noch kaum auf dem Wege war, eine militärische Einheit zu sein, wie
man sie sich in Deutschland unter einer Kompanie vorstellt. Sie war
vielmehr immer noch mehr ein Verband verschiedener Patrouillenkorps
und Außenposten (wie meiner z. B.), in dem auch viele Farmer dienten,
die früher nie Soldaten gewesen waren. Die Schützen ritten freiwillig
auf Patrouille in der Weise, daß sich die einen zu diesem, die andern
zu jenem Patrouillenführer hingezogen fühlten und ihm besonders
vertrauten, und immer gab es mehr Freiwillige, als gebraucht wurden.
Diejenigen, die nicht auf Patrouille, Außen- oder Beobachtungsposten
waren, ruhten im Lager und pflegten sich und ihre Tiere für die
Strapazen einer neuen Patrouille. Besonderen Dienst hatten sie nicht,
und daran, sie infanteristisch oder kavalleristisch auszubilden, dachte
damals niemand. Wir hatten Leute in der Kompanie, die wegen besonderer
Tapferkeit vorm Feinde zum Gefreiten und Unteroffzier befördert worden
waren, aber ihren Vorgesetzten mit der Pfeife im Munde und einer
Hand in der Hosentasche grüßten, auch Rechtsum und Linksum nicht
unterschieden. Rangabzeichen trug kein Mensch, und ein Fremder hätte
aus dem außerdienstlichen Benehmen von Offizieren und Mannschaften nie
herausgefunden, wer Vorgesetzter und wer Untergebener war. Kommissig
ging es also bei der Kompanie sicher nicht zu. Dafür aber verstanden
fast alle aus dem ff zu reiten (wenn auch nicht vorschriftsmäßig), zu
schießen, zu hungern und zu dursten.
Bei dieser ungebundenen Art fanden sich die Buren leidlich in ihre neue
Lage. Sie ritten auch einige Male Patrouillen mit Oberleutnant Büchsel,
dann aber zogen sie es doch vor, ein Patrouillenkorps für sich zu
bilden. Piet Nievenhuizen und Louis van Rooyen waren ihre anerkannten
Führer. Schon wiederholt hatten diese beiden das Namangalager der
Engländer am Erok beschlichen, und der Plan war in ihnen gereift, den
Engländern Reittiere oder einen Ochsentransport, jedenfalls etwas
Bewegliches, für das Beutegeld ausgesetzt war, abzutreiben.
[Illustration]
Anfang März 1915 – das genaue Datum weiß ich nicht mehr – trafen
die beiden Genannten in Begleitung der Buren Piet Joubert, Nicolas
Visser, Tobias Knott, Frank Niels, Lawrenz, Alwin Botha, des Deutschen
Max Truppel, der vor dem Kriege für Hagenbeck Tiere fing, und des
Ungarn Roth, eines früheren Missionars, gegen Abend auf meinem
Urwaldposten ein. Ihr Proviant waren Burenhartbrot und Hammelkeule am
Spieß gebraten. Piet Nievenhuizen teilte mir seine Pläne mit, und um
denselben mehr Aussicht auf sicheren Erfolg zu verschaffen, beschlossen
wir, daß ich während der nächsten Tage keine Massaipatrouille zum
Longido senden sollte. Mitten in der Nacht ritt die Burenpatrouille
weiter.
In der nächsten Nacht ritten sie bis auf einige Kilometer an das
englische Lager heran, gedeckt vom Schilfwalde der Namangasümpfe.
Hier teilten sie sich; denn von hier sollte die Unternehmung zu
Fuß weitergehen. Botha, Knott, Niels und Lawrenz nahmen sämtliche
Reittiere, sechs davon ohne Sattel und Zaumzeug, und kehrten mit diesen
ins deutsche Lager zurück. Nievenhuizen, van Rooyen, Joubert, Visser,
Truppel und Roth schulterten ihre Sättel und Zaumzeuge und schlichen
sich, auf allen vieren kriechend, durch die frisch abgebrannte, offene
Steppe unter dem englischen Lager vorbei und dann im weiten Bogen um
dasselbe herum, bis sie nördlich oberhalb desselben am Bergrande die
Tränkstelle erreicht hatten, an der die Reittiere des Namangalagers
nach früheren Beobachtungen jeden Morgen zwischen acht und neun Uhr
getränkt wurden. Im Gebüsch, nahe der Tränkstelle, legten sie sich an
drei Punkten zu je zwei Mann auf die Lauer; denn es galt, auf alle
Fälle den berittenen und bewaffneten Engländer, der die Tiere als
Pferdewache zu begleiten pflegte, ohne viel Lärm lebendig zu fangen.
