Von unsern Kompanieoffizieren ritten nur mit der Kompanieführer

Oberleutnant Büchsel und Leutnant Berghöfer, der seit einigen Wochen

als Ersatz für den vermißten Oberleutnant Trappe von der Berittenen

Achten zu uns versetzt worden war. Leutnant Freund wurde gleich in den

ersten Tagen der Patrouille krank und mußte umkehren. Oberleutnant

Meyer hatte Typhus und lag im Lazarett in Aruscha. Typhus grassierte,

bevor Oberarzt Klemm uns impfte, ziemlich stark in der Kompanie

– kein Wunder, da unsere Patrouillen so manches Mal, durch den

Durst gezwungen, in Versuchung kamen, Sumpfwasser oder verdorbenes

Regenwasser aus irgendeiner Pfütze ungekocht zu trinken. Alle mir

bekannten Typhusfälle sind aber leichter Natur gewesen, und ich habe

überhaupt nie gehört, daß in Ostafrika unter einigermaßen normalen

Verhältnissen ein Soldat an Typhus gestorben wäre.

Da wir auf den Reit- und Packtieren nicht für fünf Wochen ausreichende

Verpflegung unterbringen konnten, mußten uns Verpflegungsträger für

einen Teil des Marsches begleiten. Je zwei Europäer durften eine Last

und jeder einen Boy mitnehmen.

Ich nahm meinen einäugigen Boy, den ausgerissenen Missionspetro, auf

dieser Patrouille mit. Trotz der oft langen Märsche, die er zu Fuß, mit

seinem eigenen Gepäck und Proviant für mehrere Marschtage beladen,

machen mußte, war Petro bei jedem Halt mit der Reserveflasche kalten

Tees oder Kaffees zur Stelle, und wenn wir abkochten, hatte er sofort

ein Feuer im Gange. Ich habe mich oft gewundert, woher der Junge nach

zehnstündigem oder längerem Marsch in Staub und Sonne immer noch die

Energie hernahm, für mich zu sorgen. Nicht ein einziges Mal habe ich

ihn zu rufen brauchen; stets war er da, wo für meine Bequemlichkeit

irgend was getan werden konnte. Und dabei machte Petro stets ein

freundliches Gesicht, soweit ihm das mit seiner einen Gesichtshälfte

gelingen wollte; die andere Hälfte mit dem fehlenden Auge grinste nicht

mit, und der Gesamteindruck wirkte daher auf Leute, die ihn nicht

kannten, etwas beängstigend. Ich nahm Petro mit, weil mein anderer,

mehr rundlicher Boy Sakiva von starken Anstrengungen leicht Fieber

bekam. Beide waren Wachagga, aber der hagere Petro hatte, glaube ich,

einen Einschlag von Massaiblut.

An Trägern hatten wir etwa achtzig Mann mit, lauter ausgesucht kräftige

Leute. Der Stamm unserer Träger bestand aus Wanjamwezi, die von der

ehemaligen Abteilung Geraragua und von meinem Olmologposten übernommen

worden waren. Sie haben vom ersten Tage des Krieges an mitgemacht, und

sie waren noch bei der Kompanie, als ich nach zwei Jahren gefangen

wurde. Was die Leute in der Zeit geleistet haben, ist gar nicht

auszudenken, und wie viele tausend Kilometer sie mit einer Last auf dem

Kopf zurückgelegt haben mögen, möchte ich nicht ausrechnen müssen. Und

dabei waren sie bis zu Ende willig und meistens sogar recht vergnügt.

Etwas Berechnung ihrerseits mag wohl dabei gewesen sein, daß sie so

gern bei der Kompanie blieben. Wären sie weggelaufen oder auf Wunsch

entlassen worden, so hätte irgendeine Etappe sie sicher sofort wieder

aufgegriffen und als Etappenträger eingestellt. Letzteres galt aber als

das größere Übel; der Dienst dort war noch anstrengender, weil er nie

unterbrochen wurde. –

In den ersten drei Marschtagen durchquerten wir die Tiefsteppe des

ostafrikanischen Großen Grabens – zwischen den Kilimandscharo- und

Merusteppen einerseits und dem Winterhochland andererseits (nicht zu

verwechseln mit dem Großen _Zentral_afrikanischen Graben, in dem der

Tanganjika- und Albert-Njansa-See liegen). In der Hauptrichtung von

Nord nach Süd laufend, hat jener Graben auf der Westseite einen scharf

markierten Steilrand, auf der Ostseite aber, von der wir kamen, fällt

das Gelände allmählich ab; erst nördlich vom Natronsee ist auch der

östliche Grabenrand des hier enger werdenden Grabens klar erkenntlich.

