postierte, aus gesehen, liegt der ganze Krater handgreiflich nahe unter
mir. Die Wände fallen wie die eines Trichters steil zur Kratersohle ab.
Zum Teil sind sie dicht bewaldet, teils zeigt sich der nackte Fels.
Unten im Krater liegt ein schöner grüner Teppich, in dessen Mitte
sich schadhafte Stellen zeigen. Diese bildet der meist sumpfartige,
zertrampelte Kratersee oder in der Trockenzeit dessen ausgedörrter
Boden. Einzelne abgebröckelte Felsstücke liegen auf dem grünen Teppich,
und am frühen Morgen kann man wohl einen Gepard oder Leoparden sich
dort sonnen sehen. Wenn man Glück hat, überrascht man ein Nashorn
bei der Tränke. Der Durchmesser des Kraters von Rand zu Rand ist
kaum 300 Meter. Gerade weil der Krater so klein ist, kann man alle
seine Teile mit einem Blick umfassen, und man erhält um so leichter
eine Vorstellung davon, wie ein solcher Krater entstanden ist. Die
Riesenkrater, von denen ich später zu erzählen haben werde, geben einem
wegen ihrer Größe keine so klare Vorstellung; bei ihnen muß man sich
das Gesamtbild erst zusammendenken.
Die Aussicht von da oben ist herrlich. Nach Süden zu beginnt fast am
Fuße des Lagumishera der hier mindestens fünfundzwanzig Kilometer
breite Urwald des Kilimandscharo in langen Wellen allmählich zum Fuß
des Kibokraters aufzusteigen. Mächtig ragt darüber die Rückseite
der Kraterwand des Kibo empor, die, Moschi zugewandt, die berühmte
Schneekuppe bildet. Links davon erhebt sich der zu einzelnen spitzen
Zacken zerbröckelte Krater des 5136 Meter hohen Mawensi, der nach dem
Kibo der bedeutendste Krater des Kilimandscharogebirges ist und die
meiste Zeit im Jahre auch Schnee trägt.
Nach Norden, Westen und Osten ist der Fernblick unbegrenzt. Zumal
der Jäger hat hier in der trockenen Jahreszeit, wenn das Wild aus
der dann wasserarmen Tiefsteppe in die Hochsteppe hinaufgezogen ist,
seine helle Freude. Zebra und Kongoni, untermischt mit Grantgazellen
und Tomsen, stehen, wohin das Auge blickt, in großen Herden überall
in der Steppe. Elen und Schwarzfersen durchstreifen das hügelige
und steinige Vorgelände, und in den trockenen Talmulden weilt das
Oryx, der Spießbock. Mit dem Glase – denn sie gehen ungern weit aus
der Tiefsteppe heraus – sieht man große Gnuherden. Wilde Strauße
zeigen überall ihre runden Körper, und Giraffen, einzeln oder in
Familientrupps, schieben, im Paßgange ambelnd, ihre langen Hälse durch
die Gegend.
[Illustration]
Wenn sie, von einem Löwen erschreckt, ihren Standort plötzlich wechseln
und im Galopp abgehen, wirbeln diese Wildherden viel Staub auf. Man muß
sich im Kriege davor hüten, in jeder Staubwolke einen marschierenden
Feind zu vermuten, sonst käme man aus der Aufregung nie heraus. Die
Staubwolke, die eine Truppenkolonne aufwirbelt, ist leicht von der des
galoppierenden Wildes zu unterscheiden. Sie liegt niedriger über dem
Gelände und zeigt sich dem Beobachter als ein langer, gleichmäßiger,
nur nach dem Ende zu immer schwächer werdender Strich.
Vom Lagumishera gesehen, liegt die ganze schöne afrikanische Welt zu
meinen Füßen – Berge, Wälder und Steppen. Die schöne, schöne Welt mit
ihrem Tierreich ohne Menschen! So ein Fürstentum Birkenfeld übersehe
ich mit einem Blick, ohne ein Haus oder auch nur die Hütte eines
Eingeborenen zu erblicken. Ich kann mir einbilden, der einzige Mensch
auf Gottes weiter Erde zu sein. Ich freue mich, daß ich dieses Bild
noch in mich habe aufnehmen dürfen.
