er dort reiste, weiß auch heute nur er allein. Jedenfalls reiste er
als Großgrundbesitzer und trug sein Haar in langen schwarzen Locken,
wahrscheinlich, um wenigstens etwas Langes an sich zu haben. Zwei
spätere Kompaniekameraden von ihm und mir, die auf Viehsafari auch in
Usukuma reisten, erfuhren in einem Negerdorf, daß im nächsten Dorf ein
ganz kleiner Mzungu [Europäer] wohne. Richtig! als sie zum nächsten
Dorf kamen, fanden sie dort einen Lehmkaten mit der obligaten Veranda
davor. Auf der Veranda, die Stirn in Denkerfalten gezogen, anscheinend
in die Lektüre eines Buches vertieft, saß Bieleck, der sie natürlich
bereits eine Stunde lang auf der Straße hatte ankommen sehen. »Ah,
meine Herren, welche Überraschung! Freut mich, daß Sie mich besuchen.
Freut mich sehr. Bitte, nehmen Sie Platz. Habe hier Land belegt.
So’n kleines Fürstentum groß. Will viehfarmen. Zentralamerikanische
Erfahrungen verwerten« – so sprudelte es von den Lippen des kleinen
langhaarigen Gastgebers. »Auch auf Viehkauf?« Ein Wort gab das andere,
und die beiden Viehkäufer beklagten sich, daß es so schwer sei, in
Usukuma Träger zu bekommen. »Was«, rief Bieleck, »schwer? Nichts
leichter als das. Ich bin alter Afrikareisender – Bieleck war damals
21 oder 22 Jahre alt – weiß Bescheid, machen Sie’s wie ich! Wenn ich
keine Träger kriegen kann, weil die Männer sich verdrückt haben, gehe
ich in ein Negerdorf und greife mir 18 Frauen. Reise nach meinem Stande
in einigem Staat, wie Sie sehen. War früher beim Gouvernement, habe es
mir da so angewöhnt; freilich, Anspruch auf Nachtgeschirr _mit_ Deckel
hatte ich noch nicht. Zehn Frauen packe ich je eine Last auf, und acht,
immer vier abwechselnd, müssen mich im Liegestuhl hinterhertragen. So
übersehe und bewache ich bequem das Ganze. Wenn ich in dieser Weise
eine Stunde marschiert bin, dann kommen die Männer der Frauen mir ganz
von selbst nachgelaufen und bieten sich zu Trägerdiensten an. ›Seht ihr
wohl‹, sage ich zu ihnen, ›es gab also doch Träger in eurem Dorf. Nun,
bis zum nächsten Dorf müßt ihr mit, sonst nehme ich eure Frauen mit.
Im nächsten Dorf löhne ich euch ab.‹ Sie gehen mit, glauben mir aber
natürlich nicht, daß ich sie im nächsten Dorf entlassen werde. Kaum
sind wir dort angelangt, bimsen sie aus, und ich spare die Trägerlöhne.
So reist man bequem und billig in Afrika, meine Herren.«
Der also in Staat reisende Großgrundbesitzer Bieleck kam zur Truppe zu
Fuß ohne die langen Locken und bescheiden mit nur einem Träger. Dieser
trug eine alte Petroleumkiste auf dem Kopf, in der sich eine Sammlung
von Hotelspeisekarten aller Herren Länder befand.
Daß Bieleck sich gleich zur Schutztruppe meldete, ist gewiß
anzuerkenen, aber im Gefecht hatte er doch so seine eigene Taktik.
