Ich hatte Adolph Siedentopf bei dem offiziellen Empfange nur flüchtig

gesehen, da ich mit der Unterbringung der Kompanie zu tun hatte, aber

immerhin lange genug, um eine Einladung in sein Haus zu erhalten.

Nachdem ich mich so sauber gemacht hatte, wie das auf Patrouille

möglich ist – galt es doch zum erstenmal seit langer, ach wie langer

Zeit, einer Dame, und noch dazu einer schönen Dame, meine Aufwartung zu

machen –, begab ich mich mit Leutnant Berghöfer zum Farmhause zurück,

wir beide in der Absicht, zunächst nur einen kurzen Anstandsbesuch zu

machen. Unsern Kompanieführer fanden wir dort bereits vor.

Da saßen wir nun gegen elf Uhr vormittags in der niedrigen, trauten,

äußerst behaglich eingerichteten Farmhausstube um einen großen Tisch

– Herr und Frau Siedentopf, meine beiden Offiziere und ich. Zu Anfang

wollte die Unterhaltung nicht recht in Fluß kommen, und da ich das

Empfinden hatte, wir dürften den Besuch so kurz vor Tisch nicht

ungebührlich lange ausdehnen, trat ich Leutnant Berghöfer auf den Fuß

und blinzelte ihm zu. Er gab das Signal an den höheren Vorgesetzten

weiter, wurde aber scheinbar nicht verstanden. Der Kompanieführer ging

in seiner gewohnten Weise immer noch »Volldampf voraus«, und ich war

trotz des unbehaglichen Gefühls, vielleicht aufdringlich zu erscheinen,

doch auch wieder sehr neugierig auf den Augenblick, in dem Adolph

Siedentopf mehr aus sich herausgehen würde.

In Manchesterreithose und -joppe gekleidet, saß dieser Kraftmensch mit

dem herrlichen Imperatorenkopf in unserer Mitte. Er trug zu jener Zeit

einen Vollbart, aus dem seine Adlernase kühn hervorstand. Zwei große

dunkle Augen unter starken Augenbrauen musterten uns andauernd. Ich

hätte mich vor ihnen fürchten können, wenn ich nicht hin und wieder

einen argen Schalk in diesen Feuerrädern hätte aufblitzen sehen.

Aber nicht nur seelisch ist Adolph Siedentopf trotz seinem langen

Aufenthalt in Deutsch-Ostafrika ein Kraftmensch geblieben, sondern

auch körperlich. Ich habe letzteres beobachtet, als ich ihn später

im Gefangenenlager zu Nairobi wieder traf. Der vierundvierzigjährige

Mann sprang im Schlußsprung ohne Sprungbrett 1,20 Meter hoch, blieb

unübertroffen im Steinstoßen und schnellte, auf dem Rücken liegend,

einen auf seiner Magenhöhle stehenden Turner mit den Bauchmuskeln fünf

Zentimeter in die Luft. Für den, der Geist und Körper durch rege Arbeit

in Training hält, kann also das Klima der ostafrikanischen Hochsteppen

doch nicht ganz unbekömmlich sein.

Ich hatte mich nicht verrechnet. Allmählich geriet Adolph Siedentopf

durch seine eigenen Erzählungen selbst immer mehr in Feuer. Der Fragen

bedurfte es nicht mehr. Alle, einschließlich Frau Siedentopf, die

höchstens mal mit einem »Aber, Adolph!« einfiel, hörten andächtig

zu und ließen kein Auge von seinem ausdrucksvollen Gesicht. Ich bin

bei solchen Gelegenheiten ein geübter Dauerschweiger und werde daher

fälschlich zuweilen für einen ganz netten Gesellschafter gehalten.

Hier kam mir diese Eigenschaft sehr zugute. Ich hätte tagelang

sitzen, schweigen und zuhören können – nur meine Lachmuskeln, fürchte

ich, hätten es nicht ausgehalten. Ich will versuchen, einige von

Adolph Siedentopfs Geschichten wiederzugeben, obwohl sie hier nur

schwach ausfallen können; denn seine überzeugenden, absoluten Glauben

erzwingenden Blicke, die jede Pointe markierten, lassen sich auf dem

Papier nicht ausdrücken.

