Gleich nach sieben ging man zu Tisch, und alles freute sich, daß der
Weihnachtsbaum, eine mit zahllosen Silberkugeln bedeckte Tanne, noch
einmal angesteckt wurde. Crampas, der das Ringsche Haus noch nicht
kannte, war helle Bewunderung. Der Damast, die Weinkühler, das
reiche Silbergeschirr, alles wirkte herrschaftlich, weit über
oberförsterliche Durchschnittsverhältnisse hinaus, was darin seinen
Grund hatte, daß Rings Frau, so scheu und verlegen sie war, aus einem
reichen Danziger Kornhändlerhause stammte. Von daher rührten auch die
meisten der ringsumher hängenden Bilder: der Kornhändler und seine
Frau, der Marienburger Remter und eine gute Kopie nach dem berühmten
Memlingschen Altarbild in der Danziger Marienkirche. Kloster Olivia
war zweimal da, einmal in Öl und einmal in Kork geschnitzt. Außerdem
befand sich über dem Büfett ein sehr nachgedunkeltes Porträt des
alten Nettelbeck, das noch aus dem bescheidenen Mobiliar des erst vor
anderthalb Jahren verstorbenen Ringschen Amtsvorgängers herrührte.
Niemand hatte damals bei der gewöhnlich stattfindenden Auktion das
Bild des Alten haben wollen, bis Innstetten, der sich über diese
Mißachtung ärgerte, darauf geboten hatte. Da hatte sich denn auch
Ring patriotisch besonnen, und der alte Kolbergverteidiger war der
Oberförsterei verblieben.
Das Nettelbeckbild ließ ziemlich viel zu wünschen übrig; sonst aber
verriet alles, wie schon angedeutet, eine beinahe an Glanz streifende
Wohlhabenheit, und dem entsprach denn auch das Mahl, das aufgetragen
wurde. Jeder hatte mehr oder weniger seine Freude daran, mit Ausnahme
Sidoniens. Diese saß zwischen Innstetten und Lindequist und sagte, als
sie Coras ansichtig wurde: »Da ist ja wieder dies unausstehliche Balg,
diese Cora. Sehen Sie nur, Innstetten, wie sie die kleinen Weingläser
präsentiert, ein wahres Kunststück, sie könnte jeden Augenblick
Kellnerin werden. Ganz unerträglich. Und dazu die Blicke von Ihrem
Freund Crampas! Das ist so die rechte Saat! Ich frage Sie, was soll
dabei herauskommen?«
Innstetten, der ihr eigentlich zustimmte, fand trotzdem den Ton, in
dem das alles gesagt wurde, so verletzend herbe daß er spöttisch
bemerkte: »Ja, meine Gnädigste, was dabei herauskommen soll? Ich weiß
es auch nicht« - worauf sich Sidonie von ihm ab- und ihrem Nachbarn
zur Linken zuwandte:
»Sagen Sie, Pastor, ist diese vierzehnjährige Kokette schon im
Unterricht bei Ihnen?«
»Ja, mein gnädiges Fräulein.«
»Dann müssen Sie mir die Bemerkung verzeihen, daß Sie sie nicht in die
richtige Schule genommen haben. Ich weiß wohl, es hält das heutzutage
sehr schwer, aber ich weiß auch, daß die, denen die Fürsorge für junge
Seelen obliegt, es vielfach an dem rechten Ernst fehlen lassen. Es
bleibt dabei, die Hauptschuld tragen die Eltern und Erzieher.«
Lindequist, denselben Ton anschlagend wie Innstetten, antwortete, daß
das alles sehr richtig, der Geist der Zeit aber zu mächtig sei.
»Geist der Zeit!« sagte Sidonie. »Kommen Sie mir nicht damit. Das
kann ich nicht hören, das ist der Ausdruck höchster Schwäche,
Bankrotterklärung. Ich kenne das; nie scharf zufassen wollen, immer
dem Unbequemen aus dem Wege gehen. Denn Pflicht ist unbequem. Und so
wird nur allzuleicht vergessen, daß das uns anvertraute Gut auch mal
von uns zurückgefordert wird. Eingreifen, lieber Pastor, Zucht. Das
Fleisch ist schwach, gewiß, aber ...«
In diesem Augenblick kam ein englisches Roastbeef, von dem Sidonie
ziemlich ausgiebig nahm, ohne Lindequists Lächeln dabei zu bemerken.