»Siafu!!!«
Die kleine Regenzeit, November und Dezember, war im Jahre 1914 nicht
besonders stark gewesen, aber oben im Urwalde doch stark genug, um
Milliarden von Siafu, jener großen braunen Ameise, denen das Wasser
in ihre gewohnten Schlupfwinkel eindrang, in Marsch zu setzen auf die
Suche nach trockenem Quartier. Wer mal im ostafrikanischen Urwalde
gelagert hat, kennt sicher den Schreckensruf: »Siafu!!«
Müde hatte ich mich in meine Kamelhaardecken gerollt. Der Boy hatte
die Laterne ausgelöscht, die Zelttür geschlossen und, wie jeden
Abend, frische Asche vom Küchenfeuer auf den Aschenring gestreut, der
das Zelt umfaßte zum Schutz gegen Siafu. Krieg, der den Urwaldboden
verabscheute, lag zusammengerollt auf meinen Füßen, und an süßen
Frieden denkend schlief ich ruhig ein – denn der Nachtwächter und die
Nachtaffen störten mich schon längst nicht mehr.
Plötzlich, mitten in der Nacht, weckte mich Krieg. Wie ein Besessener
trampelte er auf meinen Beinen herum und drehte sich dabei wie ein
Kreisel um seine eigene Achse. Vor Wut und Angst heulend schoß er
dann zur Zelttür hinaus und verschwand im nächtlichen Urwalde. Au!
Au! – im selben Augenblick hatten sie mich auch schon beim Wickel. An
den Beinen, am Hals, den Rücken rauf da, wo man nicht ankommen kann,
überall bissen mich Siafu mit ihren scharfen starken Zangen. Ein Satz,
wie ich war, rein in die Badewanne, die, für den Morgen mit kaltem
Quellwasser frisch gefüllt, vor meinem Feldbett stand. Dabei schrie ich
nach dem Nachtwächter und den Boys aus vollem Halse: »Siafu! Siafu!«
Von allen Seiten stürzte Hilfe herbei. Licht wurde gemacht, und da
hatten wir die Bescherung! Eine dicke Kolonne Siafu wälzte sich unter
der Zeltwand durch, trotz dem Aschering. Sie hatten Besitz ergriffen
von allem. Sie hingen schon an der Zeltdecke und ließen sich mir auf
den Kopf fallen.
[Illustration]
Jetzt begann der Kampf gegen die Siafu mit Feuer und Rauch. Die
Boys, die Nachträte und noch einige herzugelaufene Träger fuhren mit
brennenden Graswischen über den Fußboden und hüpften dabei schreiend
und lachend von einem nackten Bein auf das andere. Ich saß unterdessen
im Nachtanzuge im kalten Bade, fror und schimpfte, in ständiger Angst,
daß meine Lebensretter mir das Zelt über dem Kopf anzünden würden.
Ich suchte mir dabei Siafu ab, die sich so festgebissen hatten, daß
sie auch unter Wasser nicht losließen; viele hatten sich derart
festgehakt, daß, als ich sie abnehmen wollte, der Kopf abriß und an
den Zangen in meinem Fell hängenblieb.
Giftig sind Siafu nicht, auch keine Seuchenüberträger, aber beißen
tun sie infam. Ihre Macht liegt in der Zahl der Streiter, die sie
zum Angriff verwenden. Kein Tier des Urwaldes oder der Steppe hält
ihnen stand; mit Haut und Haaren fressen die Siafu das Tier auf,
wenn es ihnen nicht entfliehen kann. Will man einen Elefantenschädel
schön sauber gereinigt haben, legt man ihn für einige Tage neben ein
Siafunest. Der Elefant aber, der seinen Schädel noch hat, das Nashorn,
der Löwe, der Leopard, der Büffel, die Riesenschlange, um von kleineren
Tierarten gar nicht zu sprechen, alle nehmen sie Reißaus vor den Siafu,
alle haben sie in ihrer eigenen Sprache den Schreckensruf: »Siafu!
