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Otto Inhülsen / Wir ritten für Deutsch-Ostafrika
21.–30. Tausend
Otto Inhülsen
Wir ritten
für
Deutsch-Ostafrika
[Illustration]
v. Hase & Koehler / Verlag / Leipzig
Umschlaggestaltung und Bildschmuck von Hanns Langenberg, Leipzig
Die erste Auflage dieses Werkes erschien unter dem Titel:
Abenteuer am Kilimanjaro
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten
Copyright 1926 by Koehler & Amelang G.m.b.H. in Leipzig
Satz und Druck der Offizin Haag-Drugulin in Leipzig
Titeldruck Breitkopf & Härtel, Leipzig
Inhaltsverzeichnis
Kriegsausbruch 5
Auf Posten Weber 8
Es wird Ernst 16
Der Geburtstag der Berittenen 9. Schützenkompanie 18
Kriegssafari zum Urwaldposten Olmolog 19
Alleinherrscher im Urwald 24
»Siafu!!!« 32
Auf Grenzwacht 37
Unsere Kavallerie braucht englische Reittiere 42
Ein Konkurrenzunternehmen 50
Mutter der Kompanie 52
Bilder und Typen aus dem Lagerleben 55
Die Kavalleriebrigade und die Zebraspuren 78
Große Kampfpatrouille zur englischen Magadbahn 80
Ausbildung im Garnisondienst 104
Als Fliegerersatz über dem englischen Bezillager 107
Durch den ostafrikanischen Großen Graben ins Winterhochland 114
Nach Engaruka verpumpt 147
Der Hunderttausend-Tonnen-Hammer fällt 157
Der Gewaltmarsch zur Mittellandbahn während der großen
Regenzeit 173
An der Kondoa-Front 183
Der Todesritt der Berittenen 9. Schützenkompanie 202
[Illustration]
Kriegsausbruch
Mein Vater fing mich in Bremen ein, als ich im Jahre 1879 zum ersten
Male nach Afrika auswanderte. Ich war damals elf Jahre alt und wollte
in Afrika Löwen schießen. Für die Löwenjagd hatte ich eine alte
Pistole aus Vaters Waffensammlung und sechs reine Taschentücher,
als Reiseproviant ein Glas Eingemachtes aus Mutters Speisekammer
mitgenommen. Für mich lief diese Sache tragisch aus.
Als ich 35 Jahre später zum fünften Male auswanderte – ich war
inzwischen in Indien, Australien und in der Transvaal gewesen und
hatte eben ein paar Monate zur Erholung in Deutschland verlebt; jetzt
trieb mich die Abenteuerlust nach Ostafrika –, da fand ich auf der
großen Viehfarm Olmolog, deren Leitung ich am 15. Juli 1914 übernahm,
hoch oben am Nordwestabhang des Kilimandscharo, dicht am Urwald und
unmittelbar an der englischen Grenze, in Fülle das, was ich mir in der
Jugend gewünscht hatte. Allnächtlich umschlichen die Löwen, die aus der
Steppe vom Amboseli-See und den höhlenreichen Löwenklippen heraufkamen,
mein Haus. Sie holten mir die Hunde weg von der Baraza [Veranda] und
das Jungvieh aus der Boma [Umzäunung]. Gleich bei einem meiner ersten
Ausritte begegnete mir einer ganz in der Nähe des Gehöfts sogar am
hellen lichten Tage.
Auf der Frommen Helene, so genannt, weil sie sich von dem störrischsten
Maulesel der Welt im Laufe vieler Jahre in das faulste Exemplar ihrer
Spezies hineingealtert hatte, ritt ich, natürlich in sausendem Schritt,
den Weg zum Steinbruch der Farm. Plötzlich stand uns (ich meine Helena
und mir) an einer Wegebiegung eine Löwin auf zehn Schritt gegenüber.
Ich hatte kein Gewehr bei mir und war sehr erstaunt. Die Löwin schien
auch erstaunt, aber noch erstaunter war die Fromme Helene. Sie löste
die für alle Beteiligten peinliche Situation, machte kurz kehrt und
jagte in einem solchen Tempo zum Gehöft zurück, daß ich schließlich
doch am meisten staunte, und zwar über die Geschicklichkeit, mit der
Helene bisher zu verheimlichen gewußt hatte, daß sie außer Schritt noch
andere Gangarten kannte. Die Löwin machte ebenfalls kehrt und sockte
ab. Menschenfresser ist in jener wildreichen Gegend der Löwe nicht.
[Illustration]
Damals kam ich nicht dazu, mich mit der Löwenfrage weiter zu befassen.
Von meinem Nachbar Otto Weber – Nachbar, weil er nur vier Reitstunden
um den Berg herum südlich von mir eine Viehfarm hatte – kam ein
Bote nach dem andern: Kriegserklärung Österreichs an Rußland! –
Kriegszustand in Deutschland! – Kriegserklärung Deutschlands an
Frankreich! – Englands Eintritt in den Krieg gegen Deutschland! Was
sagt doch die Kongo-Akte?
Dann kam der junge fröhliche Kossel, der Assistent des Farmers und
Majors a. D. Schlobach, dessen Farm an die von Otto Weber grenzte.
Kossel meldete mir, daß ich eingezogen und der Stellungsbefehl
unterwegs wäre, daß ich der Abteilung des Major Schlobach zugeteilt sei
und daß ich mich auf dessen Befehl mit dem Vieh von der Grenze nach
Farm Weber zurückzuziehen hätte. Dort, sagte er, wäre ein Farmerposten
von einigen Gewehren eingerichtet worden. Major Schlobach hätte sich
mit seinem Vieh weiter südlich auf die Farm Geraragua zurückgezogen und
sammele dort um sich und sein Vieh alles, was sich in der Gegend an
Mannschaften, Reittieren und Gewehren auftreiben lasse.
Der junge Kossel, ein Mecklenburger vom reinsten Wasser, war begeistert
für den Krieg und bedauerte nichts mehr, als daß er nicht zu Hause im
Osten oder Westen das Vaterland verteidigen helfen könnte. Er half mir
beim Umzug, und am nächsten Morgen befanden wir uns mit Vieh, Schafen
und Eseln auf dem Trek nach Farm Weber.
Daß die Kongo-Akte nicht respektiert werden würde, glaubte damals
noch kein Mensch bei uns; denn die Nachrichten, die uns im Hinterland
erreichten, waren nur spärlich, und erst nach mehreren Tagen erfuhren
wir, daß am 8. August 1914 die Engländer den Funkturm bei Daressalam
von See aus beschossen hatten und damit die Feindseligkeiten eröffneten.
[Illustration]
Auf Posten Weber
Das Kriegsglück hatte es gut mit mir im Sinn gehabt. Auf der Farm
Weber oder »Posten Weber«, wie es offiziell hieß, fand ich, was man im
Manöverleben Sektquartier nennen würde. Dies ist bildlich aufzufassen.