[Illustration]

Wir stiegen nordöstlich der Ostausläufer des Mondulgebirges in die

Tiefsteppe hinunter und zogen dann zwischen dessen Westausläufern im

Süden und dem Ketumbeinegebirge hindurch. In dieser Tiefsteppe ist man

ganz auf Regen- und Grundwasser angewiesen. Wir fanden in Felslöchern

noch genügend Regenwasser, das freilich weder sehr appetitlich aussah

noch besonders schön roch; es wurde natürlich vor dem Gebrauch gekocht.

Tausende zierlicher Webervögel in allen Farben frequentierten diese

Wasserlöcher und ließen sich durch das Wasserschöpfen der Träger und

Boys nicht im geringsten stören. In der Trockenzeit sackt alles

Regenwasser ab, man muß dann nach Grundwasser graben. Solches wird man

nach einigem Suchen fast immer in den mächtigen, oft haustiefen Koongos

finden, von denen die Tiefsteppe zerrissen ist. Freilich darf man

nicht damit rechnen, am Ende der Trockenzeit noch so viel zu finden,

daß es für große Karawanen oder Viehtransporte genügt. Wer Grundwasser

in einem Sandkoongo sucht, grabe dort, wo Wild gescharrt hat oder wo

Schmetterlinge sich auf den Sand setzen.

Unser dritter Marschtag bedeutete eine Durststrecke von neun Stunden.

Wir wußten, daß wir vom Koongo ya Kabrule bis Engaruka, unserm Ziele

am Grabenrand, kein Wasser finden würden, und beschlossen deshalb,

besonders unserer Träger wegen, einen möglichst großen Teil der

Durststrecke in der Nacht zurückzulegen. Um acht Uhr morgens traf die

Kompanie am Engarukabach ein, der, aus dem Winterhochlande kommend,

sich in einer Reihe von Wasserfällen lustig den steilen Grabenrand

herabstürzt. Bei seinem Wasserreichtum und dem zu erzielenden

Wasserdruck würde er, systematisch ausgenutzt, mehrere hundert Farmen

mit ausreichendem Wasser versehen können. Jetzt ergießt er sich in die

Steppe und bildet dort ein übles, ungesundes Sumpfgelände. Selbst höher

hinauf am Graben, wo der Posten lag, litten Europäer und Askari an

Malariaanfällen; Stelzl, ein Bayer, der kurz vor dem Kriege hier eine

Farm belegt und ein Wohnhaus zu bauen angefangen hatte, klagte sehr

darüber.

Den starken Außenposten Engaruka, dem auch der Posten Ngorongoro

angegliedert und unterstellt war, kommandierte der Vizefeldwebel

unserer Kompanie Dr. Sinning, genannt »der alte Stock«, obwohl er

lange nicht so alt ist wie ich. Der Posten selbst wurde von der

Abteilung Aruscha gestellt; da diese anscheinend über keinen geeigneten

Postenführer verfügte, hatte ihr unsere Abteilung den Dr. Sinning

gepumpt. Vom Dezember an bis Anfang März 1916 bin ich sein Nachfolger

gewesen.

Der gute Kamerad Sinning hatte für den Empfang und für den Aufenthalt

seiner Kompanie alles aufs beste vorgesehen. Es gab Grasbuden für

die, die nicht vorzogen, im Freien zu schlafen. Es gab Ochsen- und

Ziegenbraten. Es gab Bananen, Papayen, Erdnüsse, Zitronen von den

Mashamba [Pflanzungen] der Eingeborenen und, sage und schreibe,

europäisches Gemüse aus Stelzls Gemüsegarten. Es gab Eier und

Kükenbraten. Es gab Körnermais für die Tiere. Vor allem aber gab es

aus dem Bergstrom ein herrliches klares, kaltes, ganz natronfreies

Quellwasser zu trinken. Nach dem dreitägigen heißen Ritt durch die

Tiefsteppe mit ihrem übelriechenden, abgekochten alten Regenwasser

kamen sogar hartgesottene Sünder, am Rande des Engaruka sitzend,

beinahe auf den Gedanken, für den Rest ihres Lebens Wassertrinker zu

werden. Prächtig war auch die Badegelegenheit im Engarukabach. Den

ganze Tag konnte man rauhe Kriegsknechte in Felslöchern sitzen sehen,

um sich von den Wasserfällen ihre Haut peitschen zu lassen. Wenn sie

genug hatten, lagen sie wie Seehunde auf den Felsplatten und sonnten

sich.

