gesunde Leute wurden abkommandiert und schließlich versetzt. Ja, die
deutsch-ostafrikanische Kavallerie mußte schon im Brigadeverband
bleiben, wenn sie noch was vorstellen wollte. Bis auf de Beer, den
jungen Youbert und unsere Kapelle Alwin Botha wurden uns alle Buren
abgenommen, sie kamen zur Artillerie, um Kanonen und Munition zu
fahren. Piet Nievenhuizen und Louis van Rooyen waren schon seit
Same beim Oberst als seine Pfadfinder. Auch Vizefeldwebel Thiele
und Sergeant Truppel wurden vom Kommando vereinnahmt, zu dem sie
ursprünglich nur als Meldereiter kommandiert gewesen waren. Unser
Oberst bediente sich ihrer wegen ihrer Porikenntnis und Zuverlässigkeit
gern als persönliche Begleiter, wenn er von Stellung zu Stellung ging
oder bei seinen nächtlichen Wanderungen von Vorposten zu Vorposten. So
kam er auch einmal bei uns auf unserm Runden Berg zu Fuß an, ohne alle
Abzeichen, in unscheinbarem Kittel. Er rief mich zu sich und schüttelte
mir die Hand. Ich fand ihn grauer geworden als wenige Wochen vorher
in Lembeni, und dennoch wundert es mich nicht, daß ihn Leute, die
ihn Mitte 1918 noch gesehen haben, als ungebrochen in Energie und
Gesundheit beschrieben. Das Leben dieses großen Mannes fand in der
Schwierigkeit der ihm gestellten Aufgabe erst seine wahre Erfüllung. –
Von unserm Runden Berg machten wir – ich glaube, es war am 11. Mai –
nochmals einen Angriff auf den inzwischen vom Feinde wieder besetzten
Hügel vor uns, gemeinsam mit der 4. Feldkompanie, die Oberleutnant
Büchsel in Vertretung des kranken Hauptmanns Goering führte.
Oberleutnant Büchsel leitete die Operation. Um fünf Uhr morgens begann
der Anmarsch. Die Askarikompanie wollte frontal, wir sollten von rechts
flankierend angreifen.
[Illustration]
Ganz ungehindert kamen wir an die Ostseite des Hügels heran,
erkletterten ihn und gingen, nachdem vor uns her fliehende
Warangispäher unsern Anmarsch dem die Westseite besetzt haltenden
Feind gemeldet hatten, auf dem Kamm des Hügels unter heftigem
feindlichen Feuer in Stellung. Als wir wohl eine Stunde im Gefecht
gelegen und uns entlang der Langseite des Hügels immer näher an den
Feind herangearbeitet hatten, so daß wir außer ihm selbst bereits auch
seine Tiere unter Feuer nehmen konnten, kam plötzlich der Befehl von
Oberleutnant Büchsel, daß er zurückgehen müsse, da ihn 600 berittene
Buren umgangen hätten und abzuschneiden drohten; wenn wir nicht in der
Luft hängenbleiben wollten, müßten wir ebenfalls schleunigst abbauen;
Treffpunkt: unser Runder Berg. Während wir die befohlenen Bewegungen
ausführten, hörten wir dort, wo die 600 feindlichen Reiter zur
Entwicklung gekommen sein mußten, Artilleriefeuer und das Krepieren
von Schrapnells. Hauptmann Koehl hatte von seiner Artilleriestellung
das Gefecht übersehen können und mit seinen Gebirgsgeschützen in die
dichten Massen der Reittiere der sich zu Fuß entwickelnden feindlichen
Kavallerie hineingehalten.
Als wir zu unserm Runden Berg zurückkamen, hatte ihn die 4.
Feldkompanie bereits besetzt, weil man erwartete, jetzt würde der an
Zahl stark überlegene Feind seinerseits angreifen. Wir lagen zwei Tage
und schliefen zwei Nächte in unserer Gefechtsstellung. Als dann immer
noch nichts kam, ging die deutsch-ostafrikanische Kavalleriebrigade
noch einmal, diesmal allein und frontal, gegen den Hügel vor. Der
Feind war weg. Hauptmann Koehls Gebirgsartillerie hatte ihm doch wohl
klar gemacht, daß dieser Hügel für ihn nicht zu halten sei. Die 4.
Feldkompanie besetzte nun den Berg und grub sich regelrecht ein. Als
wir zu unserm Runden Berg zurückkehrten, fanden wir dort Leutnant
Freund und zwei oder drei andere zurückgekehrte Rekonvaleszenten vor;
Leutnant Kämpfe nahm Abschied von uns.
