Vom Naudéwasser brachte uns ein kleiner Tagemarsch zurück zum Longido,

zu unsern Boys, zur Badegelegenheit, zur reinen Wäsche und zum guten

Essen und Trinken. Die Tiere hatten bereits am Naudéwasser wieder

Kraftfutter erhalten, das wir dort auf dem Hinmarsch versteckt hatten.

Im Longido wurde der nächste Tag geruht. Am übernächsten Tage zogen wir

mit Staub und Ruhm bedeckt im Doppelberglager wieder ein. Hauptmann

Fischer, unser Abteilungsführer, dem der glückliche Verlauf der

Patrouille schon vom Longido aus telephonisch gemeldet worden war, ritt

uns entgegen und nahm schmunzelnd die Parade der heimkehrenden Krieger

ab. Am Abend war großes Karama [Festessen] in der Offiziersmesse, bei

dem auch das Ziel erreicht wurde – jedenfalls hatte ich vierundzwanzig

Stunden später noch Haarweh.

Ausbildung im Garnisondienst

Im Feldlager auf dem Doppelberg gab es außer der altgewohnten Arbeit

auch allerhand Neues. Die Buren wurden von der Berittenen Achten zu

uns zurückversetzt, und der Abteilungsarzt, Oberarzt Klemm, vergnügte

sich damit, uns allen einen leichten Typhusanfall einzuimpfen; er

begleitete jede Einspritzung mit einem teuflischen Grinsen, obwohl er

eigentlich ein ganz lieber Mensch war. Karl Blaich baute natürlich

wieder. Das Lager war bereits neun Zehntel fertig. Das war sehr fatal;

denn nun mußte es notwendigerweise aus strategischen Gründen verlegt

werden. Wir schimpften alle, vom jüngsten Rekruten bis zum ältesten

Offizier. Der Soldat schimpft gern mal, das gilt als sein gutes Recht.

Am meisten schimpft er aber, wenn er zurück soll und nicht versteht,

warum; Rückzugsbewegungen aus strategischen Gründen, mögen diese noch

so berechtigt sein, liegen dem Soldaten nicht.

Aller Ärger half aber nichts, packen mußten wir doch. Am 5. Juli

1915 war das Lager abgebrochen, nur seine äußere Schale blieb

stehen, und die Kompanie trat mit ihrem ganzen Troß die strategische

Rückwärtsbewegung an.

Wir lagerten einige Tage vor dem Posten Kamfontein am Nordwesthange

des Meru, während oberhalb des Postens am Urwaldrande ein Platz für

das Kompanielager frei geschlagen wurde. Benannt wurde dieses neue

Kompanielager nach einem in der Steppe vorgelagerten Berge das Lager

am Oldonjo Sambu. Karl Blaich baute mit nie rastendem Eifer ein neues

Lager von Graspalästen, noch viel schöner als das am Doppelberg.

Wir wohnten hier etwa zweitausend Meter über dem Meeresspiegel.

Nachts und bis elf Uhr vormittags war dort eine Hundekälte. Die

Schützen trugen fast den ganzen Tag ihre Indermäntel, so genannt, weil

sie nach der Schlacht von Tanga den gefallenen Indern abgenommen,

chemisch gereinigt und an die Europäer verkauft worden waren. In den

kalten Hochsteppen, wo wir operierten, waren diese Mäntel eine reine

Gottesgabe. Im Feldwebelbüro ließ ich mir sogar einen Ofen bauen –

ein eisernes Zementfaß wurde mit vielen kleinen Löchern versehen und

Holzkohle darin gebrannt.

[Illustration]

So hätte es auch im neuen Lager eigentlich ganz behaglich werden

können, wenn nicht plötzlich ein neuer Befehl eingetroffen wäre, des

Inhalts: Die Kompanie ist im Garnisondienst besser auszubilden! –

irgend jemand mußte dem Abteilungsführer schwer aufgefallen sein.

