Da ich eine die feindliche Patrouille betreffende Meldung machen mußte

und da mir das Beutetier und nun auch Dievenhagens Tier im Busch sehr

lästig waren, sandte ich einen Askari mit den beiden Tieren und meiner

Meldung nach Kahe zur Kompanie zurück. Er stieß, diesmal auf meiner

Seite der Bahn, wieder auf die englische Kavalleriepatrouille, der er

nur durch schnelles Sich-Verdrücken im Busch entging. Seine mündliche

Meldung, daß die englische Patrouille auf meiner Spur sei, mag die

Veranlassung dazu gewesen sein, daß man mich bei der Kompanie bereits

auf Verlustkonto buchte. Als ich das später erfuhr, war ich sehr froh;

denn für den Soldaten, der einmal irrtümlich tot gemeldet wurde, ist,

nach altem Soldatenglauben, keine Kugel gegossen.

Es ging mittlerweile gegen Abend, und ich mußte für Nachtquartier

sorgen. Damit wir sechs müden Reiter nicht auch noch Nachtwachen zu

schieben hatten, zog ich ein wenig mehr von der Bahn ab und suchte mir

im dicksten Busch ein ganz verstecktes Plätzchen, auf dem etwas Gras

für die Reittiere wuchs. Wenn uns kein Nashorn angriff, wie auf einer

späteren Patrouille über dasselbe Gelände den Unteroffizier Fritz

König, der in den Busch geschleudert wurde und sein Reittier dabei

einbüßte, fühlte ich mich ganz sicher dort. In diesem dicken Busch,

in dem man sich schon bei Tage kaum zurechtfindet, würde in der Nacht

sicher kein zweibeiniger Feind herumirren. Als ich dabei war, an einer

fetten, am Spieß gebratenen kalten Hammelkeule zu nagen, die ich den

Tag über an Runtes Sattel hatte hängen sehen, hörte ich rufen. Also gab

es in diesem wilden Busch doch noch was Menschliches außer uns. Wir

schwärmten aus und lauschten, denn zu sehen war nichts mehr. Natürlich

entpuppte sich der verirrte Wanderer als unser Bur Dievenhagen, der

schließlich unsere Spur gefunden, sie, solange es hell blieb, verfolgt

und jetzt im Dunkeln sich als letzte Rettung auf das Rufen verlegt

hatte.

Am nächsten Morgen rückten wir bis auf drei Kilometer an Moschi heran,

bis dahin, wo der Busch anfängt lichter zu werden. Wir versteckten

unsere Tiere und suchten uns in dem ebenen Gelände einen hohen Baum,

von dem aus wir beobachteten. Mit dem Glas konnten wir gut sehen, was

in Moschi vorging, und auch die feindlichen Lager beobachten. Ich

machte eine Skizze und schickte sie mit meiner schriftlichen Meldung

zurück durch einen Askari und Dievenhagen, die, da letzterer jetzt kein

Reittier hatte, abwechselnd reiten und laufen mußten.

[Illustration]

Bis zwei Uhr nachmittags setzten wir unsere Beobachtungen fort und

traten dann den Rückmarsch an. Der Bur van Wyck ritt Spitze, um auf

unserer eigenen Spur zurückzuführen. Diesmal versagte sogar der

Poriinstinkt eines Buren. van Wyck bekam Rechtsdrall, führte uns in

die offene Steppe westlich vom Busch, wieder hinein in den Busch, und

um vier Uhr nachmittags waren wir wieder bei unserem Aussichtsbaum

angelangt. Also: das Ganze noch mal! Diesmal – ohne Burenführung –

gelang die Sache besser. Wir hielten uns ganz nahe der Bahn, trabten,

da es spät geworden war, streckenweise auf dem Bahndamm und stießen,

einige Kilometer vor Kahe, auf unsere Ablösung. Der Infanteriefeldwache

bei Kahe kamen wir als eine Überraschung. Da wir als tot gemeldet

waren, hielt sie uns für Feind und ging in Stellung. –

Die größte Attraktion dieser Zeit waren die feindlichen Flieger.

