Am nächsten Mittag ritten wir bei schwerem Regen in Handeni ein. Hier

wurden wir in leider leeren Magazingebäuden untergebracht und warteten

auf den Tierarzt Philipp, der unsere Tiere gegen Tsetse mit Atoxyl, dem

Mittel, das auch gegen Schlafkrankheit angewandt wird, impfen sollte.

Am Abend fand die Impfung statt, und die Tiere mußten jetzt 24 Stunden

Ruhe haben. Die Experimente, die im Kriege mit Atoxyl gegen Tsetse

gemacht worden sind, sind nach meinen Beobachtungen noch unzureichend;

bei Maultieren wenigstens schien es ja zu wirken, aber andererseits

hatten wiederholte Atoxylspritzungen bestimmt eine böse Wirkung auf die

Herztätigkeit der Tiere, die dann auch zum Teil an Atoxylvergiftungen

eingingen. Nachdem die Tiere gespritzt waren, gingen wir alle zu Frau

Schlittenbauer, die in Handeni einen Ausschank hatte, und blieben dort

so lange, bis ihr Vorrat an Eß- und Trinkbarem rein alle war.

Am Spätnachmittage des nächsten Tages, des 2. April, traten wir auf

der Etappenstraße von Handeni nach Kimamba an der Mittellandbahn

den Nachtmarsch an. Wir waren noch nicht lange unterwegs, als der

Regen, richtiger Tropenregen, losging. In diesem Regen, auf völlig

aufgeweichter Straße, oft bis zum Bauch der Tiere im Schlick, ritten

wir bis vier Uhr morgens. Wenn es gar nicht mehr gehen wollte und die

Stimmung gar zu trübe wurde, dann stimmten wir unser Kompanielied

an. Von außen bis auf die Haut durchnäßt und gleichzeitig in unsern

dicken Indermänteln bei der greulichen Hitze wie in einem Dampfbade

schwitzend, fanden wir in der Etappe Kilima cha mzinga Unterkunft

in einer an allen Seiten offenen Trägerbanda [Halle]. Feuer

wurden angemacht, und jeder versuchte, sich und seine Sachen nach

Möglichkeit zu trocknen. Zu essen gab es ein wenig Reis. Das hübsche

Etappenrasthaus war bereits von einigen zur Nordtruppe kommandierten

Europäern aus Daressalam belegt. Sie lagen noch in eigenen Feldbetten

mit Moskitogestell und -netz, und jeder hatte so rund zehn Lasten bei

sich. Sie werden später auch haben lernen müssen, sich mit weniger

zu behelfen. Vielleicht war es aber ganz gut, daß sich einzelne

Truppenteile in den ersten beiden Kriegsjahren recht hatten schonen

und pflegen können – sie konnten dann einspringen, als die Europäer,

die vom ersten Kriegstage an der Front mitgemacht hatten, so ziemlich

verbraucht waren.

Am folgenden Tag ritten wir bis Lembule, am 26. April bis Kanga. Auf

beiden Etappen gab es ein wenig Reis. Auf beiden Märschen kamen wir

nur langsam vorwärts; denn die Straße war meistens unergründlich, und

alle Augenblicke sackte jemand mit seinem Tier in ein Loch, um zur

Freude seiner Kameraden ein unfreiwilliges Schlammbad zu nehmen. Einmal

hörte die Straße überhaupt auf. Ich versuchte sie weiter, aber von

meinem kleinen Maultier guckten dann nur noch die langen Ohren aus dem

flüssigen Dreck. Wir mußten also von der Straße nach rechts abbiegen,

was vor uns die vielen Askarikompanien mit ihren Trägerkolonnen bereits

auch getan zu haben schienen, ohne dadurch zur Festigkeit des Bodens

besonders beigetragen zu haben. Nun lief neben der Straße ein Graben,

über den wir springen und dann die Tiere nachziehen mußten. Daß dieser

Graben da war, merkten wir erst, als der erste hineinfiel; zu sehen

war er nicht, denn hüben und drüben sowie im Graben stand der flüssige

Schlamm an der Oberfläche ganz gleich hoch. Die Tiere, die die Breite

auch nicht berechnen konnten, sprangen entweder zu weit und stießen

drüben den Reiter in den Dreck, oder zu kurz und rissen den Reiter

mit in den Graben zurück. Hier sind alle die verunglückt, die bisher

gespottet hatten. Der Gefreite Münz saß auch drin bis an den Hals.