Ich sagte oben: »natronfreies Wasser«. Das ist wichtiger, als das Wort

ahnen läßt. Der Engaruka und sein Nachbar, der Rongai, sind nach Norden

hin die letzten Wasser, die natronfrei sind. Alle Flüsse, die weiter

nördlich vom Grabenrand herunterkommen, sind ebenso wie die, die sich

aus dem östlich des Grabens liegenden Geleigebirge, aus heißen Quellen

gespeist, in den Natronsee ergießen, stark natronhaltig. Natronhaltiges

Wasser löscht aber nicht den Durst, sondern vermehrt nur noch das

Durstgefühl. –

Der Abschied von Engaruka und unserm liebenswürdigen Wirt am nächsten

Nachmittag ist uns allen recht schwer geworden. Um den Grabenrand

erklettern zu können, mußten wir noch sieben oder acht Kilometer in

nördlicher Richtung an ihm entlangreiten. Wir durchquerten hierbei das

um diese Jahreszeit unten in der Steppe ausgetrocknete Flußbett des

Engare Rongai und trafen am Fuß des Keremasiberges auf den Anfang des

Aufstieges.

Zwei Wege führen hier zum Hochland hinauf. Unsere Trägerkolonne schlug

den kürzeren, von Eingeborenen ausgetretenen Fußpfad ein, der sich in

steilen Serpentinen hochwindet. Die Kompanie ritt auf dem von Stelzl

für den Farmer Adolph Siedentopf angelegten längeren Fahrweg. Stelzl

hat bei der Anlage dieses Fahrweges für den Ochsenwagenverkehr großes

Geschick bewiesen. Freilich muß, wer hier hinauffahren will, aus dem ff

mit Ochsen umzugehen verstehen – für Anfänger ist der Weg nicht gedacht.

Der Höhenunterschied zwischen der Tiefsteppe in der Grabensohle, aus

der wir kamen, und der Hochsteppe des Winterhochlandes beträgt etwa

tausend Meter; infolge der vielen Schlangenwindungen unseres Weges

erfordert der Aufstieg mehrere Stunden. Bei einer Wasserstelle, nach

dem zu Beginn des Krieges von den Wasonjo an die Engländer verratenen

und bei einem Überfall gebliebenen Schutztruppenfeldwebel Bast »Kambi

ya Bana Bast« benannt, traf die Kompanie wieder mit der Trägerkolonne

zusammen. Hier wurde für die Nacht gelagert.

