Unser zweites Lager, das ich eben beschreibe, war namentlich aus

Gesundheitsrücksichten auf den »Doppelberg«, der wohl hundert Meter aus

der Steppe herausragte, verlegt worden. Seiner Anlage kam schon das

Organisationstalent von Oberleutnant Büchsel zustatten.

Geradezu eine Musteranlage aber war unser letztes großes Kriegslager

am Engare Olmotonje auf einer Anhöhe am Urwaldrande des Meru, in der

Nähe von Aruscha. Später, als die große feindliche Offensive begonnen

hatte, kamen wir nur noch zweimal dazu, den schwachen Versuch zu einem

Lagerbau zu machen, über wenige Hütten kam es aber nie mehr hinaus.

Dieses Lager bei Aruscha wurde in der Form eines großen Rechteckes

angelegt, dessen eine Kurzseite als Lagerzugang offen blieb. In der

Mitte des Rechtecks lagen in einer schnurgeraden Linie Stall neben

Stall. Diesen parallel, auf der einen Langseite des Rechtecks, standen

zwei Reihen hübscher Soldatenwohnungen, die so belegt waren, daß die zu

einem Zug gehörige Mannschaft stets in der Nähe ihres Stalles wohnte.

Hinter den Soldatenwohnungen, etwas in den Busch hineingedrückt, lagen

die Hütten der Boys und die Küchen. Noch mehr in den Busch hinein

waren die Latrinen ausgehoben, getrennt für Europäer, Askari und Troß.

Nach den ersten bösen Erfahrungen waren die Latrinen stets die

ersten Baulichkeiten, die angelegt wurden. Sie mußten fertig sein,

ehe eine Hand zum Lagerbau erhoben werden durfte. Dafür sorgte mit

unerbittlicher Strenge unser Sanitätsfeldwebel Stein. Auch wenn wir auf

unsern späteren Wanderungen kein Lager mehr bauten, sondern nur infolge

eines Haltbefehls die Möglichkeit entstand, daß die Kompanie an dieser

Stelle einen Tag liegenbleiben könnte, wurden Latrinen ausgehoben.

Zwischen den Ställen und der andern Langseite, an der die

Offizierswohnungen, ebenfalls mit den Küchen dahinter, lagen, war

eine breite Lagergasse, auf der die ganze Kompanie bequem mit ihren

Tieren antreten konnte. Die zweite Kurzseite des Lagers wurde in der

Mitte durch mein Feldwebelbüro geschlossen. Links davon befand sich

das Magazin und rechts die Kasse, Kammer und Handwerkerstube. Nahe

außerhalb des Lagers lagen lange niedrige Hütten für die Wapagazi,

ferner die Viehhöfe, der Schlachthof und zwei Reitbahnen – sagte ich

zuviel: »eine Musteranlage«?

Die Kasse, die zugleich unsere Bankstelle war, verwaltete mit vieler

Umsicht der Agrarier und Vizewachtmeister Mittag. Bei ihm hoben wir

unser Verpflegungsgeld, Kleidergeld und Löhnung bzw. Gehalt ab, und da

wir mit letzteren nicht recht was anzufangen wußten, der Staat das Geld

aber recht gut brauchen konnte, zahlten die meisten ihre Löhnung gleich

wieder als Kriegsdepot ein. Der Gefreite Storch, der – weiß Gott,

warum – immer nicht mit seiner Löhnung auskam, erschien unerwartet

auch mal an der Kasse, um ein Kriegsdepot zu eröffnen. »Mensch«, sagte

der Kassenführer, »es freut mich doch, daß Sie endlich auch vernünftig

werden.« – »Ja«, antwortete Storch, »da alle Kameraden ein Depot haben,

will ich die Sache doch auch mitmachen. Ich habe mir dazu von einigen

guten Freunden hundert Rupien zusammengepumpt. Hier sind sie!«

Alle unsere Gebäude – mit einziger Ausnahme der Dächer der Ställe,

die, wie es sich für einen guten Reitersmann schickt, den Vorzug vor

seiner eigenen Behausung hatten und mit Wellblech belegt waren –

bestanden, wie wir gesehen haben, ausschließlich aus Naturholz und

Gras, zusammengehalten durch selbstgewonnenen Baumbast. Kein Eisennagel

oder Stahlstift war im ganzen Gebäude verwendet, nichts, woran ein

Fabrikant oder Kaufmann auch nur einen Heller hätte verdienen können.

