Da stand also neben der vom Boy angezündeten Sturmlaterne eine Tasse

schwarzen Kaffees auf einer Kiste am Kopfende meines Bettes, und vor

diesem, so daß ich nur hineinzufallen brauchte, meine Badewanne voll

kalten Wassers. »Bett« hätte ich nicht sagen sollen. In einem Bett

habe ich in den zwei Jahren an der Front in Deutsch-Ostafrika nur

_eine_ Nacht geschlafen, und zwar im Quartier bei dem Farmer Egger am

Meru. Dort schlief ich in einem richtiggehenden Bett. Das heißt, ich

lag darin und – wachte. Vor lauter Staunen über diesen ungewohnten

Luxus konnte ich nicht schlafen. In unsern Feldlagern hatten wir keine

Betten. War das Lager lange genug auf demselben Fleck, dann wurden

Kitandas gebaut.

Wenn man in das Taschenwörterbuch der Suahelisprache von Professor Dr.

Velten schaut, findet man Kitanda mit »Bett, Bettstelle« übersetzt. Zu

übersetzen wüßte ich das Wort auch nicht anders, aber wer bei unserer

Kitanda im Kriege an ein gutes deutsches Bett denkt, bekommt doch eine

falsche Vorstellung. Zum Bau einer Kitanda ist seitens des Europäers

weiter nichts erforderlich als der Besitz von Veltens besagtem

Taschenwörterbuch. Er schlägt nach: »machen« = kufanya, ruft seinen Boy

und sagt: »fanya kitanda« und geht zum Früh- oder Abendschoppen, je

nach der Tageszeit.

Der Boy pflanzt unterdessen vier Stöcke mit gabelförmigen Enden, die er

sich irgendwo abgehauen hat, fest in die Erde, die Gabeln nach oben.

Die vier Gabelstöcke bilden die Ecken eines Rechteckes, das die Länge

des Bana und die Breite eines Meters hat. In die Gabeln legt der Boy

zwei Längs- und zwei Querstangen, die er mit Bast anbindet. Auf das so

ein bis eineinhalb Fuß über dem Erdboden entstandene Gestell bindet

der Boy querüber mit Bast dicht nebeneinander geschmeidige, dünne

Stöcke.

Ich sage immer: Der Boy tut das und das. Natürlich tut kein Boy, der

das geringste Ehrgefühl für seinen Stand im Leibe hat, etwas selbst,

solange er noch irgendwo einen Mpagazi [Träger] oder Buschneger

auftreiben kann, über den er kraft der Stellung seines Herrn Autorität

ausüben zu können glaubt. Die eigene Würde nach der Würde seines

Herrn einzuschätzen, ist ein typischer und an sich ganz menschlicher

Zug, der wohl nicht nur Negerdienern eigen ist. Im gewöhnlichen Leben

wird dieser Zug meistens Heiterkeit, selten Unwillen erregen. Unter

militärischer Ordnung war er oft recht unbequem. Meine Boys haben

einmal sogar fünfzehn Hiebe bekommen, weil sie, immer und immer wieder

vom Größenwahn gestochen, glaubten, als »waboi ya bana Feldwebel« die

für den Troß bestimmten Kompaniebefehle nicht ausführen zu brauchen.

Mit den Boys der Offiziere war es genau so. Ein Offiziersboy, der mir

vom Unteroffizier vom Dienst gemeldet und vorgeführt wurde, da er

beim Posho[tägliche Ration]-Empfang ständig fehlte, berief sich allen

Ernstes darauf, er sei doch »boy ya bana von«.

Für mich war es stets ein schwerer Gang, wenn ich zur Aufrechterhaltung

der Disziplin und Ordnung einen Askari, Boy oder Mpagazi zur Bestrafung

melden und dann noch zu meiner eigenen Pein der Strafvollziehung

persönlich beiwohnen mußte. Den Asiaten gegenüber, den Chinesen, mit

denen ich in Australien hatte arbeiten müssen, und den Massai, die auch

asiatischer Abstammung sein sollen, ist es mir nie schwer geworden,

nötigenfalls mein Herz zu härten. Dem afrikanischen Neger habe ich,

weder in Süd- noch in Ostafrika, niemals ernstlich böse sein können.