Sekt gab es dort nicht, aber dafür eine von der liebenswürdigsten
Gastgeberin geleitete, echt deutsch-afrikanische Häuslichkeit und
Gemütlichkeit. Und Webers lebten gut. Überhaupt habe ich, außer Indien,
noch keine Kolonie kennengelernt, in der, was Essen, Trinken und vor
allem Bedienung anbelangt, so aus dem Vollen gelebt wurde, wie in den
Städten, auf den Pflanzungen und Großfarmen in Deutsch-Ostafrika.
Die Besatzung ergänzte sich nach und nach aus Leutnant Freund,
Vizewachtmeister Trommershausen, Unteroffizier Rimpler und mir. »Posten
Weber« war längere Zeit der exponierteste Posten unserer Front. Und
doch war Frau Weber nicht zu bewegen, ihre Person nach Geraragua oder
Moschi in Sicherheit zu bringen.
Für uns war es gut so. Frau Webers frischer, fröhlicher Mut und nie
versiegender Humor ließen niemals eine gedrückte Stimmung aufkommen.
Es steht außer Zweifel, daß man ihr mit vollem Recht die Ehre des
Titels Postenführer zuerkannte. Die Frau, die es an der Front
aushält, die nicht nur die Garnison des Postens, sondern auch alle
durchkommenden Patrouillenreiter so gut futtert, wie Frau Weber es
tat, die nicht nur für den Leib, sondern auch für Geist und Gemüt
des Vaterlandsverteidigers so gut zu sorgen weiß, wie Frau Weber es
verstand, dient dem Vaterlande soviel, wenn nicht mehr als mancher
Soldat. Es kam so weit, daß keine Patrouille das befestigte Lager von
Geraragua verließ, ohne auf dem Ausritt und, wenn es irgend anging,
auch auf dem Rückmarsch den »Posten Weber« zu passieren. Alle Kameraden
von Geraragua haben ihre Beine wieder und wieder unter Frau Webers
geschmackvoll dekorierten und reich beladenen Tisch strecken und sich
von ihr bemuttern lassen dürfen. Was das heißt, wenn man eine lange
Patrouille vor sich hat oder dreckig, halb verdurstet und ausgehungert
von einer solchen zurückkommt, haben wir alle kennengelernt. Frau
Weber übte auch fleißig mit dem Revolver und einem Damenkarabiner. Sie
war fest entschlossen, den Angriff englischer Massai, der ja jeden
Augenblick bevorstehen sollte, persönlich mit abschlagen zu helfen.
Als Tochter eines Medizinalrates in Deutschland geboren, muß Frau Weber
schon in jungen Jahren ein mütterliches Herz für die Menschheit gehabt
haben. Sie wurde Krankenschwester. Als Schwester Hedwig war sie dann
Oberin am Hospital zu Tanga. Dort ereilte sie das Schicksal, das keiner
Krankenschwester in Deutsch-Ostafrika erspart blieb und das ständigen
Grund zur Klage seitens der Hospitalverwaltung gab. Ja, du lieber Gott,
was war da zu machen! Länger als zwei Jahre konnte man die Schwestern
dem Hospital nicht verpflichten, und eine bessere Frau als eine frühere
Krankenschwester war damals schwer zu finden. Heute ist das anders.
Heute gibt es hilfsbereite und tüchtige Mädel genug.
Unsere kriegerische Tätigkeit auf »Posten Weber« war vor allem auf die
Abwehr des erwarteten Massai-Massenangriffs gerichtet. Zuerst bauten
wir vor der offenen, völlig ungeschützten Veranda des Herrenhauses
einen Wall aus Findlingen. Die Schwierigkeit dieses Baues bestand
eigentlich nur darin, daß diese Mauer weder die Verandapfosten
eindrücken noch Frau Webers Rosen beschädigen durfte. So sorgsam waren
wir zu Anfang des Krieges noch bemüht, Eigentum zu schonen!
Als wir mit diesem Kugelfang fertig waren, gingen wir zum Bau von
Verteidigungswerken größeren Stils über. Die große rechteckige Viehboma
wurde mit Draht- und Dornenverhauen umgeben, und an zwei diagonal
gegenüberliegenden Ecken der Boma wurden mit Schießscharten versehene
kugelsichere Türme errichtet, so daß man aus jedem eine Lang- und eine
Kurzseite des Verhaus bestreichen konnte. In der Voraussetzung, daß
die Massai ihren Angriff nach guter Stammessitte in der Hauptsache
gegen die Viehboma richten würden, sollte ihnen hier eine Niederlage
beigebracht werden.
[Illustration]
Gleichzeitig war ein Heliographenverkehr mit Geraragua und mit dem
weiter unterhalb auf einem Hügel gelegenen »Posten Krantz« eingerichtet
worden. Unser Heliographenapparat bestand bei Tage aus der Sonne,
meinem Rasierspiegel und einem Kistendeckel. Letzterer hatte ein rundes
Loch, das auf die Empfängerstation eingerichtet war. Vor dem Loch im
Kistendeckel befand sich eine Pappscheibe an einem Holzhebel, den ein
Mann zur Erzeugung der Blitzzeichen tippte. Der zweite Mann, der auch
ein Neger sein konnte, stand mit meinem Rasierspiegel fünf Schritte
rückwärts, fing Sonnenstrahlen auf und sandte sie vermittelst des
Spiegels in konzentrierter Form durch das Loch im Kistendeckel. Wenn
der zweite Operateur nicht vorbeikonzentrierte, der erste im Eifer
die Morsezeichen nicht vergaß, und endlich der Empfänger aufpaßte,
funktionierte die Sache tadellos. Mehr als fünfmal brauchte eine
Meldung selten gegeben zu werden.
Der Nachtapparat war noch einfacher. Wir bedienten uns einer
Safarikiste mit Loch und Pappscheibe wie oben, in deren Innerem eine
Azetylenwagenlampe stand. Um die Verbindung mit den andern Posten
aufnehmen zu können, mußten wir unsern Heliographenapparat auf einem
nahen steilen und hohen Berg aufstellen, und einer vom Posten mußte
Tag und Nacht oben sein. Erst später bekamen wir zwei Signalwatote
[Negerschüler] mit einem richtiggehenden Helioapparat.
Eine weitere Aufgabe des »Postens Weber« war, die dort internierten
Buren zu bewachen. Das kam so.
An der Nordgrenze der Kolonie wohnten auf zerstreut liegenden Farmen
eine Anzahl früherer Trekburen, die nach dem Burenkriege eingewandert,
aber englische Untertanen geblieben waren.
Wie die einzelnen Buren in ihrem Herzen gesinnt waren, ob den Deutschen
oder den Engländern zugeneigt, konnte man bei Kriegsausbruch nicht
wissen. Im Bezirk Aruscha ließ man sie ruhig und unbelästigt auf
ihren Farmen sitzen und Eier, Hühner und sonstige Farmprodukte an
die Etappe Aruscha liefern. In unserm Bezirk Moschi machte man das
Gegenexperiment: hier wurden alle Buren mit Frau und Kindern auf
»Posten Weber« interniert.