Wir waren ganz zum primitiven Naturzustand zurückgekehrt. Und doch, wie

wohnlich konnte solch ein Kriegslager sein, wie heimisch konnte man

sich in ihm fühlen!

In ihm konzentrierte sich alles, was das Leben noch an Annehmlichkeiten

bot. Die Sehnsucht zum Lager ließ den Rückmarsch von einer

Fernpatrouille stets bedeutend länger erscheinen als den Ausmarsch,

obwohl die Tiere, alle Müdigkeit vergessend, auch mit aller Macht dem

Lager zustrebten. Im Lager harrten des dreckigen Patrouillenreiters

die freundlichen Gesichter der Freunde und Kameraden, froh, daß er

diesmal noch nicht geschnappt war. Es harrten seiner die neuesten

Kriegsnachrichten. Es harrten seiner die Boys mit dem fertigen Bade,

der reinen Wäsche und einem guten Schlag Essen. Es harrte seiner

die Ruhe des Körpers und der Nerven – d. h. wenn er nicht zufällig

Kompaniefeldwebel war.

Das Lager war die Heimat, die einzige Heimat, die wir noch hatten.

Von der fernen Heimat, von den Lieben zu Hause waren und blieben wir

seit Kriegsausbruch dauernd abgeschnitten. Kein Brief erreichte sie

oder uns. Nach zweieinhalb Jahren, als ich bereits sechs Monate in

Gefangenschaft war, bekam ich den ersten Brief aus der Heimat. Mit

Zagen habe ich ihn geöffnet. Wie viele meiner Verwandten und Freunde

schlummerten schon längst im Heldengrab! Ja, den Gedanken an die ferne

Heimat durfte der ostafrikanische Krieger nicht aufkommen lassen

– seine Heimat war das Lager, die Kompanie und die Herzen seiner

Kameraden. –

Unteroffzier Karl Blaich hatte also seine Wapagazi angestellt und ging

zum Frühstück. Es war 6 Uhr 15 geworden, gerade noch Zeit für mich, um

vor Beginn des Stalldienstes und meiner Bürostunden ebenfalls behaglich

zu frühstücken. Das Fenster meiner Hütte, an dem ich das zu tun

pflegte, lag nach Osten mit der Aussicht auf den Kilimandscharo und die

diesem vorgelagerte Shirakette, bewaldete Höhen, deren Urwald in die

Steppe hinein bis auf etwa acht Kilometer an unser Lager heranreichte.

Durch die Shirakette hat sich der Engare Nairobi Bahn gebrochen, im

großen Bogen windet er sich durch die Steppe, im ganzen Laufe durch

hohe Bäume und Baumgruppen an seinen Ufern kenntlich; er fließt nahe am

Fuße des Doppelberges vorbei, um dann, zwei Kilometer weiterhin in der

Steppe, in einen Sumpf zu enden. Es war ein herrliches, immer wieder

erhebendes Schauspiel, die Sonne über den Schneegefilden des Kibo, der

sich mir hier als Halbkugel zeigte, aufgehen und allmählich die Nebel

und Schatten vertreiben zu sehen, bis endlich Urwald und Steppe in

voller Sonnenpracht leuchteten.

Die Sonne geht in der südlichen Breite des Kilimandscharo das ganze

Jahr über ungefähr um sechs Uhr morgens auf und um sechs Uhr abends

unter.