Bei diesem letzten Sturm auf den allerdings unbesetzten Büchsel-Hügel
war mir wieder so recht zu Bewußtsein gekommen, was für ein
kümmerliches Häufchen wir doch geworden waren. Bei diesem Sturme
befanden sich in meinem, dem _einzigen_ Europäerzuge meiner Kompanie
nur noch sieben Gewehre; etwas, aber auch nicht viel besser sah es
im Askarizuge aus. Was war aus meiner stolzen Kompanie geworden,
seitdem die große feindliche Offensive begonnen hatte! In den
Hochsteppen am Kilimandscharo und Meru war die Zahl der Europäer in
neunzehn Kriegsmonaten durch Krankheiten nur wenig oder höchstens mal
vorübergehend geschwächt worden, aber die letzten dreieinhalb Monate im
schlechteren Klima und die große Regenzeit hatten böse Lücken gerissen.
Dazu trug auch bei, daß in den ersten neunzehn Monaten den gewiß oft
sehr anstrengenden Fernpatrouillen doch immer Tage, ja Wochen der Ruhe
und Körperpflege gefolgt waren – in den letzten dreieinhalb Monaten
waren wir dagegen ständig unterwegs gewesen, waren scharf herangenommen
worden und hatten unsere Boys und somit reine Kleider usw. nur ganz
selten und in großen Zwischenräumen gesehen.
Man könnte meinen, daß unter all diesen Mühsalen die Stimmung der
Berittenen Neunten hätte leiden müssen. Sicher, die Leute schimpften
über dieses und jenes – welcher rechtschaffene Soldat schimpft nicht
mal! –, aber von den Männern, die jetzt noch an der Front waren, wollte
keiner zurückbleiben. Aus den Lazaretten rissen sie meistens aus, lange
ehe sie auskuriert waren – nur um mit dabei sein zu können. Wollte
ich einem die Hölle recht heiß machen, dann drohte ich damit, ihn zur
Etappe zu versetzen – sofort wurde er brav und artig und sagte: »Um
Gottes willen nicht, Herr Wachtmeister!« Wir waren zu einer großen
Familie geworden, deren Mitglieder sich zuweilen zanken, die aber
alle wie ein Mann aufstehen, sollte ein Fremder es wagen, einen von
ihnen anzurühren. Im Lager ging es stets quietschfidel zu, und ich
habe mit stiller Freude beobachten können, mit welcher Ausdauer uns
die Europäer anderer Kompanien besuchten, wo auch immer wir zufällig
mit ihnen zusammentrafen. Die Kameradschaft war bei uns über alle
Begriffe schön. Wenn einer was hatte, hatten es die andern auch, und
wenn einer im Dienst schlapp machte, sprangen zehn andere freiwillig
für ihn ein. Wurde eine besonders gefährliche Patrouille befohlen,
so hatte ich Mühe, die zu beruhigen, die diesmal _nicht_ mitdurften.
Hatte die Kompanie abgesattelt nach langem, ermüdendem Ritt, alle froh,
endlich mal wieder ein Auge voll nehmen zu können, und brachte in dem
Augenblick ein Meldereiter den Befehl zum Weitermarsch irgendwohin,
weit weg, dann riß irgendein Witzbold einen faulen Witz, lachend gingen
alle an die Tiere, und zwei Minuten später war die Kompanie wieder auf
dem Marsch. Ich betrachte die Jahre, die ich in der Berittenen Neunten
diente, als die schönsten und bildendsten meines Lebens – denn nie
hatte ich vorher Gelegenheit, so deutlich zu erkennen, welch guter Kern
in den meisten Volksgenossen unter einer oft recht unscheinbaren Hülle
zu finden ist. Man muß den guten Kern nur finden wollen und sich nicht
scheuen, harte, faserige, ja sogar ätzende Schalen zu entfernen. –
Da unser erster Auftrag an der Kondoafront, den Büchsel-Hügel vom
Feinde zu säubern, dank der Hilfe der Artillerie nun doch noch gelungen
war, wurden wir, zur Verfügung des Kommandeurs, auf den Kommandohügel
verlegt. Dieser lag Kilometer 148 von Dodoma, etwa im Zentrum unserer
Kondoastellung. Wir lagerten etwas unterhalb des Kommandos, im
dichten Busch gegen Sicht vor den Fliegern geschützt, zogen unsere
Trägerkolonne heran und konnten uns einige Tage ausruhen und pflegen.