Der Morgen graute. Es wurde acht Uhr. Es wurde neun Uhr. Nichts
zeigte sich. Es wurde zehn Uhr. Immer kamen die Tiere noch nicht zur
Tränke. Sollten sie gerade heute vom Lager abwesend sein? Konnte der
Anschlag dem Feinde doch verraten worden sein? Es wurde elf Uhr. Die
Erregung macht wahnsinnig durstig, der ganze Wasservorrat war längst
ausgetrunken, aber zur nahen, offenliegenden Tränke durfte sich keiner
wagen, und noch immer kamen die englischen Reittiere nicht.
Da endlich, gegen elf Uhr dreißig, zeigten sich die Tiere. Kein
Berittener war mit ihnen. Ein Engländer zu Fuß, die Pfeife im Munde,
einen Schauerroman in der einen, die Whiskyflasche in der andern
Rocktasche, den Karabiner unter dem Arm, schlenkerte vor den Tieren
her. Jedenfalls hatte er sich vorgenommen, die Pferdewache recht
gemütlich zu verbringen. Zwei eingeborene Pferdepfleger trieben die
Tiere hinten an.
Bei van Rooyen und Truppel kam der Engländer am nächsten vorbei.
Truppel nahm ihn, im Gebüsch kniend, aufs Korn, und van Rooyen stand
plötzlich vor dem arglosen Pferdewächter mit den Worten: ~Hands up!~
Pfeife und Karabiner entfielen dem Ärmsten gleichzeitig. Ohne ein Wort
ergab er sich in sein Schicksal.
Zur gleichen Zeit trieben die anderen die Tiere zur Tränke und
sattelten und zäumten die sechs ersten besten in Windeseile. Visser,
der sich rasch auf ein ungesatteltes Tier geschwungen hatte, versuchte
die beiden Eingeborenen, die wild schreiend zum englischen Lager
zurückflüchteten, abzufangen – vergebens.
Alles war soweit nach dem Programm verlaufen, nur ärgerte man sich,
daß man nicht achtzig Tiere, die wenige Tage vorher noch an der
Tränkstelle gezählt worden waren, sondern nur einundsechzig gekapert
hatte; neunzehn waren nach Angabe des Gefangenen am Tage vorher mit
ihren Reitern in ein anderes Lager versetzt worden. Ferner hatte man
nicht damit gerechnet, daß der auf Pferdewache kommandierte Engländer
unberitten sein würde; ein Reservesattel war für diesen Fall nicht
vorgesehen. Freilich auch mit seiner Flasche Whisky hatte man nicht
gerechnet, folglich mußte diese erst mal daran glauben. Ja, es half
alles nichts – mitgenommen mußte der Kriegsgefangene werden! Er mußte
sich halt auf ein ungesatteltes Tier klemmen, und Roths Revolver mußte
es ihm klarmachen, daß er bei Lebensgefahr nicht abfallen dürfe.
Nun also los! Spitze ritten Nievenhuizen und Truppel. Dann kamen elf
oder zwölf Tiere, dann Roth mit dem Gefangenen. Wieder Tiere, dann kam
Visser; noch mehr Tiere, und endlich kamen van Rooyen und Joubert. Es
ging immer nur Galopp, was die Tiere laufen konnten. Zuerst, am Fuß
des Erok, war das Gelände sehr ungünstig, brüchig und steinig. Der
Gefangene mag seine liebe Not gehabt haben, oben zu bleiben; er wird
sich schön festgeklemmt haben, und es ist kein Wunder, daß er sich
bald durchgeritten hatte. Als sie glücklich vom Berg herunter waren,
schlug Nievenhuizen nicht die Richtung nach Süden ein, weil das die
Richtung zu unserm Kompanielager war und der Feind sicher erwartete,
daß die Raider diesen kürzesten Weg einschlagen würden. Tatsächlich war
der Abtrieb aller Reittiere vom Namangalager, dessen jetzt unberittene
Besatzung selbst nichts unternehmen konnte, sofort zum Longidolager der
Engländer telephonisch gemeldet worden. Von dort war auch sogleich eine
starke Truppe dorthin vorgeschickt worden, wo, wie man glaubte, die
Pferderaider ihren Weg nehmen würden.
