So war Effis erster Tag in Kessin gewesen. Innstetten gab ihr noch
eine halbe Woche Zeit, sich einzurichten und die verschiedensten
Briefe nach Hohen-Cremmen zu schreiben, an die Mama, an Hulda und die
Zwillinge; dann aber hatten die Stadtbesuche begonnen, die zum Teil
(es regnete gerade so, daß man sich diese Ungewöhnlichkeit schon
gestatten konnte) in einer geschlossenen Kutsche gemacht wurden. Als
man damit fertig war, kam der Landadel an die Reihe. Das dauerte
länger, da sich bei den meist großen Entfernungen an jedem Tag nur
eine Visite machen ließ. Zuerst war man bei den Borckes in Rothenmoor,
dann ging es nach Morgnitz, Dabergotz und Kroschentin, wo man bei
den Ahlemanns, den Jatzkows und den Grasenabbs den pflichtschuldigen
Besuch abstattete. Noch ein paar andere folgten, unter denen auch
der alte Baron von Güldenklee auf Papenhagen war. Der Eindruck, den
Effi empfing, war überall derselbe: mittelmäßige Menschen von meist
zweifelhafter Liebenswürdigkeit, die, während sie vorgaben, über
Bismarck und die Kronprinzessin zu sprechen, eigentlich nur Effis
Toilette musterten, die von einigen als zu prätentiös für eine so
jugendliche Dame, von andern als zuwenig dezent für eine Dame von
gesellschaftlicher Stellung befunden wurde. Man merke doch an allem
die Berliner Schule: Sinn für Äußerliches und eine merkwürdige
Verlegenheit und Unsicherheit bei Berührung großer Fragen. In
Rothenmoor bei den Borckes und dann auch bei den Familien in Morgnitz
und Dabergotz war sie für »rationalistisch angekränkelt«, bei den
Grasenabbs in Kroschentin aber rundweg für eine »Atheistin« erklärt
worden. Allerdings hatte die alte Frau von Grasenabb, eine Süddeutsche
(geborene Stiefel von Stiefelstein), einen schwachen Versuch gemacht,
Effi wenigstens für den Deismus zu retten; Sidonie von Grasenabb
aber, eine dreiundvierzigjährige alte Jungfer, war barsch
dazwischengefahren: »Ich sage dir, Mutter, einfach Atheistin, kein
Zollbreit weniger, und dabei bleibt es«, worauf die Alte, die sich vor
ihrer eigenen Tochter fürchtete, klüglich geschwiegen hatte.
Die ganze Tournee hatte so ziemlich zwei Wochen gedauert, und es war
am 2. Dezember, als man zu schon später Stunde von dem letzten dieser
Besuche nach Kessin zurückkehrte. Dieser letzte Besuch hatte den
Güldenklees auf Papenhagen gegolten, bei welcher Gelegenheit
Innstetten dem Schicksal nicht entgangen war, mit dem alten Güldenklee
politisieren zu müssen. »Ja, teuerster Landrat, wenn ich so den
Wechsel der Zeiten bedenke! Heute vor einem Menschenalter oder
ungefähr so lange, ja, da war auch ein 2. Dezember, und der gute Louis
und Napoleonsneffe - wenn er so was war und nicht eigentlich ganz
woanders herstammte -, der kartätschte damals auf die Pariser
Kanaille. Na, das mag ihm verziehen sein, für so was war er der rechte
Mann, und ich halte zu dem Satz: 'Jeder hat es gerade so gut und so
schlecht, wie er's verdient.' Aber daß er nachher alle Schätzung
verlor und Anno siebzig so mir nichts, dir nichts auch mit uns
anbinden wollte, sehen Sie, Baron, das war, ja wie sag ich, das war
eine Insolenz. Es ist ihm aber auch heimgezahlt worden. Unser Alter da
oben läßt sich nicht spotten, der steht zu uns.«
»Ja«, sagte Innstetten, der klug genug war, auf solche Philistereien
anscheinend ernsthaft einzugehen, »der Held und Eroberer von
Saarbrücken wußte nicht, was er tat. Aber Sie dürfen nicht zu streng
mit ihm persönlich abrechnen. Wer ist am Ende Herr in seinem Hause?