Sie sind solche Naturkinder, und selbst ihre Gassenbubenstreiche kommen

meistens aus einem so fröhlich kindlichen Gemüt, daß man sie trotzdem

liebhaben muß.

Und wie treu waren sie ihrem Herrn ergeben! Sakiva und mein zweiter

Boy Petro, dessen ganze Empfehlung, in Ermangelung des sonst üblichen

Dienstbuches, ein bei einer Rauferei verlorenes Auge und der Umstand

waren, daß er von einer Mission ausgerissen war, sind vom Anfang des

Krieges bis zu meiner Gefangennahme zu Ende des dritten Kriegsjahres

ohne einen Tag Urlaub mit mir in Deutsch-Ostafrika herumgezogen.

Mein Koch Mohamadi, die Perle aller Köche, die ich mir erst erwarb,

nachdem ich mich acht Monate mit einem Koch gequält hatte, unter dessen

Händen alles, was er ansetzte, letzten Endes zu Irish stew wurde, war

ebenfalls bis zum letzten Tage bei mir.

Auf dem Rückmarsch vom Posten Engaruka zu meiner Kompanie zur Zeit

des Beginns der großen englischen Offensive Anfang 1916 war ich noch

gerade eben vor dem Feinde durchgekommen. Meine Bagage, Koch, Boys,

Wapagazi und Krieg hatte ich der Abteilung Aruscha übergeben, die im

Begriff stand, große Bagage zur Mittellandbahn abgehen zu lassen.

Diese Bagage fiel in die Hand des Feindes. Als bei dieser Gelegenheit

alle Träger ausgerissen waren, rettete Mohamadi seine Kochkiste und

jeder Boy eine Last. Anstatt sich nun mit diesen Schätzen in den nahen

heimatlichen Urwald am Kilimandscharo – alle drei waren Wachagga –

auf Nimmerwiedersehen zu verbergen, nahmen sie jeder seine Last auf

den Kopf – was das für den Stolz eines Koches oder Boys bedeutet,

versteht nur der Afrikaner – und suchten mich im ganzen großen

Deutsch-Ostafrika. Erst nach fünfwöchigen Irrfahrten haben sie mich

gefunden. Petro, der man immer ’n büschen dünn war, war zum Skelett

abgemagert, und Sakiva raste derartig im Fieber, daß er gleich auf die

Krankenliste mußte. Wer sich über die Wiedervereinigung mehr freute –

meine drei schwarzen Kriegsgefährten, Krieg oder ich, wäre schwer zu

entscheiden gewesen. Gebärden taten wir uns alle fünf wie toll und –

nach langer Zeit gab es zum erstenmal wieder etwas Schmackhaftes zu

essen.

Das war ja gerade die Kunst von Mohamadi, daß er überall, unter allen

Umständen, ob Proviant da war oder nicht, seinem Bana irgend etwas

Schmackhaftes, appetitlich serviert, vorzusetzen wußte. Kaum war der

Befehl zur Marschpause bis zur Trägerkolonne durchgedrungen, hatte

Mohamadi schon ein oder zwei Pötte über seinem Feuer. Dauerte die

Pause nicht lange genug, um das Essen fertigzumachen, dann nahm er

die dampfende Speise mit auf den Marsch, um sie beim nächsten Halt

weiterzukochen, zu rösten oder zu schmoren. War auch nur einer meiner

drei Getreuen bei mir, dann war ich stets mit allem Notwendigen

versehen. Leider hatten wir Berittenen die Bagage, die zu Fuß ging,

nicht immer bei uns.

[Illustration]

Doch zurück zum Bau der Kitanda. Auf das wie beschrieben entstandene

Gestell wird eine dicke – am dicksten am Kopfende – Schicht weichen

Heus gelegt, die wie eine Matratze durch schmale Baststreifen auf die

Lade festgenäht wird. Nun ist die Kitanda fertig. Wenn man ein gutes

Gewissen hat und nicht gar zu arg empfänglich für Flöhe ist, schläft es

sich, in die Pferdedecken gewickelt, großartig darauf. Feinschmecker

in Kitandaangelegenheiten, besonders solche, die auf das Federn des

Unterbettes Gewicht legen, lassen über das Gestell nicht biegsame

Stöcke legen, sondern angefeuchtete Rindshautstreifen kreuz und quer

ziehen, die, wenn sie trocken werden und sich stramm eingespannt haben,

ein sehr elastisches Unterbett bilden.