Nievenhuizen hatte dies alles vorausgesehen. Er führte in das englische
Gebiet hinein, in nordöstlicher Richtung. Nahe am Low-Hills-Lager der
Engländer, auf Vorbergen des Erok gelegen, ging die wilde Jagd vorbei
hinein in die dichte Dornbuschsteppe nördlich der Namangasümpfe.
Vordringen konnte man hier nur auf Nashornwechseln, die kreuz und quer
durch den Busch laufen. Nur ein Nievenhuizen konnte hier zurechtfinden
und, ohne einmal zu irren oder auch nur eine Sekunde zu zaudern, sicher
führen.
Nach einem Galopp von eineinhalb Stunden wurde kurz haltgemacht, um
die Sättel auf frische Tiere zu legen. Dann ging es im Karacho weiter.
Eine Staubwolke verfolgender Kavallerie zeigte sich aus der Richtung
des Low-Hills-Lagers. Unsere Raider beunruhigte dies nicht. Solange sie
ständig Tiere wechseln konnten, hatten die, die immer auf denselben
Tieren hinter ihnen her ritten, nichts Besorgniserregendes. Tatsächlich
blieb die Staubwolke immer weiter zurück.
Allmählich schwenkte Nievenhuizen aus nordöstlicher Richtung mehr nach
Südosten um. Das Gehöft der Farm Olmolog war sein Endziel für diesen
Tag. Hatte er das erst erreicht, so konnte er, wenn die Verfolgung
nicht nachließ und der Feind an Gefechtskraft stark überlegen sein
sollte, die Beutetiere in den bergenden Urwald des Kilimandscharo
hineintreiben. Ich kannte im Urwald, in den ich an mehreren Stellen
tief eingedrungen war, Wasserläufe und Waldwiesen genug, wo wir uns mit
der Beute bergen konnten, bis die Luft rein war oder Verstärkung ankam.
Im Urwald hätte eine ganze Armee vergeblich nach uns gesucht.
[Illustration]
Nachdem die Pferderaider noch mehrere Male auf frische Tiere
umgesattelt hatten, auch den Kriegsgefangenen, dessen Sitzfläche
höllisch zu brennen anfing, auf ein gesatteltes Tier hatten steigen
lassen, während abwechselnd einer der Raider auf blankem Tier ritt,
kamen sie um 4 Uhr dreißig nachmittags am Brakwasser auf der unteren
Olmologfarm an. Fünf Stunden hatte der halsbrecherische Galopp
gedauert. Am Brakwasser wurde eine Stunde Rast gemacht und getränkt.
Kurz vor dem Brakwasser, da, wo die Buschsteppe offen wird und hier
und da, von Salzkrusten bedeckt, hell in der Sonne leuchtet, trafen
unsere Raider unerwartet auf eine Patrouille von vier oder fünf Reitern
der eigenen Kompanie unter Führung des Unteroffiziers Obst, genannt
Bana matunda, der nach den Nyirisümpfen wollte und von dem Pferderaid
keine Ahnung hatte. Als Bana matunda und seine Getreuen die siebzig
vermeintlichen Reiter in dicken Staub gehüllt aus feindlicher Richtung
angaloppieren sahen, rissen sie aus wie Schafleder und wurden nicht
mehr gesehen.
Solch drollige Episoden gab es genug im Kriege. Zuweilen endeten sie
tragisch. Genau wie wir bei meiner Gefangennahme arglos mitten in den
Feind hineinritten, den wir für Freund hielten, ist es auch oft genug
vorgekommen, daß man Freund für Feind hielt und daß eine Partei ausriß,
wenn sie nicht gar beide gleichzeitig ausrissen. Wir hatten zu Anfang
breite schwarzweißrote Binden um den linken Oberarm getragen, als
einziges Uniformstück zum Zivilanzug; solange diese Binden, die weithin
leuchteten, Mode waren, war es noch leidlich möglich, Freund von Feind
zu unterscheiden. Die ersten Gefechte hatten aber gezeigt, daß die
leuchtenden Armbinden auch ihre Nachteile hatten. Herzschüsse wurden
zu häufig; die weithin leuchtende Armbinde des liegend schießenden
Schützen war genau vor der Herzgegend. Zur Zeit des Pferderaids war
es Mode, die Armbinde aufzurollen, sobald man das Lager verließ.
