In Engaruka bot sich auch Gelegenheit zu interessanten

kulturgeschichtlichen Beobachtungen – Muße dazu hatte ich ja reichlich.

Unten in der Niederung, da, wo jetzt nur Steppenbusch steht,

kilometerweit vor der jetzigen Negersiedlung, fand ich noch deutliche

Spuren von alten Mashamba [Pflanzungen] und ihren Bewässerungsgräben.

Offenbar hat früher – _wann_, weiß ich nicht – ein jetzt verschollener

Negerstamm dort sein Heim gehabt. Massai und andere nomadisierende

Viehräuber werden den alten Stamm in der Steppe solange bekriegt

und beraubt haben, bis er sich gezwungen sah, sie zu verlassen und

zur besseren Verteidigung von Leben und Habe seinen Wohnsitz an den

Grabenrand zu verlegen.

Hier sah er sich, während er früher in der Steppe seine Mashamba

unbeschränkt, Schritt haltend mit dem Wachstum der Bevölkerung,

ausdehnen konnte, nun durch das Gelände gezwungen, die Volksnahrung

auf einem ganz beschränkten Raum anbauen zu müssen. Die Art, wie sich

der Stamm dem gewachsen gezeigt hat, nötigt uns die größte Achtung für

seine Intelligenz ab. Den Grabenrand entlang, kilometerweit südlich und

nördlich des Engarukabaches, stellenweise ein Viertel Kilometer tief,

hat der Negerstamm Terrassen angelegt und so sein Ackerland planiert.

Dieses Stück des Grabenrandes gleicht einer gigantischen Treppe.

Wo nicht schon die Natur vorgearbeitet hatte, hat man senkrechte

Terrassenmauern aus Findlingen aufgeführt, die – eine Seltenheit bei

Negerarbeiten – Hunderte von Metern so gerade und parallel der nächsten

Terrasse laufen, daß sie nach der Schnur angelegt zu sein scheinen. Die

Breite dieser künstlichen Terrassen ist selten mehr als fünf bis sechs

Meter.

Mit dem Bau der Terrassen war aber der Reichtum der neuen Äcker an

Steinen lange nicht erschöpft; jedesmal, wenn die Neger ihn umhackten,

kamen neue Steine zutage. Fleißige Negerweiber trugen sie in Haufen

zusammen, und als auch diese immer noch zuviel Platz wegnahmen,

fingen sie an, um noch mehr Bodenfläche zu sparen, die Außenwände

der Steinhaufen senkrecht aufzubauen. So entstanden die vielen

würfelförmigen mannshohen Steinhaufen, auf denen vielleicht zu Zeiten

von Kriegsnot auch Wächter gestanden haben mögen. Auf den ersten Blick

und ehe man sich von der Gesamttätigkeit des verschollenen Negerstammes

ein klares Bild gemacht hat, kommt man leicht auf den Gedanken, diese

vierkantigen, oben flachen Steinhaufen für Grabmonumente zu halten.

Hin und wieder fand ich auf diesen Terrassen die Überreste einer

Viehboma, deren Umfassungsmauer ebenfalls aus losen Steinen

aufgerichtet war, so wie ich es in Südafrika gesehen hatte. Diese

Bomas sind nur klein. Die Massai werden das Großvieh und die Schafe,

den Stolz des Stammes, als er noch unten in der Steppe wohnte und

über unbegrenztes Weideland verfügte, abgetrieben haben. Der aus

seinem Reich verdrängte Negerstamm wird sich oben am Grabenrande mit

Ziegenhaltung haben behelfen müssen.

