Landschaft mehr und mehr das Gepräge einer offenen Steppe an. Wir
waren in die Gegend gelangt nördlich der Serengeti und nordwestlich
des Sonjohochlandes, die viele Jahre hindurch vor dem Kriege und noch
hinein bis in das zweite Kriegsjahr von englischen, über unsere Grenze
eingedrungenen Massai dicht bewohnt gewesen war. Den Lomuruberg –
jetzt sind wir wieder auf der Karte – links liegen lassend, fanden
wir im Sumpfende des Guasobaches, am Ostfluß des Ojondoberges,
reichliches Wasser. Die Steppe, die wir auf dem Marsch zu diesem
Wasser durchritten, hat die beste Schafweide, die ich bisher in
Deutsch-Ostafrika gesehen hatte.
Aus dieser Steppe stiegen wir am nächsten Marschtage durch einen
Urwaldstreifen noch eine Geländestufe höher zu einer Hochsteppe
hinauf, die ganz dicht von Massai besiedelt gewesen sein mußte. Sehr
wohlhabend müssen diese Massai gewesen sein, denn ihre Bomen waren von
solcher Größe und von solcher Solidität im Bau der mit einem Gemisch
von Lehm und Viehdung beschmierten niedrigen, flachen Grashütten, wie
ich sie im deutschen Massaireservat nie gesehen hatte; fast jede halbe
Marschstunde trafen wir auf eine oder mehrere dieser großen Bomen.
Diese Gegend mußte sehr stark bestockt, ich möchte sagen überstockt mit
Rindvieh und Schafen gewesen sein; denn das Gras war bis an die Wurzel
abgeweidet.
Dieser Umstand gab uns schwer zu denken. Vom Guasobach war der Gefreite
Kürbis, ein Farmer vom Sanjafluß, mit den Trägern nach Ngorongoro
zurückgeschickt worden, und am Guaso hatten wir den Reittieren zum
letztenmal Körnerfutter vorsetzen können. Von da ab waren unsere
Tiere allein auf die Weide angewiesen, und die gab es hier nicht
mehr. Nur unter Dornensträuchern, dort, wo weder das Vieh noch die
Schafe sie hatten erreichen können, standen noch einzelne trockene
Halme. Die Aussichten für unsere Reittiere waren trübe. Ich fing
wieder an, meine Reisrationen mit meinem Hengst zu teilen und für ihn,
beinahe halmweise, Gras zu sammeln. Wir lagerten für die Nacht an
einem Nebenfluß des Bololedi und überschritten am nächsten Morgen, am
sechsten Tage seit Malambo, die Grenze.
Die Hochsteppen, durch die wir in den letzten zwei Tagen geritten
waren, bis zu 1800 Meter über dem Meeresspiegel, zeichnen sich durch
ganz vorzügliches Weide- und Ackerland und durch einen Reichtum
natürlicher, nur auf Verteilung wartender Wasser aus. Hier hätten wir
wieder ein ideales Gebiet für rein europäische Kleinsiedlung! Das hier
in Frage kommende Gesamtareal ist etwa 50000 Quadratkilometer oder
fünf Millionen Hektar groß: zehntausend Farmen zu fünfhundert Hektar
ließen sich dort ausschneiden! –
[Illustration]
»Herr Wachtmeister, ein Maultier hat sich über Nacht losgerissen, beide
Packtaschen an meinem Sattel geöffnet und meinen Reis, Zucker, Kaffee,
mein Salz nebst allen dazugehörigen Beuteln aufgefressen. Meinen
Tabaksbeutel hat er nur angeknappert«, meldete mir ein Schütze am
Morgen nach dem Nachtlager am Nebenfluß des Bololedi. »Ja, Kinder, von
jetzt ab heißt es, mit dem Kopf auf dem Sattel, die Packtaschen und den
Brotbeutel im Arm, zu schlafen. Nicht nur werden die Tiere sich öfters
nachts losreißen, sondern die, die ihre Tiere liebhaben, werden sogar
vergessen, sie ordentlich anzubinden.« So haben wir denn auch schlafen
müssen. Denn die Maultiere, mehr noch als die Pferde, entwickelten
auf dieser Hungerpatrouille die äußerst beharrliche Neugierde, zu
ergründen, was in unseren Pack- und anderen Taschen war. In mancher
kalten Nacht hat eine über mein Gesicht fahrende noch kältere
Maultierschnauze mich geweckt oder ein Maultiergebiß meinen Sattel
gefaßt, um ihn mir sachte, ganz sachte unter dem Kopf wegzuziehen.