Als die Berittene Neunte am 6. Februar 1916 im Gefecht am Nagasseni
über eine größere baum-, strauch- und graslose Fläche im feindlichen
Feuer in Sprüngen vorging und mit dem Ungestüm ihres Führers kaum
Schritt halten konnte, waren Bieleck und Bana matunda Nachbarn in der
ausgeschwärmten Schützenlinie. Nach dem ersten Sprung schmiß sich Bana
matunda auf den Bauch – denn natürliche Deckung gab es nirgends – und
schoß mit gespreizten Beinen liegend. Kaum hatte er den zweiten Schuß
heraus, da krabbelte ihm was zwischen den Beinen, und als er sich
vorsichtig umsah, hatte sich Bieleck dort eingenistet. Ehe Bana matunda
seine staunende Entrüstung in Worte fassen konnte – der Augenblick muß
sehr kurz gewesen sein, denn Bana matunda war sonst nicht auf den Mund
gefallen –, hieß es bereits wieder: »Sprung auf! Marsch! Marsch!« Nach
diesem Sprung legte sich Bieleck richtig wieder zwischen die Beine
von Bana matunda, und dieser fand diesmal zwischen seinen Schüssen
die Zeit, ihm einige Kosenamen an den Kopf zu werfen und Fußtritte zu
verabreichen. »Halten zu Gnaden«, sagte der ganz bestürzte Bieleck,
»wir sind instruiert, jede Deckung auszunutzen, und eine bessere
Deckung kann ich in diesem parkettfußbodenähnlichen Gelände nicht
finden.«
Bieleck war auch mal interimistisch als Gerichtsvollzieher in Tabora
angestellt. Warum er diesen Posten verlor, hat er mir selbst erzählt:
»Halten zu Gnaden, Herr Obristwachtmeister, ich war mein ganzes Leben
lang immer schlecht bei Kasse, auch noch, als ich Kolonialbeamter
war. Komme ich da eines Tages auf das Büro meines Bezirksrichters,
um ihm nach einer vollzogenen Pfändung das bezügliche Aktenstück
zu überreichen. Mein Bezirksrichter liest halblaut und murmelt:
›Urteilsschuldner Bieleck, hm, den Namen sollte ich kennen.‹ –
›Jawohl, Herr Bezirksrichter‹, sage ich, ›das bin ich.‹ – ›Was!‹ ruft
der Bezirksrichter, ›Mensch, Sie haben sich selbst gepfändet?‹ –
›Kleinigkeit‹, sage ich, ›machen wir alles. Ich ging auf meine Bude,
fand nichts Pfändbares und habe, wie Euer Gnaden sehen, hier unten
auf dem Aktenstück über den Befund mit »Bieleck, Gerichtsvollzier«
urkundlich quittiert. Alles in schönster Ordnung, Euer Gnaden.‹
Der Bezirksrichter wollte das nicht für voll nehmen, und ich wurde
entlassen, nur weil mein Name zweimal in derselben Gerichtsakte
vorkam. So kann’s einem gehen, Herr Obristwachtmeister. Hab’ die Ehr’,
Herr Obristwachtmeister.«
Wenn Bieleck dazu aufgelegt war und abends am Lagerfeuer erzählte,
saß bald die halbe Kompanie um ihn versammelt und lachte sich gesund.
Bieleck hatte eine helle Phantasie, er war unser moderner Münchhausen.
Der Todesritt der Berittenen 9. Schützenkompanie
Wir mußten zurück. An der Kondoafront, die unser Oberst nun schon
drei Monate hielt, stand es zwar nach wie vor gut. Aber die neue
Stellung, die Major Kraut bei Kanga, nördlich von Tuliani, besetzt
hielt, wurde jetzt durch überwältigende feindliche Übermacht bedroht.
Kanga und Tuliani waren aber die Schlüssel zu Morogoro und somit zur
Mittellandbahn, und wenn diese beiden fallen würden, war es unmöglich,
die Kondoastellung länger zu halten. So entschloß sich unser Oberst,
letztere zu räumen, um den Feind vor Morogoro nochmals kräftig
aufzuhalten. Am 22. Juni 1916 brach er von der Kondoafront auf und war
auf dem Durchmarsch eine Stunde bei uns im Lager am Kwa-Handu-Paß.
Hier habe ich unsern Oberst zum letztenmal im Kriege gesehen – der
heroischste Teil seines Heldenkampfes lag damals noch vor ihm.
Ich sage immer: »unser Oberst«, als wenn ich nicht wüßte, daß v.
