Neuntes Kapitel

So war Effis erster Tag in Kessin gewesen. Innstetten gab ihr noch

eine halbe Woche Zeit, sich einzurichten und die verschiedensten

Briefe nach Hohen-Cremmen zu schreiben, an die Mama, an Hulda und die

Zwillinge; dann aber hatten die Stadtbesuche begonnen, die zum Teil

(es regnete gerade so, daß man sich diese Ungewöhnlichkeit schon

gestatten konnte) in einer geschlossenen Kutsche gemacht wurden. Als

man damit fertig war, kam der Landadel an die Reihe. Das dauerte

länger, da sich bei den meist großen Entfernungen an jedem Tag nur

eine Visite machen ließ. Zuerst war man bei den Borckes in Rothenmoor,

dann ging es nach Morgnitz, Dabergotz und Kroschentin, wo man bei

den Ahlemanns, den Jatzkows und den Grasenabbs den pflichtschuldigen

Besuch abstattete. Noch ein paar andere folgten, unter denen auch

der alte Baron von Güldenklee auf Papenhagen war. Der Eindruck, den

Effi empfing, war überall derselbe: mittelmäßige Menschen von meist

zweifelhafter Liebenswürdigkeit, die, während sie vorgaben, über

Bismarck und die Kronprinzessin zu sprechen, eigentlich nur Effis

Toilette musterten, die von einigen als zu prätentiös für eine so

jugendliche Dame, von andern als zuwenig dezent für eine Dame von

gesellschaftlicher Stellung befunden wurde. Man merke doch an allem

die Berliner Schule: Sinn für Äußerliches und eine merkwürdige

Verlegenheit und Unsicherheit bei Berührung großer Fragen. In

Rothenmoor bei den Borckes und dann auch bei den Familien in Morgnitz

und Dabergotz war sie für »rationalistisch angekränkelt«, bei den

Grasenabbs in Kroschentin aber rundweg für eine »Atheistin« erklärt

worden. Allerdings hatte die alte Frau von Grasenabb, eine Süddeutsche

(geborene Stiefel von Stiefelstein), einen schwachen Versuch gemacht,

Effi wenigstens für den Deismus zu retten; Sidonie von Grasenabb

aber, eine dreiundvierzigjährige alte Jungfer, war barsch

dazwischengefahren: »Ich sage dir, Mutter, einfach Atheistin, kein

Zollbreit weniger, und dabei bleibt es«, worauf die Alte, die sich vor

ihrer eigenen Tochter fürchtete, klüglich geschwiegen hatte.

Die ganze Tournee hatte so ziemlich zwei Wochen gedauert, und es war

am 2. Dezember, als man zu schon später Stunde von dem letzten dieser

Besuche nach Kessin zurückkehrte. Dieser letzte Besuch hatte den

Güldenklees auf Papenhagen gegolten, bei welcher Gelegenheit

Innstetten dem Schicksal nicht entgangen war, mit dem alten Güldenklee

politisieren zu müssen. »Ja, teuerster Landrat, wenn ich so den

Wechsel der Zeiten bedenke! Heute vor einem Menschenalter oder

ungefähr so lange, ja, da war auch ein 2. Dezember, und der gute Louis

und Napoleonsneffe - wenn er so was war und nicht eigentlich ganz

woanders herstammte -, der kartätschte damals auf die Pariser

Kanaille. Na, das mag ihm verziehen sein, für so was war er der rechte

Mann, und ich halte zu dem Satz: 'Jeder hat es gerade so gut und so

schlecht, wie er's verdient.' Aber daß er nachher alle Schätzung

verlor und Anno siebzig so mir nichts, dir nichts auch mit uns

anbinden wollte, sehen Sie, Baron, das war, ja wie sag ich, das war

eine Insolenz. Es ist ihm aber auch heimgezahlt worden. Unser Alter da

oben läßt sich nicht spotten, der steht zu uns.«

»Ja«, sagte Innstetten, der klug genug war, auf solche Philistereien

anscheinend ernsthaft einzugehen, »der Held und Eroberer von

Saarbrücken wußte nicht, was er tat. Aber Sie dürfen nicht zu streng

mit ihm persönlich abrechnen. Wer ist am Ende Herr in seinem Hause?