Vom Nebenfluß des Bololedi aus unternahmen wir den großen Vorstoß
in Feindesland. Vierundzwanzig Stunden lang – zwei Ruhepausen von
zusammen drei Stunden eingerechnet – drangen wir im schärfsten Tempo,
das den Tieren noch zuzumuten war, vor. Am Tage durchritten wir das
Ndassekera-Hochland, hügelig und stark mit Steppenbusch bewaldet.
Auch hier fanden wir viele verlassene Massaibomen, nur mit dem einen
Unterschied, daß sie erst ganz kürzlich verlassen zu sein schienen,
denn der Viehdung war noch frisch. Unsere Nachspitze fand ferner
eine ganz moderne europäische Bartbürste, aus der sie auf feindliche
Patrouillen schloß. Umfrage ergab allerdings, daß Leutnant Berghöfer
die Bartbürste verloren hatte, und die Gemüter beruhigten sich wieder.
Ehe wir aus dem Ndassekerahochland in die Loitahochsteppe hinabstiegen,
wurde eine Stunde gerastet. In der Loitasteppe, deren Südecke wir in
der Nacht durchritten, wurde von acht bis zehn Uhr abends in einem
trockenen Bachbett geruht. Um ein Uhr nachts tränkten wir aus einer
Massaiviehtränke in unmittelbarer Nähe einer bewohnten Boma. Um fünf
Uhr morgens, als wir uns vor Müdigkeit kaum noch auf den Tieren halten
konnten, befanden wir uns jenseits der Loitasteppe in den dicht
bewaldeten Ausläufern des Ingurumangebirges, wo wir bei Tagesanbruch
ohne Schwierigkeit reichliches und schönes Wasser, aber wieder kein
Futter für die Tiere fanden.
Ich hatte einen Aussichtspunkt erklettert und sah jetzt die große,
weite Loitasteppe unter mir liegen. Riesige Viehherden weideten dort.
Ganz nahe zu meinen Füßen – so nahe, daß ich die Massai sich einander
zurufen hören konnte – lagen mehrere Massaibomen, an denen wir in der
Nacht, ohne sie zu bemerken, vorbeigeritten sein mußten. Daß wir durch
die stark besiedelte Steppe durchgeritten sein sollten, ohne bemerkt
worden zu sein, daß die Massai auch jetzt bei Tageslicht unsere Spur
nicht entdeckt haben sollten, schien kaum glaublich.
Ich beobachtete weiter. In die Viehherden, die eben noch friedlich
weideten, war Bewegung gekommen. Sie wurden an verschiedenen Stellen
des Ingurumangebirges hochgetrieben und verschwanden hinter dessen
Kamm. Die Massai wußten also, daß wir da waren, und sie brachten
eiligst ihr Vieh in Sicherheit. Sie mochten einen Viehabtrieb
befürchten.
Meine Überzeugung, daß die Massai uns bemerkt haben mußten, bestätigte
sich, als ich zur Kompanie zurückkam. Mehrere Massai waren bereits
dort, und Unteroffizier Fokken, der als Missionshandwerker die
Massaisprache erlernt hatte, unterhielt sich mit ihnen und versuchte
sie zu überzeugen, daß wir keine Viehräuber seien.
