagte Cethegus ruhig, ohne von einer Papyrusrolle
aufzublicken, die er in der Hand hielt. »Ihr werdet euch bald genug und
lang genug mit diesen gotischen Bären balgen dürfen. Vergeßt nicht, daß
das Raufen doch nur Mittel ist, nicht Zweck.«
»Weiß nicht,« zweifelte Lucius.
»Die Freiheit ist der Zweck und Freiheit fordert Macht,« sprach Cethegus;
»wir müssen diese Römer wieder an Schild und Schwert gewöhnen, sonst –«
der Ostiarius meldete einen gotischen Krieger. Unwillige Blicke tauschten
die jungen Römer.
»Laß ihn ein!« sprach Cethegus, seine Schreibereien in einer Kapsel
bergend. Da eilte ein junger Mann im braunen Mantel der gotischen Krieger,
einen gotischen Helm auf dem Haupt, herein und warf sich an des Präfekten
Brust.
»Julius!« sprach dieser kalt zurücktretend. »Wie sehn wir uns wieder! Bist
du denn ganz ein Barbar geworden. Wie kamst du nach Rom?«
»Mein Vater, ich geleite Valeria unter gotischem Schutz: ich komme aus dem
rauchenden Neapolis.« – »Ei,« grollte Cethegus, »hast du mit deinem
blonden Freund gegen Italien gestritten? Das steht einem Römer gut! Nicht
wahr, Lucius?« – »Ich habe nicht gefochten und werde nicht fechten in
diesem Krieg, dem unseligen. Weh denen, die ihn entzündet.«
Cethegus maß ihn mit kalten Blicken. »Es ist unter meiner Würde und über
meiner Geduld, einem Römer die Schande solcher Gesinnung vorzuhalten.
Wehe, daß ein solcher Abtrünniger mein Julius. Schäme dich vor diesen
deinen Altersgenossen. Seht, römische Ritter, hier ist ein Römer ohne
Freiheitsdurst, ohne Zorn auf die Barbaren!«
Aber ruhig schüttelte Julius das Haupt. »Du hast sie noch nicht gesehen,
die Hunnen und Massageten Belisars, die euch die Freiheit bringen sollen.
Wo sind denn die Römer, von denen du sprichst? Hat sich Italien erhoben
seine Fesseln abzuwerfen? Kann es sich noch erheben? Justinian kämpft mit
den Goten, nicht wir. Wehe dem Volk, das ein Tyrann befreit.«
Cethegus gab ihm im geheimen recht, aber er wollte solche Worte nicht
billigen vor Fremden: »Ich muß allein mit diesem Philosophen disputieren.
Berichtet mir, wenn bei den Frommen etwas geschieht.«
Und die Kriegstribunen gingen, mit verächtlichen Blicken auf Julius.
»Ich möchte nicht hören, was die von dir reden!« sagte Cethegus, ihnen
nachsehend. – »Das gilt mir gleich. Ich folge meinen eignen und nicht
fremden Gedanken.« – »Er ist Mann geworden,« sagte Cethegus zu sich
selbst.
»Und meine tiefsten und besten Gedanken, die diesen Krieg verfluchen,
führen mich hierher. Ich komme, dich zu retten und zu entführen aus dieser
schwülen Luft, aus dieser Welt von Falschheit und Lüge. Ich bitte dich,
mein Freund, mein Vater: folge mir nach Gallien.« – »Nicht übel,« lächelte
Cethegus. »Ich soll Italien aufgeben im Augenblick, da die Befreier nahen!
Wisse: ich war es, der sie herbeigerufen, ich habe diesen Kampf entfacht,
den du verfluchst.« – »Ich dacht’ es wohl,« sprach Julius schmerzlich.
»Aber wer befreit uns von den Befreiern, wer endet diesen Kampf?«
»Ich,« sprach Cethegus ruhig und groß. »Und du, mein Sohn, sollst mir
dabei helfen. Ja, Julius, dein väterlicher Freund, den du so kalt und
nüchtern schiltst, hat auch eine begeisterte Schwärmerei, wenn auch nicht
für Mädchenaugen und gotische Freundschaften. Laß diese Knabenspiele
jetzt, du bist ein Mann. Gieb mir die letzte Freude meines öden Lebens und
sei der Genosse meiner Kämpfe und der Erbe meiner Siege! Es gilt Rom,
Freiheit, Macht! Jüngling, können dich diese Worte nicht rühren? Denk’
dir,« fuhr er, wärmer werdend, fort, »diese Goten, diese Byzantiner – ich
hasse sie wie du – die einen durch die andern erschöpft, aufgerieben, und
über den Trümmern ihrer Macht erhebt sich Italien, Rom in alter
Herrlichkeit! Auf dem kapitolinischen Hügel thront wieder der Herrscher
über Morgen- und Abendland: eine neue römische Weltherrschaft, stolzer als
sie dein cäsarischer Namensvetter geträumt, verbreitet Zucht, Segen und
Furcht über die Erde ...« –
»Und der Herrscher dieses Weltreichs heißt – Cethegus Cäsarius!«
»Ja – und nach ihm: Julius Montanus! Auf, Julius, du bist kein Mann, wenn
dich dies Ziel nicht lockt!«
Julius sprach bewundernd: »Mir schwindelt! Das Ziel ist sternenhoch: aber
deine Wege, – sie sind nicht gerade. Ja, wären sie gerade, bei Gott, ich
teilte deinen Gang.
Ja, rufe die römische Jugend zu den Waffen, herrsche beiden Barbarenheeren
zu: »Räumt das heilige Latium!« führe einen offnen Krieg gegen die
Barbaren und gegen die Tyrannen: und an deiner Seite will ich stehen und
fallen!« – »Du weißt recht gut, daß dieser Weg unmöglich ist.« – »Und
deshalb – ist’s dein Ziel!« – »Thor, erkennst du nicht, daß es gewöhnlich
ist, aus gutem Stoff ein Gebilde fertigen, daß es aber göttlich ist, aus
dem Nichts, nur mit eigner schöpferischer Kraft, eine neue Welt schaffen.«
– »Göttlich? durch List und Lüge? Nein.« – »Julius!« – »Laß mich offen
sprechen, deshalb bin ich gekommen.
O könnt ich dich zurückrufen von dem dämonischen Pfade, der dich sicher in
Nacht und Verderben führt. Du weißt, – wie ich dein Bild verehre und
liebe. Es will mir nicht stimmen zu dieser Verehrung, was Griechen, Goten,
Römer von dir flüstern.«
»Was flüstern sie?« fragte Cethegus stolz.
»Ich mag’s nicht denken: aber alles, was in diesen Zeiten Furchtbares
geschehen: Athalarichs, Kamillas, Amalaswinthens Untergang, der Byzantiner
Landung, – du wirst dabei genannt, wie der Dämon, der alles Böse schafft.
Sage mir, schlicht und treu, daß du frei bist von dunkeln« –
»Knabe!« fuhr Cethegus auf, »willst du mir zur Beichte sitzen und zu
Gericht? Lerne erst das Ziel begreifen, eh du die Mittel schiltst.
Meinst du, man baut die Weltgeschichte aus Rosen und Lilien? Wer das Große
will, muß das Große thun, nennen’s die Kleinen gut oder schlecht.« – »Nein
und dreimal nein! ruft dir mein ganzes Herz entgegen. Fluch dem Ziel, zu
dem nur Frevel führen. Hier scheiden sich unsre Pfade.«
»Julius, geh nicht! Du verschmähst, was noch nie einem Sterblichen geboten
ward. Laß mich einen Sohn haben, für den ich ringe, dem ich die Erbschaft
meines Lebens hinterlassen kann.« – »Fluch und Lüge und Blut kleben daran.
Und sollt ich sie schon jetzt antreten: – ich will sie nie! Ich gehe, daß
sich dein Bild nicht noch mehr vor mir verdunkle. Aber ich flehe dich um
Eins: wann der Tag kommt (und er wird kommen), da dich ekelt all des
Blutes und des frevlen Trachtens und des Zieles selbst, das solche Thaten
fordert, – – dann rufe mir: ich will herbeieilen, wo immer ich sei, und
will dich losringen und loskaufen von den dämonischen Mächten und sei’s um
den Preis meines Lebens.«
Leichter Spott zuckte zuerst um des Präfekten Lippe, aber er dachte: »Er
liebt mich noch immer. – Gut, ich werde ihn rufen, wenn das Werk
vollendet: laß sehen, ob er ihm dann widerstehen kann, ob er den Thron des
Erdkreises ausschlägt.« – »Wohl,« sagte er, »ich werde dich rufen, wenn
ich dein bedarf. Leb wohl.« Und mit kalter Handbewegung entließ er den
Heißbewegten.
Aber als die Thüre hinter ihm zugefallen, nahm der eisige Präfekt ein
kleines Relief von getriebenem Erz aus einer Kapsel und betrachtete es
lang. Dann wollte er es küssen. Aber plötzlich flog der höhnische Zug
wieder um seine Lippen. »Schäme dich vor Cäsar, Cethegus,« sagte er, und
legte das Medaillon wieder in die Kapsel. Es war ein Frauenkopf und Julius
sehr ähnlich.
Achtes Kapitel.
Inzwischen war es dunkler Abend geworden. Der Sklave brachte die zierliche
Bronzelampe, korinthische Arbeit: ein Adler, der im Schnabel den
Sonnenball trägt, gefüllt mit persischem Duftöl. »Ein gotischer Krieger
steht draußen, Herr, er will dich allein sprechen. Er sieht sehr
unscheinbar aus. Soll er die Waffen ablegen?« »Nein,« sagte Cethegus, »wir
fürchten die Barbaren nicht. Laß ihn kommen.« Der Sklave ging und Cethegus
legte die Rechte an den Dolch im Busen seiner Tunika.
Ein stattlicher Gote trat ein, die Mantelkapuze über den Kopf geschlagen:
er warf sie jetzt zurück.
Cethegus trat erstaunt einen Schritt näher. »Was führt den König der Goten
zu mir?«
»Leise!« sprach Witichis. »Es braucht niemand zu wissen, was wir beide
verhandeln. Du weißt: seit gestern und heute ist mein Heer von Regeta in
Rom eingezogen. Du weißt noch nicht, daß wir Rom morgen wieder räumen
werden.«
Cethegus horchte hoch auf.
»Das befremdet dich?« – »Die Stadt ist fest,« sagte Cethegus ruhig. »Ja,
aber nicht die Treue der Römer. Benevent ist schon abgefallen zu Belisar.
Ich habe nicht Lust, mich zwischen Belisar und euch erdrücken zu lassen.«
Vorsichtig schwieg Cethegus, er wußte nicht, wo das hinaus sollte.
»Weshalb bist du gekommen, König der Goten?« – »Nicht um dich zu fragen,
wie weit man den Römern trauen kann. Auch nicht, um zu klagen, daß wir
ihnen so wenig trauen können, die doch Theoderich und seine Tochter mit
Wohltaten überhäuft; – sondern um grad und ehrlich ein paar Dinge mit dir
zu schlichten, zu eurem wie zu unsrem Frommen.«
Cethegus staunte. In der stolzen Offenheit dieses Mannes lag etwas, das er
beneidete. Er hätte es gern verachtet. »Wir werden Rom verlassen, und
alsbald werden die Römer Belisar aufnehmen. Das wird so kommen. Ich kann’s
nicht hindern. Man hat mir geraten, die Häupter des Adels als Geiseln mit
hinwegzuführen.«
Cethegus erschrak und hatte Mühe, das zu verbergen.
»Dich vor allen, den Princeps Senatus.« – »Mich!« lächelte Cethegus. –
»Ich werde dich hier lassen. Ich weiß es wohl: du bist die Seele von Rom.«
Cethegus schlug die Augen nieder. »Ich nehme das Orakel an,« dachte er.
»Aber eben deshalb laß’ ich dich hier. Hunderte, die sich Römer nennen,
wollen die Byzantiner zu ihren Herren, – du, du willst das nicht.«
Cethegus sah ihn fragend an.
»Täusche mich nicht! Wolle mich nicht täuschen. Ich bin der Mann
verschlagner Künste nicht. Aber mein Auge sieht der Menschen Art. Du bist
zu stolz, um Justinian zu dienen. Ich weiß, du hassest uns. Aber du liebst
auch diese Griechen nicht und wirst sie nicht länger hier dulden als du
mußt. Deshalb laß ich dich hier: vertritt du Rom gegen die Tyrannen: ich
weiß, du liebst die Stadt.«
Es war etwas an diesem Mann, das Cethegus zum Staunen zwang. »König der
Goten,« sagte er, »du sprichst klar und groß wie ein König: ich danke dir.
Man soll nicht sagen von Cethegus, daß er die Sprache der Größe nicht
versteht. Es ist, wie du sagst: ich werde mein Rom nach Kräften römisch
erhalten.«
»Gut,« sagte Witichis, »sieh, man hat mich gewarnt vor deiner Tücke: ich
weiß viel von deinen schlauen Plänen: ich ahne noch mehr: und ich weiß,
daß ich gegen Falschheit keine Waffe habe. Aber du bist kein Lügner. Ich
wußte, ein männlich Wort ist unwiderstehlich bei dir: und Vertrauen
entwaffnet einen Feind, der ein Mann.«
»Du ehrst mich, König der Goten.