Meine Frühstückspause im Genuß der schönen Aussicht war die einzige

Zeit des Tages, die mir einigermaßen allein gehörte und mir ganz allein

gehört hätte, wenn das Telephon nicht gewesen wäre. Einmal mindestens

an jedem Morgen wurde sie durch die Telephonordonnanz unterbrochen

mit den Worten: »Bana Feldwebel, sim imekuja« [das Telephon ist

angekommen], und wenn es nur der erste Tagesanruf vom Kommando in

Moschi war, der feststellen sollte, ob über Nacht die Giraffen nicht

wieder mit dem Telephondraht abgegangen seien oder ob ein Zebra, sich

an einem Telephonpfahl scheuernd, diesen umgeworfen habe. Aufregende

Meldungen gab es zwischen sechs und sieben Uhr morgens, wo die meisten

Herrn mit dem höheren Gehalt noch ruhten, in dieser Kriegsperiode kaum.

Ich höre den Unteroffizier vom Dienst durch das Lager zum Stalldienst

rufen, und schnell statte ich noch meinem Halbblutpferdehengst Otto,

der dem Herrn Feldwebel an Stelle des Maultiers Alphons zugeteilt

worden war, einen Besuch ab; denn Punkt sieben Uhr durfte ich meinen

Kompanieführer bereits im Büro erwarten. Die Tierpflege spielte sich in

jener Übergangsperiode von einer berittenen bewaffneten Farmerschar zu

einer Kompanie in der Weise ab, daß zwar jeder Schütze für die Pflege

seines Reittieres verantwortlich war und zum Stalldienst erscheinen

mußte, aber die eigentliche Arbeit seinem schwarzen Boy überlassen

konnte. Jedem Schützen standen zwei von ihm selbst bezahlte und von der

Truppe verpflegte schwarze Diener zu.

[Illustration]

Unsere Schützen erschienen also zum Stalldienste. Die Hände in den

Hosentaschen, die Pfeife oder Zigarette im Munde, lebhaft oder noch

schläfrig miteinander plaudernd, standen sie bei ihren Tieren und

sahen zu, wie diese von ihren Boys gefüttert, aufgestallt, geputzt und

gestriegelt wurden. Ein Tierpfleger von Natur, wie ich ihn z. B. in dem

Basutokaffer in Südafrika kennenlernte, ist der ostafrikanische Neger

nicht. Er hat keine Sympathie mit dem Reittiere. Woher sollte er sie

auch haben? Keiner der ostafrikanischen Negerstämme hat je Reittiere

gehabt außer vielleicht einigen störrischen Eseln, die ihnen aber nicht

zum Reiten, sondern zum Lastentragen dienen. Der Negertierpfleger war

nur ein Notbehelf, aber, wie es uns schien, ein unvermeidlicher. Denn

die wenigen Leute der Kompanie, auf denen der ganze Aufklärungsdienst

ruhte und die infolgedessen viel häufiger an die Reihe kamen,

Patrouillen zu reiten, als es bei einer größeren Kavallerietruppe der

Fall gewesen wäre, sollten doch während der wenigen Tage im Lager

möglichst Ruhe haben, um sich körperlich und geistig aufzufrischen.

Lassen wir sie darum die Stunde des Stalldienstes, morgens und abends,

unter Lachen und Scherzen die letzten Patrouillenerlebnisse, die

neuesten europäischen und afrikanischen Kriegsnachrichten erörtern und

Lagerwitze austauschen. –

Ich mußte nun zurück in das Büro, allwo Unteroffizier Horn dem

Kompanieführer bereits die eingelaufenen Postsachen vorlegte. In den

ersten Wochen als Kompaniefeldwebel bin ich nun den ganzen lieben

langen schönen Tag nicht mehr aus dem Büro herausgekommen, außer

wenn ich die Kompanie zum Dienstempfang antreten ließ oder, zum

Abteilungsführer Hauptmann Fischer befohlen, nach dem Telephonhügel

hinüber ritt, um mir einen wohlverdienten Anpfiff abzuholen, der

für das Telephon zu kompliziert war. Eine Tasse Kaffee bekam ich

dann hinterher zur Beruhigung. Ich hätte nie für möglich gehalten,

daß ein gereifter Mann noch soviel Bockmist anstellen könnte, bis

er den täglichen Stärkenachweis so abzufassen versteht, wie der

Abteilungsführer es haben will. Und ich hatte mal geglaubt, die ganze

Kunst, Feldwebel zu spielen, bestände darin, wichtig auszusehen,

gelegentlich Urlaub zu befürworten und sich dafür zu Weihnachten ein

Piano schenken zu lassen!