Unsere Absicht war es gewesen, die stark von Massai besiedelte Gegend
unbemerkt zu durchqueren, um in der Nähe von Nairobi, der Hauptstadt
von Britisch-Ostafrika, einen englischen Posten oder günstigen Falles
Nairobi selbst durch einen plötzlichen Überfall zu beunruhigen, also,
wie man militärisch drastisch sagt, »eine Schweinerei zu machen«, in
ähnlicher Weise, wie uns das bei der Magadbahn so glänzend gelungen
war. Wir waren darum nachts marschiert, wollten den Tag in unserem
Waldversteck verbringen, in der nächsten Nacht weitermarschieren und
mit Tagesgrauen angreifen. Jetzt, da uns die Massai entdeckt hatten –
in Wirklichkeit waren wir schon seit drei Tagen entdeckt; Massaispäher
hatten bereits unser Eintreffen am Guasobach gemeldet –, waren
natürlich auch sämtliche englische Posten von unserem Anmarsch längst
unterrichtet, und von einem weiteren Eindringen in Feindesland mußte
abgesehen werden.
Wir waren alle ob des Fehlschlagens unserer ehrgeizigen Pläne tief
enttäuscht. Wir hätten es nicht zu sein brauchen, denn der militärische
Zweck unserer Patrouille war vollkommener erreicht, als wir ahnen
konnten. Wie ich später in der Gefangenschaft erfuhr, war unsere
Patrouille von etwa vierzig Gewehren von den Massai in der üblichen
Übertreibung des Negers den Engländern gemeldet worden. Die Engländer,
die in uns die Spitze einer deutschen Invasionsarmee auf ganz neuer
Front vermuteten, hatten schleunigst ihre kleinen Außenposten
eingezogen und zum Schutz ihrer Hauptstadt Nairobi in aller Eile
große Truppenverschiebungen vorgenommen. Viele Einwohner hatten schon
ihre Sachen gepackt und standen im Begriff, Nairobi zu verlassen. Es
war ein Invasionsgespenst, wie wir es zur Zeit des von Vater Krantz
organisierten Japanerschreckens ja auch gesehen hatten. Daß zwanzig
deutsche Farmer mit zwanzig Askari es gewagt haben könnten, keck bis
ins Herz der englischen Kolonie einzudringen, halten die Engländer
heute noch nicht für möglich – glauben sie doch heute noch, daß unsere
Fernpatrouillen nur von Mannschaften geritten worden sind, die ein
Verbrechen begangen und sich nur durch Heldentaten von der Todesstrafe
freikaufen konnten. –
Die Beschreibung unseres Rückmarsches bis in das Kompanielager am
Olmotonjefluß kann ich ganz kurz fassen; er ging zum Teil über uns
schon bekanntes Gebiet.
Unsere Reittiere hungerten weiter, daß es einen jammern konnte. Endlich
gingen auch den Reitern die Rationen aus, und sie leisteten den Tieren
Gesellschaft im Hungern. Ich hatte in meinem ganzen Leben wissentlich
noch kein Ziegenfleisch gegessen, aber als mein Kompanieführer mir bei
einem Sonjodorfe die nur halb durchgeröstete Vorderkeule einer Ziege
reichte, bin ich mit wahrem Heißhunger über sie hergefallen. Auch
darum, ob Wildfleisch Finnen hatte oder keine, kümmerten sich unsere
hungernden Mägen nicht mehr.
Als wir den Guasobach verließen, bis zu dem feindliche Massai uns als
Beobachter umschwärmt hatten, nahm ein Nashorn die Kompaniekolonne
während des Marsches an und mußte erschossen werden. Das Nashorn stand
ganz friedlich links unserer Marschlinie etwa fünfzig Meter entfernt
und schien zu dösen. Die halbe Kompanie war bereits vorüber, als das
Nashorn plötzlich von uns Wind bekam und sofort, wie ein Expreßzug
schnaubend und puffend, auf uns lossauste. Diese plumpen Tiere
entwickeln eine unglaubliche Geschwindigkeit, und unser Nashorn war
bereits auf zwei Schritt an die Kolonne heran, ehe es im Feuer einiger
kniender Schützen zusammenbrach. Unsere Reittiere stoben natürlich
nach allen Richtungen auseinander, und wer nicht ganz sattelfest war,
brauchte für Spott nicht zu sorgen. Später erlegte, zu seiner höchsten
Befriedigung, unser »kleines Nashorn«, als es Nachtposten stand, ein
großes Nashorn, das in unser Nachtlager eindringen wollte.