Rechts von ihm sah ich noch den Kopf seines Maultieres und links

von ihm war sein Sattel, der sich vom Tier getrennt hatte, gerade im

Begriff abzusacken. Als ihm Leutnant Freund zurief, er solle seinen

Sattel fassen, antwortete Münz im schönen Württemberger Dialekt: »Herr

Leitnant, Herr Leitnant, i bin erledigt, i kann nit schwimme!« Na, so

schlimm war es ja gar nicht. Der Schlick ging dem, der sich nicht, wie

Münz es tat, dabei hinsetzte, nur bis an die Brust, und zum Schwimmen

war der Modder überhaupt viel zu dickflüssig.

Am 27. April waren wir mittags in Tuliani, das ich nie vergessen

werde. Denn hier gab es mal wieder was zu essen. Nicht etwa von der

Etappe – bewahre, die hatte, wie die andern Etappen alle, nur ein

wenig Reis für uns vorgesehen. Aber von einem menschenfreundlichen und

geschäftstüchtigen Missionar aus Mhonda, das oberhalb der Etappenstraße

im Gebirge liegt. Wir kauften von dem Missionar ein Schwein, Hühner,

Eier und Früchte und lebten für fünf Stunden wie der Herrgott in

Frankreich. Denn im Tuliani-Fluß konnte man auch schön baden und

währenddessen wenigstens Hemd und Strümpfe waschen und trocknen lassen.

Eigentlich hatte das ja wenig Zweck – die Schlammbaderei ging ja doch

gleich wieder los. Aber sich mal für einige Stunden rein zu fühlen und

nach dem ewigen Reis dreimal am Tage wieder mal ein ordentliches Stück

Schweinebraten zu essen, ist doch nicht ohne.

Um fünf Uhr ging es von Tuliani weiter, wieder hinein in den Schlick.

Es wurde ein übler Nachtmarsch, denn zu den üblichen Mühseligkeiten

der grundlosen Straße kam noch hinzu, daß wir uns verbiesterten. Lange

konnten wir im Dunkeln die Furt durch den Mvomerofluß nicht finden,

und erst um drei Uhr morgens trafen wir auf der Etappe gleichen

Namens ein. Dort herrschte durch seine liebenswürdige Gattin ein

verheirateter Etappensoldat, dessen Namen ich leider vergessen habe.

Er hatte dort eine Pflanzung, und wir brachten die zwei Stunden Schlaf

auf dem Fußboden in einem Zimmer seines Wohnhauses zu. Als wir um

fünf Uhr morgens mit Mühe wieder wach wurden, hatte Frau Pflanzer

auf der Veranda bereits einen mächtigen Kaffeetisch aufgebaut, und

nun konnte jeder soviel heißen Kaffee trinken, wie er wollte. Es gibt

auch Lichtblicke im menschlichen Leben, und zur Etappe sollten nur

verheiratete Soldaten _mit_ ihren Frauen kommandiert werden.

[Illustration]

Um sechs Uhr morgens ging der Marsch weiter, immer noch durch

Modder, nach Kidete, wo es zu Mittag wieder etwas Reis und zu Abend

– Ochsenfleisch gab. Die Etappe war unschuldig an dem Ochsen, wir

vielleicht weniger – der Ochse war uns unterwegs zufällig zugelaufen

und wollte durchaus nicht wieder von uns lassen; wenn ich mich

recht entsinne, war uns ein Ochsentransport begegnet. Bis Kidete

hatten wir bereits drei der Automobile, mit denen unser Oberst am

ersten Marschtage an uns vorbeigesaust war, überholt; sie waren im

Schlamm steckengeblieben. Nur das leichtere Personenautomobil, in

dem unser Oberst selbst saß, war unter allerhand Schwierigkeiten

durchgekommen. In Kidete stellte unser tüchtiger Sanitätsrat

Stein Rückfallfieberzecken fest mit dem Resultat, daß wir aus der

Trägerbanda, die wir des Regens wegen bezogen hatten, vertrieben wurden

und draußen auf offenem, schön durchweichtem Felde lagern mußten.

