Wie sich am folgenden Tage herausstellte, waren diesmal die üblichen

Vorsichtsmaßregeln überflüssig gewesen. Feind war weder da, noch da

gewesen. Was die Patrouille der Berittenen Achten für Feindesspuren

gehalten hatte, waren – Zebraspuren! Das Konkurrenzunternehmen war eben

noch zu neu im Geschäft. Außer jener Löwengeschichte passierte nichts

Besonderes auf dieser Patrouille, denn daß sich unser Kompanieführer

während einer kurzen Rast beinahe auf eine Puffotter gesetzt hätte, ist

nichts Besonderes – hat sich der Schütze Apel doch mal tatsächlich auf

eine solche, die er für einen Baumast hielt, gesetzt. Wir suchten die

Nyirisümpfe nach Feinden ab, fanden keine, und ritten über Lagumishera

und Olmolog zum Doppelberglager zurück. Klar geworden waren wir uns nur

über zweierlei. Erstens, daß die Achte Zebra- von Maultierspuren noch

nicht unterscheiden konnte, und zweitens, daß Hauptmann v. Boemcken,

der mit einem Krückstock in der Hand ritt, unter seinem Südwester

Schutztruppenhut viel Ähnlichkeit mit dem Alten Fritz hatte.

Große Kampfpatrouille zur englischen Magadbahn

Die Berittene Achte hatte zwei Männer, die uns unter dem Gesichtspunkt

der Konkurrenz durch ihre Tätigkeit viel Kopfzerbrechen machten. Es

waren der Lokomotivführer Pallas und der Vizefeldwebel Neubacher,

ein früherer Südwester Schutztruppler. Pallas war ein passionierter

Minenleger, und Neubacher war seine rechte Hand. Beide konnten nicht

mehr leben und glücklich sein, wenn nicht alle Monate ein Teil der

englischen Ugandabahn, die stark besetzt war, in die Luft ging. Fuhr

gerade ein Truppen- oder Verpflegungszug über die hochfliegende Stelle,

dann waren Pallas und Neubacher erst recht zufrieden.

Das konnte so nicht weitergehen. Die Neunte hatte zwei schwere Gefechte

mitgemacht, ihrem berühmten Pferderaid verdankte die Achte ihre ganze

Existenz – aber gesprengt hatte die Neunte noch nicht. Da mußte bald

etwas geschehen – Pallas und Neubacher sprengten uns sonst noch die

ganze Bahn weg, ehe wir mal hin kamen. So fiel uns allen ein Stein vom

Herzen, als die erste Sprengpatrouille der Berittenen Neunten befohlen

wurde.

Als Vorbereitung wurden einige Sprengungen in der Nähe des Lagers

gemacht. Unteroffzier Horn, der zu Hause bei den Pionieren gedient

hatte, wurde mit der Verteilung des Dynamits beauftragt. Da wir im

Kriege alle großen Mangel an Papier litten und da, wo man sonst Papier

nötig braucht, Gras und Blätter verwenden mußten, hob sich Horn das

Papier, in dem das Dynamit eingewickelt gewesen war, sorgsam auf. Als

die Kameraden Horn wiederfanden, stand er nackend vornübergebeugt

unter einem Baum und ließ sich von seinen Boys einen Eimer voll kalten

Quellwassers nach dem andern über seinen brennenden Hintern gießen.

Seitdem sammelte niemand mehr Dynamitpapier.

Nunmehr wurde also eine ganz große Kampf- und Sprengpatrouille zur

Magadbahn »in die Wege geleitet«, wie mein Kompanieführer gesagt haben

würde. Die ganze Kompanie rückte diesmal aus in der nie zuvor und nie

wieder erreichten Gefechtsstärke von sechsundfünfzig Gewehren. Der

Etatsmäßige natürlich mit. Sechsundfünfzig Reiter, geteilt in drei

Züge, begleitet von je zwei Packtieren, dem Offizierspacktier und dem

Packtier mit der Sanitätslast, ritten wir stolz eines Morgens zum

Lager hinaus. Jeder Reiter hatte für acht Tage Verpflegung an seinem

Tier, und für weitere acht Tage Verpflegung war auf den Packtieren

untergebracht. Vorne ritt die Hünengestalt unseres Kompanievaters

auf dem Hotspur, einem südafrikanischen Zuchthengst, von der Größe,

Stärke und dem Knochenbau, wie ihn die alten Ritter bei ihren

Turnieren geritten haben mögen. Am Schluß der langen Kolonne ritt die

Kompaniemutter auf Otto, dem schönsten, edelsten und feurigsten Pferde,

das die Kompanie je besessen hat; der Hengst war damals dreieinhalb

Jahr alt.

