Neunzehntes Kapitel

Gleich nach sieben ging man zu Tisch, und alles freute sich, daß der

Weihnachtsbaum, eine mit zahllosen Silberkugeln bedeckte Tanne, noch

einmal angesteckt wurde. Crampas, der das Ringsche Haus noch nicht

kannte, war helle Bewunderung. Der Damast, die Weinkühler, das

reiche Silbergeschirr, alles wirkte herrschaftlich, weit über

oberförsterliche Durchschnittsverhältnisse hinaus, was darin seinen

Grund hatte, daß Rings Frau, so scheu und verlegen sie war, aus einem

reichen Danziger Kornhändlerhause stammte. Von daher rührten auch die

meisten der ringsumher hängenden Bilder: der Kornhändler und seine

Frau, der Marienburger Remter und eine gute Kopie nach dem berühmten

Memlingschen Altarbild in der Danziger Marienkirche. Kloster Olivia

war zweimal da, einmal in Öl und einmal in Kork geschnitzt. Außerdem

befand sich über dem Büfett ein sehr nachgedunkeltes Porträt des

alten Nettelbeck, das noch aus dem bescheidenen Mobiliar des erst vor

anderthalb Jahren verstorbenen Ringschen Amtsvorgängers herrührte.

Niemand hatte damals bei der gewöhnlich stattfindenden Auktion das

Bild des Alten haben wollen, bis Innstetten, der sich über diese

Mißachtung ärgerte, darauf geboten hatte. Da hatte sich denn auch

Ring patriotisch besonnen, und der alte Kolbergverteidiger war der

Oberförsterei verblieben.

Das Nettelbeckbild ließ ziemlich viel zu wünschen übrig; sonst aber

verriet alles, wie schon angedeutet, eine beinahe an Glanz streifende

Wohlhabenheit, und dem entsprach denn auch das Mahl, das aufgetragen

wurde. Jeder hatte mehr oder weniger seine Freude daran, mit Ausnahme

Sidoniens. Diese saß zwischen Innstetten und Lindequist und sagte, als

sie Coras ansichtig wurde: »Da ist ja wieder dies unausstehliche Balg,

diese Cora. Sehen Sie nur, Innstetten, wie sie die kleinen Weingläser

präsentiert, ein wahres Kunststück, sie könnte jeden Augenblick

Kellnerin werden. Ganz unerträglich. Und dazu die Blicke von Ihrem

Freund Crampas! Das ist so die rechte Saat! Ich frage Sie, was soll

dabei herauskommen?«

Innstetten, der ihr eigentlich zustimmte, fand trotzdem den Ton, in

dem das alles gesagt wurde, so verletzend herbe daß er spöttisch

bemerkte: »Ja, meine Gnädigste, was dabei herauskommen soll? Ich weiß

es auch nicht« - worauf sich Sidonie von ihm ab- und ihrem Nachbarn

zur Linken zuwandte:

»Sagen Sie, Pastor, ist diese vierzehnjährige Kokette schon im

Unterricht bei Ihnen?«

»Ja, mein gnädiges Fräulein.«

»Dann müssen Sie mir die Bemerkung verzeihen, daß Sie sie nicht in die

richtige Schule genommen haben. Ich weiß wohl, es hält das heutzutage

sehr schwer, aber ich weiß auch, daß die, denen die Fürsorge für junge

Seelen obliegt, es vielfach an dem rechten Ernst fehlen lassen. Es

bleibt dabei, die Hauptschuld tragen die Eltern und Erzieher.«

Lindequist, denselben Ton anschlagend wie Innstetten, antwortete, daß

das alles sehr richtig, der Geist der Zeit aber zu mächtig sei.

»Geist der Zeit!« sagte Sidonie. »Kommen Sie mir nicht damit. Das

kann ich nicht hören, das ist der Ausdruck höchster Schwäche,

Bankrotterklärung. Ich kenne das; nie scharf zufassen wollen, immer

dem Unbequemen aus dem Wege gehen. Denn Pflicht ist unbequem. Und so

wird nur allzuleicht vergessen, daß das uns anvertraute Gut auch mal

von uns zurückgefordert wird. Eingreifen, lieber Pastor, Zucht. Das

Fleisch ist schwach, gewiß, aber ...«

In diesem Augenblick kam ein englisches Roastbeef, von dem Sidonie

ziemlich ausgiebig nahm, ohne Lindequists Lächeln dabei zu bemerken.