Arbeit gab es im Büro, daß einem bange davor werden konnte. Außer einem

Haufen unsortierter Akten und Schriftstücke, unfertiger Stammrollen

der Mannschaften und einer angefangenen, aber nicht fortgeführten

Stammrolle der Reittiere fand sich nichts im Büro vor. Mit Macht

stürzte sich der neue Kompanieführer über dieses Chaos her, und mit der

seinen Jahren zuständigen Ruhe folgte ihm der neue Feldwebel bedächtig

nach. So ergänzten sich Oberleutnant Büchsels Arbeitswut und meine

Ruhe ganz glücklich. Besondere Schwierigkeit machte die Stammrolle der

Tiere. Es kamen von ihren früheren Besitzern Gesuche um Ausstellung

von Requisitionsscheinen über Reittiere, die schon längst im Gefecht

gefallen waren und die weder mein Chef noch ich je gekannt hatten.

Dann entstand eine wilde Korrespondenz. Wer hat das Tier requiriert?

Welcher Preis war vereinbart? Wer weiß, wo und wann das Tier geblieben

ist? und so weiter, bis wir uns zu jemandem durchgefragt hatten, der

die nötigen Angaben machen konnte. Nachdem der ganze Aktenstapel

durchgeackert war, wurden sie in verschiedene Mappen klassifiziert. Es

wurde ferner ein Korrespondenzjournal, es wurde eine Vorlage- und eine

Wiedervorlagemappe eingerichtet. Es wurde ein Befehlsbuch geschaffen,

in dem täglich die Kommando-, Abteilungs- und Kompaniebefehle

eingetragen wurden. Zur Ergänzung des letzteren führte ich noch ein

Dienstbuch, aus dem ich übersichtlich entnehmen konnte, wer für Wache,

Patrouille, Vorposten, Arbeitsdienst oder Unteroffizier vom Dienst an

der Reihe und zu kommandieren war.

In alle diese Arbeiten bimmelte Sim den ganzen Tag munter hinein, war

doch der Apparat in meinem Büro vorläufig der einzige am Doppelberg.

Die 21. Askarikompanie, die auf dem Kamme des Berges lag, und unser

jüngeres Konkurrenzunternehmen, die »Fliegenden Hunde«, die jenseits

der Einklüftung hausten, von der der Berg seinen Namen hatte, besaßen

keine Telephonanlage. Das war zwar unter dem Gesichtspunkte der

Anciennität sehr richtig, aber insofern doch unbequem, als nun ihre

Telephonordonnanzen den ganzen Tag vor meinem Büro herumlungerten und

es in diesem ein ewiges Gerenne und Gehaste von Telephonbesuchern gab

– bis Karl Blaich ein Einsehen hatte, eine besondere Telephonbude vor

meinem Büro baute und den ganzen Laden dort hineinsteckte. Übrigens

mußten alle eingehenden und ausgehenden Telephongespräche, die meine

Kompanie angingen, natürlich auch gebucht werden. Also schon wieder ein

Buch mehr.

Die allergrößte Aufgabe des Kompaniebüros, um deren Lösung sich der

geniale Unteroffizier Rimpler als Nachfolger des Unteroffziers Horn

sehr verdient machte, war die Ausarbeitung eines Inventarienkontos.