Also, nun nach einjähriger Kriegszeit mußten auch die schon bejahrten

Kriegsfreiwilligen, die größtenteils schon wegen besonderer Tapferkeit

Gefreiter und Unteroffzier geworden waren, noch wie Rekruten

ausgebildet werden. Die alten, zum Teil recht alten, ungedienten

Krieger konnten einem leid tun. Sie hatten gewiß nicht beabsichtigt,

eine Mißachtung des Vorgesetzten zu bekunden, wenn sie im Stehen mit

der Hand an der Mütze grüßten. Im Felde und am Feind waren sie die

Bravsten der Braven, und schießen konnten die alten Jäger, daß es eine

Lust war.

Jetzt wurden ihnen Kriegsartikel vorgelesen. Die alten ungedienten

Afrikaner haben gestaunt, was es für eine Masse militärischer

Vergehen und Verbrechen gibt, auf die sie von sich aus sicher nie

gekommen wären. Ihre Ruhe ließen sie sich aber nicht nehmen. Jeder

alte Kolonist, gewohnt, sich seinen Weg selbst zu erkämpfen, hat

eine eiserne Ruhe und ein hartes Pflichtgefühl. Unsere jungen, zum

Teil blutjungen Rekruten wurden blaß vor Schreck. Ihnen hatte ich

ja freilich schon öfters in väterlicher Weise vorgehalten, daß es

beim Militär nicht üblich sei, auf den Befehl eines Unteroffiziers zu

antworten: »Du Armloch, du kannst mir sonst was.« Ausgeführt hatten sie

ja trotzdem auch früher den Befehl des Unteroffziers – jetzt durften

sie sich aber nicht mal mehr in Worten erleichtern.

Die gedienten Leute sahen ja recht wohl ein, daß der Garnisondienst

auch zur Ausbildung eines guten Soldaten gehöre. Allgemein bedauert

wurde nur, daß niemand in den ersten Monaten des Krieges auf den

Gedanken gekommen war, die ungedienten Leute hinter der Front

zusammenzuziehen und methodisch auszubilden. An andern Fronten war das,

glaube ich, gemacht worden.

Im stillen, dunklen Urwalde des Meru wurde eine Schneise geschlagen, so

weit entfernt vom Lager, daß die Askari und Träger von der Ausbildung

der Europäer weder was sehen noch hören konnten. Hier wurden das

Vorbeigehen in strammer Haltung, das Grüßen durch Anlegen der rechten

Hand an die Kopfbedeckung und viele andere militärische Sitten und

Gebräuche fleißig geübt. Leutnant Freund instruierte die ungediente

Mannschaft, ich repetierte mit der alten gedienten. Botha und von

Richthofen, die beide nur mit einem Bein vorschriftsmäßig marschieren

konnten, weil das andere verletzt war – Botha hinterließ im Sand eine

Fährte wie von zwei linken Füßen, die den Feind oft in Staunen gesetzt

haben mag –, ersetzten die stramme Haltung durch ihren Eifer. Maushake,

dem die Sehnen beider Oberschenkel durchgeschossen waren, brachte

das »Leicht-Vornüberliegen« mit dem besten Willen nicht mehr fertig.

Unteroffizier Dornier, der ~Chasseur alpin~ gewesen war, zeigte uns

in den Instruktionspausen, wie man bei den Franzosen »Gewehr über«

mache: er schlug mit dem rechten Fuß an den Gewehrkolben, das Gewehr

überschlug sich ein paarmal in der Luft und lag dann auf der rechten

Schulter – das reine Taschenspielerkunststück. Natürlich ist nicht

ausgeschlossen, daß Dornier uns nur veräppelte.

