Effi seufzte. »Ja, Johanna, das ist auch das beste ...«

»Gnäd'ge Frau haben so schönes Haar, so lang und so seidenweich.«

»Ja, es ist sehr weich. Aber das ist nicht gut, Johanna. Wie das Haar

ist, ist der Charakter.«

»Gewiß, gnäd'ge Frau. Und ein weicher Charakter ist doch besser als

ein harter. Ich habe auch weiches Haar.«

»Ja, Johanna. Und Sie haben auch blondes. Das haben die Männer am

liebsten.«

»Ach, das ist doch sehr verschieden, gnäd'ge Frau. Manche sind doch

auch für das schwarze.«

»Freilich«, lachte Effi, »das habe ich auch schon gefunden. Es wird

wohl an was anderem liegen. Aber die, die blond sind, die haben auch

immer einen weißen Teint, Sie auch, Johanna, und ich möchte mich wohl

verwetten, daß Sie viel Nachstellung haben. Ich bin noch sehr jung,

aber das weiß ich doch auch. Und dann habe ich eine Freundin, die war

auch so blond, ganz flachsblond, noch blonder als Sie, und war eine

Predigertochter ...«

»Ja, denn ...«

»Aber ich bitte Sie, Johanna, was meinen Sie mit 'ja denn'? Das klingt

ja ganz anzüglich und sonderbar, und Sie werden doch nichts gegen

Predigerstöchter haben ... Es war ein sehr hübsches Mädchen, was

selbst unsere Offiziere - wir hatten nämlich Offiziere, noch dazu rote

Husaren - auch immer fanden, und verstand sich dabei sehr gut auf

Toilette, schwarzes Sammetmieder und eine Blume, Rose oder auch

Heliotrop, und wenn sie nicht so vorstehende große Augen gehabt hätte

... ach, die hätten Sie sehen sollen, Johanna, wenigstens so groß (und

Effi zog unter Lachen an ihrem rechten Augenlid), so wäre sie geradezu

eine Schönheit gewesen. Sie hieß Hulda, Hulda Niemeyer, und wir waren

nicht einmal so ganz intim; aber wenn ich sie jetzt hier hätte und sie

da säße, da in der kleinen Sofaecke, so wollte ich bis Mitternacht mit

ihr plaudern oder noch länger. Ich habe solche Sehnsucht, und...«, und

dabei zog sie Johannas Kopf dicht an sich heran, »... ich habe solche

Angst.«

»Ach, das gibt sich, gnäd'ge Frau, die hatten wir alle.« »Die hattet

ihr alle? Was soll das heißen, Johanna?«

»... Und wenn die gnäd'ge Frau wirklich solche Angst haben, so kann

ich mir ja ein Lager hier machen. Ich nehme die Strohmatte und kehre

einen Stuhl um, daß ich eine Kopflehne habe, und dann schlafe ich

hier, bis morgen früh oder bis der gnäd'ge Herr wieder da ist.«

»Er will mich nicht stören. Das hat er mir eigens versprochen.«

»Oder ich setze mich bloß in die Sofaecke.«

»Ja, das ginge vielleicht. Aber nein, es geht auch nicht. Der Herr

darf nicht wissen, daß ich mich ängstige, das liebt er nicht. Er will

immer, daß ich tapfer und entschlossen bin, so wie er. Und das kann

ich nicht; ich war immer etwas anfällig ... Aber freilich, ich sehe

wohl ein, ich muß mich bezwingen und ihm in solchen Stücken und

überhaupt zu Willen sein ... Und dann habe ich ja auch Rollo. Der

liegt ja vor der Türschwelle.«

Johanna nickte zu jedem Wort und zündete dann das Licht an, das auf

Effis Nachttisch stand. Dann nahm sie die Lampe. »Befehlen gnäd'ge

Frau noch etwas?«

»Nein, Johanna. Die Läden sind doch fest geschlossen?« »Bloß angelegt,

gnäd'ge Frau. Es ist sonst so dunkel und so stickig.«

»Gut, gut.«

Und nun entfernte sich Johanna; Effi aber ging auf ihr Bett zu und

wickelte sich in ihre Decken.