Jeden Morgen und jeden Nachmittag kamen sie, suchten nach unserm

10,5-Zentimeter-Geschütz, das in der Nähe von Kahe irgendwo im Pori

stand, fanden es nicht und belegten aus Ärger darüber die Station

Kahe und die Eisenbahnbrücke mit Bomben. Da wir nahe an beiden lagen

und da die Flieger damals gewöhnlich noch einen halben Kilometer an

dem Objekt, das sie treffen wollten, vorbeischmissen, befanden wir

uns gar nicht besonders wohl bei der Sache. Das Schießen auf Flieger

war verboten worden, weil es Munitionsverschwendung war und unsere

Stellungen verriet; Abwehrgeschütze hatten wir natürlich nicht. Mit

Bomben beworfen zu werden, ohne sich wehren zu können, ist anfangs ein

übles Gefühl. Weglaufen hat keinen Zweck; denn wohin so’n Ding geht,

ist gar nicht zu berechnen. Ich habe mich während der Bombenschmeißerei

hingelegt, wo ich gerade stand, und mir zur Beruhigung der Nerven eine

Zigarette angesteckt. Bekam ich einen Volltreffer, so gab es einen

alten Mann in der Welt weniger, und nicht mal zu beerdigen würde man

mich brauchen; denn in einem ähnlichen Falle fand man von Roß und

Reiter nachher nur die Pferdezunge hoch oben in einem Akazienbaume

hängen. Bohrte sich die Bombe aber einen Meter neben mir in den weichen

Boden und riß einen Trichter, dann schossen die Sprengstücke über mich

weg und kamen erst dreißig Meter weiterhin wieder nieder. Es gab auch

andere Verhaltungsmethoden wie meine. Einzelne spielten hinter einem

Baum mit der Bombe Versteck, und einen sah ich sogar unter das Grasbett

in einem Grashaus kriechen. Allmählich gewöhnten wir uns an die ekligen

Bombendinger, wie sich der Mensch eben an alles gewöhnen kann. Weder

die Bahnstation noch die Brücke wurden je getroffen, aber vier oder

fünf Träger haben ihren Tod gefunden.

Am 21. März 1916 war die Schlacht bei Kahe. Ich sage Schlacht – denn

auch wir hatten diesmal nicht nur Infanterie und Kavallerie, sondern

auch ein 10,5-Zentimeter-Schiffsgeschütz. Unsere Stellung, mit dem

rechten Flügel an das Paregebirge angelehnt, bildete einen Bogen

nördlich von Kahe bis an den Panganifluß. Auf dem äußersten linken

Flügel dieser Stellung, also an den Pangani angelehnt, lag meine

Kompanie.

Am Morgen griffen die Engländer an, und zwar an zwei Stellen. Die

Invasionsarmee, die durch die Tavetalücke eingedrungen war, warf

sich auf unser Zentrum und bekam von der Abteilung unter Hauptmann

Stemmermann die Köpfe blutig geschlagen; die Engländer machten

dort Angriff auf Angriff, ohne unser Zentrum eindrücken zu können.

Die zweite Invasionsarmee, die zwischen Kilimandscharo und Meru

durchgebrochen war, stieß auf unsern linken Flügel. Meine Kompanie und

die sich rechts an sie anschließende Berittene Achte kamen gegen 7 Uhr

30 morgens mit der Kavalleriespitze dieser Invasionsarmee ins Gefecht.

Die Gefahr bestand darin, daß ein Teil der letzteren weiter

unterhalb über den Pangani gegangen war und versuchte, unsern ganzen

linken Flügel zu umfassen. Meine Kompanie mußte daher den Pangani

durchschwimmen und auf der linken Seite desselben bis zum Kaheberg,

etwa fünf Kilometer südlich der Station Kahe gelegen, sichern. Als

wir unsere Tiere durch den Pangani schwimmen ließen, bekamen wir von

drei Seiten Gewehrfeuer, und zwar vom Feind, der bereits den Pangani

überschritten hatte, vom Feind, der noch diesseits war, und von einem

Zug unserer Askari, der uns für Feind hielt.