Am meisten aber hat es mir imponiert, wie dieser alte Negerstamm sich

die Wasser des Engarukabaches nutzbar machte. Oberhalb der obersten

Terrasse, da, wo der Gebirgsbach seinen letzten Wasserfall hinter

sich hat, ist er zum erstenmal durch einen künstlichen Steindamm

abgeschlossen, der noch heute so gut erhalten ist, daß ich über

ihn hinwegreiten konnte. Oberhalb dieses Staudammes zweigen rechts

und links heute verfallene Hauptbewässerungsgräben ab. Das Wasser,

das durch diese nicht in Anspruch genommen wurde, floß ab über den

Staudamm, um sich weiter unterhalb hinter einem neuen Damm aufs neue

aufzustauen und andere Hauptbewässerungsgräben zu füllen. Aus diesen

Hauptgräben wurden die hinter jeder Terrasse laufenden kleineren

Bewässerungsgräben gespeist. Die ganze Anlage, die sich fünf Kilometer

nach Norden bis zu dem vom Grabenrande sich ergießenden Engare Rongai

hinzieht und auch an diesem weit schwächeren Gebirgsbache fortgesetzt

ist, läßt darauf schließen, daß der verschwundene Negerstamm an

Kopfzahl sehr stark gewesen sein und kulturwirtschaftlich auf einer

hohen Stufe gestanden haben muß.

Während ich in Engaruka war, hoben die Engländer den

Hunderttausend-Tonnen-Hammer immer höher, und meine Kompanie machte

zwei ganz nette Sachen. Anfangs Januar 1916 legte sich Leutnant Freund

mit zwanzig Mann nordöstlich vom Longido, in dem sie ihre Reittiere

versteckt hielten, allnächtlich an die große Anmarschstraße des

Feindes. Erst in der zehnten Nacht kam der Feind. Es war der Vortrupp

der großen Invasionsarmee und bestand aus gemischter Kavallerie

südafrikanischer Buren, Inder und Somalis. Der Patrouille Freund gelang

es, diesen Vortrupp durch einen Feuerüberfall zu zersprengen. Der Feind

ließ neun Tote auf dem Feld, unsere Patrouille hatte keine Verluste.

Als ich die Nachricht hiervon bekam, ärgerte ich mich, nicht bei der

Kompanie zu sein, und bat um meine Rückversetzung. Ich erhielt zur

Antwort, meine zwei Monate seien noch nicht rum.

Mit schwerem Herzen fügte ich mich diesem allerdings unbestreitbaren

Einwande. Da griff am 6. Februar unser Kompanieführer selbst mit

40 Gewehren eine feindliche Reiterpatrouille von 120 Indern unter

englischer Führung am Nagasseni, nördlich des Meru, an. Er ging so

ungestüm und schneidig vor, daß die Kompanie Mühe hatte, mitzukommen.

Der Feind wurde vertrieben und ließ zwei Engländer und sechs Inder tot

auf dem Gefechtsfelde; auf unserer Seite fiel ein Askari.

Jetzt waren meine zwei Monate um, und jetzt drängte alles in mir

zu meiner Kompanie. Herrgott, nun ging es wirklich los, und ich

sollte nicht dabei sein! Wie viele Briefe und Gesuche ich an meinen

Kompanieführer gerichtet habe, weiß ich nicht mehr, aber das weiß ich

gewiß, mich beseelte nur noch ein Gedanke: Zurück zur Kompanie, zurück

zu meiner Heimat in Kriegszeiten!

Endlich, am 5. März, traf der Vizesteuermann Seifert der Abteilung

Aruscha in Engaruka ein, um mich abzulösen. Mit den Trägern, die er

mitgebracht, trat ich am 6. März meinen Marsch zur Kompanie an. Zum

viertenmal marschierte ich durch den Großen Ostafrikanischen Graben.

Der Marsch war beschwerlich, da Grötzinger, der Malaria hatte,

streckenweise getragen werden mußte. Als ich am Mondulwasser war, das

seinerzeit die Kompanie vom Untergang durch Durst gerettet hatte, hörte

ich aus der Richtung, in der ich marschierte, heftiges Artilleriefeuer

des Feindes – denn ich wußte, daß wir an unserer ganzen Front nicht

ein einziges Geschütz hatten. Wo das Geschieße war, konnte ich nicht

feststellen – es konnte dem Schall nach ebensogut bei Geraragua wie

am Engare Olmotonje sein, wo ich vorläufig hin wollte, um von da aus

meine von dort abgerückte Kompanie zu suchen. Meine Gefechtsstärke

bestand aus drei Gewehren, d. h. aus mir und zwei Signalaskari, die

Befehl hatten, sich zum Kommando nach Moschi zu begeben; gehindert

als Gefechtskraft wurde ich durch eine lange Trägerkarawane und einen

kranken Europäer. Unter diesen Umständen und da ich dem Feind nicht in

die Arme laufen wollte, marschierte ich nicht auf dem üblichen Wege

weiter, sondern kletterte mit vieler Mühe über das Mondulgebirge weg

und pirschte mich vom Südostmondul an Engare Olmotonje heran.