Ich will dich warnen: weißt du, wer die wärmsten Freunde Belisars?« – »Ich
weiß es: Silverius und die Priester.« – »Richtig. Und weißt du, daß
Silverius, sowie der alte Papst Agapetus gestorben, den Bischofstuhl von
Rom besteigen wird?«
»So hör’ ich.
Man riet mir, auch ihn als Geisel fortzuführen. Ich werd’ es nicht thun.
Die Italier hassen uns genug. Ich will nicht noch in das Wespennest der
Pfaffen stoßen. Ich fürchte die Märtyrer.«
Aber Cethegus wäre den Priester gern los geworden. »Er wird gefährlich auf
dem Stuhl Petri,« meinte er.
»Laß ihn nur! Der Besitz dieses Landes wird nicht durch Priesterkunst
entschieden.« – »Wohlan,« sprach Cethegus, die Papyrusrolle vorzeigend,
»ich habe hier die Namen seiner wärmsten Freunde zufällig beisammen. Es
sind wichtige Männer.«
Er wollte ihm die Liste aufdringen und hoffte, die Goten sollten so seine
gefährlichsten Feinde als Geiseln mitführen.
Aber Witichis wies ihn ab. »Laß das! Ich werde gar keine Geiseln nehmen.
Was nützt es, ihnen die Köpfe abzuschlagen? Du, dein Wort soll mir für Rom
bürgen.«
»Wie meinst du das? ich kann Belisar nicht abhalten.«
»Du sollst es nicht: Belisar wird kommen: aber verlaß’ dich drauf: er wird
auch wieder gehn. Wir Goten werden diesen Feind bezwingen: vielleicht erst
nach hartem Kampf: aber gewiß. Dann aber gilt es den zweiten Kampf um
Rom.«
»Einen zweiten?« fragte Cethegus ruhig, »mit wem?«
Aber Witichis legte ihm die Hand auf die Schulter und sah ihm ins Antlitz
mit einem Auge wie die Sonne: »Mit dir, Präfekt von Rom!«
»Mit mir!« Und er wollte lächeln, aber er konnte nicht.
»Verleugne nicht dein Liebstes, Mann: es ist deiner nicht würdig. Ich weiß
es, für wen du die Türme und Schanzen um diese Stadt erbaut: nicht für uns
und nicht für die Griechen! für dich! Ruhig! Ich weiß, was du sinnest,
oder ich ahn’ es: kein Wort! Es sei! Sollen Griechen und Goten um Rom
kämpfen und kein Römer? Aber höre: Laß nicht einen zweiten jahrelangen
Krieg unsre Völker hinraffen.
Wenn wir die Byzantiner niedergekämpft, hinausgeworfen aus unserm Italien,
– dann, Cethegus, will ich dich erwarten vor den Mauern Roms; nicht zur
Schlacht unsrer Völker, – zum Zweikampf: Mann gegen Mann, du und ich, wir
wollen’s um Rom entscheiden.«
Und in des Königs Blick und Ton lag eine Größe, eine Würde und Hoheit, die
den Präfekten verwirrte. Er wollte heimlich spotten der einfältigen
Schlichtheit des Barbaren. Aber es war ihm, als könne er sich selbst nie
mehr achten, wenn er diese Größe nicht zu achten, nicht zu ehren, nicht zu
erwidern fähig sei. So sprach er ohne Spott: »Du träumst, Witichis, wie
ein gotischer Knabe.«
»Nein, ich denke und handle wie ein gotischer Mann. Cethegus, du bist der
einzige Römer, den ich würdige, so mit ihm zu reden. Ich habe dich fechten
sehen im Gepidenkrieg: du bist meines Schwertes würdig. Du bist älter als
ich, wohlan: ich gebe dir den Schild voraus!«
»Seltsam seid ihr Germanen,« sagte Cethegus unwillkürlich: »was für
Phantasien!«
Aber jetzt furchte Witichis die offne Stirn: »Phantasien? Wehe dir, wenn
du nicht fähig bist, zu fühlen, was aus mir spricht. Wehe dir, wenn Teja
recht behält! Er lachte zu meinem Plan und sprach: »das faßt der Römer
nicht!« Und er riet mir, dich gefangen mitzuführen. Ich dachte größer von
dir und Rom. Aber wisse: Teja hat dein Haus umstellt: und bist du so klein
oder so feig, mich nicht zu fassen, – in Ketten führen wir dich aus deinem
Rom. Schmach dir, daß man dich zwingen muß zur Ehre und zur Größe.«
Da ergrimmte Cethegus. Er fühlte sich beschämt. Jenes Ritterliche war ihm
fremd und es ärgerte ihn, daß er es nicht verhöhnen konnte. Es ärgerte
ihn, daß man ihn mit Gewalt nötigte, daß man seiner freien Wahl mißtraut
habe. Wütender Haß gegen Tejas Mißachtung wie gegen des Königs brutale
Offenheit loderte in ihm auf. All diese Eindrücke rangen in ihm, er hätte
gern den Dolch in des Germanen breite Brust gestoßen. Fast hätte er vorhin
aus soldatischem Ehrgefühl im vollen Ernst sein Wort gegeben. Jetzt
durchzuckte ihn ein davon sehr verschiedenes, unschönes Gefühl der
Schadenfreude. Sie hatten ihm nicht getraut, die Barbaren: sie hatten ihn
gering erachtet: nun sollten sie gewiß betrogen sein! Und mit scharfem
Blick vortretend faßte er des Königs Hand. »Es gilt,« rief er.
»Es gilt,« sprach Witichis, fest seine Hand drückend.
»Mich freut es, daß ich recht behielt und nicht Teja. Leb wohl! hüte mir
unser Rom. Von dir fordre ich es wieder in ehrlichem Kampf.« Und er ging.
»Nun,« sprach Teja draußen mit den andern Goten rasch vortretend, »soll
ich das Haus stürmen?«
»Nein,« sagte Witichis, »er gab mir sein Wort.«
»Wenn er’s nur hält!«
Da trat Witichis heftig zurück. »Teja! dich macht dein finstrer Sinn
ungerecht!
Du hast kein Recht, an eines Helden Ehre zu zweifeln. Cethegus ist ein
Held.«
»Er ist ein Römer. Gute Nacht!« sagte Teja, das Schwert einsteckend. Und
er ging mit seinen Goten andren Weges.
Cethegus aber warf sich diese Nacht unwillig aufs Lager. Er war uneins in
sich. Er grollte mit Julius. Er grollte bitter mit Witichis, bittrer noch
mit Teja. Am bittersten mit sich selbst.
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Am folgenden Tage versammelte Witichis noch einmal Volk, Senat und Klerus
der Stadt bei den Thermen des Titus. Von der höchsten Stufe der
Marmortreppe des stolzen Gebäudes herab, die von den Großen des Heeres
besetzt war, hielt der König eine schlichte Ansprache an die Römer. Er
erklärte, daß er auf kurze Zeit die Stadt räumen und zurückweichen werde.
Bald aber werde er wiederkehren.
Er erinnerte sie der Milde der gotischen Herrschaft, der Wohlthaten
Theoderichs und Amalaswinthens, und forderte sie auf, Belisar, falls er
heranrücke, mutig zu widerstehen, bis die Goten zum Entsatz wieder
heranrückten: der Römer wieder an die Waffen gewöhnte Legionare und ihre
starken Mauern machten langen Widerstand möglich.
Zuletzt forderte er den Eid der Treue und ließ sie nochmals feierlich
schwören, daß sie ihre Stadt auf Leben und Tod gegen Belisar verteidigen
wollten. Die Römer zögerten: denn ihre Gedanken waren jetzt schon im Lager
Belisars und sie scheuten den Meineid.
Da scholl dumpfer feierlicher Gesang von der Sacra Via her: und an dem
flavischen Amphitheater vorbei zog eine große Prozession von Priestern mit
Psalmengesang und Weihrauchschwang heran. In der Nacht war Papst Agapet
gestorben und in aller Eile hatte man Silverius, den Archidiakon, zu
seinem Nachfolger gewählt.
Langsam und feierlich wogte das Heer von Priestern heran: die Insignien
der Bischofswürde von Rom wurden vorausgetragen: silberstimmige Knaben
sangen in süßen und doch weihevollen Weisen.
Endlich nahte die Sänfte des Papstes: offen, breit, reichvergoldet, einem
Schiffe nachgebildet. Die Träger gingen langsam, Schritt für Schritt, nach
dem Takt der Musik, von ringsum drängendem Volk umwogt, das nach dem Segen
seines neuen Bischofs verlangte.
Silverius spendete unablässig denselben, mit seinem klugen Haupte rechts
und links hin nickend.
Eine große Zahl von Priestern und ein Zug von speertragenden Söldnern
schloß die Prozession. Sie hielt inne, als sie in die Mitte des Platzes
gelangt war.
Schweigend, mit trotzigen Augen, sahen die arianischen, gotischen Krieger,
die alle Mündungen des Platzes besetzt hielten, den stolzen,
prachtentfaltenden Aufzug der ihnen feindlichen Kirche, indes die Römer
die Ankunft ihres Seelenhirten um so freudiger begrüßten, als seine Stimme
ihre Gewissenszweifel wegen des zu leistenden Eides lösen sollte.
Eben wollte Silverius seine Ansprache an das versammelte Volk beginnen,
als der Arm eines turmlangen Goten, über die Brüstung der Sänfte
hereinlangend, ihn an dem goldbrokatnen Mantel zupfte.
Unwillig ob der wenig ehrerbietigen Störung wandte Silverius das strenge
Gesicht, aber uneingeschüchtert sprach der Gote, den Ruck wiederholend:
»Komm, Priester, du sollst hinauf zum König.«
Silverius hätte es angemessener gefunden, wenn der König zu ihm
heruntergekommen wäre, und Hildebad schien etwas dergleichen in seinen
Mienen zu lesen. Denn er rief: »’s ist nicht anders! duck’ dich,
Pfäfflein!«
Und damit drückte er einen der die Sänfte tragenden Priester an der
Schulter nieder: die Träger ließen sich nun auf die Kniee herab und
seufzend stieg Silverius heraus, Hildebad auf die Treppe folgend.
Als er vor Witichis angelangt war, ergriff dieser seine Hand, trat mit ihm
vor, an den Rand der Treppe, und sprach: »Ihr Männer von Rom, diesen hier
haben eure Priester zu eurem Bischof bezeichnet. Ich genehmige die Wahl:
er sei Papst, sobald er mir Gehorsam geschworen und euch den Eid der Treue
für mich abgenommen hat. Schwöre, Priester!«
Nur einen Augenblick war Silverius betroffen.
Aber sogleich wieder gefaßt, wandte er sich mit salbungsvollem Lächeln zu
dem Volk, dann zum König. »Du befiehlst?« sprach er.
»Schwöre,« rief Witichis, »daß du in unsrer Abwesenheit alles aufbieten
wirst, diese Stadt Rom in Treue zu den Goten zu erhalten, denen sie soviel
verdankt; in allen Stücken uns zu fördern, unsre Feinde aber zu schädigen.
Schwöre Treue den Goten.«
»Ich schwöre,« sagte Silverius, sich zu dem Volke wendend. »Und so fordre
ich, der ich die Macht habe, die Seelen zu binden und zu lösen, euch, ihr
Römer, umstarret rings von gotischen Waffen, auf, im gleichen Sinne zu
schwören, wie ich geschworen habe.«
Die Priester und einige der Vornehmen schienen verstanden zu haben und
erhoben unbedenklich die Finger zum Schwur. Da besann sich auch die Menge
nicht länger und der Platz erscholl von dem lauten Ruf: »Wir schwören
Treue den Goten.«
»Es ist gut, Bischof von Rom,« sprach der König. »Wir bauen auf euren
Schwur. Lebt wohl, ihr Römer! Bald werden wir uns wieder sehen.« Und er
schritt die breiten Stufen nieder. Teja und Hildebad folgten ihm.
»Jetzt bin ich nur begierig ...« – sagte Teja.
»Ob sie es halten?« meinte Hildebad.
»Nein. Gar nicht. Aber wie sie’s brechen. Nun, der Priester wird’s schon
finden.«
Und mit fliegenden Fahnen zogen die Goten ab zur Porta Flaminia hinaus,
die Stadt ihrem Papst und dem Präfekten überlassend, während Belisar in
Eilmärschen auf der Via Latina nahte.
Neuntes Kapitel.
In der Stadt Florentia waltete eifriges kriegerisches Leben. Die Thore
waren geschlossen: auf den Zinnen und Mauerkronen schritten zahlreiche
Wachen, in den Straßen klirrte es von Zügen reisiger Goten und bewaffneter
Söldner: denn die Wölsungen Guntharis und Arahad hatten sich in diese
Stadt geworfen und sie einstweilen zum Hauptwaffenplatz des Aufstandes
gegen Witichis gemacht.
