Erstes Kapitel.
Langsam sank die Sonne hinter die grünen Hügel von Fäsulä und vergoldete
die Säulen vor dem schlichten Landhaus, in welchem Rauthgundis als Herrin
schaltete.
Die gotischen Knechte und die römischen Sklaven waren beschäftigt, die
Arbeit des Tages zu beschließen. Der Mariskalk brachte die jungen Rosse
von der Weide ein. Zwei andere Knechte leiteten den Zug stattlicher Rinder
von dem Anger auf dem Hügel nach den Ställen, indes der Ziegenbub mit
römischen Scheltworten seine Schutzbefohlnen vorwärts trieb, die genäschig
hier und da an dem salzigen Steinbrech nagten, der auf dem zerbröckelten
Mauerwerk am Wege grünte. Andre germanische Knechte räumten das Ackergerät
im Hofraum auf: und ein römischer Freigelassener, gar ein gelehrter und
vornehmer Herr, der Obergärtner selbst, verließ mit einem zufriedenen
Blick die Stätte seiner blühenden und duftenden Wissenschaft.
Da kam aus dem Roßstall unser kleiner Freund Athalwin im Kranze seiner
hellgelben Locken. »Vergiß mir ja nicht, Kakus, einen rostigen Nagel in
den Trinkkübel zu werfen. Wachis hat’s noch besonders aufgetragen! Daß er
dich nicht wieder schlagen muß, wenn er heimkommt.« Und er warf die Thür
zu. »Ewiger Verdruß mit diesen welschen Knechten!« sprach der kleine
Hausherr mit wichtigem Stolz. »Seit der Vater fort ist und Wachis ihm ins
Lager gefolgt, liegt alles auf mir: denn die Mutter, lieber Gott, ist wohl
gut für die Mägde, aber die Knechte brauchen den Mann.«
Und mit großem Ernst schritt das Büblein über den Hof.
»Und sie haben vor mir gar nicht den rechten Respekt,« sprach er und warf
die kirschroten Lippen auf und krauste die weiße Stirn. »Woher soll er
auch kommen? Mit nächster Sunnwend bin ich volle neun Jahr: und sie lassen
mich noch immer herumgehn mit einem Ding wie ein Kochlöffel.« Und
verächtlich riß er an dem kleinen Schwert von Holz in seinem Gurt. »Sie
dürften mir keck ein Weidmesser geben, ein rechtes Gewaffen. So kann ich
nichts ausrichten und sehe nichts gleich.«
Und doch sah er so lieblich, einem zürnenden Eros gleich, in seinem
kniekurzen, ärmellosen Röckchen von feinstem weißem Leinen, das die liebe
Hand der Mutter gesponnen und genäht und mit einem zierlichen roten
Streifen durchwirkt hatte.
»Gern lief’ ich noch auf den Anger und brächte der Mutter zum Abend die
Waldblumen, die sie so liebt, mehr als unsre stolzesten Gartenblumen. Aber
ich muß noch Rundschau halten, ehe sie mir die Thore schließen: denn:
»Athalwin, hat der Vater gesagt, wie er ging, halt mir das Erbe recht in
acht und wahre mir die Mutter! Ich verlaß mich auf dich!« Und ich gab ihm
die Hand drauf. So muß ich Wort halten.«
Damit schritt er den Hof entlang, an der Vorderseite des Wohnhauses
vorüber, durchmusterte die Nebengebäude zur Rechten und wollte sich eben
nach der Rückseite des Gevierts wenden, als er durch lautes Bellen der
jungen Hunde zur Linken auf ein Geräusch an dem Holzzaun, der das Ganze
umfriedete, merksam wurde.
Er schritt nach der bezeichneten Ecke hin und erstaunte: denn auf dem
Zaune saß oder über denselben herein stieg eine seltsame Gestalt. Es war
ein großer, alter, hagrer Mann in grobem Wams von ganz rauhem Loden, wie
ihn die Berghirten trugen: als Mantel hing eine mächtige Wolfsschur
unverarbeitet von seinen Schultern nieder, und in der Rechten trug er
einen riesigen Bergstock mit scharfer Stahlspitze, mit welchem er die
Hunde abwehrte, die zornig an dem Zaun hinaufsprangen. Eilends lief der
Knabe hinzu. »Halt, du landfremder Mann, was thust du auf meinem Zaun? –
willst du gleich hinaus und herab?«
Der Alte stutzte und sah forschend auf den schönen Knaben. »Herunter, sag’
ich!« wiederholte dieser. – »Begrüßt man so in diesem Hof den wegmüden
Wandrer?« – »Ja, wenn der wegmüde Wandrer über den Hinterzaun steigt. Bist
du was Rechtes und willst du was Rechtes, – da vorn steht das große
Hofthor sperrangelweit offen: da komm’ herein.«
»Das weiß ich selbst, wenn ich das wollte.« Und er machte Anstalt, in den
Hof hereinzusteigen.
»Halt,« rief zornig der Kleine, »da kommst du nicht herab! Faß, Griffo!
Faß, Wulfo! Und wenn du die zwei jungen nicht scheust, so ruf’ ich die
Alte. Dann gieb acht! He Thursa, Thursa, leid’s nicht!«
Auf diesen Ruf schoß um die Ecke des Roßstalles ein riesiger, grau
borstiger Wolfshund mit wütendem Gebell herbei und schien ohne weiteres
dem Eindringling an die Gurgel springen zu wollen.
Aber kaum stand das grimmige Tier vor dem Zaun, dem Alten gegenüber, so
verwandelte sich seine Wut plötzlich in Freude: sein Bellen verstummte und
wedelnd sprang er an dem Alten hinan, der nun ganz gemütlich herein stieg.
»Ja, Thursa, treues Tier, wir halten noch zusammen,« sagte er. – – »Nun
sage mir, kleiner Mann, wie heißt du?« – »Athalwin heiß’ ich,« versetzte
dieser, scheu zurücktretend, »du aber, – ich glaube, du hast den Hund
behext – wie heißt du?« – »Ich heiße wie du,« sagte der Alte freundlicher.
»Und das ist hübsch von dir, daß du heißest wie ich. Sei nur ruhig, ich
bin kein Räuber! führ’ mich zu deiner Mutter, daß ich ihr sage, wie tapfer
du deine Hofwehr verteidigt hast.«
Und so schritten die beiden Gegner friedlich in die Halle, Thursa bellte
freudig springend voran.
Das korinthische Atrium der Römervilla mit seinen Säulenreihen an den vier
Wänden hatte die gotische Hausfrau mit leichter Änderung in die große
Halle des germanischen Hofbaues verwandelt. In Abwesenheit des Hausherrn
war sie zu festlicher Bewirtung nicht bestimmt und Rauthgundis hatte für
diese Zeit ihre Mägde aus der Frauenkammer hierher versetzt. In langer
Reihe saßen rechts die gotischen Mägde mit sausender Spule; ihnen
gegenüber einige römische Sklavinnen mit feineren Arbeiten beschäftigt. In
der Mitte der Halle schritt Rauthgundis auf und nieder und ließ selbst die
flinke Spule auf dem glatten Mosaik des Estrichs tanzen, aber dabei auch
nach rechts und links stets die wachen Blicke gleiten.
Das kornblumenblaue Kleid von selbstgewirktem Stoff war über die Knie
heraufgeschürzt und hing gebauscht über den Gurt von stählernen Ringen,
der ihren einzigen Schmuck, ein Bündel von Schlüsseln, trug. Das
dunkelblonde Haar war rings an Stirn und Schläfen zurückgekämmt und am
Hinterkopf in einen einfachen Knoten geschürzt. Es lag viel schlichte
Würde in der Gestalt, wie sie mit ernst prüfendem Blick auf und nieder
schritt.
Sie trat zu der jüngsten der gotischen Mägde, die zu unterst in der Reihe
saß und beugte sich zu ihr. »Brav, Liuta,« sprach sie, »dein Faden ist
glatt und du hast heut’ nicht so oft aufgesehen nach der Thür wie sonst.
Freilich,« fügte sie lächelnd hinzu – »es ist jetzt kein Verdienst, da
doch kein Wachis zur Thür hereinkommen kann.« Die junge Magd errötete.
Rauthgundis legte die Hand auf ihr glattes Haar: »Ich weiß,« sagte sie,
»du hast mir im stillen gegrollt, daß ich dich, die Verlobte, dieses Jahr
über täglich morgens und abends eine Stunde länger spinnen ließ als die
andern: es war grausam, nicht? Nun, sieh: es war dein eigner Gewinn.
Alles, was du dies Jahr aus meinem besten Garn gesponnen, ist dein; ich
schenk’ es dir zur Aussteuer: so brauchst du nächstes Jahr, das erste
deiner Ehe, nicht zu spinnen.«
Das Mädchen faßte ihre Hand und sah ihr dankbar weinend ins Auge. »Und
dich nennen sie streng und hart!« war alles, was sie sagen konnte. – »Mild
mit den Guten, streng mit den Bösen, Liuta. Alles Gut, dessen ich hier
walte, ist meines Herrn Eigen und meines Knaben Erbe. Da heißt es genau
sein.«
Jetzt wurden der Alte und Athalwin in der Thür sichtbar: der Knabe wollte
rufen, aber sein Begleiter verhielt ihm den Mund und sah eine Weile
unbemerkt dem Schalten und Walten Rauthgundens zu, wie sie der Mägde
Arbeit prüfte, lobte und schalt und neue Aufträge gab.
»Ja,« sprach der Alte endlich zu sich selbst, »stattlich sieht sie aus,
und sie scheint wohl die Herrin im Hause – doch! wer weiß Alles?« Da war
Athalwin nicht mehr zu halten: »Mutter,« rief er, »ein fremder Mann, der
Thursa behext und über den Zaun gestiegen und zu dir will. Ich kann’s
nicht begreifen.«
Da wandte sich die stattliche Frauengestalt würdevoll dem Eingang zu, die
Hand vor die Augen haltend, die blendende Abendsonne, die in die offne
Thüre brach, abzuwehren. »Was führst du den Gast hierher? Du weißt, der
Vater ist nicht hier. Führ’ ihn in die große Halle. Sein Platz ist nicht
bei mir.«
»Doch, Rauthgundis! hier, bei dir, ist mein Platz,« sprach der Alte
vortretend.