Als Fliegerersatz über dem englischen Bezillager

Schon seit einiger Zeit hatte unsere Kompanie, abwechselnd mit dem

Konkurrenzunternehmen, das jetzt nach Geraragua, am Urwaldrande

des Kilimandscharo, zurückverlegt war, Patrouillen zum englischen

Bezillager zu reiten. Das Bezillager, an dem ich den Leser auf

unserm Marsch zur Magadbahn westlich vorbeigeführt habe, war das

Hauptkonzentrationslager der englischen Truppen gegenüber unserer

Front. Von hier aus mußte an unserer Front die große englische

Offensive – der Hunderttausend-Tonnen-Hammer, mit dem der Feind

schon lange gedroht hatte – ihren Ausgang nehmen, und darum war

es höchst wichtig für unser Kommando, ständig informiert zu sein,

was im Bezillager vor sich ging. Da wir keine Flieger hatten, war

dies eine Aufgabe der Kavallerie. Alle Patrouillen dorthin waren

Schleichpatrouillen; den Auftrag, das große Bezillager anzugreifen,

hatten sie natürlich nicht. Nur so stark sollten sie sein, daß sie es

unterwegs eventuell mit einer englischen Patrouille aufnehmen konnten.

Am 1. August 1915 war unsere Kompanie wieder dran gewesen, die

Bezilpatrouille zu stellen. Der Führer der Patrouille war Oberleutnant

Trappe, mit ihm waren die Unteroffiziere Thiele und Müller, die

Gefreiten Roth, Becker und Apel, der Bur Alwin Botha und vier berittene

Askari. Thiele war schon am Bezillager gewesen, Roth und Botha, uns

bereits durch den früher beschriebenen Reittierraid bekannt, waren

beide erstklassige Porileute – unvorsichtig zusammengestellt war

die Patrouillenmannschaft also nicht. Und doch war die Sache schief

gegangen.

Die Patrouille war die Nacht durchgeritten. Als sie am nächsten Morgen

am Wasser des Schwarzen Steins, am Südwestabhange des Longidogebirges,

hatte tränken und abkochen wollen, stand sie unvermutet dem Feinde in

einer Stärke von hundertfünfzig Gewehren und zwei Maschinengewehren

gegenüber. Nur Unteroffzier Thiele, Botha und zwei Askari waren zum

Kompanielager zurückgekehrt, auch sie ohne ihre Reittiere – für Alwin

Botha eine staunenswerte Leistung, da er nur ein felddienstfähiges Bein

besaß; von dem andern hatte er sich mal beim Gewehrreinigen die ganze

Wade weggeschossen. Alle andern, die fünf Europäer und zwei Askari,

galten seitdem als vermißt – ein herber Verlust für die Kompanie, der

erste größere seit dem Gefecht am Ingito.

Als keine Hoffnung mehr bestand, daß der eine oder andere der Vermißten

noch eintreffen könne, rückte die ganze Kompanie aus, um festzustellen,

ob das Wasser noch besetzt sei, und um andernfalls das Gefechtsfeld

abzusuchen. Vom Schwarzen Stein sollte dann gleich eine neue

Bezilpatrouille, zu der ich mich freiwillig meldete, weiterreiten.

Am Tage vor unserm Abmarsch war Frau Trappe im Kompanielager

eingetroffen. Sie bestand hartnäckig darauf, den Ritt zum Schwarzen

Stein mitzumachen, und drohte ernstlich damit, allein hinreiten zu

wollen, wenn ihr die Erlaubnis mitzureiten verweigert würde – sie

wollte sich Gewißheit verschaffen über das Schicksal ihres Mannes.

Frau Trappe kam hoch zu Roß bei uns an, den Karabiner im Gewehrschuh,

Packtaschen am Sattel, ganz wie einer von uns. Wir wußten, daß sie

reiten konnte wie wenige, Furcht nicht kannte und gewohnt war, allein

auf Löwen oder Nashorn zu jagen. Aber trotz der hellen Bewunderung, die

wir alle dem Mut und der Entschlossenheit dieser Farmersfrau zollen

mußten, verursachte es uns doch ein ungemütliches Gefühl, sie mit uns

zu wissen; denn der Feind würde die in Khaki gekleidete Frau kaum

von einem Soldaten unterscheiden können. Nur mit Mühe hatten wir sie

überreden können, wenigstens ihren Karabiner im Lager zurückzulassen.