»Ich hatte mal wieder den ganzen Vormittag am fernen Ende des Kessels

auf diese Racker von Gnu gejagt. Ich brauchte Gnuschwänze. Ein

Assistent wollte sein Monatsgehalt, und Bargeld ist in dieser Gegend

noch knapp. Ich schieße Gnu am liebsten mit dem einundsiebziger Gewehr.

So ein Bleibatzen haut ordentlich hin, und man verschwendet keine

Munition. Als ich so fünfzig Gnu umgelegt und nur noch eine Patrone

übrig hatte, gab ich meine Morgenarbeit auf, befahl einigen Massais,

die Gnuschwänze zu sammeln, und trollte mich mit meinem Boy, der mein

Gewehr trug, und mit meinem Foxterrier durch die blanke Steppe zurück

zum Gehöft. Es war glühend heiß geworden. Was half’s – ich wollte

Muttern nicht mit dem Essen auf mich warten lassen und stampfte daher

tüchtig drauflos. Plötzlich, als ich nur an Muttern dachte – wenn ich

allein bin, denke ich stets nur an Muttern (hier bekam Frau Siedentopf

den großen Blick und sagte: ›Aber, Adolph!‹) – nahm mich aus gar nicht

großer Entfernung ein Nashorn an. Ehe ich mir mein Gewehr von dem Boy

geben lassen und dem Nashorn eins aufbrennen konnte, war es bis auf

drei Schritt an mich heran. Bautz! sagte die alte Knarre – bums, stand

das Nashorn stockstill. Na – _eine_ Patrone hatte ich nur gehabt, und

ein Baum, auf den ich hätte klettern, oder ein Erdferkelloch, in das

ich hätte kriechen können, waren weit und breit nicht zu sehen. Also

sagte ich zu meinem Boy: ›Junge, renn’ fix nach Hause und laß dir von

Muttern Patronen geben.‹ Ich blieb drei Schritt vor dem Nashorn stehen.

Neben mir lag mein Terrier in der prallen Sonne und ließ seine durstige

Zunge weit hängen. Echte Foxterrier sind sehr empfindlich für die

Hitze. Das Nashorn stand stockstill. Ich auch. Nur mein Terrier zog es

bald vor, sich links neben das Nashorn in dessen Schatten zu legen. Als

die Sonne höher stieg und der Schatten des Nashorns kürzer wurde, kroch

ihm der Terrier nach. Bald lag er unter dem Bauch des Nashorns und

endlich, als mein Boy mit den Patronen kam, ein ganzes Stück rechts vom

Nashorn. Aus diesem Schattenspiel konnte ich berechnen, daß mein Boy

zwei Stunden gebraucht hatte, die Patronen zu holen, daß ich dieselbe

Zeit vor dem Nashorn gestanden hatte und daß Mutter schon mit dem Essen

auf mich warten würde.«

Da Adolph Siedentopf schwieg, fragte jemand unvorsichtig: »Ja, aber das

Nashorn?« Adolph Siedentopf runzelte die starken Brauen, schoß einen

Blick auf den Genauigkeitskrämer und sagte: »Mann, Sie haben aber auch

gar keinen Humor. Die Pointe einer guten Geschichte ist doch, daß man

die Pointe nicht erklärt. Aber, wenn Sie’s absolut wollen, tue ich auch

das. Das Nashorn hatte natürlich Blätter der Euphorbie gefressen,

deren Wolfsmilch genau in demselben Augenblick zu wirken anfing, als

meine Kugel die Magenwand zerriß und der Wolfsmilch unmittelbaren

Zutritt in das Blut des Nashorns gab. Das Nashorn stand folglich unter

einer Narkose.« –

»Ja, mit den Assistenten hat man auch seine Plage. Nicht allein,

daß sich einige weigern, ihr Gehalt ~in natura~, d. h. in Form von

Gnuschwänzen, anzunehmen – seit Jahren die gangbarste Münze bei mir –,

sondern auch auf Jagd sind sie schwer zu zügeln, besonders wenn sie

neubacken von Deutschland gekommen sind. Hatte ich mal da einen

Assistenten – war ein kreuzbraver Mensch und ein tüchtiger Arbeiter,

aber von der Jagd konnte er nicht lassen. Lange bevor der Tag graute,

pflegte er schon in die Gegend zu ballern. Na, der tut’s nicht weh.

