Zehntes Kapitel

Innstetten war erst sechs Uhr früh von Varzin zurückgekommen und hatte

sich, Rollos Liebkosungen abwehrend, so leise wie möglich in sein

Zimmer zurückgezogen. Er machte sich's hier bequem und duldete nur,

daß ihn Friedrich mit einer Reisedecke zudeckte.

»Wecke mich um neun!«

Und um diese Stunde war er denn auch geweckt worden. Er stand rasch

auf und sagte: »Bring das Frühstück!«

»Die gnädige Frau schläft noch.«

»Aber es ist ja schon spät. Ist etwas passiert?«

»Ich weiß es nicht; ich weiß nur, Johanna hat die Nacht über im Zimmer

der gnädigen Frau schlafen müssen.«

»Nun, dann schicke Johanna.«

Diese kam denn auch. Sie hatte denselben rosigen Teint wie immer,

schien sich also die Vorgänge der Nacht nicht sonderlich zu Gemüte

genommen zu haben.

»Was ist das mit der gnäd'gen Frau? Friedrich sagt mir, es Sei was

passiert und Sie hätten drüben geschlafen.«

»Ja, Herr Baron. Gnäd'ge Frau klingelte dreimal ganz rasch

hintereinander, daß ich gleich dachte, es bedeutet was. Und so war es

auch. Sie hat wohl geträumt, aber vielleicht war es auch das andere.«

»Welches andere?«

»Ach, der gnäd'ge Herr wissen ja.«

»Ich weiß nichts. Jedenfalls muß ein Ende damit gemacht werden. Und

wie fanden Sie die Frau?«

»Sie war wie außer sich und hielt das Halsband von Rollo, der neben

dem Bett der gnäd'gen Frau stand, fest umklammert. Und das Tier

ängstigte sich auch.«

»Und was hatte sie geträumt oder meinetwegen auch, was hatte sie

gehört oder gesehen? Was sagte sie?«

»Es sei so hingeschlichen, dicht an ihr vorbei.« »Was? Wer?«

»Der von oben. Der aus dem Saal oder aus der kleinen Kammer.«

»Unsinn, sag ich. Immer wieder das alberne Zeug; ich mag davon nicht

mehr hören. Und dann blieben Sie bei der Frau?«

»Ja, gnäd'ger Herr. Ich machte mir ein Lager an der Erde dicht neben

ihr. Und ich mußte ihre Hand halten, und dann schlief sie ein.«

»Und sie schläft noch?« »Ganz fest.«

»Das ist mir ängstlich, Johanna. Man kann sich gesund schlafen, aber

auch krank. Wir müssen sie wecken, natürlich vorsichtig, daß sie nicht

wieder erschrickt. Und Friedrich soll das Frühstück nicht bringen; ich

will warten, bis die gnäd'ge Frau da ist. Und machen Sie's geschickt.«

Eine halbe Stunde später kam Effi. Sie sah reizend aus, ganz blaß, und

stützte sich auf Johanna. Als sie aber Innstettens ansichtig wurde,

stürzte sie auf ihn zu und umarmte und küßte ihn. Und dabei liefen ihr

die Tränen übers Gesicht. »Ach, Geert, Gott sei Dank, daß du da bist.

Nun ist alles wieder gut. Du darfst nicht wieder fort, du darfst mich

nicht wieder allein lassen.«

»Meine liebe Effi ... Stellen Sie hin, Friedrich, ich werde schon

alles zurechtmachen ... Meine liebe Effi, ich lasse dich ja nicht

allein aus Rücksichtslosigkeit oder Laune, sondern weil es so sein

muß; ich habe keine Wahl, ich bin ein Mann im Dienst, ich kann zum

Fürsten oder auch zur Fürstin nicht sagen: Durchlaucht, ich kann nicht

kommen, meine Frau ist so allein, oder meine Frau fürchtet sich. Wenn

ich das sagte, würden wir in einem ziemlich komischen Licht dastehen,

ich gewiß und du auch. Aber nimm erst eine Tasse Kaffee.«

Effi trank, was sie sichtlich belebte. Dann ergriff sie wieder ihres

Mannes Hand und sagte: »Du sollst recht haben; ich sehe ein, das geht

nicht. Und dann wollen wir ja auch höher hinauf. Ich sage wir, denn

ich bin eigentlich begieriger danach als du ...«

»So sind alle Frauen«, lachte Innstetten.