Hier bauten sie sich in der befestigten Viehboma Lehmhütten und bezogen
sie mit Weib und Kind; ihr Vieh stellten sie mit in die Boma ein. Sie
waren in der Mehrzahl ruhige, nette Leute, die später fast alle auf
deutscher Seite mitkämpften. Einer von ihnen, Piet Nievenhuizen, wurde
Feldwebel und ist bis zum Schluß der Feindseligkeiten in Afrika als
Pfadfinder und Führer der Person unseres Oberst attachiert gewesen, dem
er mit Leib und Seele ergeben war.
»Posten Weber« war der geeignete Platz, alle die Geraraguakameraden
nach der Reihe kennenzulernen. Denn alle kamen sie auf ihren
Patrouillen dort durch. Beritten waren sie alle, und ein größeres
Allerlei von Reittieren auf einem Haufen habe ich in meinem Leben sonst
nirgends gesehen. Da waren Pferde. Einige wirkliche Pferde und viele
solche, die es überhaupt nicht gibt oder geben sollte. Die besten
waren noch einige Somaliponys. Am zahlreichsten vertreten war die
Kreuzung zwischen Pferdehengst und Eselstute, die man überall in der
Welt Maulesel nennt. Nur in Deutsch-Ostafrika nennt man sie hartnäckig
Maultier; eigentlich ist das Maultier die Kreuzung zwischen Eselhengst
und Pferdestute, und später im Kriege bekamen wir auch einige Exemplare
dieser Gattung. Da wir uns aber an so feinen Unterschieden nicht
stoßen wollen und für das Kreuzungsprodukt zwischen Pferd und Esel
in Deutsch-Ostafrika nun einmal die Bezeichnung Maultier üblich ist,
spreche ich in Zukunft auch nur vom Maultier. Da waren große Maultiere
und kleine Maultiere, Maultiere mit glattem Haar und Maultiere so
wollig wie ein Pudel. Da waren Maultiere, die allein gingen, und
solche, die nur in der Kolonne mitgingen. Einzelne ließen sich satteln,
bei andern waren fünf Mann nötig, um den Sattel aufzuzwingen. Wer diese
Maulböcke und ihre Anstalten im August 1914 kannte und dann ein Jahr
später die Berittene 9. Schützenkompanie ausrücken sah, hätte es nie
für möglich gehalten, daß ein Teil ihrer Reittiere dieselben Maultiere
sein könnten – so gepflegt, glatt und einexerziert schritten, trabten
und galoppierten sie dahin. Ähnlich wie die Reittiere war auch die
Reitausrüstung der Abteilung Geraragua mannigfacher Art. Es gab einige
wirkliche Sättel und Zaumzeuge und viele, die man nur aus Höflichkeit
als solche ansprechen konnte. Es waren Sättel dabei, die Noah schon
mit in die Arche nahm, und Zaumzeuge, an denen nur das verrostete
Trensengebiß noch Original war.
Aber was macht das alles, wenn man die Kameraden betrachtet, die auf
diesen Reittieren auf »Posten Weber« angeritten kamen! Da waren die
beiden schönen Männer der Gegend, die Lieblinge der Damenwelt, Hugo
König und mein Kollege Jacobsen. Darüber, welchem von beiden der Apfel
des Paris zu reichen sei, konnten sich die Damen nicht einigen. Beide
hatten so was, so was – na, da verstehe ich mich nicht darauf. Hugo
König, der »schöne Hugo« genannt, erklärte uns wieder und wieder,
wo der »springende Punkt« der Kriegslage zu suchen sei. Er war
Kriegsfreiwilliger und gerne der Generalstäbler von Geraragua. Mit ihm
kam sein Bruder Fritz, Mitglied des Gouvernementsrates, eine Autorität
in Kolonialfragen. Es kam der Weltensegler, Millionär und Jagddilettant
Elven, mit der fixen Idee behaftet, ganz Deutsch-Ostafrika müsse
als ein Jagdreservat für Millionäre angesehen werden. Es kamen der
Gouvernementslandwirt Mittag, der verkörperte Agrarier, und sein
Kollege Münz aus Württemberg, dessen Deutsch kein Norddeutscher
verstehen konnte. Es kamen Leutnant Kaufmann und sein Bruder Hans,
letzterer kaum siebzehn Jahre alt. Es kamen die Farmassistenten Frank,
Fränkel und das Mtoto [Kind] der Abteilung, der sechzehnjährige
Schönbohm. Es kamen Leutnant Kühn und zuweilen auch seine Frau und ihr
Bruder Satow. Es kam der Dichter und Unteroffizier Müller, der eine
Hornbrille trug wie die Alchimisten in alten Kupferstichen.
Es kam Richard L. Sauerbrunn, Farm-, Pflanzungs- und Dukabesitzer[1] am
Berg. Er kam in geheimer Mission. Er hatte persönliche Beziehungen zu
den Massai jenseits der Grenze gehabt, wollte diese für die deutsche
Sache zu gewinnen suchen und sie veranlassen, mit ihren riesigen
Viehherden auf deutsches Gebiet überzutreten. Er zog dahin und kam
nicht wieder. Eine Patrouille wurde ihm nachgehetzt, aber sie fand ihn
nicht mehr. Er war der erste Kriegsgefangene, den wir an unserer Front
verloren.
Sauerbrunns Schicksal habe ich erst später, im Kriegsgefangenenlager zu
Ahmednagar, von ihm selbst erfahren. Er hatte seine Geschäftsfreunde
nicht mehr jenseits der Grenze vorgefunden. Die Engländer kannten die
Firma Richard L. Sauerbrunn anscheinend. Sie hatten seine Massaifreunde
von der Grenze zurückgezogen und durch Massaipatrouillen aus dem
Hinterlande ersetzt. Von diesen fand sich Sauerbrunn plötzlich umringt.
Sie speerten ihn in Arme und Beine und schlugen ihm mit ihren Keulen
den Unterkiefer aus dem Gelenk sowie Löcher in den Kopf. Da Sauerbrunn
trotzdem nicht tot war, schleppten ihn die Massai zehn Tage lang mit
sich durch das Pori, um ihn endlich einem englischen Posten an der
Ugandabahn auszuhändigen. Daß Sauerbrunn nicht an Blutvergiftung
einging, verdankte er nur seiner Zähigkeit. Seine eiternden Wunden
desinfzierte er mit zu Staub zerriebenen Holzkohlen, die er sammelte,
wenn die Massai ihr Fleisch fertig geröstet hatten. Essen konnte er
nicht. Er lebte von schlechtem Wasser und hin und wieder etwas saurer
Milch. Er hat dann wochenlang im Lazarett in Nairobi gelegen und wurde
schließlich, gut geflickt und eingerenkt, nach Indien geschafft.
Dort, im A-Camp in Ahmednagar, hat Sauerbrunn in selbstlosester
Weise unermüdlich für das Wohl seiner Mitgefangenen gesorgt. Er war
der Vermittler zwischen Camp und englischer Verwaltung in allen
Verpflegungsangelegenheiten und leitete musterhaft die große allgemeine
Campküche. Jeden Vormittag, den Gott in der Gefangenschaft werden
ließ, übersetzte Sauerbrunn den um ihn versammelten Gefangenen die
englische Tageszeitung mit einer Routine, die ihresgleichen sucht.