Lettow-Vorbeck im Kriege noch General geworden ist. Ich weiß das
sehr wohl, wir Afrikaner wissen es alle, aber keiner von uns spricht
von ihm anders als von »_unserm_ Oberst«, mit der Betonung auf dem
besitzanzeigenden Fürwort. Einen schöneren Ehrentitel kann sich kein
Mensch erwerben.
Übrigens werden die Engländer sehr erleichtert aufgeatmet haben, als
unser Oberst zum Generalmajor befördert wurde. Es war doch etwas
peinlich für die zehn bis siebzehn feindlichen Generäle in Ostafrika,
daß ihr nie zu schlagender Gegner nur ein Oberst war. Sie nannten ihn
daher auch schon lange vor seiner Beförderung in ihren Berichten stets
General v. Lettow. Ebenso gereichte es ihnen zur größten Befriedigung,
daß der General Wahle (der auf einer Reise in Afrika durch den
Kriegsausbruch überrascht worden war) auf unserer Seite mitkämpfte. Und
um unsern Besitzstand an Generälen noch um ein weniges auszugleichen,
nannten sie den im Gefecht am Ingito schwer verwundeten und seitdem
beim Kommandostabe tätigen Hauptmann Tafel sowie den Oberleutnant
Naumann, der ihnen viel zu schaffen machte und zu einer Zeit, als
die Engländer bereits die Mittellandbahn genommen und überschritten
hatten, plötzlich in ihrem Rücken bei Kahe an der Nordbahn auftauchte,
General Tafel und General Naumann. Sogar ein in Gefangenschaft
geratener Waffenrevisor, dessen Rangabzeichen die Engländer nicht
verstanden, wurde von ihnen einige Tage als General angeredet und
behandelt. Persönlich erlebte ich es, daß die Engländer den früheren
Polizeiwachtmeister Kleinschmidt, der die Großstadt Dodoma im Namen des
Bezirksamtmannes übergeben hatte, Mr. Burgomaster titulierten und sehr
stolz darauf waren, diesen kleinen, dicken, lieben Herrn überall als
wichtige Persönlichkeit zeigen zu können.
Schon einige Tage vor und mehrere Tage nach dem 22. Juni kamen
ununterbrochen Askarikompanien durch den Kwa-Handu-Paß. Staffelweise
und nur in der Nacht wurde vor Kondoa abgebaut, damit die feindlichen
Flieger es nicht beobachten konnten. Das ist dermaßen gut gelungen, daß
des Feindes Artillerie unsere alten Stellungen vor Kondoa noch beschoß,
als sie schon mehrere Tage verlassen waren und nur noch einige Gruppen
Askari allnächtlich auf der ganzen alten Front Lagerfeuer unterhielten.
Während der Rückzugsbewegungen war es die Aufgabe der
deutsch-ostafrikanischen Kavallerie, den Rückmarsch zu decken. Wir
gingen vom Kwa-Handu-Paß bis zum Keremabach vor und nahmen dort die
letzten Askarikompanien auf, als allerletzte die 14. Reservekompanie,
die wegen ihrer Standhaftigkeit und ausdauernden Marschleistungen »die
Eiserne« genannt wurde. Bis zum andern Morgen hielten wir den Übergang
über den Keremabach besetzt, und erst, als dann immer noch kein Feind
nachdrückte, ritten wir zum Kwa-Handu-Paß zurück. Hier warteten wir,
zusammen mit der Abteilung Klinghardt, der wir einstweilen zugeteilt
waren, weiter auf den Feind, und da das bald so langweilig zu werden
anfing, daß Streitpatiencen bereits wieder herhalten mußten, stießen
wir noch einmal weit nach Nordosten vor, bis zum Kwa-Damas-Hügel
bienenabenteuerlichen Angedenkens. Als auch hier nichts vom Feind
zu sehen war, rückte die ganze Abteilung – wir als Nachhut – vom
Kwa-Handu-Paß auf der alten Kondoa-Mpapua-Straße nach Süden ab.
