Während Minjimvua unser Mahl bereitete, schnitt ich Gras für meinen

Hengst. Etwas ruhiger hatten die Marschtage den Otto gemacht, aber mit

den andern Tieren konnte ich ihn nicht frei weiden lassen. Er jagte

sie und sie ihn, und keines hatte Ruhe zum Fressen. Wenn dann gerade

auch noch eine Stute verliebt war, hätten sich unsere drei Zuchthengste

Hotspur, Otto und Max auf freier Weide gegenseitig totgebissen. Max,

den unser »Gesundbeter« ritt und vergeblich zu einem sittlichen

Lebenswandel zu erziehen versuchte, war ein Somaliponyhengst mit dem

Kopf und Ausdruck eines Dromedars. Schön war Max nicht, aber Matata

[Spektakel] konnte er für zwei machen. Hengste gehören nicht hinein

in den Frontdienst einer afrikanischen berittenen Truppe. Ohne Matata

geht selten ein Tag ab, und meistens wiehern sie gerade dann los, wenn

die größte Ruhe geboten ist. Wir hatten aber so wenige Reittiere in

Deutsch-Ostafrika, daß auch die Zuchthengste mit an die Front mußten,

und manches Bündel Gras habe ich für meinen Otto geschnitten. Nachts

band ich ihn inmitten der Maultiere an. Für Maultier- und Eselstuten

hatte er nichts übrig, sie ließen ihn ganz kalt. Andererseits wirkten

sie aber doch wieder so weit auf das nach Geselligkeit sich sehnende

Gemüt des Herdentiers, daß sich der Hengst ruhig verhielt. Band ich ihn

allein an, dann hing er sich entweder auf oder weckte alle Echos in der

Gegend mit seinem Geschrei.

Als Otto versorgt und ich gesättigt war, wandte sich meine

Aufmerksamkeit wieder dem herrlichen Bergkessel zu, in den sich von dem

uns gegenüberliegenden Bergrand noch ein Wasser ergoß. Schön friedlich

lag er da im Sonnenuntergang, weltfremd auf die Zeit harrend, in der

unternehmungslustige Ansiedler in ihm ihren Weizen bauen und ihr Vieh

züchten werden. Über seinen Rand weg konnte ich in nordnordwestlicher

Richtung auf einem höheren, sonst kahlen Berge einen größeren Baum

erkennen, der einsam Grenzwacht hielt. In seiner Nähe lief die

Grenzlinie zwischen Deutsch-Ostafrika und Britisch-Ostafrika. Morgen

sollten wir die Grenze überschreiten.

Der nächste Morgen – es war der fünfte seit unserm Aufbruch vom

Doppelberg – führte uns auf Massai- und Wildpfaden durch rauhes

Gebirgsgelände, das mit kurzem Dornbusch dicht bestaudet war. Das

Farmparadies hatte ziemlich plötzlich aufgehört. Wir ritten, wo

es ging, und führten, wo das Reiten nicht ging. In beiden Fällen

rissen wir uns an den Dornen Jacken, Hosen und Hände kaputt. Hatte

der Vordermann vergessen, »Achtung!« zu rufen, wenn er den von ihm

zurückgebogenen Zweig schnellen ließ, dann bekam man auch noch

eine dornige Ohrfeige. Mein schöner Tropenhut, den ich mir auf der

Ausreise bei Simon Arz in Port Said erstanden hatte, wurde bedenklich

zugerichtet. Erst Mutter Weber hat ihn später wieder in die Verfassung

gebracht, die es ihm ermöglichte, noch weiter an der Front mitzumachen,

bis er im Handgemenge bei meiner Gefangennahme zum Schlapphut wurde.

Zum Glück dauerte der Marsch heute nur fünf Stunden. Schon um elf Uhr

erreichten wir, wenig jenseits der Grenze, unser Marschziel, das letzte

Wasser, an dem wir vor dem Angriff auf die Bahn lagern sollten. Nachdem

die Spitze festgestellt hatte, daß das Wasser nicht vom Feinde besetzt

war, ritten wir in einen ziemlich tiefen Sandkoongo ein, an dessen

oberem Ende sich das Quellwasser in zwei Felsbecken gesammelt hatte, zu

denen man hinaufklettern mußte. Aus dem oberen Becken wurde geschöpft,

in dem unteren gebadet. Hier wollten wir vierundzwanzig Stunden ruhen,

um Menschen und Tiere die nötige Kraft für die Endanstrengung sammeln

zu lassen.