Mit nie versagendem Humor und unerschütterlichem Glauben an den
Endsieg der deutschen Sache flocht er Zwischenbemerkungen launiger und
patriotischer Art in die Übersetzung des Zeitungstextes ein, daß das
Gelächter und Hurra seiner Zuhörer durch das Lager schallte. Er hielt
auch Vorlesungen abends unter dem Baum am Waschhaus oder im Konzert-
und Theatersaal aus Wellblech, und wenn sich auch noch viele andere um
das Gefangenenlager verdient gemacht haben, so darf ich doch sicher
sagen, daß Richard L. Sauerbrunn der Liebling des A-Lagers war.
Alle ritten sie über »Posten Weber«, fütterten dort ihre Tiere und
sich selbst. Es kam auch Vater Krantz, ein früherer Burenkommandant.
Auf seinem Moritz, dem Pferd mit der faustgroßen, permanent offenen
Druckstelle am Widerrist, sprengte Krantz effektvoll auf den Hof und
warf sich wie der Jüngste vom Tier. Ehe er in Hörweite war, begann
Krantz schon die Arme übereinanderzurollen und seine Kriegspläne
auszukramen. Aus deutschen Massai wollte er an der ganzen Grenze ein
Aufklärungs-, Spionage- und Nachrichtenkorps organisieren, mit ihm
selbst als Zentralorgan und belebendes Herz. Die Massai sollten dann
immer vorneweg, immer vorneweg am Feinde sein. Die berittenen Farmer
und Pflanzer sollten dann, von seinen Massaispionen geführt, den Feind
umgehen und in der Flanke angreifen. »Und« – er rammte einen imaginären
Karabiner in die rechte Schulter – »dann immer: päng, päng! Und« – er
rammte denselben Karabiner in die linke Schulter – »wenn das rechte
Auge ermüdet ist, dann immer links: päng, päng!« Aufrollen sollten wir
die Feinde. Nach der Küste zu aufrollen, bis das Land zu Ende sei und
sie alle ins Meer stürzten. Wieder rollten seine Arme, diesen Prozeß
plastisch darstellend.
Es kam endlich der Kaffeepflanzer und frühere Oberleutnant zur See
Büchsel, ein neuer Stern, der neben Krantz an unserer Front aufging.
Büchsel kam bei Webers durch auf dem Marsche zum Longidogebirge,
etwa Kilometer nordwestlich unseres Postens gelegen, um dort mit
Kameraden aus dem Aruschabezirk, berittenen Pflanzern und Farmern, ein
Patrouillenkorps zu gründen. Er bezog oben im Gebirge, am Urwaldrande,
ein Lager, das nach ihm später den Namen Büchsellager führte. Von hier
ritt er Patrouillen über die Grenze in Richtung Erok, Ingito, englische
Magadbahn, stellte die Wasserstellen, die Stärke der feindlichen Posten
fest und berichtete darüber an das Kommando.
[Illustration]
Fußnoten:
[1] duka = Laden.
Es wird Ernst
Am 15. August 1914 war der Ort Taveta, östlich vom Kilimandscharo auf
englischem Gebiet gelegen, von unsern an jener Front operierenden
Truppen genommen worden. Nun sollte, durch Büchsels Patrouillenkorps
vorbereitet, auch an unserer Front, westlich vom Kilimandscharo, die
Offensive beginnen.
In Geraragua erschien zu diesem Zweck Kapitänleutnant Niemeyer auf der
Bildfläche. Er erhielt den Befehl der berittenen Geraraguaabteilung;
Major Schlobach sollte als Etappenkommandant in Geraragua
zurückbleiben. Bald traf auch Hauptmann Tafel mit der 10. Feld-, d. h.
Askarikompanie in Geraragua ein und übernahm den Oberbefehl über alle
dort versammelten Truppen.
Am Spätnachmittage des 18. September setzte sich Abteilung Tafel, also
die 10. Feldkompanie und die berittene Abteilung Geraragua, in Marsch
zum Longidogebirge und traf dort am 21. September ein. Geführt von dem
Patrouillenkorps Büchsel, ging es am 24. September nach Norden über
die Grenze. Der feindliche Posten Kichwa cha tembo an der Magadbahn
sollte ausgehoben und die Bahn gesprengt werden. Nach einem Nachtmarsch
wurde um sieben Uhr morgens in einem Koongo am Fuße des Ingitoberges
haltgemacht, um zwei Stunden zu ruhen.
Nach den mir später in der Gefangenschaft von englischer Seite
gemachten Mitteilungen war eine starke englische berittene Patrouille,
bestehend aus etwa 66 Buren und Farmern aus Britisch-Ostafrika,
schon seit Stunden den Spuren der Abteilung Tafel nachgeritten. Die
Marschordnung der letzteren auf schmalem Pfade war: eine berittene
Spitze, die Feldkompanie mit Trägern und endlich das Gros der
berittenen Abteilung. Dies hatte zur Folge, daß die Spuren unseres
Fußvolkes durch Reittierspuren völlig wieder zugedeckt worden waren.
Die Engländer glaubten daher, einer unserer gewöhnlichen berittenen
Patrouillen gefolgt zu sein. Sie überrannten den aufgestellten Posten
und eröffneten auf kurze Entfernung ein überraschendes Feuer auf
die ruhenden Deutschen. Im Gebüsch – einige englische Buren saßen
sogar in den Bäumen – in guter Deckung gegen Sicht, hatte der Feind
die Situation zuerst völlig in der Hand, und die schweren Verluste
auf unserer Seite ereigneten sich in der Hauptsache zu Anfang dieses
überraschenden Überfalles, bei dem es Kugeln regnete, ohne daß ein
Feind zu sehen war. Dies dauerte aber nicht lange. Die Feldkompanie,
auf deren Anwesenheit der Feind nicht vorbereitet war, entwickelte sich
schnell, ließ die beiden Maschinengewehre spielen und nahm unmittelbar
darauf den Feind mit dem Bajonett in der Flanke an. Gleichzeitig gingen
unsere Europäer frontal sprungweise vor.
Unsere Askari im Bajonettangriff, das ist so ’ne Sache. Was vom
Feinde noch laufen konnte, lief. Von den 86 Feinden sind nur 14
unverwundet aus dem Gefecht herausgekommen, und die englischen Buren in
Britisch-Ostafrika wollten seitdem vom Kriege an der Front nie wieder
recht was wissen. Der Feind ließ außer vielen toten auch 26 lebendige
Reittiere mit guten Ausrüstungen auf dem Gefechtsfelde zurück und trug
dadurch zur besseren Berittenmachung und Equipierung unserer Abteilung
bei.
[Illustration]
Aber auch bei uns waren die Verluste sehr schwer. Kossel, der lustige
junge Mecklenburger, der Unternehmer Rotbletz, der Lehrer Breitkreuz
sowie die Farmer Hartmann und Grötzinger hatten ihr junges Leben
hier lassen müssen, 6 andere waren, zum Teil schwer, verwundet. Bei
40 berittenen Europäern: Verlustziffer also 25 Prozent. Auch die
Feldkompanie hatte schwer gelitten. Der Liebling aller, Leutnant Walde,
war am Maschinengewehr gefallen, der tapfere Hauptmann Tafel schwer
verwundet; auch Feldwebel Nickel und der Unteroffizier Mieth waren
verwundet. 12 Askari waren tot und 18 verwundet. Auch viele Träger
waren tot, verwundet oder ausgerissen. An die Verfolgung des Feindes
konnte nicht gedacht werden.