Wenn ich nicht in dem festen Glauben lebte, daß alles in der Natur

wunderbar zu meinem endgültigen Besten eingerichtet sei, müßte ich

mich doch wundern, warum Ungeziefer mich immer gerade an den Orten am

meisten peinigt, von denen ich nicht weglaufen kann. Nie haben mich,

trotz täglichen Kochens meines einzigen Hemdes und, wenn dieses trocken

war, meiner einzigen Hose, Kleiderläuse so vorgenommen, wie während der

denkwürdigen Tage, die ich als Kriegsgefangener in Kondoa eingesperrt

war; wohl aus Mangel an Energie, einen andern Platz zu suchen, aus dem

wir nicht ausbrechen konnten, hatten die Engländer uns in das alte

Eingeborenengefängnis mit etwa hundert Buschnegern zusammengesperrt.

Nie haben mich Wanzen so gepiesackt, wie in Ahmednagar hinter dem

Stacheldraht. Nie im Leben bin ich so von Flöhen gebissen worden,

wie in den Grashütten und Graskitanden unserer ostafrikanischen

Feldlager, wo ich als Feldwebel doch nicht entweichen konnte. Weder

die häufige Erneuerung des Bettheus noch die peinlichste persönliche

Sauberkeit nützen das geringste. Um die Flöhe loszuwerden, hätte man

jeden Sonnabend das ganze Lager abbrennen müssen. Das ging natürlich

nicht. Daß wir so viele Flöhe in unsern Feldlagern hatten, war zum Teil

freilich unsere eigene Schuld. Die meisten von uns hatten einen Hund,

viele hatten zwei Hunde, Trommershausen deren fünf oder sechs, und

Martin Köhler, der Schaf-, Hühner-, Bienen- und Brieftaubenzüchter vom

Meru, selbstverständlich eine Hundezucht. Diese treuen Gefährten des

Menschen und unser Troß von Dienern und Trägern schleppten die Flöhe

getreulich von einem Lager zum andern.

Da ich doch mal bei dem Thema »Floh« bin, will ich gleich einen

besonderen Vertreter dieser Spezies erwähnen. Er war mir eine neue

Bekanntschaft; in Australien und Südafrika hatte ich diesen Floh noch

nicht kennengelernt. Er ist von Amerika importiert und dann vom Westen

nach dem Osten durch Afrika verschleppt worden. Er hopst nicht vergnügt

und offenkundig durchs Leben wie unser Hausfloh, sondern versteckt sich

heimlich im Staub und Sand und lauert dort tückisch unter dem Namen

»Sandfloh« auf seine Opfer. Hat sich was Nacktes in den Sand gesetzt

oder fegt der Staub über nackte Füße, dann sagt Vater Sandfloh zu

Mutter Sandfloh: »So, Altsche, nun ist es Zeit, niederzukommen.« Flugs

bohrt sich die Alte unter die nackte Haut unter oder an der Seite der

Zehennägel oder da ein, wo sie sonst eine weiche Stelle oder eine

besonders bequeme Hautpore findet, und der Besitzer dieser Haut hat

wieder mal einen Sandfloh.

Zuerst winzig klein und kaum erkennbar, läßt Mutter Sandfloh nun ihren

Eiersack unter der Haut wachsen und, wenn sie niemand stört, bringt sie

es damit bis zur respektablen Größe einer Bohne. Schlau ist sie dabei,

teuflisch schlau. Sie sticht nicht, sie beißt nicht, sie zwickt nicht,

nur ganz leise kitzelt sie ihr Opfer, so daß der Unerfahrene die Gefahr

nicht ahnt, die an der sanft errötenden Stelle seiner kleinen Zehe

anwächst. Er fühlt weder einen Schmerz noch ein Brennen oder Jucken,

sondern nur einen sanften, ich möchte sagen wollüstigen Kitzel.