So als Schließender hinter der Kompanie durch das Pori zu reiten hat

seine Schattenseiten, besonders wenn der Wind von vorne kommt und

Reitaskari bei der Kompanie sind. Staub setzt sich in alle Poren und

bildet allmählich, mit dem Schweiß gemischt, eine feste Kruste über der

Haut. In den ersten beiden Stunden nach dem Ausrücken war ich außerdem

voll damit beschäftigt, die Ausrüstungsstücke auflesen zu lassen, die

die Askari und zuweilen selbst die Schützen verloren. Brotbeutel,

Feldflaschen, Seitengewehre, Packtaschen, Woilachs, gelegentlich ein

Askari mit seinem ganzen Sattel lagen in der Spur der Kompanie. Und

dabei wollte mein Hengst in den ersten Marschtagen nach längerer

Lagerruhe recht ungern hinter der Kompanie zurückbleiben.

Ich hatte bereits nach der Patrouille zu den Nyirisümpfen dafür

plädiert, die Kompanie möge nach einem Ritt von einer halben Stunde

prinzipiell eine kurze Marschpause zum Stallen, Nachsatteln und auch

aus andern rein menschlichen Gründen einführen. Später wurde es

auch so gehalten, aber unser gegenwärtiger Kompanieführer, der als

früherer Torpedobootskommandant und auch als Mensch »Volldampf voraus«

zu gehen gewohnt war, hatte keine Geduld für solche Schwächen und

Marschverzögerungen. Das Resultat war, daß sich ständig einzelne Reiter

weit hinter der Kompanie befanden, um nachzusatteln, verlorenes Gepäck

fest oder sonst was zu machen. Mit den Geschäften fertig, bädelten sie

dann, haste, was kannste, der Kompanie nach. Das Schrecklichste für

den Schließenden aber war, daß die Askari nie den vorschriftsmäßigen

Abstand zu reiten lernten. Für den, der hinter ihnen ritt, blieb der

Marsch von Anfang bis zu Ende ein ewiges Aufjuckeln.

Außer in der Nähe und unter Sicherheit unseres eigenen Lagers ritten

wir gewöhnlich in folgender Marschformation. Die Spitze war tagsüber im

offenen Gelände fünfhundert Meter vor der Kompanie, nachts und im Busch

natürlich sehr viel näher und mit der Kompanie durch Verbindungsreiter

in Fühlung. Seitendeckungen ritten tags zwei- bis dreihundert Meter

rechts und links der Kompanie; nachts und im Busch mußten wir diese

einziehen, da wir sie sonst verloren hätten. Die Kompanie ritt, wie

es das Gelände und die schmalen Wildwechsel, die benutzt wurden,

bedingten, stets in Kolonne zu Einem mit einem Zwischenraum von fünfzig

Metern zwischen den einzelnen Zügen. Innerhalb der Züge wurde, oder

richtiger sollte der Abstand von drei Schritt von Tier zu Tier gehalten

werden; nur wenn ein Feuerüberfall zu erwarten stand, wurde dieser

Abstand auf zehn Schritt erweitert. Nachspitze, in ähnlichem Abstand

von der Kolonne wie die Spitze, wurde dann gestellt, wenn wir den Feind

in unserm Rücken wußten.