Die Feuertaufe war bestanden. Der Todesengel hatte gewürgt, und schwer,
bleischwer lastete plötzlich der ganze Ernst des Krieges auf den
Gemütern der sonst so fröhlichen Gesellen. Es dauerte Tage, ehe sie
dieser Beklemmung ganz Herr wurden.
Das Longidogebirge wurde von der 10. Feldkompanie und der berittenen
Abteilung Geraragua besetzt gehalten. Das Kommando führte zuerst
Hauptmann Richter, dann Hauptmann Kraut, mit dem auch noch die 11. und
21. Feldkompanie dort eintrafen.
Der Geburtstag der Berittenen 9. Schützenkompanie
Nunmehr habe ich von einem auch für die Leser wichtigen
kriegsgeschichtlichem Datum erster Ordnung zu vermelden: dem 20.
Oktober 1914. Er ist der Stiftungstag der Elitetruppe, der ich
anzugehören die Ehre hatte und von der ich fortan erzählen werde, bis
zu ihrem Todesritt am 27. Juli 1916, an dem sie im Feuerüberfall und
Handgemenge bei Meia-Meia aufgerieben wurde.
An jenem Tage wurden die Mannschaften mehrerer Einzelposten sowie
das Patrouillenkorps Büchsel mit der berittenen Abteilung Geraragua
zusammengeschlossen zur »Berittenen 9. Schützenkompanie«. Man darf sich
durch die Zahl »Neunte« nicht irreführen lassen – in Wirklichkeit war
sie die erste und zunächst einzige berittene; das »Neunte« erklärt
sich daher, daß alle aus Europäern gebildeten Truppenteile zum
Unterschied von den Askari- oder Feldkompanien als Schützenkompanien
bezeichnet wurden. So ist jener Stiftungstag der »Neunten« zugleich
der Gründungstag der deutsch-ostafrikanischen Kavallerie überhaupt,
und diese ist hervorgegangen aus unserer Farmerabteilung Geraragua,
die mit ihren paar Reittieren begann. Erst später erhielt die
»Neunte« Konkurrenz in der »Berittenen Achten«, mit der wir die
stolze afrikanische Kavallerie»brigade« bildeten. Natürlich hat die
»Achte«, die wir »die Fliegenden Hunde« nannten, nie an die »Neunte«
herangereicht.
Damit sich aber der Leser nicht etwa übertriebene Vorstellungen von
unserer »Brigade« macht, möchte ich doch noch hinzufügen, daß die
größte Anzahl von Europäern, die die »Neunte« in ihrer Glanzzeit auf
dem Papiere hatte, einige siebzig betrug. Ihre größte Gefechtsstärke
bestand Mitte 1915, einschließlich der inzwischen dazugekommenen
Askari, aus 56 Gewehren. An solchen Zahlen sind ihre Taten zu messen.
Das Verzeichnis, das ich mir von allen Europäern, die meiner Kompanie
im Laufe der zwei Jahre ihres Bestehens angehörten, angelegt habe,
weist 75 Namen auf. Als unser Oberst am 15. November 1918 den
Waffenstillstand für Afrika abschloß, waren von den 75 nur noch
Hauptmann Meyer, die Unteroffiziere Obst und Truppel und Piet
Nievenhuizen dabei.
Kriegssafari zum Urwaldposten Olmolog
Wenn die Zeit der Siege und der militärischen Erfolge, und nicht
etwa die spätere Zeit des zähen, hartnäckigen Widerstandes unter nie
dagewesenen Strapazen und Entbehrungen, als die »große« zu bezeichnen
ist, dann kam jetzt die größte, die glorreichste Zeit des Krieges in
Deutsch-Ostafrika, von der wir noch lange nachher zehrten. An drei
Fronten griffen die Engländer, die ungeheure Verstärkungen an Truppen
und Material von Indien herbeigeschafft hatten, gleichzeitig mit weit
überlegenen Massen an, und überall wurden sie abgeschlagen.
An dem gleichen Tage, dem 3. November 1914, an dem die Schlacht bei
Tanga, die uns unsterblichen Ruhm und enorme Beute brachte, begann,
an dem die Engländer bei Taveta einen Scheinangriff machten, den ein
Zug Askari aufhielt, saßen plötzlich am frühen Morgen 2000 Engländer
und Inder auf dem Nordostkamm des Longidogebirges und um acht Uhr
bestreuten ihre Schrapnells bereits die deutschen Stellungen auf dem
Südwestkamm des Gebirges. Bis neun Uhr abends dauerte das Gefecht,
dann zog sich der Feind zum Erok zurück. Der schneidige Hauptmann
Stemmermann hatte ihn mit seiner 11. Askarikompanie am Spätnachmittag
in der Flanke mit Erfolg angegriffen und seine Siegeszuversicht
gründlich erschüttert.
Obwohl der Angriff des Feindes abgeschlagen war, wurde doch das
Longidogebirge wenige Tage nach dem Gefecht von unsern Truppen geräumt.
Am Nachmittag des 11. November und die ganze folgende Nacht hindurch
bezogen die drei Feldkompanien und die Berittene 9. Schützenkompanie
mit ihren Bagageträgerkolonnen Lager unterhalb des Krantzhügels zu
beiden Seiten des Engare Nairobi.
Am selben Tage traf auch unser Kommandeur, Oberstleutnant v.
Lettow-Vorbeck, der Sieger von Tanga, ein. Er kam bald auf den
Krantzhügel herauf, um sich das Gelände anzusehen und die beste
Verteidigungsstellung auszusuchen. Lange stand er, umgeben von seinem
Stabe, auf dem höchsten Punkte des Hügels und sah zum Longidogebirge
hinüber. Man sah ihm die Trauer an, daß jene Stellung mit vier
herrlichen Wasserstellen, der Schlüssel unserer Front, trotz
siegreichen Gefechts hatte geräumt werden müssen. Es war das erste
Stück deutscher Erde, das der Besetzung durch den Feind preisgegeben
wurde!
Nach längerer Beobachtung des Geländes lud mich unser Oberst mit
den Worten: »Wir sind beide nicht mehr die Jüngsten« ein, auf einem
Haufen leerer Säcke neben ihm Platz zu nehmen, und teilte mir mit,
wie er über mich disponiert habe. Hier sei für mich nichts zu tun;
der Krantzhügel (von jetzt ab der Telephonhügel genannt) solle zur
befestigten Stellung ausgebaut werden. Ich solle den Urwaldposten
Olmolog (meine alte Farm!), den zur Zeit Leutnant Kühn mit sechs
Reitern meiner Kompanie und einigen Massaikriegern besetzt hielt, mit
90 Massaikriegern beziehen und Grenzwacht halten. Der Schütze Pfützner
solle mich begleiten. Auf Veranlassung unseres Oberst bekam ich ein im
Longidogefecht erbeutetes Lee-Medford-Gewehr, zwei Einundsiebziger und
Munition für meinen neuen Posten geliefert.