Und weil sie's nicht bemerkte, so durfte es auch nicht wundernehmen,
daß sie mit viel Unbefangenheit fortfuhr: »Es kann übrigens alles, was
Sie hier sehen, nicht wohl anders sein; alles ist schief und verfahren
von Anfang an. Ring, Ring - wenn ich nicht irre, hat es drüben in
Schweden oder da herum mal einen Sagenkönig dieses Namens gegeben.
Nun sehen Sie, benimmt er sich nicht, als ob er von dem abstamme?
Und seine Mutter, die ich noch gekannt habe, war eine Plättfrau in
Köslin.«
»Ich kann darin nichts Schlimmes finden.«
»Schlimmes finden? Ich auch nicht. Und jedenfalls gibt es Schlimmeres.
Aber soviel muß ich doch von Ihnen, als einem geweihten Diener der
Kirche, gewärtigen dürfen, daß Sie die gesellschaftlichen Ordnungen
gelten lassen. Ein Oberförster ist ein bißchen mehr als ein Förster,
und ein Förster hat nicht solche Weinkühler und solch Silberzeug;
das alles ist ungehörig und zieht dann solche Kinder groß wie dies
Fräulein Cora.«
Sidonie, jedesmal bereit, irgendwas Schreckliches zu prophezeien, wenn
sie, vom Geist überkommen, die Schalen ihres Zorns ausschüttete, würde
sich auch heute bis zum Kassandrablick in die Zukunft gesteigert
haben, wenn nicht in ebendiesem Augenblick die dampfende Punschbowle
- womit die Weihnachtsreunions bei Ring immer abschlossen - auf
der Tafel erschienen wäre, dazu Krausgebackenes, das, geschickt
übereinandergetürmt, noch weit über die vor einigen Stunden
aufgetragene Kaffeekuchenpyramide hinauswuchs. Und nun trat auch Ring
selbst, der sich bis dahin etwas zurückgehalten hatte, mit einer
gewissen strahlenden Feierlichkeit in Aktion und begann die vor ihm
stehenden Gläser, große geschliffene Römer, in virtuosem Bogensturz zu
füllen, ein Einschenkekunststück, das die stets schlagfertige Frau von
Padden, die heute leider fehlte, mal als »Ringsche Füllung en cascade«
bezeichnet hatte. Rotgolden wölbte sich dabei der Strahl, und kein
Tropfen durfte verlorengehen. So war es auch heute wieder. Zuletzt
aber, als jeder, was ihm zukam, in Händen hielt - auch Cora, die sich
mittlerweile mit ihrem rotblonden Wellenhaar auf »Onkel Crampas'«
Schoß gesetzt hatte -, erhob sich der alte Papenhagner, um, wie
herkömmlich bei Festlichkeiten der Art, einen Toast auf seinen lieben
Oberförster auszubringen. Es gäbe viele Ringe, so etwa begann er,
Jahresringe, Gardinenringe, Trauringe, und was nun gar - denn auch
davon dürfe sich am Ende wohl sprechen lassen - die Verlobungsringe
angehe, so sei glücklicherweise die Gewähr gegeben, daß einer davon
in kürzester Frist in diesem Hause sichtbar werden und den Ringfinger
(und zwar hier in einem doppelten Sinne den Ringfinger) eines kleinen
hübschen Pätschelchens zieren werde...
»Unerhört«, raunte Sidonie dem Pastor zu.