Siafu!«
Wohl eine gute halbe Stunde – die Zähne fingen mir schon an zu klappern
– saß ich in der Badewanne, ehe Rauch und Feuer die Siafukolonne bewog,
ihre Marschrichtung nicht weiterhin durch mein Zelt zu nehmen. Nachdem
noch alle einzelnen Bestandteile meines Lagers sorgfältig abgesucht
waren, beendete ich mein übereiltes Morgenbad in der üblichen Weise,
zog einen trockenen Schlafanzug an und kroch in meine Decken zurück.
Der Morgen dämmerte schon, als Krieg wiederkam und sich vorsichtig auf
meinen Füßen aufrollte. Er schämte sich sehr – denn er hatte das eklige
Gefühl, seinen Herrn in der Stunde der Gefahr im Stich gelassen zu
haben.
Krieg hatte Rasse und damit Schneid. Kaum fünf Monate alt, hat er
schon auf der Jagd allein einen angeschossenen Kongonibullen gestellt.
Wenn er sich auch noch recht ungeschickt dabei benahm und mehrere Male
vom Bullen umgekollert worden war, so ging er doch unverdrossen immer
aufs neue zum Angriff über. Sechs Monate alt, hat Krieg schon vor der
Treiberkette einen Koongo nach Löwen abgesucht. Um so mehr wurmte
es ihn, daß eine unüberwindliche innere Gewalt ihn zwang, vor Siafu
auszureißen. Ich habe ihn dabei beobachten können; denn ich erlebte
auch bei Tage Siafuüberfälle. Eine Weile pflegte Krieg sich zu wehren,
er zog die Siafu einzeln aus seinem Pelz und biß sie tot. Aber was
nützte das! Wenn er zehn erledigt hatte, saßen hundert mehr zwischen
seinen Zehen, unterm Bauch und in den Nasenlöchern. Ja die, an denen
er vorbeigebissen hatte, waren ihm sogar ins Maul gekrochen und hatten
sich unter der Zunge oder im Zahnfleisch festgehakt. Konnte ich Krieg
helfen, dann kam er zu mir, sprang an mir hoch und ließ sich mit der
Geduld, die er unter den Umständen aufbringen konnte, wenn es überall
zwickt, die Siafu absuchen. Konnte ich ihm nicht helfen, d. h. war ich
selbst in heller Not, dann stieß Krieg ein langes klagendes Geheul aus
und sauste ab. Wo er dann blieb und wie er die Siafu los wurde, weiß
ich nicht. Wenn er endlich wiederkam, war er schämig und bockig. Er
schämte sich, mich verlassen zu haben, und er ärgerte sich über mich,
weil ich ihm nicht geholfen hatte. In diesem seelischen Konflikt konnte
Krieg stundenlang in einer Ecke sitzen, mich, ohne mit den Augen zu
blinken, anstarren und bocken.
Wenn man die Bienen mit einem Arbeitsvölkchen vergleicht, so darf
man die Siafu auf der Reise nach trockenen Nestern oder nach neuer
Nahrung mit einer wohlorganisierten Armee auf dem Marsche vergleichen.
Sie marschieren in dicht geschlossenen Gruppenkolonnen. Hinter jeder
Halbkompanie marschiert ein fetter Feldwebel, doppelt so groß und
stark wie die Soldaten. Fußkranke und Nachzügler leidet er nicht, und
seine starken Zangen sorgen dafür, daß ein gleichmäßiges Marschtempo
innegehalten wird. Klappt ein Soldat zusammen, dann fressen ihn seine
Kameraden im Weitermarsch auf und der Feldwebel jagt von hinten
einen neuen Mann an seine Stelle. Lücken dürfen in der Kolonne nicht
entstehen. Rechts und links, dicht neben der Kolonne, etwa bei jeder
zehnten Gruppe, marschieren ebenfalls besonders starke Unteroffziere,
die, wie die Feldwebel, Gewalt über Leben und Tod haben. Wehe dem
Soldaten, der ohne Befehl die Kolonne verläßt! Auch er wird sofort auf
Konto Marschproviant als restlos verbraucht gebucht.