Im früheren Lager der 8. Feldkompanie, das in der Nähe unseres

Musterlagers gelegen hatte, fand ich die 28. Feldkompanie noch vor und

meldete mich bei ihrem Führer, Hauptmann Rothert. Er sagte mir, daß die

Boma [befestigter Platz] Aruscha dabei sei, via Lolkisale nach Süden

abzubauen, daß nach den neuesten Nachrichten der Feind wahrscheinlich

schon die Moschi-Aruscha-Straße besetzt habe, daß ich zu meiner

Kompanie, die am Sanjafluß auf der Farm Kürbis nördlich dieser Straße

liege, nicht mehr durchkönne, und daß ich mit den beiden Signalaskari

am besten bei ihm bliebe! »Ha, ha! Der will dich vereinnahmen! Gibt es

nicht, Herr Hauptmann, so schmeichelhaft es klingt.« Das dachte ich,

aber natürlich nicht laut. Ich antwortete mit Hinweis auf die Befehle

für mich und meine zwei Askari, daß wir zum mindesten den Versuch

machen müßten, unsere Befehle auszuführen.

Nach Erledigung dieser dienstlichen Angelegenheit suchte ich mein

altes, jetzt verlassenes Kompanielager auf. Als ich das Kompaniebüro,

in dem ich einst gehaust hatte, betrat, merkte ich, daß das Lager doch

nicht ganz verlassen war. Alle die alten freundlichen Flöhe hüpften

mir erfreut entgegen, um mich zu empfangen. Sie waren in solcher Zahl

und so hungrig, daß ich schleunigst ausriß und vorzog, im Freien zu

übernachten.

Vom Hauptmann Rothert hatte ich mich, nach einer zweiten Besprechung

mit ihm, am Abend schon verabschiedet, und da er immer noch den Befehl,

daß ich bleiben müsse, auf der Zunge zu haben schien, verdrückte ich

mich noch während der Nacht aus der Nähe seines Lagers und marschierte

nach Aruscha. Dort fand ich Leutnant Gärtner der Abteilung Aruscha

damit beschäftigt, die letzten Burenwagen beladen zu lassen. Ihm

übergab ich meine Träger und Lasten, meinen Koch und die Boys, mit

denen ich mich nicht länger belasten durfte.

Ich war gerade dabei, mir meine besten Sachen anzuziehen – denn wann

ich meine Boys und Lasten wiedersehen würde, war gar nicht auszudenken;

tatsächlich sah ich die Lasten nie wieder –, als sich Bana matunda mit

einer Patrouille von sechs Reitern meiner Kompanie bei mir meldete.

War das eine freudige Überraschung! Ich konnte mich an den lieben

Gesichtern der alten Kameraden gar nicht satt sehen und fühlte mich

sofort der Kriegsheimat bedeutend nähergerückt. Sie kamen von einem

Erkundungsritt um das Longidogebirge und ritten über Aruscha zur

Kompanie zurück. Ich übernahm das Kommando der Patrouille, und gegen

Mittag trabten wir an auf der Aruscha-Moschi-Straße, unsere Kompanie zu

suchen.

Um zehn Uhr abends am 10. März kam ich wohlbehalten bei meiner Kompanie

an und wurde vom Kompanieführer und allen Kameraden auf das herzlichste

empfangen. War das schön! Nach über dreimonatiger Abwesenheit endlich

wieder zu Hause! Ich leistete innerlich einen feierlichen Eid, mich nie

wieder verpumpen zu lassen.

An jenem Abend lernte ich den Oberleutnant v. Ruckteschell kennen,

den Führer der 21. Feldkompanie, die neben uns auf Farm Kürbis lag.

v. Ruckteschell ist Maler und befand sich zu Kriegsausbruch in

Deutsch-Ostafrika, um afrikanische Stimmungsbilder zu malen. Er galt

schon damals für einen ausgezeichneten Kompanieführer. Ich bin ihm

im weiteren Verlauf des Krieges wiederholt begegnet und habe ihn

hochzuschätzen gelernt. Ich sah in ihm einen echten Führer, genial,

kurz im Fassen seiner Entschlüsse, ein Draufgänger, derb, wenn es sein

mußte, aber stets voll Humor und von kerniger Gesundheit. Kein Wunder,

daß sich seine Kompanie unter seiner Führung im Laufe des langen

Krieges zu einer der kriegstüchtigsten Askarikompanien entwickelte!