Am Malambowasser gab es noch ein Abenteuer mit Löwen. Wir ritten dort
mit Sonnenuntergang weg, um die vor uns liegende lange Durststrecke
hauptsächlich nachts zu nehmen. Junge Löwen zeigten sich, und
irgendeiner schoß einen davon. Die Löwenmama nahm das bitter übel und,
unsern Kompanieführer, der gerade aufsaß, für die Tat eines seiner
Leute verantwortlich machend, setzte sie in langen Sätzen hinter
seinem mit ihm durchgehenden Hengst her. Mit jedem Satz rückte sie dem
Reiter näher auf den Pelz. Obwohl die Löwin infolge des Zeitverlustes
beim Ansetzen zum Hochsprunge nie auf das galoppierende Pferd hätten
springen können, war es uns doch allen wie eine Erlösung, als Alwin
Botha, der ihr am nächsten war, hinkniete und die Löwin totschoß.
Dies war der Meisterschuß eines kaltblütigen Jägers. Das Büchsenlicht
war bereits vorbei, und Reiter, Pferd und Löwin waren in einer dicken
Staubwolke eingehüllt.
Zum Malambowasser waren wir nicht wieder durch das Arashtal gelangt,
sondern aus nördlicher Richtung durch die Ssalesteppe. Beim Guasobach
waren wir nämlich von unserm Anmarschwege nach Osten abgebogen. Südlich
des mit dichtem Urwald bewachsenen Manangberges auf Elefantenpfaden
reitend, durchzogen wir das Sonjohochland, das um diese Jahreszeit
eine blühende Obstbaumsteppe war. Ich wurde lebhaft an die Werdersche
Baumblüte erinnert – leider fehlte der Fruchtwein. Aus dem
Sonjohochland kletterten wir in die Sonjostufe hinunter und von dieser
in die Ssalesteppe.
Im Negerdorfe Ssale konnten wir von den Wasonjo etwas Mtamakorn und
wilden Honig kaufen. Leider war es nicht genug Korn, um die Reittiere
mehr als einmal gründlich füttern zu können. Wir zerrieben von diesem
Korn für uns zwischen zwei Steinen und buken uns aus seinem Mehl Brot.
Unglücklicherweise hatten unsere bereits sehr stark entkräfteten und
somit für Krankheiten mehr empfänglichen Tiere ein kurzes Stück Weges
passieren müssen, an dem die Tsetsefliege schwärmte; mehrere Tiere
wurden infiziert und sind ihr später zum Opfer gefallen.
Mit Mühe und Not erreichten wir Ngorongoro. Ein Pferd, ein erbeuteter
langbeiniger Australier, war unterwegs verhungert, und Unteroffizier
Horns im Liebesleben unverbesserlicher Max mit dem Dromedarkopf war so
nahe am Verhungern, daß er nicht mal seinen Sattel mehr tragen konnte.
Am oberen Lemungefluß, hoch oben im Winterhochlande, lagerten wir die
letzte Nacht vor Ngorongoro. Diese Nacht wird keiner vergessen, der mit
war. Es war ausgeschlossen, auch nur eine Minute zu schlafen, so kalt
war es. Unterernährt, um nicht zu sagen halb verhungert, hatten wir
nichts mehr in uns, das der schneidenden Kälte hätte entgegenarbeiten
können. Die Flaschen mit »Stacheldraht« waren natürlich auch längst
ausgelaufen.
Wir hatten gehofft, uns in der Oase Ngorongoro bei Siedentopfs acht bis
zehn Tage ausruhen zu können. Da traf schon am zweiten Ruhetage ein
Befehl des Abteilungsführers ein, der den sofortigen Weitermarsch nötig
machte.
In den Großen Ostafrikanischen Graben stiegen wir, um Zeit zu sparen,
diesmal nicht auf dem Siedentopfschen Fahrwege hinunter, sondern auf
einem Wildwechsel direkt hinter dem Posten Engaruka. Der Abstieg war
furchtbar anstrengend. Auf halber Höhe wurden wir durch die Nacht
überrascht und mußten auf einer Stufe des Grabenrandes liegenbleiben.
Mehrere kurz aufeinanderfolgende Erdbeben haben diese Nacht für immer
in mein Gedächtnis eingegraben.