»Vater!« – rief die Frau und lag an der Brust des Fremden. Verdutzt und
nicht ohne Mißbehagen sah Athalwin auf die Gruppe. »Du bist also der
Großvater, der da oben in den Nordbergen haust? Nun grüß Gott, Großvater!
Aber warum sagst du denn das nicht gleich? Und warum kommst du nicht
durchs Thor wie andre ehrliche Leute?«
Der Alte hielt seine Tochter bei beiden Händen und sah ihr scharf ins
Auge. »Sie sieht glücklich aus und gedeihend,« brummte er vor sich hin.
Da faßte sich Rauthgundis: rasch warf sie einen Blick durch die Halle.
Alle Spindeln ruhten – außer Liutas – aller Augen musterten neugierig den
Alten.
»Ob ihr wohl spinnen wollt, fürwitzige Elstern?« rief sie streng. »Du,
Marcia, hast vor lauter Gaffen den Flachs herabfallen lassen, – du kennst
den Brauch, du spinnst eine Spule mehr, – ihr andern macht Feierabend.
Komm, Vater! Liuta, rüst’ ein laues Bad und Fleisch und Wein. –«
»Nein!« sprach der Vater, »der alte Bauer hat am Berg auch nur Bad und
Trunk am Wasserfall. Und was das Essen anlangt, – draußen, vor’m
Hinterzaun, am Grenzpfahl, liegt mein Rucksack, den holt mir: da hab ich
mein Speltbrot und meinen Schafkäse, den bringt mir. – Wieviel habt ihr
Rinder im Stall und Rosse auf der Weide?« Es war seine erste Frage. –
Eine Stunde darauf – schon war es dunkel geworden und der kleine Athalwin
war kopfschüttelnd über den Großvater zu Bett gegangen, – da wandelten
Vater und Tochter beim Licht des aufgehenden Mondes ins Freie. »Ich hab’
nicht Luft genug da drinnen,« hatte der Alte gesagt.
Sie sprachen viel und ernst, wie sie durch den Hof und durch den Garten
schritten. Mitten drein warf der Alte immer wieder Fragen nach ihrer
Wirtschaft auf, wie sie ihm Gerät oder Gebäude nahe legten: und in seinem
Ton lag keine Zärtlichkeit: nur manchmal in dem Blick, der verstohlen sein
Kind musterte.
»Laß doch endlich Roggen und Rosse,« lächelte Rauthgundis, »und sage mir,
wie’s dir gegangen ist die langen Jahre? Und was dich endlich einmal
herabgeführt hat von den Bergen zu deinen Kindern?« – »Wie’s mir gegangen?
Nun: halt einsam, einsam! Und kalte Winter! Ja, bei uns ist’s nicht so
hübsch warm, wie hier im Welschthale.« Und er sagte das wie einen Vorwurf.
»Und warum ich herunter bin? Ja sieh, letztes Jahr hat sich der Zuchtstier
zerfallen auf dem Firnjoch. Und da wollt’ ich mir einen andern kaufen hier
unten.«
Da hielt sich Rauthgundis nicht länger: mit warmer Liebe warf sie sich an
des Alten Brust und rief: »Und den Zuchtstier hast du nicht näher gefunden
als hier? Lüge doch nicht, Steinbauer, gegen dein eigen Herz und dein
eigen Kind. Du bist gekommen, weil du gemußt, weil du’s doch endlich nicht
mehr ausgehalten vor Heimweh nach deinem Kinde.«
Der Alte blieb stehen und streichelte ihr Haar: »Woher du’s nur weißt! Nun
ja! ich mußte doch mal selbst sehen, wie’s um dich steht und wie er dich
hält, der Herr Gotengraf.«
»Wie seinen Augapfel,« sprach das Weib selig. – »So? und warum ist er denn
nicht daheim bei Hof und Haus und Weib und Kind?« – »Er steht beim Heer in
des Königs Dienst.«
»Ja, das ist’s ja eben. Was braucht er einen Dienst und einen König? Doch
– sage: warum trägst du keinen goldnen Armreif? Ein Gotenweib aus dem
Welschthal kam einmal des Wegs bei uns vorbei, vor fünf Jahren, die trug
Gold handbreit: da dacht ich: so trägt’s deine Tochter, und freute mich,
und nun –«
Rauthgundis lächelte: »Soll ich Gold tragen für meiner Mägde Augen? Ich
schmücke mich nur, wenn Witichis es sieht.« – »So? mög’ er’s verdienen!
Aber du _hast_ doch Goldspangen und Goldreife wie andre Gotenfrauen hier
unten?« – »Mehr als andre, truhenvoll. Witichis brachte große Beute vom
Gepidenkrieg.« – »So bist du ganz glücklich?« – »Ganz, Vater, aber nicht
wegen der Goldspangen.« – »Hast du über nichts zu klagen? Sag’s mir nur,
Kind! Was es auch sei, sag’s deinem alten Vater und er schafft dir dein
Recht.«
Da blieb Rauthgundis stehen. »Vater, sprich nicht so! Das ist nicht recht
von dir zu sprechen, nicht von mir zu hören. Wirf ihn doch weg, den
unglückseligen Irrwahn, als müßte ich elend werden, weil ich zu Thal
gezogen. Ich glaube fast, nur diese Furcht hat dich hier herabgeführt.«
»Nur sie!« rief der Alte hastig mit dem Stock aufstoßend. »Und du nennst
einen Wahn, was deines Vaters tiefstes inneres Wesen? Ein Wahn! Ah, ist’s
ein Wahn, daß sich’s schwer atme hier unten? Ein Wahn, daß unsre
hochgewachsenen, weißen Goten klein und braun geworden hier unten im Thal?
Ist es ein Wahn, daß alles Unheil von jeher von Süden hergekommen, von
diesem weichen, falschen Thal? Woher kommen die Bergstürze über unsre
Hütten? von Süden her. Von wo kommt der giftige Wind, der Mensch und Vieh
verdirbt? Von Süden. Warum stürzt’ mir Kuh und Schaf, wann sie am Südhang
grasen? Warum starb deine Mutter, wie sie das erstemal von unserm Berge
nach Bolsanum herabkam, in der schwülen Stadt? Ein Bruder von dir stieg
auch herab, trat in des Königs Theoderich Waffenschar zu Ravenna:
erstochen haben ihn die Welschen beim Wein. Warum taugt kein Knecht mehr
was, der je hier in den Süden herabstieg, auch nur auf einen Winter? Wo
hat unser großer Held Theoderich das verfluchte Regieren gelernt, mit
Steuern und Folter und Kerker und Schreiben? Was haben unsre Väter von
all’ dem gewußt?
Von woher kommt aller Trug, alle Unfreiheit, alle Üppigkeit, alle Unkraft,
alle List? Von hier: aus dem Welschthal, aus dem Süden, wo die Menschen zu
Tausenden beisammen nisten, wie unsauber Gewürm und einer dem andern die
Luft vergiftet. Und da kommt mir so einer auf meinen Fels und holt mein
frisches Kind herab in dieses Land des Unsegens! Dein Eheherr hat was
Gutes und Klares, ich leugn’ es nicht; und hätte er sich droben bei mir
ein Gehöft gebaut, ich hätte ihm gern mein Kind und das Joch der besten
Ochsen dazu gegeben. Aber nein! Da herunter mußte er sie führen ins heiße
Sumpfthal. Und er selbst bückt den Kopf in goldnen Sälen zu Rom und in der
Rabenstadt. Wohl hab’ ich mich lang gewehrt –«
»Aber endlich gabst du nach –«
»Was wollt’ ich machen? War doch mein kernfrisches Mädel ganz herzenssiech
geworden nach dem Unglücksmann.«
»Und zehn Jahre hat der Unglücksmann dein Kind beglückt.« – »Wenn’s nur
auch wahr ist!« – »Vater!« – »Und wahr bleibt. Es wäre das erstemal, daß
Glück von Süden käme. Sieh’, mein Abscheu ist so groß vor der Ebne, daß
ich die sieben Jahr nicht niederstieg, gar mein Enkelkind nie gesehn habe.
Wenn ich es jetzt doch gethan, hat’s schweren Grund.«
»Also nicht die Liebe? nicht dein Herz?«
»Freilich! doch mein banges Herz! Ein böses Zeichen ist geschehen. Du
denkst doch noch der freudigen Buche, die am Felsbache stand, rechts vorm
Hause? Ich pflanzte sie, nach altem Brauch, an dem Tag, da du geboren
wardst. Und prächtig, wie du selbst, gedieh der Baum. In dem Jahr, da du
fortzogst freilich, fand ich, er sehe krank und traurig. Aber die andern
sahen es nicht und lachten mich aus.
Nun, sie erholte sich wieder und war frisch und grün. Doch in der letzten
Woche kam des Nachts ein Hochgewitter, so wütig, wie ich’s selten gehört
da droben in den Felsen, und als wir am Morgen vor das Thor treten, – ist
der Stamm vom Blitz zerspalten und die Krone hat der Gießbach mit sich
fortgerissen – nach Süden.«
»Schad um den lieben Baum! Doch kann dich das ängstigen?«
»Es ist nicht alles. Traurig grub ich am Abend, nach dem Tagewerk, den
armen Stamm aus der Erde und warf ihn ins Herdfeuer, daß er nicht
verunehrt und elend am Wege stehe, der meines Kindes ein Bild und Zeichen
war. Und ich nahm mir’s sehr zu Herzen und ich sann und sann mit schweren
Sorgen über deinen Mann, und meine Zweifel an ihm kamen dicht und dichter.
Und ich sah ins Feuer, drin der Stamm verkohlte.
So schlief ich ein und im Traum sah ich dich und Witichis. Er tafelte im
Goldsaal unter stolzen Männern und schönen Frauen, in Glanz und Pracht
gekleidet. Du aber standest vor der Thür, im Bettlerkleid, und weintest
bittre Thränen und riefst ihn beim Namen. Er aber sprach: »wer ist das
Weib? ich kenne sie nicht.« – Und es ließ mich nicht mehr droben in den
Bergen. Herab zog’s mich: ich mußte sehen, wie mein Kind gehalten ist im
Thal und überraschen wollt’ ich ihn, – deshalb wollt’ ich nicht durchs
Thor ins Haus.«
»Vater,« sprach Rauthgundis zornig, »dergleichen soll man selbst im Traume
nicht denken. Dein Mißtrauen –«
»Mißtrauen! ich traue niemand als mir selbst. Und in dem Blitzschlag und
in dem Traumgesicht hat sich’s mir deutlich gemeldet: dir droht ein
Unglück! Weich’ ihm aus! Nimm deinen Knaben und geh mit mir in die Berge!