Und weil sie's nicht bemerkte, so durfte es auch nicht wundernehmen,

daß sie mit viel Unbefangenheit fortfuhr: »Es kann übrigens alles, was

Sie hier sehen, nicht wohl anders sein; alles ist schief und verfahren

von Anfang an. Ring, Ring - wenn ich nicht irre, hat es drüben in

Schweden oder da herum mal einen Sagenkönig dieses Namens gegeben.

Nun sehen Sie, benimmt er sich nicht, als ob er von dem abstamme?

Und seine Mutter, die ich noch gekannt habe, war eine Plättfrau in

Köslin.«

»Ich kann darin nichts Schlimmes finden.«

»Schlimmes finden? Ich auch nicht. Und jedenfalls gibt es Schlimmeres.

Aber soviel muß ich doch von Ihnen, als einem geweihten Diener der

Kirche, gewärtigen dürfen, daß Sie die gesellschaftlichen Ordnungen

gelten lassen. Ein Oberförster ist ein bißchen mehr als ein Förster,

und ein Förster hat nicht solche Weinkühler und solch Silberzeug;

das alles ist ungehörig und zieht dann solche Kinder groß wie dies

Fräulein Cora.«

Sidonie, jedesmal bereit, irgendwas Schreckliches zu prophezeien, wenn

sie, vom Geist überkommen, die Schalen ihres Zorns ausschüttete, würde

sich auch heute bis zum Kassandrablick in die Zukunft gesteigert

haben, wenn nicht in ebendiesem Augenblick die dampfende Punschbowle

- womit die Weihnachtsreunions bei Ring immer abschlossen - auf

der Tafel erschienen wäre, dazu Krausgebackenes, das, geschickt

übereinandergetürmt, noch weit über die vor einigen Stunden

aufgetragene Kaffeekuchenpyramide hinauswuchs. Und nun trat auch Ring

selbst, der sich bis dahin etwas zurückgehalten hatte, mit einer

gewissen strahlenden Feierlichkeit in Aktion und begann die vor ihm

stehenden Gläser, große geschliffene Römer, in virtuosem Bogensturz zu

füllen, ein Einschenkekunststück, das die stets schlagfertige Frau von

Padden, die heute leider fehlte, mal als »Ringsche Füllung en cascade«

bezeichnet hatte. Rotgolden wölbte sich dabei der Strahl, und kein

Tropfen durfte verlorengehen. So war es auch heute wieder. Zuletzt

aber, als jeder, was ihm zukam, in Händen hielt - auch Cora, die sich

mittlerweile mit ihrem rotblonden Wellenhaar auf »Onkel Crampas'«

Schoß gesetzt hatte -, erhob sich der alte Papenhagner, um, wie

herkömmlich bei Festlichkeiten der Art, einen Toast auf seinen lieben

Oberförster auszubringen. Es gäbe viele Ringe, so etwa begann er,

Jahresringe, Gardinenringe, Trauringe, und was nun gar - denn auch

davon dürfe sich am Ende wohl sprechen lassen - die Verlobungsringe

angehe, so sei glücklicherweise die Gewähr gegeben, daß einer davon

in kürzester Frist in diesem Hause sichtbar werden und den Ringfinger

(und zwar hier in einem doppelten Sinne den Ringfinger) eines kleinen

hübschen Pätschelchens zieren werde...

»Unerhört«, raunte Sidonie dem Pastor zu.