Später wurde nur auf der rechten Schulter längs des Ärmelsaumes eine
schmale schwarzweißrote Borte aufgenäht, die beim Schießen durch den
Gewehrkolben verdeckt war. Noch später mußten wir auf das Tragen der
deutschen Farben ganz verzichten, einfach weil es in der Kriegszone
keine farbigen Stoffe und keine Zivilisten mehr gab.
Bana matundas Verhalten war durchaus korrekt. Er sah etwa siebzig
Reiter auf sich loskommen, die gesamte deutsch-ostafrikanische
Kavallerie, d. h. die Berittene 9. Schützenkompanie, war damals aber
überhaupt nur etwa sechzig Reiter stark, alle Posten eingerechnet.
Diese sechzig Reiter hatten auf einer Front von fünfundsiebzig
Kilometern ein stellenweise hundert Kilometer tiefes, völlig
unbewohntes Gelände abzupatrouillieren. Wie viele Kavalleriedivisionen
man zu Hause in einem solchen Geländeabschnitt verwenden würde,
weiß ich nicht zu sagen. Unsere Patrouillen, selten mehr als vier
bis sechs Mann stark, waren immer mehrere Tage, oft über eine Woche
draußen, ohne unterdessen mit der Truppe Verbindung zu haben. Folglich
wußten sie nie, was inzwischen geschehen war. Oft war die Parole
gewechselt worden, ehe sie heimkamen, und es galt allgemein als
der gefahrvollste Augenblick eines Patrouillenrittes, durch unsere
eigene Askaripostenkette durchzukommen, ohne angeknallt zu werden.
Die Engländer ritten ihre Patrouillen meistens sechzig bis hundert
Mann stark. Wenn unsere Patrouille die feindliche nicht rechtzeitig
sah und sich in einen Hinterhalt legen konnte, war an ein Gefecht
gar nicht zu denken. Wußte man, daß man vom zehnfach überlegenen
Feind zuerst gesehen worden war, dann galt es, sich schleunigst zu
verkrümeln. Das war meistens leicht. Das Gelände war wie geschaffen zum
Versteckspielen. –
Als die Pferderaider sich und ihre stark ermüdeten Tiere am Brakwasser
eine Stunde ausgeruht hatten, trieben sie ihre Beute, jetzt im ruhigen
Tempo, zum Olmologgehöft und brachten sie dort gegen zehn Uhr abends
in den Stallungen für die Nacht unter. Roth und Truppel waren seit dem
Weitermarsch vom Brakwasser mit zwei lahmen Tieren hinter den andern
zurückgeblieben. Da beide das Gelände nicht genau kannten und da die
Nacht stockfinster wurde, hätten sie unfehlbar die Spur verloren,
wenn nicht ein junges Eselein, das vom Namangalager her den Raidern
freiwillig gefolgt war, bei den lahmen Tieren zurückgeblieben wäre und
jetzt die Führung übernommen hätte. Mit tödlicher Sicherheit folgte das
Eselein der Spur des Haupttrupps.
Mit den Beutetieren und dem deutsch gesinnten Eselein trafen die
Raider am nächsten Morgen im Engare-Nairobi-Lager ein. Sie erhielten
eine glänzende Ovation und pro Mann 1164 Rupien Beutegeld. Die Buren
erhielten außerdem noch jeder ein Eigentumspferd. Der gefangene
Engländer – ich glaube, er hieß Batman – wurde riesig gefeiert
und mit Liebesgaben überhäuft. Kurze Zeit mußte er stille liegen
und seinen wundgerittenen Hintern pflegen. Dann wurde er in ein
Gefangenenkonzentrationslager weitergeschafft.
Ein Konkurrenzunternehmen
Die erste, direkte Folge dieses glänzend gelungenen Raids war
eine Armeevermehrung, die Vermehrung der deutsch-ostafrikanischen
Kavallerie. Man hätte die Berittene Neunte verstärken können, ohne
Gefahr zu laufen, daß sie dadurch allzu kriegsstark werden würde.