Am nächsten Morgen führte uns der Weg scharf am Rande des

Elanairobikraters vorbei. Zehn Schritt von seinem Rande ahnt man noch

nichts von ihm. Man stelle sich eine grasige, mit leichtem Busch

bestandene Ebene vor, in der sich ganz unerwartet ein riesiges,

trichterförmiges Erdloch auftut, das ein 1000-Zentimeter-Geschoß, wenn

es das gäbe, gewühlt haben könnte. Das kreisrunde Kraterloch, dessen

Wände bewaldet sind, ist nach meiner Schätzung etwa sechshundert Meter

tief und hat oben einen Durchmesser von vielleicht fünfzehnhundert

Meter. Unten im Kraterloch befindet sich ein kreisrunder See von

schätzungsweise achthundert Meter Durchmesser, dessen Rand rosig in der

Sonne schimmerte. Es sind aber nicht Wasserrosen, die dort leuchten,

sondern die Rücken und Flügel von Tausenden von Flamingos, die am

Seerande auf einem Bein im Wasser stehen und solange regungslos, den

Kopf etwas auf einer Seite, in das Wasser schielen, bis sie ihren Fisch

erwischt haben. Zuweilen sahen wir einen Schwarm Flamingos sich träge

erheben und wie eine leichte Wolke Apfelblütenblätter über dem Wasser

treiben. Ein Kiboko [Flußpferd], deren es viele in diesem Kratersee

geben soll, mag sich dem Ufer genähert haben, seine Nasenlöcher aus dem

Wasser haben auftauchen lassen und wie ein Walfisch einen Wasserstrahl

in die Luft geblasen haben. Das Kiboko verschwand, und die

schwärmenden Flamingos ließen sich wieder auf ihre alte Futterstelle

nieder. Sicher haben sich die Flamingos nicht ohne geräuschvollen

Protest aufscheuchen lassen, aber dort hoch oben, wo wir bewundernd

standen, hörte man keinen Laut. Ich hatte das Gefühl, als ob eine ganz

andere, fremde Welt dort tief unten zu meinen Füßen läge.

[Illustration]

Wir ritten nun durch die saftige, grüne Landschaft des Winterhochlandes

und stiegen dann hinein in den riesigen Bulbul-Krater, der beinahe

bis an seinen Rand mit Geröll und Asche angefüllt ist. Über dieser

Unterschicht hat sich eine dünne Humusschicht gebildet, durch die die

Tiere bei jedem Schritt bis zum Knie durchtraten. Außerdem ist diese

lose Unterschicht unterminiert von Tausenden von Schakalen. Wer im

Bulbulkrater nächtigen wollte, der würde wegen des Gebells der Schakale

wenig Ruhe finden. Dieser Krater hat einen Durchmesser von vielleicht

zwölf Kilometer. Über eine steile Geländestufe klettern wir aus ihm

heraus wieder in das saftige Winterhochland hinein, das immer noch

langsam ansteigt.

In dieser Hochsteppe stießen wir auf eine Gnuherde, und ein prächtiger

Bulle wurde für die Verpflegung der Kompanie erlegt. Da drei Schützen

gleichzeitig auf ihn gefeuert hatten und sich darüber stritten, wessen

Kugel – alle drei wußten genau, wo sie abgekommen waren – den Bullen

zur Strecke gebracht hätte, wurde unser Sanitätsrat gerufen, um den

Fall zu begutachten und den Wettstreit zu entscheiden. Nach längerer

Untersuchung der drei Einschüsse, während der die Kompanie andächtig

schweigend zusah, gab unser Sanitätsrat sein Urteil dahin ab, daß der

Gnubulle an keiner Kugel, sondern am Herzschlag eingegangen sei. Mit

lautem, anhaltendem Gelächter wurde dieses Urteil begrüßt.

Unser Sanitätsrat – er wurde sehr böse, wenn er hörte, daß wir ihn so

nannten – war der Sanitätsfeldwebel Stein. Bei der Kompanie stand er

in dem Ruf ungemeiner Gelehrsamkeit, von der er in selbstloser Weise

gern seinen minderbegabten Mitmenschen recht viel mitteilte. Stein

hielt sich auch für einen großen Praktiker, und es machte ihm ganz

besondere Freude, sein tiefes Wissen auf allen Gebieten auch in die

Praxis umzusetzen. Als er im Mai 1915 von der Infanterie zu unserer

Kompanie versetzt worden war, hatte er im Lager bald Lernbegierige um

sich versammelt, und es war ulkig anzusehen, wie diese alten erfahrenen

Patrouillenreiter den Schalk in ihren Augen zu unterdrücken wußten,

wenn Stein lange Vorträge darüber hielt, was man auf Patrouille essen

und wie man auf Patrouille abkochen müsse.

Als nun unser lieber Sanitätsrat zum erstenmal auf Patrouille mitritt

und seinen vorzüglichen Koch nicht mitnehmen durfte, hieß es, selbst

seine Weisheit in der Praxis bewähren. Ob ihm dabei etwas unheimlich

zumute war, weiß ich nicht. Merken ließ er sich nichts, und auch seine

Bewunderer, die ihm zusahen, als er zum erstenmal selber abkochen

mußte, machten die unschuldigsten Gesichter von der Welt.