Wir waren heute, ohne es in dem dichten Busch sonderlich gemerkt zu

haben, aus dem Matumbatugebirge heruntergestiegen an den Rand der

nördlich desselben gelegenen Steppe. Es war bedeutend wärmer dort unten

als oben im Gebirge – der Schlafröhre bedurfte es hier unten nicht. Die

Vorbereitungen für die Nacht waren diesmal einfacher. Minjimvua maß

alle seine Pfleglinge von hinten mit Kennerblicken und scharrte dann

mit seinen Händen sämtliche Körperformen, als wolle er jeden von uns

in Blei gießen, im festen weißen Sande aus. In Woilach und Zeltbahn

gewickelt lag es sich herrlich in diesen Mulden.

Freilich, die erhoffte ungestörte Nachtruhe sollten wir nicht finden.

Kaum war ich eingeschlafen, als mich Gewehrfeuer wieder weckte. Das

große englische Bezillager war nur wenige Meilen östlich von dem

versteckten Wasser, an dem wir lagerten. Sollte unser Anmarsch doch

von Spionen gemeldet worden sein? War der Feind jetzt da, um uns

auszuheben?! Meldung der Feldwache traf ein: »Der Feldwachhabende

Vizewachtmeister Trommershausen läßt auf Löwen schießen, die aus der

Steppe kommend zum Wasser wollen.« Ach was, Löwen! Weiterschlafen!

Dreimal in derselben Nacht weckte mich das Geschieße der Feldwache,

und am nächsten Morgen sah ich einen zweijährigen Löwen tot mitten im

Sandkoongo liegen. Wir gaben dem bisher namenlosen Wasser wegen dieser

Löwengeschichte den Namen »Löwenwasser«.

Schlimmeres brachte der nächste Morgen. Gotthilf Blaich lag in hohem

Fieber – ich glaube, der Oberveterinär stellte Typhus fest. Ferner

war ein Askari der Feldwache während der nächtlichen Löwenjagden von

einem Felshang abgestürzt und hatte sich einen Arm gebrochen. Weiter

mitnehmen konnten wir die beiden nicht. Hier zurücklassen konnten wir

sie auch nicht, wußten wir doch selbst nicht, ob wir je zu diesem

Löwenwasser zurückkommen würden. Es half alles nichts – die beiden

mußten mit Fieber und gebrochenem Arm durch die menschenleere, an

Raubwild reiche Gegend sich ihren Weg zu unserm Posten am Longido

zurücksuchen; von dort konnten Träger den Typhuskranken weiter

zurücktragen. Damals machte ich mir noch Gedanken über so was. Später

habe ich an mir selbst erfahren, daß man Malaria oder Dysenterie, ja

sogar beide gleichzeitig haben und doch, wenn man will, diensttauglich

bleiben kann.

Um zwölf Uhr mittags wurde getränkt und abgekocht. Wann wir wieder an

Wasser kommen würden, darüber nachzudenken war nicht gut. Zur Magadbahn

waren es fünfundvierzig Kilometer Luftlinie, zu reiten mindestens

fünfundsiebzig Kilometer. Sollten wir abgeschnitten werden durch

Truppen aus dem englischen Bezillager, dann würden wir völlig in der

Luft hängen. Die Tiere schienen zu wissen, was ihnen bevorstand. Sie

soffen sich ordentlich voll. Auch wir tranken, soviel wir konnten, und

jeder füllte seine zwei Feldflaschen mit Wasser oder kaltem Kaffee.

Um zwei Uhr nachmittags ritt die Kompanie in glühender Hitze aus dem

Koongo des Löwenwassers in die Steppe hinein. Zu Anfang konnte man

noch von einer Grassteppe sprechen, aber bald wurde das Gras spärlich

und spärlicher und dafür der Sand tief und tiefer. Ohne Weg und Steg

mahlten die Tiere durch den Sand, und feiner Staub flimmerte in der

heißen Luft. Der Durst stellte sich schon ein, als wir kaum zwei

Stunden geritten waren. »Kinder, mit dem Wasser sparen! Wenn man sich

den Durst in den ersten Stunden verkneift, nachher merkt man ihn schon

gar nicht mehr. Vom Trinken wird man nur durstiger« – so predigte ich

mit mehr guter Absicht als Überzeugung.