Eines Morgens, als ich, wieder mal von anhaltendem Gewehrfeuer geweckt,

auf die Veranda hinaustrat, sah ich Stelzl – nun ist mir der Name doch

gegen meinen Willen entschlüpft – langsam und, wie mir schien, tief

geknickt aus meinem Maisfeld auf mich zukommen. ›Na, Mann‹, rief ich

ihn an, ›was haben Sie an diesem schönen Morgen schon aus dem Leben

zum Tode befördert?‹ Antwortet mir der Mensch: ›Drei von Ihren Eseln,

Herr Siedentopf!‹ – Himmeldonnerwetter! Die Esel waren in der Nacht

aus der Boma ausgebrochen, um sich im Mais gütlich zu tun, und dieser

Mensch schießt mir die drei besten Reitesel tot. Er hatte in der

Morgendämmerung meine Esel für Zebra gehalten. Wenn Sie Stelzl heute

fragen, ob er schon mal ›Wildesel‹ geschossen habe, schlägt er Sie

tot.« –

[Illustration]

»Mal war ich mit Friedrich Wilhelm, meinem Bruder, oben am

Kraterrand auf Büffeljagd. Die Jagd war sehr ergiebig gewesen und

wir hatten nahezu alle Patronen verknallt. Ich hatte überhaupt

keine mehr, aber Friedrich Wilhelm hatte noch zwei Schuß in seinem

Siebenmillimetergewehr, das er allen anderen Jagdgewehren vorzieht. Da

sahen wir auf zweihundert Meter noch einen prächtigen Bullen stehen,

der uns äugte. Ich sagte zu Friedrich Wilhelm: ›Mensch, laß ihn stehen.

Du hast nur noch zwei Schuß im Gewehr, es könnte schief gehen.‹

Friedrich Wilhelm, ein vorzüglicher Schütze, war, wie Brüder immer

sind, anderer Meinung. Er kniete nieder und schoß beide Kugeln in den

Bullen. Beide saßen, aber der Büffel legte sich nicht, sondern nahm

wutschnaubend an. Nun war Holland in Not. Ich rauf auf den einzigen,

nicht allzu kräftigen Baum, der in der Nähe stand, und Friedrich

Wilhelm rin in ein Erdferkelloch, zehn Schritt vor meinem Baum. So

ein angekratzter Büffel ist ein gefährliches Vieh, und eine besonders

unangenehme Eigenschaft von ihm ist es, daß er nicht weggeht, solange

er den Feind noch sehen kann. Krach! lief er gegen meinen Baum, der

unter meiner Körperlast so schon bedenklich schwankte. Knack! fuhr sein

Gehörn beim Erdferkelloch in den harten Boden, sobald Friedrich Wilhelm

den Kopf herausstreckte. So ging es lange hin und her. Ich fürchtete

für meinen Baum und ordnete seine Zweige so, daß der Büffel mich nicht

mehr sehen konnte. Nun ließ er von mir ab und attackierte nur noch

das Erdferkelloch, sobald Friedrich Wilhelm den Kopf heraussteckte.

›Mensch‹, rief ich, ›bleib doch still in deinem Loch, sonst sitzen

wir hier noch bis übermorgen!‹ Der Büffel drehte wieder gegen meinen

Baum, und Friedrich Wilhelm schrie mir zu: ›Sitz du mal still in einem

Erdferkelloch, wenn unten ein Leopard drin ist!‹« –

So, nur noch viel schöner hatte Adolph Siedentopf eine Geschichte nach

der andern erzählt, und ich hatte Tränen gelacht, bis ich beinahe

hysterisch wurde. – Meine Sünden, für die ich übrigens in diesem Falle

meine Vorgesetzten mitverantwortlich mache, fielen mir erst wieder ein,

als Adolph Siedentopf seiner Frau, die Zeichen innerer Unruhe gab,

zunickte, und diese nun zu uns sagte: »Es ist Mittag vorbei – da die

Herren nun doch mal hier sind, bitte ich Sie, zu Tisch zu bleiben.« So,

da hatten wir es aber gründlich, und verdient hatten wir es auch.