Am nächsten Morgen traten Pfützner und ich in aller Frühe die Safari
zum Olmolog an. 60 Ilmuran, d. h. Massaikrieger, waren bei mir, 10
waren schon auf dem Posten und 20 sollten mir in Kürze folgen. Außer
den Ilmuran hatten wir 25 Träger, unsere Boys und 40 Schlachtochsen
mit. Natürlich aßen wir bei Mutter Weber zu Mittag.
In dunkler Nacht langten wir am Urwaldrand an. Hier war vorläufig
Schluß. Der Urwaldrand ist dort am Kilimandscharo meistens so dicht
mit Unterholz, Gestrüpp und Schlingpflanzen durchwachsen, daß er
zu einer undurchdringlichen Mauer werden kann. Man muß sich mühsam
mit dem Buschmesser durchschlagen, bis man einen Elefantenpfad oder
Nashornwechsel findet, der ungefähr in der Richtung läuft, die man
einschlagen will. Tiefer in den Urwald hinein ist das Reisen nicht
ganz so beschwerlich, aber ohne einen Vortrupp mit Buschmessern kommt
man auch dort nicht recht vorwärts. In dunkler Nacht, und noch dazu
mit Ochsen, in den Urwald einzudringen, wäre sehr schwer gewesen, auch
waren Mensch und Vieh vom langen Marsch rechtschaffen müde. Ein Feuer,
das wie ein Stern meilenweit in die Steppe hineingeleuchtet hätte,
durften wir nicht machen; das Zelt aufzuschlagen, lohnte nicht mehr, da
in wenigen Stunden der Morgen dämmern mußte. So blieb nur übrig, sich
in seine Decke zu rollen, zähneklappernd dem Geschnatter der Nachtaffen
zuzuhören und den Morgen abzuwarten.
Leutnant Kühn, den ich ablösen sollte, hatte seinen Posten irgendwo
tief im Urwalde hinter der Farm Olmolog – so hatte mir wenigstens
mein Kompanieführer gesagt. Näheres wußte der scheinbar auch nicht.
Nun hieß es, den Posten finden. Früh am nächsten Morgen lag die ganze
Welt um mich im dichten, feuchten Nebel. Fernsicht: zehn Schritt. Die
Luftlinie von meinem Nachtlager bis zum »Posten Kühn« konnte kaum
mehr als fünf Kilometer betragen. Wenn ich nur ungefähr gewußt hätte,
in welcher Richtung der Posten lag! – Da! Was war das? Zwei Schritte
vor mir sprang ein Stück Wild auf von der Größe unseres Damwildes und
verschwand wie ein Blitz im Gestrüpp und Nebel. Ein Buschbock war es.
Kein Herdentier wie alles Steppenwild, hält er sich gern am Rande des
Urwaldes auf. Die Eingeborenen schätzen sein Fleisch nicht und essen es
nur, wenn sie sonst hungern müßten. Tatsächlich hat sein Fleisch einen
penetranten, beinahe ekelerregenden Wildgeschmack.
Ich beschloß, vorläufig mich am Urwaldrande entlang in nördlicher
Richtung durchzuschlagen und gleichzeitig nach Wasser zu suchen; denn
die Ochsen waren durstig. Pfützner führte. Ihm folgten einige Träger
mit Buschmessern, dann die Ochsen, die, von Massai getrieben, die
Bresche erweiterten, durch die die Lastenträger nun bequemer vorwärts
kamen. Den Schluß dieser Karawane im Nebel bildete ich. Krieg, mein
Hund, so genannt, weil er am Tage der Kriegserklärung geboren war,
jagte in seinem jugendlichen Unverstand und Eifer Baumschliefer
[Baumratte] auf die Bäume und die Kwale [Rebhuhn] aus dem Busch, bis
er in Siafu [große braune Ameise] hineingeriet und heulend bei mir
Schutz suchte. Er ruhte nicht, bis er vor mir auf dem Sattel saß und
sich knurrend den ungewohnten Urwaldboden von oben ansehen konnte. Die
Nachtaffen waren zur Ruhe gegangen. Dafür kollerten jetzt in jeder
Richtung die langschwänzigen Colobusaffen. Sie jagten sich in den
Bäumen und schimpften im tiefen Baß auf die Eindringlinge.
Nur langsam brachen wir uns Bahn durch das dichte Gestrüpp. Drei
Stunden ging es so unter tropfenden Bäumen im dichten Nebel weiter.
Ein Wasserloch hatten wir gefunden und die Tiere getränkt. Allmählich
lichtete sich der Nebel, bis er ganz der Macht der Sonne wich. Nun hieß
es, die Augen offen halten. Die Kameraden im versteckten Urwaldlager
mußten doch auch ihren Morgenkaffee kochen, und ganz ohne Rauch würde
das nicht abgehen, da alles Brennholz hier oben feucht war. Irgendwo
über den Baumkronen mußte sich jetzt, als der Nebel immer höher am
Kilimandscharo hinaufkroch und nur hier und da über besonders tiefen
Schluchten Schwaden zurückließ, Rauch entdecken lassen. Richtig!
Dort, halbrechts vor uns, noch ein gutes Stück in den Urwald hinein,
wurde leichter Rauch gesehen. Eingeborene Wachagga, die Bewohner des
Kilimandscharo, gab es auf dieser Seite des Berges nicht, auch zum
Honigausbrennen kamen sie nicht so weit um den Berg herum. Dort, wo der
Rauch war, mußte unser Posten sein oder – das Lager einer englischen
Schleichpatrouille. Also auf den Rauch losgehalten. Ich ritt mit
einigen mit Buschmessern bewaffneten Trägern voraus und hieß Pfützner
mit der großen Karawane, deren Durchbruch durch das Unterholz nicht
ohne allerhand Lärm abging, mir nach zehn Minuten folgen.
Vom Urwaldrande abbiegend, traf ich bald auf eine Bergwiese, die
hellgrün mitten im dunklen Walde lag und deren hohes, hartes Gras
meinem Reittiere bis an die Ohren reichte. Mollig warm und licht war es
dort nach all der Feuchtigkeit und Dunkelheit des Waldes. Ein Serval,
eine kleine Leopardenart, den nach den Strapazen der nächtlichen Jagd
die ersten Strahlen der Morgensonne verlockt haben mochten, auf einem
gefallenen Baumstamm zu ruhen und sich zu wärmen, schlich durch das
hohe Gras ab. Vögel, die an Größe und Gestalt dem heimischen Häher
gleichen, mit tiefblauen Rumpf- und Schwanzfedern und hellroten,
quadratischen Flügeln huschten geräuschlos über die Waldwiese weg –
ihren Namen kenne ich nicht. Große Schwalbenschwänze, schwarz und blau
schillernd oder gelb mit schwarzen Strichen und Flecken, flogen am
Rande der Lichtung von Busch zu Busch. Alle Geschöpfe suchten Licht und
Wärme.