Nachdem wir uns eine Zeitlang durch den losen Sand gewühlt hatten,

mischten sich mit ihm runde lose Steine von Kindskopfgröße, die

umkippten, sowie ein Tier drauftrat. Die Gegend wurde immer öder und

wüstenartiger; Wild hatten wir schon lange nicht mehr gesehen. Wir

stolperten weiter. Kurz vor Dunkelwerden kamen wir an einen tiefen,

breiten Koongo. Ströme der Urzeit mögen ihn in das Gelände eingerissen

haben oder die Regenzeiten vieler Jahrtausende. »Absitzen! Führen!«

Dreißig Meter tief polterten wir über Geröll in den Koongo hinein,

durchquerten sein versandetes altes Flußbett und dreißig Meter hoch

kletterten wir auf der andern Seite wieder aus ihm heraus. Es wurde

Nacht. Wieder ein Koongo. Runter von den Tieren. Autsch! da lag einer.

Mondlose Nacht. Noch ein Koongo. Wie viele Koongo wir in dieser Nacht

durchkletterten, weiß ich nicht mehr. Sie wirkten wie Alpdrücken auf

mich. Vielleicht war es auch öfter derselbe Koongo, der, sich windend,

mehrere Male in unsere Marschrichtung kam. Eine Karte dieser Gegend

besaßen wir nicht.

Unteroffizier Thiele und Gefreiter Truppel führten. Sie hatten sich,

bevor es ganz dunkel wurde, einen Stern ausgesucht und auf diesen

hielten sie los, bis sie von Zeit zu Zeit mit dem Vorrücken der Nacht

sich ein neues Sternbild aussuchen mußten. Ob sie ritten, gingen,

standen oder auf ihrem Hintern in ein Koongo hineinrutschten – ihr

Sternbild durften sie nicht aus den Augen verlieren, sonst wäre unsere

Marschrichtung zum Teufel gewesen. Neun Stunden lang sind ihre Augen

unverwandt auf den Himmel gerichtet gewesen.

Um drei Uhr morgens, nach dreizehnstündigem ununterbrochenen Reiten,

Klettern, Stolpern, Fallen und Rutschen konnte die Kompanie nicht mehr.

Unser Plan war, vor Tagesgrauen rechts und links der Bahnstation Kambi

ya nyuki die Telegraphenleitung zu durchschneiden, mit Tagesanbruch

den Bahndamm zu sprengen und gleichzeitig den starken Stations- und

Bahnschutzposten anzuknallen. Um drei Uhr morgens wußten wir überhaupt

nicht mehr, wo wir hingeraten waren; eigentlich hätten wir schon längst

an der Bahn sein sollen. Die verfluchten Koongo! Ganz egal, wo wir

lagen, ob irgendwo im weiten Pori oder vielleicht nur fünfzig Meter vor

dem englischen Bahnschutzposten – die Kompanie mußte erst etwas ruhen.

Sie ruhte zwei Stunden wie sie war und wo jeder gerade hielt. Dort,

wo wir im Dunkeln gelandet waren, gab es überhaupt keinen Sand mehr,

sondern nur noch Steine. Große Steine und kleine Steine. Kein Halm Gras

war dort für die Tiere. Ich ruhte, indem ich meinen langen dünnen Leib

wie eine Schlange um einen großen Stein schlang und auf diesen mein

Haupt legte, auf einem Unterbett freundlicher kleiner Steine. Neben mir

stand Otto gesattelt und gezäumt und schnupperte an meinem Brotbeutel,

aus dem ich ihm noch ein paar Händevoll Reis geben konnte. Eigentlich

war das ja meine Ration, aber welcher gute Reitersmann kann sein Tier

hungern sehen! Gesprochen durfte nicht werden, geraucht auch nicht. Um

fünf Uhr morgens lief der geflüsterte Befehl »Weitermarsch!« durch die

Reihen.