In der schönen Villa, die sich Theoderich in einer Vorstadt am Ufer des
Arnus, aber noch in den Ringmauern der Stadt, gebaut, hausten die beiden
Brüder.
Herzog Guntharis von Tuscien, der ältere, war ein gefürchteter Kriegsmann
und seit Jahren Graf der Stadt Florentia: rings in ihrem Weichbild lagen
die Güter des mächtigen Adelsgeschlechts, von Tausenden von Colonen und
Hintersassen bebaut: ihre Macht in dieser Stadt und Landschaft war ohne
Schranken und Herzog Guntharis war entschlossen, sie völlig zu gebrauchen.
In voller Rüstung, den Helm auf dem Haupt, schritt der stattliche Mann
unwillig durch das marmorgetäfelte Zimmer, indes der jüngere Bruder in
schmucker Feiertracht, ohne Waffen, schweigend und sinnend an dem
Citrustisch lehnte, der von Briefen und Pergamenten bedeckt war.
»Entschließe dich, mach’ vorwärts, mein Junge!« sprach Guntharis: »es ist
mein letztes Wort. Noch heute bringst du mir das Ja des störrigen Kindes
oder ich – hörst du? – ich selbst gehe, es zu holen. Aber dann, wehe ihr.
Ich weiß besser als du umzuspringen mit einem launischen Mädchenkopf.«
»Bruder, das wirst du nicht.«
»Beim Donner, das werd’ ich. Meinst du, ich wage meinen Kopf, ich versäume
das Glück unsres Hauses um deine schmachtende Zartheit? Jetzt oder nie ist
der Augenblick, den Wölsungen endlich die erste Stelle im Volk zu
schaffen, die ihnen gebührt und von der Amaler und Balten sie seit
Jahrhunderten ausgeschlossen. Wird die letzte Amalungentochter dein Weib,
kann niemand dir die Krone bestreiten: und mein Schwert soll sie schon
schützen auf deinem Haupt gegen diesen Bauernkönig Witichis.
Aber nicht zu lange mehr darf’s währen. Ich habe noch keine Nachricht von
Ravenna: doch ich fürchte, die Stadt wird nur Mataswintha, nicht uns,
zufallen, das heißt, nicht uns allein; wer sie hat, hat aber Italien,
nachdem Neapolis und Rom verloren: die mächtige Festung müssen _wir_
haben. Deshalb muß sie dein Weib sein, eh’ wir vor die Rabenmauern ziehen:
sonst wird ruchbar, daß sie mehr unsre Gefangene als unsre Königin.«
»Wer wünscht das mehr, heißer als ich? aber ich kann sie doch nicht
zwingen?« – »Nicht? warum nicht? Suche sie auf und gewinne sie im guten
oder bösen. Ich gehe, die Wachen auf den Wällen zu verstärken. Bis ich
zurück bin, will ich Antwort!«
Herzog Guntharis ging: und seufzend machte sich sein Bruder nach dem
Garten auf, Mataswintha zu suchen.
Der Garten war von einem kunstverständigen Freigelassenen aus Kleinasien
angelegt. Er hatte im Hintergrund einen waldähnlichen Abschluß, der, frei
von Beeten und Terrassen, das wunderbar reiche Wiesengrün noch erhalten
hatte. Diese blumigen Wiesenufer und dichte Oleanderbüsche durchrieselte
ein klarer Bach, mit anmutigem Gewoge.
Dicht an dem Rande des Baches, im weichen Grase hingegossen, lag eine
jugendliche Frauengestalt. Sie hatte von dem rechten Arm das Gewand
zurückgeschlagen und schien bald mit den murmelnden Wellen, bald mit den
nickenden Blumen am Rande zu spielen. Sinnend sah sie vor sich hin und
warf wie träumend hier und da ein Veilchen oder einen Krokus in die
Wellen, mit leise geöffneten Lippen der Blüte nachsehend, die rasch die
klaren Wellen entführten.
Dicht hinter ihren Schultern kniete ein junges Mädchen in maurischer
Sklaventracht, eifrig beschäftigt, einen Kranz fertig zu flechten, an
welchem nur die letzten Verbindungen fehlten: sorgsam spähte die
anmutfeine Kleine manchmal, ob die Träumende ihre heimliche Arbeit nicht
gewahre.
Aber diese schien ganz in ihre Phantasien verloren.
Endlich war der zierliche Kranz vollendet: mit lachenden Augen drückte sie
ihn auf das prachtvolle feuerfarbne Haar der Herrin und bog sich um ihre
Schulter, deren Blick zu suchen. Aber diese hatte gar nicht bemerkt, wie
die Blumen ihr Haupt berührten. Da ward die Kleine unwillig und rief mit
schmollend aufgeworfnen Lippen: »Aber Herrin, bei den Palmenwipfeln des
Auras, was denkest du wieder? Bei wem bist du?«
Mataswintha schlug die leuchtenden Augen auf: »Bei ihm!« flüsterte sie.
»Weiße Göttin, das trag’ ich nicht mehr!« rief die Kleine aufspringend,
»es ist zu arg, die Eifersucht bringt mich um! Nicht mich, deine Gazelle
nur, auch die eigne Schönheit vergißt du – über dem unsichtbaren Mann:
schau’ doch nur einmal in die Wellen und sieh, wie reizend dein Haar von
den dunkeln Veilchen und weißen Anemonen sich hebt.«
»Dein Kranz ist schön!« sagte Mataswintha, ihn herunterlangend und dann
leicht in die Wellen werfend, »welch’ süße Blumen! Grüßt ihn von mir.«
»Ach, meine armen Blumen!« rief die Sklavin, ihnen nachblickend; aber sie
wagte nicht, weiter zu schelten. »Sag’ mir nur,« rief sie, sich wieder
niederlassend, »wie all’ dies enden soll? Da sind wir jetzt schon viele
Tage, wir wissen nicht recht, Königin oder Gefangne? Jedenfalls in fremder
Gewalt: haben den Fuß nicht aus deinem Gemach oder diesem hochummauerten
Garten gesetzt und wissen nichts von der ganzen Welt. Du aber bist immer
still und selig, als müßte das alles so sein.«
»Es muß auch alles so sein.«
»So? und wie wird es enden?«
»Er wird kommen und wird mich befreien.«
»Nun, Weißlilie! du hast einen starken Glauben. Wären wir daheim im
Mauretanierland und sähe ich dich Nachts zu den Sternen blicken, so sagte
ich wohl: du habest das alles in den Sternen gelesen. Aber so! Ich
begreife das nicht« – und sie schüttelte die schwarzen Locken – »ich werde
dich nie begreifen.«
»Doch, Aspa! du wirst und sollst,« sprach Mataswintha sich aufraffend, und
zärtlich den weißen Arm um den braunen Nacken schlingend, »deine treue
Liebe verdient längst diesen Lohn, den besten, den ich zu spenden habe.«
In der Sklavin dunkles Auge trat eine Thräne. »Lohn?« sprach sie. »Aspa
ward geraubt von wilden Männern mit roten, fliegenden Locken. Aspa ist
eine Sklavin. Alle haben sie gescholten, viele geschlagen. Du hast mich
gekauft wie man eine Blume kauft. Und du streichelst mir Wange und Haar.
Und bist so schön wie die Göttin der Sonne und sprichst von Lohn?« Und sie
schmiegte das Köpfchen an der Herrin Busen.
»Du bist meine Gazelle!« sagte diese »und hast ein Herz wie Gold. Du
sollst alles wissen, was niemand weiß, außer mir. Höre also. Ich hatte
eine Kindheit ohne Freude, ohne Liebe: und doch verlangte meine junge
Seele nach Weichheit, nach Liebe. Meine arme Mutter hatte einen Knaben,
einen Thronerben heiß gewünscht und sicher erwartet: – und mit
Widerwillen, mit Kälte und Härte behandelte sie das Mädchen. Als
Athalarich geboren war, nahm die Härte ab, aber die Kälte nahm zu: dem
Erben der Krone allein ward alle Liebe und Sorge. Ich hätte es nicht
empfunden, hätte ich nicht in meinem weichen Vater den Gegensatz gesehen:
ich fühlte, wie auch er litt unter der kalten Härte seiner Gattin: und oft
drückte mich der kranke Mann mit Seufzen, mit Thränen an die Brust.
Und als er gestorben und begraben war, da war mir alle Liebe in der Welt
erstorben. Wenig sah ich Athalarich, der von andern Lehrern und im andern
Teil des Palastes erzogen ward: weniger noch die Mutter: fast nur, wenn
sie mich zu strafen hatte. Und doch liebte ich sie so sehr: und doch sah
ich, wie meine Wärterinnen und Lehrerinnen ihre eignen Kinder liebten,
herzten und küßten: und nach gleicher Wärme verlangte mit aller Macht mein
Herz.
So wuchs ich heran, wie eine bleiche Blume ohne Sonnenlicht!
Da war denn mein liebster Ort in der Welt das Grab meines Vaters Eutharich
im stillen Königsgarten zu Ravenna. Da suchte ich bei dem Toten die Liebe,
die ich bei den Lebenden nicht fand: und sowie ich meinen Wärtern
entrinnen konnte, eilte ich dorthin, zu sehnen und zu weinen. Und dies
Sehnen wuchs, je älter ich ward: in Gegenwart der Mutter mußte ich all’
meine Gefühle zusammenpressen: sie verachtete es, wenn ich sie zeigte.
Und wie ich vom Kind zum Mädchen heranwuchs, merkte ich wohl, daß die
Augen der Menschen oft wie bewundernd auf mir ruhten: aber ich dachte, sie
bedauerten mich: und das that mir weh. Und öfter und öfter flüchtete ich
zum Grabe des Vaters, bis es der Mutter gemeldet ward: und ich ward
verklagt, daß ich dort weinte und ganz verstört zurückkäme.
Zornig verbat mir die Mutter, ohne sie das Grab wieder zu besuchen: und
sprach von verächtlicher Schwäche.
Aber dawider empörte sich mein Herz und ich besuchte das Grab trotz dem
Verbot. Da überraschte sie mich einst daselbst: und schlug mich: und ich
war doch kein Kind mehr: und führte mich in den Palast zurück: und schalt
mich schwer: und drohte, mich zu verstoßen für immer: und fragte im
Scheiden zürnend den Himmel, warum er sie mit einem solchen Kinde
gestraft.
Das war zu viel.
Namenlos elend beschloß ich, dieser Mutter zu entrinnen, der ich zur
Strafe leben sollte, und davonzugehen, wo mich niemand kennte: ich wußte
nicht wohin: am liebsten in das Grab zu meinem Vater.
Als es Abend geworden, stahl ich mich aus dem Palast, ich eilte nochmals
an das geliebte Grab zu langem thränenreichem Abschied. Schon gingen die
Sterne auf: da huschte ich aus dem Garten, aus dem Palast und eilte durch
die dunkeln Straßen der Stadt an das faventinische Thor. Glücklich
schlüpfte ich an der Wache vorbei ins Freie und lief nun eine Strecke auf
der Straße fort, gradaus in die Nacht, ins Elend.
Aber auf der Straße kam mir entgegen ein Mann im Kriegsgewand. Als ich an
ihm vorüber wollte, schritt er plötzlich heran, sah mir ins Antlitz und
legte die Hand leicht auf meine Schulter: »Wohin, Jungfrau Mataswintha,
allein, in so später Nacht?«
Ich erbebte unter seiner Hand, Thränen brachen aus meinen Augen und
schluchzend rief ich: »In die Verzweiflung!«
Da faßte der Mann meine beiden Hände und sah mich an, so freundlich, so
mild, so besorgt. Dann trocknete er meine Thränen mit seinem Mantel und
sprach in weichem Ton der tiefsten Güte: »Und warum? Was quält dich so?«
Mir ward so weh und wohl ums Herz beim Klange dieser Stimme. Und wie ich
in sein mildes Auge sah, war ich meiner selbst nicht mehr mächtig. »Weil
mich die eigne Mutter haßt, weil’s keine Liebe für mich giebt auf Erden.«
– »Kind! Kind! Du bist krank,« sagte er, »und redest irr. Komm, komm mit
mir zurück! Du? warte nur! du wirst noch eine Königin der Liebe werden.«
Ich verstand ihn nicht. Aber ich liebte ihn unendlich für diese Worte,
diese Milde. Fragend, staunend, hilflos sah ich ihm ins Auge. Ich bebte
und zitterte. Es mußte ihn rühren; oder er dachte, es sei die Kälte.
Er nahm seinen warmen Mantel ab, schlug ihn um meine Schultern und führte
mich langsam zurück durchs Thor, auf unbelebten Straßen, durch die Stadt
nach dem Palast.