In der Tiefsteppe wäre beinahe die ganze Kompanie, der sich seit
Ngorongoro die Boys und Träger wieder angeschlossen hatten, zum Schluß
noch verdurstet. Im Koongo ya Kabrule, wo wir auf dem Hinmarsch
noch reichlich Wasser gefunden hatten auf das wir jetzt, nach einem
Durstmarsch von sechzehn Stunden durch die brennend heiße Tiefsteppe,
mit aller Bestimmtheit rechneten, verschwand uns das Wasser unter den
Händen. Von nachmittags zwei Uhr bis zum andern Morgen um vier Uhr
haben wir ohne Unterbrechung nach Wasser gegraben. Mehrere Meter tief
saßen wir schon eingebuddelt im Sand des Koongo, und immer tiefer
sackte das Wasser weg. Wir konnten es nur tropfenweise erhaschen, und
um vier Uhr morgens war der Durst von Menschen und Tieren stärker denn
je. Es war eine schauerliche Nacht, und das Gestöhne und Gejammer der
durstenden Träger war schrecklich anzuhören. Es blieb nichts übrig,
als in der Morgenkühle, ehe die Sonne hoch stand, durstig die fünf
Marschstunden bis zu einem Bach am Mondulgebirge weiterzumarschieren.
Für die Berittenen ging es noch an, aber die Boys und Träger fingen an
zu versagen. Kleckerweise trafen sie am Mondulbache ein, nachdem denen,
die liegengeblieben waren, Wasser entgegengetragen worden war. An einen
Weitermarsch war für diesen Tag nicht zu denken. Erst am nächsten Tage,
nach einer Abwesenheit von fünf Wochen, trafen wir im Kompanielager ein.
Nach Engaruka verpumpt
Von Ngorongoro hatten wir in Eilmärschen zurück gemußt, weil der Feind
ernstlich anzufangen schien, den Hunderttausend-Tonnen-Hammer zu heben
und die große Offensive zu beginnen. Es war ja noch nicht ganz so weit,
aber die Vorzeichen hatten sich gemehrt. An der Tavetafront wurde viel
gekämpft, und an unserer Front hatte Oberleutnant Bauer, der Führer
der 8. Feldkompanie, mit einem Zug Askari am Longido ein siegreiches
Gefecht gegen 400 Engländer und Somalis gehabt.
In unserer Kompanie gab es Veränderungen. Der Kompanieführer wurde
versetzt, ebenso einige der Soldaten. Unter den letzteren war der
Vizefeldwebel Zierold, der Liebling aller. Ich sehe noch, wie die
Kameraden mit ihm Abschied feierten. Daß wir nach fünfzehn harten
Kriegsmonaten noch soviel Gemüt hatten, hätte ich nicht für möglich
gehalten. Etwas erschwert wurde die Feier dadurch, daß von der
Abteilung das Singen im Lager verboten worden war, und daß wir unser
Kompanielied folglich nur flüstern durften. Seinen ersten Vers will
ich hier wiedergeben – die weiteren Verse, wenigstens so, wie die
Kompaniebarden sie umgedichtet hatten, eigneten sich nur für rauhe
Kriegsgesellen.
Ich hab’ noch zwei, drei Kreuzer, die sind mein ganzes Gut,
Dafür kauf’ ich mir Bier und Wein und einen zuckersüßen Branntewein,
Versoffen, versoffen, versoffen muß es sein.
Es ist seltsam, wie sich ein besonderes Lied in einer Kompanie
einbürgern und zu _dem_ Lied der Kompanie werden kann. Meine Kompanie
mochte noch so abgehetzt, müde, verdrossen, hungrig oder durstig
sein – das Kompanielied zog immer, wo andere, bessere Lieder schon
lange nicht mehr zogen, wenn Bana matunda, Günter Frowerk oder ein
anderer Vorsänger mit vom Staub rauher Kehle es anstimmte. Der Text
dieses eigentümlichen Liedes paßte übrigens wirklich nicht schlecht
zur Gesamtstimmung. Alle Farmer und Pflanzer hatten ihr Hab und Gut
bereits verloren oder sahen es wenigstens dem sicheren Untergange
entgegengehen. Zu verlieren hatten sie nur noch ihr bißchen Leben, das
sie täglich auf das Spiel setzten.