Das Gelände wurde bald besser, wir konnten aufsitzen. Als wir in

der Morgendämmerung durch einen leichten Akazienbusch ritten,

ließ Unteroffizier Thiele von der Spitze melden: »Stationsgebäude

siebenhundert Meter vor uns.« Zum Telegraphendrahtschneiden und

Sprengen war es leider nun zu spät geworden, aber unsanft aufwecken

wollten wir den bösen Feind doch. Zwischen dem Akazienwäldchen und der

hochliegenden, befestigten Bahnstation lag eine offene Talmulde. Im

Akazienhain, also noch außer Sicht von der Station, entwickelte sich

die Kompanie. »Halt! Absitzen! Pferdehalter! Schützen vor! Schwärmen!

Marsch!« – alle Kommandos wurden leise gegeben und weitergegeben. Jetzt

war keiner mehr müde oder durstig.

Als Wachtmeister mußte ich bei den Tieren bleiben. Ich nahm sie weiter

in den Wald zurück, deckte Rücken und beide Flanken durch ausgeschobene

Posten und ritt dann selbst wieder vor an den Buschrand, wo ich das

kommende Gefecht fein übersehen konnte. Noch krochen unsere Schützen

schweigend näher an die Station heran. Da zeigte sich unten in der

Talmulde, nahe der Station, eine feindliche Patrouille, Reiter und

Fußvolk. Gesehen hatten sie uns nicht. Sie rückten anscheinend wie

jeden Morgen aus, um die Bahn abzupatrouillieren. Die Leute plauderten

harmlos und rauchten Zigaretten. Nicht lange! Zwei Züge unserer

Kompanie nahmen sie unter Feuer, der dritte Zug feuerte in die Zelte,

die neben dem Stationsgebäude aufgebaut standen.

Die Wirkung war groß, wie die jedes überraschenden Angriffs. Was von

der feindlichen Patrouille beritten gewesen war, war bald unberitten,

und ich konnte beobachten, in welcher Konfusion die Herren Engländer

in Schlafanzügen aus ihren Zelten stürzten, zurückliefen, Gewehre und

Munition holten, um endlich einen Schützengraben hinter dem Bahndamm zu

besetzen. Soviel ich mit meinem Feldglas sehen konnte, war die Station

von Engländern und Indern besetzt und ihre Gesamtstärke zwei- bis

dreihundert Mann.

Bald bekamen wir auch Antwortfeuer. Wo unsere Schützen lagen, schien

der Feind nicht sofort erkannt zu haben, oder er schoß aus Versehen

zu hoch. Unsere Schützen lagen etwa dreißig Meter tiefer als die

Stelle, wo ich hielt, hundert bis hundertfünfzig Meter vor mir, aber

die feindlichen Kugeln gingen noch über meinen Kopf weg. Auf den

Akazienbusch hatte der Feind es jedenfalls abgesehen; denn jetzt fing

er auch an, sich hinter dem Bahndamm, unsere Stellung flankierend, zu

entwickeln, und der Einschlag in den Akazienhain wurde so bedenklich,

daß ich mir bereits vornahm, für unsere Tiere eine andere Deckung zu

suchen.

Da kam, nach halbstündigem Gefecht, das Trompetensignal: Sammeln! Die

Schützen kehrten zögernd, die Askari nur unter Androhung von Hieben und

nach vielem Geblase zu den Tieren zurück. Unsere Askari, von Deutschen

geführt, gehen ran wie Blücher, und dann beißen sie sich förmlich

fest. Sich von einem Gefechtsfeld zu trennen, fällt ihnen schwer.

Die befestigte Stellung des Feindes, die durch mindestens vierfache

Übermacht besetzt war, zu stürmen, hatte nie in unserer Absicht

gelegen. Wir wollten den Feind wecken, und das war überraschend gut

gelungen.

Dieses Wecken vom 21. Juni 1915 zu Kambi ya nyuki war unsere Antwort

auf das feindliche Wecken am Ingito. Der Feind hatte fünf Tote –

Enthusiasten wollen sogar fünfzehn gezählt haben – und jedenfalls viele

Verwundete. Mehrere Reittiere hatten wir ihm auch abgeknallt. Unser

Überfall war weit glänzender gelungen als wir erwarten durften; denn

daß wir eine feindliche Patrouille im Offenen erwischen würden, hatte

niemand zu hoffen gewagt. Das Schönste war, daß wir keinerlei Verluste

hatten.