Willenlos, hilflos, wankend wie ein krankes Kind folgte ich ihm, das
Haupt, das er mir sorglich verhüllte, an seine Brust gelehnt. Er schwieg
und trocknete mir nur manchmal die Augen. Unbemerkt, wie ich glaubte,
gelangten wir an die Thüre der Palasttreppe: er öffnete sie, schob mich
sanft hinein: dann drückte er mir die Hand. »Gut sein,« sagte er, »und
ruhig. Dein Glück wird dir schon kommen. Und Liebe genug.« Und er legte
leise die Hand auf mein Haupt, schloß die Thüre hinter mir und stieg die
Treppe hinab.
Ich aber lehnte an der halbgeschlossenen Thür und konnte nicht fort. Mein
Fuß versagte, mein Herz pochte.
Da hört’ ich, wie eine rauhe Stimme ihn ansprach:
»Wen schmuggelst du da zur Nachtzeit in das Schloß, mein Freund?« Er aber
antwortete: »Du bist’s, Hildebrand? Du verrätst sie nicht! Es war das Kind
Mataswintha: sie hat sich verirrt in der Nacht, in der Stadt, und
fürchtete den Zorn ihrer Mutter.« – »Mataswintha!« sprach der andre, »die
wird täglich schöner.« Und mein Beschützer sprach« – und sie stockte und
flammend Rot schoß über ihre Wangen ... –
»Nun,« fragte Aspa, sie groß ansehend, »was sagte er?«
Aber Mataswintha drückte Aspas Köpfchen nieder an ihre Brust. »Er sagte,«
flüsterte sie – »er sagte: – die wird das schönste Weib auf Erden!«
»Da hat er recht gesagt,« sprach die Kleine, »was brauchst du da rot zu
werden? Ist’s doch so! Nun aber weiter! Was thatest du?«
»Ich schlich auf mein Lager und weinte, weinte Thränen der Trauer, der
Wonne, der Liebe, alles durcheinander. In jener Nacht stieg eine Welt, ein
Himmel in mir auf: er war mir gut, das fühlte ich, und er nannte mich
schön. Ja, jetzt wußt’ ich es: ich war schön, und ich war selig darüber:
ich wollte schön sein: für ihn! O wie glücklich war ich! seine Begegnung
brachte Glanz in mein Dunkel, Segen in mein Leben. Ich wußte jetzt, man
konnte mir gut sein, man konnte mich lieben! Sorglich pflegte ich des
Leibes, den er gelobt. Die süße Macht in meinem Herzen breitete eine milde
Wärme über mein ganzes Wesen: ich ward weicher und inniger: und selbst der
Mutter strenger Sinn ward jetzt liebevoller gegen mich, seit ich nur
sanfte Liebe ihrer Härte entgegengab: und täglich wurden alle Herzen
gütiger gegen mich, wie ich weicher gegen alle.
Und all’ das dankte ich ihm: er hatte mir die Flucht in Schmach und Elend
erspart und mir eine ganze Welt von Liebe gewonnen. Seitdem lebte und lebe
ich nur für ihn.« Und sie hielt inne und legte die Linke auf die wogende
Brust.
»Aber, Herrin, wann hast du ihn wieder gesehen? gesprochen? Lebt deine
Liebe von so karger Kost?«
»Gesprochen nie mehr: gesehen nur einmal noch: am Todestage Theoderichs
befehligte er die Palastwache, da sagte mir Athalarich seinen Namen: denn
nie hätte ich gewagt, nach ihm zu forschen, aus Furcht, meine Flucht, ach,
mein Geheimnis zu verraten. Er war nicht am Hof: und wann er dort
erscheinen mochte, war ich auf den Villen.«
»So weißt du weiter gar nichts von ihm, von seinem Leben, von seiner
Vergangenheit.«
»Wie hätt’ ich forschen können! glühende Scham hätte mich verraten! Lieb’
ist des Schweigens Tochter und der Sehnsucht. Aber von seiner, von unsrer
Zukunft weiß ich.«
»Von eurer Zukunft?« lächelte Aspa.
»An den Hof kam alle Sonnenwende die alte Radrun und erhielt von König
Theoderich fremde Kräuter und Wurzeln, die er ihr aus Asien bringen ließ
und vom Nil. Das hatte sie sich ausbedungen zum einzigen Lohn dafür, daß
sie ihm als Knaben sein ganzes Schicksal geweissagt hatte: und war alles
eingetroffen aufs Haar: sie braute Salben und mischte Tränke: »das
Waldweib« nannte man sie laut: aber leise: »die Wala, das Zauberweib«. Und
wir alle am Hof wußten – außer den Priestern, die hätten es gewehrt – daß
jede Sommersonnenwende, wann sie kam, der König sich das Jahr vorhersagen
ließ. Und kam sie von ihm heraus, so riefen sie, das wußte ich, meine
Mutter und Theodahad und Gothelindis und fragten sie aus: und nie blieb
noch aus, was sie verkündet.
Da, in der nächsten Sonnenwende, faßte auch ich mir ein Herz, lauerte der
Alten auf und lockte sie, wie ich sie allein fand, in mein Gemach und bot
ihr Gold und lichte Steine, wenn sie mir weissagen wollte.
Aber sie lachte und zog ein Fläschchen von Bernstein hervor und sprach:
»Nicht um Gold! Aber um Blut! Um mächtig Blut von einem reinen
Königskind.«
Und sie ritzte mir eine Ader im linken Arm und fing den Strahl in ihrem
Bernstein. Dann sah sie forschend in meine beiden Hände und sang endlich
tonlos: »Den du hältst im Herzen hoch, der giebt dir größten Glanz und
größtes Glück, schafft dir allerschärfsten Schmerz, wird dein Gemahl, dein
Gatte nicht.« Und damit war sie hinaus.«
»Das ist wenig tröstlich: – soviel ich’s fasse.«
»Du kennst der Alten Sprüche nicht: sie sind alle so dämmerdunkel: sie
fügt jeder Verheißung eine Drohung bei, für alle Fälle: ich aber halte
mich an das Helle, nicht an das Dunkle. Weissagung erfüllt sich, wie man
sie faßt: ich weiß: er wird mein und bringt mir Glanz und Glück: den
Schmerz daneben will ich tragen: Schmerz um ihn ist Wonne.«
»Ich bewundre dich, Herrin, und deinen Glauben. Und auf den Spruch der
Hexe hin hast du ausgeschlagen all’ die Könige und Fürsten, vom Vandalen-
und Westgoten-, Franken- und Burgunderland, die um dich freiten? selbst
Germanus, den edeln, den kaiserlichen Prinzen von Byzanz? und harrst auf
ihn?«
»Und harr’ auf ihn! Aber nicht des Spruches allein wegen. In meinem Herzen
lebt ein Vögelein, das singt mir alle Tage: »er wird dein, er muß dein
werden.« Ich weiß es sternengewiß,« schloß sie, das Auge zum Himmel
aufschlagend und in die frühere Träumerei versinkend.
Rasche Schritte tönten von der Villa her. »Ah,« rief Aspa, »dein schmucker
Freier! Armer Arahad, du verlierst deine Mühe!«
»Ich will dem Spiel ein Ende machen heut’!« sprach Mataswintha, sich
erhebend: und auf ihrer Stirn, in ihren Augen lag jetzt eine zornige
Strenge, die das Blut der Amaler in ihren Adern bekundete: es lebte eine
seltsame Mischung von lodernder Leidenschaft und hinschmelzender Weichheit
in dem Mädchen. Aspa staunte oft über das verhaltne Feuer in ihrer Herrin.
»Du bist wie die Götterberge in meiner Heimat,« sagte sie: »Schnee auf dem
Gipfel: Rosen um den Gürtel: aber im Innern versengendes Feuer: das oft
über Schnee und Rosen strömt.«
Indes bog Graf Arahad aus dem buschigen Wege und neigte sich vor dem
schönen Weibe mit einem Erröten, das ihm wohl anstand. »Ich komme,« sagte
er, »Königin ...« –
Aber herb unterbrach sie ihn. »Hoffentlich, Graf von Asta, kommst du,
endlich diesem schnöden Spiel von Gewalt und Lüge ein Ende zu machen.
Nicht länger will ich’s tragen. Dein kecker Bruder überfällt mich
plötzlich, die wehrlose, in die Trauer um ihre Mutter versunkene Waise, in
meinen Gemächern, nennt mich in einem Atem seine Königin und seine
Gefangene und hält mich wochenlang in unwürdiger Haft. Er bringt mir den
Purpur und nimmt mir die Freiheit. Darauf kommst du und verfolgst mich mit
deiner eiteln Werbung, die dich nie zum Ziele führt. Ich habe dich
verschmäht in der Freiheit: glaubst du, gefangen, in deiner Zwanggewalt,
wird dich, du Thor, das Kind der Amaler erhören? Du schwörst, du liebest
mich? Wohlan, so achte mich. Ehre meinen Willen, laß mich frei. Oder
zittre, wenn mein Befreier naht.« Und drohend trat sie auf den Bestürzten
zu, der keine Worte finden konnte.
Da eilte heftigen Schrittes Herzog Guntharis herbei, mit funkelnden Augen.
»Auf, Arahad,« rief er, »komm zu Ende. Wir müssen fort, sogleich. Er naht,
er dringt mit Macht heran.« – »Wer?« fragte Arahad hastig. – »Er sagt, er
kommt sie zu befreien. Er hat gesiegt, der Bauernkönig, und unsre
Vorposten geschlagen bei Castrum Sivium.«
»Wer?« fragte jetzt Mataswintha eifrig.
»Nun,« antwortete Guntharis zornig, »jetzt magst du’s erfahren: es ist
doch nicht mehr zu bergen: Graf Witichis von Fäsulä.«
»Witichis!« hauchte Mataswintha mit leuchtenden Augen und hochaufatmend.
»Ja! ihn haben die Rebellen von Regeta, das Recht des Adels vergessend,
zum König der Goten erhoben.«
»Er! er mein König!« sprach Mataswintha wie im Traume.
»Ich hätte dir’s gesagt, schon da ich dich als Königin begrüßte; aber in
deinem Gemach stand seine Marmorbüste, bekränzt. Das war mir verdächtig.
Später sah ich’s: es war ein Zufall: es ist ein Areskopf.«
Mataswintha schwieg und suchte die glühende Röte zu verbergen, die ihr
Antlitz überflog.
»Nun,« rief Arahad, »was ist zu thun?«
»Wir müssen fort. Wir müssen ihm zuvorkommen in Ravenna. Florentia, die
Feste, hält ihn eine Weile auf: indessen gewinnen wir Ravenna und wenn du
Beilager gehalten in der Burg Theoderichs mit dessen Enkelin, ist alles
Volk der Goten unser. Auf, Königin! Ich lasse deinen Wagen schirren: in
einer Stunde gehst du nach Ravenna in der Mitte unsrer Scharen.« Und die
Brüder eilten hinweg.
Blitzenden Auges sah ihnen Mataswintha nach:
»Ja, führt mich fort, gefangen und gebunden; wie der Adler aus der Höhe
wird mein König auf euch niederstoßen und mich retten aus eurer Gewalt.
Komm, Aspa, der Befreier naht.«
Zehntes Kapitel.
Kaum hatten die Goten den Mauern Roms den Rücken gewendet, so berief Papst
Silverius – es war am Tage nach seinem Eide – die Spitzen der
Priesterschaft, des Adels, der Beamten und der Bürgerschaft der Stadt in
die Thermen des Caracalla zu einer Beratung über Heil und Gedeihen der
Stadt des heiligen Petrus. Auch Cethegus war geladen und erschienen.
Mit Unbefangenheit stellte Silverius darauf den Antrag, da endlich die
Stunde gekommen sei, das Joch der Ketzer abzuwerfen, eine Gesandtschaft an
Belisarius, den Feldherrn des rechtgläubigen Kaisers Justinian, des einzig
rechtmäßigen Herrn Italiens, abzuordnen, ihm die Schlüssel der ewigen
Stadt zu überreichen und ihm und seinem Heere den Schutz der Kirche und
der Gläubigen gegen die Rache der Barbaren zu empfehlen.
Den Gewissenszweifel eines noch sehr jungen Priesters und eines ehrlichen
Schmiedemeisters wegen des gestern geleisteten Eides beseitigte er
lächelnden Mundes mit der Berufung auf seine apostolische Macht, wie zu
binden, so zu lösen: und auf die offenbare Gewalt gotischer Waffen, unter
deren Eindruck sie den Schwur geleistet. Darauf ging der Antrag einstimmig
durch: und der Papst selbst, Scävola, Albinus und Cethegus wurden als die
Gesandten gewählt.
Aber Cethegus widersprach: schweigend hatte er die Verhandlung mit
angehört und sich der Abstimmung enthalten: jetzt stand er auf und sprach:
»Ich bin gegen den Beschluß. Nicht wegen des Eides. Ich brauche deshalb
apostolische Lösungsgewalt nicht in Anspruch zu nehmen. Denn ich habe
nicht geschworen. Aber um der Stadt willen. Das heißt: uns ohne Not dem
gerechten Zorn der Goten aussetzen, die wohl einmal wiederkommen können
und dann solch offnen Abfall nicht mit apostolischer Lösung entschuldigen
werden. Laßt uns gebeten oder gezwungen werden von Belisar: wer sich
wegwirft, wird mit Füßen getreten.«
Silverius und Scävola tauschten bedeutsame Blicke.