Der Kaheberg, auf dem meine Kompanie einen Helioposten hatte, wurde von

der feindlichen Artillerie andauernd schwer mit Schrapnells belegt,

aber trotzdem hartnäckig verteidigt. Erst um ein Uhr nachmittags konnte

er von den Engländern gestürmt werden. Unsere ganze Besatzung des

Berges, bestehend aus dem Vizewachtmeister Mittag und dem Unteroffizier

Kaltenbach, fiel in Feindeshand; ihre beiden Signalaskari hatten sich

bereits vor dem Sturm verdrückt.

Daß unser linker Flügel am 21. März bei Kahe nicht eingedrückt oder

umgangen wurde, ist in der Hauptsache das Verdienst der Berittenen

9. Schützenkompanie, und die eigentlichen Helden des Tages sind

nach einem englischen Bericht über diese Schlacht ohne Zweifel der

Vizewachtmeister Mittag und der Unteroffizier Kaltenbach. Die Engländer

schreiben, daß sie nur langsam hätten vorgehen können, da sie den

Kaheberg für stark besetzt gehalten hätten. Wir wissen, daß nur Mittag

und Kaltenbach, treu dem ihnen gegebenen Befehl, den Berg nicht zu

verlassen, ihn verteidigten, bis Mittag verwundet und dann beide

gefangen wurden.

Mitgeholfen, die Situation zu retten, hat aber sicher auch unsere

»Artillerie«, das eine 10,5-Zentimeter-Geschütz, das dann leider an

seinem Standort gesprengt werden mußte. Das Geschütz, befehligt von dem

Nordpflanzer und Korvettenkapitän Schönfeld, schoß, wie wir beobachten

konnten, mit vorzüglichem Resultat und hielt den Umgehungsmarsch des

Feindes, dessen Zahl uns zu erdrücken drohte, erfolgreich mit auf. Ich

war, als ich nach 20 Kriegsmonaten zum erstenmal einen Schuß aus einer

deutschen Kanone hörte, aus alter Anhänglichkeit an diese Waffe direkt

stolz. Jedesmal, wenn sie feuerte, sagte ich zu meinem Nebenmann: »Das

ist unsere!«

Die Situation war trotzdem ernst genug. Die Engländer hätten an jenem

Tage nur energisch vom Kaheberge bis an das Paregebirge nachzudrücken

brauchen, so wäre unsere ganze Nordarmee eingeschlossen gewesen und

hätte sich durchschlagen müssen. Klaren Auges erkannte unser Oberst,

der sich beim Zentrum aufhielt, diese Gefahr. Ein Meister auch darin,

wenn er zurück mußte, mitten in einer Schlacht abzubrechen, baute er

seine Stellung allmählich ab. Kompanie nach Kompanie ging, da die

Kahebrücke von uns gesprengt war, auf Notbrücken über den Pangani

und dann an der Bahn entlang zurück nach Kisangiro, der nächsten

Bahnstation – als letzte, erst gegen Dunkelwerden, die Abteilung

Stemmermann.

Als wir nach rechts keinen Anschluß mehr hatten und daher annehmen

mußten, daß die Feld- und Schützenkompanien abgerückt seien,

zog auch meine Kompanie sich am Nachmittag an der Bahn zurück.

Unteroffizier Horn, zu dem sich später die von einer Schleichpatrouille

zurückgekehrten Unteroffziere Dornier und Karl Blaich hinlegten, blieb

mit einer Gruppe Askari im Gefecht liegen und deckte unsern Rückzug,

bis es dunkel wurde.

Auf dem Marsch nach Kisangiro holten wir die Berittene Achte ein.

Im Brigadeverband ritten wir noch eine sonderbare Attacke, nämlich

in einem engen Bahneinschnitt mit steilen Wänden gegen einen

heranbrausenden Eisenbahnzug, der Nachzügler aufsammeln sollte.