Nur auf kurze Zeit. Glaub’ mir, du wirst es bald wieder schön finden in
der freien Luft, wo man über aller Herren Länder hinwegsieht.«
»Ich soll meinen Mann verlassen? Niemals.« – »Hat er nicht dich verlassen?
Ihm ist Hof und Königsdienst mehr als Weib und Kind. So laß ihm seinen
Willen.«
»Vater,« sprach jetzt Rauthgundis, seine Hand heftig fassend, »kein Wort
mehr! Hast du denn meine Mutter nicht geliebt, daß du so reden kannst von
Ehegatten? Mein Witichis ist mir alles, Luft und Licht des Lebens. Und er
liebt mich mit seiner ganzen treuen Seele. Und wir sind eins.
Und wenn er für recht hält, fern von mir zu schaffen – zu wirken, so _ist_
es recht. Er führt seines Volkes Sache. Und zwischen mich und ihn soll
kein Wort, kein Hauch, kein Schatte treten. Und auch ein Vater nicht.«
Der Alte schwieg. Aber sein Mißtrauen schwieg nicht. »Warum,« hob er nach
einer Pause wieder an, »wenn er am Hof so wichtige Geschäfte hat, warum
nimmt er dich nicht mit? Schämt er sich der Bauerntochter?« und zornig
stieß er seinen Stock auf die Erde.
»Der Zorn verwirrt dich! Du grollst, daß er mich vom Berg ins Thal der
Welschen geführt – und grollst ebenso, weil er mich nicht nach Rom mitten
unter sie führt!«
»Du sollst’s auch nicht thun! Aber er soll’s wollen. Er soll dich nicht
entbehren können. Aber des Königs Feldherr wird sich des Bauernkindes
schämen.«
Da, ehe Rauthgundis antworten konnte, sprengte ein Reiter an das jetzt
verschlossene Hofthor, vor dem sie eben standen. »Auf, aufgemacht!« rief
er, mit der Streitaxt an die Pfosten schlagend. – »Wer ist da draußen?«
fragte der Alte vorsichtig. – »Aufgemacht! solang läßt man einen
Königsboten nicht warten!«
»Es ist Wachis,« sprach Rauthgundis, den schweren Riegelbalken im Ring
zurückschiebend, »was bringt dich so plötzlich zurück?«
»Du bist es selbst, die mir öffnet!« rief der treue Mann, »o Gruß und
Heil, Frau Königin der Goten! Der Herr ist zum König des Volks gewählt.
Diese meine Augen sahen ihn hoch auf den Heerschild gehoben: er läßt dich
grüßen: und entbietet dich und Athalwin nach Rom. In zehn Tagen sollst du
aufbrechen.«
In allem Schrecken und in aller Freude und zwischen allen Fragen durch
konnte sich Rauthgundis nicht enthalten eines freudig stolzen Blicks auf
ihren Vater: dann warf sie sich an seine Brust und weinte. »Nun,« fragte
sie endlich sich losmachend, »Vater, was sagst du nun?«
»Was ich sage? Jetzt ist das Unglück da, das mir geahnt! Ich gehe noch
heute Nacht zurück auf meinen Berg.«
Zweites Kapitel.
Während die Goten bei Regeta tagten, umklammerte in weit geschwungenem
Halbkreis das mächtige Heerlager Belisars die hart bedrängte Stadt
Neapolis.
Rasch, unaufhaltsam wie ein Brand in getrocknetem Heidegras, hatte sich
das Heer der Byzantiner von der äußersten Südostspitze Italiens bis vor
die Mauern der parthenopeischen Stadt gewälzt, ohne Widerstand zu finden.
Denn, dank den Befehlen Theodahads, waren nicht hundert Gotenkrieger in
jenen Gegenden zu finden.
Das kurze Vorpostengefecht am Passe Jugum war der einzige Aufenthalt, auf
den die Griechen stießen: die römische Bevölkerung von Bruttien mit den
Städten Regium, Vibo und Squyllacium, Tempsa und Croton, Ruscia und
Thurii, von Calabrien mit den Städten Gallipolis, Tarentum und Brundusium,
von Lucanien mit den Städten Velia und Buxentum, von Apulien mit den
Städten Acheruntia und Canusium, Salernum, Nuceria und Campsä, und viele
andere Städte nahmen Belisar mit Jubel auf, als er ihnen im Namen des
rechtgläubigen Kaisers Justinian die Befreiung von dem Joche der Ketzer
und Barbaren verkündete. Bis an den Aufĭdus im Osten, bis an den Sarnus im
Südwesten war Italien den Goten entrissen und erst an den Wällen von
Neapel brach sich der Ungestüm dieser feindlichen Wogen.
Und wohl ein herrliches Kriegsschauspiel waren diese Heerlager Belisars zu
nennen. Im Norden, vor der Porta Nolana, dehnte sich das Lager Johannes
des Blutigen. Diesem tapfern Führer war die Via Nolana anvertraut und die
Aufgabe, die Straße nach Rom zu erzwingen. Hier in den breiten
Wiesenflächen, auf den Saatfeldern fleißiger Goten, tummelten die
Massageten und die gelben Hunnen ihre kleinen, häßlichen Gäule. Daneben
lagerten leichte persische Söldner, in Linnenpanzern, mit Pfeil und Bogen;
dann schwere armenische Schildträger, Makedonen mit zehn Fuß langen
»Sarissen« (Lanzen) und große Massen thessalischer und thrakischer, aber
auch saracenischer Reiter, zu verhaßter Unthätigkeit in diesem
Belagerungskampf verurteilt und ihre Muße nach Kräften ausfüllend mit
Streifzügen ins Innere des Landes.
Das mittlere Lager, gerade im Osten der Stadt, war von dem Hauptheer
erfüllt: Belisars großes Feldherrnzelt von blauer sidonischer Seide, mit
dem Purpurwimpel, ragte in seiner Mitte. Hier stolzierte die Leibwache,
die Belisar selbst bewaffnete und besoldete und zu der nur die erlesensten
Leute, die sich dreimal durch Todesverachtung im Kampf ausgezeichnet,
zugelassen wurden: – aus ihr gingen Belisars Schüler und beste Heerführer
hervor, – in reichvergoldeten Helmen mit rothen Roßhaarkämmen, den besten
Brust- und Beinharnischen, ehernen Schilden, dem breiten Schwert und der
partisanen-gleichen Lanze. Hier bildeten den Kern des Fußvolks achttausend
Illyrier, die einzige gute Truppe, die das Griechenreich noch selbst
stellte: hier aber lagerten auch unter dem Befehl ihrer Stammesfürsten die
avarischen, bulgarischen, sarmatischen und auch germanischen Scharen, wie
Heruler und Gepiden, die Byzanz um schweres Geld werben mußte, den Mangel
der kriegsfähigen Mannschaft zu decken. Hier auch die ausgewanderten und
die vielen Tausend übergegangenen Italier.
Endlich das südwestliche Lager, das sich dem Strand entlang dehnte,
befehligte Martinus, der den Belagerungswerkzeugen vorstand: hier standen
die Katapulten und Ballisten, die Mauerbrecher und Wurfmaschinen in
Vorrat: hier wogten die isaurischen Bundesgenossen und die Scharen, die
das neu von den Vandalen zurückeroberte Afrika stellte: maurische,
numidische Reiter, libysche Schleuderer durcheinander.
Aber vereinzelt waren Abenteurer und Söldner fast aus allen
Barbarenstämmen der drei Erdteile vertreten: Bajuvaren von der Donau,
Alamannen vom Rhein, Franken von der Maas, Burgunden von der Rhone, dann
wieder Anten vom Dniester, Lazier vom Phasis, pfeilkundige Abasgen,
Sabiren, Lebanthen und Lykaonen aus Asien und Afrika. So bunt
zusammengesetzt aus barbarischen Haufen war die Kriegsmacht, mit der
Justinian die gotischen »Barbaren« vertreiben und Italien befreien wollte.
Den Befehl über die Vorposten hatten immer und überall die Leibwächter
Belisars: und diese Kette zog sich um die Stadt her von der Porta Capuana
fast bis an die Wogen des Meeres. Neapolis aber war schlecht befestigt und
schwach besetzt. Nicht tausend Goten waren es, welche die ausgedehnten
Werke gegen ein Heer von vierzigtausend Byzantinern und Italiern
verteidigen sollten.
Graf Uliaris, der Befehlshaber der Stadt, war ein tapfrer Mann und hatte
bei seinem Bart geschworen, die Feste nicht zu übergeben. Aber auch er
hätte der überlegnen Macht und Feldherrnkunst Belisars wohl nicht lange
widerstehen können, wäre nicht ein glücklicher Umstand ihm zu Hilfe
gekommen. Das war die unzeitige Rückkehr der griechischen Flotte nach
Byzanz. Als nämlich Belisar, nachdem er sein gelandetes Heer in Regium
eine Nacht geruht und gemustert hatte, den allgemeinen Aufbruch mit der
Land- und Seemacht gegen Neapolis befahl, sandte ihm sein Nauarchos Konon
einen bisher geheim gehaltnen Auftrag des Kaisers, wonach die Flotte
sofort nach der Landung nach Nikopolis an der griechischen Küste
zurücksegeln solle, angeblich, neue Verstärkungen herüberzuholen, in
Wahrheit aber nur, den Prinzen Germanus, Justinians Neffen, mit den
kaiserlichen Lanzenträgern nach Italien zu führen, der die Siegesschritte
Belisars beobachten, überwachen, nötigenfalls hemmen und, als
Oberfeldherr, die Interessen des kaiserlichen Mißtrauens gegen den
Unterfeldherrn Belisar wahren sollte. Zähneknirschend mußte Belisar seine
Flotte im Augenblick, da er ihrer am meisten bedurfte, absegeln sehen: und
nur mit vielen Bitten erlangte er, daß ihm der Nauarch vier Kriegstrieren,
die noch bei Sicilien kreuzten, zu senden versprach.