Vor der Marschkolonne marschiert im Eilschritt, oft in Laufschritt
übergehend, weit ausgeschwärmt die Spitzenkompanie, und auf beiden
Seiten der Kolonne sind Seitendeckungen in großer Zahl herausgeschoben.
Ständig treffen Meldungen von der Spitze und den Seitendeckungen ein,
und im Marsch-Marsch laufen Befehlsempfänger rückwärts und vorwärts an
der Marschkolonne entlang, um jede wichtigere Meldung bekanntzugeben.
Unaufhaltsam wälzt sich inzwischen die Siafuarmee weiter. Vor zwei
Stunden beobachtete ich die Spitze – noch ist kein Ende der Heeressäule
zu sehen.
Begeben wir uns zur Spitzenkompanie. Anscheinend sehr aufregende
Meldungen sind dort eingelaufen. Ein Bataillon Pioniere ist im
Laufschritt vorgegangen. Der Grund der Erregung liegt klar zutage.
Eine Wasserfurche vom letzten Regen her, dreißig Zentimeter breit, hat
die Spitze aufgehalten. Der Spitzenführer hat bereits rechts und links
nach einer Furt oder einem als Brücke dienenden Stück Fallholz in aller
Eile suchen lassen. Vergebens. Also: Pioniere vor! Acht starke Pioniere
halten sich mit ihren Beinen neben- und aneinander fest und nehmen
mit ihren Zangen firmen Halt am Ufer. Weitere acht Pioniere klettern
schon über sie weg und halten sich, untereinander fest verkettet, mit
steifen Zangen an den ersten acht. So bauen sie immer weiter, bis in
fabelhaft kurzer Zeit die dreißig Zentimeter Wasser von einer lebenden
Brücke überspannt sind. Kaum ist die Verbindung mit dem andern Ufer
hergestellt, die Brücke dort gut verankert und stramm angezogen, so
ist die Spitzenkompanie auch schon hinüber. Eiligst schwärmt sie aufs
neue aus, um die verlorene Zeit wieder einzuholen. Die Heeressäule,
die keine Sekunde im Marsche aufgehalten wurde, beginnt sich über die
Brücke zu wälzen. Zwei, drei Stunden mag der Übergang dauern – die
Pioniere halten fest. Ersoffen, zertrampelt mögen sie sein – los lassen
sie nicht.
Diese organisierten Marschbewegungen der Siafu haben mich stets sehr
interessiert. Stört man sie nicht in ihrem Vorhaben, dann kann man
sie in aller Ruhe aus allernächster Nähe beobachten. Solange sie auf
dem Marsche sind, nehmen sie von Mensch und Tier nur nebenher Notiz.
Wieder und wieder laufen mir die Soldaten der Seitendeckung über die
Stiefeln und stürzen davon, um meine Gegenwart der Heeresleitung zu
melden. Weiter passiert nichts, denn die Heeresleitung hat andere
Pläne. Ließe ich es mir aber einfallen, z. B. mit meinem Stock
die Marschkolonne ernstlich zu belästigen, d. h. mehr Soldaten
totzuschlagen, als die Kameraden im Weitermarsch bequem auffressen
könnten, dann würde ein Angriff auf mich befohlen werden. Wie sie sich
entwickeln und unter Führung der dicken Feldwebel schwärmen, kann ich
eventuell noch mit ansehen. Ehe es zum Sturmangriff kommt, hat sich
der erfahrene Beobachter aber bereits verdrückt. Gegen Siafu kann
man nur mit Feuer und starkem Rauch kämpfen. Andere Waffen gibt es
nicht. Schlüge man mit einem Spaten oder Brett Hunderttausende tot,
ebenso viele Millionen würden den Angriff erneuern, und zwar so lange
erneuern, bis dem Bedrängten die Arme müde zur Seite hängen.