Nach schlafloser Nacht ging es am 29. April in aller Frühe weiter.

Gegen Abend kamen wir an den Wamifluß, den breitesten, tiefsten

und reißendsten in unserer Marschroute. Die solide Holzbrücke, die

ihn überbrückt hatte, war dummerweise in der vorhergehenden Nacht

bis auf ein bescheidenes Ende weggewaschen worden. Den Übergang

bewerkstelligten wir in folgender Weise: Ein guter Schwimmer schwamm

zunächst mal durch den Fluß mit einer langen Leine, zusammengeknüpft

aus unsern Fouragierleinen. Sobald die Leine von Ufer zu Ufer gespannt

war, schwammen an ihr mehrere Leute durch den Fluß, Kleider und

Kriegsausrüstung in einem großen Bündel auf dem Kopf. Man hielt mit

der Rechten die Leine, mit der Linken das Bündel fest und arbeitete

sich mit den Beinen, die durch die Strömung nach links gerissen wurden,

schwimmend langsam durch den Fluß. Dann wurden die Tiere abgesattelt

und vom diesseitigen Ufer einzeln in den Fluß geworfen. Das ging sehr

fix; denn wir und die Tiere kannten den Rummel schon vom Pangani her.

Selbst die wasserscheusten Tiere sind leicht durch einen Fluß zu

kriegen, wenn man die Sache richtig anfängt. Zum Übergang wähle man

eine Stelle, an der das diesseitige Ufer steil abfällt und das Wasser

so tief ist, daß das Tier gleich schwimmen muß; das jenseitige Ufer

dagegen muß flach sein, damit die Tiere dort leicht landen können.

Wirft man die Tiere dann vom hohen Ufer hinein, dann wenden sie sich

nach einigen vergeblichen Versuchen, diesseits hochzukommen, totsicher

dem flachen jenseitigen Ufer zu. Die Sättel wurden auf dem Kopf

durchgebracht, wie vorher die Kleiderbündel. Loslassen durften wir die

Leine nicht, sonst wurden wir wie ein Teil der Tiere vom reißenden

Strom mitgenommen und erst einige hundert Meter unterhalb unserer

Übergangsstelle wieder an das Ufer geworfen. War es das jenseitige

Ufer, so war es gut; war es das diesseitige, dann hieß es: das Ganze

nochmal!

Um 7 Uhr 30 abends ritten wir vom Wami ab weiter nach Kimamba an der

Mittellandbahn. Es regnete wieder in Strömen. Mir sind diese letzten

dreieinhalb Marschstunden ganz unsäglich schwer gefallen. Meine Kräfte

waren völlig verbraucht, weniger durch die Marschanstrengungen der

letzten acht Tage, das knappe Essen und die kurzen Nachtpausen, als

vielmehr dadurch, daß mich die verfluchten kleinen Moskiten in keiner

Nacht Schlaf finden ließen. Ich konnte mich auf diesem Marsch nur noch

dadurch wach halten, daß ich immer wieder in unser Kompanielied oder

andere schöne Soldatenlieder einstimmte – trotz meiner notorischen

Unfähigkeit, auch nur zwei Töne beide richtig zu singen. Es wird

allen ähnlich gegangen sein – ich meine natürlich, was die Müdigkeit

anbetrifft –, denn diese dreieinhalb Marschstunden im strömenden Regen

hat die Kompanie ohne Pause gesungen und unsere Kapelle ununterbrochen

gespielt. Die Kompaniekapelle war der Bur Alwin Botha mit seiner

regenfesten Ziehharmonika, auf der er im Reiten jedes denkbare

Soldatenlied spielen konnte.

[Illustration]

In Kimamba, wo wir um elf Uhr abends unter den Klängen unseres

Kompanieliedes einzogen, nahm sich die Etappenleitung direkt liebevoll

unserer an. Ich bemerke dies ausdrücklich, damit es nicht heißt,

daß ich auf die Etappe nur schimpfen könne. Man legte uns in einen

regensicheren Wellblechschuppen, vor dem draußen einige Riesenkessel

voll kräftiger Reis- und Fleischsuppen und Kaffee auf Feuern standen.

