»Der Schloon? Was ist das? Ich sehe nichts.«
Kruse wiegte den Kopf hin und her, wie wenn er ausdrücken wollte, daß
die Frage leichter gestellt als beantwortet sei.
Worin er auch recht hatte. Denn was der Schloon sei, das war nicht
so mit drei Worten zu sagen. Kruse fand aber in seiner Verlegenheit
alsbald Hilfe bei dem gnädigen Fräulein, das hier mit allem Bescheid
wußte und natürlich auch mit dem Schloon.
»Ja, meine gnädigste Frau«, sagte Sidonie, »da steht es schlimm. Für
mich hat es nicht viel auf sich, ich komme bequem durch; denn wenn
erst die Wagen heran sind, die haben hohe Räder, und unsere Pferde
sind außerdem daran gewöhnt. Aber mit solchem Schlitten ist es was
anderes; die versinken im Schloon, und Sie werden wohl oder übel einen
Umweg machen müssen.«
»Versinken! Ich bitte Sie, mein gnädigstes Fräulein, ich sehe noch
immer nicht klar. Ist denn der Schloon ein Abgrund oder irgendwas,
drin man mit Mann und Maus zugrunde gehen muß? Ich kann mir so was
hierzulande gar nicht denken.«
»Und doch ist es so was, nur freilich im kleinen; dieser Schloon ist
eigentlich bloß ein kümmerliches Rinnsal, das hier rechts vom Gothener
See herunterkommt und sich durch die Dünen schleicht. Und im Sommer
trocknet es mitunter ganz aus, und Sie fahren dann ruhig drüber hin
und wissen es nicht einmal.«
»Und im Winter?«
»Ja, im Winter, da ist es was anderes; nicht immer, aber doch oft. Da
wird es dann ein Sog.«
»Mein Gott, was sind das nur alles für Namen und Wörter!«
»... Da wird es ein Sog, und am stärksten immer dann, wenn der Wind
nach dem Lande hin steht. Dann drückt der Wind das Meerwasser in das
kleine Rinnsal hinein, aber nicht so, daß man es sehen kann. Und das
ist das Schlimmste von der Sache, darin steckt die eigentliche Gefahr.
Alles geht nämlich unterirdisch vor sich, und der ganze Strandsand ist
dann bis tief hinunter mit Wasser durchsetzt und gefüllt. Und wenn man
dann über solche Sandstelle weg will, die keine mehr ist, dann sinkt
man ein, als ob es ein Sumpf oder ein Moor wäre.«
»Das kenn ich«, sagte Effi lebhaft. »Das ist wie in unsrem Luch«,
und inmitten all ihrer Ängstlichkeit wurde ihr mit einem Male ganz
wehmütig freudig zu Sinn.
Während das Gespräch noch so ging und sich fortsetzte, war Crampas
aus seinem Schlitten ausgestiegen und auf den am äußersten Flügel
haltenden Gieshüblerschen zugeschritten, um hier mit Innstetten zu
verabreden, was nun wohl eigentlich zu tun sei. Knut, so meldete
er, wolle die Durchfahrt riskieren, aber Knut sei dumm und verstehe
nichts von der Sache; nur solche, die hier zu Hause seien, müßten die
Entscheidung treffen. Innstetten - sehr zu Crampas' Überraschung - war
auch fürs »Riskieren«, es müsse durchaus noch mal versucht werden ...
er wisse schon, die Geschichte wiederholte sich jedesmal: Die Leute
hier hätten einen Aberglauben und vorweg eine Furcht, während es
doch eigentlich wenig zu bedeuten habe. Nicht Knut, der wisse nicht
Bescheid, wohl aber Kruse solle noch einmal einen Anlauf nehmen und
Crampas derweilen bei den Damen einsteigen (ein kleiner Rücksitz sei
ja noch da), um bei der Hand zu sein, wenn der Schlitten umkippe. Das
sei doch schließlich das Schlimmste, was geschehen könne.
Mit dieser Innstettenschen Botschaft erschien jetzt Crampas bei den
beiden Damen und nahm, als er lachend seinen Auftrag ausgeführt hatte,
ganz nach empfangener Order den kleinen Sitzplatz ein, der eigentlich
nichts als eine mit Tuch überzogene Leiste war, und rief Kruse zu:
»Nun, vorwärts, Kruse.«
Dieser hatte denn auch die Pferde bereits um hundert Schritte
zurückgezoppt und hoffte, scharf anfahrend, den Schlitten glücklich
durchbringen zu können; im selben Augenblick aber, wo die Pferde den
Schloon auch nur berührten, sanken sie bis über die Knöchel in den
Sand ein, so daß sie nur mit Mühe nach rückwärts wieder heraus
konnten.