Niemand. Ich richte mich auch schon darauf ein, die Zügel der

Regierung in andere Hände zu legen, und Louis Napoleon, nun, der war

vollends ein Stück Wachs in den Händen seiner katholischen Frau, oder

sagen wir lieber, seiner jesuitischen Frau.«

»Wachs in den Händen seiner Frau, die ihm dann eine Nase drehte.

Natürlich, Innstetten, das war er. Aber damit wollen Sie diese Puppe

doch nicht etwa retten? Er ist und bleibt gerichtet. An und für sich

ist es übrigens noch gar nicht mal erwiesen«, und sein Blick suchte

bei diesen Worten etwas ängstlich nach dem Auge seiner Ehehälfte, »ob

nicht Frauenherrschaft eigentlich als ein Vorzug gelten kann; nur

freilich, die Frau muß danach sein. Aber wer war diese Frau? Sie war

überhaupt keine Frau, im günstigsten Fall war sie eine Dame, das sagt

alles; 'Dame' hat beinah immer einen Beigeschmack. Diese Eugenie -

über deren Verhältnis zu dem jüdischen Bankier ich hier gern hingehe,

denn ich hasse Tugendhochmut - hatte was vom Café chantant, und wenn

die Stadt, in der sie lebte, das Babel war, so war sie das Weib von

Babel. Ich mag mich nicht deutlicher ausdrücken, denn ich weiß«, und

er verneigte sich gegen Effi, »was ich deutschen Frauen schuldig bin.

Um Vergebung, meine Gnädigste, daß ich diese Dinge vor Ihren Ohren

überhaupt berührt habe.« So war die Unterhaltung gegangen, nachdem man

vorher von Wahl, Nobiling und Raps gesprochen hatte, und nun saßen

Innstetten und Effi wieder daheim und plauderten noch eine halbe

Stunde. Die beiden Mädchen im Hause waren schon zu Bett, denn es war

nah an Mitternacht.

Innstetten, in kurzem Hausrock und Saffianschuhen, ging auf und ab;

Effi war noch in ihrer Gesellschaftstoilette; Fächer und Handschuhe

lagen neben ihr. »Ja«, sagte Innstetten, während er sein

Aufundabschreiten im Zimmer unterbrach, »diesen Tag müßten wir nun

wohl eigentlich feiern, und ich weiß nur noch nicht, womit. Soll

ich dir einen Siegesmarsch vorspielen oder den Haifisch draußen in

Bewegung setzen oder dich im Triumph über den Flur tragen? Etwas muß

doch geschehen, denn du mußt wissen, das war nun heute die letzte

Visite.«

»Gott sei Dank war sie's«, sagte Effi. »Aber das Gefühl, daß wir nun

Ruhe haben, ist, denk ich, gerade Feier genug. Nur einen Kuß könntest

du mir geben. Aber daran denkst du nicht. Auf dem ganzen weiten Weg

nicht gerührt, frostig wie ein Schneemann. Und immer nur die Zigarre.«

»Laß, ich werde mich schon bessern und will vorläufig nur wissen, wie

stehst du zu dieser ganzen Umgangs- und Verkehrsfrage? Fühlst du dich

zu dem einen oder andern hingezogen? Haben die Borckes die Grasenabbs

geschlagen oder umgekehrt, oder hältst du's mit dem alten Güldenklee?

Was er da über die Eugenie sagte, machte doch einen sehr edlen und

reinen Eindruck.«

»Ei, sieh, Herr von Innstetten, auch medisant! Ich lerne Sie von einer

ganz neuen Seite kennen.«

»Und wenn's unser Adel nicht tut«, fuhr Innstetten fort, ohne sich

stören zu lassen, »wie stehst du zu den Kessiner Stadthonoratioren?

Wie stehst du zur Ressource? Daran hängt doch am Ende Leben und

Sterben. Ich habe dich da neulich mit unserem reserveleutnantlichen

Amtsrichter sprechen sehen, einem zierlichen Männchen, mit dem sich

vielleicht durchkommen ließe, wenn er nur endlich von der Vorstellung

loskönnte, die Wiedereroberung von Le Bourget durch sein Erscheinen in

der Flanke zustande gebracht zu haben. Und seine Frau! Sie gilt als

die beste Bostonspielerin und hat auch die hübschesten Anlegemarken.