Als unser Oberst Ende 1917 in das portugiesische Gebiet durchbrach,

war Oberleutnant v. Ruckteschell einer der wenigen ursprünglichen

Kompanieführer, die noch bei ihm waren.

Der Hunderttausend-Tonnen-Hammer fällt

Als ich am 10. März 1916 wieder zu meiner Kompanie stieß, war der

Hunderttausend-Tonnen-Hammer bereits gefallen. Mit einer Gesamtstärke

von 185000 Mann der verschiedensten Rassen, mit Automobilen, Geschützen

und Fliegern gerüstet, griffen die alliierten Engländer, Belgier

und Portugiesen unsere Kolonie auf allen Fronten gleichzeitig an.

Diesem mächtigen Kriegsapparat hatten wir an Europäern, Askaris und

Etappenmannschaften im ganzen 15000 gegenüberstehen. Nach einer

Mitteilung englischer Zeitungen soll allein der feindliche Stab in

Nairobi an Kopfzahl stärker gewesen sein als die Zahl der sämtlichen

Europäer in unserer Schutztruppe. Unsere Zuversicht war, daß wir

_einen_ Mann hatten, dessen Genialität und Ausdauer ganze Armeen aufwog

– unseren Oberst v. Lettow-Vorbeck. Als in Europa am 11. November 1918

der Waffenstillstand geschlossen wurde, stand unser Oberst dem Feinde

noch unentmutigt gegenüber.

An unserer Nordfront, an der 90000 Engländer, südafrikanische Buren,

Inder und Somalis gegen uns vorrückten, waren die beiden gefährdetsten

Punkte einmal die Lücke zwischen dem Paregebirge und dem Kilimandscharo

und sodann unser bisheriges Operationsgebiet, die Lücke zwischen

Kilimandscharo und Meru. Die erstere Lücke verteidigte unser Oberst

selbst, unsere Lücke hatte die Abteilung Fischer, bestehend aus den

beiden Berittenen und vier Askarikompanien, zu halten. Die Gefahr der

Lage bestand darin, daß ein Durchdringen des Feindes in beiden Fällen

Moschi bedrohte. Mit Moschi, dem Endpunkt der Nordbahn, mußte aber

diese und mit dieser über kurz oder lang der ganze Norden der Kolonie

fallen.

Der Anmarschweg der gegen unseren Abschnitt gerichteten Invasionsarmee

führte über das uns bekannte Bezil-Lager auf der Automobilstraße am

Erok und Longidogebirge vorüber. Major Fischer hatte seinen rechten

Flügel, die Berittene 6. Schützenkompanie, bei Geraragua an den

Kilimandscharo angelehnt, sein linker Flügel, meine Neunte und die 21.

Feldkompanie unter Oberleutnant v. Ruckteschell, lag am Fluß Sanja auf

Farm Kürbis.

Als ich am 10. März hier eintraf, waren die Würfel eigentlich schon

gefallen. Eine starke feindliche Abteilung mit Artillerie hatte bei

Geraragua angegriffen, und die Berittene Achte hatte mit ihr ein

siegreiches Gefecht gehabt. Man hat, glaube ich, diese feindliche

Abteilung für die Kampfspitze der Invasionsarmee gehalten, während

sie tatsächlich nur deren linke Seitendeckung war. Die feindliche

Hauptarmee stellte sich überhaupt nicht zum Gefecht, sondern zog am

Spätnachmittage des 11. März sieben oder acht Kilometer westlich von

unserer Farm Kürbis an der ganzen Abteilung Fischer vorbei. Das war

die Taktik, die der Feind unter Leitung des Burengenerals Smuts in

der nächsten Zeit immer wieder übte. Er setzte gegen jede unserer

Stellungen eine Kampftruppe mit starker Artillerie an, ohne jedoch

ernstlich anzugreifen. Während er uns so beschäftigt wußte, zogen seine

Hauptabteilungen an unseren Stellungen vorbei. Durch diesen Vormarsch,

der unsere rückwärtigen Verbindungen bedrohte, wurden wir immer wieder

gezwungen, Stellungen aufzugeben, aus denen uns kein Frontangriff hätte

hinausschmeißen können.