An diesem schönen Morgen ritten wir am Fuß des Telephonhügels

vorbei durch den Fluß und folgten dann der Fahrstraße, die durch

das Transportfahren zum Longido zu Anfang des Krieges entstanden

war. Den Zuckerhutberg, unsern Ausguckberg, rechts liegen lassend,

windet sich die Fahrstraße durch den Buschwald südlich vom Ngasserai,

einem felsigen, kahlen Berg, auf dessen Spitze tags ebenfalls ein

Ausguckposten unterhalten wurde. Am Rande des Buschwaldes wurde

vom Fahrweg halbrechts abgebogen. Vor uns lag jetzt die weite

Ngasseraibuga, baumlos, flach, mit kurzem Gras bewachsen, soweit

dieses nicht schon ganz vertrocknet war. Sie lud geradezu ein zu

einem fröhlichen Galopp. Jedesmal, wenn ich über diese Buga ritt,

mußte ich an den Truppenübungsplatz Lockstedt denken; Feldartillerie

im Regimentsverbande hätte dort fein üben können. Nach der großen

Regenzeit steht diese Buga, die niedrigste Stelle der Steppe zwischen

Kilimandscharo, Meru und Longido, einige Tage unter Wasser. Das ganze

übrige Jahr durch ist es hier trocken, heiß und staubig – Schafland,

wie es im Buche steht.

Nachdem wir die Buga durchquert hatten, nahm uns wellige, leichte

Buschsteppe auf. In nordwestlicher Richtung den Marsch fortsetzend,

ließen wir die Vorberge des Longido links liegen, um von Norden

her in das Longidogebirge einzudringen, das sich in der Form eines

langgestreckten Hufeisens nach dieser Seite der Steppe zu öffnet. Kurz

vor dieser Öffnung, nachdem wir sieben Stunden ohne Halt geritten

waren, sattelten wir gegen ein Uhr für zwei Stunden ab. Aber die Tiere

waren viel zu müde und zu durstig, um gerade jetzt, in der heißesten

Zeit des Tages, Appetit zu entwickeln. Den Menschen ging es ähnlich.

Sie legten sich ins Gras und nahmen im spärlichen Schatten der Akazien

ein Auge voll.

Das Longidogebirge war seit einigen Wochen vom Feinde wieder geräumt,

nur Schleichpatrouillen der Engländer besuchten es regelmäßig. Zur

Zeit unserer Patrouille unterhielt meine Kompanie dort einen ständigen

Posten oben im alten Büchsellager. Oberleutnant Trappe war hier mit

einigen Schützen und Askari auf Posten, und einen der letzteren hatte

kürzlich eine englische Schleichpatrouille weggeschnappt.

Da! »Satteln! Weitermarsch! Marschordnung wie zuvor!« – Die von den

Engländern angelegte Automobilstraße führte leicht ansteigend mitten

in das Gebirge hinein bis zu einem Bach im Gebirgskessel, an dem

die Engländer und Inder ihre Lager gehabt hatten. Wir ritten durch

diese alten Lager durch und durften mit Stolz feststellen, daß unsere

Grasarchitektur, die unter Karl Blaich aufgeblüht war, doch auf

bedeutend höherer Stufe stand als die des Feindes. In welch elenden

Hundehütten hatten die Feinde, besonders die Inder, hier gewohnt! Kein

Wunder, daß nach der Regenzeit Epidemien bei ihnen ausbrachen, die sie

zwangen, den Longido zu räumen.

Nachdem wir am Bach getränkt hatten, begann der Aufstieg zum

Büchsellager, das oben im Gebirge, unterhalb der 2609 Meter hohen

kahlen Gebirgsnadel, am Rande des Urwaldes lag. »Absitzen! Führen!«

hieß das Kommando. Schwer, sehr schwer ist mir nach dem neunstündigen

Ritt dieser Aufstieg geworden. Bei solchen Gelegenheiten fühlt man

doch, daß Herz und Lungen alt werden. Aber nur nichts merken lassen!

Sollte ich doch gerade durch das Beispiel des Alters dahin wirken, daß

die jüngeren Leute Strapazen ohne Murren ertrugen.

Oben im Lager hatte Oberleutnant Trappe alles aufs beste für den

Empfang der Kompanie vorbereiten lassen. Für Unterkunft war gesorgt,

Stände zum Anbinden der Reittiere waren errichtet, und reichlich

Reittierverpflegung war einige Tage früher vom Kompanielager

herbeigeschafft worden. Morgen sollte Ruhetag sein. Nachdem

Mensch und Tier untergebracht waren, servierte uns Oberleutnant

Büchsels unübertrefflicher Koch Minjimvua aus den Packtaschen des

Offizierspacktiers, mit dem und einigen Boys wir ihn vorausgeschickt

hatten, ein kräftiges Abendessen. Welche ostafrikanische

Whiskykriegsmarke damals die beliebteste war, ob Marke »Sarglack«,

»Heldentod«, »Stacheldraht« oder »Blutsturz«, weiß ich nicht mehr.