Wir mußten nachgeben, und die Achte verlor bei diesem Renkontre

zwei Pferde, die totgefahren wurden. Als ich den Landsturmmann und

Lokomotivführer Stephan, der in jener Zeit täglich vierundzwanzig

Stunden Dienst hatte und dem die Fliegerbomben schon ganz egal waren,

solange sie nur _hinter_ seinem Zug auf den Bahndamm fielen, später mal

fragte, warum er nicht gehalten habe, sagte er: »Nanu! Ich bremste ja,

all ich konnte, als ich Sie anreiten sah, aber so ein Eisenbahnzug ist

doch keine Schiebkarre!«

Am 22. März fing die Infanterie an, nach Lembeni, der nächsten

Bahnstation, weiter zurückzugehen, wo unsere nächste Stellung sein

sollte. Am Nachmittag des 23. März folgte auch meine Kompanie und traf

nach Dunkelwerden in Lembeni ein. Da in der Nähe Pferdesterbe sein

sollte, durften aber die berittenen Truppen hier nicht bleiben, sondern

sollten noch am selben Abend in einen bereitstehenden Zug nach Same

verladen werden.

Eine massive Viehrampe, wie sie in Australien jede Buschstation hat,

gab es in Lembeni nicht, und da weder die Bahnstation noch der dort

haltende Zug der Flieger wegen Licht zeigen durfte, würgten wir

dreckigen Kriegsknechte, denen es auf etwas mehr Schweiß und Dreck

nicht ankam, eine Stunde lang im Dunkeln mit unsern Tieren herum.

Einige feine Europäerherrchen in weißen, gebügelten Anzügen, hohen

Stehkragen mit Schlips, glatt rasiert, spazierten oder standen, sich

die Fingernägel reinigend, pomadig auf dem Bahnsteig uns im Wege – uns

irgendwie behilflich zu sein, fiel keinem ein. Diese weißgekleideten

Jünglinge waren die Herren von der Etappe, die der Frontsoldat lieblos

Magazinmaden nennt und ohne die leider Kriege nicht geführt werden

können.

Dabei fallen mir zwei Geschichten ein, die unsern Oberst und seine

lakonischen Befehle charakterisieren: Die Etappe meldet dem Kommando,

die Truppe nicht länger verpflegen zu können. Kommandobefehl: »Die

Etappenleitung übernehme ich selbst. Gez.: v. Lettow.« Erster und

einziger Etappenbefehl: »Jede Kompanie hat sich selbst zu verpflegen.

Gez.: v. Lettow.« Da ging es mit einemmal. – Die andere: Eine Abteilung

meldet, sich verschossen zu haben. Kommandobefehl: »Munition ist beim

Feinde zu ergänzen. Gez.: v. Lettow.« Wurde gemacht. –

Von Same aus gab es wieder viel Patrouillen nach vorne zu reiten. Da

man annahm, daß der Feind, der frontal nicht angriff, eine größere

Abteilung am Pangani abwärts marschieren lassen würde, um – nach

Taktik Smuts – unsere Lembenistellung zu flankieren, ritt ständig eine

Patrouille meiner Kompanie den Fluß aufwärts. Von Same aus ging es

durch greulichen Busch, in dem ich einmal von einem Skorpion geschlagen

wurde, daß mein linker Arm und meine linke Schulter mehrere Tage so

abgestorben waren, als wenn sie der Rest des Körpers nichts anginge,

zum Negerdorf Opuni, in dem, was sehr interessant war, sich stets

ein Hammel, Hühner und Eier kaufen ließen. Die Patrouille ritt dann

am Fluß aufwärts bis etwa in Höhe von Lembeni. Hier liegt inmitten

einer größeren Buga am Pangani ein einsamer, mächtiger vierkantiger

Felsblock, den die Eingeborenen das »Haus von Stein« nennen. Irgendwo

in seiner Nähe pflegten wir nun die Nächte im Busch versteckt zu

liegen, um jeden Tag am Pangani aufwärts bis nahe an die Stellung

des Feindes vorzudringen. Jede Patrouille war sechs Tage draußen und

ritt an dem Tage, an dem die nächste Patrouille von Same über Opuni

automatisch eintreffen mußte, nach Lembeni, um von dort per Bahn nach

Same zurückzukehren.