Niemand. Ich richte mich auch schon darauf ein, die Zügel der
Regierung in andere Hände zu legen, und Louis Napoleon, nun, der war
vollends ein Stück Wachs in den Händen seiner katholischen Frau, oder
sagen wir lieber, seiner jesuitischen Frau.«
»Wachs in den Händen seiner Frau, die ihm dann eine Nase drehte.
Natürlich, Innstetten, das war er. Aber damit wollen Sie diese Puppe
doch nicht etwa retten? Er ist und bleibt gerichtet. An und für sich
ist es übrigens noch gar nicht mal erwiesen«, und sein Blick suchte
bei diesen Worten etwas ängstlich nach dem Auge seiner Ehehälfte, »ob
nicht Frauenherrschaft eigentlich als ein Vorzug gelten kann; nur
freilich, die Frau muß danach sein. Aber wer war diese Frau? Sie war
überhaupt keine Frau, im günstigsten Fall war sie eine Dame, das sagt
alles; 'Dame' hat beinah immer einen Beigeschmack. Diese Eugenie -
über deren Verhältnis zu dem jüdischen Bankier ich hier gern hingehe,
denn ich hasse Tugendhochmut - hatte was vom Café chantant, und wenn
die Stadt, in der sie lebte, das Babel war, so war sie das Weib von
Babel. Ich mag mich nicht deutlicher ausdrücken, denn ich weiß«, und
er verneigte sich gegen Effi, »was ich deutschen Frauen schuldig bin.
Um Vergebung, meine Gnädigste, daß ich diese Dinge vor Ihren Ohren
überhaupt berührt habe.« So war die Unterhaltung gegangen, nachdem man
vorher von Wahl, Nobiling und Raps gesprochen hatte, und nun saßen
Innstetten und Effi wieder daheim und plauderten noch eine halbe
Stunde. Die beiden Mädchen im Hause waren schon zu Bett, denn es war
nah an Mitternacht.
Innstetten, in kurzem Hausrock und Saffianschuhen, ging auf und ab;
Effi war noch in ihrer Gesellschaftstoilette; Fächer und Handschuhe
lagen neben ihr. »Ja«, sagte Innstetten, während er sein
Aufundabschreiten im Zimmer unterbrach, »diesen Tag müßten wir nun
wohl eigentlich feiern, und ich weiß nur noch nicht, womit. Soll
ich dir einen Siegesmarsch vorspielen oder den Haifisch draußen in
Bewegung setzen oder dich im Triumph über den Flur tragen? Etwas muß
doch geschehen, denn du mußt wissen, das war nun heute die letzte
Visite.«
»Gott sei Dank war sie's«, sagte Effi. »Aber das Gefühl, daß wir nun
Ruhe haben, ist, denk ich, gerade Feier genug. Nur einen Kuß könntest
du mir geben. Aber daran denkst du nicht. Auf dem ganzen weiten Weg
nicht gerührt, frostig wie ein Schneemann. Und immer nur die Zigarre.«
»Laß, ich werde mich schon bessern und will vorläufig nur wissen, wie
stehst du zu dieser ganzen Umgangs- und Verkehrsfrage? Fühlst du dich
zu dem einen oder andern hingezogen? Haben die Borckes die Grasenabbs
geschlagen oder umgekehrt, oder hältst du's mit dem alten Güldenklee?
Was er da über die Eugenie sagte, machte doch einen sehr edlen und
reinen Eindruck.«
»Ei, sieh, Herr von Innstetten, auch medisant! Ich lerne Sie von einer
ganz neuen Seite kennen.«
»Und wenn's unser Adel nicht tut«, fuhr Innstetten fort, ohne sich
stören zu lassen, »wie stehst du zu den Kessiner Stadthonoratioren?
Wie stehst du zur Ressource? Daran hängt doch am Ende Leben und
Sterben. Ich habe dich da neulich mit unserem reserveleutnantlichen
Amtsrichter sprechen sehen, einem zierlichen Männchen, mit dem sich
vielleicht durchkommen ließe, wenn er nur endlich von der Vorstellung
loskönnte, die Wiedereroberung von Le Bourget durch sein Erscheinen in
der Flanke zustande gebracht zu haben. Und seine Frau! Sie gilt als
die beste Bostonspielerin und hat auch die hübschesten Anlegemarken.