[Illustration]

Nun ist es die höchste Zeit, den Boy zu rufen und »tafuta funza«

[suche den Sandfloh] zu sagen. Der Boy holt sich eine Nähnadel – denn

er ist natürlich auch der Flickschneider seines Bana –, sterilisiert

sie im Feuer oder in der Lichtflamme, hockt nieder, nimmt deinen Fuß

auf seinen Schoß und operiert mit einem Geschick und einer Zartheit,

die nur die Übung und das Leiden am selben Übel erzeugen können.

Rechtzeitig gerufen, ist der Boy dieser Operation immer gewachsen,

und in Gegenden vieler Sandflöhe, gegen die weder Reinlichkeit noch

Stiefel und Strümpfe absolut schützen, läßt man sich am praktischsten

seine Füße täglich vom Boy genau untersuchen. Bei der weiteren

Entwicklung des Eiersacks und gar beim Auskriechen der Maden können

schwere Entzündungen eintreten. Leute meiner Kompanie wurden wochenlang

dienstuntauglich durch Mutter Sandfloh und ihre Zicken. Neger mit

verkrüppelten Füßen und Löchern in ihrer Sitzfläche sind, besonders in

der Nähe von Karawanenstraßen, keine Seltenheit. –

Ich begann in diesem Kapitel die Schilderung eines Tageslaufs eines

ostafrikanischen Etatsmäßigen mit dem sanften Wecken meines Boys.

Inzwischen ist es höchste Zeit geworden, aufzustehen. Die Tasse

schwarzen Kaffees und eine Morgenzigarette in der Kitanda haben

mich ganz munter gemacht. Also nun schnell ins Wasser! Denn vor dem

Kompaniebüro treten schon die hundertfünfzig zur Kompanie gehörigen

und die fünfzig von der Abteilung geborgten Wapagazi zur Arbeit

an. Der Kompanieschreiber, Unteroffzier Horn, verliest ihre Namen,

und der Unteroffizier vom Tagesdienst geht vor ihrer Front auf und

ab, ärgerlich, daß er so früh hat aufstehen müssen. Kalt war es

ganz infam, und Alkohol zum Zähneputzen war für Geld nicht mehr zu

haben. Wir befanden uns damals in der Zeit, in der der europäische

Alkohol, der noch im Lande war, nicht mehr bis an die Front kam. Er

reichte nicht mehr für beide, für Etappenpersonal und Frontsoldaten.

Der Fehler lag also beim Alkohol – nicht etwa beim Etappenpersonal.

Ein Hoffnungsstrahl leuchtete aber bereits hinein in diese

trockene, durstige Zeit. Amani, die biologisch-landwirtschaftliche

Versuchsstation, war daran, einen Whiskyersatz zu erfinden.

Die Träger waren natürlich nicht vollzählig zur Stelle, und die

besten Listen des Unteroffiziers Horn stimmten mal wieder nicht.

Unteroffizier Horn, Missionsbautechniker aus Aruscha, von der Kompanie

»der Gesundbeter« genannt, ein unermüdlicher Arbeiter und der bravsten

Soldaten einer, konnte noch so lange Reden halten, der Feldwebel und

der Kompanieführer konnten – in umgekehrter Reihenfolge – sich noch so

böse stellen, die Listen stimmten auf den ersten Anhieb nie mit den

Trägern überein.

Die Trägeraufseher, meistens nur dadurch kenntlich, daß sie träger

waren als die Träger und einen Regenschirm besaßen, und drei frühere

Polizeiaskari, die der Trägerkolonne als Wächter zugeteilt waren,

suchten nun die Trägerhütten heim und brachten die Drückeberger zum

Vorschein. Unteroffizier Horn zählte sie und las die Namen nochmals

vor, was nicht so einfach ist wie etwa beim Militär zu Hause. Die

Neger sind so frühmorgens noch ganz dösig, und viele haben in ihrem

Leben schon so viele »Alias« gehabt, daß sie sich, aus dem Halbschlaf

plötzlich aufgeschreckt, auf ihren gegenwärtigen Namen nicht besinnen

können. Es stimmte also immer noch nicht. Die Hospitalkranken wurden

aufgerechnet, die Revierkranken zur Seite gestellt. Stimmte immer

noch nicht genau, aber wir waren nicht mehr ganz so weit entfernt von

der Richtigkeit. Da fiel dem Unteroffizier Horn plötzlich ein, daß

er gestern sechs Träger zur Etappe Geraragua geschickt hatte, die

noch nicht zurück waren. Na also! Der erste große Kampf des Tages war

beendet.