Unsere Sorge war überflüssig gewesen. Wir fanden das Wasser am

Schwarzen Stein vom Feinde bereits wieder geräumt. Ausgeschwärmt suchte

die Kompanie nun das Gefechtsfeld genau ab. Wir fanden die Knochen

von einigen unserer Reittiere – Hyänen, Schakale und Aasgeier hatten

sie längst kahl gefressen –, die Lanzen der beiden Bengallancers, die

Thiele umgelegt hatte, und – eine leere Whiskyflasche mit dem Namen

»Apel«, mit Bleistift auf das Etikett geschrieben. Gräber fanden

wir nicht. Also konnte keiner, weder Freund noch Feind, so schwer

verwundet gewesen sein, daß er nicht mehr transportfähig gewesen wäre.

Im Gefangenenlager zu Ahmednagar traf ich später die vermißten Europäer

zu meiner Freude alle wohlbehalten wieder; Müller hatte sogar seine

Hornbrille noch.

Die Bezilpatrouillen hatten schon immer als gewagte Unternehmen

gegolten. Nun, nachdem sie der Achten einmal einen Askari und

einundzwanzig Reittiere und jetzt uns fünf Europäer, zwei Askari und

elf Reittiere gekostet hatten, galten sie für gefahrvoller denn je. So,

wie die Neunte geartet war, gehörte es folglich zum guten Ton, eine

Bezilpatrouille mitgeritten zu haben.

Die Bezilpatrouille, die am Sonntag, dem 7. August, mittags vom

Schwarzen Stein weiterritt, war zehn Europäer und zehn Askari stark.

Ihre Führung hatte Leutnant Freund, ein früher in Deutschland

aktiver Offizier, der kurz vor dem Kriege aus Deutsch-Südwest- nach

Deutsch-Ostafrika gekommen war mit der Absicht, sich dort als Farmer

niederzulassen. Mit ihm zogen meine Wenigkeit, Trommershausen, Mittag,

Stein, Schmid, Karl Blaich, Fokken, Hans Kaufmann und – als einziger

dem Leser noch nicht Bekannter – der Unteroffizier Zierold, den das

frühere Patrouillenkorps Büchsel mit in den Kompanieverband eingebracht

hatte, ein junger, lustiger, bei allen Kameraden beliebter Mensch.

Wir ritten den ganzen Nachmittag quer durch die Steppe in der Richtung

zum Namangasumpf, der, vom gleichnamigen Fluß gebildet, kurz jenseits

der Grenze südöstlich vom Erok liegt. Leider erreichten wir ihn erst

nach Dunkelwerden, und leider stand Mondschein nicht im Kalender. Es

gibt verschiedene Stellen, an denen man den Sumpf leicht durchschreiten

kann, aber im Dunklen fanden wir sie nicht. Wir versuchten, durch das

Schilf durchzudringen. Das Schilf ist dort zwei bis drei Meter hoch

und so stark und dicht, daß wir es ein Stück erklettern mußten, um es

durch unser Körpergewicht umzuknicken. Schwitzend, schimpfend und von

Moskitos arg gequält, drangen wir in diesen Schilfwald ein, um, als

nach einstündiger harter Arbeit das Schilf dünner wurde und endlich in

Steppenland überging, die Entdeckung zu machen, daß wir auf derselben

Seite, von der aus wir eingedrungen, auch wieder herausgekommen waren.

(Wer einstens diesen Sumpf drainiert und beackert, wird der reichste

Farmer in Ostafrika werden.) Nach einem nochmaligen Versuch, uns einen

Weg durch das Schilf zu bahnen, gaben wir es auf und ritten östlich,

dann südöstlich am Sumpf entlang, bis wir uns einbildeten, daß er

schmäler würde und die Moskitos weniger. Dann lagerten wir für den Rest

der Nacht.

Glück muß der Soldat haben. Am nächsten Morgen fanden wir, daß wir auf

einer Steppeninsel des unteren Namangaflusses gelagert hatten, daß das

Schilf tatsächlich dort nur dünn und der Sumpf leicht passierbar war –

wir merkten uns diese Stelle und den Lagerplatz für den Rückweg vor.