Als neuen Kompanieführer bekamen wir den Oberleutnant Freiherrn von
Lyncker – zum erstenmal in der Geschichte der Berittenen Neunten einen
Kavalleristen und aktiven Schutztruppenoffizier. Er hatte vordem
bei der Berittenen Achten gestanden, und es ging ihm der Ruf eines
schneidigen Soldaten voraus. Auch neue Unteroffiziere und Mannschaften
kamen zur Kompanie: der Nordfarmer Enke, der Nordpflanzer Wolf, von der
Küste der Fahnenschmied Runte, ein zuverlässiger, pflichttreuer Soldat,
ferner der ehrgeizige nette kleine Barbier Arno Förster, der Bäcker
Merzdorf, der Sattler Langrock und der verwegene Windhund und Konditor
Dettmar, genannt »Zuckercreme«, weil er richtiggehende Torten machen
konnte.
Am Geburtstag der Kaiserin, am 22. Oktober 1915, erlebte ich den
ersten und letzten Feldgottesdienst im Kriege. Ein Missionar aus dem
Aruschabezirk sprach sehr nett und würde mir noch mehr gefallen haben,
wenn er es sich hätte verkneifen können, ausgerechnet bei dieser
feierlichen Gelegenheit auf die lokalen Stänkereien zwischen Mission
und Siedlern anzuspielen. Das störte meine Andacht sehr, und der
Missionar schien mir die Gelegenheit unfair auszunutzen, als er den
Aruschasiedlern, die, zum Gottesdienst kommandiert, unter militärischer
Disziplin alles ruhig einstecken mußten, ihre angeblichen Sünden gegen
die Mission vorhielt.
[Illustration]
Der Abend dieses Festtages wurde in mehr weltlicher Weise durch
einen gemeinsamen Festkommers sämtlicher Offiziere, Unteroffiziere
und Mannschaften gefeiert. Unter einem alten mächtigen Urwaldbaume
saßen wir an einer langen, aus allen Tischen und Kisten der Kompanie
zusammengesetzten Tafel, und ein donnerndes Dreimal-Hurra erschallte
nach der Rede auf das hohe Geburtstagskind, mit der der Kommers
eröffnet wurde. Die Kompanie hatte reichlich für Stoff, »Marke
Heldentod« und Quellwasser, und der neue Kompanieführer für kalte
Platte gesorgt. Auch er wurde an diesem Abend mit Ansprache und Hurra
in den engeren, ich möchte sagen seelischen Verband seiner Kompanie
aufgenommen, deren Mitglieder sich mit begreiflichem und berechtigtem
Stolz für die Elitetruppe der Kolonie hielten. Der Abend verlief ohne
die geringste Störung – ein Zeichen, daß die Kompanie becherfest
war. Oberleutnant Meyer brachte an diesem Abend der Kompanie mit
anerkennenswerter Ausdauer das schöne alte Soldatenlied »Lippe Detmold,
o du wunderschöne Stadt, dadrinnen ein Soldat usw.« bei. –
Während unseres Wartens auf die große englische Offensive arbeitete der
neue Chef. Unser neuer jugendlicher Kompanieführer wollte naturgemäß
Neuerungen einführen und die Kompanie mehr nach rein heimischem Muster
umformen. Nun hatte er, was ich ihm sehr hoch anrechnete, das Gefühl,
daß es mir altem Papa nicht leicht, jedenfalls sehr unbequem sein
würde, mich als Etatsmäßiger in alle diese Neuerungen zu finden. Es
war also eine äußerst freundschaftliche Handlung meines Kompaniechefs,
daß er mir die schweren Geschäfte des Etatsmäßigen abnahm und mich
zum Zugführer machte; Vizefeldwebel Rimpler wurde mein Nachfolger. Um
mir den Übergang leicht und angenehm zu machen, verpumpte mich der
Kompanieführer für zwei Monate an die Abteilung Aruscha; ich sollte
Vizefeldwebel Dr. Sinning im Kommando des Postens Engaruka ablösen.