Inzwischen war der Kompaniebaumeister, der Unteroffizier Karl

Blaich, auf der Bildfläche erschienen – einer unserer umsichtigsten

Patrouillenreiter und, ehe wir Buren zur Kompanie bekamen, wohl neben

Unteroffzier Thiele der beste Porikenner und Patrouillenspitzenreiter.

Karl Blaich war von deutschen Eltern in Palästina geboren, dort groß

geworden, und manchen langen Patrouillenritt hat er mir verkürzt mit

der Schilderung der dortigen Siedlungsverhältnisse. Seine beiden

Vettern Gotthilf und Bernhard Blaich, der letztere wegen seines

jugendlichen Aussehens von den Kameraden »Mariechen« genannt, waren

ebenfalls bei der Kompanie. Deren Vater, ein schon älterer, aber noch

rüstiger Mann, hatte ein hübsches Anwesen im Aruschabezirk, und wer

mal sehen will, was eine fleißige Familie mit geringen Anfangsmitteln

aus Wald- und Steppenboden Ostafrikas in wenigen Jahren machen kann,

braucht nur Vater Blaich am Ussa zu besuchen.

Vater Blaichs Gastfreundschaft kannte keine Grenzen. Meine Kompanie

hat eine Nacht bei ihm in Quartier gelegen. Das war Ende 1915. Wenn

die Kompanie später mal ausnahmsweise – durch die Unvorsichtigkeit

irgendeines Etappenfritzen – was Gutes zu essen erwischte, dann sagte

August Dehnecke, der soviel verdrücken konnte wie zwei gewöhnliche

Sterbliche, in seinem langsamen, tiefen Baß: »So gut wie bei Mutter

Blaich ist es doch nicht!« Das Essen bei Mutter Blaich war der Maßstab

geworden, an dem die Kompanie seit jenem unvergeßlichen Quartier alle

materiellen Genüsse maß.

Während alle andern, die nicht auf Patrouille waren, sich im Lager

aalten, mußte der Unteroffzier Karl Blaich immer gleich wieder ins

Geschirr, sobald er von Patrouille zurückkam. Unteroffzier Blaich

baute. Wie im Hades Sysiphos nie aufhört, den schweren Stein zu

rollen, so hörte Karl Blaich nie auf zu bauen. Er baute aus Gras

Soldatenwohnungen, Pferdeställe, Latrinen, Küchen, Trägerhütten ohne

Zahl. War ein Lager halb, drei Viertel oder gar neun Zehntel fertig,

dann wurde es sicher aus strategischen Gründen verlegt, und Karl Blaich

mußte wieder neu anfangen zu bauen. Wenn Karl Blaich Fieber hatte,

baute er Graspaläste in seinen Fieberträumen, einen noch kunstvoller

als den andern. Alpdrücken äußerte sich bei ihm in Bauten, die nicht in

Reih und Glied oder lotrecht stehen bleiben wollten.

Heute war Karl Blaich nicht auf Patrouille, folglich baute er heute.

Ob es ein Sonntag oder ein Wochentag war, wußte in der ganzen Kompanie

höchstens der Gesundbeter. Karl Blaich wußte es nicht. Er baute.

Alle Träger, die nicht bestimmt waren, Futtergras für die Reittiere

zu schneiden oder Proviant für Mensch und Tier von der nächsten

rückwärtigen Etappe zu holen, bekam Unteroffizier Blaich zugeteilt. Mit

Hilfe seines Adjutanten, des Gefreiten Knepper aus Sachsen, teilte er

die Träger flink zur Arbeit ein.