Wir ritten nun durch das alte, jetzt verlassene Low-Hills-Lager der

Engländer, ließen deren Kidongoilager am Erok links liegen und hielten

den ganzen Tag, ohne seit dem Namanga wieder auf Wasser zu stoßen, in

nördlicher Richtung auf das Elmobarashagebirge zu, nordwestlich von dem

das Bezillager liegen sollte. Ich sage »sollte«, denn keiner von uns

allen war bisher je dort gewesen.

Solange es Tag war, ritten wir nach der Karte immer querfeldein

durch Steppe und Busch. Als es Nacht geworden war, ritten wir nach

den Sternen – Sternkunde muß unbedingt unter die Instruktionsthemata

ostafrikanischer Porisoldaten aufgenommen werden. Als die Sterne durch

Wolken verschleiert waren, ritten wir auf gut Glück und nach einem

Taschenkompaß. So ein Ding für die Uhrkette, wir kennen es alle, 3,60

Mark das Dutzend – wer sich darauf verläßt, ist verraten und verkauft.

Berge gab es genug in der Gegend. »Der springende Punkt« war, den

richtigen Berg noch in der Nacht zu finden. Nur von ihm aus konnte man

in das englische Lager einsehen, und nach Tagesgrauen durften wir hier

in der blanken Steppe, in der Nähe der großen englischen Etappenstraße

und des Bezillagers, nicht mehr gesehen werden. Berge, die vor

Sonnenuntergang schon ganz nahe vor uns zu liegen schienen, wollten in

der Nacht nicht näherkommen. Berge, die uns bei Tage aus der Entfernung

hoch vorgekommen waren, waren jetzt plötzlich ganz niedrig. Es war

zum Verzweifeln. Unter dem Schirm eines Indermantels, auf dem Boden

liegend, wurde beim Streichholzschein die ausgebreitete Karte studiert,

um festzustellen, wo wir hingeraten sein mochten. Viel kam dabei nicht

heraus, höchstens, daß es jetzt zehn verschiedene Meinungen gab anstatt

fünf, wie vorher.

Nach stundenlangem Wursteln kamen wir an was Gebirgiges. Wenn dies das

Elmobarashagebirge sein sollte, dann war es ein Betrug. Das war ja

höchstens ein Hügel. Da wir aber achtzehn Stunden auf dem Marsch und

alle hundemüde waren, beschlossen wir einstimmig, daß dieser scheinbare

Hügel das Elmobarashagebirge sein müsse. Wir ritten noch ein Stück

hinein, sattelten in einem flachen Koongo ab und pennten.

Einstimmigkeit soll man gelten lassen. Als wir uns bei Morgengrauen

umschauten, waren wir richtig im Elmobarashagebirge. Wir hatten in der

Nacht nicht gemerkt, daß wir bereits lange Zeit sanft bergan geritten

waren. Der Hügel, der uns als ein Betrug erschienen war, sollte uns

noch viel Gelegenheit zum Klettern geben. Vor allen Dingen mußten

wir fix da weg, wo wir gelagert hatten. Wir standen dort wie auf dem

Präsentierteller, von überall aus der Steppe sichtbar. Kaum hatten

wir dies mit Schrecken bemerkt und festgestellt, daß wir von Osten,

unweit von einem feindlichen Posten, in das Gebirge eingedrungen

waren, als ein dichter Nebel uns freundlichst einhüllte. Unter seinem

Schutz kletterten wir höher in das Gebirge hinein. Wir trafen auf eine

Massaiviehtränke, aus der wir tränkten und unsere Feldflaschen neu

füllten. Frischer Dung verriet, daß Massai hier täglich verkehrten.

Wir durften also da nicht bleiben, wollten wir nicht gemeldet werden.

Wir kletterten mit unsern Tieren noch höher ins Gebirge hinein, bis

wir einen von der Steppe her gegen Sicht gedeckten schönen Weideplatz

fanden. Hier wurde abgesattelt.