So stieg ich denn am 2. Dezember 1913 wieder in den Großen
Ostafrikanischen Graben hinab, um jenseits der durstigen Tiefsteppe
mein neues Postenkommando zu übernehmen. Der Posten Engaruka mit
dem ihm unterstellten Posten Ngorongoro war 4 Europäer, 1 Effendi
[schwarzer Offizier], 34 Askari, 100 Ruga-Ruga [Hilfskrieger] und 100
Träger stark.
Engaruka und Ngorongoro kennt der Leser bereits. Mein Leben in Engaruka
spielte sich sehr ordentlich ab. Ich ließ meine Askari exerzieren und
Felddienstübungen machen, baute mit den Trägern und Hilfskriegern eine
neue befestigte Stellung sowie gute neue Wohnungen für sie wie für
die Askari und Europäer. Da mich der Krieg noch magerer gemacht, als
ich von Natur schon bin, und mir mein Kompanieführer den dienstlichen
Befehl gegeben hatte, mich gut zu pflegen, ließ ich mir von meinem
trefflichen Mohamadi jeden Abend ein Diner von sieben Gängen kochen,
von denen, dank dem Stelzlschen Gemüsegarten, mindestens vier
Gemüsegänge sein mußten. Gelegentlich ritt ich eine Nahpatrouille mit
Jagd oder eine Fernpatrouille von vier Tagen zum Natronsee ohne Jagd,
obwohl es dort sehr viel Großwild und Raubwild aller Arten gab. Es war
mitten im Sommer und am Natronsee, der, glaube ich, nur siebenhundert
Meter über dem Meeresspiegel liegt, so heiß, wie ich es nie zuvor in
tropischen und subtropischen Gegenden empfunden hatte. Die Europäer,
die später mal das Natron abbauen werden, beneide ich nicht, trotz der
guten Jagd dort.
Mein Europäer in Engaruka, Grötzinger mit Namen, ein Bruder des im
Ingitogefecht gefallenen Grötzinger, gefiel mir über alle Maßen gut
als Soldat und Mensch. Er war ein Halbpalästinenser, d. h. er war noch
in Deutschland geboren, aber schon als kleines Kind mit seinen Eltern
nach Palästina ausgewandert. Er gehörte, wie die Familie Blaich, zu
der kleinen Gruppe von Palästinensern, die am Südmeru Pflanzungen
und Farmen hatten und die in ihrer einfachen, fleißigen Art sowie
vorbildlichen Lebensweise mir als das idealste Menschenmaterial für
eine Neusiedelung vor Augen stehen.
Mein Effendi war ein Wissmann-Veteran, der sich zu Kriegsausbruch
wieder zur Truppe gemeldet hatte und auch eingestellt worden war. Da
es schon seit Jahren in der Schutztruppe keine farbigen Offiziere mehr
gegeben hatte – außer einem einzigen, glaube ich, in Daressalam –,
wußten die modernen Askari die Stellung meines alten Effendi nicht
recht zu würdigen. Er war auch schon recht klapprig und altersschwach.
Um ihn zu schonen, beschäftigte ich ihn mit Lagerdienst und ließ ihn
sonst in Ruhe und Beschaulichkeit im Kreise seiner Frauen in seinen
deutschen illustrierten Zeitungen älteren Datums studieren, von denen
er einen ganzen Haufen bei sich hatte. Er besah sich die Bilder, denn
Deutsch lesen konnte er nicht. Jedesmal, wenn er zu dem Bilde eines
Militärs in glänzender Uniform kam, brachte er es mir und fragte, ob
das Major Wissmann sei. Ich konnte seine Sehnsucht, ein Bild seines
alten Führers zu finden, auf die Dauer nicht ungerührt mit ansehen
und sagte endlich bei einem besonders prächtigen Bilde Ja. Seitdem
hing, wenn ich mich recht entsinne, das Bild eines Herzogs von
Sachsen-Altenburg am Ehrenplatz in der Hütte des Effendi. Von seinen
Frauen umgeben, saß er andächtig davor und schaute es mit seinen guten
alten Augen voll treuer Liebe unverwandt an. –