Beide, Suppe und Kaffee, waren _fertig_, als wir kamen, und jeder

konnte sich sein Kochgeschirr voll Suppe und den Kochgeschirrdeckel

voll Kaffee holen. Wir waren ganz verschüchtert von soviel Vorsorge.

So etwas war uns im ganzen Kriege bisher auf keiner Etappe passiert –

wir sind oft genug hungrig schlafen gegangen, zu müde und abgespannt,

noch abzukochen, wenn wir unser Marschziel erreicht hatten. Der

Etappenleiter von Kimamba, dessen Namen ich nicht kenne, war ein

Menschenfreund; außerdem muß er eine für einen Etappenmenschen

ungewöhnliche, zum eigenen Handeln veranlassende, verantwortungswillige

Intelligenz besessen haben.

Am nächsten Vormittag verluden wir uns auf der Mittellandbahn und

fuhren landeinwärts nach Dodoma. Über Mittag hielt der Zug eine

Stunde in Kilossa, und wir haben alle im dortigen Bahnhofshotel noch

mal fürstlich gegessen. Wir Dreckspatzen saßen an richtig gedeckten

Tischen, Gabel und Löffel waren nicht mehr aus einem Stück, wie die zum

Kochgeschirr gehörigen, und wir tranken aus Gläsern anstatt aus dem

Kochgeschirrdeckel. Es gab mehrere Gänge Gemüse, viel Früchte und –

eisgekühlte Sodagetränke. Man denke: Eis und Sodawasser gab es an der

Mittellandbahn noch am Ende des 21. Kriegsmonates! Wir hatten beides

im ganzen Kriege noch nie gesehen. Im Kilossa-Bahnhofshotel wurden wir

trotz unserem wenig Vertrauen erweckenden Äußeren als willkommene Gäste

behandelt und von Wirt, Wirtin und Hotelpersonal liebevoll versorgt. Im

Bahnhofshotel zu Dodoma sollte es uns anders ergehen.

Am 30. April abends – volle neun Tage nach unserm Aufbruch von der

Nordbahn – trafen wir in Dodoma ein. In Dodoma gab es ein Bezirksamt,

Polizeistation, Bahnbeamte, Intendantur, Ortskommando, Etappenkommando,

Inderviertel und das Bahnhofshotel. Letzteres interessierte uns

von allen diesen großstädtischen Einrichtungen am meisten. Aber

es enttäuschte uns. Das Hotel hatte sicher auch einen Wirt, doch

verschwand seine Persönlichkeit so gegen die der Wirtin, daß ich mich

seiner nicht mehr recht erinnern kann; ich weiß nur noch, daß der Wirt

ein junger Kerl war und daß ich mich wunderte, warum der Mann nicht

an der Front kämpfte. Frau Wirtin aber war eine geschäftstüchtige

Person und schien der Meinung zu sein, daß sie es ihren ortsansässigen,

großstädtisch gekleideten Stammgästen schuldig sei, uns dreckige

Frontsoldaten aus dem Hotel fernzuhalten. Vielleicht stammte sie aus

einer englischen Kolonie und hatte von dort die Auffassung mitgebracht,

daß der deutsche Soldat, wie der frühere Söldner Tommy Atkins, zwar gut

genug sei, sich für die Sicherheit ihrer Kneipe totschlagen zu lassen,

aber nicht gut genug, sie in Uniform zu betreten.

Daß die deutsch-ostafrikanische Kavalleriebrigade, die bereits 21

Monate im Felde gelegen hatte, damit Frau Wirtin in Dodoma in aller

Ruhe ihre Großstädter bedienen und deren mapesa [Geld] einstecken

konnte, die Sache von einem wesentlich andern Standpunkte ansah, ist

weiter nicht zu verwundern. Als Frau Wirtin wiederholt Schwierigkeiten

machte, Essen und Getränke gegen Zahlung guter ostafrikanischer

Silberrupien zu liefern, wäre die Sache um ein Haar schief gegangen.

Ich habe mir erzählen lassen, daß man schon beriet, ob es ein Fall

sei zum »plündere, leicht ahnsenge oder vom Grund auf devaschtiere«.

Nur die Ruhe einiger älterer Frontsoldaten soll die Situation, d. h.

Hotelinventar, gerettet haben.