An der Nordwestecke des Gebirges gab es, wie wir aus den

Patrouilleberichten wußten, einen Punkt – aber auch nur diesen

einen! –, von dem man wie aus der Vogelperspektive in das Bezillager

hineinsehen konnte. Die Engländer unterhielten verschiedene Posten im

Elmobarashagebirge, aber diese eine Stelle haben sie merkwürdigerweise

nie besetzt. Leutnant Freund machte sich mit zwei Europäern zu Fuß

auf den Weg, um diesen Aussichtspunkt zu suchen, in der Hoffnung,

daß sich der Nebel, der uns am Morgen günstig gewesen war, gegen

Mittag verziehen werde. Wieder hatten wir das Glück auf unserer Seite

– der Nebel tat uns den Gefallen und verzog sich. Sonst hätten wir

solange im Gebirge bleiben müssen, bis ein nebelfreier Tag gekommen

wäre. Das Elmobarashagebirge hat von Norden nach Süden drei oder

vier parallellaufende Kämme, die Freund und seine Gefährten alle

überklettern mußten. Erst gegen vier Uhr nachmittags kamen sie todmüde,

aber mit einer genauen Skizze des Bezillagers in der Tasche, zu den

Tieren zurück.

Um fünf Uhr sattelten wir und führten auf einem Nashornwechsel, durch

Busch gedeckt, zurück an den Waldrand im Nordosten des Gebirges.

Erst nach Dunkelwerden brachen wir aus der Deckung heraus in die

offene Steppe, in der Nacht und Tag feindliche Patrouillen das

Elmobarashagebirge umritten; sobald wir durch diesen Patrouillengürtel

zum zweitenmal glücklich durch waren, war unsere Aufgabe in der

Hauptsache gelöst. Abwechselnd im Trab und Galopp durchritten wir

schnell und ungehindert die gefahrvolle Zone.

Karl Blaich führte. Auf seinem langbeinigen Bruno, einem

Halbblutaraberwallach, trabend, gab er ein mächtiges Tempo an, so

daß die Maultiere in der Kolonne fast ständig galoppieren mußten,

um mitzukommen. So ein echter Poriführer, der seine Sache gut

machen will, hat seine üblichen fünf Sinne und als sechsten seinen

Poriinstinkt mächtig zusammenzuhalten. Es genügt nicht, daß er die

richtige Marschrichtung innehält, er soll auch nachts in einem ihm

gänzlich unbekannten Gelände, ohne Weg und Steg, stets da führen, wo

das Gehen den Tieren am leichtesten wird; er soll Schluchten und

undurchdringlichen Busch, wulstiges Gras, torfigen, brüchigen oder

steinigen Boden, kurz alle Marschhindernisse instinktiv vermeiden, ohne

dabei eine Sekunde zu zaudern oder unnötig große Umwege zu reiten. Die

Fähigkeiten hierzu müssen angeboren sein – anerziehen lassen sie sich

nur bis zu einem gewissen Grade. Unsere besten Poriführer, geborene

Führer, waren unter den Buren: Piet Nievenhuizen, Louis van Rooyen und,

wenn er aufpaßte, Alwin Botha, bei den Deutschen: Thiele, Karl Blaich

und Max Truppel. Wir hatten genug Leute in der Kompanie, die sich vor

dem Kriege auf Jagd und dann im Kriege durch Übung eine ganz brave

Pori-Kenntnis angeeignet hatten, aber den Genannten konnten wir alle

nicht das Wasser reichen.

Unter Karl Blaichs Führung waren wir flott vorausgekommen. Zwölf Uhr

nachts sattelten wir irgendwo in Gottes schöner, freier Natur ab und

schliefen vier Stunden. Dann ging es weiter, ein Stück Weges begleitet

von einigen Löwen, zurück zu der Steppeninsel im unteren Namangasumpf.

Hier kochten wir zum erstenmal ab, seitdem wir das Kompanielager

verlassen hatten. Bis dahin hatten wir uns nicht getraut, Feuer zu

machen. Schmeckte der »Blaue Heinrich« diesmal aber fein!

Nachmittags ritten wir quer durch die Steppe, die zwischen dem

Kilimandscharo und Longido liegt, gerade auf die Ngasseraibuga los.