»Nun müssen wir hier eine kurze Zeit heraus, es soll gedeckt

werden«, sagte der Hausherr. »Kommen Sie, meine Herren, ich zeige

Ihnen inzwischen meine Apotheke und meine Löwenfelle.« Beide waren

sehenswert, aber mich interessierte ein Haufen ungeöffneter Briefe

mit dem Dienstsiegel, die auf dem Fensterbrett der Apotheke lagen,

doch noch mehr. Lachend erklärte Adolph Siedentopf: »Aus meiner

Junggesellenzeit! Jetzt tue ich so was natürlich nicht mehr. Wenn die

Behörde etwas von mir wollte, schickte sie mir einen Polizeiaskari mit

einem dieser Amtsschreiben. In mein Haus durfte mir der Mann nicht

kommen, und annehmen, körperlich annehmen meine ich, wollte ich diese

Briefe auch nicht. Ich öffnete also das Fenster und sagte dem Askari:

›Junge, lege deinen Brief da man hin und laß dir von dem Aufseher

was zu essen geben.‹ Das tat der Askari denn auch und war froh, so

gelinde wegzukommen.« – Als ich Adolph Siedentopf fragend ansah, lag

ein kindlich unschuldiges Lächeln in seinen Augen, und er sagte weich:

»Ja, ja, da liegt das Erzeugnis vieler kluger Köpfe. Wissen Sie, ich

verderbe mir so ungern die frohe Laune, darum habe ich die Briefe nie

geöffnet.«

Daß Frau Siedentopf uns glänzend bewirtete, »da wir nun doch mal da

waren«, brauche ich kaum zu sagen. Gartenerdbeeren mit Schlagsahne

krönten das Mahl. Im Laufe der fünf Tage, während derer die Kompanie

in Ngorongoro ruhte, hat Frau Siedentopf nacheinander sämtliche

Kompaniekameraden zu Tisch gehabt und mit Erdbeeren und mit

Schlagsahne regelrecht genudelt.

Die Kompanie lagerte im Koongo des Lemungeflusses im Schatten

alter Wildfeigenbäume unweit des Farmgehöftes. Sie pflegte sich

nach Herzenslust. Es war eine fünftägige Zeit der Fettlebe und des

Auf-Vorrat-Schlafens. Fette Hammel, fette Schweine, fette Butter, fette

Milch und fette Käse gab es von Morgen bis Abend in Quantitäten, wie

sie nur Patrouillenreiter, die auch auf Vorrat zu essen gelernt haben,

verdrücken können. Frau Siedentopf wirkte und schaffte von früh bis

spät, um für die vielen hungrigen Krieger zu sorgen. Außerdem machte

sie zum Mitnehmen noch Hammelfleisch und Gemüse in Büchsen ein, die

sich in den Satteltaschen unterbringen ließen. –

Die Sehenswürdigkeit des Ngorongorokraterkessels sind seine Gnuherden.

Dreißigtausend Gnu bevölkern den Kraterkessel; genau so gut hätte ich

auch sechzigtausend sagen können. Wenn Herden von Vieh oder Wild in

solchen Massen zusammen sind, geht selbst einem alten australischen

Viehzüchter, wie mir, das Schätzungsvermögen aus. Ich habe diese

riesige Herde wilder Rinder aus der Entfernung in Ruhe gesehen, ich bin

auf meinem Hengst Otto neben der ganzen, im Galopp befindlichen Herde

hergaloppiert – so nahe, daß ich einzelne Tiere mit dem Revolver bequem

hätte schießen können –, der Boden hat gedröhnt und gezittert, und ich

habe gestaunt über die Menge der dicht zusammengedrängten, sich im

gleichen Tempo bewegenden Rücken, ich habe, da die Rücken silbergrau in

der Sonne leuchten, an Heringsschwärme gedacht, aber die Gnu zu zählen

oder auch nur annähernd ihre Zahl zu schätzen, vermochte ich nicht.