Daß übrigens die Kavalleriebrigade aus dem Kampfe gegen Frau Wirtin

siegreich hervorgegangen war, konnte ich am folgenden Tage beobachten.

Wir hatten Ruhetag, denn unsere Tiere, die übrigens der achttägige

Marsch im Modder grausam mitgenommen hatte, bekamen wieder eine

Atoxylspritze. An diesem Tage besetzte bereits in aller Frühe unsere

Kapelle – Alwin Botha mit der Quetschkommode – das Großstadthotel. Spät

am Abend spielte die Kapelle immer noch, und die Frontsoldaten sangen

dazu so schön und andauernd, daß die ortsansässigen Stammgäste ihren

Skatabend verschoben und, soweit sie verheiratet waren, zur Freude

ihrer Frauen zu Hause blieben.

An der Kondoa-Front

Bereichert um fünf neue Reittiere, darunter zwei Hengste aus dem

Regierungsgestüt Singidda – die letzte Reserve an Pferden in der

Kolonie –, begannen wir am 1. Mai nachmittags unsern Vormarsch nach

Norden auf der von Dodoma nach Kondoa führenden Straße. Am dritten

Tag bogen wir von letzterer rechts ab und erreichten am Abend das uns

zugewiesene Ziel, den Kwa-Handu-Paß.

Von den Einzelheiten dieses Marsches weiß ich so gut wie nichts mehr.

Ich hatte mir, wahrscheinlich als Andenken an den Marsch von der

Nordbahn zur Mittellandbahn, die Rote Ruhr zugelegt, die jetzt zum

Ausbruch kam. Der Vormarsch nach Norden bestand für mich eigentlich

nur in einem ewigen Auf- und Absitzenüben. Die Schmerzen wurden

schließlich so schneidend, daß ich keinen Trab mehr reiten konnte und

mich entschließen mußte, mit einigen andern Kranken der Kompaniekolonne

im Schritt zu folgen. Seit meinem Fieber in Same stand ich unter einer

Chininkur, nun machte ich gleichlaufend mit ihr eine Kalomelkur durch.

Der Höhenzug, auf dem der Kwa-Handu-Paß liegt, verläuft etwa parallel

zu dem ihm nach Norden zu vorliegenden Höhenzug, auf dem sich unsere

Kondoastellung befand. Unser Oberst war mit allen verfügbaren Truppen

sowie den beiden von einem Blockadebrecher gelandeten Haubitzen und

einigen Geschützen kleineren Kalibers von Dodoma in Eilmärschen dem

Feinde, der bereits über Kondoa hinaus nach Süden vorgedrungen war,

entgegengezogen und hatte ihn auf Kondoa zurückgeworfen. Die englische

Front befand sich nun in einer Gesamtlänge von etwa 50 Kilometer auf

den Höhen nördlich von Kondoa (einem Negerdorf mit Bezirksamt, 158

Kilometer von Dodoma), die deutsche auf dem Höhenzuge südlich von

Kondoa. Wir, d. h. die beiden Berittenen Kompanien, kamen zunächst

hinter den etwas zurückgebogenen rechten Flügel unserer Front. –

Als Gesamtlandschaftsbild denke man sich sehr zerklüftete Höhenzüge,

die teils bewaldet sind, teils nackte Felsen in der Sonne glitzern

lassen, und dazwischen weite, mit dichtem niedrigen Dornbusch

bewachsene Täler. Aus dem Dornbusch ragt hier und da ein Affenbrotbaum

zum Himmel, und wo etwas Licht und Sonne ankommen kann, war der

Dornbusch jetzt, kurz nach der großen Regenzeit, von Winden überzogen,

deren wunderbare, oft untertassengroße Blumenkelche den zartesten

Farbenschmelz zeigten.