So hatte denn Belisar, als er sich anschickte Neapolis zu belagern, die
Stadt zwar von Nordost, Ost und Südost mit seiner Landmacht eng
einschließen können: – den Westen, die Straße nach Rom, durch Castellum
Tiberii gedeckt, hielt Graf Uliaris mit höchster Kraft frei: – aber den
Hafen von Neapolis und seine Verbindung mit der See hatte er nicht zu
sperren vermocht.
Anfangs zwar tröstete er sich damit, daß ja auch die Belagerten keine
Flotte hätten und also von ihrer Verbindung mit dem Meer nicht eben viel
Vorteil würden ziehen können. Aber hier trat ihm zuerst die Begabung und
die Kühnheit eines Gegners in den Weg, den er später noch mehr fürchten
lernen sollte. Das war Totila. Kaum hatte dieser Neapolis erreicht, der
Leiche des alten Valerius mit Julius die letzte Ehre erwiesen und die
ersten Thränen Valerias getrocknet, als er mit rastloser Thätigkeit an der
Aufgabe arbeitete, eine Flotte aus dem Nichts zu schaffen.
Er war Befehlshaber des Geschwaders von Neapolis: aber dieses ganze
Geschwader hatte König Theodahad schon vor Wochen, trotz Totilas
Vorstellungen, Belisar aus dem Wege, nach Pisa beordert, wo es die
Arnusmündung bewachen sollte. So besaß Totila von Anfang nichts als drei
leichte Wachtschiffe, von denen er zwei bei Sicilien verloren hatte: und
er war nach Neapolis gekommen, an jedem Widerstand zur See verzweifelnd.
Aber da er das Unglaubliche vernahm, daß die byzantinische Flotte nach
Hause gegangen sei, belebte sich sofort seine Hoffnung. Und nun ruhte er
nicht, bis er aus großen Fischerbooten, Kaufmannsschiffen, Hafenkähnen und
in der Eile notdürftig seetüchtig gemachten Wracks der Werften sich eine
kleine Flottille von etwa zwölf Segeln gebildet, die freilich weder einen
Sturm auf hoher See noch einem einzigen Kriegsschiff Trotz bieten konnte,
aber doch vortreffliche Dienste leistete, die sonst völlig abgeschnittene
Stadt von Bajä, Cumä und anderen Städten im Nordwesten her mit
Lebensmitteln zu versehen, die Bewegungen der Feinde an den Küsten zu
beobachten und mit unaufhörlichen Angriffen zu quälen, indem Totila mit
einer kleinen Schar oft im Süden, im Rücken der griechischen Lager,
landete, sich ins Land schlich, bald hier, bald da einen Trupp der Feinde
überfiel und zersprengte und solche Unsicherheit verbreitete, daß sich die
Byzantiner nur in starken Abteilungen und nie zu weit von ihren Lagern zu
entfernen wagten, während diese Erfolge die hart bedrängte, von steten
Wachdiensten und Kämpfen angegriffene Mannschaft des Uliaris immer wieder
ermutigten.
Bei alledem konnte sich Totila nicht verhehlen, daß die Lage schon jetzt
eine höchst bedenkliche und, sowie einige griechische Schiffe vor der
Stadt erschienen, eine unhaltbare werde. Er verwandte daher einen Teil
seiner Boote dazu, täglich eine Anzahl von wehrunfähigen Einwohnern aus
Neapolis aufwärts nach Bajä und Cumä zu schaffen, wobei er die Anforderung
der Reichen, daß diese Rettungsfahrten nur gegen Bezahlung stattfinden
sollten, streng zurückwies und ohne Unterschied Arme wie Reiche in seine
rettenden Schiffe aufnahm. Vergebens hatte Totila wiederholt und immer
dringender Valeria gebeten, unter dem Schutz von Julius auf diesen
Schiffen zu flüchten: noch wollte sie sich nicht von dem Sarge ihres
Vaters, noch von dem Geliebten nicht trennen, dessen Lob als des Schirmers
der Stadt sie nur zu gern aus aller Munde einsog. Und ruhig fuhr sie fort,
in dem väterlichen Hause ihrer Trauer und ihrer Liebe zu leben.
Drittes Kapitel.
In diesen ersten Tagen der Belagerung empfand auch Miriam die höchsten
Freuden und die höchsten Schmerzen ihrer Liebe.
Häufiger als je konnte sie sich in des Geliebten Anblick sonnen: denn die
Porta Capuana war ein wichtiger Punkt der Befestigung, den der Seegraf oft
besuchen mußte. In der Turmstube des alten Isak hielt er täglich mit Graf
Uliaris den traurigen Kriegsrat. Dann pflegte Miriam, wann sie die Männer
begrüßt und das schlichte Mahl von Früchten und Wein auf den Tisch
gestellt, hinunterzuschlüpfen in das enge Gärtlein, das dicht hinter der
Turmmauer lag. Der Raum war ursprünglich ein kleiner Hof im Tempel der
Minerva, der Mauerbeschützerin, gewesen, der man gern an den Hauptthoren
der Städte einen Altar errichtete.
Seit Jahrhunderten war der Altar verschwunden: aber noch ragte hier der
alte mächtige Olivenstamm, der einst die der Göttin geweihte Statue
beschattet hatte: und ringsum dufteten die Blumen, die Miriams liebevolle
Hand hier gepflegt und oft für die Braut des Geliebten gebrochen hatte.
Gerade gegenüber dem riesigen Ölbaum, dessen knorrige Wurzeln über die
Erde hervorstarrten und eine dunkle Öffnung in den Erdgeschossen des alten
Tempels zeigten, war von dem Christentum ein großes, schwarzes Holzkreuz
angebracht über einem kleinen Betschemel, der aus einer Marmorstufe des
Minervatempels gebildet war: man liebte, die Stätten des alten
Gottesdienstes dem neuen zu unterwerfen und die alten Götter, die jetzt zu
Dämonen geworden, durch die Sinnbilder des siegreichen Glaubens zu
verscheuchen.
Unter diesem Kreuz saß das schöne Judenmädchen oft stundenlang mit der
alten Arria, der halbblinden Witwe des Unterpförtners, die, nach dem
frühen Tod von Isaks Weib, wie eine Mutter das Heranblühen der kleinen
Miriam mit ihren Blumen in dem öden Gestein der alten Mauern überwacht
hatte. Da hatte diese viele Jahre lang still lauschend zugehört, wie die
fromme Alte in fleißigem Gebet zu dem Gott der Christen flehte: und
unwillkürlich war so mancher Strahl der mildern, hellern Liebeslehre des
Nazareners in das Herz der Heranwachsenden gedrungen.
Jetzt da Alter und Erblindung die Witwe hilfsbedürftig gemacht, vergalt
Miriam mit liebevoller Treue der Pflegerin ihrer Kindheit. Mit Rührung
nahm Arria diese Treue hin; ihr altes Herz umschloß mit Dank und Liebe und
Mitleid das herrliche Geschöpf, dessen mächtige Liebe zu dem jungen Goten
sie längst erkannt und beklagt, aber nie gegenüber der scheuen Jungfrau
berührt hatte.
Am Abend des dritten Tages der Belagerung schritt Miriam nachdenklich die
breiten Mauerstufen nieder, die von der Turmpforte in den Garten führten:
ihr edles, seelentiefes Auge glitt, in ernstes Sinnen verloren, über die
duftigen Blumen der Beete hin: auf der letzten Stufe blieb sie träumend
stehen, die linke Hand auf den Mauerrand lehnend. Arria kniete auf dem
Betschemel, ihr den Rücken wendend, und betete laut. Sie würde die Nahende
nicht bemerkt haben, wenn nicht geflügeltes Leben plötzlich den stillen
Hof beseelt hätte: denn in den breiten Zweigen der Olive nisteten die
schönsten, weißen Tauben, der einsamen Miriam einzige Gespielinnen. Als
diese die vertraute Gestalt auf den Stufen erscheinen sahen, erhoben sie
sich alle, in schwirrendem Flug ihr Haupt umschwärmend; eine ließ sich auf
des Mädchens linke Schulter nieder, die andere auf das feine Gelenk der
Rechten, die Miriam, aus ihrem Traume geweckt, lächelnd ausstreckte.
»Du bist’s, Miriam! deine Tauben verkünden dich!« sprach Arria sich
wendend. Und das schöne Mädchen stieg die letzte Stufe nieder, langsam,
die Vögel nicht zu verscheuchen: die Abendsonne fiel durch die Blätter der
Olive auf ihre pfirsichroten Wangen: es war ein lieblich Bild.
»Ich bin’s, Mutter!« sagte Miriam, sich zu ihr setzend. »Und ich hab’ eine
Bitte. Wie lautet,« fragte sie leiser, »dein Spruch vom Leben nach dem
Tode, dein Glaubensspruch? – »ich glaube an die Gemeinschaft«« – –
»An die Gemeinschaft der Heiligen, Auferstehung des Fleisches und ein
ewiges Leben.« – »Wie kömmst du auf diese Gedanken.«
»Ei nun,« sagte Miriam, »mitten im Leben stehen wir im Tode, sagt der
Sänger von Zion. Und jetzt wir besonders! Fliegen nicht täglich Pfeile und
Steine in die Straßen? Aber – ich will noch Blumen pflücken!« sprach sie
wieder aufstehend.
Arria schwieg einen Augenblick. »Jedoch der Seegraf war heute schon da:
mir ist, ich hätte seine helle Stimme gehört.«
Miriam errötete leicht. »Sie sind nicht für ihn,« – sprach sie dann ruhig
– »für sie.« – »Für sie?« – »Ja, für seine Braut. Ich habe sie heute zum
erstenmal gesehen. Sie ist sehr schön. Ich will ihr Rosen schenken.« – »Du
hast sie gesprochen. Wie ist sie geartet?«
»Nur gesehen, sie bemerkte mich nicht. Ich schlich schon lange um den
Palast der Valerier, seit sie hier ist. Heute ward sie in die Sänfte
gehoben, sie ward in die Basilika getragen. Ich lehnte hinter der Säule
ihres Hauses.«
»Nun, ist sie seiner würdig?«
»Sie ist sehr schön. Und vornehm. Und klug sieht sie aus: auch gut. Aber,«
seufzte Miriam, »nicht glücklich. Ich will ihr Rosen schenken. – Mutter,«
sagte sie, nach einiger Zeit sich wieder mit ihren duftigen Blumen zu ihr
setzend, »was bedeutet das: die Gemeinschaft der Heiligen. Sollen nur die
Christen dann beisammen leben? Nein, nein!« fuhr sie fort, ohne die
Antwort abzuwarten, »das kann nicht sein. Entweder alle, alle Guten oder«
– und sie seufzte. »Mutter, in den Büchern Mosis steht nichts davon, daß
die Menschen erwachen aus dem Tode. O und es wäre auch so schrecklich
nicht,« sprach sie, die Rosen zusammenfügend, »endlich ausruhn! Ganz
ausruhn! In süßer, stiller, traumloser Nacht. Ausruhn vom Leben! Denn
giebt es Leben ohne Schmerz? ohne Sehnen? ohne leisen, niegestillten
Wunsch? Ich kann’s nicht denken.«
Und sie hielt inne im Flechten ihres Kranzes, und stützte das Haupt auf
das Handgelenk. Die Tauben flogen weg: denn die Herrin achtete ihrer
nicht.