Nach diesem kurzen Lichtblick drang ich wieder in den Urwald ein.
Endlich ließ ich auch die Träger mit meinem Reittiere und Hunde zurück
und schlich mich der Stelle näher, wo der Rauch gesichtet worden
war. Unnötige Vorsicht! Ein Träger des Postens, auf dem Rücken eine
Milchkanne, die mir sehr bekannt vorkam, lief mir arglos in die Arme.
Er sollte Trinkwasser holen, und die Milchkanne stammte unten von
meiner Farm. Er gab mir nähere Auskunft, wo der Posten lag, und doch
hörte ich die Kameraden schon lange schwätzen und lachen, ehe ich ihr
Lager fand. So tief im Gebüsch versteckt standen ihre Zelte unter
mächtigen, von Feuchtigkeit triefenden Bäumen. Dort wurde es sicher
den ganzen Tag weder warm noch trocken. Die Kameraden schienen dies
auch zu empfinden; denn sie waren froh, abgelöst zu werden. Nach einem
gemeinsamen warmen Frühstück von Kongonifleisch rückten sie sofort ab.
Alleinherrscher im Urwald
Die kleine Regenzeit stand bevor. War es jetzt schon kalt und feucht
hier oben im Urwalde, 2200 Meter über dem Meeresspiegel, wie würde das
erst in der Regenzeit werden! Dort, wo auch an nebel- und regenfreien
Tagen weder Licht noch Wärme hinkam, beschloß ich, nicht zu bleiben.
Was Rheumatismus ist, wußte ich, und ganz verklammen wollte ich doch
auch nicht. Die Lage des Postens gefiel mir, so versteckt sie an und
für sich war, auch aus militärischen Gründen nicht. Man sah dort nichts
von dem Gelände, das ich überwachen sollte. Für den Führer eines
Europäerpostens mochte dieser Umstand keine Bedeutung haben, er konnte
seine Leute ausschicken und sich auf ihre Beobachtungen verlassen. Als
Führer von Massaikriegern glaubte ich anders handeln zu müssen. Ich
mußte mein Lager am Urwaldrande haben, so daß ich einerseits vom Lager
aus selbst das Gelände beobachten, andererseits die vorgeschobenen
Massaiposten leicht kontrollieren konnte.
[Illustration]
Ich brach daher mit meiner Karawane gleich nach Mittag wieder auf
und suchte mir einen sonnigen Platz auf einer Waldwiese am Rande des
Urwaldes aus. Mein Zelt, die Hütten der Boys und Träger sowie die
Feuerstellen wurden so gelegt, daß sie gegen Sicht aus der Steppe
gedeckt waren. Hingegen brauchte ich nur wenige Schritte von meinem
Zelt zu gehen, um das ganze weite Vorgelände zu übersehen. Die Feuer
durften nur nachts und am Tage nur, solange der Nebel lag, unterhalten
werden, damit ihr Rauch uns nicht verriet. Mit zwei modernen Gewehren
und zwei Einundsiebzigern, für die ich mir die Negerschützen erst noch
ausbilden mußte, konnte ich an einen längeren Widerstand nicht denken.
Meine Aufgabe hier war ja auch nicht, Schlachten zu schlagen oder
Armeen aufzuhalten.
Die Massaikrieger rechneten in dieser Beziehung überhaupt nicht
mit. Sowie es knallte, verschwanden sie. Ich nehme ihnen das an und
für sich nicht weiter übel; denn nur mit Speer, Keule, Schwert und
Schild ausgerüstet gegen moderne Feuerwaffen anzulaufen, muß kein
besonders schönes Gefühl sein. Mir schienen aber die als kriegstüchtig
berühmten und berüchtigten Massai doch einen viel feiner entwickelten
Selbsterhaltungstrieb zu besitzen als irgendeine andere Negerrasse. Der
Krieg in Deutsch-Ostafrika hat – gar nicht zu reden von den prächtigen
regulären Askaritruppen – unzählige Beispiele persönlicher Tapferkeit,
Kaltblütigkeit und anhänglicher Treue an ihren Bana seitens Neger aller
Stämme geliefert. Von den Massai allein kann ich dies weder aus eigener
Erfahrung sagen, noch habe ich je von einem solchen Fall gehört. Der
Massai ist uns und wir sind ihm fremd geblieben. Ihn kümmert nur sein
Vieh, und als Viehräuber scheut er auch Gefahren und selbst den Tod
nicht.
Wenn man von den heutigen Massai auf ihre Ahnen schließen darf, so
dürften letztere ihre Machtstellung in Deutsch-Ostafrika weniger durch
ihre überlegene Tapferkeit als durch größere Heimtücke und Gaunerei
erworben haben. Liefen sie gegen einen Stamm an, der gleich schlau und
gleich gut bewaffnet war, wie z. B. die Wachagga am Kilimandscharo,
dann wurden sie abgeschlagen.
Da es über dem Herrichten meines Lagers inzwischen Abend geworden war,
schickte ich für diese Nacht eine starke Massaipatrouille zum Gehöft
Olmolog hinunter, um dieses und die Wasserstelle in seiner Nähe zu
beobachten. Am nächsten Tage sollten die Stellungen für vorgeschobene
Feldwachen ausgesucht werden. Im Lager wurden drei intelligentere
Träger zu einem Nachtwächterdienst organisiert. Dies war ein Notbehelf.
Pfützner und ich wollten täglich Patrouillen reiten, folglich konnten
wir nicht auch Nachtwachen schuften. Die Trägernachtgarde wurde
eingerichtet, um unser Gewissen zu beruhigen und damit alles, was unter
den gegebenen Umständen möglich war, getan war.
Wir hatten unser Zelt zwar nicht direkt auf einen Elefantenwechsel
gesetzt, aber durch die Waldwiese, auf der wir lagerten, führte ein
solcher, und ganz frische Losung lag auch dort. Leoparden waren am
Urwaldrande ebenfalls häufig genug. Daß der Feind uns aus eigener
Initiative nachts finden und ausheben könnte, war sehr unwahrscheinlich
– fanden wir doch selbst, wenn wir nach Dunkelwerden von Patrouille
zurückkamen, anfangs nur mit Mühe unser Lager wieder. Die einzige
wirkliche Gefahr lag darin, daß meine Massai unser Lager verrieten
und den Feind nächtlicherweile heranführten. Hiergegen ließen sich
freilich überhaupt keine Schutzmaßregeln treffen. So wurden also
die Nachtwächter, die wir zu ihrem großen Stolz unsere Ruga-ruga
[Hilfskrieger] nannten, mit dem Einundsiebziger ausgebildet, damit
doch jemand da sei, der zu den durchkommenden Elefanten und Leoparden
husch-husch sagen konnte. Wie alle Nachtwächter hielten sie sich
entweder in der Nähe des Zeltes auf und gaben ihr Wachsein durch
erkünsteltes Gehuste und Gepruste zu erkennen, oder sie schliefen
irgendwo weit weg im Gebüsch, damit ich ihr Schnarchen nicht hören
sollte. Das zweite war mir das liebere; dann konnte ich doch auch
ungestört schlafen.