»Es geht nicht«, sagte Crampas, und Kruse nickte.
Während sich dies abspielte, waren endlich auch die Kutschen
herangekommen, die Grasenabbsche vorauf, und als Sidonie, nach kurzem
Dank gegen Effi, sich verabschiedet und dem seine türkische Pfeife
rauchenden Vater gegenüber ihren Rückplatz eingenommen hatte, ging es
mit dem Wagen ohne weiteres auf den Schloon zu; die Pferde sanken tief
ein, aber die Räder ließen alle Gefahr leicht überwinden, und ehe eine
halbe Minute vorüber war, trabten auch schon die Grasenabbs drüben
weiter. Die andern Kutschen folgten. Effi sah ihnen nicht ohne Neid
nach. Indessen nicht lange, denn auch für die Schlittenfahrer war in
der zwischenliegenden Zeit Rat geschafft worden, und zwar einfach
dadurch, daß sich Innstetten entschlossen hatte, statt aller weiteren
Forcierung das friedlichere Mittel eines Umwegs zu wählen. Also genau
das, was Sidonie gleich anfangs in Sicht gestellt hatte. Vom rechten
Flügel her klang des Landrats bestimmte Weisung herüber, vorläufig
diesseits zu bleiben und ihm durch die Dünen hin bis an eine weiter
hinauf gelegene Bohlenbrücke zu folgen. Als beide Kutscher, Knut
und Kruse, so verständigt waren, trat der Major, der, um Sidonie zu
helfen, gleichzeitig mit dieser ausgestiegen war, wieder an Effi heran
und sagte: »Ich kann Sie nicht allein lassen, gnäd'ge Frau.«
Effi war einen Augenblick unschlüssig, rückte dann aber rasch von der
einen Seite nach der anderen hinüber, und Crampas nahm links neben ihr
Platz.
All dies hätte vielleicht mißdeutet werden können, Crampas selbst aber
war zu sehr Frauenkenner, um es sich bloß in Eitelkeit zurechtzulegen.
Er sah deutlich, daß Effi nur tat, was nach Lage der Sache das einzig
Richtige war. Es war unmöglich für sie, sich seine Gegenwart zu
verbitten. Und so ging es denn im Fluge den beiden anderen Schlitten
nach, immer dicht an dem Wasserlauf hin, an dessen anderem Ufer dunkle
Waldmassen aufragten. Effi sah hinüber und nahm an, daß schließlich an
dem landeinwärts gelegenen Außenrand des Waldes hin die Weiterfahrt
gehen würde, genau also den Weg entlang, auf dem man in früher
Nachmittagsstunde gekommen war. Innstetten aber hatte sich inzwischen
einen anderen Plan gemacht, und im selben Augenblick, wo sein
Schlitten die Bohlenbrücke passierte, bog er, statt den Außenweg zu
wählen, in einen schmaleren Weg ein, der mitten durch die dichte
Waldmasse hindurchführte. Effi schrak zusammen. Bis dahin waren Luft
und Licht um sie her gewesen, aber jetzt war es damit vorbei, und die
dunklen Kronen wölbten sich über ihr. Ein Zittern überkam sie, und sie
schob die Finger fest ineinander, um sich einen Halt zu geben Gedanken
und Bilder jagten sich, und eines dieser Bilder war das Mütterchen in
dem Gedichte, das die »Gottesmauer« hieß, und wie das Mütterchen, so
betete auch sie jetzt, daß Gott eine Mauer um sie her bauen möge.
Zwei, drei Male kam es auch über ihre Lippen, aber mit einemmal fühlte
sie, daß es tote Worte waren. Sie fürchtete sich und war doch zugleich
wie in einem Zauberbann und wollte auch nicht heraus.
»Effi«, klang es jetzt leise an ihr Ohr, und sie hörte, daß seine
Stimme zitterte. Dann nahm er ihre Hand und löste die Finger, die sie
noch immer geschlossen hielt, und überdeckte sie mit heißen Küssen. Es
war ihr, als wandle sie eine Ohnmacht an.
Als sie die Augen wieder öffnete, war man aus dem Wald heraus, und in
geringer Entfernung vor sich hörte sie das Geläut der vorauseilenden
Schlitten. Immer vernehmlicher klang es, und als man, dicht vor
Utpatels Mühle, von den Dünen her in die Stadt einbog, lagen rechts
die kleinen Häuser mit ihren Schneedächern neben ihnen.
Effi blickte sich um, und im nächsten Augenblick hielt der Schlitten
vor dem landrätlichen Hause.