flüsterte: »Ja, nun denke ich, das wird genügen« und schüttete die
Mischung in den Lauf. Dann stand er wieder still und überlegte, griff
noch einmal in die Westentasche und zog einen langen Nagel hervor. Er
kniff die Lippen energisch zusammen:
Ich denke, wir bieten ihr den auch noch, dann sind wir sicher!
Kurz darauf stapften Jon und Simen über das Tal hinüber nach Stubsveen.
* * * * *
Es ist schwer zu sagen, wer von den dreien, Jon, Per oder Simen, am
eifrigsten war, als sie am Abend in Stubsveen um den Tisch saßen und
Kaffeepunsch tranken -- das heißt die beiden Alten, Jon bekam keinen,
er war zu klein. Die Geschichten, die erzählt wurden, nahmen kein Ende,
vom Blaufuchs, vom Rotfuchs und vom Weißfuchs. Nein, das hier wäre kein
Blaufuchs, meinte Simen, da wäre er sicher; da hätte er sich nicht so
nah an die Häuser gewagt, und da würde das Ganze auch nicht viel Nutzen
haben, denn der wäre zu schlimm; entweder er legte sich nieder, oder
er spränge in die Höhe, wenn der Schuß fiele. Da müßte man entweder
drunter oder drüber halten und es darauf ankommen lassen, ob er spränge
oder sich niederlegte. Er hätte damals drunter gehalten, als er den
Blaufuchs schoß.
Sie waren solche Helden geworden, Peter und Simen, daß Jon beinahe
nicht mit gedurft hätte, als sie sich später abends in den Stall
begaben, um Wacht zu halten. Aber er ließ nicht nach; es war ebensogut
sein Fuchs.
Ihretwegen -- nur müßte er mäuschenstill sitzen. Sie dürften kein Glied
rühren.
Da könnten sie sicher sein!
Sie gingen alle drei nach dem Stall, nahmen die Branntweinflasche mit,
und Peter gab seiner Frau den Befehl, das Feuer nicht ausgehen zu
lassen und Kaffee bereit zu halten, wenn sie mit der Beute kämen.
Sie nahmen an der Stallluke Platz. Simen und Per nahmen einen
Heusack und setzten sich ordentlich zurecht, so daß sie aus der Luke
heraussehen konnten.
Simen hielt das hintere Ende der Flinte mit gespanntem Hahn und steckte
den Lauf eben durch die Luke. Jon saß auf einem Melkschemel etwas zur
Seite und lugte durch einen Spalt in der Wand. Wer den Fuchs zuerst
sah, sollte nichts sagen, sondern Simen nur leise an der Jacke zupfen.
Es war behaglich und warm im Stall; die Kühe lagen und schnarchten und
käuten wieder, so daß die Hörner in unregelmäßigen leisen Schlägen
gegen die Wand schlugen.
Durch jede Ritze drang die Kälte ein, begegnete der Wärme von drinnen
und bildete mit ihr im Verein große Büschel von glitzerndem Reif um
jede Ritze. Draußen war heller Mondschein; sie konnten so klar und
scharf sehen wie am hellichten Tage, und es glitzerte über den Äckern,
und das Mondlicht zitterte auf den bereiften Bäumen auf der Höhe
drüben. Tiefste, friedliche Ruhe herrschte draußen, kein Laut war zu
hören, keine Bewegung zu sehen.
Sie hatten wohl eine halbe Stunde gesessen; die Wärme und die Stille
fingen an, sie schläfrig zu machen.
Wie wär's, wenn wir noch einen Schluck nähmen? flüsterte Per.
Und ob, sagte Simen.
So verging wohl noch eine halbe Stunde, da flüsterte Per wieder:
Ich schlafe beinahe ein; nehmen wir noch einen Schluck?
Das wäre nicht dumm.
Wieder saßen sie eine Weile. Dasselbe wiederholte sich. Aber dann wurde
es still -- lange.
Jon saß und sah so eifrig durch den Spalt, daß er keine Zeit hatte,
nach den andern zu sehen. Es war merkwürdig, wie still sie waren. Eben
wollte er sich nach ihnen umdrehen -- aber da -- mit einem Male hielt
er den Atem an und riß die Augen weit auf.