»Solche Gesinnung,« sprach der Jurist, »wird dem Feldherrn des Kaisers
gewiß sehr gefallen, kann aber an dem Beschluß nichts ändern. Du gehst
also nicht mit uns zu Belisar?«
Cethegus stand auf: »Ich gehe zu Belisar. Aber nicht mit euch,« sagte er
und ging hinaus.
Als die übrigen die Thermen verlassen, sprach der Papst zu Scävola: »Das
giebt ihm den Rest. Er hat sich vor Zeugen gegen die Übergabe erklärt!« –
»Und er geht selbst in die Höhle des Löwen.« – »Er soll sie nicht mehr
verlassen. Du hast doch die Anklageakte aufgesetzt?« – »Schon längst. Ich
fürchtete, er werde die Gewalt in der Stadt an sich reißen: und er geht
selbst zu Belisar! Er ist verloren, der Stolze.« – »Amen!« sagte
Silverius. »Und so mag jeder untergehen, der in weltlichem Trachten dem
heiligen Petrus widerstreitet. Übermorgen um die vierte Stunde machen wir
uns auf.«
Aber er irrte, der heilige Vater: diesmal sollte der Stolze noch nicht
untergehen.
Cethegus war sofort nach seinem Hause geeilt, wo der gallische Reisewagen
angeschirrt seiner wartete. »Gleich brechen wir auf,« rief er dem Sklaven
zu, der auf dem vordersten Rosse saß, »ich hole nur mein Schwert.«
Im Vestibulum traf er die Licinier, die ihn ungeduldig erwarteten. »Heut’
kam der Tag,« rief ihm Lucius entgegen, »auf den du uns solang
vertröstet!« – »Wo ist die Probe deines Vertrauens in unseren Mut, unser
Geschick, unsre Treue?« fragte Marcus. – »Geduld!« sprach Cethegus mit
erhobenem Zeigefinger und schritt in sein Gemach.
Alsbald kam er wieder, sein Schwert und mehrere Pergamente unterm linken
Arm, eine versiegelte Rolle in der Rechten: sein Auge leuchtete: »Ist das
äußerste Eisenthor der Moles Hadriani fertig?« fragte er. – »Fertig,«
sprach Lucius Licinius. – »Ist das Getreide aus Sicilien in dem Kapitol
geborgen?« – »Geborgen.« – »Sind die Waffen verteilt und die Schanzen am
Kapitol vollendet, wie ich befahl?« – »Vollendet,« antwortete Marcus. –
»Gut. Nehmt diese Rolle. Entsiegelt sie morgen, sowie Silverius die Stadt
verlassen, und erfüllt jedes ihrer Worte genau. Es gilt nicht nur mein
Leben und das eure –: es gilt Rom! Die Stadt Cäsars wird eure Thaten
sehen. Geht: auf Wiedersehen!«
Und aus seinen Augen sprühte Feuer in die Herzen der jungen Römer. – »Du
sollst zufrieden sein!« – »Du und Cäsar!« riefen sie und eilten hinweg.
Mit einem Lächeln, das selten auf seinem Antlitz mit solcher Freudigkeit
spielte, sprang Cethegus in seinen Wagen. »Heiliger Vater,« sagte er zu
sich selbst, »ich bin noch in deiner Schuld für die letzte Versammlung in
den Katakomben: ich will sie zahlen! – Die Via latina hinab!« rief er
rasch dem Sklaven zu, »und laß die Rosse jagen, was sie können.«
Der Präfekt hatte einen Vorsprung von mehr als einem Tag vor der langsamer
reisenden Gesandtschaft. Und er nutzte ihn wohl.
Er hatte in seinem unermüdlichen Geist einen Plan ersonnen, trotz Belisars
Landung in Italien, doch in Rom Herr und Meister zu bleiben. Und er ging
jetzt mit all seiner Umsicht an die Ausführung.
Kaum konnte er erwarten, bis er auf die Vorposten der Byzantiner bei Capua
traf, deren Führer, Johannes, ihn durch einige Reiter und seinen eignen
jüngeren Bruder, Perseus, nach dem Hauptquartier geleiten ließ. Im Lager
angekommen fragte Cethegus nicht nach dem Feldherrn, sondern ließ sich
sofort nach dem Zelt des Rechtsrats Prokopius von Cäsarea führen.
Prokopius war sein Studiengenosse in Berytus auf der Juristenschule
gewesen: und die beiden bedeutenden Geister hatten sich mächtig angezogen.
Aber nicht die Wärme der Freundschaft führte den Präfekten vor allem zu
diesem Mann: dieser Mann war der beste Kenner von Belisars ganzer
politischer Vergangenheit, wohl auch der Vertraute seiner Pläne für die
Zukunft.
Mit Freuden empfing den Jugendfreund Prokopius.
Er war ein Mann von frischem, gesundem Menschenverstand, einer von den
wenigen Gelehrten jener Zeit, denen die gekünstelte Bildung in den
Rhetorenschulen nicht die Fähigkeit, einfach aufzufassen und gesund zu
fühlen, unter den Schnörkeln byzantinischer Gelehrtheit erstickt hatte.
Heller Verstand lag auf der offnen Stirn und in dem noch jugendlich
leuchtenden Auge glänzte die Freude an allem Guten.
Nachdem Cethegus Staub und Mühsal der Reise in einem sorgfältigen Bad
abgespült, machte sein Wirt, ehe er ihn zur Abendtafel in sein Zelt
führte, mit ihm die Runde durch das Lager, ihm die Quartiere der
wichtigsten Truppenteile, der bedeutendsten Heerführer weisend und mit ein
paar Worten deren Eigenart, Verdienste und oft bunt zusammengesetzte
Vergangenheit erläuternd.
Da waren die Söhne des rauhen Thrakiens, Constantinus und Bessas, die sich
aus rohem Söldnerhandwerk emporgerungen, tapfre Soldaten, aber ohne
Bildung, mit dem ganzen Eigendünkel selbstgemachter Männer: – sie
betrachteten sich als Belisars unentbehrliche Stützen und ihn
vollersetzende Nachfolger.
Daneben der vornehme Iberier Peranius, aus dem Königsgeschlecht der
Iberier, der feindlichen Nachbarn der Perser, der aus Haß gegen die
persischen Überwinder Vaterland und Hoffnung des Thrones aufgegeben und
Dienste in des Kaisers Heer genommen hatte.
Dann Valentinus, Magnus und Innocentius, verwegene Führer der Reiterei,
Paulus, Demetrius, Ursicinus, die Führer des Fußvolks, Ennes, der
isaurische Häuptling und Heerführer der Isaurier Belisars, Aigan und
Askan, die Führer der Massageten, Alamundarus und König Abocharabus, die
Saracenen, Ambazuch und Bleda, die Hunnen, Arsakes, Amazaspes und
Artabanes, die Armenier – der Arsakide Phaza war mit dem Rest der Armenier
in Neapolis zurückgelassen werden – Azarethas und Barasmanes, die Perser,
Antallas und Cabaon, die Mauren. Sie alle kannte und nannte Prokopius,
karg sein Lob, reichlich und mit Behagen spitzen, aber geistvollen Tadel
spendend.
Eben wandten sie sich zu dem Quartier des Martinus, des friedlichen
Städteverbrenners, zur Rechten, da fragte Cethegus, stehen bleibend: »Und
wessen ist das Seidenzelt dort auf dem Hügel, mit den goldnen Sternen und
dem Purpurwimpel? und seine Wachen tragen goldne Schilde?«
»Dort,« sprach Prokop, »wohnt seine unüberwindliche Köstlichkeit, des
römischen Reiches Oberpurpurschneckenintendant, Prinz Areobindos, den Gott
erleuchte.«
»Des Kaisers Neffe, nicht?«
»Jawohl, er hat des Kaisers Nichte, Projecta, geheiratet: sein höchstes
und einziges Verdienst. Er ist hierher gesendet mit der Kaisergarde, uns
zu ärgern und dafür zu sorgen, daß wir nicht so leicht siegen. Er ist
Belisarius gleichgestellt, versteht vom Krieg sowenig, wie Belisar von den
Purpurschnecken, und soll Statthalter von Italien werden.«
»So,« sprach Cethegus.
»Er wollte beim Lagerschlagen sein Zelt durchaus zur Rechten Belisars
haben. Wir gaben nicht nach. Zum Glück hat Gott in seiner Allweisheit
jenen Hügel zur Lösung unsres Rangstreits schon vor Jahrtausenden hier
aufgeworfen: nun lagert der Prinz zwar links, aber höher als Belisarius.«
– »Und wessen sind die bunten Zelte dort, hinter Belisars Quartier? Wer
wohnt darin?« – »Dort,« seufzte Prokop, »ein sehr unglückliches Weib:
Antonina, Belisars Gemahlin.« – »Sie unglücklich? die Gefeierte, die
zweite Kaiserin? warum?« – »Davon ist nicht gut reden in offner
Lagergasse. Komm mit ins Zelt, der Wein wird genug gekühlt sein.«
Elftes Kapitel.
Im Zelte fanden sie die zierlichen Polster des Feldbetts um einen niedern
Bronzetisch von durchbrochner Arbeit gelegt, den Cethegus lobte.
»Das ist ein afrikanisches Beutestück aus dem Vandalenkrieg: ich nahm es
aus Karthago mit. Und diese weichen Kissen lagen einst auf dem Bett des
Perserkönigs: ich erbeutete sie in der Schlacht von Dara.«
»Du bist mir ein praktischer Gelehrter!« lächelte Cethegus. »Wie bist du
so anders geworden seit den Tagen von Athen.«
»Das will ich hoffen!« sprach Prokop und zerschnitt selbst – er hatte die
aufwartenden Sklaven entfernt – die dampfende Hirschkeule vor ihm. »Du
mußt wissen: ich wollte Philosophie zu meinem Beruf machen, Weltweiser
werden. Drei Jahre hörte ich die Platoniker, die Stoiker, die Akademiker
zu Athen, – und studirte mich krank und dumm. Auch blieb es nicht bei der
Philosophie. Nach löblicher Sitte unsres frommen Jahrhunderts mußte auch
die Theologie beigezogen werden: und ein weiteres Jahr hatte ich darüber
nachzudenken, ob Christus, als Gott Vater, zugleich seiner eignen
jungfräulichen Mutter Vater, also sein eigner Großvater sei. Nun, über
all’ diesen Studien drohte mir mein von Natur gar nicht zu verachtender
Verstand abhanden zu kommen.
Zum Glück ward ich sterbenskrank und die Ärzte verboten mir Athen und alle
Bücher. Sie schickten mich nach Kleinasien. Ich rettete nur einen
Thukydides in meinen Reiseranzen. Und dieser Thukydides rettete mich.
Ich las und las in der Langeweile der Reise seine herrliche Geschichte von
der Hellenen Thaten in Krieg und Frieden: und nun bemerkte ich mit
Staunen, daß der Menschen Thun und Treiben, ihre Leidenschaften, ihre
Tugenden und Frevel eigentlich doch viel anziehender und denkwürdiger
seien als alle Formeln und Figuren heidnischer Logik – von der
christlichen Logik vollends zu schweigen!
Und wie ich nach Ephesos gelangte und durch die Straßen schlenderte, kam
plötzlich über mich eine wunderbare Erleuchtung. Denn ich wandelte über
einen großen Platz: da stand vor mir die Kirche des heiligen Geistes: und
war erbaut auf den Trümmern des alten Dianatempels. Und zur Linken stand
ein zerfallner Altar der Isis und zur Rechten ragte das Bethaus der Juden.
Da ergriff mich plötzlich der Gedanke: »Die alle glaubten und glauben nun
steif und fest, sie allein wüßten das Rechte von dem höchsten Wesen.
Und das ist doch unmöglich: das höchste Wesen hat, wie es scheint, gar
kein Bedürfnis, von uns erkannt zu werden – ich hätte es auch nicht, an
seiner Statt! – und es hat die Menschen geschaffen, daß sie leben, tüchtig
handeln und sich wacker umtreiben auf Erden. Und dies Leben, Handeln,
Genießen und Sichumtreiben ist eigentlich alles, worauf es ankömmt. Und
wenn einer forschen und denken will, so soll er der Menschen Leben und
Treiben erforschen.«
Und wie ich so stand und sann, da schmetterten Trompeten: ein glänzender
Reiterzug trabte heran: an seiner Spitze ein herrlicher Mann auf einem
Rotscheck, schön und stark wie der Kriegsgott. Und ihre Waffen blitzten
und die Fahnen flogen und die Rößlein sprangen. Und ich dachte mir: »Die
wissen, warum sie leben: und brauchen keinen Philosophen darum zu fragen.«
Und wie ich mit verwunderten Augen den Reitern zusah, schlug mich ein
Bürger von Ephesos auf die Schulter und sprach: »Ihr scheint nicht zu
wissen, wer das war, und wohin sie ziehen? Das ist der Held Belisarius,
der zieht in den Perserkrieg.« – »Gut,« sagte ich, »Freund! Und ich ziehe
mit!« Und so geschah’s zur selben Stunde.