Unser nächster längerer Aufenthalt war in Yangallo, einem Negerdorf
etwa 25 Kilometer nordwestlich von Mpapua. Von hier aus wurde, um die
Anmarschlinie von Norden her zu sichern, ein ständiger starker Posten
in dem großen Negerdorf Tissu Kwa Meda unterhalten. Ich habe mit meiner
Kompanie auch sechs Tage dort gelegen und dabei die Ehre gehabt, den
alten Sultan Meda der hier ansässigen Wagogo kennenzulernen.
Meda war ein großer, sehr korpulenter Herr, sein wolliges Haar
schimmerte bereits ganz weiß. Er nahm uns mit Würde und freundlich
auf. Seine Auffassung über die durch den Krieg geschaffene politische
Lage seines Sultanats brachte er, etwa wie folgt, zum Ausdruck: »Als
vor Jahren die Massai uns bekriegten und unser Vieh raubten, habt
ihr Deutschen uns geholfen und Ordnung geschaffen. Meine eigene
Großviehherde ist seitdem wieder auf 2000 Haupt angewachsen. Ich habe
sie – das schob Meda mit einem schelmischen Blick in seinen Augen ein –
in lauter kleine Herden eingeteilt und diese überall in meinem Sultanat
im Busch versteckt; die Zeiten sind danach. Da ihr Deutschen – fuhr
er fort – uns seinerzeit geholfen habt, habe ich meinen Untertanen
befohlen, euch gut aufzunehmen und zu verpflegen und nichts gegen euch
zu unternehmen. Mehr kann ich nicht tun. Wir sind zu schwach, um für
euch zu kämpfen. Wenn ihr weg seid und die Engländer kommen hierher,
dann werde ich meinen Untertanen befehlen, auch sie gut aufzunehmen
und zu verpflegen. Wir werden aber auch nicht mit ihnen gegen euch
kämpfen.«
Mir schien der alte Meda trotz der vielen Pombe, durch deren
lebenslänglichen reichlichen Genuß er sich seinen schönen Schmerbauch
angezüchtet hatte, für einen Negerfürsten eine sehr gesunde Politik zu
betreiben, und da ich Befehl hatte, für alles, was die Eingeborenen
uns brachten, nicht mit Papiergeld, sondern in klingender Münze zu
zahlen, kamen wir mit seinen Untertanen ganz vorzüglich aus. Wir hatten
einige Tage Fettlebe. Die Gegend war noch nie von Truppen abgegrast
worden, und keine Etappe hatte noch je ihre Fühlhörner bis hierher
ausgestreckt. Unsere Tiere bekamen Mtamakorn, soviel sie fressen
wollten. Alles war spottbillig. Eine Ziege kostete 50 Heller, ein
fettes Schaf 1 Rupie, ein fetter zweijähriger Ochse 4 Rupien, ein Huhn
10 Heller, das Ei 1 Heller, Honig gar nichts, und soviel Milch, wie
es für 10 Heller gab, konnte ich in einem Tage unmöglich trinken. Wir
haben uns von dem guten alten Meda und seinen von ihm organisierten
weiblichen und daher höchst malerischen Verpflegungskolonnen alle sehr
ungern getrennt.
Von Yangallo nahm uns die Abteilung Klinghardt mit zurück zu dem
alten Karawanenzentrum Mpapua. Das Hauptereignis der vier oder fünf
Tage, die wir da gelegen haben, war, daß wir einige fette Schweine
schlachteten und alle unsere Blechbüchsen und Gläser mit Schmalz auf
Vorrat füllten. Hocherfreulich war es, daß es in Mpapua auch Schneider
gab, die unser Gelumpe notdürftig reparieren konnten. Ich habe meinen
einzigen Uniformrock, der mir, nebenbei gesagt, viel zu klein war,
dort mit vier Taschen besetzen lassen; denn im Original hatte der
Rock merkwürdigerweise überhaupt keine Taschen. Da der Khakistoff der
Taschen, den mir ein wohlhabenderer Kamerad geschenkt hatte, viel
heller war als der Stoff des Rockes, sah ich von vorne allerliebst
scheckig aus und von hinten, wegen der Kürze des Rockes, wie ein Junge
in schweren Reithosen – Wellblechhosen wurden sie genannt –, der aus
seinem kurzen Jäckchen seit einigen Jahren herausgewachsen ist. Na –
die Eleganz eines Etappesoldaten konnte von uns billigerweise nicht
verlangt werden.