Bewegte sich nicht dort etwas am Fuß des Ackerhügels? Ja, ja, da
erschien der Kopf! Da war er!
Erst kam eine Schnauze und ein paar spitze Ohren zum Vorschein, und der
Kopf wandte sich nach allen Seiten. Dann tauchte er ganz auf, langsam
und vorsichtig, blieb stehen, den einen Vorderfuß in der Luft, bereit
auszureißen; so stand er eine Weile und sah sich um; dann setzte er den
Fuß vorsichtig nieder und schlich ein paar Schritte vorwärts. Er war so
fein und schlank und geschmeidig, wie er dastand mit dem langen
Schwanz.
Als er einige Schritte vorwärts getan hatte, hielt er inne, wandte sich
plötzlich und schlich nach einer andern Richtung.
Jon konnte nicht begreifen, daß Simen nicht schoß; aber er mußte wohl
eine Absicht damit haben!
Oh, wenn er wieder davonginge. Da schlich er hin, schlug einen großen
Bogen und verschwand im Gebüsch oberhalb des Ackers.
Jon holte Atem und starrte. Nein, er konnte ihn nicht mehr sehen.
Doch, da!
Plötzlich steckte er den Kopf wieder vor, oben auf dem Hügel, und jetzt
viel näher; er witterte und sah nach dem Stall hinunter. So stand er
eine Weile, immer den einen Fuß erhoben; dann schlug er wieder einen
Bogen, kam schräg den Hügel hinab, schlug wieder einen Bogen und
spähte. Jetzt war er dicht heran.
Simen mußte ihn sehen, er saß ja mitten vor der Luke. Jon beugte sich
herüber und faßte nach seiner Jacke. Er verwandte keinen Blick von dem
Fuchs, während er zupfte.
Rrrro--ro! tönte es in diesem Augenblick, so daß es im Stall schallte.
Es war Simen, der einen gewaltigen Schnarcher tat, als er erwachte.
Jon sah, daß der Fuchs herumfuhr und gleichzeitig einen mehrere Meter
langen Satz machte; dann noch einen und noch einen, immer rascher und
rascher über den Acker hin; es war, als ob er den Schnee gar nicht
berührte. Das letzte, was er sah, war der lange buschige Schwanz,
der wie ein Steuer in die Luft stand, während der Fuchs mit einem
ungeheuren Satz den Ackerhügel herabsprang und verschwand.
Er sprang auf und fiel, so lang er war, über Per, der ebenfalls
aufwachte.
Im selben Augenblick donnerte es los, als ob der Stall einfiele; die
Kühe sprangen auf und rissen an den Ketten. Simen rollte vom Sack
herunter; die Flinte hatte ihm einen gewaltigen Stoß versetzt.
Simen hatte den Fuchs gerade gesehen, als er den letzten Sprung machte
und, ohne irgendwie zu zielen, drückte er los, lange nachdem der Fuchs
weg war.
Hast du ihn gesehen? rief Per.
Ja, und es war doch ein Blaufuchs, sagte Simen. Er sprang in die Höhe,
als ich schoß.
Jon saß das Weinen in der Kehle:
Nein, und wenn du noch nie gelogen hast, ~jetzt~ lügst du --
Tischler Simen.
[Illustration]
Die Kvinstöljungen.
Ho--o--iho! scholl es über die Höhen, so daß vom fernen Kvinkampen
her das Echo antwortete. Von der andern Seite ertönte der tiefe Laut
eines Bockhornes, und gleichzeitig schmetterte eine schrille hohe
Ziegenhornpfeife dazwischen. Unablässig erklang der Jodler, das Horn
blies lauter und lauter, und die Pfeife trillerte immer höher, bis der
Ton so hoch wurde, daß er sprang und wegblieb. Und die Töne trafen
sich und mischten sich miteinander und mit dem Echo aus der Ferne, das
von immer weiter herkam, schwächer und schwächer; und Glocken, tiefe
und hohe, schlugen an und erklangen drein, und die Ochsen brüllten,
die Kühe folgten ihrem Beispiel, die Ziegen meckerten -- -- es war am
Morgen und auf dem Kvinstöl ließen sie das Vieh heraus.