Und Belisarius bestellte mich bald zu seinem Rechtsrat und
Geheimschreiber. Und seither habe ich einen doppelten Beruf: bei Tage
mach’ ich Weltgeschichte oder helfe sie machen: und bei Nacht schreibe ich
Weltgeschichte.« – »Und welches ist deine bessere Arbeit?« – »Freund,
leider das Schreiben! Und das Schreiben wäre noch besser, wenn die
Geschichte besser wäre. Denn ich bin meistens gar nicht einverstanden mit
dem was wir thun: und thu’s nur mit, weil’s doch besser ist, als gar
nichts thun oder philosophieren. Bringe den Tacitus, Sklave!« rief er zur
Zeltthür hinaus.
»Den Tacitus?«
»Ja Freund, vom Livius haben wir jetzt genug getrunken. Du mußt wissen:
ich nenne meine Weine je nach ihrer geschichtlichen Eigenart. – Zum
Beispiel dieses lärmende Stück Weltgeschichte, das wir hier aufführen,
dieser Gotenkrieg ist ganz gegen meinen Geschmack: Narses hat ganz recht,
erst sollten wir die Perser abwehren, eh wir die Goten angreifen.«
»Narses! was treibt mein kluger Freund?«
»Er beneidet Belisar und läßt sich’s selbst nicht merken. Außerdem macht
er Kriegs- und Schlachtenpläne. Ich wette, er hatte Italien schon erobert
ehe wir landeten.«
»Du bist nicht sein Freund. Er ist doch ein hoher Geist. Warum ziehst du
Belisar vor?«
»Das will ich dir sagen,« sprach Prokop, den Tacitus einschenkend. »Mein
Unglück ist, daß ich nicht Geschichtschreiber Alexanders oder Scipios
geworden. Mein ganzes Herz sehnt sich, seit ich der Philosophie – und
Theologie! – genesen, nach Menschen, nach dem vollen ganzen Menschen, mit
Fleisch und Blut. Da widern mich diese spindeldürren Kaiser und Bischöfe
und Feldherrn an, die alles mit dem Verstand erklügeln; wir sind ein
verkrüppeltes Geschlecht geworden: die Heroenzeit liegt hinter uns! Nur
Belisarius, der Biedre, ist noch ein Heros, wie aus der alten Zeit. Er
könnte mit Agamemnon vor Troja liegen. Er ist nicht dumm; er hat Verstand;
aber nur den Naturverstand des edeln, wilden Tieres zu seinem Beutefang,
zu seinem Handwerk. Belisars Handwerk nun ist die Heldenschaft!
Und ich habe meine Freude an seiner breiten Brust und seinen blitzenden
Augen und den mächtigen Schenkeln, mit denen er die stärksten Hengste
zwingt. Und mich freut’s, wenn ihm manchmal die blinde Lust,
dreinzuschlagen, durch alle seine Feldherrnpläne braust. Mich freut’s,
wenn ich ihn in der Schlacht mitten unter die Feinde jagen sehe und
kämpfen, wie ein schäumender Eber haut.
Freilich, sagen darf ich’s ihm nicht, daß mir das gefällt; denn sonst
wär’s nicht auszuhalten: in drei Tagen wär’ er in Stücke gehauen. Im
Gegenteil; ich halte ihn zurück: ich bin sein Verstand, wie er mich nennt.
Und er läßt sich meine Verständigkeit gefallen, weil er weiß, daß sie
nicht Feigheit ist. Hab’ ich ihn doch mehr als einmal mit meiner
Laienklugheit aus einer Verlegenheit ziehen müssen, in die ihn der Trotz
seines Heldentums gebracht! Die lustigste dieser Geschichten ist die von
Horn und Tuba.«
»Welche von beiden bläsest du, o mein Prokopius?«
»Keine, nur die Posaune des Ruhms und die Pfeife des Spottes!«
»Aber was war’s mit Horn und Trompete?«
»Ei, wir lagen vor einem Felsennest in Persien, das wir haben mußten, weil
es die Straße beherrscht. Wir hatten uns aber schon mehrmals unsere
heroischen Köpfe übel daran zerstoßen: und mein zorniger Herr schwor »bei
dem Schlummer Justinians« –, das ist nämlich sein höchstes Heiligtum – er
werde nie vor dieser Burg Anglon zum Rückzug blasen lassen. Nun wurden
aber unsre Vorposten sehr oft aus der Festung überfallen: wir, im
hochgelegnen Lager, konnten die Angreifer aus der Burg brechen sehen,
nicht aber konnten das unsre Vorposten am Fuße des Berges. Ich riet nun,
daß wir vom Lager aus unsern Leuten das Zeichen zum Rückzug geben lassen
sollten, so oft wir die Gefahr ihnen drohen sahen.
Aber da kam ich übel an!
Der Schlummer Justinians sei ein solches Heiligtum, daß man an einem
darauf geleisteten Schwur nicht makeln dürfe! Und so mußten sich denn
unsre armen Burschen von den Persern unversehens überrumpeln lassen! Bis
ich auf den scharfsinnigen Ausweg kam, meinem Helden vorzuschlagen, er
solle, um die Unsern zum Rückzug zu mahnen, das Angriffszeichen mit dem
Horn, statt mit der Tuba, blasen lassen.
Das leuchtete ihm ein, dem biedern Belisarius.
Und wenn wir nun lustig die Hörner zum Angriff schmettern ließen, liefen
unsre Leute schleunigst wie geschreckte Hasen davon! Es war zum Todlachen,
jene mutigen Klänge so schnöde wirken zu sehen! Aber es half: Justinians
Schlummer und Belisars Eid blieben ungeschwächt, unsre Vorposten wurden
nicht mehr abgeschlachtet und das Felsnest fiel endlich. Also schelt’ ich
ihn immer spottend aus für seine Heroenthaten. Aber im stillen erwärme und
erfreue ich mein tiefstes Herz dran: er ist der letzte Heros!«
»Nun,« meinte Cethegus, »bei den Goten findest du gar manchen solchen
Schlagetot.«
Prokop nickte bedächtig: »Kann auch nicht leugnen, daß ich großes
Wohlgefallen habe an diesen Goten. Sind aber doch zu dumm.«
»Wie? Warum?«
»Dumm sind sie, daß sie, anstatt hübsch langsam, Schritt für Schritt, im
Zusammenhang mit ihren gelbhaarigen Brüdern, sich gegen uns vorzuschieben
– sie wären unaufhaltsam! – in dieses Italien sich ohne allen Verstand
vereinzelt hereingedrängt haben, wie ein Stück Holz mitten in einen
glimmenden Herd. Daran werden sie untergehen: sie werden verbrennen, du
wirst es sehen.« – »Ich hoffe, es zu sehen. Und was dann?« fragte Cethegus
ruhig.
»Ja,« antwortete Prokop verdrießlich, »was dann! Das ist das Ärgerliche!
Dann wird Belisar Statthalter von Italien – denn mit dem Schneckenprinzen
dauert es kein Jahr – und er verliegt hier seine schönste Kraft, während
es Arbeit vollauf gäbe bei den Persern. Und ich werde dann als sein
Hofhistoriograph nur zu schreiben haben, wie viele Schläuche Wein wir
jährlich vertilgen.«
»Du willst also, wenn die Goten beseitigt sind, Belisar wieder fort haben
aus Italien?«
»Freilich! Im Perserland blühn seine Lorbeern und die meinen! Ich sinne
schon lange auf ein Mittel, ihn von hier dann wieder fortzubringen.«
Cethegus schwieg. Er freute sich, einen so wichtigen Bundesgenossen für
seinen Plan gefunden zu haben. »Und so beherrscht also sein Verstand
Prokopius den Löwen Belisar,« sagte er laut. – »Nein!« seufzte Prokop,
»vielmehr sein Unverstand, sein Weib.« – »Antonina! Sage, weshalb nanntest
du sie unglücklich.«
»Weil sie halb ist und ein Widerspruch. Die Natur hat sie zu einem braven,
treuen Weib angelegt: und Belisar liebt sie mit der vollen Kraft seiner
Heroenseele. Da kam sie an den Hof der Kaiserin. Theodora, diese schöne
Teufelin, ist von Natur ebenso zur Buhlschaft angelegt wie Antonina zur
Tugend. Die Cirkusdirne hat gewiß noch nie einen Stachel des Gewissens
empfunden. Aber ich glaube, sie erträgt es nicht, ein ehrsam Weib in ihrer
nächsten Nähe zu haben, das sie verachten müßte. Sie ruhte nicht, bis es
ihr gelungen, durch ihr höllisches Beispiel Antoninas Gefallsucht zu
wecken. Gewissensqual empfindet diese über ihr Spiel mit ihren Verehrern:
denn sie liebt ihren Mann, sie betet ihn an.«
»Und doch? Wie mag ihr ein Held, wie Belisar, nicht genügen?« –
»Eben, weil er ein Held ist! Er schmeichelt ihr nicht, bei all seiner
Liebe. Sie konnt’ es nicht tragen, die Buhler der Kaiserin in Versen,
Blumen, Geschenken sich erschöpfen zu sehen und selbst solcher Huldigung
zu entbehren. Eitelkeit ward ihr Fallstrick. Aber es ist ihr gar nicht
wohl bei all dem Getändel.«
»Und ahnt Belisar?« –
»Keinen Schatten! Er ist der einzige im ganzen römischen Kaiserreich, der
es nicht weiß, was ihn doch zumeist angeht. Ich glaube, es wäre sein Tod.
Und auch deshalb schon darf Belisar nicht hier im Frieden Statthalter von
Italien werden. Im Lager, im Getümmel des Krieges, da fehlen dem
gefallsüchtigen Weib die Schmeichler und auch die Muße, sie zu hören.
Denn, gleichsam zur freiwilligen Buße für jene süßen Verbrechen der
heimlichen Gedichte und Blumen – gröberer Schuld ist sie gewiß nicht fähig
– überbietet Antonina alle Frauen an Pflichtstrenge; sie ist Belisars
Freund, sein Mitfeldherr; sie teilt die Beschwerden und Gefahren des
Meeres, der Wüste, des Krieges mit ihm: sie arbeitet mit ihm Tag und
Nacht, wann sie nicht gerade Verse andrer auf ihre schönen Augen liest! –
Schon oft hat sie ihn gerettet aus den Schlingen seiner Feinde am Hofe zu
Byzanz. Kurz, nur im Krieg, im Lager thut sie gut, da wo auch seine Größe
allein gedeiht.«
»Nun,« sprach Cethegus, »weiß ich genug, wie die Dinge hier stehen. Laß
mich offen mit dir reden: du willst Belisar nach seinem Sieg aus Italien
wieder fort haben; ich auch: du um Belisars, ich um Italiens willen. Du
weißt, ich war von jeher Republikaner ....« – – –
Da schob Prokop den Becher zur Seite und sah seinen Gast bedeutsam an:
»Das sind alle jungen Leute zwischen vierzehn und einundzwanzig Jahren.
Aber daß du’s noch bist – find’ ich – sehr – sehr – unhistorisch. Aus
diesem italischen Gesindel, unsern höchst liebwerten Bundesgenossen gegen
die Goten, willst du Bürger einer Republik machen? Sie sind zu nichts mehr
gut als zur Tyrannis!«
»Ich will darüber nicht streiten!« lächelte Cethegus. »Aber vor _eurer_
Tyrannis möcht ich mein Vaterland bewahren.«
»Kann dir’s nicht verdenken!« lächelte Prokop, »die Segnungen unsrer
Herrschaft sind – erdrückend!«
»Ein eingeborner Statthalter unter dem Schutz von Byzanz genügt zunächst.«
»Jawohl, und dieser würde Cethegus heißen!«
»Wenn’s sein muß, – auch das!«
»Höre,« sprach Prokop ernsthaft, »ich warne dich dabei nur vor einem. Die
Luft von Rom heckt stolze Pläne aus. Man ist dort, als Herr von Rom, nicht
gern der zweite auf Erden. Und glaube dem Historikus: es ist doch nichts
mehr mit der Weltherrschaft Roms.«
Cethegus ward unwillig. Er gedachte der Warnung König Theoderichs.
»Historikus von Byzanz, meine römischen Dinge kenne ich besser als du. Laß
dich jetzt einweihen in unsre römischen Geheimnisse; dann verschaffe mir
morgen früh, eh’ die Gesandtschaft von Rom anlangt, ein Gespräch mit
Belisar und – sei eines großen Erfolges gewiß.« Und nun begann er dem
staunenden Prokop mit raschen Strichen ein Bild der Geheimgeschichte der
jüngsten Vergangenheit und seine Pläne der Zukunft zu entwerfen, sein
letztes Ziel wohlweislich verhüllend.