Bei Mpapua lagerte meine Kompanie ganz für sich, etwas oberhalb der
Boma und der Inderstadt. Wir hatten uns schon ganz in den Gedanken
eingelebt, daß der Feind nie mehr nachkommen würde, und fingen sogar
bereits an, Grashütten, wenn auch man ganz, ganz bescheiden, zu bauen.
Die Lage unseres Lagers war höchst romantisch, unter schönen alten
Bäumen in einem Flußkoongo, das vor uns mit einem Berge abschloß, also
gewissermaßen in einem Talkessel. Zur Erhöhung der Romantik bewohnte
ein seiner Stimme nach uralter Mähnenlöwe ebenfalls diesen Talkessel.
[Illustration]
Der Mond ist aufgegangen, ein zitronengelber afrikanischer Mond, und
sucht mich unter dem Blätterdach der Bäume, wo ich, mit dem Kopf auf
dem Sattel liegend, meinen Gedanken nachgehe. Neben mir stehen meine
beiden Reittiere, mein neuer hochbeiniger südafrikanischer Fuchswallach
und mein kleines, schnittiges Maultier. Sie fressen ihr Mtamakorn und
nehmen zwischendurch ein Maulvoll von dem ihnen vorgeworfenen Gras;
der Fuchs, der Nachfolger von Otto, und das Maultier sind schnell
Kriegskameraden geworden und vertragen sich gut. Von Mpapua her, wo
die Neger tanzen, erklingen fern die Töne der Ngoma [Trommel], näher,
in unserm Lager, dort, wo der Askarizug liegt, höre ich meine schwarzen
Kameraden singen: »Napenda we, napenda we« [ich liebe dich] ... auch
sie denken nicht an Krieg. Nächtlicher Friede sinkt auf das Land herab.
Da fängt plötzlich der alte einsame Löwe an, seine mächtige Stimme zu
erheben. Erst rollen die Laute grollend tief aus seiner Kehle, wie wenn
sie sich erst lösen müßten. Freier und lauter wird das Gebrüll, das
sich an den Bergwänden fängt und widerhallt, bis der ganze Talkessel
von dem Groll und der Macht des Königs der Tiere erfüllt ist. Der
Gesang der Askari ist verstummt. Meine Tiere fressen nicht mehr. Wie
zu Stein erstarrt stehen sie da und lauschen mit vorgestreckten Ohren
aufmerksam in die Nacht hinein. Ich richte mich halb auf und lausche
auch; unwillkürlich sucht meine Hand den Karabiner neben mir. Alle
Lebewesen lauschen, die ganze Natur ist ein Lauschen. Wieder und wieder
erhebt der Löwe sein Gebrüll, allen denen Verderben drohend, die sich
seinem Trotz nicht unterwerfen. Dann verstummt er so plötzlich, wie
er begann, nur noch einige verächtliche Gurgellaute klingen nach. Der
Frieden der Tropennacht sinkt wieder auf mich und alles um mich nieder.
Unser Wohlleben im Jagdgebiet des alten Löwen von Mpapua sollte nicht
von langer Dauer sein. Es kam vom Kommando der Befehl: »Die beiden
Berittenen Kompanien sind der Abteilung Linke in Chinene zugeteilt.«
Also wieder hieß es: »Fertig machen! Satteln!« Wie viele hundert Male
ich wohl diese beiden Befehle im Kriege habe geben müssen? Wir ritten
noch in der Nacht zur Mittellandbahnstation Gulwe und pennten dort, wo
wir standen, weil der Transportzug auf sich warten ließ. Am nächsten
Tage waren wir wieder in der Großstadt Dodoma. Die Zivilverwaltung, mit
alleiniger Ausnahme des Burgomaster Kleinschmidt, war bereits fort;
auch unsere freundliche Frau Bahnhofswirtin trafen wir nicht mehr an,
doch hatte sie – geschäftstüchtig, wie sie war – ihr Hotel noch schnell
an einen Inder (oder war es ein Grieche?) verpachtet.