Auf Grenzwacht
Meine dienstliche Aufgabe war, die ausgestellten Feldwachen zu
kontrollieren sowie Beobachtungspatrouillen auszuschicken. Beides war
militärisch wenig erfreulich, denn die Massai waren keine willigen
Soldaten. Besonders die fernliegenden Feldwachen liebten sie nicht;
entweder sie gingen gar nicht erst hin oder sie verließen die Wache,
lange bevor die Ablösung ankam. Erst als ich anfing, sie wegen
Wachvergehen zur Prügelstrafe niederlegen zu lassen, wurde der Dienst
etwas ernster genommen. Meine Versuche, Massai zu selbständigen
Beobachtungspatrouillen zu verwenden, scheiterten gänzlich. Sie
weigerten sich, allein über die Grenze zu gehen. Wenn ich selbst sie
auf meinen Patrouillenritten mitnahm, mußte ich die ganze Zeit über
aufpassen wie ein Schießhund, daß sie mir nicht ausrissen – ohne Massai
kam ich als Schleichpatrouille stets weiter vorwärts als mit ihnen.
Das wurde mit einem Male anders, als Kommandant Krantz sich der Sache
persönlich annahm. Er war inzwischen aus der Truppe entlassen worden
und hatte als Zivilist einen Vertrag mit der Militärbehörde gemacht.
Gegen ein Fixum von tausend Rupien per Monat organisierte er nun am
Telephonhügel den Massainachrichten-, -aufklärungs- und -spionagedienst
mit altem Eifer. Er schickte seine Massaispione allein auf Patrouille
mit dem Erfolge, daß die aufregendsten, wildesten Dinge berichtet
wurden. Gegen solche Resultate fiel die Tätigkeit meiner Massai
natürlich sehr ab. So erschien er bei mir zur Inspizierung.
Als ich eines Abends von Patrouille zu meinem Urwaldlager zurückkam,
lag Krantz zu meiner Überraschung dort unter einem Baum und erwartete
mich. Er aß mit mir zu Abend, rollte auf und organisierte in bekannter
Weise, sprach viel von seinen bemerkenswerten Erfolgen und ritt endlich
im Mondschein mit den sechs ihn als Leib- und Ehrenwache begleitenden
Ilmuran wieder ab, nachdem sein Erzspion, ein Deutsch sprechender
Massai, einige meiner Massai stundenlang instruiert hatte.
Schon am nächsten Morgen zeigte sich der Erfolg. Als ich meine Massai
fragte, wer eine Patrouille von drei Tagen zum englischen Namangalager
am Erok laufen wolle, um Truppenbewegungen zu beobachten, meldeten
sich sofort mehrere Ilmuran. Es war dies etwas auffällig, weil sich
noch tags zuvor alle Massai einstimmig geweigert hatten, allein auf
Patrouille zu gehen. Krantzens Vertrauensmann mußte doch mächtig
auf ihren Patriotismus gewirkt haben! Daß diese Wirkung sich auf
die beschränkte, auf die er eingewirkt hatte, war ja schließlich
erklärlich. Aber es war doch merkwürdig, daß in Zukunft immer nur ein
Teil meiner Massai freiwillig und allein auf Fernpatrouille ging. Es
waren immer dieselben Leute, während der größere Teil sich nach wie vor
weigerte, allein auf Patrouille zu gehen.
Die Meldungen, die meine neu umgebackenen Spione brachten, wurden nun
ebenfalls von Tag zu Tag wilderer Natur. Zuletzt konnte man die Länge
der feindlichen Truppenkolonnen, die vom Erok zum Longido marschiert
sein sollten, nur noch mit einem Kilometermaß messen. Jedesmal, wenn
die Spione zurückkamen, hätte ich an die Abteilung melden können:
»Heute wieder fünf Kilometer!« Schade, daß ich meinen Ilmuran so gar
nicht traute und in allen meinen Berichten die Unwahrscheinlichkeit der
Massaimeldungen betonte. Ich wußte nach meinen eigenen Beobachtungen,
daß etwa achthundert Mann feindlicher Truppen den Longido besetzt
hielten – nach den Meldungen der Massai hätten es etwa fünfzigtausend
sein müssen. Aber vorläufig glaubte man ihnen mehr als mir.