Während der Zeit fand zwischen unserer schwereren Artillerie, zwei
Haubitzen und einem 8,5-Zentimeter-Geschütz, und der des Feindes ein
tägliches Duell statt. Was für Erfolge unsere Artillerie hatte, habe
ich später bei meinem Abtransport als Kriegsgefangener sehen können;
die feindlichen Erfolge hingegen waren wenig bedeutend. Gefallen ist
vor Kondoa infolge feindlichen Artilleriefeuers, soviel ich weiß,
nur der Regierungslehrer Staub, den ich 1914 auf meiner Ausreise als
frohsinnigen Menschen lieben und als erstklassigen Skatspieler fürchten
gelernt hatte. Schwer verwundet wurde Oberleutnant Boell, leichter
unser Oberst und Piet Nievenhuizen.
[Illustration]
Als wir zwei oder drei Tage dem Artilleriekonzert gelauscht hatten,
kam der Befehl: »Die beiden Berittenen Kompanien stehen zur Verfügung
der Abteilung Hauptmann Schulz, die auf der Kondoa-Saranda-Straße
(links von unserm linken Flügel) einer gemeldeten umfassenden Bewegung
des Feindes entgegengehen soll.« Also: »Fertigmachen! Satteln!«
Die Abteilung Schulz bestand aus zwei Askarikompanien, uns Reitern
und einer kleinen Kanone, deren Rohr von Trägern getragen wurde. Die
Lafette und die Munition waren auf etwa 25 Eseln verpackt in einer
so primitiven Weise, wie sie eben nur bei unserm Mangel an jedem
Kriegsmaterial erklärlich ist. Eingeborene hatten Strohmattensäcke
geflochten, und auf jeder Seite des Eselrückens hing solch ein Sack,
gefüllt mit Geschossen. Bauchgurt, Vorder- und Hinterzeug, die diese
Säcke in der richtigen Lage festhielten, waren aus Stricken von
Sansevieren-Fasern gefertigt.
Hauptmann Schulz verwandte seine Kavallerie auf dem Marsch, soweit
sie nicht die Spitze bildete – das waren die Glücklicheren – als
Artilleriebedeckung. Solch ein Marsch ist mehr als qualvoll. Man
denke sich im dichten, heißen Dornbusch einen Fußweg, gerade breit
genug für einen Mann, auf dem zwei Askarikompanien, ihr ganzer Troß
von Trägern und Boys, die Artillerie mit ihren störrischen Eseln und
endlich wir Reiter alle im Gänsemarsch marschierten. So ein Marsch
besteht eigentlich nur aus Marschstockungen, die alle mitmachen müssen.
Unzählige Male bin ich abgestiegen und habe meinen Hengst geführt.
Die Geduld, die mein Hengst – sonst die Ungeduld selber – bei dieser
Gelegenheit entwickelte, kam mir schon verdächtig vor. Obwohl er
speckfett war und sein Fell noch goldig glänzte, saß der schleichende
Tod bereits in ihm. Dieser Marsch war sein letzter. Bald danach traten
Tsetsegeschwülste auf, und eine Woche später brach Ottos tapferes Herz.
Während dieser Unternehmung bin ich ein paar Tage stellvertretender
Führer meiner Kompanie gewesen, da Leutnant Freund, der in der ersten
Nacht mit einer Patrouille vorausgeschickt wurde, sich im Busch
verirrte und uns verlorenging. Nach einem fürchterlichen Nachtmarsche
– selbst die Tiere schliefen im Gehen ein – trafen wir am Morgen des
dritten Tages an unserm Ziele, der Straße von Kondoa nach dem westlich
von Dodoma liegenden Saranda, ein, fanden aber keinen Feind. Als dann
die nach Norden vorgetriebenen Kavalleriepatrouillen sogar auch den uns
bekannten vordersten Posten der englischen rechten Flanke verlassen
gefunden hatten, stellte sich heraus, daß die Meldung von einem
beabsichtigten Flankierungsmarsch des Feindes zum mindesten verfrüht
gewesen sein mußte. Mit unserm auf dem Rückmarsch wiedergefundenen
Leutnant trafen wir nach sechs Tagen wieder am Kommandohügel ein.