Also nochmals, Effi, wie wird es werden in Kessin? Wirst du dich

einleben? Wirst du populär werden und mir die Majorität sichern,

wenn ich in den Reichstag will? Oder bist du für Einsiedlertum, für

Abschluß von der Kessiner Menschheit, so Stadt wie Land?«

»Ich werde mich wohl für Einsiedlertum entschließen, wenn mich die

Mohrenapotheke nicht herausreißt. Bei Sidonie werd ich dadurch

freilich noch etwas tiefer sinken, aber darauf muß ich es ankommen

lassen; dieser Kampf muß eben gekämpft werden. Ich steh und falle mit

Gieshübler. Es klingt etwas komisch, aber er ist wirklich der einzige,

mit dem sich ein Wort reden läßt, der einzige richtige Mensch hier.«

»Das ist er«, sagte Innstetten. »Wie gut du zu wählen verstehst.«

»Hätte ich sonst dich?« sagte Effi und hängte sich an seinen Arm.

Das war am 2. Dezember. Eine Woche später war Bismarck in Varzin, und

nun wußte Innstetten, daß bis Weihnachten, und vielleicht noch darüber

hinaus, an ruhige Tage für ihn gar nicht mehr zu denken sei. Der Fürst

hatte noch von Versailles her eine Vorliebe für ihn und lud ihn,

wenn Besuch da war, häufig zu Tisch, aber auch allein, denn der

jugendliche, durch Haltung und Klugheit gleich ausgezeichnete Landrat

stand ebenso in Gunst bei der Fürstin.

Zum 14. erfolgte die erste Einladung. Es lag Schnee, weshalb

Innstetten die fast zweistündige Fahrt bis an den Bahnhof, von wo noch

eine Stunde Eisenbahn war, im Schlitten zu machen vorhatte. »Warte

nicht auf mich, Effi. Vor Mitternacht kann ich nicht zurück sein;

wahrscheinlich wird es zwei oder noch später. Ich störe dich aber

nicht. Gehab dich wohl, und auf Wiedersehen morgen früh.« Und damit

stieg er ein, und die beiden isabellfarbenen Graditzer jagten im Fluge

durch die Stadt hin und dann landeinwärts auf den Bahnhof zu.

Das war die erste lange Trennung, fast auf zwölf Stunden. Arme Effi.

Wie sollte sie den Abend verbringen? Früh zu Bett, das war gefährlich,

dann wachte sie auf und konnte nicht wieder einschlafen und horchte

auf alles. Nein, erst recht müde werden und dann ein fester Schlaf,

das war das beste. Sie schrieb einen Brief an die Mama und ging dann

zu Frau Kruse, deren gemütskranker Zustand - sie hatte das schwarze

Huhn oft bis in die Nacht hinein auf ihrem Schoß - ihr Teilnahme

einflößte. Die Freundlichkeit indessen, die sich darin aussprach,

wurde von der in ihrer überheizten Stube sitzenden und nur still und

stumm vor sich hinbrütenden Frau keinen Augenblick erwidert, weshalb

Effi, als sie wahrnahm, daß ihr Besuch mehr als Störung wie als Freude

empfunden wurde, wieder ging und nur noch fragte, ob die Kranke etwas

haben wolle. Diese lehnte aber alles ab.

Inzwischen war es Abend geworden, und die Lampe brannte schon. Effi

stellte sich ans Fenster ihres Zimmers und sah auf das Wäldchen

hinaus, auf dessen Zweigen der glitzernde Schnee lag. Sie war von dem

Bilde ganz in Anspruch genommen und kümmerte sich nicht um das, was

hinter ihr in dem Zimmer vorging. Als sie sich wieder umsah, bemerkte

sie, daß Friedrich still und geräuschlos ein Kuvert gelegt und ein

Kabarett auf den Sofatisch gestellt hatte. »Ja so, Abendbrot ... Da

werd ich mich nun wohl setzen müssen.« Aber es wollte nicht schmecken,

und so stand sie wieder auf und las den an die Mama geschriebenen

Brief noch einmal durch. Hatte sie schon vorher ein Gefühl der

Einsamkeit gehabt, so jetzt doppelt. Was hätte sie darum gegeben, wenn

die beiden Jahnkeschen Rotköpfe jetzt eingetreten wären oder selbst

Hulda. Die war freilich immer so sentimental und beschäftigte sich

meist nur mit ihren Triumphen; aber so zweifelhaft und anfechtbar

diese Triumphe waren, sie hätte sich in diesem Augenblick doch gern

davon erzählen lassen. Schließlich klappte sie den Flügel auf, um

zu spielen; aber es ging nicht. »Nein, dabei werd ich vollends

melancholisch; lieber lesen.« Und so suchte sie nach einem Buch. Das

erste, was ihr zu Händen kam, war ein dickes rotes Reisehandbuch,

alter Jahrgang, vielleicht schon aus Innstettens Leutnantstagen her.