Inzwischen hatte ich mein Urwaldlager wiederholt auf andere Waldwiesen
verlegt, da ich den Gedanken, daß meine Massai mich verraten könnten,
nie ganz los wurde. Wenigstens wollte ich es dem Feinde erschweren,
nachts mein Lager zu finden. Die ersten Kriegsweihnachten hatte ich im
Urwald verlebt, Neujahr lag hinter mir und Kaisers Geburtstag wurde
gefeiert. Das Hoch auf unsern obersten Kriegsherrn hatten wir in
selbstgebrautem Honigbier ausgebracht. Ungemein solide war diese Feier
überall verlaufen; denn wir befanden uns schon in der alkohollosen Zeit
des Krieges. Das war aber recht gut. Denn die Engländer hatten damit
gerechnet, daß alle unsere Vorposten am 28. Januar einen Bombenkater
haben würden, und suchten an diesem Morgen an der ganzen Front alle
unsere Vorposten durch starke Kampfpatrouillen gewaltsam aufzuklären.
Schon vor Tagesgrauen waren sie in meinem vor wenigen Tagen verlassenen
Urwaldlager gewesen. Als sie dies leer gefunden hatten, waren sie zu
dem etwa drei Viertel Stunden entfernten Gehöft hinuntergeritten. Uns
alarmierte einer unserer Massai mit der Meldung: »Sehr viele Feinde
im Gehöft!« Pfützner und ich eilten, um zunächst einen Überblick zu
gewinnen, auf den Gipfel des Hufeisenberges – da sahen wir mit dem
Feldglase die Engländer gerade abreiten; es waren achtzehn Reiter mit
fünf Massailäufern.
Wir ritten nun zum Gehöft hinunter und »rekonstruierten das
Verbrechen«, wie Sherlock Holmes sagen würde. Dies war höchst einfach;
denn die Spuren waren alle noch frisch. Vom Norden her, genau über den
Fleck, wo meine Massaifeldwache hätte stehen müssen, wenn sie der
Instruktion gefolgt wäre, war die englische Patrouille angeritten.
Am Wasser beim Gehöft, das zu beobachten die Massaifeldwache am
Gehöft strengen Befehl hatte, hatten sie getränkt. Dann waren sie zu
meinem kürzlich verlassenen Urwaldlager hinauf- und wieder zum Gehöft
heruntergeritten und hatten schließlich auf der Baraza des Herrenhauses
gefrühstückt – eine leider leere Sardinenbüchse zeugte noch davon.
Ich glaube zwar nicht, daß meine Massai den Feind an diesem Tage
geführt haben, denn dann würden die Engländer nicht mein eben
verlassenes Urwaldlager aufgesucht haben. Aber aus der Tatsache, daß
dem Feinde mein altes Lager bekannt war und daß keine der Feldwachen
funktionierte, ist zu schließen, daß einige meiner Massai mit den
englischen Massai Shauri moja [gemeinsame Sache] gemacht haben. Sie
hatten letzteren mein Urwaldlager verraten und sich während des
Überfalles passiv verhalten, mit Ausnahme des einen, der uns die
erste Meldung brachte. Es war unser Glück, daß die Wissenschaft der
englischen Massai um einige Tage veraltet war. Im Engare Nairobilager
glaubte auch nach meiner Meldung über diesen Vorfall noch niemand
daran, daß die Massai Verräter seien.