Jedenfalls schwangen wir an jenem Abend noch einige Zeit den Becher,

obwohl es eigentlich eine Sünde war, das herrliche Quellwasser des

Longido mit den Erzeugnissen der jetzt blühenden ostafrikanischen

Alkoholindustrie zu vermengen. Lange saßen wir nicht, denn wir waren

alle hundemüde. Eine Graskitanda, die vorsorgende Hände gebaut, nahm

mich auf. An Schlaflosigkeit habe ich im Kriege nie gelitten.

Am Vormittage des Ruhetages habe ich in einem nahen Felsenbassin in

eiskaltem Gebirgswasser ein herrliches Bad genommen. Sonst habe ich den

Tag geruht, das heißt, wie halt so ein Kompaniefeldwebel ruht; spät am

Abend mußte noch ein Kreis hartnäckiger Zecher, der von dem herrlichen

Quellwasser mit Schuß nicht wegfinden konnte und die Nachtruhe

ernstlich zu stören drohte, auf diplomatischem Wege gesprengt werden,

damit es mir erspart blieb, jemanden für das kürzlich ordnungsmäßig neu

eingerichtete Strafbuch vorzumerken. Oberleutnant Meyer hatte es mir

geschenkt. Es war ein Zehn-Heller-Büchlein mit himmelblauem Umschlage,

auf dem sich in grellen Farben das Bild eines Engels und eines

Lämmleins befand – Missionare mochten es ursprünglich für den Verkauf

an eingeborene Christen importiert haben; ein anderes Notizbuch war

im Norden der Kolonie nicht mehr aufzutreiben gewesen. Ich fand seine

Symbolik für ein Kompaniestrafbuch sehr sinnig.

Am nächsten Morgen in aller Frühe stand die Kompanie fertig zum

Weitermarsch. Nur Vizefeldwebel Dr. Sinning blieb mit wenigen Leuten

zur Besetzung des Postens zurück. Die alte Postenmannschaft, zu

der auch der Dichter Müller gehörte, ritt mit uns, da sie uns den

Schleichweg führen sollte, den sie durch den Urwald und Busch zur

Steppe hinunter durchgeschlagen hatten, um dem Posten im Falle eines

Angriffs durch überlegenen Feind eine Rückzugsmöglichkeit zu sichern.

Unser Kompanieführer wollte die Gangbarkeit dieses Abstieges prüfen und

wohl gleichzeitig die Leistungsfähigkeit seiner Kompanie auf die Probe

stellen.

Romantisch schön war der Weg, der sich im Dickicht und unter hohen

Urwaldbäumen an der Seite einer tiefen, steilen Schlucht über schräge

Felsplatten und in scharfen Windungen um Felsblöcke herum steil

abschüssig hinwand. Ich kann mir denken, wie ein Dichter, der diesen

Weg mit anlegte, im Naturgenuß geschwelgt haben wird, wenn er dort auf

den Felsblöcken saß, seine Beine über dem jähen Abgrund baumeln ließ

und mit verträumten Dichteraugen in die weite Steppe hinausschaute.

Militärisch betrachtet, war der Abstieg aber saumäßig. Die Tiere

schlidderten auf den glatten, schiefliegenden Felsplatten, als wenn sie

auf Eis gingen. Sie stürzten und rissen die sie führenden Reiter mit

um. Sie fielen in Felsspalten, blieben mit Sattel und Gepäck an Bäumen

und Büschen hängen und brachen in der Mitte fast durch bei den scharfen

Wendungen um die Felsblöcke. Der ganze Abstieg bestand eigentlich

nur aus Marschstockungen, Rettungsarbeiten, wildem Fluchen und

Schmerzensrufen. Um die etwas über tausend Meter in die Steppe hinunter

zu gelangen, brauchte die Kompanie volle drei Stunden. Sie hätte noch

viel länger gebraucht, wenn nicht glücklicherweise Unteroffizier Müller

und der Schütze Schoenbohm, die uns führten, ihren eigenen Weg, ehe

wir drei Viertel unten waren, verloren hätten, und wenn nicht der

Kompanieführer einen Nashornwechsel gefunden hätte, auf dem wir sogar

bequem reiten konnten. Die Tiere waren so erschöpft, daß wir unten am

Ostwasser absatteln und zwei Stunden rasten mußten.