Nachdem wir hier einige Tage in Ruhe dem Artillerieduell zugehört
hatten, wurden wir – es muß inzwischen Ende Mai geworden sein –
von neuem in Aktion gesetzt, diesmal wieder auf der rechten Flanke
unserer Stellung. Da inzwischen die von uns in der Lembenistellung
an der Nordbahn zurückgelassene Abteilung Kraut durch das bloße
Gewicht der Zahl und Geschütze des Feindes, tapfer kämpfend, nach
Süden zurückgedrängt worden war, stand nun die von Handeni kommende
Straße für den Feind als Anmarschweg von Osten auf Kondoa offen, und
da gleichzeitig starke feindliche Verstärkungen von Norden her in
Kondoa eingetroffen waren, rechnete man auch damit, daß der Feind auf
der alten Kondoa-Mpapua-Straße zur Mittellandbahn vorstoßen könnte.
Infolgedessen erhielt die Kavalleriebrigade den Befehl, zu dem uns
schon bekannten Kwa-Handu-Paß, südöstlich hinter unserer Front,
zurückzugehen und von dort aus durch Patrouillen rechts vom rechten
Flügel unserer Stellung jene beiden Straßen unter ständiger Beobachtung
zu halten. Der geeignetste Punkt hierfür war der 35 Kilometer vom Paß
nach Nordosten liegende Kwa-Damas-Hügel, nach dem wir also ständig
Patrouillen zu reiten hatten.
Auf dem Kwa-Handu-Paß stellten wir eine starke Feldwache auf, die
Kavalleriebrigade selbst lagerte etwas unterhalb des eigentlichen
Gebirgspasses, versteckt gegen die häufig erscheinenden Flieger,
im dichten Busch am Ufer eines versandeten, trockenen Flußbettes,
in dem wir nach Wasser für uns und unsere Tiere graben mußten.
Hier beim Kwa-Handu-Paß passierte die schöne Geschichte mit Martin
Köhler, Unteroffizier Köhler, im Frieden Schaf-, Hühner-, Bienen-
und Brieftaubenzüchter am Meru. Sie beweist, wie wichtig für den
Schutztruppler die Ausbildung im Reckturnen ist – rettete doch eine
elegant ausgeführte Sitzwelle den Kameraden Köhler vom sicheren Tode.
In unmittelbarer Nähe des Lagers waren, eingedenk der Liebhaberei
unseres früheren Sanitätsrates, an einem versteckten Örtchen ein tiefes
Loch ausgehoben und an dessen Rand Sitzstangen errichtet worden. Die
Sitzstangen befanden sich etwa 45 Zentimeter über der Erde. Als unser
Freund Martin eines Mittags auf einer dieser Stangen saß und, da er
Geschmack besitzt, tief darüber nachdachte, wie er sich diesen Ort auf
seiner Zukunftsfarm am Meru doch etwas weniger primitiv einrichten
möchte, sprang ihn von vorwärts aus dem Busch ein Leopard an. Kurz
entschlossen machte Martin eine Sitzwelle und kam, da er von Statur
man klein ist, zwischen der Stange und dem Boden auch richtig rum.
Der Leopard hingegen schoß, Kopf vorwärts, in die tiefe Grube, in
der er ohne sonderliche medizinische Kenntnisse feststellen konnte,
daß sämtliche Europäer meiner Kompanie magen- und darmkrank waren.
Daß Martin, dessen Brust der Leopard im Absinken mit den Krallen der
Hinterpfoten arg aufgekratzt hatte, sich nun keine Zeit mehr nahm,
seine Toilette zu ordnen, wird niemand wundernehmen. Blutüberströmt,
die Hose in der Hand, kam er in das Lager gelaufen, so schnell ihn
seine kleinen Beine tragen wollten, und brüllte: »Chui! Chui!«
[Leopard].
Am nächsten Mittag, etwa um dieselbe Zeit, besuchte Unteroffzier Obst
das stille Örtchen. Er nahm seinen Karabiner mit. Richtig! Da lag der
Leopard wieder im Schatten eines Strauches und wartete auf Martin
Köhler. Bana matunda schoß dem Katzentier auf 15 Schritt eine Kugel
zwischen die Augen. – Zu verwundern ist es nicht, wenn die größeren
Raubtiere, Löwe und Leopard, im Kriege Menschenfresser geworden sind.
Gelegenheit, sich an Menschenleichen zu üben und auf den Geschmack
zu kommen, haben sie genug gehabt. Wer krank oder verwundet im Pori
liegenblieb, war rettungslos verloren.
