»Der echte Mirambo ist Räuberhauptmann in Afrika -Tanganjika-See, wenn
deine Geographie so weit reicht -, unserer aber ist bloß Gieshüblers
Kohlenprovisor und Faktotum und wird heute abend in Frack und
baumwollenen Handschuhen sehr wahrscheinlich aufwarten.«
Es war ganz ersichtlich, daß der kleine Zwischenfall auf Effi günstig
eingewirkt und ihr ein gut Teil ihrer Leichtlebigkeit zurückgegeben
hatte, Innstetten aber wollte das Seine tun, diese Rekonvaleszens zu
steigern. »Ich freue mich, daß du ja gesagt hast und so rasch und ohne
Besinnen, und nun möcht ich dir noch einen Vorschlag machen, um dich
ganz wieder in Ordnung zu bringen. Ich sehe wohl, es schleicht dir von
der Nacht her etwas nach, das zu meiner Effi nicht paßt, das durchaus
wieder fort muß, und dazu gibt es nichts Besseres als frische Luft.
Das Wetter ist prachtvoll, frisch und milde zugleich, kaum daß ein
Lüftchen geht; was meinst du, wenn wir eine Spazierfahrt machten, aber
eine lange, nicht bloß so durch die Plantage hin, und natürlich im
Schlitten und das Geläut auf und die weißen Schneedecken, und wenn wir
dann um vier zurück sind, dann ruhst du dich aus, und um sieben sind
wir bei Gieshübler und hören die Trippelli.«
Effi nahm seine Hand. »Wie gut du bist, Geert, und wie nachsichtig.
Denn ich muß dir ja kindisch oder doch wenigstens sehr kindlich
vorgekommen sein; erst das mit meiner Angst und dann hinterher, daß
ich dir einen Hausverkauf, und was noch schlimmer ist, das mit dem
Fürsten ansinne. Du sollst ihm den Stuhl vor die Tür setzen - es
ist zum Lachen. Denn schließlich ist er doch der Mann, der über uns
entscheidet. Auch über mich. Du glaubst gar nicht, wie ehrgeizig ich
bin. Ich habe dich eigentlich bloß aus Ehrgeiz geheiratet. Aber du
mußt nicht solch ernstes Gesicht dabei machen. Ich liebe dich ja ...
wie heißt es doch, wenn man einen Zweig abbricht und die Blätter
abreißt? Von Herzen mit Schmerzen, über alle Maßen.«
Und sie lachte hell auf. »Und nun sage mir«, fuhr sie fort, als
Innstetten noch immer schwieg, wo soll es hingehen?« »Ich habe mir
gedacht, nach der Bahnstation, aber auf einem Umweg, und dann auf der
Chaussee zurück. Und auf der Station essen wir oder noch besser bei
Golchowski, in dem Gasthof 'Zum Fürsten Bismarck', dran wir, wenn du
dich vielleicht erinnerst, am Tag unserer Ankunft vorüberkamen. Solch
Vorsprechen wirkt immer gut, und ich habe dann mit dem Starosten von
Effis Gnaden ein Wahlgespräch, und wenn er auch persönlich nicht
viel taugt, seine Wirtschaft hält er in Ordnung und seine Küche noch
besser. Auf Essen und Trinken verstehen sich die Leute hier.«
Es war gegen elf, daß sie dies Gespräch führten. Um zwölf hielt Kruse
mit dem Schlitten vor der Tür, und Effi stieg ein. Johanna wollte
Fußsack und Pelze bringen, aber Effi hatte nach allem, was noch auf
ihr lag, so sehr das Bedürfnis nach frischer Luft, daß sie alles
zurückwies und nur eine doppelte Decke nahm. Innstetten aber sagte zu
Kruse: »Kruse, wir wollen nun also nach dem Bahnhof, wo wir zwei beide
heute früh schon mal waren. Die Leute werden sich wundern, aber es
schadet nichts. Ich denke, wir fahren hier an der Plantage entlang und
dann links auf den Kroschentiner Kirchturm zu. Lassen Sie die Pferde
laufen. Um eins müssen wir am Bahnhof sein.«
Und so ging die Fahrt. Über den weißen Dächern der Stadt stand der
Rauch, denn die Luftbewegung war gering. Auch Utpatels Mühle drehte
sich nur langsam, und im Fluge fuhren sie daran vorüber, dicht
am Kirchhofe hin, dessen Berberitzensträucher über das Gitter
hinauswuchsen und mit ihren Spitzen Effi streiften, so daß der Schnee
auf ihre Reisedecke fiel. Auf der anderen Seite des Weges war ein
eingefriedeter Platz, nicht viel größer als ein Gartenbeet, und
innerhalb nichts sichtbar als eine junge Kiefer, die mitten daraus
hervorragte.