»Also abgemacht; du nimmst die Einladungen an nach wie vor, und ich

bleibe hier und warte auf meinen 'hohen Herrn', wobei mir Hulda unterm

Holunderbaum einfällt. Wie's ihr wohl gehen mag?«

»Damen wie Hulda geht es immer gut. Aber was wolltest du noch sagen?«

»Ich wollte sagen, ich bleibe hier und auch allein, wenn es sein muß.

Aber nicht in diesem Hause. Laß uns die Wohnung wechseln. Es gibt so

hübsche Häuser am Bollwerk, eins zwischen Konsul Martens und Konsul

Grützmacher und eins am Markt, gerade gegenüber von Gieshübler; warum

können wir da nicht wohnen? Warum gerade hier? Ich habe, wenn wir

Freunde und Verwandte zum Besuch hatten, oft gehört, daß in Berlin

Familien ausziehen wegen Klavierspiel oder wegen Schwaben oder wegen

einer unfreundlichen Portiersfrau; wenn das um solcher Kleinigkeiten

willen geschieht ...«

»Kleinigkeiten? Portiersfrau? Das sage nicht ...«

»Wenn das um solcher Dinge willen möglich ist, so muß es doch auch

hier möglich sein, wo du Landrat bist und die Leute dir zu Willen sind

und viele selbst zu Dank verpflichtet. Gieshübler würde uns gewiß

dabei behilflich sein, wenn auch nur um meinetwegen, denn er

wird Mitleid mit mir haben. Und nun sage, Geert, wollen wir dies

verwunschene Haus aufgeben, dies Haus mit dem ...«

»... Chinesen, willst du sagen. Du siehst, Effi, man kann das

furchtbare Wort aussprechen, ohne daß er erscheint. Was du da gesehen

hast oder was da, wie du meinst, an deinem Bett vorüberschlich, das

war der kleine Chinese, den die Mädchen oben an die Stuhllehne geklebt

haben; ich wette, daß er einen blauen Rock anhatte und einen ganz

flachen Deckelhut mit einem blanken Knopf oben.«

Sie nickte.

»Nun, siehst du, Traum, Sinnestäuschung. Und dann wird dir Johanna

wohl gestern abend was erzählt haben, von der Hochzeit hier oben ...«

»Nein.«

»Desto besser.«

»Kein Wort hat sie mir erzählt. Aber ich sehe doch aus dem allen, daß

es hier etwas Sonderbares gibt. Und dann das Krokodil; es ist alles so

unheimlich.«

»Den ersten Abend, als du das Krokodil sahst, fandest du's

märchenhaft ...«

»Ja, damals ...«

»... Und dann, Effi, kann ich hier nicht gut fort, auch wenn es

möglich wäre, das Haus zu verkaufen oder einen Tausch zu machen. Es

ist damit ganz wie mit einer Absage nach Varzin hin. Ich kann hier in

der Stadt die Leute nicht sagen lassen, Landrat Innstetten verkauft

sein Haus, weil seine Frau den aufgeklebten kleinen Chinesen als Spuk

an ihrem Bett gesehen hat. Dann bin ich verloren, Effi. Von solcher

Lächerlichkeit kann man sich nie wieder erholen.«

»Ja, Geert, bist du denn so sicher, daß es so was nicht gibt?« »Will

ich nicht behaupten. Es ist eine Sache, die man glauben und noch

besser nicht glauben kann. Aber angenommen, es gäbe dergleichen, was

schadet es? Daß in der Luft Bazillen herumfliegen, von denen du gehört

haben wirst, ist viel schlimmer und gefährlicher als diese ganze

Geistertummelage. Vorausgesetzt, daß sie sich tummeln, daß so was

wirklich existiert. Und dann bin ich überrascht, solcher Furcht und

Abneigung gerade bei dir zu begegnen, bei einer Briest. Das ist ja, wie

wenn du aus einem kleinen Bürgerhause stammtest. Spuk ist ein Vorzug,

wie Stammbaum und dergleichen, und ich kenne Familien, die sich

ebensogern ihr Wappen nehmen ließen als ihre 'weiße Frau', die

natürlich auch eine schwarze sein kann.«

Effi schwieg.