»Bei den Manen des Romulus!« rief Prokop, als er geendet hatte. »Ihr macht
noch immer Weltgeschichte an dem Tiber. Nun, hier meine Hand. Meine Hilfe
hast du! Belisar soll siegen, doch nicht herrschen in Italien; darauf laß
uns noch einen Krug herben Sallustius leeren!«
Früh am andern Tage vermittelte Prokop seinem Freunde eine Unterredung mit
Belisar, von welcher jener sehr befriedigt zurückkam.
»Nun, hast du ihm alles gesagt?« fragte der Historiker.
»Nicht eben alles!« sprach Cethegus mit feinem Lächeln: »man muß immer
noch etwas zu sagen übrig behalten.«
Zwölftes Kapitel.
Bald darauf ward das Lager von seltsamer Aufregung erfüllt.
Das Gerücht von der Ankunft des heiligen Vaters, das seiner reich
vergoldeten Sänfte voranflog, riß die Tausende von Soldaten mit Kräften
der Andacht, der Ehrfurcht, des Aberglaubens, der Neugier aus ihren
Zelten, von Schlaf und Schmaus und Spiel hinweg, ihm entgegen. Kaum, daß
die Anführer die Mannschaft im Dienst und auf den Wachen zurückhalten
konnten; meilenweit waren ihm die Gläubigen entgegengeeilt und geleiteten
jetzt, mit Haufen des Landvolks der Umgegend gemischt, seinen Zug ins
Lager. Längst hatten sich Bauern und Soldaten an der Eselinnen Statt, die
seine Sänfte trugen, eingespannt: – vergebens hatte sich die
Bescheidenheit des Papstes dagegen gesträubt – und unter unaufhörlichem
Jubelruf: »Heil dem Bischof von Rom, Heil dem heiligen Petrus!« wälzte
sich der Strom der Tausende heran, über die Silverius unermüdlich Segen
sprach. Seiner beiden Mitgesandten, Scävola und Albinus, dachte kein
Mensch.
Belisar sah von seinem Zelthügel aus mit ernsten Augen das mächtige
Schauspiel. »Der Präfekt hat Recht!« sprach er dann: »dieser Priester ist
gefährlicher als die Goten. Es ist ein Triumphzug! Prokop, laß die
byzantinische Leibwache an meinem Zelt ablösen, sowie die Unterredung
beginnt: sie sind allzugute Christen. Laß die Hunnen aufziehn und die
heidnischen Gepiden.«
Damit schritt er in sein Zelt zurück, wo er alsbald, von seinen
Heerführern umgeben, die römische Gesandtschaft empfing. Den Prinzen
Areobindos hatte Prokop von der Notwendigkeit einer Rekognoscierung
überzeugt, die nur heute und nur von ihm vorgenommen werden konnte.
Umwogt von einem glänzenden geistlichen Gefolge nahte der Papst dem
Feldherrnzelt. Große Massen Volkes drängten nach, aber sowie der Papst mit
Scävola und Albinus die Mündung der engen Lagergasse hinter sich hatten,
sperrten die Wachen mit gefällten Lanzen den Weg und ließen weder Priester
noch Soldaten folgen.
Lächelnd wandte sich Silverius zu dem Führer der Schar und hielt ihm eine
schöne Rede über den Text: »lasset die Kleinen zu mir kommen und wehret
ihnen nicht.« Aber der Germane schüttelte den zottigen Kopf und wandte ihm
den Rücken: der Gepide verstand kein Latein, außer dem Kommando.
Da lächelte Silverius wieder, segnete nochmals seine Getreuen und schritt
dann ruhig weiter in das Zelt. Belisar saß auf einem Feldsessel: darüber
war eine Löwenhaut gebreitet: ihm zur Linken thronte die schöne Antonina
auf einem Pardelfell. Ihre wunde Seele hatte in dem Nachfolger des
heiligen Petrus einen Arzt und Helfer zu finden gehofft. Aber bei dem
Anblick der weltklugen Züge des Silverius zog sich ihr Herz zusammen.
Belisar erhob sich beim Eintritt des Papstes.
Dieser schritt, ohne sich zu neigen, gerade auf ihn zu und legte ihm – er
mußte sich mühsam dazu aufrichten – wie segnend beide Hände auf die
Schultern. Er wollte ihn leise niederdrücken auf die Kniee: – aber
eichenfest blieb der Feldherr aufrecht stehen: und Silverius mußte dem
Stehenden den Segen erteilen.
»Ihr kommt als Gesandte der Römer?« begann Belisar.
»Ich komme,« unterbrach Silverius, »im Namen des heiligen Petrus, als
Bischof von Rom dir und dem Kaiser Justinian meine Stadt zu übergeben.
Diese guten Leute,« fuhr er fort, auf Scävola und Albinus weisend, »haben
sich mir angeschlossen wie die Glieder dem Haupt.« Unwillig wollte Scävola
einfallen, – so hatte er seinen Bund mit der Kirche nicht verstanden! –
aber Belisar winkte ihm, zu schweigen.
»Und so heiße ich dich willkommen in Italien und Rom im Namen des Herrn.
Ziehe ein in die Mauern der ewigen Stadt zum Schirme der Kirche und der
Gläubigen wider die Ketzer! Erhöhe dort den Namen des Herrn und das Kreuz
Jesu Christi und vergiß nie, daß es die heilige Kirche war, die dir die
Wege gebahnt und die Pfade gebaut. Ich bin es gewesen, den Gott zum
Werkzeug gewählt, die Goten in thörichte Sicherheit zu wiegen und blinden
Auges aus der Stadt zu führen: ich bin es gewesen, der die schwankende
Stadt, die Bürger für dich gewonnen und die Anschläge deiner Feinde
vernichtet hat. Der heilige Petrus ist es, der dir mit meiner Hand die
Schlüssel seiner Stadt überreicht, auf daß du sie ihm beschirmest und
beschützest. Vergiß niemals dieser Worte.« Und er reichte ihm die
Schlüssel des asinarischen Thores.
»Ich werde sie nie vergessen!« sprach Belisar und winkte Prokop, der den
Schlüssel aus der Hand des Papstes nahm. »Du sprachst von Anschlägen
meiner Feinde. Hat der Kaiser Feinde in Rom?«
Da sprach Silverius mit Seufzen: »Laß ab, Feldherr, zu fragen.
Ihre Netze sind zerrissen: sie sind unschädlich und der Kirche steht nicht
an, zu verklagen, sondern zu entschuldigen und alles zum besten zu
kehren.«
»Es ist deine Pflicht, heiliger Vater, dem rechtgläubigen Kaiser die
Verräter zu entdecken, die unter seinen römischen Unterthanen sich bergen
und ich fordre dich auf, seinen Feind zu entlarven.«
Silverius seufzte: »die Kirche dürstet nicht nach Blut.« – »Aber sie darf
den Arm der weltlichen Gerechtigkeit nicht hemmen,« sprach Scävola. Und
der Jurist trat vor und überreichte Belisar eine Papyrusrolle. »Ich hebe
Klage gegen Cornelius Cethegus Cäsarius, den Präfekten von Rom, wegen
Majestätsbeleidigung und Empörung gegen Kaiser Justinian. Diese Schrift
enthält die Klagepunkte und die Beweise. Er hat des Kaisers Regierung eine
Tyrannei gescholten. Er hat sich der Landung kaiserlicher Heere nach
Kräften widersetzt. Er hat endlich noch vor wenig Tagen, er allein, dafür
gestimmt, die Thore Roms dir nicht zu öffnen.«
»Und welche Strafe beantragt ihr?« fragte Belisar, in die Schrift
blickend.
»Nach dem Gesetz den Tod,« sprach Scävola. – »Und seine Güter verfallen
nach dem Gesetz,« sprach Albinus, »halb dem Fiskus, halb den Klägern.« –
»Und seine Seele der Barmherzigkeit Gottes,« schloß der Bischof von Rom.
»Wo ist der Angeklagte?« fragte Belisar.
»Er verhieß, dich aufzusuchen; aber ich fürchte, sein böses Gewissen wird
ihn nicht haben kommen lassen.«
»Du irrst, Bischof von Rom,« sprach Belisar, »er ist schon hier.«
Bei diesem Wort fiel der Vorhang im Hintergrund des Zeltes und vor den
erstaunten Anklägern stand Cethegus der Präfekt. Überrascht fuhren die
Ankläger auf; schweigend, mit vernichtendem Blick, trat Cethegus einige
Schritte vor, bis er zur Rechten Belisars stand.
»Cethegus hat mich früher aufgesucht als du,« fuhr der Feldherr nach einer
Pause fort: »und er ist dir zuvorgekommen – auch im Anklagen. Du stehst
als schwer Beschuldigter vor mir, Silverius. Verteidige dich, ehe du
verklagst.«
»Ich als Beschuldigter?« lächelte der Papst. »Wo wäre ein Kläger oder ein
Richter für den Nachfolger des heiligen Petrus?«
»Der Richter bin ich: an deines Herrn, des Kaisers Statt.«
»Und der Kläger?« fragte Silverius.
Cethegus wandte sich halb gegen Belisar und sprach: »Der Kläger bin ich!
Ich habe Silverius, den Bischof von Rom, des Verbrechens der verletzten
Majestät des Kaisers und des Hochverrats am römischen Reich geziehen. Ich
beweise sofort meine Klage. Silverius hat die Absicht, die Herrschaft der
Stadt Rom und einen großen Teil Italiens dem Kaiser Justinian zu entreißen
und – lächerlich zu sagen! – ein Priesterreich zu gründen in dem
Vaterlande der Cäsaren. Und schon hat er den nächsten Versuch gethan zur
Ausführung dieses – soll ich sagen: seines Wahnsinns oder seines
Verbrechens? Hier überreiche ich einen Vertrag, – hier steht die
Unterschrift seiner Hand – den er mit Theodahad, dem letzten Fürsten der
Barbaren, geschlossen. Der König verkauft darin für ewige Zeiten für die
Summe von tausend Pfund Gold an den heiligen Petrus und seine Nachfolger,
für den Fall, daß Silverius Bischof von Rom werde, die Herrschaft der
Stadt und das Weichbild von Rom und dreißig Meilen in der Runde. Es sind
aufgezählt alle Hoheitsrechte: Gerichtsbarkeit, Gesetzgebung, Verwaltung,
Steuern, Zölle und selbst Kriegsgewalt. Dieser Vertrag ist nach seinem
Datum drei Monate alt. Also im selben Augenblick, da der fromme
Archidiakon, hinter Theodahads Rücken, die Waffen des Kaisers herbeirief,
schloß er, hinter des Kaisers Rücken, einen Vertrag, der diesem die
Früchte seiner Anstrengung rauben und den Papst für alle Fälle sichern
sollte. Ich überlasse es dem Stellvertreter des Kaisers, wie solche
Klugheit zu würdigen sei. Für die Erwählten des Herrn gilt als besondre
Klugheit der Schlangen Moral: – unter uns Laien ist solches Thun ...« –
»Der schändlichste Verrat!« fiel Belisar donnernd ein, sprang auf und nahm
die Urkunde aus des Präfekten Hand. – »Hier sieh, Priester, deinen Namen:
kannst du noch leugnen?«
Der Eindruck dieser Anklage, dieses Beweises auf alle Anwesenden war ein
gewaltiger. Staunen und Unwillen, gemischt mit Spannung auf des Papstes
Verteidigung, lag auf den Zügen aller Gesichter; am meisten aber war
Scävola, der kurzsichtige Republikaner, überrascht von diesen
Herrscherplänen seines gefährlichen Verbündeten. Er hoffte, Silverius
werde die Verleumdung siegreich niederschlagen.
Die Lage des Papstes war in der That höchst gefährlich, die Anklage schien
unwiderleglich und das zornlohende Antlitz Belisars hätte manch’ tapfres
Herz erschreckt. Aber Silverius zeigte in diesem Augenblick, daß er kein
unebenbürtiger Gegner des Präfekten und des Helden von Byzanz war. Nicht
eine Sekunde hatte er die Fassung verloren: nur als Cethegus die Urkunde
aus dem Gewand hervorzog, hatte er einen Moment die Augen
niedergeschlagen, wie aus Schmerz. Aber dem donnernden Ruf wie den
blitzenden Augen Belisars hielt er ein unerschütterlich ruhiges Angesicht
entgegen. Er fühlte, daß er in dieser Stunde den Gedanken seines Lebens
verfechten mußte: dies gab ihm kühne Kraft, keine Wimper zuckte ihm.
»Wie lange wirst du noch schweigen?« fuhr ihn Belisar an.
»Bis du fähig und würdig bist, mich zu hören. Du bist besessen von
Urchitophel, dem Dämon des Zornes.«
»Sprich! Verteidige dich!« sagte Belisar, sich setzend.
»Die Klage dieses gottlosen Mannes,« hob Silverius an, »bringt nur ein
Recht der heiligen Kirche noch früher ans Licht, als sie es in dieser
unruhigen Zeit geltend machen wollte. Es ist wahr, ich habe diesen Vertrag
mit dem Barbarenkönig geschlossen.«
Eine Bewegung der Entrüstung ging durch die Reihen der Byzantiner.