Die Gnu sind nicht zu bewegen, den Ngorongorokessel zu verlassen. Man

hat es verschiedentlich versucht, einmal sogar mit Militärhilfe, sie

aus dem Kessel zu vertreiben. Stets haben sie im letzten Augenblick die

Treiberketten durchbrochen. Durch Inzucht und periodischen Futtermangel

stark degeneriert, durch Seuchen von Zeit zu Zeit dezimiert, von Mensch

und Raubwild gejagt, vermehrt sich die Gnuherde trotzdem von Jahr

zu Jahr, und von der süßen Weide im Kessel will sie nicht lassen.

Adolph Siedentopf ist nur dadurch imstande, etwas Weide für sein Vieh

zu sichern, daß er etwa dreißig Hunde hält, alle auf Gnu dressiert.

Diese Hunde halten in unmittelbarer Nähe des Gehöfts die Weide frei

von Gnu. Sie bekommen nur Magermilch, ihre Fleischrationen müssen sie

sich selber holen. Ich beobachtete eines Morgens, wie eine Meute dieser

Hunde aller Rassen ein Gnu von der Herde absonderte und vor die Veranda

des Farmhauses hetzte, damit ihr Herr es erschieße. Sonst reißen sie

auch ein Gnu mit vereinten Kräften draußen in der Steppe. –

Um sich dem Ehepaar Siedentopf gegenüber für die opulente Bewirtung

erkenntlich zu zeigen, veranstaltete die Kompanie am Abend vor dem

Weitermarsch ein Sportfest mit anschließender Varietéaufführung. Der

Gouvernementsrat Fritz König hatte die Leitung in die Hand genommen

und ließ seinem fröhlichen Naturell und seinem goldigen Humor ganz

freien Lauf. Der Totalisator war schon vor dem Rennen, sobald bekannt

wurde, wer wen ritt, tätig gewesen. Auch der übliche Unfall blieb

nicht aus: ein das Pferd markierender Soldat stürzte unglücklich und

renkte sich die Hand aus. Dornier, der hübsch auf der Zither spielen

konnte, dirigierte die Varietékapelle mit einem einen Meter langen und

zehn Zentimeter dicken Bambusknüppel. Unermüdlich und unparteiisch

schlug er die Mitglieder der Kapelle auf die Köpfe, daß der Taktstock

nur so knackte. Die Instrumente der Kapelle bestanden aus einer

Mundharmonika, zwei Kuhhörnern, einem Kessel, einem Taschenkamm und

einem Steigbügeleisentriangel.

Die Zuschauer – Herr und Frau Siedentopf, die Offiziere und ich –

saßen im trockenen Flußkoongo, die Bühne war das jenseitige Ufer

der Schlucht. »Mariechen«, »Gretchen« und »Hänschen« hatten sich

hinter Frau Siedentopf gesteckt und steckten jetzt in der Blütenlese

ihrer Garderobe. Sie mimten allerliebste kleine Mädel, die beiden

ersteren von der zarten, bescheidenen Sorte, Hänschen Kaufmann vom

modernen vorlauteren Typus. Der Schütze Bieleck als »Cowboy«, wozu

er nur aufzutreten brauchte, wie er immer gekleidet ging, ritt ein

dressiertes Gnu in hoher Schule vor; es bestand aus einem richtigen

Gnukopf und -schwanz und einem Woilach, unter dem ein o-beiniger und

ein x-beiniger Krieger Gangarten vorführten, die bei einem wirklichen

Gnu das Eingeben von einigen Flaschen »Stacheldraht« oder »Sarglack«

wohl verursacht haben könnte. Der Kaufmann Bruno Muhl aus Aruscha,

unser fähiger Magazinverwalter, trat als Taschenspieler auf und ließ

Rupienstücke durch den Tisch fallen und verschwinden; zu dieser Nummer

schrie die ganze Varietégruppe wie aus einem Munde: »Kein Wunder,

daß der Farmer arm bleibt!«, und die Kapelle blies einen Tusch. Bana

matunda, der als Sekundaner mal hatte Komiker werden wollen und

sicher seinen Beruf nicht verfehlt haben würde, gab unter ungeheuren

Heiterkeitsausbrüchen eine Anzahl komischer Schlager im reinsten

Berliner Dialekt zum besten, so alt, daß selbst die Ältesten unter uns

sich ihrer nicht mehr entsannen. Auch trat er als Affenmensch auf.