Es hat viele Monate gekostet, es fertigzustellen. Alles Inventar der

Kompanie mußte doch verbucht sein! Vorläufig wußte aber kein Mensch,

was Kompanie- und was Privateigentum der Schützen war. Viele der

Farmer hatten sich zwar über die von ihnen in den Krieg mitgebrachten

Reittiere, Waffen, Zelte und sonstige Ausrüstungsstücke nachträglich

von irgendwem einen Requisitionsschein ausstellen lassen, aber

diese Scheine erschienen doch nicht rechtsgültig, da auf ihnen der

Einnahmevermerk der Kompanie und der Hinweis auf Seite und Nummer des

Inventarienkontos fehlten, und überhaupt mußten doch erst einmal all

diese Transaktionen zusammenhängend und übersichtlich verbucht werden.

Man glaubt gar nicht, wieviel Schreibarbeit im Kriege unerläßlich

notwendig ist!

Bei der Inventaraufnahme stellte sich aber auch heraus, daß immer

noch eine Menge militärischer Ausrüstungsstücke Eigentum der Schützen

waren. Das führte zu bedenklichen Komplikationen. Wenn z. B. bei

einer Sattelrevision festgestellt wurde, daß dieser oder jener

Sattel das Tier drücke und deshalb umzutauschen sei, dann kam der

Einwurf: »Herr Wachtmeister, der Sattel ist mein Privateigentum.«

Der Farmer hatte Sattel und Tier mit in den Krieg gebracht, das Tier

aber, das zu dem Sattel gepaßt hatte, war tot. Was war da zu tun?

Wir konnten doch nicht dem Eigentumssattel zuliebe ein zu diesem

passendes Tier suchen! Andererseits litt die Kompanie derartig Mangel

an brauchbaren Sätteln und Ausrüstungsstücken überhaupt, daß sie die

Privatstücke der Mannschaft gar nicht entbehren konnte. Die Lösung

dieses Dilemmas geschah nun auf die Weise, daß ich in das Befehlsbuch

den neuen Kompaniebefehl einzutragen hatte: »Eigentümer müssen ihre

Ausrüstungsstücke an die Kompanie verkaufen.« Und dann gab es wieder

neue Inventarstücke zu buchen. –

Während der Kompanieführer, Rimpler und ich im Büro schufteten und

ich unter freundlicher Mitwirkung von Sim zum erstenmal in meinem

Leben merkte, daß der Mensch seine Nerven fühlen kann, ritten die

glücklicheren Kameraden lustige Patrouillen, aalten sich im Lager

und schimpften auf die Verpflegung. Letzteres war unzeitgemäß, denn

die Kompanie fing eben schon an, neben der Verpflegung, die die

Etappe lieferte, auf eigene Rechnung Vorräte einzukaufen und an die

Mannschaften zum Einkaufspreise weiterzugeben.

Bisher hatte das Kompaniemagazin nur die Aufgabe gehabt, die von der

Etappe gelieferte Verpflegung an die Farbigen weiterzuverteilen und an

die Europäer ~a conto~ ihres Verpflegungsgeldanspruches von monatlich

neunzig Rupien weiterzugeben. Jeder Europäer hatte nehmen müssen, was

die Etappe zufällig schickte; er mußte Tabak nehmen und dafür zahlen,

ob er Raucher war oder nicht, er mußte Ölsardinen kaufen, und wenn

ihm übel davon wurde. Das wurde jetzt anders. Der Schütze Bruno Muhl,

ein Kaufmann aus Aruscha, wurde Magazinverwalter und kaufte nun ein:

von unsern eigenen, peinlichst geheimgehaltenen Bezugsquellen in der

Landschaft Speck, Wurst, Butter, Eier, Käse, Gemüse, Obst, und in den

Küstenstädten Tabak, Zigarren, Zigaretten, Zucker, Schokolade und vor

allem Alkohol, der, in Amani entdeckt, jetzt von vielen unternehmenden

Leuten, meistens Griechen, in allen möglichen zweifelhaften Qualitäten,

aber in unzweifelhaft großen Quantitäten hergestellt wurde. Das

alles verkaufte Muhl in seinem Laden an Offiziere und Mannschaft zum

Selbstkostenpreis weiter, jedem, was er haben wollte, und legte am

Zahltage prompt seine Monatsrechnung vor.