Da der Telegraphendraht nicht abgeschnitten worden war, durften wir

annehmen, daß Züge mit Verstärkung für den Feind bereits heranrollten.

Es hat keinen Sinn, eine gute runde Sache zuspitzen zu wollen. Also:

»Aufsitzen! Kehrt marsch! Schritt! – – Trab! – – Galopp!« Erst mal

raus aus dem Kugelregen, der immer noch in den Akazienhain einschlug!

Unsere Stimmung war ausgelassen fröhlich, wie von Schulbuben nach

einem gelungenen Streich. Erst ganz allmählich dämpfte sie wieder ab.

Wo würde sich die Besatzung des englischen Bezillagers, die bereits die

Nachricht von unserm Überfall haben mußte, uns vorbauen? Der Leser darf

nicht vergessen, daß sich die Berittene 9. Schützenkompanie um diese

Zeit fünf schwere Tagemärsche vor ihrer und weit hinter der feindlichen

Basis befand. Der Feind brauchte nur an unserer Rückzugslinie einige

Wasserstellen zu besetzen, dann kamen wir schwer in Druck.

Obwohl wir eine Verfolgung von Kambi ya nyuki her nicht für

wahrscheinlich hielten, denn die Männer dort konnten sich unser

Erscheinen doch nur als Vorhut einer starken Abteilung erklären und

nicht ahnen, daß wir ohne jeglichen Rückhalt in der Weltgeschichte

schwebten, ritten wir doch anfangs, um weniger in Sicht zu sein, im

Bett der Koongo, die uns über Nacht so viele Mühe gemacht hatten.

Für zwei Stunden ging es abwechselnd Trab und Galopp. Der brüchige,

hartgebackene Sandboden im Bett der Koongo war nichts für ungeschickte

Reiter. Die Askari stürzten vom und mit dem Tier öfter, als mir

angenehm war. Bei mir stellte sich der Hunger ein. Ich öffnete eine

Büchse Sardinen und labte mich an ihrem Inhalt. An Durst war es besser

gar nicht zu denken.

Eine Zeitlang ritt der Gefreite Fechter neben mir. Vor dem Kriege war

er Angestellter der Nashornapotheke in Aruscha gewesen. Neulich, auf

Feldwache am Naudéwasser, hatte er zum erstenmal in seinem Leben ein

Nashorn gesehen und mit Klamotten nach ihm geschmissen. Da er klein

von Statur war, wurde er in der Kompanie seit jenem Abenteuer und mit

Berücksichtigung seiner früheren Tätigkeit in der Nashornapotheke »das

kleine Nashorn« genannt. Am Tage nach Kaisers Geburtstag hatten die

Engländer auch Fechters Posten am Nagasseni heimgesucht, und während er

die Engländer im hohen Schilf des Nagassenisumpfes suchte, hatten diese

ihn gesucht und seinen Zypernesel gefunden. Die Engländer nahmen den

Esel mit und hinterließen einen Zettel, auf dem sie sich höflichst für

den Esel bedankten. Hierüber hatte sich das kleine Nashorn schmählich

geärgert und blutige Rache geschworen. Heute sei ihm, erzählte mir

Fechter, seine Rache zur Hälfte wenigstens geglückt. Ein schönes

englisches Maultier, das während des Gefechts reiterlos umhergeirrt

sei, habe ihn so lange beschäftigt, bis er es umgelegt. Leider habe

er aber den Zettel mit dem Gruß an die Engländer, den er schon seit

Wochen in der Tasche trage, nicht zum toten Maultier hintragen können.

Sein Gruppenführer habe ihn mit Gewalt zurückgehalten und ihn mit

fortgerissen, als »Sammeln« geblasen worden sei.

Als wir fünf Stunden gen Süden geritten waren und es Mittag wurde,

suchten wir den spärlichen Schatten vereinzelter Flötenakazien auf.