»Den Seinen hat der Herr,« sprach Arria feierlich, »die selige Stätte
bereitet: sie wird nicht mehr hungern noch dürsten. Es wird auch nicht auf
sie fallen die Sonne, oder irgend eine Hitze. Denn Gott der Herr wird sie
leiten zu dem lebendigen Wasserbrunnen und abwischen alle Thränen von
ihren Augen.«
»Alle Thränen von ihren Augen,« sprach Miriam nach. »Rede weiter. Es
klingt so gut.«
»Dort werden sie leben, wunschlos, den Engeln gleich: und sie werden Gott
schauen und sein Friede wird Palmenschatten über sie breiten: sie werden
vergessen Haß und Liebe und Schmerz und alles, was ihre Herzen bewegt auf
Erden. Und ich habe viel gebetet, Miriam, für dich: und auch deiner wird
sich der Herr erbarmen und dich versammeln zu den Seinen.«
Aber Miriam schüttelte leise das Haupt. »Nein, Arria, da ist fast besserer
Trost der ewige Schlaf. Denn wie kann deine Seele lassen von dem, was
deiner Seele Leben ist? Wie kannst du abthun dein tiefstes Sein und doch
dieselbe bleiben? Wie soll ich selig sein und vergessen was ich liebe?
Ach, nur das, daß wir lieben, ist ja des Lebens wert. Und hätt’ ich zu
wählen: hier alle Seligkeit des Himmels und sollte abthun meines Herzens
einzig Gut: oder behalten meines Herzens Liebe mit all’ ihrer ewigen
Sehnsucht, – ich neidete den Seligen ihren Himmel nicht. Ich wählte meine
Liebe und mein Weh.«
»Kind, sprich nicht so! lästre nicht. Sieh, was geht über Mutterliebe?
nichts auf Erden! Doch wird auch sie im Himmel nicht mehr leben! Die
Liebe, die das Mädchen zieht zum Mann, sie ist ein Traum von Gold.
Mutterliebe ist ein ehern Band, das ewig schmerzend bindet. O mein
Jucundus, mein Jucundus! Möchtest du bald wieder kommen, daß ich dich noch
schauen kann hienieden, eh meine Augen volle Nacht bedeckt. Denn droben im
Himmelreich wird auch die Mutterliebe untergehen in der ewigen Liebe
Gottes und der Heiligen. Und doch möcht’ ich ihn noch einmal fassen und
umfangen und mit den Händen betasten sein geliebtes Haupt. Und höre nur,
Miriam: ich hoffe und vertraue: bald, bald werd’ ich ihn wiedersehen.«
»Du darfst mir nicht sterben, Arria.« – »Nein, so mein’ ich’s nicht! hier
auf Erden noch muß ich ihn wiedersehen. Ich muß ihn wieder kommen sehen
des Weges, den er gegangen.«
»Mutter,« sagte Miriam sanft, wie man einem Kinde einen Wahn ausredet,
»wie magst du noch immer daran glauben! Dein Jucundus ist seit dreißig
Jahren verschwunden!«
»Und doch kann er wiederkommen! Es ist nicht möglich, daß der Herr all’
meiner Thränen nicht geachtet, all’ meiner Gebete. Was war er für ein
braver Sohn! Mit seiner Hände Arbeit ernährte er mich, bis er erkrankte
und Axt und Schaufel nicht mehr führen konnte: und wir litten Not. Da
sprach er: »Mutter, ich kann’s nicht mehr mit ansehen, daß du darbest. Du
weißt, in den Gängen des alten Tempels, dort unter dem Olivenstamm, sind
Schätze der Heidenpriester vergraben: der Vater drang einmal hinein und
brachte eine goldene Spange zurück. Ich will hineinschlüpfen, so tief ich
kann, ob ich von dem verborgnen Gold nichts finde: und Gott wird mich
beschützen.« – Und ich sagte Amen. Denn die Not war schwer: und ich wußte
wohl, der Herr werde den frommen Sohn der Witwe behüten.
Und wir beteten miteinander eine Stunde, hier vor dem Kreuz. Und dann
erhob sich mein Jucundus und drang in die Höhlung dort unter den Wurzeln
der Olive. Ich horchte dem Schall seiner Bewegungen, bis er verhallte.
Er ist noch immer nicht zurückgekommen.
Aber tot ist er nicht! O nein! Kein Tag vergeht, daß ich nicht denke:
heut’ führt ihn Gott zurück. War nicht auch Joseph fern lange Jahre in
Ägyptenland? und doch haben Jakobs Augen ihn wieder gesehen. Und mir ist,
heut’ oder morgen sehe ich ihn wieder. Denn heute Nacht im Traum hab’ ich
ihn gesehen, wie er im weißen Gewand heraufschwebte aus der Höhlung dort:
und beide Arme breitete er aus: und ich rief ihn beim Namen und wir waren
vereint auf ewig. Und so wird’s werden: denn der Herr erhöret das Flehen
der Betrübten und wer ihm traut, wird nicht zu Schanden werden.«
Und die Alte erhob sich, drückte Miriams Hand und ging in ihr kleines
Häuschen.
Allmählich war der Mond voll aufgegangen und erhellte zauberisch das enge
Gärtchen, in das des Turmes schwere Schatten fielen: und stark dufteten
die Rosen. Miriam stand auf und blickte an dem Kreuz empor. »Welch
mächtiger Glaube! welch lebendiger Trost! welch milde Lehre! Ist es so?
Ist der Mann, der dort am Kreuz in Todesweh das Haupt gebeugt, ist er der
Messias? Ist er aufgefahren gen Himmel und sorget für die Seinen, wie ein
Hirt, der seine Lämmer weidet? – – – Ich aber zähle nicht zu seiner Herde!
An jenem Trost hat Miriam keinen Teil. Mein Trost ist meine Liebe mit all’
ihrem Weh: sie ist meine Seele selbst geworden. Und ich sollte einst dort
oben über den Sternen hinschweben, ohne diese Liebe? Dann wär’ ich nicht
Miriam mehr! Oder soll ich sie mit hinauf tragen: und wieder zurückstehen?
und wieder durch alle Ewigkeit die Römerin an seiner Seite sehen? Sollen
sie dort wohnen und wandeln in der Fülle des Glanzes und ich im trüben
Nebel einsam folgen und nur von ferne leuchten sehen den Saum seines
weißen Gewandes? Nein, o nein, viel besser, wie meine Blumen hier,
erblühen am Sonnenblick der Liebe, duften und glühen eine kurze Weile, bis
sie die Sonne versengt, die sie geweckt und geopfert hat: und verwehen in
ewige Ruhe, nachdem der weiche, süße, unselige Drang nach dem Lichte
gebüßt ...« – –
»Gute Nacht, Miriam, lebewohl!« rief eine melodische Stimme.
Und fast erschrocken blickte sie auf: und sah noch des Goten weißen Mantel
vor der Treppe um die Ecke verschwinden. Uliaris ging nach der
entgegengesetzten Seite. Rasch sprang sie die Stufen hinan und sah dem
weißen Mantel, der silbern im Mondlicht glänzte, nach, lang, lang, bis er
verschwand in fernen Schatten.
Viertes Kapitel.
Alle Tage zweimal traten so Uliaris und Totila zusammen, berichteten ihre
Erfolge, ihre Verluste und prüften ihre Aussichten zur Rettung der Stadt.
Aber am zehnten Tage der Belagerung etwa rasselte Uliaris vor Tagesanbruch
auf das Verdeck von Totilas »Admiralschiff«, eines morschen
Muränenfängers, wo der Seegraf von Neapel, von einem zerfetzten Segel
gedeckt, schlief. »Was ist?« rief Totila auffahrend, noch im Traum, »der
Feind? wo?« – »Nein, mein Junge, diesmal ist’s noch Uliaris, nicht
Belisar, der dich weckt. Aber lange, beim Strahl, wird’s nicht mehr
dauern.« – »Uliaris, du blutest – dein Kopf ist verbunden!« – »Bah, war
nur ein Streifpfeil! Zum Glück kein giftiger. Ich holt’ ihn mir heut’
Nacht. Du mußt wissen: die Dinge stehen schlecht, schlechter als je seit
gestern. Der blutige Johannes, Gott hau’ ihn nieder, gräbt sich wie ein
Dachs an unser Kastell Tiberii: und hat er das, dann: gute Nacht,
Neapolis! Gestern Abend hat er eine Schanze auf dem Hügel über uns
vollendet und wirft uns Brandpfeile auf die Köpfe. Ich wollt’ ihn heute
Nacht aus seinem Bau werfen, ging aber nicht. Sie waren sieben gegen einen
und ich gewann nichts damit als diesen Schuß vor meinen grauen Kopf.«
»Die Schanze muß weg,« sagte Totila nachsinnend.
»Den Teufel auch, aber sie will nicht!
Allein mehr. Die Bürger, die Einwohner fangen an, schwierig zu werden.
Täglich schießt Belisar hundert stumpfe Pfeile mit seinem »Aufruf zur
Freiheit!« herein. Die wirken mehr noch als die tausend scharfen. Schon
fliegt hier und da ein Steinwurf von den Dächern auf meine armen Burschen.