Eine von meinem Freund Pfützner geführte Patrouille brachte uns am 11.

März um 4,30 Uhr nachmittags die erste Meldung von diesem Manöver des

Feindes. Sofort marschierten meine Neunte und die 21. Feldkompanie nach

Westen zum Flankenangriff auf die vorbeimarschierenden feindlichen

Kolonnen; v. Ruckteschell und Freiherr v. Lyncker waren beide für

Angreifen. Schon hatten sich die Kompanien zwei bis drei Kilometer

vom Feinde entwickelt, als der Befehl eintraf, nicht anzugreifen,

sondern auf Moschi zurückzufallen. Ich kann nur annehmen, daß

die Abteilungsleitung, die, durch den Frontalangriff der linken

Seitendeckung des Feindes getäuscht, ihre Hauptstärke auf unsern

rechten Flügel geworfen hatte, nicht glaubte, noch rechtzeitig zu

unserer Unterstützung eingreifen zu können.

Da lagen wir nun untätig, zähneknirschend vor Wut, und ließen den Feind

ganz nahe an uns vorbeimarschieren. Jeder Nordfarmer und -pflanzer,

der damals mit mir den Feind beobachtete, wußte in diesem Augenblick,

daß der schöne Norden unserer Kolonie, um den wir achtzehn Monate

erfolgreich gekämpft hatten, jetzt verloren sei; da der Feind auf

unserer Front durch war, würde auch unser Oberst seine Front auf

die Dauer nicht mehr halten können, ja, er würde sogar bald abbauen

müssen, wollte er nicht völlig eingeschlossen werden. In der Tat – wäre

der Feind noch in der Nacht nach Kahe, der Bahnstation vor Moschi,

weitermarschiert, dann hätten wir alle in einem schönen Wurstkessel

gesessen. Daß Major Fischer, an dessen persönlicher Tapferkeit niemals

jemand zweifelte, der ihn kennengelernt hatte wie wir, sich erschoß,

machte die Lage nicht besser.

Auf dem Marsch nach Moschi erlebten wir zum erstenmal einen Flieger;

diesmal tat er uns noch nichts, sondern schien nur das Gelände

abzusuchen. Ich hatte im Frühling 1914 den Flugplatz Johannisthal

bei Berlin besucht, aber viele meiner Kameraden, die lange nicht in

Deutschland gewesen waren, sahen ein Flugzeug hier zum ersten Male.

Unsere Askari nannten den Flugapparat »ndege«, großer Vogel, und die

Fliegerbomben »mayayi«, Eier. Diesmal sah der Askarizug, der fünfzig

Meter vor dem Europäerzug ritt, den Flieger zuerst und schoß auf ihn

so dicht über die Köpfe der Europäer weg, daß mir August Dehnecke

mit Bauchschuß gemeldet wurde. Glücklicherweise war das ein falsches

Gerücht, das so entstand: Dehnecke saß ab, um auch auf den Flieger

zu schießen. Er zerbrach dabei seine Schnapspulle, die er in der

Brusttasche hatte. Da nun der Schnaps, der diesmal von der roten Sorte

»Marke Blutsturz« war, ihm über den Bauch lief und er sich erschrocken

mit der Hand an den kalt werdenden Bauch faßte, kamen seine Kameraden

auf die Idee, er habe einen Bauchschuß. – Unser lieber August Dehnecke,

der so schwer satt zu kriegen war, mit seinem großen schwarzen

Vollbart und dem Gemüt eines Kindes, ist heute auch nicht mehr. Er

war später einer Patrouille der Berittenen Achten zugeteilt, die auf

dem weiteren Rückzuge ganz von der Truppe abkam; acht Monate hat sich

diese Patrouille noch hinter der feindlichen Front herumgetrieben, ehe

sie sich in der Hans-Meyer-Höhle, hoch oben an der Schneegrenze des

Kibo, nach einem letzten Gefecht dem Feinde ergab. Unser braver August

Dehnecke, der frühere Gardedukorps, soll bald nachher infolge der

überstandenen Strapazen und Entbehrungen an Unterernährung gestorben

sein.