Also nochmals, Effi, wie wird es werden in Kessin? Wirst du dich
einleben? Wirst du populär werden und mir die Majorität sichern,
wenn ich in den Reichstag will? Oder bist du für Einsiedlertum, für
Abschluß von der Kessiner Menschheit, so Stadt wie Land?«
»Ich werde mich wohl für Einsiedlertum entschließen, wenn mich die
Mohrenapotheke nicht herausreißt. Bei Sidonie werd ich dadurch
freilich noch etwas tiefer sinken, aber darauf muß ich es ankommen
lassen; dieser Kampf muß eben gekämpft werden. Ich steh und falle mit
Gieshübler. Es klingt etwas komisch, aber er ist wirklich der einzige,
mit dem sich ein Wort reden läßt, der einzige richtige Mensch hier.«
»Das ist er«, sagte Innstetten. »Wie gut du zu wählen verstehst.«
»Hätte ich sonst dich?« sagte Effi und hängte sich an seinen Arm.
Das war am 2. Dezember. Eine Woche später war Bismarck in Varzin, und
nun wußte Innstetten, daß bis Weihnachten, und vielleicht noch darüber
hinaus, an ruhige Tage für ihn gar nicht mehr zu denken sei. Der Fürst
hatte noch von Versailles her eine Vorliebe für ihn und lud ihn,
wenn Besuch da war, häufig zu Tisch, aber auch allein, denn der
jugendliche, durch Haltung und Klugheit gleich ausgezeichnete Landrat
stand ebenso in Gunst bei der Fürstin.
Zum 14. erfolgte die erste Einladung. Es lag Schnee, weshalb
Innstetten die fast zweistündige Fahrt bis an den Bahnhof, von wo noch
eine Stunde Eisenbahn war, im Schlitten zu machen vorhatte. »Warte
nicht auf mich, Effi. Vor Mitternacht kann ich nicht zurück sein;
wahrscheinlich wird es zwei oder noch später. Ich störe dich aber
nicht. Gehab dich wohl, und auf Wiedersehen morgen früh.« Und damit
stieg er ein, und die beiden isabellfarbenen Graditzer jagten im Fluge
durch die Stadt hin und dann landeinwärts auf den Bahnhof zu.
Das war die erste lange Trennung, fast auf zwölf Stunden. Arme Effi.
Wie sollte sie den Abend verbringen? Früh zu Bett, das war gefährlich,
dann wachte sie auf und konnte nicht wieder einschlafen und horchte
auf alles. Nein, erst recht müde werden und dann ein fester Schlaf,
das war das beste. Sie schrieb einen Brief an die Mama und ging dann
zu Frau Kruse, deren gemütskranker Zustand - sie hatte das schwarze
Huhn oft bis in die Nacht hinein auf ihrem Schoß - ihr Teilnahme
einflößte. Die Freundlichkeit indessen, die sich darin aussprach,
wurde von der in ihrer überheizten Stube sitzenden und nur still und
stumm vor sich hinbrütenden Frau keinen Augenblick erwidert, weshalb
Effi, als sie wahrnahm, daß ihr Besuch mehr als Störung wie als Freude
empfunden wurde, wieder ging und nur noch fragte, ob die Kranke etwas
haben wolle. Diese lehnte aber alles ab.
Inzwischen war es Abend geworden, und die Lampe brannte schon. Effi
stellte sich ans Fenster ihres Zimmers und sah auf das Wäldchen
hinaus, auf dessen Zweigen der glitzernde Schnee lag. Sie war von dem
Bilde ganz in Anspruch genommen und kümmerte sich nicht um das, was
hinter ihr in dem Zimmer vorging. Als sie sich wieder umsah, bemerkte
sie, daß Friedrich still und geräuschlos ein Kuvert gelegt und ein
Kabarett auf den Sofatisch gestellt hatte. »Ja so, Abendbrot ... Da
werd ich mich nun wohl setzen müssen.« Aber es wollte nicht schmecken,
und so stand sie wieder auf und las den an die Mama geschriebenen
Brief noch einmal durch. Hatte sie schon vorher ein Gefühl der
Einsamkeit gehabt, so jetzt doppelt. Was hätte sie darum gegeben, wenn
die beiden Jahnkeschen Rotköpfe jetzt eingetreten wären oder selbst
Hulda. Die war freilich immer so sentimental und beschäftigte sich
meist nur mit ihren Triumphen; aber so zweifelhaft und anfechtbar
diese Triumphe waren, sie hätte sich in diesem Augenblick doch gern
davon erzählen lassen. Schließlich klappte sie den Flügel auf, um
zu spielen; aber es ging nicht. »Nein, dabei werd ich vollends
melancholisch; lieber lesen.« Und so suchte sie nach einem Buch. Das
erste, was ihr zu Händen kam, war ein dickes rotes Reisehandbuch,
alter Jahrgang, vielleicht schon aus Innstettens Leutnantstagen her.