Es war ein Morgen so klar und frisch, wie er im Juli im Gebirge es nur
sein kann, so einer, an dem Volk und Vieh sich so leicht fühlen, als
ob sie fliegen könnten, wo selbst alte Kühe ihre Würde vergessen, den
Schwanz hochschlagen und Kälbersprünge machen.
An solch einem Morgen ist immer Leben auf der Senne; aber es war doch
den ganzen Sommer noch nicht vorgekommen, daß Per Oppigar das Horn
so stark geblasen und Jens Melbö so hoch auf der Ziegenhornpfeife
geschmettert und Peter Nerigar, den die andern Peter Flapps nannten,
wenn sie zornig auf ihn waren, so gejodelt hatte wie heute. Es war
klar, daß etwas besonderes los war.
Sie zogen jeder aus seiner Hütte aus -- es gab nur drei auf dem
Kvinstöl -- trennten das Kleinvieh von den Rindern, die heute von den
Sennerinnen selber in den Wald gelockt wurden und setzten davon, jeder
nach seiner Richtung, Per gerade über den Storhaug, die andern in einem
großen Bogen drum herum. Aber hinter dem Hügel, als sie außer Sicht
waren -- es brauchte niemand zu wissen, daß sie zusammen hüteten --
vereinigten sie sich wieder, und je mehr sie sich einander näherten, um
so mehr jodelten und bliesen sie und riefen nach ihren Ziegen, daß es
über die Berge schallte; und als sie sich trafen, trieben sie alle drei
Herden in einen Haufen zusammen, -- heute war es selbstverständlich,
daß auch Peter Flapps seine mit denen der andern zusammentreiben
durfte. Und als das wohl besorgt war, jodelte Peter wieder, und Per
blies in sein Horn, daß ihm die Augen aus dem Kopfe standen und Jens
trillerte so schrill und lange auf der Ziegenhornpfeife, daß er rot
wurde wie ein Puterhahn.
Dann rief Per: So wollen wir die Neusäterjungen empfangen; sie sollen
hören, daß es die Kvinstöljungen sind, die kommen.
Wenn sie nur kommen? meinte Jens.
Sie müßten sich schämen, wo sie so viele sind! meinte Per.
Peter Flapps schlug ein Rad, daß die Bergschuhe aneinander schlugen.
Sie können kommen so dicht wie eine Schafherde, sie sollen das
bekommen, was sie verdienen.
Die Kvinstöljungen zogen nämlich heute in den Krieg.
Sie hatten gehört, daß die Hirten in alten Tagen, wenn sie über die
Weiden uneinig waren, zusammenkamen und kämpften. Es sollte sogar
irgendwo weit drinnen in den Bergen -- ja, ob es so sehr weit war,
wußten sie nicht recht --, kann sein, es war näher, als einer glaubte
-- ein Moor liegen, das Siebenhirtenmoor hieß. So hieß es, weil
dort einst sieben Hirten zusammengetroffen waren, um Abrechnung zu
halten. Sie hatten sich sogar Spieße aus Wacholder gemacht und sie
über schwachem Feuer erhitzt, so daß sie hart wie Stein und zäh wie
Horn geworden waren, und sechs waren auf dem Platze geblieben, der
siebente kam mit einem Spieß im Leib gerade noch bis nach Hause und
erzählte, wie sich die Sache zugetragen hatte. So hart ging es jetzt
nicht mehr zu, das war in alten Tagen geschehen. Aber es kam doch
vor, daß die Hirten auch heute noch miteinander rauften; nur hier auf
diesen lumpigen Sennhütten ging es so friedlich zu. Aber es war doch
ganz hübsch, mit den Neusäterjungen ein bißchen über die Weiden zu
verhandeln. Freilich hüteten die Neusäterjungen nicht oft auf dieser
Seite und niemals auf den Kvinstölweiden, aber sie könnten es doch
einmal tun, und ~könnten~ sie erst das, so könnten sie auch bald
von der Senne selber Besitz ergreifen. Und vielleicht dachten sie
auch an etwas derartiges, den Neusäterjungen war nicht zu trauen. Und
wovon sollten ~ihre~ Schafe dann fett werden? Sie hatten immer
gehört, daß die Weidegrenze von Kvinstöl zwischen dem Blauwasser und
dem Hvidtskjägstein verlief; aber es war doch die Frage, ob sie nicht
weiter gehen durften, es war wohl das sicherste, ein Stück dazu zu
erobern. Die magern, langbeinigen Neusäterschafe konnten ihr Futter wo
anders suchen, es war überhaupt kein guter Schlag; -- ~ihre~ Sache
war es jedenfalls nicht, sie zu füttern.