Die Glanznummer des Abends – wie Herr Direktor König verkündete –

war, unter Mitwirkung sämtlicher Artisten, der Überfall der Karawane

eines Forschungsreisenden durch Massai. Nach der Vorstellung wurde

das Ehepaar Siedentopf unter Vortritt der Kapelle von allen Artisten

nach Hause begleitet, und mit einem donnernden dreimaligen Hoch

vor dem Farmhause schloß der Abend. Ich glaube nicht, daß der alte

Ngorongorokrater in seiner Geschichte je zuvor Ähnliches erlebt hat.

Für den Weitermarsch am nächsten Morgen hatte der Schütze Friedrich

Wilhelm Siedentopf, der zur Abteilung Aruscha gehörte und von Jagd-

und Viehsafari her die Gegend bis Nairobi kannte, Führerdienste

übernommen. Unsere Boys ließen wir in Ngorongoro zurück, von den

Verpflegungsträgern nahmen wir nur einen Teil, die kräftigsten, mit,

aber auch diese nur noch für einige Tagemärsche.

Wir folgten zunächst im Winterhochlande für einige Stunden dem Laufe

des Lemungeflusses und nahmen da, wo wir ihn überschritten, noch

reichlich Wasser, da jetzt eine lange Durststrecke kommen sollte.

Gegen ein Uhr nachmittags verließen wir den Lemunge, ließen das

Olmotigebirge links liegen, schwenkten nördlich davon nach Westen

ein und begannen, gerade als es anfing dunkel zu werden, den Abstieg

vom Winterhochland zur Albalbalsteppe – eigentlich hätte ich wohl

Albalbalkratersohle sagen sollen, aber dieser Krater ist so riesengroß,

daß man die Vorstellung eines solchen ganz verliert. Der Abstieg

verunglückte. Wir verbiesterten uns im Dunkeln, irrten stundenlang,

die Tiere führend, im Geröll umher, um endlich doch auf halber Höhe,

zwischen Steinen und auf den harten, schwarzen Stoppeln frisch

abgebrannten Steppengrases liegend, das Tageslicht zu erwarten.

Am nächsten Morgen folgte dann ein endlos scheinender Marsch durch

die trockene, heiße, sandige Albalbalsteppe, bis wir etwa um zwölf

Uhr mittags, also nach dreiundzwanzig Durststunden, das Geierwasser,

eine tief im Randgebirge verborgene schwache, natronhaltige Quelle,

erreichten. Um an das Wasser zu gelangen, mußten wir in einer

Felsschlucht hochklettern über Felsplatten und um Felsblöcke. Mein

Hengst war vor Durst so ungeduldig, daß ich ihn nur mit Mühe davon

zurückhalten konnte, an den Felsen hochzuspringen; er zerschlug sich

den Kopf am Gestein, daß die Hautfetzen flogen, und riß mich öfter

um, als mir lieb war. Als ich vom Wasser zurückgekehrt war und mich

hinlegte, fühlte ich mich derartig zerschlagen und erschöpft, daß

ich für immer hätte liegenbleiben mögen. Die Mittagssonne brannte

mitleidlos, und das lauwarme natronhaltige Wasser reizte den

Durst mehr, als es ihn löschte. Daß die Massai diese Wasserstelle

das Geierwasser nennen, finde ich sehr angebracht. Die vom Durst

erschöpften Steppentiere, die in der Trockenzeit an diese Quelle

verschlagen werden – also in einer Zeit, in der das stark natronhaltige

Wasser nicht durch Regenwasser verdünnt ist –, mögen schwer wieder

von ihr wegfinden. Sobald sie von der Quelle zur Steppe zurückgekehrt

sind, werden sie aufs neue Durst spüren und immer wieder das Wasser

aufsuchen, das fürchterlich durchschlägt, die schon erschöpften Tiere

gänzlich ermattet und sie endlich den Geiern zum Opfer fallen läßt.

Die vielen weißen Knochen, die im Koongo des Geierwassers bleichten,

zeugten davon.