»Nicht aus weltlicher Herrschsucht, nicht, um neues Recht zu erwerben,
habe ich mit dem König der Goten, als dem damaligen Besitzer der Stadt,
verhandelt. Nein! die Heiligen sind mir Zeugen! Nur weil es meine Pflicht,
ein uraltes Recht des heiligen Petrus nicht fallen zu lassen.«
»Ein uraltes Recht?« fragte Belisar unwillig.
»Ein uraltes Recht!« wiederholte Silverius, »das geltend zu machen die
Kirche nur bisher unterlassen hat. Ihre Feinde nötigen sie, in diesem
Augenblick damit hervorzutreten. Wisset denn, du Vertreter des Kaisers,
höret es, ihr Kriegsobersten und Schwertgewaltigen, was sich die Kirche
von Theodahad hat einräumen lassen, ist schon seit zwei Jahrhunderten ihr
Eigentum: der Gote hat es nur bestätigt.
An demselben Ort, wo des Präfekten tempelschänderische Hand diese
Bestätigung entwendet, hätte er auch die Urkunde finden können, die
ursprünglich unser Recht begründet hat. Der fromme Kaiser Constantinus,
der sich zuerst von den Vorgängern Justinians der Lehre des Heils
zugewandt, hat auf Bitten seiner gottseligen Mutter Helena, nachdem er
alle seine Feinde mit sichtbarer Hilfe der Heiligen, besonders des
heiligen Petrus, unter seine Füße getreten, zur dankbaren Anerkenntnis
solchen Beistandes und um vor aller Welt zu bezeugen, daß Krone und
Schwert sich vor dem Kreuz der Kirche zu beugen haben, die Stadt Rom mit
ihrem Weichbild und die benachbarten Städte und Marken durch eine
feierliche Schenkungsurkunde für ewige Zeiten dem heiligen Petrus zu eigen
übertragen, mit Gericht und Verwaltung, Steuer und Zoll und allen
Kronrechten irdischer Herrschaft, auf daß die Kirche auch einen weltlichen
Boden habe zur leichteren Vollführung ihrer weltlichen Aufgaben. Diese
Schenkung ist durch eine rechtsgültige Urkunde in aller Form verbrieft:
der Fluch von Gehenna ist jedem gedroht, der sie anstreitet. Und ich
frage, im Namen des dreieinigen Gottes, den Kaiser Justinian, ob er diese
Rechtshandlung seines Vorgängers, des in Gott seligen Kaisers
Constantinus, anerkennen oder ob er sie, aus weltlicher Habgier, umstoßen
und damit den Fluch der Gehenna und die ewige Verdammnis auf sein Haupt
laden will?«
Diese Rede des Bischofs von Rom, mit aller Kraft geistlicher Würde und
aller Kunst weltlicher Rhetorik vorgetragen, war von unwiderstehlicher
Wirkung. Belisar, Prokop und die Feldherren, die eben noch über den
verräterischen Priester ein zorniges Gericht hatten halten wollen, fühlten
sich jetzt durch den plötzlich ihnen entgegengehaltenen Rechtstitel selbst
wie verurteilt.
Der Kern Italiens schien unwiederbringlich dem Kaiser verloren und der
Herrschaft der Kirche anheimgegeben. Ein banges Schweigen lagerte über den
jüngst noch so herrischen Byzantinern und triumphierend stand der Priester
als Sieger in ihrer Mitte. Endlich sprach Belisar, der die Aufgabe der
Bekämpfung oder die Schmach der Niederlage von sich abwälzen wollte:
»Präfekt von Rom, was hast du zu erwidern?«
Mit einem kaum bemerkbaren Zucken des Spottes um die feinen Lippen
verneigte sich Cethegus und begann: »Der Angeklagte beruft sich auf eine
Urkunde.
Ich könnte, glaub’ ich, ihn in große Verlegenheit versetzen, wenn ich ihr
Vorhandensein bestritte, und die sofortige Vorlage der Urschrift von ihm
verlangte. Indessen will ich dem Manne, der sich das Haupt der
Christenheit nennt, nicht wie ein gehässiger Anwalt begegnen. Ich räume
ein, die Urkunde existiert.«
Belisar machte eine Bewegung hilflosen Verdrusses.
»Mehr noch! Ich habe dem heiligen Vater die Mühe der Vorlage derselben,
die ihm sonst sehr schwer fallen dürfte, erspart und die Urkunde selbst
mitgebracht in meiner tempelschänderischen Hand.« Er zog ein vergilbtes
Pergament aus dem Sinus und sah lächelnd bald in dessen Zeilen, bald auf
des Papstes, bald auf Belisars Gesicht, an deren Spannung sich weidend.
»Ja, noch mehr. Ich habe die Urkunde viele Tage lang mit feindselig
forschenden Augen, mit Zuziehung noch schärferer Juristen, als ich es
leider nur bin, – so meines jungen Freundes Salvius Julianus, – bis auf
jeden Buchstaben nach ihrer formellen Gültigkeit geprüft. Vergebens. –
Selbst der Scharfsinn meines verehrten und gelehrten Freundes Scävola
könnte keinen Mangel herausinterpretieren. Alle Formen des Rechts, alle
Klauseln höchster unanfechtbarer Sicherheit sind in der Schenkungsakte
haarscharf gewahrt; und in der That: ich hätte den Protonotarius des
Kaisers Constantin kennen mögen, er muß ein Jurist ersten Ranges gewesen
sein.« Er hielt inne: – höhnisch ruhte sein Auge auf dem Antlitz des
Silverius, der sich den Schweiß von den Schläfen wischte.
»Also,« fragte Belisar in höchster Aufregung: »die Urkunde ist formell
ganz richtig – daher beweiskräftig?«
»Jawohl!« seufzte Cethegus, »die Schenkung ist in ganz makelloser Ordnung.
Schade nur, daß ... –«
»Nun?« unterbrach Belisar.
»Schade nur, daß sie falsch ist.«
Da flog ein Schrei von allen Lippen. Belisar, Antonina sprangen auf, alle
Anwesenden traten einen Schritt näher zu dem Präfekten. Nur Silverius
wankte einen Schritt zurück.
»Falsch?« fragte Belisar mit einem Ruf, der wie ein Jubel klang. »Präfekt,
– Freund, – kannst du das beweisen?«
»Sonst hätte ich mich gehütet es zu behaupten. Das Pergament, auf das die
Schenkung geschrieben ist, zeigt alle Spuren eines hohen Alters: Brüche,
Wurmstiche, Flecken jeder Art, – alles, was man von Ehrwürdigkeit
verlangen kann, – so daß es manchmal sogar schwierig ist, die Buchstaben
zu erkennen. Gleichwohl stellt sich die Urkunde nur so alt; mit so großem
Aufwand von Kunst, als manche Frauen sich den Schein der Jugend geben,
lügt sie die Heiligkeit des Alters. Es ist echtes Pergament aus der alten,
von Constantin begründeten, noch heute bestehenden kaiserlichen
Pergamentfabrik zu Byzanz.«
»Zur Sache,« rief Belisar.
»Aber es ist wohl nicht jedem bekannt, – und es scheint auch leider dem
heiligen Bischof entgangen zu sein! – daß bei diesen Pergamenten ganz
unten – links, am Rande – durch Stempelschlag das Jahr der Fertigung durch
Angabe der Jahreskonsuln in allerdings kaum wahrnehmbaren Buchstaben
bezeichnet wird. Nun gieb wohl acht, o Feldherr!
Die Urkunde will, wie sie im Texte sagt, gefertigt sein im sechzehnten
Jahre von Constantins Regierung, im gleichen Jahre, da er die Heidentempel
schließen ließ, wie das fromme Pergament besagt, ein Jahr nach der
Erhebung von Constantinopolis zur Hauptstadt, und nennt richtig die
richtigen Konsuln dieses Jahres, Dalmatius und Xenophilos.
Da ist es nun wirklich nur durch ein Wunder zu erklären, – aber hier hat
Gott der Herr ein Wunder _gegen_ seine Kirche gethan! – daß man in jenem
Jahre, also im Jahre dreihundertfünfunddreißig nach der Geburt des Herrn,
schon ganz genau wußte, wer im Jahr nach dem Tode des Kaisers Justinus und
des Königs Theoderich Konsul sein würde; denn seht, hier unten am Rande
der Stempel besagt: der Schreiber hatte ihn nicht beachtet – er ist auch
wirklich sehr schwer wahrzunehmen, wenn man das Pergament nicht gegen das
Licht hält – so etwa, siehst du, Belisar? – und er hatte blindlings drei
Kreuze darauf gemalt; ich aber habe diese Kreuze mit meiner – wie hieß es
doch? – »tempelschänderischen«, aber geschickten Hand weggewischt und
siehe, da steht eingestempelt:
»VI. Indiktion: Justinianus Augustus, allein Konsul im ersten Jahre seiner
Herrschaft.«
Silverius wankte und hielt sich an dem Stuhl, den man für ihn bereit
gestellt.
»Das Pergament der Urkunde, auf welches der Protonotar des Kaisers
Konstantin vor zweihundert Jahren die Schenkung niederschrieb, ist also
erst vor einem Jahre zu Byzanz einem Esel von den Rippen gezogen worden.
Gesteh, o Feldherr, daß hier das Gebiet des Begreiflichen endet, und des
Übernatürlichen beginnt, daß hier ein Wunder der Heiligen geschah und
verehre das Walten des Himmels.« Er reichte Belisar die Urkunde.
»Das ist auch ein tüchtig Stück Weltgeschichte, heilige und profane, was
wir da erleben!« sagte Prokop zu sich selbst.
»Es ist so, beim Schlummer Justinians!« frohlockte Belisar. »Bischof von
Rom, was hast du zu erwidern?«
Mühsam hatte sich Silverius gefaßt; er sah den Bau seines Lebens vor
seinen Augen in die Erde versinken. Mit halb versagender Stimme antwortete
er:
»Ich fand die Urkunde im Archiv der Kirche vor wenigen Monden. Ist dem so,
wie ihr sagt, so bin ich getäuscht, wie ihr.«
»Wir sind aber nicht getäuscht,« lächelte Cethegus.
»Ich wußte nichts von jenem Stempel, ich schwöre es bei den Wunden
Christi.« – »Das glaub ich dir ohne Schwur, heiliger Vater,« fiel Cethegus
ein. – »Du wirst einsehn, Priester,« sprach Belisar, sich erhebend, »daß
über diese Sache die strengste Untersuchung ...« –
»Ich verlange sie,« sprach Silverius, »als mein Recht.«
»Es soll dir werden, zweifle nicht! Aber nicht ich darf es wagen, hier zu
richten: nur die Weisheit des Kaisers selbst kann hier das Recht finden.
Vulkaris, mein getreuer Heruler, dir übergeb ich die Person des Bischofs.
Du wirst ihn sogleich auf ein Schiff bringen und nach Byzanz führen.«
»Ich lege Verwahrung ein,« sprach Silverius. »Über mich kann niemand
richten auf Erden als ein Konzil der ganzen rechtgläubigen Kirche. Ich
verlange, nach Rom zurückzukehren.«
»Rom siehst du niemals wieder! Und über deine Rechtsverwahrung wird der
Kaiser Justinian, der Kaiser des Rechts, mit Tribonian entscheiden. Aber
auch deine Genossen, Scävola und Albinus, die falschen Mitankläger des
Präfekten, der sich als des Kaisers treusten, klügsten Freund erwiesen,
sind hoch verdächtig. Justinian entscheide, wie weit sie unschuldig. Auch
sie führt in Ketten nach Byzanz. Zu Schiff! Dort hinaus, zur Hinterthür
des Zeltes, nicht durchs Lager. Vulkaris, dieser Priester aber ist des
Kaisers gefährlichster Feind. Du bürgst für ihn mit deinem Kopf.«
»Ich bürge,« sprach der riesige Heruler, vortretend und die gepanzerte
Hand auf des Bischofs Schulter legend. »Fort mit dir, Priester! zu Schiff.
Er stirbt, eh’ er mir entrissen wird.«
Silverius sah ein, daß weiteres Widerstreben nur seine Würde gefährdende
Gewalt hervorrufen werde. Er fügte sich und schritt neben dem Germanen,
der die Hand nicht von seiner Schulter löste, nach der Thür im Hintergrund
des Zeltes, die eine der Wachen aufthat.
Er mußte hart an Cethegus vorbei. Er beugte das Haupt und sah ihn nicht
an: aber er hörte, wie dieser ihm zuflüsterte: »Silverius, diese Stunde
vergilt deinen Sieg in den Katakomben. Nun sind wir wett!«
Dreizehntes Kapitel.
Sowie der Bischof das Zelt verlassen, erhob sich Belisar lebhaft von
seinem Sitze, eilte auf den Präfekten zu, umarmte und küßte ihn: »Nimm
meinen Dank, Cethegus Cäsarius! Ich werde dem Kaiser berichten, daß du ihm
heute Rom gerettet hast. Dein Lohn wird nicht ausbleiben.«