Am Kwa-Handu-Paß lag ich wieder mal einige Tage mit Fieber. Wir waren
eigentlich alle malariadurchseucht, wie eine Viehherde mit Küstenfieber
durchseucht sein kann. Die Malariaanfälle wurden immer häufiger, aber
auch immer schwächer und von kürzerer Dauer. Na, wenn wir einmal kein
oder doch nur schwaches Fieber hatten, ritten wir unsere Patrouillen
nach dem Kwa-Damas-Hügel, zu dessen Fuß das Negerdorf gleichen Namens
liegt. Ich habe zweimal solche Patrouillen geführt, die beide nicht
ohne besonderes Abenteuer verliefen.
Das erstemal hatte ich den Nebenauftrag, den Jumbe, den den Engländern
freundlichen Dorfschulzen von Kwa Damas, und seine eigene Schaf-
und Ziegenherde auf dem Rückwege mitzubringen. Er war ein farbiger
Landesverräter. Da wir aus der Richtung der englischen Stellungen an
sein Dorf heranritten, hielt der Jumbe uns für Engländer, nahm uns
freundlich auf und zeigte uns stolz ein deutsches, vom Feinde irgendwo
erbeutetes Infanteriegewehr Modell 71, mit dem die Engländer ihn
bewaffnet hatten. Als wir ihn, sein Gewehr, seinen Akida [Schreiber]
und seine Hammelherde mitnahmen, machte er uns noch lange Zeit darauf
aufmerksam, daß wir falsch marschierten, da die englische Stellung in
entgegengesetzter Richtung liege. Seinen Untertanen schien es Spaß zu
machen, daß es ihrem Jumben anscheinend schlecht gehen sollte. Wir
mußten quer durch sein sich über einige Kilometer hin erstreckendes
»Reich«. Die Frauen und Kinder traten vor die Hütten und freuten sich
diebisch über ihren Schulzen und seinen Schreiber am gemeinsamen
Strick. Die bewaffneten Männer hielten sich in respektvoller
Entfernung. Der Schulze und sein Schreiber wurden der Zivilbehörde
überliefert, die Schafe und Ziegen aß meine Kompanie.
Weniger vergnüglich war das Abenteuer auf der zweiten Patrouille.
Ich hatte eben meine Tiere auf halber Höhe des Kwa-Damas-Hügels
hinter Felsen versteckt und oben auf dem Hügel einen Ausguckposten
aufgestellt, als plötzlich, wie ein Gewitter aus heiterem Himmel, ein
Schwarm wilder Bienen über uns herfiel. Meine Askari rissen sofort
aus, ohne sich um ihre Tiere zu kümmern, einige von den Europäern
machten es nicht besser, andere banden wenigstens ihre Tiere los und
rissen dann erst aus. Jedenfalls saß ich allein da mit sieben hinter
verschiedenen Felsen angebundenen Tieren, über die die Bienen herfielen
wie ein Heuschreckenschwarm über ein Feld jungen Mais. Gras, um rasch
ein Rauchfeuer zu machen, gab es auf dem nackten Hügel nicht. Ich
legte mir mein Taschentuch möglichst breit um den Hals und kroch,
den Kopf dicht über dem Erdboden, auf allen vieren zu den Tieren,
die mit solcher Gewalt an ihren Halfterriemen zerrten, daß ich sie
nur durch Durchschneiden der Riemen befreien konnte. Ich konnte mich
natürlich nicht damit abgeben, die Tiere zu greifen – einmal frei,
mußten sie für sich selber sorgen. Das taten sie denn auch mit viel
Klugheit und Überlegung. Von Bienen umschwärmt, sausten sie im Galopp
den Hügel hinab, hinein in ein Mtamafeld, und wälzten und rieben sich
dort solange gegen die Mtamastauden, bis sie die Bienen loswurden.
Zwei Tieren, einem Pferde und einem Maultiere, hatten die Bienen oben
am Hügel bereits so schwer zugesetzt, daß sie eingingen; das Pferd
krepierte nach einer Stunde, das Maultier am nächsten Morgen. Eins
der flüchtigen Maultiere hatten meine Leute unten am Hügel einfangen
können, und da es jämmerlich nach seinen Genossen schrie, kamen diese,
die schon auf dem Wege zum Kompanielager gewesen waren – Maultiere
finden stets ihren Weg zum letzten Lager – zu uns zurück und ließen
sich greifen. Das war noch ein Glück im Unglück. Wir hätten sonst alle
mit der ganzen Reitausrüstung auf dem Rücken 35 Kilometer tippeln
müssen.