»Ja, meine Freunde«, fuhr Güldenklee mit gehobener Stimme fort, »viele
Ringe gibt es, und es gibt sogar eine Geschichte, die wir alle kennen,
die die Geschichte von den 'drei Ringen' heißt, eine Judengeschichte,
die, wie der ganze liberale Krimskrams, nichts wie Verwirrung und
Unheil gestiftet hat und noch stiftet. Gott bessere es. Und nun lassen
Sie mich schließen, um Ihre Geduld und Nachsicht nicht über Gebühr in
Anspruch zu nehmen. Ich bin nicht für diese drei Ringe, meine Lieben,
ich bin vielmehr für einen Ring, für einen Ring, der so recht ein Ring
ist, wie er sein soll, ein Ring, der alles Gute, was wir in unsrem
altpommerschen Kessiner Kreise haben, alles, was noch mit Gott für
König und Vaterland einsteht - und es sind ihrer noch einige (lauter
Jubel) -, an diesem seinem gastlichen Tisch vereinigt sieht. Für
diesen Ring bin ich. Er lebe hoch!«
Alles stimmte ein und umdrängte Ring, der, solange das dauerte, das
Amt des »Einschenkens en cascade« an den ihm gegenübersitzenden
Crampas abtreten mußte; der Hauslehrer aber stürzte von seinem Platz
am unteren Ende der Tafel an das Klavier und schlug die ersten Takte
des Preußenliedes an, worauf alles stehend und feierlich einfiel: »Ich
bin ein Preuße ... will ein Preuße sein.«
»Es ist doch etwas Schönes«, sagte gleich nach der ersten Strophe der
alte Borcke zu Innstetten, »so was hat man in anderen Ländern nicht.«
»Nein«, antwortete Innstetten, der von solchem Patriotismus nicht viel
hielt, »in anderen Ländern hat man was anderes.«
Man sang alle Strophen durch, dann hieß es, die Wagen seien
vorgefahren, und gleich danach erhob sich alles, um die Pferde nicht
warten zu lassen. Denn diese Rücksicht »auf die Pferde« ging auch im
Kreise Kessin allem anderen vor. Im Hausflur standen zwei hübsche
Mägde, Ring hielt auf dergleichen, um den Herrschaften beim Anziehen
ihrer Pelze behilflich zu sein. Alles war heiter angeregt, einige mehr
als das, und das Einsteigen in die verschiedenen Gefährte schien sich
schnell und ohne Störung vollziehen zu sollen, als es mit einemmal
hieß, der Gieshüblersche Schlitten sei nicht da. Gieshübler selbst war
viel zu artig, um gleich Unruhe zu zeigen oder gar Lärm zu machen;
endlich aber, weil doch wer das Wort nehmen mußte, fragte Crampas, was
es denn eigentlich sei.
»Mirambo kann nicht fahren«, sagte der Hofknecht; »das linke Pferd hat
ihn beim Anspannen vor das Schienbein geschlagen. Er liegt im Stall
und schreit.«
Nun wurde natürlich nach Doktor Hannemann gerufen, der denn auch
hinausging und nach fünf Minuten mit echter Chirurgenruhe versicherte:
ja, Mirambo müsse zurückbleiben; es sei vorläufig in der Sache nichts
zu machen als stilliegen und kühlen. Übrigens von Bedenklichem keine
Rede. Das war nun einigermaßen ein Trost, aber schaffte doch die
Verlegenheit, wie der Gieshüblersche Schlitten zurückzufahren sei,
nicht aus der Welt, bis Innstetten erklärte, daß er für Mirambo
einzutreten und das Zwiegestirn von Doktor und Apotheker persönlich
glücklich heimzusteuern gedenke. Lachend und unter ziemlich
angeheiterten Scherzen gegen den verbindlichsten aller Landräte, der
sich, um hilfreich zu sein, sogar von seiner jungen Frau trennen
wolle, wurde dem Vorschlag zugestimmt, und Innstetten, mit Gieshübler
und dem Doktor im Fond, nahm jetzt wieder die Tete. Crampas und
Lindequist folgten unmittelbar. Und als gleich danach auch Kruse mit
dem landrätlichen Schlitten vorfuhr, trat Sidonie lächelnd an Effi
heran und bat diese, da ja nun ein Platz frei sei, mit ihr fahren zu
dürfen. »In unserer Kutsche ist es immer so stickig; mein Vater liebt
das. Und außerdem, ich möchte so gerne mit Ihnen plaudern. Aber nur
bis Quappendorf. Wo der Morgnitzer Weg abzweigt, steig ich aus und muß
dann wieder in unseren unbequemen Kasten. Und Papa raucht auch noch.«
Effi war wenig erfreut über diese Begleitung und hätte die Fahrt
lieber allein gemacht; aber ihr blieb keine Wahl, und so stieg denn
das Fräulein ein, und kaum daß beide Damen ihre Plätze genommen
hatten, so gab Kruse den Pferden auch schon einen Peitschenknips, und
von der oberförsterlichen Rampe her, von der man einen prächtigen
Ausblick auf das Meer hatte, ging es die ziemlich steile Düne hinunter
auf den Strandweg zu, der, eine Meile lang, in beinahe gerader Linie
bis an das Kessiner Strandhotel und von dort aus, rechts einbiegend,
durch die Plantage hin in die Stadt führte.