»Ja, meine Freunde«, fuhr Güldenklee mit gehobener Stimme fort, »viele

Ringe gibt es, und es gibt sogar eine Geschichte, die wir alle kennen,

die die Geschichte von den 'drei Ringen' heißt, eine Judengeschichte,

die, wie der ganze liberale Krimskrams, nichts wie Verwirrung und

Unheil gestiftet hat und noch stiftet. Gott bessere es. Und nun lassen

Sie mich schließen, um Ihre Geduld und Nachsicht nicht über Gebühr in

Anspruch zu nehmen. Ich bin nicht für diese drei Ringe, meine Lieben,

ich bin vielmehr für einen Ring, für einen Ring, der so recht ein Ring

ist, wie er sein soll, ein Ring, der alles Gute, was wir in unsrem

altpommerschen Kessiner Kreise haben, alles, was noch mit Gott für

König und Vaterland einsteht - und es sind ihrer noch einige (lauter

Jubel) -, an diesem seinem gastlichen Tisch vereinigt sieht. Für

diesen Ring bin ich. Er lebe hoch!«

Alles stimmte ein und umdrängte Ring, der, solange das dauerte, das

Amt des »Einschenkens en cascade« an den ihm gegenübersitzenden

Crampas abtreten mußte; der Hauslehrer aber stürzte von seinem Platz

am unteren Ende der Tafel an das Klavier und schlug die ersten Takte

des Preußenliedes an, worauf alles stehend und feierlich einfiel: »Ich

bin ein Preuße ... will ein Preuße sein.«

»Es ist doch etwas Schönes«, sagte gleich nach der ersten Strophe der

alte Borcke zu Innstetten, »so was hat man in anderen Ländern nicht.«

»Nein«, antwortete Innstetten, der von solchem Patriotismus nicht viel

hielt, »in anderen Ländern hat man was anderes.«

Man sang alle Strophen durch, dann hieß es, die Wagen seien

vorgefahren, und gleich danach erhob sich alles, um die Pferde nicht

warten zu lassen. Denn diese Rücksicht »auf die Pferde« ging auch im

Kreise Kessin allem anderen vor. Im Hausflur standen zwei hübsche

Mägde, Ring hielt auf dergleichen, um den Herrschaften beim Anziehen

ihrer Pelze behilflich zu sein. Alles war heiter angeregt, einige mehr

als das, und das Einsteigen in die verschiedenen Gefährte schien sich

schnell und ohne Störung vollziehen zu sollen, als es mit einemmal

hieß, der Gieshüblersche Schlitten sei nicht da. Gieshübler selbst war

viel zu artig, um gleich Unruhe zu zeigen oder gar Lärm zu machen;

endlich aber, weil doch wer das Wort nehmen mußte, fragte Crampas, was

es denn eigentlich sei.

»Mirambo kann nicht fahren«, sagte der Hofknecht; »das linke Pferd hat

ihn beim Anspannen vor das Schienbein geschlagen. Er liegt im Stall

und schreit.«

Nun wurde natürlich nach Doktor Hannemann gerufen, der denn auch

hinausging und nach fünf Minuten mit echter Chirurgenruhe versicherte:

ja, Mirambo müsse zurückbleiben; es sei vorläufig in der Sache nichts

zu machen als stilliegen und kühlen. Übrigens von Bedenklichem keine

Rede. Das war nun einigermaßen ein Trost, aber schaffte doch die

Verlegenheit, wie der Gieshüblersche Schlitten zurückzufahren sei,

nicht aus der Welt, bis Innstetten erklärte, daß er für Mirambo

einzutreten und das Zwiegestirn von Doktor und Apotheker persönlich

glücklich heimzusteuern gedenke. Lachend und unter ziemlich

angeheiterten Scherzen gegen den verbindlichsten aller Landräte, der

sich, um hilfreich zu sein, sogar von seiner jungen Frau trennen

wolle, wurde dem Vorschlag zugestimmt, und Innstetten, mit Gieshübler

und dem Doktor im Fond, nahm jetzt wieder die Tete. Crampas und

Lindequist folgten unmittelbar. Und als gleich danach auch Kruse mit

dem landrätlichen Schlitten vorfuhr, trat Sidonie lächelnd an Effi

heran und bat diese, da ja nun ein Platz frei sei, mit ihr fahren zu

dürfen. »In unserer Kutsche ist es immer so stickig; mein Vater liebt

das. Und außerdem, ich möchte so gerne mit Ihnen plaudern. Aber nur

bis Quappendorf. Wo der Morgnitzer Weg abzweigt, steig ich aus und muß

dann wieder in unseren unbequemen Kasten. Und Papa raucht auch noch.«

Effi war wenig erfreut über diese Begleitung und hätte die Fahrt

lieber allein gemacht; aber ihr blieb keine Wahl, und so stieg denn

das Fräulein ein, und kaum daß beide Damen ihre Plätze genommen

hatten, so gab Kruse den Pferden auch schon einen Peitschenknips, und

von der oberförsterlichen Rampe her, von der man einen prächtigen

Ausblick auf das Meer hatte, ging es die ziemlich steile Düne hinunter

auf den Strandweg zu, der, eine Meile lang, in beinahe gerader Linie

bis an das Kessiner Strandhotel und von dort aus, rechts einbiegend,

durch die Plantage hin in die Stadt führte.