Dann ging es in nordnordwestlicher Richtung weiter, immer durch offene

schöne Grassteppen. Unser heutiges Marschziel waren die südlichen

Ausläufer der Matumbatuberge, wo der Gefreite Max Truppel, der jetzt

führte, ein Wasser wußte aus der Zeit her, als er noch für Hagenbecks

Tierpark die Tiere der Steppe einfing. Das Wasser war nach einem Buren,

der an ihm mal gelagert hatte, das Naudéwasser genannt worden. Auf der

Karte ist es nicht verzeichnet. Wer Deutsch-Ostafrika nur nach der

Karte beurteilt, bekommt keinen rechten Begriff von seinem Reichtum an

ständig fließenden Wassern.

Nach fünfstündigem Ritt durch erstklassiges Farmland, das immer besser

wurde, je mehr wir uns den Matumbatubergen näherten, waren wir am

Ziel. Das Naudéwasser, ein schwacher Bach, der in einem kleinen Tümpel

endete, lag ein Stück von der Steppe zurück in einem Koongo. Hier wurde

abgesattelt, abgekocht, und für die Nacht suchte sich jeder einen

bequemen, geschützten Platz zum Schlafen; denn die Nächte waren kalt

und feucht, und der Morgen brachte Tau. Unsere Messe baute sich mit

Hilfe von einigen Askariordonnanzen aus sechs Zeltbahnen eine lange

Röhre, die an dem einen Ende, da, wo der Kompanieführer liegen sollte,

durch eine siebente Zeltbahn geschlossen wurde. In die Röhre wurde eine

dicke Lage Gras gestopft, und wir krochen hinein nach Rang und Würden,

jeder mit seinem Sattel und seiner ganzen Kriegsausrüstung. Neben

dem Kompanieführer lag Oberleutnant Meyer, weil ihn kein Schnarchen

störte. Sein Nachbar war Oberveterinär Dr. Huber, den uns das Kommando

mitgegeben hatte, weil die Kompanie zur Zeit weder einen Arzt noch

einen Sanitäter besaß. Ihm zunächst ruhte Oberleutnant Trappe, der,

korrekt wie im Manöver, als einziger in der ganzen Kompanie auch auf

Patrouillen einen weißen Kragen trug – freilich, sehr weiß war er schon

nicht mehr. Ihm folgte Leutnant Freund, und am offenen Ende der Röhre

lag ich, mit der Nase der frischen Luft zu. Mit dem Kopf auf dem Sattel

schlief es sich famos so.

Mitten in der Nacht kam Bernhard Blaich, unser »Mariechen«, von der

Feldwache und meldete dem Kompanieführer: »Der Feldwachenführer

Vizewachtmeister Mittag läßt melden, ein Nashorn sei bei der Feldwache

eingetroffen. Die Feldwache – geschossen sollte nicht werden – hat

es mit Steinen beworfen. Das Nashorn kümmert sich aber nicht um die

Klamotten und wandert jetzt gemütlich auf das Lager und die Reittiere

zu.« Die Meldung war kaum gemacht, als im Lager auch schon der Ruf

»Kifaru« erscholl und sämtliche Röhreninsassen mit ihren Gewehren in

der Hand über mich wegkletterten. Ich blieb liegen und rief laut ins

Lager hinaus: »Hinlegen! Nur die Wache darf schießen!« Ich ahnte,

was kommen würde. Aus dem Schlaf aufgesprungene aufgeregte Menschen

ballerten wild in die Dunkelheit hinein. In jedem größeren Felsstein,

in jedem schwarzen Schatten sahen sie ein Nashorn. Es knallte und pfiff

wie bei einem ganz leidlichen Gefecht, und nachher wollte es natürlich

keiner gewesen sein. Glücklicherweise lief diesmal die Sache ohne

Unheil ab, nicht einmal das Nashorn wurde beschädigt. Es mag durstig

gewesen sein, aber, obgleich es wohl nie vorher einen Menschen gesehen

haben mag, empfahl ihm doch sein Instinkt, sich schleunigst von da zu

entfernen, wo so viele Knallteufel in die Luft spieen. –

[Illustration]