Sie ließ das Licht brennen, weil sie gewillt war, nicht gleich

einzuschlafen, vielmehr vorhatte, wie vorhin ihren Polterabend,

so jetzt ihre Hochzeitsreise zu rekapitulieren und alles an sich

vorüberziehen zu lassen. Aber es kam anders, wie sie gedacht, und

als sie bis Verona war und nach dem Hause der Julia Capulet suchte,

fielen ihr schon die Augen zu. Das Stümpfchen Licht in dem kleinen

Silberleuchter brannte allmählich nieder, und nun flackerte es noch

einmal auf und erlosch. Effi schlief eine Weile ganz fest. Aber mit

einem Male fuhr sie mit einem lauten Schrei aus ihrem Schlaf auf,

ja, sie hörte selber noch den Aufschrei und auch, wie Rollo draußen

anschlug - »wau, wau«, klang es den Flur entlang, dumpf und selber

beinahe ängstlich. Ihr war, als ob ihr das Herz stillstände; sie

konnte nicht rufen, und in diesem Augenblick huschte was an ihr

vorbei, und die nach dem Flur hinausführende Tür sprang auf. Aber

ebendieser Moment höchster Angst war auch der ihrer Befreiung, denn

statt etwas Schrecklichem kam jetzt Rollo auf sie zu, suchte mit

seinem Kopf nach ihrer Hand und legte sich, als er diese gefunden, auf

den vor ihrem Bett ausgebreiteten Teppich nieder. Effi selber aber

hatte mit der anderen Hand dreimal auf den Knopf der Klingel gedrückt,

und keine halbe Minute, so war Johanna da, barfüßig, den Rock über dem

Arm und ein großes kariertes Tuch über Kopf und Schulter geschlagen.

»Gott sei Dank, Johanna, daß Sie da sind.«

»Was war denn, gnäd'ge Frau? Gnäd'ge Frau haben geträumt.«

»Ja, geträumt. Es muß so was gewesen sein ... aber es war doch auch

noch was anderes.« - »Was denn, gnäd'ge Frau?« »Ich schlief ganz fest,

und mit einem Male fuhr ich auf und schrie ... vielleicht, daß es ein

Alpdruck war ... Alpdruck ist in unserer Familie, mein Papa hat es

auch und ängstigt uns damit, und nur die Mama sagt immer, er solle

sich nicht so gehenlassen; aber das ist leicht gesagt ... Ich fuhr

also auf aus dem Schlaf und schrie, und als ich mich umsah, so gut es

eben ging in dem Dunkel, da strich was an meinem Bett vorbei, gerade

da, wo Sie jetzt stehen, Johanna, und dann war es weg. Und wenn ich

mich recht frage, was es war ...«»Nun, was denn, gnäd'ge Frau?«

»Und wenn ich mich recht frage ... ich mag es nicht sagen, Johanna ...

aber ich glaube, der Chinese.«

»Der von oben?« Und Johanna versuchte zu lachen. »Unser kleiner

Chinese, den wir an die Stuhllehne geklebt haben, Christel und ich?

Ach, gnäd'ge Frau haben geträumt, und wenn Sie schon wach waren, so

war es doch alles noch aus dem Traum.«

»Ich würd es glauben. Aber es war genau derselbe Augenblick, wo Rollo

draußen anschlug, der muß es also auch gesehen haben, und dann flog

die Tür auf, und das gute, treue Tier sprang auf mich los, als ob es

mich zu retten käme. Ach, meine liebe Johanna, es war entsetzlich. Und

ich so allein und so jung. Ach, wenn ich doch wen hier hätte, bei dem

ich weinen könnte. Aber so weit von Hause ... Ach, von Hause ...« »Der

Herr kann jede Stunde kommen.«

»Nein, er soll nicht kommen; er soll mich nicht so sehen. Er würde

mich vielleicht auslachen, und das könnt ich ihm nie verzeihen. Denn

es war so furchtbar, Johanna ... Sie müssen nun hierbleiben ... Aber

lassen Sie Christel schlafen und Friedrich auch. Es soll es keiner

wissen.«

»Oder vielleicht kann ich auch die Frau Kruse holen; die schläft doch

nicht, die sitzt die ganze Nacht da.«

»Nein, nein, die ist selber so was. Das mit dem schwarzen Huhn, das

ist auch sowas; die darf nicht kommen. Nein, Johanna, Sie bleiben

allein hier. Und wie gut, daß Sie die Läden nur angelegt. Stoßen Sie

sie auf, recht laut, daß ich einen Ton höre, einen menschlichen Ton

... ich muß es so nennen, wenn es auch sonderbar klingt ... und dann

machen Sie das Fenster ein wenig auf, daß ich Luft und Licht habe.«

Johanna tat, wie ihr geheißen, und Effi fiel in ihre Kissen zurück und

bald danach in einen lethargischen Schlaf.

Effi Briest · 第 14 / 54 题