Nur weg von dieser unheimlichen Stelle! Drei Marschstunden weiterhin

sollte wieder Wasser sein – natronfreies Wasser! Diese Hoffnung belebte

die armen Träger, und vorwärts ging der Marsch in Hitze und Staub

über die offene Steppe. Nur Mut – bald gibt es Wasser in Hülle und

Fülle! Wir marschierten drei Stunden, wir marschierten vier Stunden –

immer noch kein Wasser! Aber neben uns in der Steppe sahen wir mehrere

Nashörner und anderes Wild in gleicher Richtung mit uns einem vor uns

liegenden Waldstreifen entgegenziehen. Das ließ unsere Hoffnung wieder

steigen. Es fing schon an zu dämmern, als wir endlich den Akaziengürtel

erreichten, hinter dem das Wasser sein sollte. Noch eine Stunde durchs

Buschgelände, dann waren wir glücklich an der Stelle, wo der Arashfluß

den obligaten Sumpf bildet. Er heißt wie der Fluß, der sich in der

Regenzeit aus ihm weiter in die Steppe hinein ergießt, Malambo. Hier

fanden wir ausreichendes süßes und, da wir Sumpfwasser schon lange

nicht mehr beanstandeten, trinkbares Wasser. Ein Wildbraten wurde

geschossen, und schöne, kräftige Weide erquickte unsere Reittiere; auch

das Papyrusgras, das dort wuchs, wurde von ihnen gern gefressen. Um den

Trägern, die sich auf dem letzten Marsch fast übermenschlich hatten

anstrengen müssen, Zeit zum Ausruhen zu geben, lagerten wir hier bis

zum nächsten Nachmittag.

Unser Weitermarsch vollzog sich im Tale des Arash, in dem wir langsam

wieder zum Winterhochland hinaufkletterten. Es ist in seinem unteren

Teile tief in das Gebirge eingeschnitten und unten am Fluß mit dichtem

Urwald bestanden. Unser Weg – der einzige, für den Platz in dem engen

Tal war – war ein stark begangener Nashornwechsel; die ganze Gegend

stank nach Nashorn, dessen trockene, zertrampelte Losung den Wechsel

oft einen halben Fuß tief eindeckte. Auch dieser Nashornwechsel war

wieder angelegt, als ob ein Verschönerungsverein im Interesse des

Sonntagspublikums tätig gewesen wäre. Er lief auf ausgesucht ebenem

Terrain bald rechts, bald links neben dem Fluß her, den er an den

bequemsten Stellen kreuzte, oft in der Nähe eines tiefen, mit Wasser

gefüllten Felsenbassins, zum Suhlen für Nashörner und zum Baden für

Menschen gleich gut geschaffen. Um die Zeit, als wir ihren Wechsel

benutzten, müssen die Nashörner unten in der Steppe gewesen sein, wo

wir ihrer viele gesehen hatten – begegnet ist uns auf dem Wege kein

einziges.

Gegen Mittag des zweiten Marschtages (seit Malambo) kamen wir in eine

Gegend, die auf der Karte als weißer Fleck eingezeichnet ist. Der

Mensch kann hier also noch nicht oft gewesen sein, und wo er nicht

ist, hat Weiß, die Farbe der Unschuld, ihre Berechtigung. Dies merkte

man auch der Tierwelt an. Kleine Vögel – in Südafrika nannten wir sie

Flapper – umschwirrten meinen Kopf wie Mücken; wie diese verscheuchte

ich sie mit der Hand. Gazellen blieben zwei Schritt vor der Kolonne

stehen und äugten uns neugierig. Eine Herde Büffel, fünfunddreißig

Kopf stark, stand einmal am gegenüberliegenden Uferabfall nur fünfzig

Meter entfernt und ließ die ganze Kompanie an sich vorbeipassieren.

Nachtvögel, Eulen und Käuze konnten wir mit der Hand greifen.

Ganz allmählich war das Flußtal weiter geworden, und ganz allmählich

ging der Urwald in Steppenbusch über. Den ganzen dritten Tag

marschierten wir noch im oberen Tal des Arash oder vielleicht eines

seiner Nebenflüsse. Die Karte versagte noch immer. Wir hatten hier

viel Wasser und schöne Weide in leicht bewaldeter, sanft ansteigender

Hochsteppe, durch die ein Steppenbrand sich langsam weiterrollte und

die Nacht erhellte.

Wir ritten für Deutsch-Ostafrika · 第 10 / 17 段