Aber in der Armeeleitung hielt man es mit Recht für besser, auch bei
der glorreichen deutsch-ostafrikanischen Kavallerie das einzuführen,
worauf allein aller Fortschritt in der Welt beruht, nämlich die
Konkurrenz. Die Berittene Neunte, bekannt als »die Einzige«, die
Elitekompanie, bekam also Konkurrenz in der neuformierten Berittenen
8. Schützenkompanie, unter Führung von Hauptmann v. Boemcken, einem
Offizier aus Deutsch-Südwestafrika, der vor Kriegsausbruch seine
Urlaubsreise in Deutsch-Ostafrika unterbrochen hatte. Da sich die
Männer der Achten rühmten, uns mal zeigen zu wollen, wie man durch
die Gegend fliege, wurden sie von uns die »Fliegenden Hunde« genannt.
Zusammengestellt wurde die Achte aus Europäern der an der Nordfront
befindlichen Europäer- und Askarikompanien, die sich freiwillig zum
Dienst in der Kavallerie gemeldet hatten. Unsere Buren, die aus dem
Naturell der Trekburen heraus nie mit dem zufrieden sind, was die
Gegenwart bringt, ließen sich zur Achten versetzen. Es gefiel ihnen
dort noch weniger, als es ihnen bei der Neunten gefallen hatte, und
wenige Wochen später wurden sie auf eigenen Wunsch zur letzteren
zurückversetzt.
Die zweite Folge des Raids war indirekter Natur. Die von Krantzens
Vertrauensmann ausgebildeten Massaispione hatten in letzter Zeit die
ungeheuersten Dinge ausspioniert, und beinahe hätte die Abteilung Kraut
auf ihre Meldungen hin die feste Stellung am Engare Nairobi geräumt;
die Bagage der Abteilung war schon nach Kware zurückgeschafft worden,
und die Zivilbevölkerung hinter unserer Front baute bereits ab.
Kilometerlange Truppenkolonnen, die vom Erok zum Longido marschieren
sollten, hatten, wie wir wissen, die Massaispione schon seit längerer
Zeit gemeldet. Jetzt meldeten sie plötzlich, daß diese Truppen kleine
Leute mit Schlitzaugen wären. Da hatten wir also die Gelbe Gefahr, die
Japaner! Die Massai hatten sie gesehen. Krantz sah sie durch ihre Augen
lebhaft mit und predigte armrollend die große japanische Invasion in
den grellsten Farben. Wie meine Siafu im Urwald wälzte sich vor seinem
geistigen Auge der Heerwurm der Japaner hinein in das Longidogebirge,
bis dieses überlaufen und die Japanerflut ganz Deutsch-Ostafrika
bedecken würde.
Die Aufregung im Engare-Nairobi-Lager soll damals nicht schlecht
gewesen sein. In zwölfter Stunde fragte das Kommando nochmals bei mir
an, was ich von diesen Meldungen hielte. Aus vollster Überzeugung
konnte ich meine längst und wiederholt vertretene Ansicht nochmals
zusammenfassen in die lakonische Meldung: »Glaube kein Wort davon. Nach
meinen Beobachtungen schätze feindliche Stärke am Longido auf sechs-
bis achthundert Engländer und Inder.«
In diese von Japanergerüchten schwangere Zeit hinein traf der
kriegsgefangene Engländer Batman im Engare-Nairobi-Lager ein, und
auf einmal fiel das ganze Massaikartenhaus zusammen. Batman kannte
alle deutschen Massaispione ganz gut von Ansehen, waren sie doch im
englischen Lager ein und aus gegangen, als ob sie dort zu Hause wären!!
Um dem Spionagedienst alle Unbequemlichkeiten einer persönlichen Gefahr
abzustreifen und um Belohnung von beiden kriegführenden Parteien
einstecken zu können, war Krantzens Erzspion auf den genialen Gedanken
gekommen, die Nationalität in diesem Kriege ganz auszuschalten und
Dienst auf beiden Seiten zu tun. Er hatte mehrere Massai in diesen Plan
eingeweiht, und diese drängten sich plötzlich zu den Fernpatrouillen,
an deren anderm Ende es ebenfalls viel Fleisch und Belohnungen gab.