Darüber hatten sie nachgedacht und gesprochen viele, viele Male; aber
es war nichts daraus geworden, bis vorgestern, als Lars Sagbakken kam
und nach dem Neusäter hinüberwollte, um Pferde zu suchen. Da hatte
Per ihn ohne weiteres gebeten, er sollte den Neusäterjungen sagen,
sie möchten sich übermorgen am Hvidtskjägstein einstellen -- so viele
wie Lust hätten --, die Kvinstöljungen wollten mit ihnen über die
Weidegrenzen reden. Sie dachten nicht anders, als daß Lars Sagbakken
sich seines wichtigen Auftrages erinnert hätte und erwarteten, daß die
Neusäterjungen kommen würden, denn heute sollte es entschieden werden.
Die Herde zog weiter und zerstreute sich über die Moore. Die drei
blieben eine Weile stehen.
Wie viele, glaubst du, werden kommen? fragte Jens.
Es sind 10 Hütten dort, erklärte Per, aber nur 8 sind bewirtschaftet,
und dann sind drei Mädchen dabei, es kommen also wohl nur fünf, und
selbst wenn ein Mädchen dabei ist, so werde ich nicht die Schande auf
mich nehmen, mich an einem Frauenzimmer zu vergreifen.
Ich auch nicht, sagte Jens. Ich gedenke den einen Schuh auszuziehen und
sie damit über die Köpfe zu schlagen.
[Illustration]
Nein, dazu sind sie zu gefährlich, meinte Peter, man darf sie nicht so
nahe kommen lassen; ~ich~ mache es so, ich werfe mich kopfüber
auf die Hände und treffe sie mit den Absätzen vor die Brust; da sollst
du mal sehen, wie sie hinfliegen -- und er warf sich vornüber, krachte
aber mit dem Hinterteil auf die Erde, daß der Hügel dröhnte.
Nein, meinte Per, man soll ihnen gerade nahe kommen, so daß sie nicht
zum Schlagen ausholen können. Ich werde sie so beim Kragen nehmen, ganz
weit oben und ihnen die Daumen hinter die Ohren setzen und zudrücken,
da werden sie kraftlos und fallen hin wie die Mehlsäcke.
Ja--a, das wollte Jens auch tun, oder vielleicht würde er es doch
lieber mit dem Überschwung versuchen.
Es wäre vielleicht besser, sie übten sich ein bißchen, meinte Per,
Peter sollte der Neusäterjunge sein.
Hei, du Neusäterlümmel, hier sind die Kvinstöljungen. Wer hat dir
erlaubt, bis an den Hvidtskjägstein zu hüten.
Peter brüllte dagegen: Ich frage keinen Kvinstöllümmel, wo ich hüte.
Komm nur heran, so werfe ich dich so hoch in die Luft, daß du nie
wieder herunterkommst.
Danach siehst du gerade aus! Wie lange Beine haben deine Schafe? Die
können wohl über das Schafstalldach wegschreiten?
Jens stand da und hörte zu und war so erfüllt davon, daß er die Luft
einzog und schluckste.
Jedenfalls können sie leicht über so einen Kvinstölbengel wegspringen
und noch ein Stück dazu. Ich habe nicht solche Lämmchen wie die
Kvinstölhirten.
Komm her, so werde ich dem lieben Gott deine Schuhsohlen zeigen.
Komm du her! und Peter warf sich kopfüber und kam wieder auf die Beine.
Per stürzte auf ihn los und packte ihn beim Kragen, sie kämpften, bis
sie hinstürzten, Per zu unterst. -- Jens auf Peters Rücken los, um ihn
herunterzukriegen. Nach einer Weile standen sie auf. Da sagte Per:
Diesmal kriegtest du mich unter. Aber das wäre nicht geschehen, wenn
du ein Neusäterjunge gewesen wärest. Denn wenn ich böse werde, bin ich
doppelt so stark. Glaubst du das etwa nicht? Dann komm nur noch einmal
heran.