Nach Sonnenuntergang wurde es grausam kalt. Es pfiff ein solch

eisiger Wind, daß mir die Zügelhand ganz klamm wurde. Und dabei war

ich so müde, daß ich im Reiten einschlief und immer dann erst wieder

aufwachte, wenn ich beinahe unten lag. Ein Wunder war es eigentlich

nicht, daß wir müde waren. Wir hatten in den letzten hundertzwanzig

Stunden nur zwanzig Stunden geschlafen.

Gegen ein Uhr nachts waren wir in der Ngasseraibuga. Wir sattelten

ab und hauten uns hin, aber die Kälte und die Löwen, die ständig

unsere Tiere beunruhigten, ließen uns auch dort die richtige Ruhe

nicht finden. Am nächsten Tage machten wir am Engare Nanyuki einen

halben Ruhetag. Stein hatte ein Stück Wild geschossen, wir konnten

baden – was wollten wir mehr?! Am übernächsten Tage, nach sieben

Patrouillentagen, waren wir zurück im Kompanielager am Oldonjo-Sambu.

Durch den ostafrikanischen Großen Graben ins Winterhochland

Ende August 1915 widerfuhr der Neunten wieder einmal eine strategische

Rückwärtsbewegung. Diesmal durften sogar alle entbehrlichsten Lasten

der Europäer nicht mit nach dem neuen Lager überführt, sondern sie

mußten nach dem befestigten Aruscha gebracht werden. Spottlustig, wie

nun mal Soldaten sind, nannten sie das seitdem die »Angstlasten«. Daß

sie abtransportiert wurden, war an sich recht gut; denn einzelne Leute

hatten sich von ihren Farmen allmählich ihre halbe Einrichtung kommen

lassen, und die Kompanie war dadurch immer mehr in ihrer Beweglichkeit

gehindert. Aber der eigentliche Zweck des Abtransports, nämlich, jene

»Angstlasten« in Sicherheit zu bringen, ist nicht erreicht worden. Sie

fielen vielmehr sämtlich – darunter auch meine gesamte, für fünf Jahre

berechnete Ausrüstung als Zivilmensch und alle meine Farmbücher und

-akten – später beim Rückzug der Abteilung Aruscha in die Hände des

Feindes.

Wir zogen also gegen Ende August wieder um, diesmal in unser letztes

Dauerlager am Engare Olmotonje, unweit Aruscha. Seine Musteranlage habe

ich schon oben beschrieben. Ich selbst habe es nur wenig frequentiert,

denn zunächst rückte die ganze Kompanie auf fünf Wochen zu einer großen

Fernunternehmung aus, und dann wurde ich von meinem Kompanieführer für

drei Monate nach auswärts verpumpt.

Die große Monster- und Riesenpatrouille, zu der die ganze Berittene

Neunte am 31. August, wenige Tage nach dem Umzuge, ausritt – sie war

von vornherein auf eine Dauer von fünf bis sechs Wochen berechnet –

wird den Leser hoffentlich nicht schon patrouillenmüde finden. Es

hilft ihm nichts – wir durften ja auch nicht patrouillenmüde werden;

ich bin es, im Vertrauen gesagt, nie geworden, denn als Etatsmäßiger

war ich weit lieber auf Patrouille als unter den Büchern und Akten

des Feldwebelbüros. Aber der Leser wird es auch nicht bereuen, uns

bei dieser Unternehmung zu folgen – führte sie doch in eine ihm und

auch den meisten von uns ganz neue Gegend, nach Westen zu über den

ostafrikanischen Großen Graben in das Gebiet der Riesenkrater und in

Landstriche, die für Europäerbesiedlung wie geschaffen erscheinen. Dazu

lernen wir bei dieser Gelegenheit auch eine Persönlichkeit kennen,

für die ganz Jungafrika schwärmte. Der militärische Zweck dieser

Unternehmung war, wenn ich ihn richtig verstanden habe, der, den Feind

an einer ganz neuen Front zu beunruhigen und ihn dadurch zu zwingen,

Truppenverschiebungen zur Entlastung unserer alten Front vorzunehmen.

Wir ritten für Deutsch-Ostafrika · 第 8 / 17 段