Angespornt durch den Beifall, den dieses erste eigene

Handelsunternehmen der Kompanie allgemein fand, befaßte sich die

Kompanie dann auch mit dem Ankauf größerer Posten von Unterzeug,

Hemden, Strümpfen, Handtüchern usw., lauter Sachen, deren Mangel um

diese Zeit schon bedenklich fühlbar zu werden anfing. Der Soldat

erhielt monatlich fünfundzwanzig Rupien Bekleidungsgeld, war also

kaufkräftig.

Mit hartnäckiger Ausdauer erließ ferner unser neuer Chef eine

Bedarfsanzeige nach der andern an das Etappenkommando für

Ausrüstungsstücke. Da ging es mit einem Male, und nach und nach

konnten die alten vorsintflutlichen Sättel und verschiedenkalibrigen

Jagdgewehre abgestoßen werden. Ganz gleichmäßig mit dem Karabiner 98

konnte unsere Kompanie freilich erst ausgerüstet werden, nachdem die

Ladung des vor Tanga im April 1915 durch die Engländer versenkten

Blockadebrechers doch noch geborgen worden war.

Zu jener Zeit wurde auch in Afrika mit aller Kraft an der

Heeresvermehrung gearbeitet. So wurde auch alles, was an Pferden und

Maultieren im Innern der Kolonie noch aufgebracht werden konnte,

aufgekauft, und jede der beiden Berittenen Kompanien erhielt etwa

zwanzig neue Reittiere. Aber die dazu gehörenden europäischen Reiter

konnte uns das Kommando wegen der allgemeinen Heeresvermehrung

nicht mehr abgeben, nur noch Askari, die im ganzen Lande in vielen

Rekrutendepots immer neu ausgebildet wurden.

In meiner Kompanie erhielt der Sergeant, spätere Vizewachtmeister

Schmid, vor dem Kriege Polizeiwachtmeister im Aruschabezirk, der 1917

den Heldentod fand, den schwierigen Auftrag, die Negersoldaten im

Reiten auszubilden. Schmid war bei der Feldartillerie Futtermeister

und Reitlehrer gewesen und hatte jahrelang Rekruten ausgebildet – wenn

also einer der Aufgabe gewachsen war, so war er es. Trotzdem war das

Resultat wenig befriedigend. Unter den uns zugeteilten Askari waren

einige Somali, Leute, die vielleicht selbst nie geritten hatten, aber

deren Stamm in Englisch-Somaliland doch Reittiere besitzt; diese ließen

sich leidlich an. Die andern Askari aber, die aus Deutsch-Ostafrika

stammten, haben das Reiten nie gelernt, wenigstens nicht in den

sechzehn Monaten, in denen ich sie beobachten konnte. Sie lernten auf

den Tieren zu hängen, Schritt, Trab und, wenn das Gelände sehr gut

war, auch Galopp zu reiten, ohne abzufallen, aber auch dabei war nicht

der Wille des Reiters, sondern der des Tieres der maßgebende Faktor.

Der Neger Deutsch-Ostafrikas ist einmal nicht im Einklange mit dem

Reittier, er kennt es nicht.

Mit den Reittieren waren Sättel angekommen – leichte, elegante

Sättel, wie sie sich nur der feine Stadtherr, der täglich eine Stunde

spazierenreitet, andrehen lassen kann. Das Bedenklichste an ihnen war

die Steigbügeleisenweite. Als die Askari zum erstenmal beritten gemacht

wurden, konnten die meisten ihre breiten Negerfüße – Stiefelnummer 13!

– nur seitwärts in die Steigbügel hineinschieben. Auf das Kommando

»Absitzen« saßen viele in den Bügeln fest. Einer saß so fest, daß er

überhaupt nicht mehr los kam, obwohl Sergeant Schmid es mit einem

Hammer versuchte. Der unglückliche Askari glaubte bereits, zeitlebens

auf dem Rücken des ihm höchst unsympathischen Reittieres verbleiben

zu müssen, bis ich die Situation löste und den Askari mitsamt seinem

Sattel vom Rücken des bockenden Maultieres abstreifen ließ. Dann wurde

er hingelegt und befreite sich vom Sattel, indem er die Stiefel auszog;

letztere mußten dann aus den Steigbügeleisen herausgemeißelt werden.