Ich hatte 40 Bienenangeln im Kopf und in den Händen – der Bur de Beer
hat sie mir ausgezogen und gezählt. Mein Kopf schwoll so dick an wie
gut drei Köpfe gewöhnlichen Kalibers. Stundenlang fühlte ich mich
sterbenskrank; erst als in der Nacht starkes Erbrechen und gleichzeitig
Durchfall eingetreten war, wurde mir leichter. Daß ich dem Tode nahe
gewesen bin, ist mir völlig klar. Es dauerte acht Tage, bis mein Kopf
zu seiner normalen Dickköpfigkeit zurückgeschwollen war, und vierzehn
Tage, bis die letzten Fiebererscheinungen verschwunden waren. Man sagt
mir, Bienenstiche seien ein gutes Heilmittel gegen Rheumatismus. Wenn
Bienenstiche auch prophylaktisch wirken, dann habe ich von dieser
Medizin genug für den ganzen Rest meines Lebens eingenommen.
Bei dieser Gelegenheit habe ich übrigens feststellen können, daß es
bei mir mehr als 40 Bienenangeln im Leibe bedarf, ehe ich den Sinn
für Humor verliere. Trotz der angeschwollenen Augen und schmerzenden
dicken Lippen habe ich doch herzlich über folgendes Intermezzo lachen
müssen: Der Schütze Bieleck war, ohne sich um sein Tier zu kümmern,
im ersten Schreck nicht den Hügel hinunter-, sondern hinaufgelaufen;
den Woilach, auf dem er gerade ruhte, hatte er mitgenommen. Als wir
eine ganze Weile später am Fuß des Hügels damit beschäftigt waren,
die zurückkommenden Reittiere einzeln einzufangen, kündigten den
steilen Hügel herabrollende Steine an, daß von oben noch was kommen
würde. Und siehe – ein Berggeist kam am hellichten Nachmittage den
Hügel herab. Bieleck ist klein, so klein wie ein Mensch nur sein kann,
ohne in die Gattung Zwerg eingeschaltet werden zu müssen. Nun hatte
er sich, wohl zum Schutz gegen die Bienen, die inzwischen längst weg
waren, seinen langen Woilach über den Kopf gehängt, so daß er selber
nichts sehen konnte und die Woilachenden vorne und hinten auf der
Erde schleppten. Beim Abwärtslaufen trat er nun bald vorne auf den
Woilach und kollerte ein Stück weiter, bald vertüderten sich seine
langen Rittersporen hinten im Woilach, und er schoß einige Purzelbäume,
um dann wieder weiterzulaufen. So rollte, stolperte, sich alle paar
Schritt überschlagend, begleitet von einem Hagel losgelöster Steine,
unser Berggeist wie eine Lawine heran und schrie dabei in einer unter
der dicken Decke geisterhaft klingenden Stimme: »Ich sterbe! Ich
sterbe! Ich bin schon tot!« Als Bieleck endlich unten angekommen und
in sich zusammengesunken war, schauten wir uns das Klümpchen Unglück
näher an. Wie gesagt, der Bienenschwarm war längst fort, aber Bieleck
hatte sich gleich zu Anfang so’n Stücker sechs bis acht Bienen unter
seinem Woilach eingefangen, die nun auch nicht wußten, wie sie da
wieder rauskommen sollten. Unter ihrem zornigen Gesumme war Bieleck,
selbst in Nacht gehüllt, auf dem Hügel herumgeklettert und jetzt zu uns
heruntergesaust – immer noch im Wahne, daß der ganze Schwarm hinter ihm
allein her sei.
Da ich gerade bei Bieleck bin und mich liebend gerne bei
ostafrikanischen Charakterstudien aufhalte, will ich an dieser
Stelle noch ein paar Stückchen von ihm erzählen. Bieleck hatte sich
bei Kriegsausbruch zur berittenen Truppe gemeldet, weil er sich
einbildete, früher mal »Cowboy« in Zentralamerika gewesen zu sein.
Als ihn zum Schluß der ersten Reitstunde der Kompanieführer darauf
aufmerksam machte, daß in einer Reitstunde zehnmal abzufallen sich
mit dem Begriff, den er sich vom Cowboy mache, schlecht vereinigen
lasse, antwortete Bieleck: »Halten zu Gnaden, Herr Kapitänleutnant,
ich bin halt nur fünfmal abgefallen, die andern fünfmal bin ich noch
rechtzeitig an meinen Sporen oben hängengeblieben.«