Der Gefreite Knepper, im Zivilberuf Missionshandwerker, war die

wandelnde Handwerkerstätte. Was er in seinen bauschigen Hosentaschen

nicht bei sich trug, braucht man auch im Felde nicht. Wie seine

Hosentaschen, die ihm wachend oder schlafend stets ein Viertel

Meter von den mächtigen Schenkeln abstanden, waren auch die enormen

Packtaschen am Sattel seines Reittieres bis zum Platzen gefüllt. War

jemandem aber auf dem Marsch der Bügelriemen, der Bauchgurt gerissen

oder am eigenen Leibe etwas abgesprungen oder geplatzt, so hatte sicher

der Gefreite Knepper Handwerkszeug und Flickmaterial in der Tasche.

Es bedurfte nur einiger, seine Fürsorge lobender Worte, und sofort

beugte sich Kneppers großes, vor Gutmütigkeit strahlendes Gesicht über

den reparaturbedürftigen Gegenstand. Während er fädelte und flickte,

erzählte er gerne, wie er sich als Handwerksbursche auf der Walze durch

Europa angewöhnt habe, stets eine Miniaturtischler-, -schneider- und

-sattlerwerkstätte in seinen Hosentaschen mitzuschleppen.

Noch eine Gewohnheit hatte der Gefreite Knepper von der Walze her.

Wenn wir auf nächtlicher Schleichpatrouille so dicht am Feinde waren,

daß wir weder absatteln noch unsern Mantel abschnallen durften, aber

diejenigen, die nicht gerade Posten standen, doch mit dem Zügel im

Arm gern ein wenig pennen wollten, dann zog Knepper seine Jacke aus

und wickelte sie um Füße und Beine bis zum Knie. Er behauptete, wenn

die Beine warm wären, wäre der ganze Körper warm. In einer solchen

Nacht, in der die Hundekälte mich nicht einschlafen ließ, dachte ich

an Kneppers Worte und wickelte mir meine Jacke um die Füße. Bei mir

funktionierte die Methode, die auf Kneppers Jugend und Konstitution

zugeschnitten sein mochte, leider nicht. Mich fror schlimmer als zuvor,

und am nächsten Tage hatte ich einen tüchtigen Schnupfen. Ob an dem

von Knepper vertretenen alten Wanderbrauch was Wahres ist, können

meine jüngeren Leser, wenn sie mal draußen nächtigen, leicht an sich

selbst ausprobieren. Darüber diskutieren können wir mit dem stets

hilfsbereiten Gefreiten Knepper leider nicht mehr, denn auch er ist ein

Opfer des Krieges geworden.

Blaich und Knepper stellten also die Träger an. Die einen hatten Löcher

in die Erde zu machen zur Aufnahme der Hauspfeiler, andere wurden in

den Urwald geschickt, um das Holz zu holen, und wieder andere in die

Steppe, um langes Gras zum Decken zu schneiden. So eine Grashütte zu

bauen ist kein großes Kunststück für den, der einmal beim Bau mit

offenen Augen zugesehen hat. Wenn ich es hier näher beschreibe, so tue

ich das nur für die Leser, die noch nicht in Grashütten lebten – alte

Afrikakrieger mögen getrost eine Seite überschlagen.

Nachdem Karl Blaich mit einem Bastseil den rechteckigen Grundriß der

Hütte auf einem Stück vorher planierten Bodens sorgfältig und im

Einklange mit dem Lagerplan festgelegt hatte, ließ er auf den Ecken

vier starke Holzpfeiler einsetzen, zwei Meter hoch, mit den Gabelenden

nach oben. Zwischen diese wurden auf den beiden Kurzseiten des

Rechtecks zwei vier Meter hohe Pfeiler gepflanzt, die den Firstbalken

tragen sollten; je steiler das Dach wird, desto leichter läuft der

Tropenregen von ihm ab. Auf den beiden Langseiten des Rechteckes wurden

in Abständen von einem Meter etwas schwächere Pfeiler gesetzt, von

gleicher Höhe wie die Eckpfeiler und mit diesen hübsch eingerichtet.

In die Gabeln sämtlicher Pfeiler der Langseiten wurden die Dachbalken

und in die Gabeln der Firstbalkenträger der Firstbalken gelegt. Dann

wurden, damit sich beim Auflegen des Daches die beiden Seitenfachwerke

der Hütte nicht nach außen legten, diese durch selbstgedrehte starke

Bastseile miteinander und mit den Firstbalkenträgern verbunden. Damit

war das Skelett der Grashütte fertig.