»Nun, Effi. Keine Antwort?«

»Was soll ich antworten? Ich habe dir nachgegeben und mich willig

gezeigt, aber ich finde doch, daß du deinerseits teilnahmsvoller sein

könntest. Wenn du wüßtest, wie mir gerade danach verlangt. Ich habe

sehr gelitten, wirklich sehr, und als ich dich sah, da dacht ich, nun

würd ich frei werden von meiner Angst. Aber du sagst mir bloß, daß du

nicht Lust hättest, dich lächerlich zu machen, nicht vor dem Fürsten

und auch nicht vor der Stadt. Das ist ein geringer Trost. Ich

finde es wenig und um so weniger, als du dir schließlich auch noch

widersprichst und nicht bloß persönlich an diese Dinge zu glauben

scheinst, sondern auch noch einen adligen Spukstolz von mir forderst.

Nun, den hab ich nicht. Und wenn du von Familien sprichst, denen ihr

Spuk soviel wert sei wie ihr Wappen, so ist das Geschmackssache: Mir

gilt mein Wappen mehr. Gott sei Dank haben wir Briests keinen Spuk.

Die Briests waren immer sehr gute Leute, und damit hängt es wohl

zusammen.«

Der Streit hätte wohl noch angedauert und vielleicht zu einer ersten

ernstlichen Verstimmung geführt, wenn Friedrich nicht eingetreten

wäre, um der gnädigen Frau einen Brief zu übergeben. »Von Herrn

Gieshübler. Der Bote wartet auf Antwort.«

Aller Unmut auf Effis Antlitz war sofort verschwunden; schon bloß

Gieshüblers Namen zu hören tat Effi wohl, und ihr Wohlgefühl steigerte

sich, als sie jetzt den Brief musterte. Zunächst war es gar kein

Brief, sondern ein Billett, die Adresse »Frau Baronin von Innstetten,

geb. von Briest« in wundervoller Kanzleihandschrift und statt des

Siegels ein aufgeklebtes rundes Bildchen, eine Lyra, darin ein Stab

steckte. Dieser Stab konnte aber auch ein Pfeil sein. Sie reichte das

Billett ihrem Mann, der es ebenfalls bewunderte. »Nun lies aber.«

Und nun löste Effi die Oblate und las: »Hochverehrteste Frau,

gnädigste Frau Baronin! Gestatten Sie mir, meinem respektvollsten

Vormittagsgruß eine ganz gehorsamste Bitte hinzufügen zu dürfen. Mit

dem Mittagszug wird eine vieljährige liebe Freundin von mir, eine

Tochter unserer Guten Stadt Kessin, Fräulein Marietta Trippelli, hier

eintreffen und bis morgen früh unter uns weilen. Am 17. will sie in

Petersburg sein, um daselbst bis Mitte Januar zu konzertieren. Fürst

Kotschukoff öffnet ihr auch diesmal wieder sein gastliches Haus. In

ihrer immer gleichen Güte gegen mich hat die Trippelli mir zugesagt,

den heutigen Abend bei mir zubringen und einige Lieder ganz nach

meiner Wahl (denn sie kennt keine Schwierigkeiten) vortragen zu

wollen. Könnten sich Frau Baronin dazu verstehen, diesem Musikabend

beizuwohnen? Sieben Uhr. Ihr Herr Gemahl, auf dessen Erscheinen ich

mit Sicherheit rechne, wird meine gehorsamste Bitte unterstützen.

Anwesend nur Pastor Lindequist (der begleitet) und natürlich die

verwitwete Frau Pastorin Trippel. In vorzüglicher Ergebenheit A.

Gieshübler.«

»Nun -«, sagte Innstetten, »ja oder nein?«

»Natürlich ja. Das wird mich herausreißen. Und dann kann ich doch

meinem lieben Gieshübler nicht gleich bei seiner ersten Einladung

einen Korb geben.«

»Einverstanden. Also Friedrich, sagen Sie Mirambo, der doch wohl das

Billett gebracht haben wird, wir würden die Ehre haben.« Friedrich

ging.

Effi Briest · 第 15 / 54 题