In diesem Dornenbusch haben sich die Eingeborenen ihre Mtamamashamba

gerodet und ihre Lehmhütten mit dem flachen Dach, »Temben« genannt,

gebaut. Ich sah viele und große Mashamba; denn das Bezirksamt Kondoa

hatte die Eingeborenen veranlaßt, zur Verpflegung der Truppe besonders

stark anzubauen. Der Mtama stand ganz vorzüglich. Ich möchte die

Prophezeiung aussprechen, daß in einem Zukunfts-Ostafrika die Gegend

von Kondoa und südlich davon ein Teil von Ugogo Tabak bauende Bezirke

sein werden – der Boden eignet sich vorzüglich zum Tabakbau. Was Wasser

anbelangt, will ich noch erwähnen, daß wir in keinem der zahlreichen

Flußbetten tiefer als höchstens ein Meter danach zu graben brauchten,

und daß die Engländer auf ihrer Etappenstraße von Aruscha nach Kondoa

alle 20 oder 25 Kilometer Brunnen bohrten, Pumpwerke aufsetzten und

Tränkstellen einrichteten, aus denen 500 bis 1000 Reittiere getränkt

werden konnten. Grundwasser ist also reichlich vorhanden, auch lassen

sich Staudämme und künstliche Seen überall leicht anlegen.

Ob die Kondoagegend heute ganz frei von Fieber ist, weiß ich nicht.

Was noch an Fieber da sein sollte, würde mit dem Fortschritt der

Wirtschaftskultur verschwinden. Malaria läßt sich verdrängen, wie die

Beispiele von Ägypten, Panamakanal und Queensland bewiesen haben. –

Auf dem Kwa-Handu-Paß, der von einem Teil der Abteilung Aruscha besetzt

war, trafen wir unsern lieben Dr. Sinning wieder. Diese Freude wurde

dadurch gedämpft, daß unser guter Sanitätsrat uns verließ; er war zu

dem Aufnahmelazarett versetzt, Sanitätssergeant Trimpler wurde sein

Nachfolger. Ungern sahen wir unsern weisen Mann und Fundi im Reiskochen

scheiden. Ich habe ihn nie wieder gesehen; er ist, wie ich später

hörte, am Schwarzwasserfieber gestorben.

Meine erste Nacht im Kwa-Handu-Paß werde ich mein Lebtag nicht

vergessen; in strömendem Regen brachte ich sie auf dem Orte zu, für

dessen Einrichtung unser Sanitätsrat immer zuerst zu sorgen pflegte,

sobald abgesattelt war. Am nächsten Tage, der Gott sei Dank ein Ruhetag

war, begab es sich, daß unser einziger Offizier, Leutnant Freund,

Fieber bekam und vorläufig nicht weiter konnte; er beschloß, auf unsere

Trägerkolonne zu warten und mit dieser der Kompanie nachzukommen.

Leutnant Kämpfe, Regierungsrat und Bezirksamtmann des gewesenen Bezirks

Aruscha, wurde für die Zeit, bis Leutnant Freund wiederkam, Führer

meiner Kompanie.

Nach dem Ruhetag ging die deutsch-ostafrikanische Kavallerie, die immer

noch im Brigadeverbande marschierte und operierte, wohl weil man sie in

ihrer zusammengeschrumpften Zahl sonst überhaupt kaum mehr hätte sehen

können, weiter nach vorne, und zwar in Richtung des äußersten rechten

Flügels unserer Front. Wir hatten die Aufgabe, dort nördlich der Straße

von Kondoa nach Handeni einen Hügel – später der Büchsel-Hügel genannt,

weil unser früherer Kompanieführer ihn mit der 4. Feldkompanie eine

Zeitlang besetzt hielt – vom Feinde zu säubern.

Als wir uns dem Hügel frontal näherten, wurde unsere Vorspitze

angeknallt, und Lowes von der Berittenen Achten fiel dabei verwundet

in Feindeshand; ich habe ihn später in Ahmednagar gesund, aber

minus einen Arm wiedergefunden. Nun wurde beschlossen, den Hügel am

nächsten Morgen von Osten zu stürmen. Wir lagerten bei Tage hinter

einem Mtamafeld im Busch. Hier bekamen wir den ersten sicheren Beweis

dafür, daß die Eingeborenen von Kondoa-Irangi auf feindlicher Seite

gegen uns mitmachten. Sie näherten sich unseren Askari, und als sich

einer von diesen freundlich mit ihnen unterhalten wollte, stach

ihm ein Irangimann seinen Stoßspeer durch die Halsmuskeln. In der

folgenden Nacht pirschten wir uns an den Büchsel-Hügel heran, um ihn im

Morgengrauen zu stürmen. Als es gerade losgehen sollte, kam eine vom

Unteroffzier Fokken geführte Schleichpatrouille zurück und meldete, daß

der Hügel vom Feinde geräumt sei.