»Spitze aufsitzen! Anreiten!« lautete das Kommando fünf Uhr dreißig

am nächsten Morgen. Ich hörte es und sah noch gerade, wie der

Spitzenführer, der Agrarier Mittag, dessen Rappstute Seta, noch

aufgeregt von den Ereignissen der Nacht, einige wilde Sprünge machte

und mit der ganzen Vorderhand in ein Erdferkelloch einbrach, samt

seinem Tier kopfheister schoß. Das fing ja gut an! An der Westseite der

südlichen Ausläufer der Matumbatuberge entlang reitend, passierten wir

verschiedene aus diesem kommende Koongo. Als wir den zweiten Koongo

durchritten, fiel Unteroffzier Müller wieder mal schwer auf. Als er

die jenseitige steile Böschung des Koongo hinaufreiten mußte, vergaß

der Dichter in ihm, die Beine fest anzuklemmen. Er verließ sich ganz

auf Sattel und Steigbügel, und das hat in solchen Situationen seine

Bedenken.

Es war unterwegs nicht nachgesattelt worden – wir wissen ja, immer:

Volldampf voraus! – und ein Maultier in einemmal gründlich zu satteln,

will studiert sein. Wie sich ein Maultier beim Satteln aufblasen kann,

weiß jeder, der mal ein Maultier gesattelt hat. Beizukommen ist ihm

nur mit List. Du stellst dich unter Knurren und Geschimpfe so an, als

ob durch das Satteln deine ganze Kraft erschöpft sei. Das Maultier

wird dich schadenfroh dabei angucken und seine Ohren zurücklegen. Dann

mache dir mit allem möglichen zu schaffen, nur nicht mit dem Maultier

und dem Sattelgurt. Das Maultier darfst du währenddessen beileibe

nicht ansehen; denn es beobachtet dich scharf und mißtrauisch. Während

du nun in aller Unschuld dir mit der linken Hand die Feldflasche

umhängst, fährt deine Rechte wie ein Blitz unter die Sattelklappe an

die Sattelgurtstrappe und zieht den Gurt zwei oder drei Löcher an.

Darauf, daß das Maultier dich dabei aus Wut in den Hintern beißt und

dir gleichzeitig einen Tritt vor den Magen zu geben versucht, mußt

du gefaßt sein und durch aalartiges Winden deines Körpers beiden

Möglichkeiten gleichzeitig auszuweichen wissen. Gelingt es dir, dem

Maultier dann noch einmal mit List beizukommen, dann darfst du rechnen,

daß der Sattel sitzen wird. Du wirst selbstredend deine Taktik ständig

ändern müssen. Die Posse mit der Feldflasche darfst du höchstens

zweimal spielen, dann hat das Maultier dich durchschaut und bläht sich

auf, sobald du die Feldflasche nur berührst.

Natürlich bedingt diese Art des Sattelns, daß man rechtzeitig damit

anfängt und sich mit Ausdauer und Anspannung aller Geisteskräfte der

Sache widmet. Man darf z. B. nicht gleichzeitig dichten wollen. Die

Askari haben es nie und manche Europäer auch nur soso gelernt. Als

Müller die steile Böschung nahm, fiel es seinem Maultier ein, daß es

sich beim Satteln tüchtig aufgeblasen habe, daß Müller ein Dichter

sei und daß der Sattelgurt jetzt eine gute Handbreite lose unter dem

Bauch hängen müsse. Daß der Dichter vergessen werde, die Schenkel

einzuklemmen, vermutete das Maultier. ~Ergo~, dachte es, lassen wir den

Sattel samt dem Reiter jetzt im geeigneten Moment mal sanft nach hinten

abgleiten. Es sah drollig aus, wie Müller, mit den Händen in die leere

Luft greifend, über den Rücken seines Tieres zurückrutschte, durch

ein Gebüsch schoß und unten im Koongo verschwand – zustoßen konnte

ihm nichts, denn im Koongo lag tiefer Sand, der ihn weich aufnahm.

Ich bin nicht herzlos, aber eine gewisse Schadenfreude konnte ich mir

doch nicht verkneifen. Daß der Unteroffzier mal für seine Sünden büßen

mußte, darüber freue ich mich noch heute. Schade war nur, daß der

Dichter mitleiden mußte.