Sie fuhren wieder aufeinander los, und diesmal kam Peter zu unterst.
Da siehst du's, du Neusäterbengel, und Per stand auf, drehte sich auf
dem Absatz und juchzte, daß es schallte.
Jetzt mußten sie nach und die Herden wenden, dann nahmen sie die
Richtung auf den Hvidtskjägstein, und sie liefen und sprangen und
riefen und juchzten und bliesen, bis sie die Herde wieder beisammen
hatten. Dann zottelten sie langsam hinterher und schwatzten.
Das meiste taugte nichts, was sie drüben auf dem Neusäter hatten.
Langbeinige Schafe, Kühe, die nur in die Hörner wuchsen, und
verhungerte Hirten. Und hatten sie vielleicht ein Horn zum Blasen? Und
wenn sie einen von ihren kümmerlichen Böcken hundert Jahre fütterten,
so bekamen sie doch kein solches Horn, wie Per seins. Ja freilich,
so eins gab es auf dem ganzen Westfjeld nicht wieder -- aber auf dem
Neusäter hatten sie nichts, was auch nur annähernd damit zu vergleichen
war.
Was sollten sie nun eigentlich mit den Neusäterjungen machen, wenn sie
sie verhauen hatten? Sollten sie sie als Kriegsgefangene mitnehmen,
oder sie laufen lassen. Sie waren gewiß so gefräßig, daß es nicht
anging, sie als Gefangene zu behalten. Nein, sie würden ihnen bis
fast nach dem Neusäter folgen und sie zwingen, eine Grenze zwischen
den Weidegebieten zu errichten. Sie sollten Steine schleppen müssen,
daß ihnen der Schweiß aus ihren herunterhängenden Hosenböden tropfen
sollte. Und sie sollten kein großes Stück auf dieser Seite des
Neusäters behalten, da konnten sie sicher sein.
Je näher sie dem Hvidtskjägstein kamen, desto vorsichtiger wurden sie
und desto leiser sprachen sie. Es konnte doch sein, daß sie ziemlich
zäh und kräftig waren, diese Neusäterjungen. Wer sollte zuerst
vorgehen? Jens meinte, das müßte Per sein, aber Per fand, es wäre
richtiger, Peter ginge zuerst, weil er der größte wäre, aber Peter fand
gerade, Jens als der kleinste sollte vorangehen, sonst könnten die
Neusäterjungen Angst kriegen und ausreißen. Nein, da fand Jens es schon
am besten, sie gingen alle auf einmal vor, damit die Neusäterjungen
nicht jeden einzeln verhauen sollten, denn sie sollten fest zuhauen.
Ja, das taten sie denn auch.
Jetzt näherten sie sich dem Hvidtskjägstein. Es war wohl das beste, sie
gingen vor der Herde, denn sonst könnten diese Neusäterhallunken sie
ihnen wegnehmen und nach dem Säter treiben. Sie machten es so. Jetzt
hatten sie nur noch einen Hügel vor sich. Sollten sie nun schreien und
auf dem Horn blasen und auf der Ziegenhornpfeife pfeifen? Nein, besser
war es wohl, sie gingen still vor und sahen erst, wie viele es waren.
Man konnte gar nicht wissen, ob sie nicht Hilfstruppen mithatten. Sehr
wahrscheinlich, daß das Dutzend voll war. Sie schlichen auf den Hügel,
so still wie möglich, krochen unter Deckung von Büschen vorwärts, so
weit, daß sie die kleine Ebene, wo der Hvidtskjägstein lag, übersehen
konnten.
Da lag er ganz ruhig im Sonnenschein, -- keine Menschenseele war zu
sehen.
Die Jungen erhoben sich und sahen einander an. Sie horchten, ob sie
nicht in der Ferne einen Laut von ihnen vernähmen. Nein!
Endlich sagte Per: Sollte der Trottel, der Lars Sagbakken es nicht
ausgerichtet haben? Ob sie sich nicht getrauten? Ich glaube eher das
letztere, meinte Peter; sie werden wohl von den Kvinstöljungen gehört
haben. Ja, nun jodeln wir.
