Zwanzigstes Kapitel

Innstetten, der Effi, als er sie aus dem Schlitten hob, scharf

beobachtete, aber doch ein Sprechen über die sonderbare Fahrt zu

zweien vermieden hatte, war am anderen Morgen früh auf und suchte

seiner Verstimmung, die noch nachwirkte, so gut es ging, Herr zu

werden.

»Du hast gut geschlafen?« sagte er, als Effi zum Frühstück kam.

»Ja.«

»Wohl dir. Ich kann dasselbe von mir nicht sagen. Ich träumte, daß

du mit dem Schlitten im Schloon verunglückt seist, und Crampas mühte

sich, dich zu retten; ich muß es so nennen, aber er versank mit dir.«

»Du sprichst das alles so sonderbar, Geert. Es verbirgt sich ein

Vorwurf dahinter, und ich ahne, weshalb.«

»Sehr merkwürdig.«

»Du bist nicht einverstanden damit, daß Crampas kam und uns seine

Hilfe anbot.«

»Uns?«

»Ja, uns. Sidonien und mir. Du mußt durchaus vergessen haben, daß

der Major in deinem Auftrag kam. Und als er mir erst gegenübersaß,

beiläufig jämmerlich genug auf der elenden schmalen Leiste, sollte

ich ihn da ausweisen, als die Grasenabbs kamen und mit einem Male die

Fahrt weiterging? Ich hätte mich lächerlich gemacht, und dagegen bist

du doch so empfindlich. Erinnere dich, daß wir unter deiner Zustimmung

viele Male gemeinschaftlich spazierengeritten sind, und nun sollte ich

nicht gemeinschaftlich mit ihm fahren? Es ist falsch, so hieß es bei

uns zu Haus, einem Edelmanne Mißtrauen zu zeigen.«

»Einem Edelmanne«, sagte Innstetten mit Betonung.

»Ist er keiner? Du hast ihn selbst einen Kavalier genannt, sogar einen

perfekten Kavalier.«

»Ja«, fuhr Innstetten fort, und seine Stimme wurde freundlicher,

trotzdem ein leiser Spott noch darin nachklang. »Kavalier, das ist

er, und ein perfekter Kavalier, das ist er nun schon ganz gewiß. Aber

Edelmann! Meine liebe Effi, ein Edelmann sieht anders aus. Hast du

schon etwas Edles an ihm bemerkt? Ich nicht.«

Effi sah vor sich hin und schwieg.

»Es scheint, wir sind gleicher Meinung. Im übrigen, wie du schon

sagtest, bin ich selber schuld; von einem Fauxpas mag ich nicht

sprechen, das ist in diesem Zusammenhang kein gutes Wort. Also selber

schuld, und es soll nicht wieder vorkommen, soweit ich's hindern kann.

Aber auch du, wenn ich dir raten darf, sei auf deiner Hut. Er ist ein

Mann der Rücksichtslosigkeiten und hat so seine Ansichten über junge

Frauen. Ich kenne ihn von früher.«

»Ich werde mir deine Worte gesagt sein lassen. Nur soviel, ich glaube,

du verkennst ihn.«

»Ich verkenne ihn nicht.«

»Oder mich«, sagte sie mit einer Kraftanstrengung und versuchte seinem

Blick zu begegnen.

»Auch dich nicht, meine liebe Effi Du bist eine reizende kleine Frau,

aber Festigkeit ist nicht eben deine Spezialität.«

Er erhob sich, um zu gehen. Als er bis an die Tür gegangen war, trat

Friedrich ein, um ein Gieshüblersches Billett abzugeben, das natürlich

an die gnädige Frau gerichtet war.

Effi nahm es. »Eine Geheimkorrespondenz mit Gieshübler«, sagte sie;

»Stoff zu neuer Eifersucht für meinen gestrengen Herrn. Oder nicht?«

»Nein, nicht ganz, meine liebe Effi. Ich begehe die Torheit, zwischen

Crampas und Gieshübler einen Unterschied zu machen. Sie sind sozusagen

nicht von gleichem Karat; nach Karat berechnet man nämlich den reinen

Goldeswert, unter Umständen auch der Menschen. Mir persönlich, um

auch das noch zu sagen, ist Gieshüblers weißes Jabot, trotzdem kein

Mensch mehr Jabots trägt, erheblich lieber als Crampas' rot-blonder

Sappeurbart. Aber ich bezweifle, daß dies weiblicher Geschmack ist.«

»Du hältst uns für schwächer, als wir sind.«

»Eine Tröstung von praktisch außerordentlicher Geringfügigkeit. Aber

lassen wir das. Lies lieber.«

Und Effi las: »Darf ich mich nach der gnäd'gen Frau Befinden

erkundigen? Ich weiß nur, daß Sie dem Schloon glücklich entronnen

sind; aber es blieb auch durch den Wald immer noch Fährlichkeit genug.

Eben kommt Doktor Hannemann von Uvagla zurück und beruhigt mich über

Mirambo; gestern habe er die Sache für bedenklicher angesehen, als er

uns habe sagen wollen, heute nicht mehr. Es war eine reizende Fahrt.

- In drei Tagen feiern wir Silvester. Auf eine Festlichkeit wie die

vorjährige müssen wir verzichten; aber einen Ball haben wir natürlich,

und Sie erscheinen zu sehen würde die Tanzwelt beglücken und nicht am

wenigsten Ihren respektvollst ergebenen Alonzo G.«

Effi Briest · 第 27 / 54 题