Altmoschi, auf einem Vorhügel des Kilimandscharo, und Neumoschi,

um die Bahnstation herum entstanden, waren bereits geräumt, als

wir einrückten. Der letzte, der sogenannte Sprengzug, hinter dem

die Schienen aufgerissen, die Brücken gesprengt und der Telegraph

abgebaut wurden, war schon fort. Zurückgeblieben in Moschi waren

die griechischen und indischen Kaufleute und Schankwirte. In einem

solchen Ausschank aßen wir zu Mittag. Dann besetzten wir südlich von

Moschi, in der Nähe der alten Burenstraße von Moschi nach Aruscha,

eine Griechenshamba [Pflanzung], so genannt, nicht weil da Griechen

wuchsen, sondern weil sie einem Griechen gehörte. Unsere Aufgabe war,

die untere Anmarschstraße zu beobachten; die Berittene Achte lag an

der oberen Moschi-Aruscha-Straße zum selben Zwecke.

Da ich meine Träger nicht bei mir hatte und meine Boys irgendwo in

Deutsch-Ostafrika für sich marschierten, mußte ich mich in dieser und

der nächsten Zeit ohne Boy behelfen und so mit durchfuttern. Leutnant

Freund lag damals mit einer ausgetretenen Kniescheibe im Lazarett,

aber mein Kompanieführer sowie Oberleutnant Meyer nahmen sich meiner

so ausgiebig an, daß ich meine Besitzlosigkeit wenig spürte. Trotzdem

war ich direkt stolz, als ich einige Wochen später bereits wieder

eine Safarikiste und einen Interimsboy besaß. Eine Hose hatte ich mir

bereits auf Farm Kürbis gekauft; sie war das erste und blieb leider

recht lange das einzige Reservestück meiner Ausrüstung. Immerhin hatte

der Besitz dieser Hose etwas Beruhigendes.

Für uns alle sollte sich das Leben von jetzt ab ändern. Früher hatten

wir unsere Standlager gehabt, zu denen wir von Patrouille, und wenn

sie noch so lange gedauert hatte, wie nach einem festen Zuhause

zurückkehrten. Von jetzt ab hatten wir ein solches nicht mehr. Wenn wir

jetzt auf Patrouille ritten, wußten wir nie, ob wir die Kompanie dort

wiederfinden würden, wo wir sie verlassen hatten. Und da die Träger

nicht so rasch beweglich waren wie die berittene Truppe, die stets am

Feinde bleiben mußte, sahen wir sie, die Boys, die Lasten und somit ein

reines Hemd seltener, als uns lieb war. ~Omnia mea mecum porto~ wurde

unsere Devise.

Auf der Griechenshamba blieben wir zwei Tage, bis der Feind Moschi

besetzte. Wir fielen dann auf die Station Kahe zurück. Diese kleine

Bahnstation der Nordbahn, in der Nähe der Pangani-Eisenbahnbrücke,

zeichnete sich vor dem Kriege, glaube ich, nur durch scheußliche

Hitze und Moskiten aus. Von meiner Reise von der Küste nach

Moschi im Juli 1914 war mir der Name der Station Kahe nicht mal

im Gedächtnis hängengeblieben; vor dem Kriege war hier nur ein

goanesischer Stationsvorsteher, Europäer gab es dort überhaupt

nicht. Jetzt war Station Kahe neben Moschi Bahnstützpunkt geworden.

Verpflegungsmagazine aus Wellblech und Typhuslazarette aus Gras mit

Grasbetten waren in der Nähe der Station entstanden. Als wir nach Kahe

kamen, waren die Magazine und Kranken bereits nach Lembeni weiter

zurückgeschafft worden. Nur die leeren Strohhütten der Typhuslazarette

standen noch und wurden von unserer Kompanie belegt. Da die Magazine

im Umzug begriffen waren, funktionierte die Etappe während unseres

Aufenthaltes bei Kahe nicht besonders glänzend. Empfangen haben wir nur

pro Mann eine Handvoll Kartoffeln, und hätte die Kompanie nicht eigene

Ochsen und Schafe und vor allem Zigaretten besessen, hätte es schlimm

ausgesehen.