Und Peter setzte mit einem Jodler ein, und Per blies das Horn, und Jens
ließ seine schrille Ziegenhornpfeife ertönen, daß es weithin schallte.
Rücken wir also über die Grenze! Sie sollen sehen, daß die
Kvinstöljungen vor niemand Angst haben und hüten, wo sie wollen. -- Ja,
das machen wir, bis an ihre Sennhütten heran. Sie lockten ihre Tiere,
die springend herankamen, und dann rückten sie an der Spitze der Herde
vorwärts. Sie jodelten und bliesen und pfiffen und schimpften auf die
Neusäterjungen, als ob sie so nahe wären, daß sie es hören könnten. So
ging es eine lange Zeit fort.
-- -- Plötzlich blieben sie alle drei mit offenem Munde stehen und
lauschten. Es kam ihnen vor, als ob sie ein schwaches Jodeln hörten.
Peter jodelte vorsichtig zur Antwort. Ja, da ertönte es wieder ganz
schwach und gar nicht weit fort. Was hatte das zu bedeuten? Waren es
die Neusäterjungen, die sich in einen Hinterhalt gelegt hatten? Da
war es wohl am besten, vorsichtig vorzugehen, aber hin mußten sie und
nachsehen, was es war. Sie hielten auf einmal inne mit jodeln und
blasen. -- Leise schlichen sie vorwärts. Endlich kamen sie über einen
Hügel, und zwischen einigen verkrüppelten Birken hindurch sahen sie auf
eine kleine Ebene.
-- -- Auf einem Stein mitten in der Ebene saß ein kleiner, hübscher,
zerlumpter Junge und blickte nach der Richtung, wo sie waren, und um
ihn herum lag wiederkäuend eine Herde Ziegen und Schafe.
Es war so schön und still und friedlich hier, daß sie eine Weile liegen
blieben und sich nur umsahen.
Endlich sagte Peter: Ob nicht doch noch andere dabei sind, die sich
versteckt haben?
Sie spähten lange umher, aber da sie niemanden sahen, beschlossen sie
vorzurücken. Es sollte aber mit Kraft geschehen. Sie standen auf, und
auf ein Zeichen von Per, begann Peter wie verrückt zu jodeln, und Jens
trillerte auf seiner Pfeife so hoch, daß der Ton sprang, und Per
selber setzte mit seinem Horn ein, daß es hallte.
Die Tiere rings um den kleinen Jungen sprangen auf, blieben stehen und
glotzten, und der Junge sprang vom Stein herunter und blieb stehen.
Sie marschierten vor, Peter schlug ein Rad mitten auf der Ebene, und
so näherten sie sich dem kleinen Jungen. Per ging gerade auf in los,
spuckte in die Hände und sagte: Willst du Prügel haben?
Aber das schien der kleine Junge nicht zu verstehen; er richtete ein
paar große Augen auf sie, machte eine tiefe Verneigung mit dem Kopf und
sagte ganz friedlich: Guten Tag!
Pers Hände sanken herunter, er blieb mit offenem Munde stehen. Das kam
so unerwartet, daß er nicht wußte, was er sagen sollte, und so brachte
er nur ein leises: Guten Tag! Bist du draußen und hütest? heraus.
Ja, -- und du auch, sehe ich.
Ja.
Es entstand eine lange Pause.
Du bist wohl vom Neusäter?
Ja, das bin ich.
Wie steht es dort?
Oh, danke gut, kann ich wohl sagen, nur Farskoll ist recht schlecht auf
den Beinen.
Wieder lange Pause.
Er ist wohl nicht mit einer Botschaft von mir bei euch drin gewesen,
der Lars Sagbakken.
Nein, nicht daß ich wüßte.
Nein, er war wohl nicht. Ja, es war auch nichts weiter.
Wieder entstand eine Pause. Schließlich sagte Per:
Ein mächtiger Bock, den du hast.
Ach nein, der ist wohl nichts besonderes.
Doch, der ist groß, das ist sicher. Ich habe kaum so einen gesehen.
Ein schönes Horn, was du hast.
Ach ja, es ist ganz gut. Hast du keins?
Nein, ich kann mir keins anschaffen.
Haben es die Hirten gut auf dem Neusäter?
O ja, Tonetta, meine Sennerin, ist sehr gut.