»Liegt da auch wer begraben?« fragte Effi. »Ja, der Chinese.«
Effi fuhr zusammen; es war ihr wie ein Stich. Aber sie hatte doch
Kraft genug, sich zu beherrschen, und fragte mit anscheinender Ruhe:
»Unserer?«
»Ja, unserer. Auf dem Gemeindekirchhof war er natürlich nicht
unterzubringen, und da hat denn Kapitän Thomsen, der so was wie sein
Freund war, diese Stelle gekauft und ihn hier begraben lassen. Es ist
auch ein Stein da mit Inschrift. Alles natürlich vor meiner Zeit. Aber
es wird noch immer davon gesprochen.«
»Also ist es doch was damit. Eine Geschichte. Du sagtest schon heute
früh so was. Und es wird am Ende das beste sein, ich höre, was es ist.
Solange ich es nicht weiß, bin ich, trotz aller guten Vorsätze, noch
immer ein Opfer meiner Vorstellungen. Erzähle mir das Wirkliche. Die
Wirklichkeit kann mich nicht so quälen wie meine Phantasie.«
»Bravo, Effi Ich wollte nicht davon sprechen. Aber nun macht es
sich so von selbst, und das ist gut. Übrigens ist es eigentlich gar
nichts.«
»Mir gleich; gar nichts oder viel oder wenig. Fange nur an.«
»Ja, das ist leicht gesagt. Der Anfang ist immer das schwerste, auch
bei Geschichten. Nun, ich denke, ich beginne mit Kapitän Thomsen.«
»Gut, gut.«
»Also Thomsen, den ich dir schon genannt habe, war viele Jahre lang
ein sogenannter Chinafahrer, immer mit Reisfracht zwischen Schanghai
und Singapur, und mochte wohl schon sechzig sein, als er hier ankam.
Ich weiß nicht, ob er hier geboren war oder ob er andere Beziehungen
hier hatte. Kurz und gut, er war nun da und verkaufte sein Schiff,
einen alten Kasten, draus er nicht viel herausschlug, und kaufte sich
ein Haus, dasselbe, drin wir jetzt wohnen. Denn er war draußen in der
Welt ein vermögender Mann geworden. Und von daher schreibt sich auch
das Krokodil und der Haifisch und natürlich auch das Schiff ... Also
Thomsen war nun da, ein sehr adretter Mann (so wenigstens hat man mir
gesagt) und wohlgelitten. Auch beim Bürgermeister Kirstein, vor allem
bei dem damaligen Pastor in Kessin, einem Berliner, der kurz vor
Thomsen auch hierhergekommen war und viel Anfeindung hatte.«
»Glaub ich. Ich merke das auch; sie sind hier so streng und
selbstgerecht. Ich glaube, das ist pommersch.«
»Ja und nein, je nachdem. Es gibt auch Gegenden, wo sie gar nicht
streng sind und wo's drunter und drüber geht... Aber sieh nur, Effi,
da haben wir gerade den Kroschentiner Kirchturm dicht vor uns. Wollen
wir nicht den Bahnhof aufgeben und lieber bei der alten Frau von
Grasenabb vorfahren? Sidonie, wenn ich recht berichtet bin, ist nicht
zu Hause. Wir könnten es also wagen ...«
»Ich bitte dich, Geert, wo denkst du hin? Es ist ja himmlisch, so
hinzufliegen, und ich fühle ordentlich, wie mir so frei wird und wie
alle Angst von mir abfällt. Und nun soll ich das alles aufgeben,
bloß um den alten Leuten eine Stippvisite zu machen und ihnen sehr
wahrscheinlich eine Verlegenheit zu schaffen. Um Gottes willen nicht.
Und dann will ich vor allem auch die Geschichte hören. Also wir waren
bei Kapitän Thomsen, den ich mir als einen Dänen oder Engländer denke,
sehr sauber, mit weißen Vatermördern und ganz weißer Wäsche ...«
»Ganz richtig. So soll er gewesen sein. Und mit ihm war eine junge
Person von etwa zwanzig, von der einige sagen, sie sei seine Nichte
gewesen, aber die meisten sagen, seine Enkelin, was übrigens den
Jahren nach kaum möglich. Und außer der Enkelin oder der Nichte war da
auch noch ein Chinese, derselbe, der da zwischen den Dünen liegt und
an dessen Grab wir eben vorübergekommen sind.«
»Gut, gut.«
»Also dieser Chinese war Diener bei Thomsen, und Thomsen hielt so
große Stücke auf ihn, daß er eigentlich mehr Freund als Diener war.