Wenn das wächst – –! – Wir können nicht mit tausend Mann vierzigtausend
Griechen draußen abhalten und dreißigtausend Neapolitaner drinnen: drum
meine ich« – und sein Auge blickte finster –
»Was meinst du?«
»Wir brennen ein Stück der Stadt nieder! Die Vorstadt wenigstens ...« –
»Damit uns die Leute lieber gewinnen? Nein, Uliaris, sie sollen uns nicht
mit Recht Barbaren schelten. Ich weiß ein besser Mittel – sie hungern: ich
habe gestern vier Schiffsladungen Öl und Korn und Wein hereingeführt, die
will ich verteilen.« – »Öl und Korn, meinethalben! aber den Wein, nein!
Den fordre ich für meine Goten, die trinken schon lang Cisternenwasser,
pfui Teufel!« – »Gut, durstiger Held, ihr sollt den Wein für euch haben.«
– »Nun? Und noch keine Botschaft von Ravenna? von Rom?« – »Keine! Mein
fünfter Bote ist gestern fort.« – »Gott hau’ ihn nieder, unsern König.
Höre Totila, ich glaube nicht, daß wir lebendig aus diesen wurmstichigen
Mauern kommen!«
»Ich auch nicht!« sagte Totila ruhig und bot seinem Gast einen Becher
Wein.
Uliaris sah ihn an: dann trank er und sagte: »Goldjunge, du bist echt und
dein Cäkuber auch. Und muß ich hier umkommen, wie ein alter Bär unter
vierzig Hunden, – mich freut’s doch, daß ich dich dabei so gut kennen
gelernt: dich und deinen Cäkuber.« Mit dieser rauhen Freundlichkeit stieg
der graue Gote vom Verdeck.
Totila schickte den Leuten im Kastell Wein und Korn und sie labten sich
herzlich daran. Als aber Uliaris am andern Morgen aus dem Turm des
Kastells lugte, rieb er sich die Augen. Denn auf der Hügelschanze wehte
die blaue gotische Fahne. Totila war in der Nacht im Rücken der Feinde
gelandet und hatte das Werk in kühnem Anlauf genommen.
Aber diese neue Keckheit reizte den ganzen Zorn Belisars. Er schwur, den
verwegnen Planken ein Ende zu machen um jeden Preis. Höchst erwünscht
trafen ihm zur Stunde die vier Kriegsschiffe von Sicilien her aus der Höhe
von Neapolis ein. Er befahl, sie sollten sofort in den Hafen von Neapolis
dringen und den Seeräubern das Handwerk legen. Stolz rauschten noch am
Abend des gleichen Tages die vier mächtigen Trieren heran und legten sich
an der Einfahrt des Hafens vor Anker. Belisar selbst eilte mit seinem
Gefolge an die Küste und freute sich, die Segel von der Abendsonne
vergoldet zu sehen: »Die aufgehende Sonne sieht sie in den Hafen der Stadt
fahren trotz jenem Tollkopf,« sprach er zu Antonina, die ihn begleitete,
und wandte seinen Schecken zurück nach dem Lager.
Noch hatte er am andern Morgen das Feldbett nicht verlassen – Prokopius,
sein Rechtsrat, stand vor ihm und las ihm den entworfnen Bericht an
Justinian – da erschien in seinem Zelt Chanaranges, der Perser, der Führer
der Leibwächter, und rief: »Die Schiffe, Feldherr, die Schiffe sind
genommen.«
Wütend sprang Belisar aus den Decken und rief: »Der soll sterben, der das
sagt.«
»Besser wäre es,« meinte Prokopius, »der stürbe, der es gethan.« – »Wer
war es?« – »Ach Herr, der junge Gote mit blitzenden Augen und dem
leuchtenden Haar.« – »Totila!« sprach Belisar, »schon wieder Totila.«
»Die Bemannung lag zum Teil am Strand, bei meinen Vorposten, zum Teil
schlaftrunken unter Deck. Plötzlich, um Mitternacht, wird’s lebendig
ringsum, als wären hundert Schiffe aus der Tiefe des Meeres getaucht.« –
»Hundert Schiffe! Zehn Nußschalen hat er!« – »Im Augenblick und lang, eh’
wir vom Strand zu Hilfe kommen können, sind die Schiffe geentert, die
Leute gefangen, eine der Trieren, deren Ankertau nicht rasch zu kappen
war, in Brand gesteckt, die andern drei nach Neapolis geführt.«
»Sie sind noch früher in den Hafen gekommen, als du dachtest, o Belisar,«
sprach Prokopius. Aber Belisar hatte sich jetzt wieder ganz in der Gewalt.
»Nun hat der kecke Knabe Kriegsschiffe! nun wird er unerträglich werden.
Jetzt muß ein Ende werden.« Er drückte den prächtigen Helm auf das
majestätische Haupt: »Ich wollte der Stadt, der römischen Einwohner
schonen: es geht nicht länger. Prokopius, geh und entbiete hierher die
Feldherren Magnus, Demetrius und Constantianus, Bessas und Ennes, und
Martinus, den Geschützmeister; ich will ihnen zu thun geben vollauf. Sie
sollen ihres Sieges nicht froh werden, die Barbaren, sie sollen Belisar
kennen lernen.«
Alsbald erschien im Zelte des Oberfeldherrn ein Mann, der trotz des
Brustpanzers, den er trug, mehr einem Gelehrten als einem Krieger glich.
Martinus, der große Mathematiker, war eine friedliche, sanfte Natur, die
lange im stillen Studium des Euklid ihre Seligkeit gefunden. Er konnte
kein Blut sehen und keine Blume knicken. Aber seine mathematischen und
mechanischen Studien hatten ihn eines Tages dahin geführt, eine neue
Wurfmaschine von furchtbarer Schleuderkraft, wie im Vorbeigehn, zu
erfinden; er legte den Plan Belisar vor und dieser, entzückt, ließ ihn gar
nicht mehr in sein Studierzimmer zurück, sondern schleppte ihn sofort zum
Kaiser und zwang ihn »Geschützmeister des Magister-Militum per Orientem«,
d. h. eben Belisars, zu werden; er erhielt einen glänzenden Sold und war
kontraktlich verpflichtet, jedes Jahr eine neue Kriegsmaschine
herzustellen. Mit Seufzen ersann nun der sanfte Mathematiker jene
gräßlichen Zerstörungswerkzeuge, welche die Wälle der Festen, die Thore
der Burgen niederschmetterten, unlöschbares Feuer in die Städte der Feinde
Justinians schleuderten und Menschen zu vielen Tausenden niederrafften. Er
hatte wohl jedes Jahr seine Freude an der mathematischen Aufgabe, die er
in unermüdlichem Fleiß sich stellte: aber war nun die Aufgabe gelöst, so
dachte er mit Schaudern an die Wirkungen seiner Gedanken. Mit trauriger
Miene erschien er deshalb vor Belisar.
»Martine, Zirkeldreher,« rief dieser ihm zu, »jetzt zeige deine Kunst! Wie
viele Katapulten, Ballisten, Wurfmaschinen im ganzen haben wir?« –
»Dreihundertfünfzig, Herr!« – »Gut! Verteile sie um unsre ganze
Belagerungslinie! Oben im Norden, bei der Porta Capuana und bei dem
Kastell, die Mauerbrecher gegen die Wälle! Sie müssen nieder und wären sie
Diamant. Vom Mittellager aus richte die Geschosse von oben, im Bogenwurf,
in die Straßen der Stadt. Biete alle Kraft auf, setze keinen Augenblick
aus, vierundzwanzig Stunden lang! Laß die Truppen sich ablösen. Laß alle
Werkzeuge spielen.«
»Alle, Herr?« sprach Martinus. »Auch die neuen? Die Pyrobalisten, die
Brandgeschosse?« – »Auch die! die zumeist!« – »Herr, sie sind gräßlich! du
kennst noch ihre Wirkung nicht.« – »Wohlan! Ich will sie kennen lernen und
erproben.« – »An dieser herrlichen Stadt? An des Kaisers Stadt? Willst du
Justinian einen Schutthaufen erobern?« Die Seele Belisars war edel und
groß.
Er war unwillig über sich, über Martinus, über die Goten. »Kann ich denn
anders?« zürnte er, »diese eisenköpfigen Barbaren, dieser tolldreiste
Totila zwingen mich ja. Fünfmal hab ich ihnen Ergebung angeboten. Es ist
Wahnsinn! Nicht dreitausend Mann stecken in den Wällen. Beim Haupte
Justinians! warum stehen die dreißigtausend Neapolitaner nicht auf und
entwaffnen die Barbaren?«
»Sie fürchten wohl deine Hunnen ärger als ihre Goten,« meinte Prokop.
»Schlechte Patrioten sind sie! Vorwärts Martinus! In einer Stunde muß es
brennen in Neapolis.«
»In kürzerer Zeit,« seufzte der Geschützmeister, »wenn es denn doch sein
muß. Ich habe einen kundigen Mann mitgebracht, der uns viel helfen kann
und die Arbeit vereinfachen: er ist ein lebendiger Plan der Stadt. Darf
ich ihn bringen?«
Belisar winkte und die Wache rief einen kleinen, jüdisch aussehenden Mann
herein. »Ah, Jochem, der Baumeister!« sprach Belisar. »Ich kenne dich
wohl, von Byzanz her. Du wolltest ja die Sophienkirche bauen. Was ward
daraus?« »Mit eurer Gunst, Herr: nichts.« – »Warum nichts?«
»Mein Plan belief sich nur auf eine Million Centenare Goldes: das war der
kaiserlichen Heiligkeit zu wenig. Denn je mehr eine Christenkirche
gekostet, desto heiliger und gottgefälliger ist sie. Ein Christ forderte
das Doppelte und erhielt den Auftrag.«
»Aber ich sah dich doch bauen in Byzanz?«
»Ja, Herr, mein Plan gefiel dem Kaiser doch! Ich änderte ein wenig, nahm
die Altarstelle heraus und baute ihm danach eine Reitschule.«
»Du kennst Neapolis genau? Von außen und innen?«
»Von außen und innen. Wie meinem Geldsack.«
»Gut, du wirst dem Strategen die Geschütze richten gegen die Wälle und in
die Stadt. Die Häuser der Gotenfreunde müssen zuerst nieder. Vorwärts!
mache deine Sache gut! sonst wirst du gepfählt. Fort!« – »Die arme Stadt!«
seufzte Martinus. »Aber du sollst sehen, Jochem, die Pyrobalisten, sie
sind höchst genau – und sie gehen so leicht – ein Kind kann sie loslassen!