Ich habe auch eine dieser Patrouillen geführt und mich gefreut über

das neue Landschafts- und Naturbild, das sich mir hier auftat. Unten

am Pangani wuchsen andere Bäume und Sträucher, als ich bisher in den

Hochsteppen gesehen hatte – selbst die Phönixpalme kam hier in kleinen

Hainen vor. Der Wasserbock war hier richtig zu Hause, und wenn man den

Fluß ruhig beobachtete, konnte man sicher sein, die Nasen von einigen

Krokodilen aus dem Wasser gucken zu sehen. Die Krokodile lagen im

niedrigen Wasser Kopf stromaufwärts, der Strom brach sich an ihren

runden Nasen und rippelte dort wie vor einem gerade aus dem Wasser

ragenden Stein. Die Krokodile nehmen gelegentlich ein Negerkind mit

oder beißen den Wasser schöpfenden Negern eins der Gliedmaßen ab. Uns

haben sie nie belästigt. Zu Anfang feuerten wir einige Schüsse in das

Wasser, um die Krokodile zu verscheuchen, ehe wir durch den Fluß ritten

oder schwammen. Später taten wir auch das nicht mal; denn sobald wir

an den Fluß kamen und unsere Tiere von der Uferbank hineinschmissen,

wurden die Krokodile nervös und flüchteten. Wir haben auch im Pangani

gebadet, ohne unsere Körper mit einem Zaubermittel gegen Krokodile

zu beschmieren, wie es die Opunineger taten, wenn sie durch den Fluß

mußten.

Als ich von dieser Patrouille über Lembeni zurückkam und dort beim

Kommando meine Meldung machte, sprach ich zum erstenmal seit den Posten

Krantz-Zeiten wieder persönlich unsern Oberst, der damals noch frisch

und wohl aussah. Er ödete mich scherzweise damit an, daß ich in meinen

alten Tagen wohl noch Reserveoffizier werden wolle, und übergab mich

schließlich dem Oberleutnant v. Ruckteschell mit der Weisung, mich und

meine Leute zu stärken, bis unser Zug da sein würde. Daß dieser Befehl

ausgiebig befolgt wurde, brauche ich kaum zu sagen.

[Illustration]

Wenn auch nicht seine Krokodile, so forderte der Pangani, der größte

Fluß im Norden der Kolonie, doch seine Opfer. Wir Europäer holten uns

dort Malaria, und unsere Tiere gingen an Sterbe ein wie Fliegen. Ich

holte mir auch Malaria, die erste im Kriege, und lag acht Tage unter

dem als Offiziersmesse dienenden Grasdach in Same in hohem Fieber.

Während dieser Zeit lernte ich, wenn das Fieber mal etwas herunterging,

Patience legen, was ich in meiner Jugend nur von ganz alten Damen

gesehen hatte. Zu einer richtiggehenden Patience, in der der Spieler

mit sich selbst und gegen seine Ungeduld kämpft, habe ich es allerdings

nie gebracht, selbst damals nicht, als ich Fieber hatte. Ich legte

nur Streitpatience gegen Leutnant Freund, der inzwischen wieder zur

Kompanie gekommen war. So eine Streitpatience hat ihrem Namen nach doch

wenigstens den Reiz, daß man sich dabei kabbeln kann. Wenn Geduld nach

dem Patiencelegen zu bemessen ist, dann bin ich nicht geduldig, wohl

aber mein Kriegskamerad Dr. Sinning. Der breitete sich eine Zeltbahn

auf der Erde aus, legte sich auf den Bauch und baute nun mit drei

Kartenspielen die Riesen-, Monster- und Dauerpatience auf. So fand ich

ihn, als ich ihn mal besuchte. Als ich drei Tage später wieder zu ihm

kam, war das Bild genau dasselbe. Das olle Ekel von Patience wollte

und wollte nicht aufgehen. Freilich bin ich zu sehr Anfänger in der

Kunst, um mit aller Bestimmtheit behaupten zu können, daß es noch immer

dieselbe Patience war.