Inzwischen haben einige besonders begabte Neger die Dachsparren an

ihrem dicken Ende je mit einer Einkerbung versehen, die über den

Firstbalken fassen soll. Die Dachsparren wurden je nach ihrer Stärke

näher zusammen oder weiter auseinander aufgelegt, und dann wurden

alle Holzteile dort, wo sie sich treffen, mit Bast fest miteinander

verschnürt. Jetzt stand das Fachwerk so sicher, daß ein Dutzend Neger

darauf klettern und auf die Dachsparren die Dachlatten anbinden

konnten, die irgendeinem Gesträuch, möglichst ähnlich unsern

Weidenruten, entnommen wurden. Mit demselben Material wurde das

Fachwerk der Wände, den Tür- und Fensteröffnungen Rechnung tragend,

überbunden. Nun erst war der Moment da, wo das Gras beim Grashüttenbau

zur Geltung kam. Das Grasdach wurde gelegt wie bei uns zu Hause ein

Schilfdach, nur weniger dick und, da wir doch bald wieder umziehen

würden, einstweilen weniger sorgsam; ehe die Regenzeit kam, wurden alle

Hütten noch mal nachgedeckt. Die Fachwände wurden auf gleiche Weise wie

das Dach mit Gras verkleidet. Damit war Unteroffizier Blaichs Aufgabe

vollendet.

Für die weitere Außen- und die gesamte Innenarchitektur wurde dem

Geschmack und der Phantasie der rauhen Krieger, die die Hütten bewohnen

sollten, der weiteste Spielraum gegeben. Diejenigen, die gerne

mauschelten und pokerten oder aus sonst einem Grunde wünschten, daß das

Auge des Kompanieführers nicht so ohne weiteres in ihr Heim einblicken

konnte, sorgten durch Tür, Fenster oder vorgebaute Grasschirme dafür.

Die meisten waren Liebhaber von Luft und Licht. Sie ließen nach der

Lagergasse zu die Wände eines Teils ihrer Hütte nur bis zur halben Höhe

mit Latten und Gras bekleiden, so daß ein geräumiges Verandazimmer

entstand, das als Wohn-, Eß- und Besuchssalon diente. Hier standen

die prächtigsten Tische, Sofas und Klubsessel, die aus biegsamen

Ruten, Gras und Bast hergestellt waren; in dieser Kunst entwickelte

sich mit der Zeit eine solche Fertigkeit, daß man glauben konnte, in

einer Gartenmöbelausstellung zu sein. Nicht nur das Tragegerüst für

Sättel und Zaumzeuge, sondern auch aus alten illustrierten Zeitungen

entnommene Bilder, ein aus Kistenbrettern gezimmerter Geschirr- und

Tassenschrank, ja zuweilen bunte Gardinen oder sogar ein von zarter

Hand gestifteter rosa Lampenschirm zierten den Raum. Von ihm aus trat

man durch eine Tür in das als Schlafzimmer dienende Gemach, in dem sich

die schon beschriebene Kitanda befand und neben ihr, so daß man sie mit

einem Griff erreichen konnte, Haken für Gewehr und Patronengurt. Um

jede Hütte war ein Abflußgraben für Regenwasser gezogen. –

Der Gesamtplan unserer verschiedenen Kriegslager war mit jeder neuen

Lageranlage zweckentsprechender geworden. Das erste Lager, unten in

der Niederung zu beiden Seiten des Engare Nairobi, war ein wildes

Durcheinander von Hütten, Ställen und Küchen gewesen, so daß selbst

seine Bewohner im Dunkeln nur mit Mühe ihr Quartier oder ihr Pferd

finden konnten; als ich einmal vom Posten Olmolog aus auf einige

Stunden zu Besuch dort war, mußte ich mir einen ortskundigen Führer

nehmen. Es war jedem Krieger erlaubt worden, seine Hütte mit Hilfe

seiner Boys da zu bauen, wo es ihm gefiel. So glich das Ganze mehr

einem Chinesenviertel, und bald war das Lager von Malaria und Typhus

durchseucht. Auch im Lagerbau fehlte es zu Anfang des Krieges eben an

Erfahrung und Organisation.

Wir ritten für Deutsch-Ostafrika · 第 4 / 17 段