So, nun saß ich also im Urwald auf Grenzposten, weit, weit weg von
allen, die ein höheres Gehalt bezogen. Wie schön das ist, wird mir
jeder Soldat nachfühlen. Kein Feldtelephon, kein Heliographenapparat
auf dreißig Kilometer im Umkreise – Kinder, war das schön!
Der Schütze Pfützner, der mit seiner Minna – keine Angst! Minna hieß
sein Maultier – mein einziger Gefährte war, erwies sich als ein
durchaus zuverlässiger, verständiger und umgänglicher Mann, mit dem
sich abends gelegentlich ein Artillerieskat spielen ließ. Ich habe
vergessen, wie die Berechnung bei diesem Skat zu zweien ist, aber ich
schulde Pfützner heute noch achtzehn Flaschen Bier als Endresultat von
fünfmonatigem Spiel. – Wir spielten um Bier, nicht etwa, weil wir Bier
gehabt hätten. Im Gegenteil, wir sehnten uns nur sehr danach, und darum
spielten wir um Bier. Es war eine angenehme Illusion, am Schluß eines
Spielabends sagen zu können: »So, wenn wir jetzt Bier hätten, sollte
uns die gewonnene Flasche gut munden! Bier müßte hier oben im kühlen
Urwald, nachdem es im eiskalten Quellwasser kalt gestanden hat, recht
trinkbar sein. Im heißen Küstenklima ist es nicht das richtige Getränk;
da soll man, wenn man seine Leber lieb hat, nur Whisky trinken. Hier
oben aber, im rein europäischen Klima, würde uns eine Flasche Bier
nichts schaden.« So argumentierten wir gerne und beschlossen, das
Spielresultat nach dem Kriege gemeinsam auszutrinken.
Der Mensch denkt und Gott lenkt. Dieser Vorsatz, das Bier gemeinsam
zu trinken, kann nie mehr zur Ausführung kommen – jedenfalls nicht
in dieser Welt. Der gute Pfützner, der inzwischen Unteroffizier
geworden war, ritt am 1. August 1916 bei der Station Kidete an der
Mittellandbahn auf eine Mine. Die Kameraden begruben seine Überreste,
wie eine Tafel anzeigt, links von der Station unter einem großen Baum.
Er war ein braver Mensch, ein guter Kamerad und ein pflichttreuer
Soldat.
An jenem ersten Abend im Urwaldlager spielten wir noch nicht
Artillerieskat. Eine wichtige Frage lag noch zur Beratung vor: die
der Verpflegung. Für die Träger und Massai war gesorgt. Die ersteren
bekamen täglich ihr Maismehl und zweimal in der Woche Fleisch, die
Massai, die nie Pflanzenkost genießen, täglich ihr Fleisch. Wenn
der Proviant zu Ende ging, brauchte ich nur bei der Etappe neuen
anzufordern. Aber wir Europäer bekamen täglich unsere drei Rupien
Verpflegungsgeld und sollten für uns selber sorgen. Nun gab es zwar in
unserm Lager am Krantzhügel auch damals schon ein Magazin, in dem man
kaufen konnte, wenn zufällig was drin war, aber für die auf Außenposten
Kommandierten war es kaum je möglich, rechtzeitig den Anschluß zu
erreichen. Zu unserm Glück waren wir nicht auf dieses Magazin allein
angewiesen. Für mich sorgte in mütterlicher Treue Frau Weber, zu der
ein flinker Bote in einem Tage hin- und herlaufen konnte, und Pfützner
hatte seine kurz vor dem Kriege angefangene Farm am Kingoribach,
zwischen Kilimandscharo und Meru. Er bekam wöchentlich eine Sendung
Farmprodukte von seinem schwarzen Aufseher. Wild gab es in der Steppe
vor dem Posten in Herden zu Tausenden und, da die Massai den Kopf des
Ochsen nicht essen (warum, habe ich nicht ergründen können), hatten wir
mehr Ochsenzungen und -hirn, als in der Speisefolge gut unterzubringen
war.
Später, als es aussah, als ob ich nie wieder von diesem Grenzposten
würde abgelöst werden, legte ich mir oben im Urwald einen Gemüsegarten
an. Außer Radis und Kopfsalat habe nicht ich, sondern mein Nachfolger
geerntet. Erfahrungsgemäß wird man von einem Posten immer gerade dann
abgelöst, wenn der Gemüsegarten anfängt, Ertrag zu bringen.
Die Verpflegungsfrage war somit geregelt und entwickelte sich
historisch weiter. Wir lebten, wenn auch nicht so gut wie ich
früher bei Mutter Weber, doch immer noch recht gut, und nachdem wir
aus einigen Wellblechplatten vom Gehöft Olmolog ein Magazin für
Eingeborenen- und Reittierverpflegung gebaut hatten, waren wir die
Sorge um das tägliche Brot einstweilen los.
Am nächsten Morgen in aller Frühe ritten Pfützner und ich in Begleitung
der Massaigruppenführer los, um geeignete Beobachtungsposten
für die Massai auszusuchen. Eine dieser Feldwachen, die auf dem
Lagumisherakrater, hätte ich am liebsten selbst bezogen, so herrlich
ist es da oben.
Der Lagumishera, ein 1957 Meter hoher Vorkraterberg des
Kilimandscharogebirges, hat den besterhaltenen Krater, den ich
kennengelernt habe. Ich habe viele und große und viel größere Krater
gesehen, aber keinen, der aus der Steppe so regelmäßig kegelförmig
aufsteigt und dessen Wände ringsum so gut erhalten sind. Der Berg ist
dicht mit niederem Wald und Busch bestanden, nur der Kraterrand ist
frei von Vegetation.
Von der Seite meines Urwaldpostens, d. h. von Südwest, führt ein
Nashornwechsel zum Krater, in dem ein kleiner See liegt, hinauf, so
bequem zu reiten, als ob ihn ein Verschönerungsverein angelegt hätte.
Alle losen Steine sind weggeräumt und alles im Wege stehende Buschwerk
ist abgebrochen. Er hat nur den einen Übelstand, daß sein Anfang nicht
leicht zu finden ist. Denn er fängt nicht am Fuß, sondern erst auf
der halben Höhe des Berges an, dort, wo der Aufstieg beginnt steil zu
werden. Bis dahin hat das Nashorn, das zum Wasser im Krater will, noch
im Wandern gefressen, bald hier, bald dort, ohne einen bestimmten
Wechsel einzuhalten. Erst da, wo die Steigung ihm unbequem zu werden
anfängt, hat es sich im Zickzack den den Berg erklimmenden, ganz
bestimmten Wechsel ausgetreten. Ganz außer Puste will auch das Nashorn
beim Wasser nicht ankommen. Wer diesen Nashornwechsel hinaufreitet,
muß es aber so einrichten, daß nicht gerade im selben Augenblick ein
Nashorn vom Wasser in die Steppe zurückkehrt. Platz, einander harmlos
auszuweichen, ist auf dem Wechsel nicht. Ein Nashorn füllt ihn genau
aus, und besondere Höflichkeit darf man von ihm nicht erwarten.