»Ja, darin will ich lesen; es gibt nichts Beruhigenderes als solche

Bücher. Das Gefährliche sind bloß immer die Karten; aber vor diesem

Augenpulver, das ich hasse, werd ich mich schon hüten.« Und so schlug

sie denn auf gut Glück auf: Seite 153. Nebenan hörte sie das Ticktack

der Uhr und draußen Rollo, der, seit es dunkel war, seinen Platz in

der Remise aufgegeben und sich, wie jeden Abend, so auch heute wieder,

auf die große geflochtene Matte, die vor dem Schlafzimmer lag,

ausgestreckt hatte. Das Bewußtsein seiner Nähe minderte das Gefühl

ihrer Verlassenheit, ja, sie kam fast in Stimmung, und so begann

sie denn auch unverzüglich zu lesen. Auf der gerade vor ihr

aufgeschlagenen Seite war von der »Eremitage«, dem bekannten

markgräflichen Lustschloß in der Nähe von Bayreuth, die Rede; das

lockte sie, Bayreuth, Richard Wagner, und so las sie denn: Unter den

Bildern in der Eremitage nennen wir noch eins, das nicht durch seine

Schönheit, wohl aber durch sein Alter und durch die Person, die

es darstellt, ein Interesse beansprucht. Es ist dies ein stark

nachgedunkeltes Frauenporträt, kleiner Kopf, mit herben, etwas

unheimlichen Gesichtszügen und einer Halskrause, die den Kopf zu

tragen scheint. Einige meinen, es sei eine alte Markgräfin aus dem

Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, andere sind der Ansicht, es sei die

Gräfin von Orlamünde; darin aber sind beide einig, daß es das Bildnis

der Dame sei, die seither in der Geschichte der Hohenzollern unter dem

Namen der »weißen Frau« eine gewisse Berühmtheit erlangt hat.

»Das hab ich gut getroffen«, sagte Effi, während sie das Buch beiseite

schob; »ich will mir die Nerven beruhigen, und das erste, was ich

lese, ist die Geschichte von der 'weißen Frau', vor der ich mich

gefürchtet habe, solange ich denken kann. Aber da nun das Gruseln mal

da ist, will ich doch auch zu Ende lesen.«

Und sie schlug wieder auf und las weiter: ... Ebendies alte Porträt

(dessen Original in der Hohenzollernschen Familiengeschichte solche

Rolle spielt) spielt als Bild auch eine Rolle in der Spezialgeschichte

des Schlosses Eremitage, was wohl damit zusammenhängt, daß es an

einer dem Fremden unsichtbaren Tapetentür hängt, hinter der sich eine

vom Souterrain her hinaufführende Treppe befindet. Es heißt, daß,

als Napoleon hier übernachtete, die »weiße Frau« aus dem Rahmen

herausgetreten und auf sein Bett zugeschritten sei. Der Kaiser,

entsetzt auffahrend, habe nach seinem Adjutanten gerufen und bis an

sein Lebensende mit Entrüstung von diesem »maudit château« gesprochen.

»Ich muß es aufgeben, mich durch Lektüre beruhigen zu wollen«,

sagte Effi. »Lese ich weiter, so komm ich gewiß noch nach einem

Kellergewölbe, wo der Teufel auf einem Weinfaß davongeritten ist.