Alle unsere Stellungen und Posten hatten diese Massaihelden dem Feinde
verraten, und die Engländer hatten durch ihre gewaltsame Erkundung
unserer Außenposten am Morgen nach Kaisers Geburtstag nur die Meldung
unserer Ilmuran nachprüfen wollen, denn sie wußten, daß die Lüge einem
jeden Massai zur zweiten Natur geworden ist, und trauten ihnen so
wenig, wie Krantz ihnen hätte trauen sollen.
Nachdem nun auch den fanatischsten Anhängern der Krantzschen Theorie
die Augen aufgegangen waren, wurden alle Massai hinter die Front
zurück in ihr Reservat gejagt und der Befehl erlassen, jeden Massai,
der vor der Front getroffen würde, abzuschießen.
[Illustration]
Mutter der Kompanie
Fast fünf Monate hatte ich im melancholischen Urwald gehaust und in
den lichten Steppen täglich meine Patrouillen geritten, ohne mich auch
nur eine Stunde zu langweilen. In der Erfüllung meines Dienstes konnte
ich mich an den Wundern des afrikanischen Tier- und Pflanzenlebens
erfreuen und zugleich auch noch Pläne für die Friedenszeit schmieden.
Hatte ich doch vor Kriegsausbruch gerade an dieser Stelle eine große
Viehfarm einrichten wollen. Wie hätte ich je bessere Gelegenheit finden
können, die 15000 Hektar große Farm in allen ihren Teilen so gründlich
kennenzulernen als auf meinen Patrouillenritten, die mich immer wieder
durch die entlegensten Schluchten und Winkel der Farm führten?! Und
wie schön war es, Alleinherrscher auf meinem Posten zu sein, weit weg
von Vorgesetzten und Telephon! All diese Herrlichkeit hatte ein rasches
Ende, als am Nachmittage des 14. April 1915 folgender militärisch
kurzer Befehl an mich eintraf: »Sie haben sich mit Ihrem ganzen Posten
zum Doppelberg in Marsch zu setzen und dort beim Kompanieführer zu
melden. Büchsel, Kompanieführer.«
Im Engare-Nairobi-Lager hatte es Veränderungen gegeben. Hauptmann
Kraut war Major geworden und hatte an der Tavetafront eine andere
Abteilung erhalten; Hauptmann Fischer, der mit seiner 8. Askarikompanie
die 10. ablöste, war Führer der Abteilung geworden, und die Führung
meiner Kompanie war an Oberleutnant zur See Büchsel übergegangen.
Alle Kompanien, die jetzt zur Abteilung Fischer gehörten, hatten das
alte Lager unten am Fluß verlassen und auf den Hügeln neue Lager
bezogen. Die 8. Askarikompanie und der Abteilungsstab lagen auf
dem Telephonhügel (dem früheren Krantzhügel), der durch Ausheben
von Schützengräben und Unterständen unterminiert war, die 21.
Askarikompanie, die neue Berittene Achte und meine liebe Neunte lagen
auf dem benachbarten »Doppelberg«.
So marschierte ich denn am Morgen nach Eingang des Befehls in
aller Frühe in strömendem Regen durch den Urwald. Der Boden war
so aufgeweicht und glitschig, daß meine Träger alle Augenblicke
ausrutschten und ihre Last in den Dreck schmissen, daß es nur so
klatschte. Alphons und Minna trippelten vorsichtig und schlidderten
die Schluchten, die wir passieren mußten, auf ihren Hanken sitzend
hinunter, die Vorderbeine weit und steif nach vorn gestemmt. Meine
Stimmung war abschiedschwer und scheußlich. Nicht einmal rauchen konnte
ich. Die Zigarette wurde jedesmal sofort durch einen Guß aus einer
Baumkrone in Brei verwandelt. Der einzige Vergnügte in der Kolonne war
Krieg. Er schien zu ahnen, daß er das Kreuz seines jungen Lebens, die
infamen Siafu, für immer los wurde.