Wir hielten uns nicht in Dodoma auf, sondern ritten auf der Straße
nach Kondoa die Nacht durch und waren am nächsten Abend in Chinene.
Hier hatte die Abteilung Linke auf dem Rückzug aus der Kondoastellung
haltgemacht, um am Chinene-Paß den Feind zu erwarten. Mittlerweile
hatte dieser nun doch Ernst gemacht, war von Kondoa nach Süden
vorgegangen und lag jetzt vor dem Chinene-Paß. Hauptmann Linke teilte
– seit langer Zeit zum erstenmal wieder – die Kavalleriebrigade,
behielt die Berittene Achte bei sich in Chinene und schickte meine
Kompanie rechts raus, um den etwa 10 Kilometer östlich gelegenen
Kongoni-Paß zu besetzen. Die Berittene Neunte hatte sich inzwischen, da
Rekonvaleszenten sich nach und nach eingefunden hatten, wieder etwas
vermehrt und war jetzt 16 Europäer und 19 berittene Askari, also 35
Gewehre stark.
Drei Tage und drei Nächte lagen wir oben im Kongoni-Paß in Stellung
und froren ganz jämmerlich. Vom Feind war nichts zu sehen. Es war aber
anzunehmen, daß die Berge, die vor dem Nordausgang des Passes lagen,
von ihm besetzt waren. Als ich, um das festzustellen, Freiwillige zu
einer Schleichpatrouille aufrief, meldeten sich sämtliche Leute, wie
das bei der Berittenen Neunten nicht anders zu erwarten war. Bernhard
Blaich, unser »Mariechen«, und der kecke Dettmar meldeten sich am
schnellsten. Zu Fuß gingen sie vor und bewogen sogar den Feind, aus
seinen Stellungen herauszukommen. Nur ihre jungen Lungen und flinken
Beine retteten Blaich und Dettmar vor einer Umzingelung. Ich hoffte,
der Feind würde ihnen bis in Schußweite meiner Feldwache folgen, und
hatte bereits alles für einen warmen Empfang vorbereitet. Der Feind
aber ließ sich auf gar nichts ein.
Es war am Morgen des denkwürdigen 27. Juli 1916, als von der Abteilung
Linke der Befehl eintraf: »Nach Gefecht am 26. bei Chinene ging
Abteilung Linke nach Meia-Meia bei Kilometer 45 zurück. Die Berittene
9. Schützenkompanie hat sich der Abteilung Linke dort anzuschließen.«
»Fertig machen! Satteln!« Ich ahnte nicht, daß ich diese Befehle
meinem Zuge zum letztenmal im Kriege zugerufen hatte. Wir tränkten die
Tiere noch mal, und die Pferdehalter wurden eingeteilt. »Aufsitzen!
– Spitze: Unteroffizier Bosch, Gefreiter Botha und zwei Askari! –
Spitze anreiten! – Marschordnung: Europäerzug, Askarizug! – Europäerzug
anreiten!«
Durch undurchdringlichen Dornbusch auf sich windenden Negerpfaden
ritten wir in Kolonne zu Einem nach Meia-Meia. Es mag 2 Uhr 30 oder 3
Uhr nachmittags gewesen sein, als wir an den Rand der etwas lichteren
Fläche kamen, in der die Etappenstation Meia-Meia stand. Unsere Spitze
war schon über diese Lichtung weggeritten bis an die Etappenstraße
heran, und jetzt verließen auch wir den schützenden Busch. Der erste
Reiter in der Kolonne war Leutnant Freund als Kompanieführer, ihm
folgte unser Veterinär Dr. Binz, der dritte war ich, und hinter mir
ritt mein Zug.