Ich sehe das Bild noch heute deutlich vor mir. Stein kniete, nachdem er

ein Feuer angemacht hatte, neben dem Sanitätslastpacksattel und würgte,

stark schwitzend, mit Anstrengung aller seiner Kräfte aus demselben

etwas wurstartiges Langes heraus, das kein Ende zu nehmen schien.

Jemand fragte, was das sei. »Ein Sack mit Reis«, sagte Stein, »Reis ist

das einzige richtige Patrouillenfutter. Im heißen Indien und in China

leben die Menschen nur von Reis.« »Aber, Mensch«, rief jemand, »Sie

haben da gut und gern zehn Kilo Reis in dem Beutel, der reicht ja für

zweihundert Mahlzeiten, und die Patrouille soll doch nur sechs Tage

dauern.« »Verstehen Sie nicht«, antwortete Stein gekränkt, »Reis kann

der Mensch nie zuviel essen – übrigens bin ich kein Mensch, sondern der

Sanitätsvizefeldwebel Stein. Merken Sie sich das!«

Nun füllte Stein sein großes Kochgeschirr beinahe bis an den Rand voll

trockenen Reis, goß ein wenig Wasser nach und hing das Kochgeschirr

über sein Feuer. Steins Bewunderer stießen sich heimlich an und

blinkten sich zu, sagen taten sie aber kein Wort. Einige Erzschelme

warfen unter dem Vorwande, sich besonders gefällig erweisen zu

wollen, noch trockene Reisige auf Steins Feuer, so daß die Flammen

hoch über dem Kochgeschirr zusammenschlugen. Bald kochte das Wasser,

und die Reiskörner fingen an, sich mollig darin zu dehnen. Da sie

im Kochgeschirr bei ihrer Menge hierzu nicht genügend Platz fanden,

quollen sie in wildem Ungestüm oben aus ihm heraus. Stein machte ein

sehr bedenkliches Gesicht, wie er all seinen schönen Reis ins Feuer

kleckern sah. Er goß mehr Wasser zu. Für einen Augenblick beruhigte

die kalte Dusche den Reis, und Stein fing an aufzuatmen. Zu früh!

Schon wieder quoll der Reis oben aus dem Kochgeschirr – toller, denn

zuvor. Energisch griff Stein jetzt zu seinem Löffel, schöpfte während

zehn Minuten den überquellenden Reis oben ab und warf ihn wütend unter

seine Jünger, die sich scheckig lachen wollten. – Seitdem kochte Stein

nie mehr, sondern ließ sich auf Patrouillen seinen Reis von dem Askari

kochen, der das Sanitätspacktier mitsamt der Reislast zu führen hatte.

Kurz nach der vorbeschriebenen Gnujagd, die mich auf Stein brachte,

überschritten wir den höchsten Punkt der Winterhochlandsteppe. Das

Gelände senkte sich, und nach kurzem Marsch erreichten wir den

Lemungefluß, der, vom Olmotikratersumpf kommend, das Winterhochland

durchfließt und im Ngorongorokrater endet. In seinem Oberlauf hat der

Lemunge auch in der Trockenzeit Wasser genug, um bei systematischer

Verteilung hundert Farmen zu versehen – ein idealeres Klima, als dort

oben im Winterhochlande, kann ich mir für eine Europäerbesiedlung

überhaupt nicht vorstellen. Am Ufer des Lemunge wurde abgekocht

und für die Nacht gelagert. Am nächsten Morgen wollten wir in den

Ngorongorokrater hineinreiten, in dessen Kessel Adolph Siedentopf seit

1905 seine Farm hat.

[Illustration]

Adolph Siedentopf – welcher Ostafrikaner kennt diesen Namen nicht?

Ich hatte schon in Berlin, ehe ich nach Deutsch-Ostafrika fuhr, von

ihm gehört. In allen Erzählungen von Adolph Siedentopf haftete seiner

Person eine überirdische Kraft an, etwa wie den Paladinen Karls des

Großen. Nur ganz wenige Kompaniekameraden hatten ihn persönlich

gesehen, und auf die mußte er einen erschütternden Eindruck gemacht

haben, denn sie sprachen nur mit ehrfurchtsvoller Scheu von ihm.

Sein Königreich im Ngorongorokessel hatte noch keiner der Kameraden

zu betreten gewagt. Einzelne waren auf Viehsafari am Rande desselben

vorbeigekommen – den alten Löwen in seinem Bau zu besuchen, hatte sich

keiner getraut.