Ich persönlich hatte in jenen Tagen einen Abschiedsschmerz – die fromme
Helene wurde zur Infanterie versetzt. Ich erhielt dafür ein trotz hohen
Alters flottes Maultier, das wegen seiner charakteristischen Unterlippe
Alphons genannt wurde. Am Longido von den Engländern erbeutet, war
Alphons, nach seinen Zähnen zu urteilen, hoch in den Zwanzigern. Seine
Eselunarten hatte er gänzlich abgelegt. Wenn ich absaß und zu Fuß
ging, lief Alphons mir nach wie ein Hund, auf Befehl blieb er so lange
geduldig stehen, bis ich ihn wieder abholte. Alle seine Gangarten
waren die eines Pferdes – nur wenn er sehr müde wurde, trabte er wie
ein Esel und hielt es dann in dieser Gangart noch stundenlang aus. Ich
habe wenige Maultiere kennengelernt, die alle Eigenschaften eines gut
trainierten Patrouillentieres so in sich vereinigten wie Alphons.
Mein Alphons war also ein Beweis dafür, daß Maultiere zu zuverlässigen
Patrouillentieren erzogen werden können. Die Maultiere meiner Kompanie
freilich, die ja nicht regelrecht als Remonten eingestellt, sondern
von überallher zusammengesucht waren und für deren vormilitärischen
Mangel an Erziehung die Kompanie nicht verantwortlich war, blieben,
wenn sie auch noch soviel lernten, doch immer bis zu einem gewissen
Grade unberechenbar. Gelegentlich, und zwar gewöhnlich dann, wenn es
am wenigsten paßte, verfielen sie wieder in ihre Eselunarten. Deshalb
mag das Maultier, verglichen mit dem Pferd, für eine ostafrikanische
berittene Truppe, deren Notwendigkeit der Krieg erwiesen hat,
gewisse Nachteile haben. Und besonders in der Reitbahn und auf dem
Exerzierplatze wird es sehr gegen das Pferd abfallen.
Auf der andern Seite hat aber das Maultier – gemeint ist ja immer der
Maulesel – viele Vorzüge. Lange Patrouillen – die längste, die ich
mitgeritten, dauerte fünf Wochen –, auf denen man Reittierverpflegung
nicht mitnehmen kann und die Tiere sich in den kurzen Rastpausen
von während der Trockenheit spärlichem, strohgelbem Gras zu nähren
haben, haben die Maultiere stets besser überstanden als die Pferde.
Im gebirgigen und steinigen Gelände tritt das Maultier viel sicherer
als das Pferd mit europäischem Blut in den Adern, auch kann es schmale
Eingeborenenpfade oder Wildwechsel viel leichter einhalten als ein
breitspuriges Pferd. Endlich nutzen sich ihre kleinen harten Hufe auf
hartem Boden lange nicht so schnell ab als die der Pferde besserer
Zucht, wenn beide, wie es bei uns im Kriege der Fall war, unbeschlagen
sind. Gegen Pferdesterbe und Tsetse ist das Maultier zwar auch nicht
immun, aber doch viel widerstandsfähiger als ein Pferd mit nur einem
Tropfen europäischen Blutes. Als ich nach zwei Kriegsjahren gefangen
wurde und wir die gesunde Gegend des Nordens längst verlassen hatten,
hatten wir bei der Kompanie noch eine ganze Anzahl Maultiere und
Somaliponys, mit denen wir schon in den Krieg gezogen waren, aber
außer der Fohlenstute Sophie kein einziges unserer ursprünglichen
Pferde besseren Blutes mehr. Alle waren der Tsetse und Sterbe zum
Opfer gefallen. Noch mit am längsten hatte mein Halbbluthengst Otto
ausgehalten, der mir später zugeteilt wurde; er war in Afrika geboren,
halb Araber, halb Ostpreuße.
Unsere Kavallerie braucht englische Reittiere
Die Berittene 9. Schützenkompanie lag inzwischen immer noch im Lager
am Engare Nairobi als Teil der Abteilung Kraut. Als wichtige Neuerung
erfuhr ich, daß im neuen Jahre nach und nach die früher internierten
Buren, soweit sie sich bereit erklärt hatten, der deutschen Sache zu
dienen, in den Kompanieverband aufgenommen worden waren.