Und sie wirken allerliebst.«
Und nun begann entlang dem ganzen Lager eine ungeheure und
verderbenschwangere Thätigkeit. Die Gotenwachen auf den Zinnen sahen
herab, wie die schweren Kolosse, die Maschinen, mit zwanzig bis dreißig
Rossen, Kamelen, Eseln, Rindern bespannt, längs den Mauern hingezogen und
auf der ganzen Linie verteilt wurden. Besorgt eilten Totila und Uliaris
auf die Wälle und suchten, Gegenmaßregeln zu treffen. Säcke mit Erde
wurden an den von den Mauerbrechern bedrohten Stellen herabgelassen:
Feuerbrände bereit gehalten, die Maschinen, wann sie nahten, in Brand zu
stecken; siedendes Wasser, Pfeile und Steine gegen die Bespannung und die
Bedienung gerichtet: und schon lachten die Goten der feigen Feinde, als
sie bemerkten, wie die Maschinen, weit außer der gewohnten Schußweite und
den Belagerten völlig unerreichbar, Halt machten.
Aber Totila lachte nicht.
Er erschrak, wie die Byzantiner ruhig die Bespannung abschirrten und ihre
Maschinen spannten. Noch war kein Geschoß entsandt.
»Nun?« spottete der junge Agila neben Totila, »wollen sie uns von da aus
beschießen? Doch lieber gleich von Byzanz her übers Meer! Es wäre noch
sicherer!« Er hatte noch nicht ausgeredet, als ein vierzigpfündiger Stein
ihn und die ganze Zinne, auf der er stand, herunterschmetterte: Martinus
hatte die Tragweite der Ballisten verdreifacht. Totila sah ein, daß sie
völlig widerstandslos sich von den Feinden mit Geschossen überhageln
lassen mußten.
Entsetzt sprangen die Goten von den Wällen herab und suchten Schutz in den
Straßen, den Häusern, den Kirchen. Vergebens! Tausende und Tausende von
Pfeilen, Speeren, schweren Balken, Steinen, Steinkugeln sausten und
pfiffen im sichern Bogenschuß auf ihre Köpfe: ganze Felstrümmer kamen
geflogen und schlugen krachend durch Holzwerk und Getäfel der festesten
Dächer, während im Norden gegen das Kastell unaufhörlich der Sturmbock mit
seinen zermürbenden Stößen donnerte. Indes der dichte Hagel der Geschosse
buchstäblich die Luft verfinsterte, betäubte das prasselnde Niederfallen
der Steine, das brechende Gebälk, die zerschmetterten Zinnen und der
Weheschrei der Getroffenen das Ohr mit furchtbarem Lärm. Erschrocken
flüchtete die zitternde Bevölkerung in die Keller und Gewölbe ihrer
Häuser, Belisar und die Goten um die Wette verfluchend.
Aber noch hatte die bebende Stadt das Ärgste nicht erfahren.
Auf dem Marktplatz, dem Forum des Trajan, nahe dem Hafen, stand ein
ungedecktes Haus, eine Art Schiffsarsenal, mit altem wohl getrocknetem
Holz, Werg, Flachs, Teer und dergleichen vollgefüllt. Da kam zischend und
dampfend ein seltsames Geschoß gefahren, traf in das Holzwerk und im
Augenblick, da es niederfiel, schlug hellauflodernd die Flamme hervor und
verbreitete sich, von dem Schiffsmaterial genährt, mit Windeseile. Jubelnd
begrüßten draußen die Belagerer den hochaufwirbelnden Qualm und richteten
eifrig die Geschosse nach der Stelle, das Löschen zu hindern.
Belisar ritt zu Martinus heran. »Gut,« rief er, »Mann der Zirkel, gut! Wer
hat das Geschoß gerichtet?« – »Ich,« sprach Jochem, »o ihr sollt zufrieden
sein mit mir. Gebt acht! Seht ihr da, rechts von der Brandstätte, das hohe
Haus mit den Statuen auf flachem Dach? Das ist das Haus der Valerier, der
größten Freunde des Volkes von Edom. Gebt acht! Es soll brennen.«
Und sausend fuhr der Brandpfeil durch die Luft und bald darauf schlug eine
zweite Flamme aus der Stadt gen Himmel.
Da sprengte Prokop heran und rief: »Belisarius, dein Feldherr Johannes
läßt dich grüßen: das Kastell des Tiberius brennt, der erste Wall liegt
nieder.« Und so war es und bald standen vier, sechs, zehn Häuser in allen
Teilen der Stadt in vollen Flammen.
»Wasser!« rief Totila, durch eine brennende Straße nach dem Hafen
sprengend, »heraus, ihr Bürger von Neapolis! Löscht eure Häuser. Ich kann
keinen Goten von dem Wall lassen. Schafft Fässer aus dem Hafen in alle
Straßen! Die Weiber in die Häuser! – was willst du Mädchen? laß mich – Du
bist’s, Miriam? Du hier? Unter Pfeilen und Flammen? Fort, was suchst du?«
»Dich,« sprach das Mädchen. »Erschrick nicht. Ihr Haus brennt. Aber sie
ist gerettet.«
»Valeria! um Gott, wo ist sie?« – »Bei mir. In unserm dichtgewölbten Turm:
dort ist sie sicher. Ich sah die Flamme aufsteigen. Ich eilte hin. Dein
Freund mit der sanften Stimme trug sie aus dem Schutt: er wollte mit ihr
in die Kirche. Ich rief ihn an und führte sie unter unser Dach. Sie
blutet. Ein Stein hat sie verletzt, an der Schulter. Aber es ist ohne
Gefahr. Sie will dich sehen. Ich kam, dich zu suchen!«
»Kind, Dank! Aber komm! komm fort von hier!«
Und rasch faßte er sie und schwang sie vor sich auf den Sattel. Zitternd
schlang sie beide Arme um seinen Nacken. Er aber hielt schützend mit der
Linken den breiten Schild über ihr Haupt und im Sturm sprengte er mit ihr
durch die dampfende Straße nach der Porta Capuana.
»O jetzt – jetzt sterben – sterben an seiner Brust, wenn nicht mit ihm!«
betete Miriam.
Im Turme traf er Valeria, auf Miriams Lager gestreckt, unter Julius’ und
ihrer Sklavinnen Hut. Sie war bleich und geschwächt vom Blutverlust, aber
gefaßt und ruhig. Totila flog an ihre Seite: hochklopfenden Herzens stand
Miriam am Fenster und sah schweigend hinaus in die brennende Stadt. – –
Kaum hatte sich Totila überzeugt, daß die Verwundung ganz leicht, als er
aufsprang und rief: »Du mußt fort! sogleich! in dieser Stunde! In der
nächsten vielleicht erstürmt Belisar die Wälle. Ich habe alle meine
Schiffe nochmals mit Flüchtenden gefüllt: sie bringen dich nach Cajeta,
von da weiter nach Rom. Eile dann nach Taginä, wo ihr Güter habt. Du mußt
fort! Julius wird dich begleiten.«
»Ja,« sprach dieser, »denn wir haben Einen Weg.«
»Einen Weg? wohin willst du?«
»Nach Gallien, in meine Heimat. Ich kann den furchtbaren Kampf nicht
länger mit ansehn. Du weißt es selbst: ganz Italien erhebt sich gegen
euch, für eure Feinde: Meine Mitbürger fechten unter Belisar: soll ich
gegen sie, soll ich gegen dich meinen Arm erheben? Ich gehe.«
Schweigend wandte sich Totila zu Valeria.
»Mein Freund,« sagte diese, »mir ist: der Glückstern unsrer Liebe ist
erloschen für immer! Kaum hat mein Vater jenen Eid mit vor Gottes Thron
genommen, so fällt Neapolis, die dritte Stadt des Reichs.«
»So traust du unserm Schwerte nicht?«
»Ich traue eurem Schwert, – nicht eurem Glück! Mit den stürzenden Balken
meines Vaterhauses sah ich die Pfeiler meiner Hoffnung fallen. Lebwohl, zu
einem Abschied für lange. Ich gehorche dir. Ich gehe nach Taginä.«
Totila und Julius eilten mit den Sklaven hinaus, Plätze in einer der
Trieren zu sichern.
Valeria erhob sich vom Lager, da eilte Miriam herzu, ihr die glänzenden
Sandalen unter die Füße zu binden.
»Laß, Mädchen! du sollst mir nicht dienen,« sprach Valeria. – »Ich thue es
gern,« sagte diese flüsternd. »Aber gönne mir eine Frage.« Und mit Macht
traf ihr blitzendes Auge die ruhigen Züge Valerias. »Du bist schön und
klug und stolz – aber sage mir, liebst du ihn? – du kannst ihn jetzt
verlassen! – Liebst du ihn mit heißer, alles verzehrender, allgewaltiger
Glut, liebst du ihn mit einer Liebe wie –«
Da drückte Valeria das schöne, glühende Haupt des Mädchens wie verbergend
an ihre Brust: »Mit einer Liebe wie du? Nein, meine süße Schwester!
Erschrick nicht! Ich ahnt’ es längst nach seinen Berichten über dich. Und
ich sah es klar bei deinem ersten Blick auf ihn. Sorge nicht; dein
Geheimnis ist wohl gewahrt bei mir; kein Mann soll darum erfahren. Weine
nicht, bebe nicht, du süßes Kind. Ich liebe dich sehr um dieser Liebe
willen. Ich fasse sie ganz. Glücklich, wer, wie du, in seinem Gefühl ganz
aufgehen kann im Augenblick. Mir hat ein feindlicher Gott den
vorschauenden Sinn gegeben, der stets von der Stunde nach der Ferne
blickt. Und so seh’ ich vor uns dunkeln Schmerz und einen langen, finstern
Pfad, der nicht in Licht endet. Ich kann dir aber den Stolz nicht lassen,
daß deine Liebe edler sei als meine, weil sie hoffnungslos. Auch meine
Hoffnung liegt in Schutt. Vielleicht wäre es sein Glück geworden, die
duftige Rose deiner schönen Liebe zu entdecken: denn Valeria, – fürcht’
ich – wird die Seine nie. Doch leb wohl, Miriam! Sie kommen. Gedenke
dieser Stunde. Gedenke mein als einer Schwester und habe Dank, Dank für
deine schöne Liebe.«
Wie ein entdecktes Kind hatte Miriam gezittert und vor der
Allesdurchschauenden fliehen wollen. Aber diese edle Sprache überwältigte
die Scheu ihres Herzens: reich flossen die Thränen über die glühendroten
Wangen: und heftig preßte sie, vor Scheu und Scham und Weinen bebend, das
Haupt an der Freundin Brust.