Von Kahe aus mußten unsere Reiterpatrouillen, vor unserer

Infanteriestellung, an der Bahn zurück bis Moschi aufklären. Die

erste dieser Patrouillen, die gewöhnlich zwei Tage dauerten, führte

Oberleutnant Meyer, die zweite ich. Als ich Oberleutnant Meyer einige

Kilometer hinter Kahe begegnete, teilte er mir mit, daß eine feindliche

Patrouille von etwa hundert Reitern hinter ihm her sei. Ich hatte den

Fahnenschmied Runte, die Buren van Wyck und Dievenhagen und vier Askari

mit – also acht Gewehre stark! Na, es mußte auch so gehen.

Bald hinter Kahe bis einige Kilometer vor Moschi ist auf beiden Seiten

der ziemlich geraden Bahnlinie dicker, fast undurchdringlicher Busch,

in dem sich nur einige Gewehre oder ein Maschinengewehr aufzubauen

brauchen, um jeden, der auf dem Bahndamm reitet, bequem abzuschießen.

Damit, daß meine Patrouille wie Hasen auf der Treibjagd abgeschossen

wurde, war weder uns persönlich, noch dem Kommando, das Meldungen über

die Stellung des Feindes haben wollte, besonders gedient. Ich mußte, so

unbequem es war, im Busch bleiben, ob rechts oder links der Bahn, war

Jacke wie Hose.

Ich drang im Busch, etwa hundert Meter links der Bahn zu dieser

parallel, in folgender Weise vor: Immer, wenn ich glaubte, etwa zwei

Kilometer vorgerückt zu sein, ließ ich halten, absitzen und sichern.

Einer von uns vier Weißen, immer nach der Reihe, ging dann zu Fuß an

den Bahndamm heran und beobachtete diesen mit dem Glas rückwärts und

vorwärts für zehn Minuten. Sobald er zurück war, drang die Patrouille

geschlossen wieder zwei Kilometer vor.

Als van Wyck wieder dran war, kam er gleich wieder mit der

Meldung zurück, auf dem Bahndamm stehe ein reiterloses englisches

Kavalleriepferd mit voller Ausrüstung. Aha, dachte ich, die feindliche

Patrouille, von der Oberleutnant Meyer sprach, muß hier herum wo sein.

Wäre aber doch schade, den Gaul, dessen Reiter vielleicht mal eben

ausgetreten war, da so einsam stehen zu lassen! Ich ließ die Askari

bei unseren Tieren und ging mit den andern an den Bahndamm heran. Ohne

weitere Komplikationen gelang es, das reiterlose Pferd zu greifen.

Schleunigst zogen wir uns mit dem gemachten Mali [Beute] in den Busch

zurück. Es wurde mir klar, daß wir an der englischen Patrouille, die

im Busch auf der anderen Seite der Bahn in entgegengesetzter Richtung

vorging, vorbeigezogen waren – wahrscheinlich hatten wir ein Reittier

ihrer Nachspitze erbeutet. Die Reitausrüstung des freundlichen

Engländers, dessen Tier wir so für die Kompanie plus gemacht hatten,

war funkelnagelneu. Desgleichen der Inhalt der Packtaschen. In den

Packtaschen waren Rasierzeug und Spiegel, Haarbürste, Bürste und

Striegel für das Pferd, ein Gebetbuch und alle möglichen Salben. Der

englische Soldat war also gut ausgerüstet in den Krieg gezogen, nicht

nur von seinem Arzt, sondern auch von seinem Geistlichen.

Ich rückte weiter vor. Der nächste, der zur Beobachtung an die Bahn

mußte, war Dievenhagen. Ich wartete auf ihn wie üblich, aber er kam

nicht wieder. Ich wartete über die übliche Zeit, und als er auch dann

noch nicht kam, mußte ich ihn aufgeben. In dem Busch, in dem man keine

zehn Schritt sehen konnte, eine verlorengegangene Person suchen zu

wollen, wäre Torheit gewesen. Ich war froh, wenn ich den Bahndamm und

meine Marschrichtung selbst nicht verlor.

Wir ritten für Deutsch-Ostafrika · 第 12 / 17 段