Um zwei Uhr nachmittags traf ich im Doppelberglager ein und meldete
mich bei meinem Kompanieführer. Er nahm mich sehr freundlich auf und
erklärte mir, Zugführer habe er mehr als er brauche, aber niemand, der
ihm geeignet scheine, die Dienste des etatsmäßigen Feldwebels einer
Kompanie zu übernehmen, die bislang überhaupt noch keinen Feldwebel
und weder Feldwebelbüro noch regelmäßige Buchführung gehabt hätte. Er
glaube, daß ich als erfahrener, älterer Mann mich ganz besonders für
diesen Posten eignen würde, und er beabsichtige, mich zum Dienst des
Etatsmäßigen zu kommandieren.
Damit war ich entlassen und zur Mutter der Kompanie geworden. Ich
wußte damals noch nicht, was das zu bedeuten hat. Später habe ich es
begriffen, und eine unbegrenzte Hochachtung für alle Etatsmäßigen der
deutschen Armee und Marine ist während meiner stümperhaften Bemühungen,
es ihnen gleichzutun, in mir emporgewachsen.
Als Kompaniemutter bezog ich eine geräumige Grashütte, die, in der
Mitte durchgeteilt, zur Hälfte das Feldwebelbüro und zur andern Hälfte
mein Wohn- und Schlafzimmer enthielt. Das Büro war bereits fertig mit
großem Tisch, Stühlen, einigen Borten und – o Jammer! – mit einem
Telephonkasten, an dem die schwarze grinsende Telephonordonnanz schon
sprungbereit saß, um mich, sei es Tag oder Nacht, an den Hörer zu
schleppen, sobald der Simteufel, wie er ihn nannte, bimmelte.
Das Telephon ist, wie man mir allerseits versichert, im modernen Leben
so notwendig geworden, daß man sich das Dasein ohne Telephon gar nicht
mehr vorstellen kann. Das ist ein Irrtum. Wer es nicht glaubt, gehe in
Urwald und Steppe von Deutsch-Ostafrika, und er wird lernen, daß das
Leben ohne Telephon erst richtig anfängt.
Mit trüben Gedanken an den Telephonteufel und an die Feldwebelgeschäfte
überhaupt, zu denen mir jegliche Vorbildung abging, rollte ich mich
in meine Kamelhaardecken. Vor fünfundzwanzig Jahren hatte ich als
Einjähriger gedient. Was trieb damals eigentlich mein Wachtmeister?
Eine wichtige, gefürchtete Persönlichkeit war er gewesen – dessen
entsann ich mich. Aber was machte der Mann, der immer so geheimnisvoll
mit dem dicken Notizbuch auf der Brust zwischen dem zweiten und
vierten Knopf des Waffenrockes über dem Ganzen schwebte und stets da
auftauchte, wo wir ihn am wenigsten erwarteten und, vom Standpunkte
des Soldaten, am ehesten missen konnten? Jedermann war stets im Druck,
wenn er auf der Bildfläche erschien, und Urlaubskarten mußten wir auch
bei ihm abholen. Jener Wachtmeister war ein Berliner Kind und konnte
fürchterlich sarkastisch schimpfen. Wenn ich daran denke, läuft es
mir noch heute kalt über den Rücken. Zu Weihnachten schenkten wir
Einjährigen dem Wachtmeister einen Extrasäbel. Oder war es ein Piano? –
Na, das konnte ja gut werden!
[Illustration]
Bilder und Typen aus dem Lagerleben
»Bana, bana, Kahawa tayari« [Herr, o Herr, der Kaffee ist bereit],
flüsterte mein Boy Sakiva, ein Mchagga vom Kilimandscharo, der mir
damit in seiner sanften Art anzeigen wollte, daß es Zeit für mich
sei, aufzustehen. Ich bin ein leichter Schläfer und an Frühaufstehen
gewöhnt. Wäre ich es nicht, dann wäre ich von Sakivas Geflüster
nie aufgewacht. Wie die Boys der Kameraden, die sich schwerer vom
Schlaf trennten, diese wach kriegten, habe ich mir aus Zartgefühl nie
angesehen. Gehört habe ich es oft. Das heißt, gehört habe ich nur die
Kameraden; die Boys hört man bei dieser Zeremonie nicht. Wäre es nicht
immer noch so dunkel gewesen, dann hätte ich aus vielen Grashütten
des Lagers schattenhafte Gestalten vor einem Hagel von Wurfgeschossen
eiligst flüchten sehen können.