Kriegst du manchmal Rahm?
Der kleine Junge machte verwunderte Augen.
Nein, den kriege ich nicht. Aber jetzt muß ich nach meiner Herde sehen,
sonst läuft sie mir fort.
Hast du nicht Lust, einmal nach dem Kvinstöl zu kommen?
Doch, Lust hätte ich schon. Dem Tobias sind ein paar Schafe
weggekommen, und da darf ich vielleicht mit ihm gehen, um danach zu
fragen.
Ja, komm und besuch mich, da sollst du so viel Rahm kriegen, wie du
essen kannst. Hast du nicht Lust, mein Horn zu leihen?
Es leuchtete in seinen Augen auf, aber er sagte:
Das kannst du doch nicht entbehren?
Ach, pah, du kannst es ja mitbringen, wenn du kommst, um nach den
Schafen zu fragen -- und er hängte ihm das Horn um den Hals.
Danke schön. Lebewohl und auf Wiedersehn.
Gleichfalls!
Und der kleine Junge zog seiner Herde nach und blies auf dem Horn,
und sie hörten ihn noch lange, während sie über Stock und Stein
davonrannten und ihre Herde suchten, die mittlerweile verschwunden war.
An diesem Abend kamen die Kvinstöljungen ohne Herde heim, und das ist
die größte Schande, die einem Hirten widerfahren kann.
[Illustration]
Erste Liebe.
Jeden Tag, eine ganze Woche lang hatte Ole gestanden und zur Küchentür
hinausgeguckt, wenn der Student nach Hause kam, um zu sehen, ob er
nicht irgendein verdächtiges Paket in der Hand oder in der Rocktasche
hätte. Und das hatte seine Gründe. Es war kein Zweifel, daß der Student
ihm etwas zum Geburtstage schenken würde, der gerade in acht Tagen
war, sonst hätte er ihn wohl nicht so genau ausgefragt, wann er wäre
und ob er viel geschenkt kriegte; und der Student war unbeschreiblich
nett, also das war sicher; jetzt handelte es sich eigentlich nur noch
darum, was es sein würde, denn es gab eigentlich nur eins, was sich Ole
wünschte.
Ole war zehn Jahre alt und wohnte in der Welhavenstraße droben bei
seiner Mutter Madame Hansen, die sich ihren Unterhalt mit Waschen in
den Häusern und Zimmervermieten verdiente, und was das schlimmste war,
Ole war gewiß verliebt. Bis vor kurzem hatte er selber gar nichts davon
gemerkt gehabt. Das ganze Jahr, seit sie nun hier wohnten, war er
jeden Nachmittag im Hof gegenüber gewesen und hatte die gleichaltrige
Elsa Holm getroffen, die Tochter der Oberzollinspektorswitwe Holm.
Vorigen Winter hatten sie eine große Schneefestung gehabt und einen
großen Schneemann als Schildwache, und wenn Ole in die Festung kam
und rief »Heraus!« dann kam Elsa jedesmal eilends die Küchentreppe
herunter. Bisweilen hatten sie auch auf die Eisbahn nach Tullinlökken
hinunter zum Schlittschuhlaufen gedurft, Frau Holm hatte ihn sogar
gebeten, ihrer Tochter zu helfen und aufzupassen, daß sie nicht zu
lange bliebe. Aber er hatte nur ein Paar ganz alte Schlittschuhe
gehabt, die er sich geborgt hatte und die ihm nie richtig passen
wollten, so daß es kein großes Vergnügen gewesen war. Und im Frühjahr
hatten sie zuerst mit Murmeln gespielt und Elsa hatte alle seine
gewonnen, obwohl sie ganz kleine Hände hatte und nicht halb so weit
werfen konnte wie er; aber sie war nett gewesen und hatte ihm welche
geliehen, wenn er keine mehr hatte. Und später, als es wärmer wurde,
hatten sie Verstecken gespielt durch alle Treppen und Keller, -- er
erinnerte sich noch, wie Elsa in den Kohlenkeller gefallen war, und er
sie schwarz wie ein Schornsteinfeger wieder herauszog -- nur die Zähne
und die Augen leuchteten weiß, gerade wie bei einem Neger, den er
einmal gesehen hatte.