Wir erwarteten in Meia-Meia die Abteilung Linke in Stellung zu finden
und wußten, daß wir erwartet wurden. Daß also 40 Meter links von
uns Truppen mit der Front nach Chinene zu ausgeschwärmt im hohen
Gras lagen – wie es auf den ersten Blick schien, Askari mit um
den Tarbushi, wie üblich, befestigten Zweigen –, konnte uns nicht
auffallen, jedenfalls fiel es mir nicht auf. Wir ritten Schritt, und
als beinahe der ganze Europäerzug aus dem Busch heraus war, rief jemand
von hinten nach vorne: »Ich glaube, das sind Engländer!« – »Unsinn!«
antwortete Leutnant Freund, setzte aber, während wir im Schritt in
der Marschrichtung blieben, sein Tier in Galopp und ritt an die
Schützenlinie heran.
In dem Augenblick wurde jeder Zweifel behoben. Wir erhielten
Schnellfeuer auf 40 Schritt. Ein Zurück war nicht möglich. Es hätte
am engen Eingang zum dichten Busch eine Stauung und folglich ein
Massengrab gegeben. Bei einem Feuerüberfall auf 40 Schritt ist es nicht
gut möglich, sich zu entwickeln. Unsere Instruktion lautete jedenfalls,
in einem solchen Falle auseinanderzuspritzen und die nächste Deckung
zu suchen. Wir sausten alle auseinander nach rechts, wo ein naher
Buschstreifen wenigstens erst einmal Deckung gegen Sicht versprach.
Bis zu dem Buschstreifen, kaum 20 Galoppsprünge entfernt, fiel links
von mir Dr. Binz neben sein totes Tier mit zwei Schuß in Brust und
Hand, und rechts von mir wurde Gotthilf Blaich das Pferd unter dem Leib
erschossen. Die Luft sang von Spitzgeschossen.
[Illustration]
Der Buschstreifen war leider schmal und bot keine Deckung gegen
Infanteriefeuer. Jenseits desselben war kein Feind zu sehen. Also
weiter! Wenige Galoppsprünge – da bekam ich aus dem Busch halbrechts
von mir ebenfalls starkes Feuer. Ich wandte links und ritt, mit dem
Kolben stoßend – ich vermißte meine alte schwere Feldartillerieplempe
sehr –, buchstäblich durch feindliche Schützen, die aufgestanden waren,
aber erst hinter mir her schossen, als ich bereits durch war, vorher
wohl auch nicht schießen konnten, wollten sie nicht ihre eigenen Leute
anknallen, vor denen ich nach links abgebogen war. In meiner Nähe sah
ich nur noch den Gefreiten Arno Förster. Da stürzte sein Tier, warf ihn
schwer, und ich war allein.
Ich konnte keine 20 Schritt weit sehen, aber ich glaubte jetzt raus zu
sein und galoppierte vorgebeugt, nachdem ich mir den Tropenhut fest
über den Kopf gezogen hatte, hinein in den dichten Dornbusch. So schoß
ich blindlings in eine Abteilung von 150 berittenen ~Southafrican
Scouts~ hinein, die hinter dem Dornbusch hielten und jetzt mit gutem
Erfolg Revolverpraxis an mir übten. –
Im Handgemenge zu Meia-Meia verlor meine Kompanie neun Europäer.
Kriegsgeschichtlich ist Meia-Meia als das Grab der Berittenen 9.
Schützenkompanie zu betrachten. An einen Ersatz von Europäern war
angesichts des sich auch bei den Feldkompanien stark fühlbar machenden
Mangels an solchen nicht zu denken. Es war daher das Gegebene, daß,
nachdem noch einige Europäer meiner Kompanie zu Feldkompanien versetzt
worden waren, der fast nur noch aus Askari bestehende Rest der tapferen
Neunten mit der Berittenen Achten verschmolzen wurde und in ihr
aufging. Das Konkurrenzunternehmen hatte doch gesiegt!!