»Ja, darin will ich lesen; es gibt nichts Beruhigenderes als solche
Bücher. Das Gefährliche sind bloß immer die Karten; aber vor diesem
Augenpulver, das ich hasse, werd ich mich schon hüten.« Und so schlug
sie denn auf gut Glück auf: Seite 153. Nebenan hörte sie das Ticktack
der Uhr und draußen Rollo, der, seit es dunkel war, seinen Platz in
der Remise aufgegeben und sich, wie jeden Abend, so auch heute wieder,
auf die große geflochtene Matte, die vor dem Schlafzimmer lag,
ausgestreckt hatte. Das Bewußtsein seiner Nähe minderte das Gefühl
ihrer Verlassenheit, ja, sie kam fast in Stimmung, und so begann
sie denn auch unverzüglich zu lesen. Auf der gerade vor ihr
aufgeschlagenen Seite war von der »Eremitage«, dem bekannten
markgräflichen Lustschloß in der Nähe von Bayreuth, die Rede; das
lockte sie, Bayreuth, Richard Wagner, und so las sie denn: Unter den
Bildern in der Eremitage nennen wir noch eins, das nicht durch seine
Schönheit, wohl aber durch sein Alter und durch die Person, die
es darstellt, ein Interesse beansprucht. Es ist dies ein stark
nachgedunkeltes Frauenporträt, kleiner Kopf, mit herben, etwas
unheimlichen Gesichtszügen und einer Halskrause, die den Kopf zu
tragen scheint. Einige meinen, es sei eine alte Markgräfin aus dem
Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, andere sind der Ansicht, es sei die
Gräfin von Orlamünde; darin aber sind beide einig, daß es das Bildnis
der Dame sei, die seither in der Geschichte der Hohenzollern unter dem
Namen der »weißen Frau« eine gewisse Berühmtheit erlangt hat.
»Das hab ich gut getroffen«, sagte Effi, während sie das Buch beiseite
schob; »ich will mir die Nerven beruhigen, und das erste, was ich
lese, ist die Geschichte von der 'weißen Frau', vor der ich mich
gefürchtet habe, solange ich denken kann. Aber da nun das Gruseln mal
da ist, will ich doch auch zu Ende lesen.«
Und sie schlug wieder auf und las weiter: ... Ebendies alte Porträt
(dessen Original in der Hohenzollernschen Familiengeschichte solche
Rolle spielt) spielt als Bild auch eine Rolle in der Spezialgeschichte
des Schlosses Eremitage, was wohl damit zusammenhängt, daß es an
einer dem Fremden unsichtbaren Tapetentür hängt, hinter der sich eine
vom Souterrain her hinaufführende Treppe befindet. Es heißt, daß,
als Napoleon hier übernachtete, die »weiße Frau« aus dem Rahmen
herausgetreten und auf sein Bett zugeschritten sei. Der Kaiser,
entsetzt auffahrend, habe nach seinem Adjutanten gerufen und bis an
sein Lebensende mit Entrüstung von diesem »maudit château« gesprochen.
»Ich muß es aufgeben, mich durch Lektüre beruhigen zu wollen«,
sagte Effi. »Lese ich weiter, so komm ich gewiß noch nach einem
Kellergewölbe, wo der Teufel auf einem Weinfaß davongeritten ist.