Mit der Bezeichnung »Flötenakazie« hat es folgende Bewandtnis: Eine

Wespe bohrt in der Saftzeit der Bäume die jungen grünen Dornen der

Akazie an und legt ihre Eier hinein. Der Dorn erweitert sich sackförmig

bis zur Größe eines Hühnereis. Dieser Sack, dessen Inhalt den aus den

Eiern schlüpfenden Maden zur ersten Nahrung dient und der unter dem

jetzt verkrüppelten Dorn hängt, stirbt in der Trockenzeit ab. Wenn

die Wespenmaden den Inhalt ihres Hauses aufgefressen haben, verlassen

sie es durch das jetzt erweiterte Bohrloch, und Ameisen ziehen in die

hohlen Säcke ein. Auf dem erweiterten Bohrloch flötet der Wind wie die

Knaben auf einem Schlüssel. Da sowohl die Säcke wie die Bohrlöcher

verschiedener Größe sind, entstehen die verschiedensten Töne. Das Ganze

ist ein melodisches, aber unheimliches Konzert. Die in Frage kommende

Ameise hält sich nur in Gegenden geringer Niederschlagsmengen auf.

Wo die Akazien flöten, suchst du also vergebens nach Wasser. Wir

sattelten ab und ruhten. Wer noch was zu essen hatte, aß. Abkochen

konnten wir natürlich nicht. Zu trinken hatte keiner mehr. Die Tiere

waren viel zu müde und vor allem viel zu durstig, um die paar trockenen

Grashalme, die hier standen, zu suchen. Otto verschmähte sogar eine

Handvoll Reis. An Wasser mußten wir unbedingt heute noch kommen,

sonst versagten unsere Tiere. Das nächste uns bekannte Wasser war

das Löwenwasser. Daß die englischen Truppen des Bezillagers unsere

rückwärtigen Wasserstellen oder doch einige derselben jetzt besetzt

haben würden, nahmen wir als ganz selbstverständlich an. Vielleicht

kannten sie aber das versteckt gelegene Löwenwasser noch nicht. Es war

reine Glückssache.

Mit schweren Gedanken lag ich, von Durst gequält, unter den flötenden

Akazien – in Fiebertraumgedanken, die einen bei hellichtem Tage gruseln

machen: »Die Tiere versagen, wir müssen sie zurücklassen. Ob wir ihr

Blut abzapfen und trinken? Ich glaube, ja. Auch die Feldflaschen werden

wir uns mit Blut füllen, wenn es nicht bereits zu dickflüssig ist.

Dann weiter zu Fuß. Ob Blut den Durst stillt? Ich glaube, nein. Unser

eigenes Blut wird nur noch dickflüssiger werden. – Ob Ordnung in der

Kolonne zu halten sein wird? Eine Weile sicher. Später sicher nicht

mehr. Strafen, Todesstrafen erschrecken niemanden mehr. Päng! – der

beste Beweis ist gegeben, einer hat sich bereits selbst erschossen. Er

hatte sein Gewehr noch, die meisten haben es bereits weggeworfen. Wie

viele sind wir noch? Mühsam hebe ich die schwer verstaubten Augenlider.

Eine lange Reihe strauchelnder Gestalten wandert vor mir im Staub.

Die Sonne blendet mich, zählen kann ich nicht mehr. Da sinkt wieder

einer hin. Ich spreche zu ihm mit belegter Stimme, die mir selber

fremd erscheint. Er hört und antwortet nicht. Ich stolpere weiter

mit bleischweren Knien. Da wird mir schwarz vor den Augen. Die Sinne

vergehen mir. – Ich komme zu mir. Es ist Nacht. Die Sterne leuchten

über mir, die Akazien flöten traurig, meine Augen brennen. Hui! Was ist

das an meinen Beinen? Ein Kamerad? Mit Mühe richte ich mich halb auf.

Ich will schreien, aber bringe keinen Ton heraus. Wo ich hinschaue,

funkeln mich feurige Kohlen an, und lange Leiber kriechen um mich her.

Hyänen greifen mich an, kaum können sie noch warten. Den Aasgeruch

haben sie schon mitgebracht. Ich quäle mir den Browning aus der Tasche,

entsichere und feuere auf sie. Heulend fliehen die Hyänen, und Ruhe

umgibt mich. Wie lange? Ich kenne die Zeit nicht mehr. Ich taste nach

meinem Karabiner und finde ihn nicht. Ob die Hyänen ihn verschleppt,

um den Karabinerriemen zu fressen? Ob ich ihn verloren oder

weggeworfen? Ich weiß nichts mehr. – Da sind sie wieder, die Hyänen.