Der Schneefall hatte schon seit ein paar Stunden aufgehört, die Luft
war frisch, und auf das weite dunkelnde Meer fiel der matte Schein der
Mondsichel. Kruse fuhr hart am Wasser hin, mitunter den Schaum der
Brandung durchschneidend, und Effi, die etwas fröstelte, wickelte sich
fester in ihren Mantel und schwieg noch immer und mit Absicht. Sie
wußte recht gut, daß das mit der »stickigen Kutsche« bloß ein Vorwand
gewesen und daß sich Sidonie nur zu ihr gesetzt hatte, um ihr etwas
Unangenehmes zu sagen. Und das kam immer noch früh genug. Zudem
war sie wirklich müde, vielleicht von dem Spaziergange im Walde,
vielleicht auch von dem oberförsterlichen Punsch, dem sie, auf Zureden
der neben ihr sitzenden Frau von Flemming, tapfer zugesprochen hatte.
Sie tat denn auch, als ob sie schliefe, schloß die Augen und neigte
den Kopf immer mehr nach links.
»Sie sollten sich nicht so sehr nach links beugen, meine gnädigste
Frau. Fährt der Schlitten auf einen Stein, so fliegen Sie hinaus. Ihr
Schlitten hat ohnehin kein Schutzleder und, wie ich sehe, auch nicht
einmal die Haken dazu.«
»Ich kann die Schutzleder nicht leiden; sie haben so was Prosaisches.
Und dann, wenn ich hinausflöge, mir wär es recht, am liebsten gleich
in die Brandung. Freilich ein etwas kaltes Bad, aber was tut's ...
Übrigens, hören Sie nichts?«
»Nein.«
»Hören Sie nicht etwas wie Musik?« »Orgel?«
»Nein, nicht Orgel. Da würd ich denken, es sei das Meer. Aber es
ist etwas anderes, ein unendlich feiner Ton, fast wie menschliche
Stimme ...«
»Das sind Sinnestäuschungen«, sagte Sidonie, die jetzt den richtigen
Einsetzmoment gekommen glaubte. »Sie sind nervenkrank. Sie hören
Stimmen. Gebe Gott, daß Sie auch die richtige Stimme hören.«
»Ich höre ... nun, gewiß, es ist Torheit, ich weiß, sonst würd ich mir
einbilden, ich hätte die Meerfrauen singen hören ... Aber, ich bitte
Sie, was ist das? Es blitzt ja bis hoch in den Himmel hinauf. Das muß
ein Nordlicht sein.«
»Ja«, sagte Sidonie. »Gnädigste Frau tun ja, als ob es ein Weltwunder
wäre. Das ist es nicht. Und wenn es dergleichen wäre, wir haben uns
vor Naturkultus zu hüten. Übrigens ein wahres Glück, daß wir außer
Gefahr sind, unsern Freund Oberförster, diesen eitelsten aller
Sterblichen, über dies Nordlicht sprechen zu hören. Ich wette, daß er
sich einbilden würde, das tue ihm der Himmel zu Gefallen, um sein Fest
noch festlicher zu machen. Er ist ein Narr. Güldenklee konnte Besseres
tun, als ihn feiern. Und dabei spielt er sich auf den Kirchlichen aus
und hat auch neulich eine Altardecke geschenkt. Vielleicht, daß Cora
daran mitgestickt hat. Diese Unechten sind schuld an allem, denn ihre
Weltlichkeit liegt immer obenauf und wird denen mit angerechnet, die's
ernst mit dem Heil ihrer Seele meinen.«
»Es ist so schwer, ins Herz zu sehen!«
»Ja. Das ist es. Aber bei manchem ist es auch ganz leicht.« Und dabei
sah sie die junge Frau mit beinahe ungezogener Eindringlichkeit an.
Effi schwieg und wandte sich ungeduldig zur Seite.
»Bei manchem, sag ich, ist es ganz leicht«, wiederholte Sidonie, die
ihren Zweck erreicht hatte und deshalb ruhig lächelnd fortfuhr. »Und
zu diesen leichten Rätseln gehört unser Oberförster. Wer seine Kinder
so erzieht, den beklag ich, aber das eine Gute hat es, es liegt bei
ihm alles klar da. Und wie bei ihm selbst, so bei den Töchtern. Cora
geht nach Amerika und wird Millionärin oder Methodistenpredigerin;
in jedem Fall ist sie verloren. Ich habe noch keine Vierzehnjährige
gesehen ...«
In diesem Augenblick hielt der Schlitten, und als sich beide Damen
umsahen, um in Erfahrung zu bringen, was es denn eigentlich sei,
bemerkten sie, daß rechts von ihnen, in etwa dreißig Schritt Abstand,
auch die beiden anderen Schlitten hielten - am weitesten nach rechts
der von Innstetten geführte, näher heran der Crampassche.
»Was ist?« fragte Effi.