Es gibt, glaub ich, in Deutschland viel dergleichen, und in einem
Reisehandbuch muß es sich natürlich alles zusammenfinden. Ich will
also lieber wieder die Augen schließen und mir, so gut es geht, meinen
Polterabend vorstellen: die Zwillinge, wie sie vor Tränen nicht
weiterkonnten, und dazu den Vetter Briest, der, als sich alles
verlegen anblickte, mit erstaunlicher Würde behauptete, solche Tränen
öffneten einem das Paradies. Er war wirklich scharmant und immer so
übermütig ... Und nun ich! Und gerade hier. Ach, ich tauge doch gar
nicht für eine große Dame. Die Mama, ja, die hätte hierhergepaßt, die
hätte, wie's einer Landrätin zukommt, den Ton angegeben, und Sidonie
Grasenabb wäre ganz Huldigung gegen sie gewesen und hätte sich über
ihren Glauben oder Unglauben nicht groß beunruhigt. Aber ich ... ich
bin ein Kind und werd es auch wohl bleiben. Einmal hab ich gehört,
das sei ein Glück. Aber ich weiß doch nicht, ob das wahr ist. Man muß
doch immer dahin passen, wohin man nun mal gestellt ist.« In diesem
Augenblick kam Friedrich, um den Tisch abzuräumen. »Wie spät ist es,
Friedrich?«
»Es geht auf neun, gnäd'ge Frau.«
»Nun, das läßt sich hören. Schicken Sie mir Johanna.«
»Gnäd'ge Frau haben befohlen.«
»Ja, Johanna. Ich will zu Bett gehen. Es ist eigentlich noch früh.
Aber ich bin so allein. Bitte, tun Sie den Brief erst ein, und wenn
Sie wieder da sind, nun, dann wird es wohl Zeit sein. Und wenn auch
nicht.«
Effi nahm die Lampe und ging in ihr Schlafzimmer hinüber. Richtig, auf
der Binsenmatte lag Rollo. Als er Effi kommen sah, erhob er sich, um
den Platz freizugeben, und strich mit seinem Behang an ihrer Hand hin.
Dann legte er sich wieder nieder.
Johanna war inzwischen nach dem Landratsamt hinübergegangen, um da den
Brief einzustecken. Sie hatte sich drüben nicht sonderlich beeilt,
vielmehr vorgezogen, mit der Frau Paaschen, des Amtsdieners Frau, ein
Gespräch zu führen. Natürlich über die junge Frau.
»Wie ist sie denn?« fragte die Paaschen.
»Sehr jung ist sie.«
»Nun, das ist kein Unglück, eher umgekehrt. Die Jungen, und das ist
eben das Gute, stehen immer bloß vorm Spiegel und zupfen und stecken
sich was vor und sehen nicht viel und hören nicht viel und sind noch
nicht so, daß sie draußen immer die Lichtstümpfe zählen und einem
nicht gönnen, daß man einen Kuß kriegt, bloß weil sie selber keinen
mehr kriegen.«
»Ja«, sagte Johanna, »so war meine vorige Madam, und ganz ohne Not.
Aber davon hat unsere Gnäd'ge nichts.«
»Ist er denn sehr zärtlich?«
»Oh, sehr. Das können Sie doch wohl denken.« »Aber daß er sie so
allein läßt ...«
»Ja, liebe Paaschen, Sie dürfen nicht vergessen ... der Fürst. Und
dann, er ist ja doch am Ende Landrat. Und vielleicht will er auch noch
höher.«
»Gewiß will er. Und er wird auch noch. Er hat so was. Paaschen sagt es
auch immer, und er kennt seine Leute.«
Während dieses Ganges drüben nach dem Amt hinüber war wohl eine
Viertelstunde vergangen, und als Johanna wieder zurück war, saß
Effi schon vor dem Trumeau und wartete. »Sie sind lange geblieben,
Johanna.«
»Ja, gnäd'ge Frau ... Gnäd'ge Frau wollen entschuldigen ... Ich traf
drüben die Frau Paaschen, und da hab ich mich ein wenig verweilt. Es
ist so still hier. Man ist immer froh, wenn man einen Menschen trifft,
mit dem man ein Wort sprechen kann. Christel ist eine sehr gute
Person, aber sie spricht nicht, und Friedrich ist so dusig und auch so
vorsichtig und will mit der Sprache nie recht heraus. Gewiß, man muß
auch schweigen können, und die Paaschen, die so neugierig und so ganz
gewöhnlich ist, ist eigentlich gar nicht nach meinem Geschmack; aber
man hat es doch gern, wenn man mal was hört und sieht.«