Päng! Jetzt habe ich noch sieben Schuß im Rahmen meines Browning. Die

letzten drei Patronen sind für mich bestimmt – ich muß mit Versagern

rechnen bei diesem Spielzeug. Kaum daß ich noch den Arm zu meinem im

Sande gebetteten Haupt und die Mündung des Browning an meine Schläfe

bringe. Ein kurzes Stoßgebet: ›Laß es kein Fehlschuß sein, o Gott.‹

Endlich Vergessenheit.« – –

Lieber, als solche Gedanken zur Musik der Flötenakazien, die Gewißheit

– auch wenn ein paar Kugeln pfeifen sollten! Lieber einen fröhlichen

Reitertod! »Satteln! Aufsitzen! Marschrichtung: Löwenwasser!«

Galopp und Trab zu reiten, hatten wir längst aufgeben müssen – kaum

ein ordentlicher Schritt war noch aus den Tieren herauszukriegen. Sie

krochen dahin. Da – gegen fünf Uhr fingen die Maultiere, in dieser

Beziehung (wie überhaupt) viel klüger als Pferde, an, Wasser zu

wittern. Sie spitzten wieder ihre Ohren, ihre Sehnen strafften sich,

sie fingen an auszuschreiten, gingen selbständig in Trab über und

brachen endlich in einen Galopp aus, den kein Reiter zügeln konnte. Die

Spitze hatte Mühe, vorweg zu kommen, und unsere Packtiere, die auf dem

Marsch nicht geführt wurden, sondern auf eigene Faust einherliefen,

ohne sich je weit von der Kompanie zu entfernen, sausten voraus. Die

Pferde wurden endlich auch von den Maultieren angesteckt, und um sechs

Uhr abends, nachdem die Tiere achtundzwanzig Stunden ohne Wasser

auf dem Marsch gewesen waren, brauste die ganze Berittene Neunte im

rasenden Galopp zum Löwenwasser heran, das – Gott sei Dank! – nicht

besetzt war.

So, nun war vorläufig alles gut. Über das Heute hinaus soll ein Soldat

im Kriege nicht denken. Nur die armen Menschen, die diese Nacht, nach

dem Marsch von achtundzwanzig Stunden einschließlich Gefecht, auf

Feldwache ziehen mußten, taten mir leid. Ich bin zweimal aufgestanden,

mir die Feldwache anzusehen. Der Wachhabende, Unteroffzier Thiele,

pendelte ständig zwischen seinen Askariposten hin und her und

unterhielt sich mit ihnen. Er behauptete, wenn er sich hinsetzte,

schliefe er sofort ein, um nie wieder aufzuwachen, und wenn er die

Askari nicht unterhalte und Antworten von ihnen verlange, schliefen sie

ihm im Stehen ein.

Von dieser Patrouille ist nicht mehr viel zu berichten. Das

Eleleschowasser berührten wir auf dem Rückmarsch nicht, auch

nicht das am falschen Narok. Wir hielten uns östlich von beiden,

legten zwei Tagemärsche in einen, ritten durch paradiesische

Täler der Matumbatuberge und erreichten um sieben Uhr abends nach

vierzehnstündigem Marsch das Naudéwasser. Gegen Mittag, als wir in

einem Tal der Matumbatuberge am Ufer eines starken Baches in hohem,

saftigem Grase absattelten, um abzukochen, gab es noch eine kleine

Aufregung. »An die Gewehre! Feind rückwärts!« Richtig, da tauchten

in unserer Spur einzelne Reiter auf. Die Schützen besetzten den

Bachrand – glücklicherweise wurde erst beobachtet, ehe geschossen

wurde. Die Reiter waren Unteroffizier Fokken mit der Nachspitze. Wie

man nur vergessen konnte, daß die Nachspitze noch hinter uns war?!

Überanstrengung muß doch wohl den Geist stumpf machen.

Wir ritten für Deutsch-Ostafrika · 第 7 / 17 段