An jenem Abend am Lemungefluß war an jedem Lagerfeuer nur von

Adolph Siedentopf die Rede. In ihre Indermäntel gehüllt, hockten

die Krieger dicht an den Feuern und ließen die Pulle weitergehen;

denn die Nacht war grausam kalt. Umgebung und Stimmung waren dazu

angetan, Räuberpistolen zu erzählen und ihnen zuzuhören. Auch an

unbeabsichtigten Übertreibungen wird es dabei nicht gefehlt haben,

handelte es sich doch für die Erzähler um ihren afrikanischen Helden.

Was ich erlauscht, will ich versuchen wiederzugeben. Was Wahrheit, was

Dichtung ist, wird nur Adolph Siedentopf selbst beurteilen können.

Adolph Siedentopf ist Hannoveraner. Als Jüngling, nachdem er alle

Studien für die Apothekerlaufbahn beendet, trieb es ihn in die Ferne.

Vor heute vielleicht vierzig Jahren landete er in Daressalam und nahm

Stellung in der dortigen Apotheke an. Seine Abenteuerlust war hiermit

keineswegs befriedigt. Bald trieb sie ihn von der Küste ins Innere,

und im jetzigen Bezirk Muansa handelte Adolph Siedentopf mit Elfenbein

und Vieh. Das war noch zu der Zeit, in der man für drei Gnuschwänze

oder eine Nähnadel eine Färse eintauschen konnte. Es unterliegt daher

keinem Zweifel, daß Adolph Siedentopf bei diesen Viehpreisen gut

vorankam, aber die Behauptung, daß er nahe daran gewesen wäre, sich zum

selbständigen König von Muansa ausrufen zu lassen, halte ich dadurch

allein noch nicht für begründet.

Im Jahre 1905, kurz bevor das Massaireservat eingerichtet wurde,

belegte Adolph Siedentopf den Ngorongorokessel, in dem bisher deutsche

Massai ansässig gewesen waren. Das Areal im Kraterkessel ist 24000

Hektar groß, und von 1905 bis 1915 konnten sich die deutsche Regierung

und Adolph Siedentopf nicht darüber einigen, ob, wie die Regierung

sagte, 6000 Hektar oder, wie Adolph Siedentopf behauptete, 24000 Hektar

von ihm belegt seien. Erst 1915, im Kriege, hat, wie ich hörte, der

frühere Reichstagsabgeordnete Dr. Arning eine Einigung herbeigeführt –

ihr Resultat kenne ich nicht.

Als Adolph Siedentopf sein Kraterreich bezog, brachte er zweitausend

Stück Großvieh und eine Leibgarde von sechs aus dem belgischen Kongo

entlaufenen, bis an die Zähne bewaffneten Askari mit, die früher

Menschenfresser gewesen waren. Trekburen aus Südafrika, die damals in

jener Gegend Elefanten jagten, halfen ihm für kurze Zeit; sie waren

es auch, die ihm das Burenhaus nach südafrikanischem Stil bauten, in

dem er 1915 noch wohnte. Adolph Siedentopf hätte es gern gesehen,

wenn die Massai alle mit ihrem Vieh im Krater geblieben wären. Die

Regierung war aber wieder anderer Ansicht. Ob die Regierung dem alten

Muansagerücht doch Glauben schenkte und Adolph Siedentopf, der als

Fundi [Kenner, Meister] in der Massaisprache und in Massaisitten

galt, Selbstherrschergelüste zutraute? Nur mit Mühe gelang es Adolph

Siedentopf, von der Regierung das Zugeständnis zu erhalten, zwanzig

während der Rinderpest verarmte Massaifamilien, die kein Vieh mehr

besaßen, als Hirten auf seiner Farm behalten zu dürfen. Diese zwanzig

Familien waren 1915 noch bei Adolph Siedentopf, und sie besaßen bereits

wieder tausend Kopf Rinder und zwölfhundert Stück Kleinvieh. Ob sie die

alle selbst gezüchtet oder ob sie auch dazu geklaut hatten, darüber

schweigt die Geschichte.