Es dauerte lange, bis wir Steigbügeleisen auftrieben, die zu den

Askarifüßen einigermaßen paßten.

Etwa gleichzeitig mit den Askari erhielten wir auch zwei neue

Offiziere. Oberleutnant Meyer, ein aktiver Schutztruppenoffizier,

ein baumlanger Hannoveraner vom Siebenmeyerhof, mit dessen Onkel ich

in meiner Jugend in Verden acht Wochen geübt hatte, wurde von der

9. Feldkompanie zu uns versetzt und erhielt den zweiten Zug, zu dem

auch die Reitaskari gehörten. Kurz zuvor war Oberleutnant Trappe, ein

Viehfarmer des Nordbezirkes, zur Kompanie gekommen; er führte den

dritten Zug.

So waren wir nun zu größeren Taten gerüstet.

Die Kavalleriebrigade und die Zebraspuren

Unser neuer Kompanieführer hatte außer einer enormen Arbeitswut

einen nie rastenden Unternehmungsgeist mitgebracht. Es mußte immer

etwas im Gange oder doch zum mindesten in Vorbereitung sein. Unter

seiner Führung kam die Zeit der Kompaniepatrouillen, wirklicher

Kampfpatrouillen. Die erste, die ich mitritt, ging zu den Nyirisümpfen,

ostsüdöstlich vom Amboselisee; an ihr nahmen sogar die beiden

Berittenen Schützenkompanien teil. Eine Schleichpatrouille der

»Fliegenden Hunde« wollte dort Feind, oder wenigstens Spuren vom

Feind gesehen haben. Da die feindlichen Patrouillen letzthin stets

hundertzwanzig bis hundertsechzig Mann stark gewesen waren, sollte auch

unsererseits diesmal in größerer Stärke ausgerückt werden.

Hauptmann v. Boemcken führte diesmal die ganze Ostafrikanische

Kavallerie»brigade«. Es ging über Gehöft Olmolog hinunter zum

Brakwasser und über die Grenze hinüber zum Kitiruawasser, in dessen

Nähe wir die zweite Nacht in einem Gebüsch lagerten. Da der böse Feind

ganz in der Nähe sein sollte, durften wir weder Feuer anmachen noch

laut sprechen. Es schwärmte dort von Moskitos und stank bestialisch

nach Nashorn und Löwen. Zum Schutz gegen letztere hatten wir

unsere Reittiere in der Mitte festgemacht und uns im Kreise um sie

herumgelegt, zum Teil so nahe, daß die Tiere auf die Schläfer äppelten.

Ich hatte einige Stunden lang schlaftrunken Moskiten abgewedelt, da

schrie ein Maultier in Todesängsten, daß alle erschrocken auffuhren.

Ein Löwe hatte sich durch unsere Postenkette durchgeschlichen, war über

die schlafenden Schützen hinweg einem jungen fetten Maultier auf den

Rücken gesprungen und eben dabei, diesem den Halswirbel durchzubeißen.

Mit dem Bajonett wurde er vertrieben. Die Aufregung hatte sich noch

nicht gänzlich gelegt und einzelne Schützen sahen noch ständig

Raubtieraugen im Dunkeln durch das Gras funkeln, als derselbe Löwe

nochmals unter die Reittiere sprang. Die wegen der mutmaßlichen Nähe

des Feindes befohlene Ruhe war durch diese Löwenüberfälle und deren

Abwehr nun doch mal illusorisch geworden – sollten Mensch und Tier in

dieser Löwengrube zu einigen Stunden Schlaf kommen, dann mußten Feuer

angezündet werden. War Feind in der Nähe, so hatte er den Lärm nun doch

längst gehört.

Wir ritten für Deutsch-Ostafrika · 第 5 / 17 段