Innstetten, der Effi, als er sie aus dem Schlitten hob, scharf
beobachtete, aber doch ein Sprechen über die sonderbare Fahrt zu
zweien vermieden hatte, war am anderen Morgen früh auf und suchte
seiner Verstimmung, die noch nachwirkte, so gut es ging, Herr zu
werden.
»Du hast gut geschlafen?« sagte er, als Effi zum Frühstück kam.
»Ja.«
»Wohl dir. Ich kann dasselbe von mir nicht sagen. Ich träumte, daß
du mit dem Schlitten im Schloon verunglückt seist, und Crampas mühte
sich, dich zu retten; ich muß es so nennen, aber er versank mit dir.«
»Du sprichst das alles so sonderbar, Geert. Es verbirgt sich ein
Vorwurf dahinter, und ich ahne, weshalb.«
»Sehr merkwürdig.«
»Du bist nicht einverstanden damit, daß Crampas kam und uns seine
Hilfe anbot.«
»Uns?«
»Ja, uns. Sidonien und mir. Du mußt durchaus vergessen haben, daß
der Major in deinem Auftrag kam. Und als er mir erst gegenübersaß,
beiläufig jämmerlich genug auf der elenden schmalen Leiste, sollte
ich ihn da ausweisen, als die Grasenabbs kamen und mit einem Male die
Fahrt weiterging? Ich hätte mich lächerlich gemacht, und dagegen bist
du doch so empfindlich. Erinnere dich, daß wir unter deiner Zustimmung
viele Male gemeinschaftlich spazierengeritten sind, und nun sollte ich
nicht gemeinschaftlich mit ihm fahren? Es ist falsch, so hieß es bei
uns zu Haus, einem Edelmanne Mißtrauen zu zeigen.«
»Einem Edelmanne«, sagte Innstetten mit Betonung.
»Ist er keiner? Du hast ihn selbst einen Kavalier genannt, sogar einen
perfekten Kavalier.«
»Ja«, fuhr Innstetten fort, und seine Stimme wurde freundlicher,
trotzdem ein leiser Spott noch darin nachklang. »Kavalier, das ist
er, und ein perfekter Kavalier, das ist er nun schon ganz gewiß. Aber
Edelmann! Meine liebe Effi, ein Edelmann sieht anders aus. Hast du
schon etwas Edles an ihm bemerkt? Ich nicht.«
Effi sah vor sich hin und schwieg.
»Es scheint, wir sind gleicher Meinung. Im übrigen, wie du schon
sagtest, bin ich selber schuld; von einem Fauxpas mag ich nicht
sprechen, das ist in diesem Zusammenhang kein gutes Wort. Also selber
schuld, und es soll nicht wieder vorkommen, soweit ich's hindern kann.
Aber auch du, wenn ich dir raten darf, sei auf deiner Hut. Er ist ein
Mann der Rücksichtslosigkeiten und hat so seine Ansichten über junge
Frauen. Ich kenne ihn von früher.«
»Ich werde mir deine Worte gesagt sein lassen. Nur soviel, ich glaube,
du verkennst ihn.«
»Ich verkenne ihn nicht.«
»Oder mich«, sagte sie mit einer Kraftanstrengung und versuchte seinem
Blick zu begegnen.
»Auch dich nicht, meine liebe Effi Du bist eine reizende kleine Frau,
aber Festigkeit ist nicht eben deine Spezialität.«
Er erhob sich, um zu gehen. Als er bis an die Tür gegangen war, trat
Friedrich ein, um ein Gieshüblersches Billett abzugeben, das natürlich
an die gnädige Frau gerichtet war.
Effi nahm es. »Eine Geheimkorrespondenz mit Gieshübler«, sagte sie;
»Stoff zu neuer Eifersucht für meinen gestrengen Herrn. Oder nicht?«
»Nein, nicht ganz, meine liebe Effi. Ich begehe die Torheit, zwischen
Crampas und Gieshübler einen Unterschied zu machen. Sie sind sozusagen
nicht von gleichem Karat; nach Karat berechnet man nämlich den reinen
Goldeswert, unter Umständen auch der Menschen. Mir persönlich, um
auch das noch zu sagen, ist Gieshüblers weißes Jabot, trotzdem kein
Mensch mehr Jabots trägt, erheblich lieber als Crampas' rot-blonder
Sappeurbart. Aber ich bezweifle, daß dies weiblicher Geschmack ist.«
»Du hältst uns für schwächer, als wir sind.«
»Eine Tröstung von praktisch außerordentlicher Geringfügigkeit. Aber
lassen wir das. Lies lieber.«
Und Effi las: »Darf ich mich nach der gnäd'gen Frau Befinden
erkundigen? Ich weiß nur, daß Sie dem Schloon glücklich entronnen
sind; aber es blieb auch durch den Wald immer noch Fährlichkeit genug.
Eben kommt Doktor Hannemann von Uvagla zurück und beruhigt mich über
Mirambo; gestern habe er die Sache für bedenklicher angesehen, als er
uns habe sagen wollen, heute nicht mehr. Es war eine reizende Fahrt.
- In drei Tagen feiern wir Silvester. Auf eine Festlichkeit wie die
vorjährige müssen wir verzichten; aber einen Ball haben wir natürlich,
und Sie erscheinen zu sehen würde die Tanzwelt beglücken und nicht am
wenigsten Ihren respektvollst ergebenen Alonzo G.«