Es gibt, glaub ich, in Deutschland viel dergleichen, und in einem

Reisehandbuch muß es sich natürlich alles zusammenfinden. Ich will

also lieber wieder die Augen schließen und mir, so gut es geht, meinen

Polterabend vorstellen: die Zwillinge, wie sie vor Tränen nicht

weiterkonnten, und dazu den Vetter Briest, der, als sich alles

verlegen anblickte, mit erstaunlicher Würde behauptete, solche Tränen

öffneten einem das Paradies. Er war wirklich scharmant und immer so

übermütig ... Und nun ich! Und gerade hier. Ach, ich tauge doch gar

nicht für eine große Dame. Die Mama, ja, die hätte hierhergepaßt, die

hätte, wie's einer Landrätin zukommt, den Ton angegeben, und Sidonie

Grasenabb wäre ganz Huldigung gegen sie gewesen und hätte sich über

ihren Glauben oder Unglauben nicht groß beunruhigt. Aber ich ... ich

bin ein Kind und werd es auch wohl bleiben. Einmal hab ich gehört,

das sei ein Glück. Aber ich weiß doch nicht, ob das wahr ist. Man muß

doch immer dahin passen, wohin man nun mal gestellt ist.« In diesem

Augenblick kam Friedrich, um den Tisch abzuräumen. »Wie spät ist es,

Friedrich?«

»Es geht auf neun, gnäd'ge Frau.«

»Nun, das läßt sich hören. Schicken Sie mir Johanna.«

»Gnäd'ge Frau haben befohlen.«

»Ja, Johanna. Ich will zu Bett gehen. Es ist eigentlich noch früh.

Aber ich bin so allein. Bitte, tun Sie den Brief erst ein, und wenn

Sie wieder da sind, nun, dann wird es wohl Zeit sein. Und wenn auch

nicht.«

Effi nahm die Lampe und ging in ihr Schlafzimmer hinüber. Richtig, auf

der Binsenmatte lag Rollo. Als er Effi kommen sah, erhob er sich, um

den Platz freizugeben, und strich mit seinem Behang an ihrer Hand hin.

Dann legte er sich wieder nieder.

Johanna war inzwischen nach dem Landratsamt hinübergegangen, um da den

Brief einzustecken. Sie hatte sich drüben nicht sonderlich beeilt,

vielmehr vorgezogen, mit der Frau Paaschen, des Amtsdieners Frau, ein

Gespräch zu führen. Natürlich über die junge Frau.

»Wie ist sie denn?« fragte die Paaschen.

»Sehr jung ist sie.«

»Nun, das ist kein Unglück, eher umgekehrt. Die Jungen, und das ist

eben das Gute, stehen immer bloß vorm Spiegel und zupfen und stecken

sich was vor und sehen nicht viel und hören nicht viel und sind noch

nicht so, daß sie draußen immer die Lichtstümpfe zählen und einem

nicht gönnen, daß man einen Kuß kriegt, bloß weil sie selber keinen

mehr kriegen.«

»Ja«, sagte Johanna, »so war meine vorige Madam, und ganz ohne Not.

Aber davon hat unsere Gnäd'ge nichts.«

»Ist er denn sehr zärtlich?«

»Oh, sehr. Das können Sie doch wohl denken.« »Aber daß er sie so

allein läßt ...«

»Ja, liebe Paaschen, Sie dürfen nicht vergessen ... der Fürst. Und

dann, er ist ja doch am Ende Landrat. Und vielleicht will er auch noch

höher.«

»Gewiß will er. Und er wird auch noch. Er hat so was. Paaschen sagt es

auch immer, und er kennt seine Leute.«

Während dieses Ganges drüben nach dem Amt hinüber war wohl eine

Viertelstunde vergangen, und als Johanna wieder zurück war, saß

Effi schon vor dem Trumeau und wartete. »Sie sind lange geblieben,

Johanna.«

»Ja, gnäd'ge Frau ... Gnäd'ge Frau wollen entschuldigen ... Ich traf

drüben die Frau Paaschen, und da hab ich mich ein wenig verweilt. Es

ist so still hier. Man ist immer froh, wenn man einen Menschen trifft,

mit dem man ein Wort sprechen kann. Christel ist eine sehr gute

Person, aber sie spricht nicht, und Friedrich ist so dusig und auch so

vorsichtig und will mit der Sprache nie recht heraus. Gewiß, man muß

auch schweigen können, und die Paaschen, die so neugierig und so ganz

gewöhnlich ist, ist eigentlich gar nicht nach meinem Geschmack; aber

man hat es doch gern, wenn man mal was hört und sieht.«

Effi Briest · 第 13 / 54 题