Immer noch ritten wir Stunde für Stunde durch das herrlichste Farmland,

und nach vierstündigem Ritt kamen wir wieder an ein fließendes Wasser.

Diesmal war es ein starker Bach, und unsere Spitze meldete, daß noch

zwei weitere starke Bäche ganz in der Nähe flössen. Wie diese Wasser

heißen, weiß ich nicht – wir nannten sie die Wasser des falschen Narok;

denn der wahre Narok, ein Berg, der auf seiner Spitze noch einen

Rest von Urwald und Bambushainen trägt, liegt in der Steppe etwas

südwestlich von dieser Stelle.

Wir saßen ab, tränkten und ließen die Tiere zwei Stunden grasen.

Direkt vor uns, in unserer Marschrichtung, stieg das Matumbatugebirge

jäh auf. Haushohe Felsblöcke waren von ihm abgebröckelt und bis weit

in die Steppe gerollt. Dort stehen sie nun ewig als Wächter eines

Farmparadieses. Donnerwetter, was war das hier für ein Farmland! In dem

Gebirgskessel, in den wir dann einschwenkten, kitzelte das Weidegras

den Tieren den Bauch. In Südafrika und Australien würde es einen

»~rush~« [Ansturm] geben nach einer solchen Stelle.

Einen Weg geradeaus über das Gebirge wird es auch geben, dafür werden

Nashörner und Massai gesorgt haben. Wir kannten ihn nicht und konnten

uns nicht damit aufhalten, ihn zu suchen. Wir wanden uns, den Berghang

zu unserer Linken schräg anreitend, auf einem alten Massaiviehtriebwege

langsam zum Kamm hinauf. Als wir über den Bergrücken hinwegsehen

konnten, breitete sich vor uns ein Bergkessel aus, der vier oder

fünf Kilometer im Durchmesser haben mochte. Wir bogen vom Massaiwege

ab, saßen ab und führten, uns im Geröll einen Weg suchend, durch

einen leichten Akazienbusch in den Bergkessel hinunter. Hier fanden

wir wieder ein Gebirgswasser, das wir nach den an ihm wachsenden

Eleleschosträuchern das Eleleschowasser benannten. C. G. Schillings

hat ein Buch »Im Zauber des Elelescho« geschrieben. Ich habe den

Eleleschostrauch immer nur in Hochsteppen über 1500 Meter gefunden.

Es ist ein Strauch, dessen wollige, auf der unteren Seite fast weiße,

aromatische Blätter im Mondscheine wie Silber leuchten. Wir prosaischen

Kriegsknechte stopften die zartesten Zweige des Eleleschostrauches in

unsere Schlafröhre als Unterbett. Sein Zauber hatte die Wirkung, daß

wir in dieser Nacht weder durch Nashorn noch Löwe gestört wurden.

Wir waren frühzeitig beim Wasser eingetroffen, und da Unteroffzier

Thiele, ein Kaffeepflanzer und Farmer aus dem Aruschabezirke und

nebenbei unser bester Schütze, im Talkessel einige Grantgazellen

geschossen hatte, konnte die Kompanie heute mal wieder frisches Fleisch

im Kochgeschirr brodeln lassen oder am Holzspieß vor dem Lagerfeuer

rösten; die ganz Hungrigen fingen mit gerösteter Wildleber an. Das

war eine sehr willkommene Abwechslung. Unser Hauptpatrouillenfutter

war Reis und immer wieder Reis; was »Blauer Heinrich« [in Wasser

gekochter Reis] ist, haben wir alle zur Genüge kennengelernt, und

später waren wir ganz zufrieden, wenn wir den wenigstens noch hatten.

Von den Buren lernten wir Mealipapp mit wahrer Begeisterung essen.

Chiroko, eine von den Küstennegern angebaute Bohnenart, die trocken

geschrotet und in Wasser gekocht wie Erbsbrei schmeckt, sich schön

sanft an die Magenwände anlegt und sich unter starker Entwicklung

feindlicher Gase verdaut, wurde ebenfalls ein bei den Europäern

beliebtes Patrouillenfutter. Ich war immer froh, an dem offenen Ende

der Schlafröhre liegen zu dürfen.

Wir ritten für Deutsch-Ostafrika · 第 6 / 17 段