Wir bezogen trotzdem den Hügel nicht, weil er viel zu groß war,

als daß wir paar Männeken ihn hätten besetzen und halten können,

sondern gingen drei Kilometer südlich davon auf einen kleinen, sehr

zerklüfteten, beinahe kreisrunden Berg zurück. Dicht vor uns führte die

Kondoa-Handeni-Straße vorbei, und von dem Büchsel-Hügel trennte uns ein

Tal mit reichen Mtamafeldern. Überall guckten aus diesen die flachen

Dächer der Eingeborenenhütten heraus, und fast auf jedem Dach hockten

einige bewaffnete schwarze Landsleute und beobachteten jede unserer

Bewegungen, um alles dem Feinde zu melden. Kam man ihnen näher, dann

verschwanden sie im dichten Mtama.

Auf unserm Runden Berg haben wir sechs oder sieben Tage gesessen und

ständig Patrouillen nach vorne geritten. Zuerst verpflegten wir uns

nur aus der Landschaft, denn unsere Bagage war noch weit zurück. Die

Tiere lebten von grünen, halbreifen Mtamastauden und von vorjährigem

Mtamakorn, das wir noch in einigen verlassenen Hütten vorfanden. Sie

gediehen, nachdem sie sich an die neue Kost gewöhnt hatten, dabei

besser als früher bei Körnermais. Wir suchten in Eile verlassene

Eingeborenendörfer nach Hühnern und Eiern ab und machten reichliche

Beute; auch einige versprengte Ochsen der Eingeborenen fielen in unsere

Hände. Geradezu glänzend aber wurde die Sache, als Dr. Sinning, der,

weil schonungsbedürftig, das Kommando unserer Trägerkolonne erhalten

hatte, diese schließlich bis auf 14 Kilometer an unsere Stellung

vorgebracht hatte und uns nun nicht nur Brot, sondern sogar fertig

gekochtes Essen, Schnaps und Zigaretten vorschickte. Wir ließen den

fürsorglichen »alten Stock« hochleben und waren ~in puncto~ Verpflegung

wieder mal obenauf, besonders da der tüchtige Unteroffizier Horn, der

bei unsern kranken Tieren in Dodoma geblieben war, dort Wurst-, Speck-

und Butterbeziehungen angeknüpft hatte. Auch Sanitätssergeant Trimpler

nahm sich mit Nachdruck der Ernährungsfrage an. War Steins Liebhaberei

das blitzartige Ausheben von Erdlöchern und die Errichtung von

Sitzstangen gewesen, so wurde die gemeinsame Küche, eine Art tragbare,

aus zwei großen Töpfen bestehende Feldküche, Trimplers Steckenpferd.

Was war das schön, so ganz mühelos einen Schlag Essen und Kaffee zu

erhalten.

Trotz unseres Wohllebens auf dem Runden Berge schrumpfte die Zahl

unserer Europäer immer mehr zusammen. Unser Etatsmäßiger wurde schwer

krank und mußte ins Feldlazarett Dodoma zurück; sein Nachfolger wurde

Fritz König, unser genialer Gouvernementsrat, er hat 1918 den Heldentod

gefunden. Das »kleine Nashorn«, das einige Maultiere, die wir an die

Gebirgsartillerie abgeben mußten, zu deren Stellung brachte, stürzte

unglücklich und verletzte sich den Brustkasten so schwer, daß er

gleichfalls ins Lazarett mußte. Mehrere andere – ich meine, es waren

Gotthilf Blaich, Bernhard Blaich, Schönbohm und Arno Förster –, die

sehr anstrengende Patrouillen hinter die feindliche Front gemacht

hatten, um deren Artilleriestellungen zu erkunden, bekamen Malaria,

die bei den meisten bereits chronisch war und nach schweren Strapazen

immer wieder neu ausbrach. Der Schütze Schreiber war auf Patrouille

vom Posten einer unserer Feldkompanien angeknallt, durch die Backe

geschossen und nach Dodoma zurückgeschafft worden.

Wir ritten für Deutsch-Ostafrika · 第 14 / 17 段