* * * * *
Es bleibt nur noch kurz zu erzählen, wie es kam, daß ein Mann, dessen
Hand die Axt, den Pflug, die Flinte und die Zügel zu führen geliebt
hat, die Feder in die Hand nahm.
Nach einem für den berittenen Soldaten sehr verdrießlichen Fußmarsch
von fünf Wochen unter den Strahlen der tropischen Sonne und
durch den knietiefen losen Sand der Etappenstraße langten wir im
Kriegsgefangenen-Sammellager zu Nairobi an. Hier gab mir die englische
Kommandantur ein großes rotes Taschentuch, ein Rasiermesser und
einen Rasierspiegel. Ereignisse wiederholen sich – ich dachte an den
elfjährigen Knaben, der für Reisebedarfsartikel auch auf Taschentücher
verfallen war. Nachdem ich noch meine Taschenuhr an einen englischen
Tommy verkauft und mir eine Khakihose gekauft hatte, war ich
reisefertig für den Abtransport nach Vorderindien.
[Illustration]
In Indien steckte man mich hinter den Stacheldraht des A-Camps im
Gefangenenlager zu Ahmednagar. Als ich eingeliefert wurde, war das
A-Camp bereits von 800 Mann und zwei Milliarden Wanzen bevölkert. Im
A-Camp waren vertreten die Spitzen der Wissenschaft, Professoren des
Sanskrit, der Nationalökonomie, der Chemie, der Zoologie, deutsche und
österreichische Kaufleute und Missionare aus Hinter- und Vorderindien,
aus Siam, die ganzen Mannschaften der im Indischen Ozean gekaperten
Handelsmarine vom Offizier bis zum Heizer, sämtliche deutschen
Vagabunden, die sich im fernen Osten herumgetrieben hatten, kurz
Abenteurer jeder Gattung und zwei Milliarden Wanzen.
Sintemalen es sich um ein deutsches Gefangenenlager handelte,
hatte dieses natürlich einen großen Wellblechschuppen, der je nach
Tageszeit und Laune als Kirche, Theater, Universität, Konzertsaal oder
Vortragsraum diente. Da Wanzenjagd als einzige Betätigung auf die Dauer
von dreieinhalb Jahren nicht befriedigen kann und da ich doch auch
etwas zur Unterhaltung meiner 800 Con-Abenteurer beitragen wollte,
verfiel ich auf den für mich gewiß sehr abenteuerlichen Plan, ihnen von
meiner Berittenen Neunten zu erzählen. Ich schrieb mir’s auf, und 16
Leseabende waren das Resultat.
Am ersten Abend waren in dem großen Wellblechschuppen höchstens
20 bis 30 Mann da – ja, wenn nicht ein Prominenter des Lagers die
Bühne betrat, ließen die Familienväter sich in ihrem Dauerskat
nicht stören, und das junge Blut umschwärmte lieber die Tische,
an denen »Gottes Segen bei Cohn« gespielt wurde. Am zweiten Abend
war der Wellblechschuppen gefüllt, am dritten mußten seine Wände
entfernt werden, und von da ab versammelten sich an jedem Leseabend
die gesamten Lagerinsassen in dem und um den seiner Wände beraubten
Wellblechschuppen.
Der Nachwelt wäre es doch beinahe verlorengegangen. Als wir repatriiert
werden sollten, kam die Verfügung heraus, daß unser Gepäck auf alles
im Lager Geschriebene strengstens zu durchsuchen und dieses zu
beschlagnahmen sei.
Da baute mir ein Kamerad, der Schiffszimmermann war, einen Handkoffer
mit doppeltem Boden. In diesem Koffer habe ich meine Aufzeichnungen, so
klein geschrieben, daß ich sie heute nur noch mit der Lupe lesen kann,
trotz aller Revisionen am 7. Februar 1920 in Rotterdam glücklich an
Land gebracht.