Mit dem Gouvernement stand Adolph Siedentopf aus begreiflichen Gründen

lange auf leichtem Kriegsfuße. Daß eine Natur, wie er, und eine

bürokratische Regierung sich schwer verstanden, ist eigentlich nicht zu

verwundern. Polizeiaskari, die ihm eine Verfügung zuzustellen hatten,

wagten sein Reich schon kaum mehr zu betreten, und einmal rückte sogar

der Befehlshaber des Militärpostens Umbulu mit größerer Macht gegen

Adolph Siedentopf aus. Sein Haus wurde umstellt, und mit »Seitengewehr

pflanzt auf!« ging das Militär vor. Natürlich war Adolph Siedentopf

viel zu gut unterrichtet gewesen und viel zu klug, um sich bei einer

solch windigen Sache zu Hause aufzuhalten.

So und ähnlich erzählte man sich am Lagerfeuer, und ich darf sagen,

daß ich selten der Bekanntschaft eines Mannes mit größerem Interesse

entgegensah wie damals der von Adolph Siedentopf. –

Am nächsten Morgen brachte uns ein Marsch von drei Stunden von Südosten

über den eingestürzten, leicht bewaldeten Rand des Ngorongorokraters

in dessen Kessel hinein. Von der Stelle, wo wir ihn betraten, bis

zu dem gegenüberliegenden Rande des etwas ovalen Kessels sollen es

elf Kilometer sein. Obwohl die Kraterwände an einigen Stellen ein

paar hundert Meter aufsteigen mögen, erscheint der Krater dem Auge

wegen seiner Riesengröße doch nicht besonders tief. Die Kratersohle

ist zumeist flach und baumlos und mit feinem, dichtem, vorzüglichem

Weidegras bedeckt. Etwa zwei oder drei Kilometer vom südlichen

Kraterrande, dort, wo eine leichte Erdwelle sich aus der Kratersohle

erhebt und am Ufer des Lemungeflusses einige Baumgruppen zu sehen sind,

liegt das Farmgehöft. Weiterhin endet der Lemunge in einem Sumpf, der

sich nach der Regenzeit zu einem See erweitert. Aus der mir bei diesen

Beobachtungen gegenüberliegenden Kraterwand ergießen sich drei weitere

Gebirgsbäche in den Krater. An dem einen waren Adolph Siedentopfs

Massai ansässig, an den beiden anderen, weiter östlich, hatte Friedrich

Wilhelm Siedentopf, der jüngere Bruder unseres ostafrikanischen Helden,

seit einigen Jahren vor dem Kriege einen vielversprechenden Farmbetrieb

eingerichtet.

Dr. Sinning hatte seinen Postenführer in Ngorongoro, den Unteroffizier

Oskar Frowerk, von der Ankunft der Kompanie unterrichtet. Sicher

kannte auch Adolph Siedentopf, der nicht eingezogen war, genau Datum

und Stunde unseres Eintreffens, und wenn er es nicht wußte, mußte er

uns die drei Kilometer auf blanker Steppe doch haben anreiten sehen.

Tatsache ist, daß, als die Kompanie vor seinem Hof-Fenz [Einfriedigung]

absaß und der Dinge oder richtiger der Personen harrte, die da kommen

sollten, lange keine kamen. Endlich erschien ein Askari des Postens,

um uns über den Hof weg zu der Stelle am Lemungefluß zu führen, die

Unteroffizier Frowerk unter Schattenbäumen als Lagerplatz für die

Kompanie ausgesucht hatte. Vorbereitungen wie die, mit denen Dr.

Sinning uns so angenehm überrascht hatte, waren hier nicht getroffen

worden. Auch als die Kompanie über den Farmhof ritt und zum Farmhause

kam, zeigte sich kein Adolph Siedentopf. Erst als der Kompanieführer

absaß, den kleinen Vorgarten vor dem Hause durchschritt und die

Verandastufen hinanstieg, trat die Hünengestalt von Adolph Siedentopf

aus der Haustür auf ihn zu. Der offizielle Empfang der Kompanie

war also kühl – kalt wie eine Hundeschnauze. Dafür ist dann der

inoffizielle Empfang und die Aufnahme der einzelnen Krieger seitens

Adolph Siedentopfs und seiner hübschen jungen Frau, wie wir sehen

werden, um so wärmer und herzlicher gewesen.

Wir ritten für Deutsch-Ostafrika · 第 9 / 17 段