Von Same aus mußte leider unser Kompanieführer v. Lyncker mit

chronischer Dysenterie ins Lazarett; ich habe ihn im Kriege nicht

wiedergesehen, er wurde nach Daressalam weitergeschafft und lag dort,

wie aus seinen Briefen zu ersehen war, sehr schwer krank. Oberleutnant

Meyer wurde bald darauf Führer der Berittenen Achten, zwei Tage

später wurde Leutnant Berghöfer zu einer Askarikompanie versetzt,

neue Offiziere bekamen wir nicht mehr. So war Leutnant Freund unser

einziger Kompanieoffizier. Er, der von Kriegsanfang an – der Leser mag

sich entsinnen, er war schon mit mir auf Farm Weber – immer bei der

Kompanie gewesen ist, war von nun an ihr stellvertretender Führer –

bis zu der Katastrophe, die das Ende der tapferen Neunten bedeutete.

Der Gewaltmarsch zur Mittellandbahn während der großen Regenzeit

Sergeant Thiele von meiner Kompanie hatte von einer Schleichpatrouille

die wichtige Meldung gebracht, daß auf der Straße von Aruscha

nach Dodoma eine starke feindliche Abteilung nach Süden vorrücke.

Also wieder Methode Smuts! Der Feind hoffte, ohne große Verluste

seinerseits, unsere Nordtruppen in der Lembenistellung festhalten

und unterdessen mit einer seiner vielen großen Reservearmeen die

Mittellandbahn nehmen zu können. Mit dem Fall der Mittellandbahn wäre

aber die ganze nördliche Hälfte der Kolonie verloren gewesen.

Dieser neuen Kriegslage entsprechend entschloß sich unser Oberst, in

der Lembenistellung nur eine Abteilung unter Major Kraut zurückzulassen

und den größeren Teil der Nordtruppen in Eilmärschen von der

Nordbahn an die Mittellandbahn zu schicken, die sie nach Dodoma

weiterbeförderte. Von Dodoma aus wollte unser Oberst dann dem von

Norden heranrückenden Feind entgegentreten.

Als letzte der nach dem Süden gehenden Truppen wurden die beiden

Berittenen Schützenkompanien von der Lembenifront weggeschickt.

Die Zeit, die wir dort länger verwendet worden waren, sollten wir

durch größere Marschleistungen wieder einholen. Wir sollten von der

Nordbahnstation Ngombezi nach Kimamba marschieren, um von da aus auf

der Mittellandbahn nach Dodoma befördert zu werden.

Am 21. April wurden wir in Same auf die Nordbahn verladen. Als wir

aufsaßen, um von unserm Lager oberhalb Same zur Station zu reiten,

fiel ich hin. Ich war noch so matt von dem eben überstandenen Fieber,

daß ich mit der schweren Kriegsausrüstung nicht mal auf das kleine

Maultier klettern konnte, das ich auf diesem Marsch ritt. Oberarzt

Klemm wollte mich nach Mombo ins Lazarett schicken, ich konnte mich

aber nicht entschließen, meine Kompanie zu verlassen – wußte ich doch

aus Erfahrung, wie schwer sie wiederzukriegen war, wenn man erst einmal

von ihr abgekommen ist.

Noch eine andere Betrachtung hielt mich bei der Kompanie. Ich

mußte und wollte durch mein Alter vorbildlich wirken, war ich doch

keineswegs der einzige Rekonvaleszent unter den sowieso schon stark

zusammengeschrumpften Europäern. Auf dem Papier hatte die Kompanie

um diese Zeit immer noch etwa 70 Europäer – aber nur auf dem Papier.

Denn Dr. Sinning mit unsern Fußaskari war bei der Abteilung Aruscha,

Unteroffizier Horn und noch zwei Europäer waren unterwegs mit einer

Fernpatrouille der Berittenen Achten, Unteroffizier Obst, Truppel,

Hugo König und de Beer waren mit einem Spezialauftrage im Rücken der

nach Süden vorgehenden englischen Truppen, sechs Europäer hatten

wir in den letzten Wochen verloren und 27 Europäer waren bereits

als felddienstuntauglich auf Etappe abkommandiert oder lagen in den

verschiedenen Lazaretten. Von den 29 Europäern, die noch von Same

abrückten, kamen 18 vor Kondoa an – den Rest verschluckte der Marsch.