Und das ging so Jahr und Tag. Da mit einem Male hieß es, Thomsens
Enkelin, die, glaub ich, Nina hieß, solle sich, nach des Alten Wunsch,
verheiraten, auch mit einem Kapitän. Und richtig, so war es auch.
Es gab eine große Hochzeit im Hause, der Berliner Pastor tat
sie zusammen, und Müller Utpatel, der ein Konventikler war, und
Gieshübler, dem man in der Stadt in kirchlichen Dingen auch nicht
recht traute, waren geladen und vor allem viele Kapitäne mit ihren
Frauen und Töchtern. Und wie man sich denken kann, es ging hoch her.
Am Abend aber war Tanz, und die Braut tanzte mit jedem und zuletzt
auch mit dem Chinesen. Da mit einemmal hieß es, sie sei fort, die
Braut nämlich. Und sie war auch wirklich fort, irgendwohin, und
niemand weiß, was da vorgefallen. Und nach vierzehn Tagen starb der
Chinese; Thomsen kaufte die Stelle, die ich dir gezeigt habe, und da
wurd er begraben. Der Berliner Pastor aber soll gesagt haben, man
hätte ihn auch ruhig auf dem christlichen Kirchhof begraben können,
denn der Chinese sei ein sehr guter Mensch gewesen und geradesogut wie
die anderen. Wen er mit den 'anderen' eigentlich gemeint hat, sagte
mir Gieshübler, das wisse man nicht recht.«
»Aber ich bin in dieser Sache doch ganz und gar gegen den Pastor; so
was darf man nicht aussprechen, weil es gewagt und unpassend ist. Das
würde selbst Niemeyer nicht gesagt haben.«
»Und das ist auch dem armen Pastor, der übrigens Trippel hieß, sehr
verdacht worden, so daß es eigentlich ein Glück war, daß er drüberhin
starb, sonst hätte er seine Stelle verloren. Denn die Stadt, trotzdem
sie ihn gewählt, war doch auch gegen ihn, geradeso wie du, und das
Konsistorium natürlich erst recht.«
»Trippel, sagst du? Dann hängt er am Ende mit der Frau Pastor Trippel
zusammen, die wir heute abend sehen sollen?« »Natürlich hängt er mit
der zusammen. Er war ihr Mann und ist der Vater von der Trippelli.«
Effi lachte. »Von der Trippelli! Nun sehe ich erst klar in allem. Daß
sie in Kessin geboren, schrieb ja schon Gieshübler; aber ich dachte,
sie sei die Tochter von einem italienischen Konsul. Wir haben ja so
viele fremdländische Namen hier. Und nun ist sie gut deutsch und
stammt von Trippel. Ist sie denn so vorzüglich, daß sie wagen konnte,
sich so zu italienisieren?«
»Dem Mutigen gehört die Welt. Übrigens ist sie ganz tüchtig. Sie war
ein paar Jahre lang in Paris bei der berühmten Viardot, wo sie auch
den russischen Fürsten kennenlernte, denn die russischen Fürsten sind
sehr aufgeklärt, über kleine Standesvorurteile weg, und Kotschukoff
und Gieshübler - den sie übrigens 'Onkel' nennt, und man kann fast von
ihm sagen, er sei der geborene Onkel -, diese beiden sind es recht
eigentlich, die die kleine Marie Trippel zu dem gemacht haben, was
sie jetzt ist. Gieshübler war es, durch den sie nach Paris kam, und
Kotschukoff hat sie dann in die Trippelli transponiert.«
»Ach, Geert, wie reizend ist das alles, und welch Alltagsleben habe
ich doch in Hohen-Cremmen geführt! Nie was Apartes.«
Innstetten nahm ihre Hand und sagte: »So darfst du nicht sprechen,
Effi. Spuk, dazu kann man sich stellen, wie man will. Aber hüte
dich vor dem Aparten oder was man so das Aparte nennt. Was dir so
verlockend erscheint - und ich rechne auch ein Leben dahin, wie's die
Trippelli führt -, das bezahlt man in der Regel mit seinem Glück. Ich
weiß wohl, wie sehr du dein Hohen-Cremmen liebst und daran hängst,
aber du spottest doch auch oft darüber und hast keine Ahnung davon,
was stille Tage, wie die Hohen-Cremmer, bedeuten.«
»Doch, doch«, sagte sie. »Ich weiß es wohl. Ich höre nur gern einmal
von etwas anderem, und dann wandelt mich die Lust an, mit dabeizusein.
Aber du hast ganz recht. Und eigentlich hab ich doch eine Sehnsucht
nach Ruh und Frieden.«
Innstetten drohte ihr mit dem Finger. »Meine einzig liebe Effi, das
denkst du dir nun auch wieder so aus. Immer Phantasien, mal so, mal
so.«