Da hörte man Julius kommen, Valeria abzurufen.
Sie mußten sich trennen: nur einen einzigen raschen Blick aus ihren
innigen Augen wagte Miriam auf der Römerin Antlitz. Dann sank sie rasch
vor ihr nieder, umfaßte ihre Knie, drückte einen brennenden Kuß auf
Valerias kalte Hand und war im Nebengemach verschwunden.
Valeria erhob sich wie aus einem Traum und sah um sich.
Am Fenster in einer Vase duftete eine dunkelrote Rose.
Sie küßte sie, barg sie an ihrer Brust, segnete mit rascher Handbewegung
die trauliche Stätte, die ihr ein Asyl geboten, und folgte dann rasch
entschlossen Julius in einer gedeckten Sänfte nach dem Hafen, wo sie noch
von Totila kurzen Abschied nahm, ehe sie mit Julius das Schiff bestieg.
Alsbald drehte sich dieses mit mächtiger Wendung und rauschte zum Hafen
hinaus.
Totila sah ihnen wie träumend nach.
Er sah Valeriens weiße Hand noch Abschied winken: er sah und sah den
fliehenden Segeln nach, nicht achtend der Geschosse, die jetzt immer
dichter in den Hafen zu rasseln begannen. Er lehnte an einer Säule und
vergaß einen Augenblick die brennende Stadt und sich und alles.
Da weckte ihn der treue Thorismuth aus seinen Träumen.
»Komm, Feldherr,« rief ihm dieser zu, »überall such’ ich dich: Uliaris
will dich sprechen. – Komm, was starrst du hier in die See unter
klirrenden Pfeilen?«
Totila raffte sich langsam auf: »Siehst du,« sagte er, »siehst du das
Schiff? – Da fahren sie hin! –«
»Wer?« fragte Thorismuth.
»Mein Glück und meine Jugend,« sprach Totila und wandte sich, Uliaris zu
suchen.
Dieser teilte ihm mit, daß er, Zeit zu gewinnen, soeben einen
Waffenstillstand auf drei Stunden, den Belisar, um Unterhandlungen zu
führen, angetragen, angenommen habe. »Ich werde nie übergeben! Aber wir
müssen Ruhe haben, unsere Wälle zu flicken und zu stützen. Kömmt denn
nirgends Entsatz? hast du noch keine Nachricht auf dem Seeweg vom König?
»Keine.«
»Verflucht! Über sechshundert von meinen Goten sind vor den höllischen
Geschossen gefallen. Ich kann gar die wichtigsten Posten nicht mehr
besetzen! Wenn ich nur wenigstens noch vierhundert Mann hätte!«
»Nun,« sprach Totila nachsinnend, »die kann ich dir schaffen, denk’ ich.
In dem Castellum Aurelians, auf der Straße nach Rom, liegen
vierhundertfünfzig Mann Goten. Sie haben bisher erklärt, vom König
Theodahad den unsinnigen, aber strengen Befehl zu haben, nicht Neapolis zu
verstärken. Aber jetzt in dieser höchsten Not! – Ich selbst will hin,
während des Waffenstillstandes, und alles aufbieten, sie zu holen.«
»Geh nicht! du kommst erst nach Ablauf des Stillstandes zurück und die
Straße ist dann nicht mehr frei. Du kommst nicht durch.«
»Ich komme durch, mit Gewalt oder mit List: halte dich nur, bis ich zurück
bin! Auf, Thorismuth, zu Pferd.«
Während Totila mit Thorismuth und wenigen Reitern zur Porta Capuana
hinausjagte, war der alte Isak, der unermüdlich auf den Wällen ausgeharrt
hatte, die Pause des Waffenstillstands benutzend, in seine Turmklause
zurückgekehrt, die Tochter wiederzusehen und sich an Trank und Speise zu
laben. Als Miriam Wein und Brot gebracht hatte und ängstlich dem Bericht
Isaks von den Fortschritten der Feinde lauschte, erscholl ein hastiger,
unsteter Schritt auf der Treppe und Jochem stand vor dem erstaunten Paar.
»Sohn Rachels, wo kommst du her zu übler Stunde, wie der Rabe vor dem
Unglück? Wie kommst du herein? zu welchem Thor?« – »Das laß du meine Sorge
sein. Ich komme, Vater Isak, noch einmal zu fordern deiner Tochter Hand: –
zum letztenmal in diesem Leben.«
»Ist jetzt Zeit zu freien und Hochzeit zu machen?« fragte Isak unwillig,
»die Stadt brennt und die Straßen liegen voll Leichen.«
»Warum brennt die Stadt? warum liegen voll Leichen die Straßen? Weil die
Männer von Neapolis halten zu dem Volk von Edom. Ja, jetzt _ist_ Zeit zu
freien. Gieb mir dein Kind, Vater Isak, und ich rette dich und sie. Ich
allein kann’s.« Und er griff nach Miriams Arm.
»Du mich retten?« rief diese, mit Ekel zurücktretend. »Lieber sterben!«
»Ha, Stolze!« knirschte der grimmige Freier, »du ließest dich wohl lieber
retten von dem blondgelockten Christen? Laß sehen, ob er dich retten wird,
der Verfluchte, vor Belisar und mir. Ha, bei den langen, gelben Haaren
will ich ihn durch die Straßen schleifen und spucken in sein bleich
Gesicht.«
»Hebe dich hinweg, Sohn Rachels,« rief Isak, aufstehend und den Spieß
fassend. »Ich merke, du hältst zu denen, die da draußen liegen! Aber das
Horn ruft, ich muß hinab; das jedoch sag’ ich dir: noch mancher unter euch
wird rücklings fallen, eh’ ihr steigt über diese morschen Mauern.«
»Vielleicht,« grinste Jochem, »fliegen wir drüber wie die Vögel der Luft.
Zum letztenmal, Miriam, ich frage dich: laß diesen Alten, laß den
verfluchten Christen: – ich sage dir, der Schutt dieser Wälle wird sie
bald bedecken. Ich weiß, du hast ihn getragen im Herzen: – ich will dir’s
verzeihen: – nur werde jetzt mein Weib.« Und wieder griff er nach ihrer
Hand. – »Du mir meine Liebe verzeihn? Verzeihn, was so hoch über dir wie
die leuchtende Sonne über dem schleichenden Wurm? Wär ich’s wert, daß ihn
je mein Auge gesehen, wenn ich dein Weib würde? Hinweg; hinweg von mir!«
»Ha,« rief Jochem, »zu viel, zu viel! Mein Weib – du sollst es nimmer
werden! Aber winden sollst du dich in diesen Armen und den Christen will
ich dir aus dem blutenden Herzen reißen, daß es zucken soll in
Verzweiflung. Auf Wiedersehen.«
Und er war aus dem Hause und alsbald aus der Stadt verschwunden.
Miriam, von bangen Gefühlen bedrängt, eilte ins Freie: es trieb sie zu
beten: aber nicht in der dumpfen Synagoge: sie betete ja für ihn: und es
drängte sie, zu seinem Gott zu beten. Sie wagte sich scheuen Fußes in die
nahe Basilika Sankt Mariä, aus der man an Friedenstagen oft die Jüdin mit
Flüchen verscheucht hatte. Aber jetzt hatten die Christen keine Zeit, zu
fluchen.
Sie kauerte sich in eine dunkle Ecke des Säulenganges und vergaß in heißem
Gebet bald sich selbst und die Stadt und die Welt: sie war bei ihm und bei
Gott. –
Inzwischen verlief die letzte Stunde der Waffenruhe; schon neigte sich die
Sonne dem Meeresspiegel zu. Die Goten flickten und stopften nach Kräften
die zertrümmerten Mauerstellen, räumten den Schutt und die Toten aus dem
Wege und löschten die Brände. Da lief die Sanduhr zum drittenmal ab,
während Belisar vor seinem Zelte seine Heerführer versammelt hielt, des
Zeichens der Übergabe auf dem Kastell des Tiberius harrend. »Ich glaub’ es
nicht!« flüsterte Johannes zu Prokop. »Wer solche Streiche thut, wie ich
von jenem Alten gesehen, giebt die Waffen nicht ab. Es ist auch besser so:
da giebt’s einen tüchtigen Sturm und dann eine tüchtige Plünderung.«
Und auf der Zinne des Kastells erschien Graf Uliaris und schleuderte
trotzig seinen Speer unter die harrenden Vorposten.
Belisar sprang auf. »Sie wollen ihr Verderben, die Trotzigen; wohlan, sie
sollen’s haben. Auf, meine Feldherrn, zum Sturm. Wer mir zuerst unsre
Fahne auf den Wall pflanzt, dem geb’ ich ein Zehntel der Beute.«
Nach allen Seiten eilten die Anführer auseinander: Ehrgeiz und Habsucht
spornten sie. Eben bog Johannes um die zerstörten Bogen des Aquädukts,
welchen Belisar durchbrochen, den Belagerten das Wasser zu entziehen, da
rief ihn eine leise Stimme.
Schon dämmerte es so stark, daß er nur mit Mühe den Rufenden erkannte.
»Was willst du, Jude?« rief Johannes eilig. – »Ich habe keine Zeit! Es
gilt harte Arbeit! Ich muß der erste sein in der Stadt.«
»Das sollt ihr, Herr, ohne Arbeit, wenn ihr mir folgt.«
»Dir folgen? weißt du einen Weg über die Mauer durch die Luft?«
»Nein! Aber unter der Mauer, durch die Erde. Und ich will ihn euch zeigen,
wenn ihr mir tausend Solidi schenkt und ein Mädchen zur Beute zusprecht,
das ich fordre.«
Johannes blieb stehen: »Was du willst, sei dein. Wo ist der Weg?« –
»Hier!« sagte Jochem und schlug mit der Hand auf die Steine. – »Wie? die
Wasserleitung? woher weißt du?« – »Ich habe sie gebaut. Ein Mann kann,
gebückt, durchschleichen; es ist kein Wasser mehr drin. Eben komme ich auf
diesem Wege aus der Stadt. Die Leitung mündet in einem alten Tempelhaus an
der Porta Capuana; nimm dreißig Mann und folge mir.«