Es war aber auch ein Marsch voll Höllenqualen, wie sie nur der

Tropengürtel, in dem wir uns nun befanden, zur großen Regenzeit

aufzuweisen hat. Von den Gottesgaben, die der Landwirt sonst schätzt,

gab es zuviel auf einmal: zuviel Wärme und zuviel Feuchtigkeit. Zum

Ausgleich hierfür gab es dann auf der großen Etappenstraße so gut wie

gar nichts zu essen. Was da gewesen sein mag, hatten die zahlreichen

vor uns marschierenden Askarikompanien natürlich aufgegessen, und

unsere eigene Bagage kam bei dem befohlenen Marschtempo nicht mit.

Auf der Bahnhaltestelle Ngombezi, 92 Kilometer vor Tanga, wo wir uns

am 22. April morgens vier Uhr ausluden, ging die Quälerei schon los.

Es hatte geregnet, war drückend schwül, und das Loch wimmelte von

Moskiten. Es war zu heiß, um sich den Woilach über den Kopf ziehen zu

können, tat man es aber nicht, dann fraßen einen die Moskiten auf. An

Schlaf war unter diesen Umständen nicht zu denken. Als es Tag wurde,

faßten wir in einem Magazin für Askariausrüstung für unsere Askari,

was noch zu haben war, und für uns Europäer je eine Moskitonetztüte.

Man denke sich eine mannshohe Spitztüte aus Moskitogaze gefertigt,

an deren Spitze sich eine Bandschlaufe befindet. Mit dieser Schlaufe

befestigt man die Tüte über dem Kopf an einem Ast und kriecht dann

mit Kopf und Händen unter die Tüte. Andere Körperteile brauchen nicht

geschützt zu werden, denn in den nächsten drei Monaten sind wir

nie anders wie gestiefelt und gespornt zum Schlafen gekommen; die

Nachttoilette bestand im Austausch des Tropenhelms gegen die Feldmütze,

das Kopfkissen war der Sattel und das Bett die Mutter Erde. Die

Moskitonetztüten waren sehr wirksam gegen gewöhnliche ausgewachsene

Moskiten und am Tage gegen Fliegen. Gegen die winzig kleine Moskitoart

aber, die es auf unserm Marsch von der Nordbahn zur Mittellandbahn fast

überall in großen Schwärmen gab, schützte die Tüte leider nicht. Im

Gegenteil – die kleinen Biester kamen zu Hunderten durch die Gaze durch

und peinigten uns um so mehr, weil wir sie dann nicht mehr verscheuchen

konnten. Kopf, Hals und Hände waren stets mit kleinen roten Punkten

besät, und die Haut juckte zum Verzweifeln.

Um acht Uhr morgens ritt die Kavalleriebrigade von Ngombezi ab, um bald

darauf die alte Karawanenstraße von Korogwe nach Handeni zu erreichen.

Auf ihr standen die vier Automobile, die unsere Truppe damals noch

besaß, und warteten auf unsern Oberst und seinen Stab. Später am Tage

überholte uns unser Oberst. Die Nacht verbrachten wir im Pori bei

feinem Regen, südlich der Kautschukpflanzung Zitzmann. Zitzmann ist der

Pflanzer mit dem magischen Glasauge.

Wenn er nicht immer persönlich bei seinen Pflanzungsarbeitern stehen

wollte, nahm er sein Glasauge heraus, setzte es in Position auf

einen Baumstamm und sagte den Arbeitern, das Auge würde ihm schon

erzählen, wenn sie faul gewesen wären. Eine Zeitlang standen die

Neger im Banne dieses Glasauges und arbeiteten, daß ihnen der Schweiß

den Buckel herunterlief. Als dann Zitzmann einmal wieder kam, um

nach der Arbeit zu schauen, lagen alle Neger im Schatten und pennten

friedlich – ein Schlaukopf hatte seine Kofia [Mütze] vorsichtig über

das Glasauge gesetzt, das nun nichts sehen konnte. Zitzmann war als

Kriegsfreiwilliger eingetreten und hatte es durch seine glänzenden

Sprengpatrouillen bereits zum Vizefeldwebel bei der 21. Feldkompanie

gebracht.

Wir ritten für Deutsch-Ostafrika · 第 13 / 17 段