Der Schneefall hatte schon seit ein paar Stunden aufgehört, die Luft

war frisch, und auf das weite dunkelnde Meer fiel der matte Schein der

Mondsichel. Kruse fuhr hart am Wasser hin, mitunter den Schaum der

Brandung durchschneidend, und Effi, die etwas fröstelte, wickelte sich

fester in ihren Mantel und schwieg noch immer und mit Absicht. Sie

wußte recht gut, daß das mit der »stickigen Kutsche« bloß ein Vorwand

gewesen und daß sich Sidonie nur zu ihr gesetzt hatte, um ihr etwas

Unangenehmes zu sagen. Und das kam immer noch früh genug. Zudem

war sie wirklich müde, vielleicht von dem Spaziergange im Walde,

vielleicht auch von dem oberförsterlichen Punsch, dem sie, auf Zureden

der neben ihr sitzenden Frau von Flemming, tapfer zugesprochen hatte.

Sie tat denn auch, als ob sie schliefe, schloß die Augen und neigte

den Kopf immer mehr nach links.

»Sie sollten sich nicht so sehr nach links beugen, meine gnädigste

Frau. Fährt der Schlitten auf einen Stein, so fliegen Sie hinaus. Ihr

Schlitten hat ohnehin kein Schutzleder und, wie ich sehe, auch nicht

einmal die Haken dazu.«

»Ich kann die Schutzleder nicht leiden; sie haben so was Prosaisches.

Und dann, wenn ich hinausflöge, mir wär es recht, am liebsten gleich

in die Brandung. Freilich ein etwas kaltes Bad, aber was tut's ...

Übrigens, hören Sie nichts?«

»Nein.«

»Hören Sie nicht etwas wie Musik?« »Orgel?«

»Nein, nicht Orgel. Da würd ich denken, es sei das Meer. Aber es

ist etwas anderes, ein unendlich feiner Ton, fast wie menschliche

Stimme ...«

»Das sind Sinnestäuschungen«, sagte Sidonie, die jetzt den richtigen

Einsetzmoment gekommen glaubte. »Sie sind nervenkrank. Sie hören

Stimmen. Gebe Gott, daß Sie auch die richtige Stimme hören.«

»Ich höre ... nun, gewiß, es ist Torheit, ich weiß, sonst würd ich mir

einbilden, ich hätte die Meerfrauen singen hören ... Aber, ich bitte

Sie, was ist das? Es blitzt ja bis hoch in den Himmel hinauf. Das muß

ein Nordlicht sein.«

»Ja«, sagte Sidonie. »Gnädigste Frau tun ja, als ob es ein Weltwunder

wäre. Das ist es nicht. Und wenn es dergleichen wäre, wir haben uns

vor Naturkultus zu hüten. Übrigens ein wahres Glück, daß wir außer

Gefahr sind, unsern Freund Oberförster, diesen eitelsten aller

Sterblichen, über dies Nordlicht sprechen zu hören. Ich wette, daß er

sich einbilden würde, das tue ihm der Himmel zu Gefallen, um sein Fest

noch festlicher zu machen. Er ist ein Narr. Güldenklee konnte Besseres

tun, als ihn feiern. Und dabei spielt er sich auf den Kirchlichen aus

und hat auch neulich eine Altardecke geschenkt. Vielleicht, daß Cora

daran mitgestickt hat. Diese Unechten sind schuld an allem, denn ihre

Weltlichkeit liegt immer obenauf und wird denen mit angerechnet, die's

ernst mit dem Heil ihrer Seele meinen.«

»Es ist so schwer, ins Herz zu sehen!«

»Ja. Das ist es. Aber bei manchem ist es auch ganz leicht.« Und dabei

sah sie die junge Frau mit beinahe ungezogener Eindringlichkeit an.

Effi schwieg und wandte sich ungeduldig zur Seite.

»Bei manchem, sag ich, ist es ganz leicht«, wiederholte Sidonie, die

ihren Zweck erreicht hatte und deshalb ruhig lächelnd fortfuhr. »Und

zu diesen leichten Rätseln gehört unser Oberförster. Wer seine Kinder

so erzieht, den beklag ich, aber das eine Gute hat es, es liegt bei

ihm alles klar da. Und wie bei ihm selbst, so bei den Töchtern. Cora

geht nach Amerika und wird Millionärin oder Methodistenpredigerin;

in jedem Fall ist sie verloren. Ich habe noch keine Vierzehnjährige

gesehen ...«

In diesem Augenblick hielt der Schlitten, und als sich beide Damen

umsahen, um in Erfahrung zu bringen, was es denn eigentlich sei,

bemerkten sie, daß rechts von ihnen, in etwa dreißig Schritt Abstand,

auch die beiden anderen Schlitten hielten - am weitesten nach rechts

der von Innstetten geführte, näher heran der Crampassche.

»Was ist?« fragte Effi.

Effi Briest · 第 25 / 54 题