Aber dann war Elsa aufs Land gereist und bis zum September

fortgeblieben. Der Sommer war ganz unterhaltend vergangen, denn er

hatte ein paar Jungen kennen gelernt, mit denen er unten im Meer

gebadet und Krabben gefischt hatte; aber je länger es dauerte, um so

öfter fing er an, in den Hof hinüberzugucken, ob Elsa noch nicht zu

Hause gekommen wäre. Und als er eines Tages erfuhr, daß sie am Abend

zuvor gekommen sei, rannte er in den Hof hinüber, setzte sich auf die

Abfallkiste und trommelte mit den Absätzen dagegen, wie er es sonst

gemacht hatte. Aber sie kam nicht. Er stand auf und rief: »Heraus!« so

laut er konnte, viele Male. Aber auch daraufhin kam sie nicht. Da gab

er es für diesen Tag auf, versuchte es aber am nächsten Tage wieder und

so jeden Tag, aber jedesmal wurde er schüchterner und unsicherer; es

kam ihm vor, als ob ihn alle Menschen ansähen und sich wunderten, was

er dort im Hofe wollte. Schließlich gab er es auf und setzte nie mehr

seinen Fuß in den Hof; aber wenn der Student nicht zu Hause war, stand

er immer an dessen Fenster und guckte nach der Haustür gegenüber, denn

ihre eigene Stube ging nach dem Hof hinaus.

Nach einiger Zeit konnte er nicht mehr widerstehen und er beschloß,

sie auf der Straße zu treffen, wenn sie aus der Schule kam. Am ersten

Tage hatte er kein Glück; sie kam in Begleitung ihrer Mutter; er tat,

als ob er sie nicht sähe und verbarg sich in einem Torweg. Den nächsten

Tag kam sie allein. Er fühlte, wie etwas unter der Weste zu pochen

begann, und er hatte einen ganz heißen Kopf, als er die Mütze zog und

tat, als ob er vorbeigehen wollte. Sie richtete ihre blauen Augen

treuherzig auf ihn, so daß er unwillkürlich stehen blieb, die Mütze

wieder auf den Kopf setzte und auf seine Füße sah.

Sie hätten sich lange nicht gesehen!

Ja, sie käme nicht mehr in den Hof.

Sollten sie denn diesen Winter keine Festung wieder bauen?

Ja, sie wollte schon gern, aber --

Sie könnten ja im Nebenhof spielen, wenn es ihr in ihrem Hofe

unangenehm wäre.

Er hatte das unwillkürlich gesagt und fühlte, wie er feuerrot wurde,

als sie ihn treuherzig fragend ansah.

Sie dürfte nicht mehr; sie wäre jetzt zu groß, um mit Straßenjungen zu

spielen, hätte die Mutter gesagt.

Ole verstand nicht, was darin lag; er stand und suchte, was er noch

sagen könnte, aber dann fühlte er, wie etwas wie Zorn in ihm aufstieg

-- er wußte nicht warum, -- und so grüßte er mit der Mütze und wollte

gehen.

Sie blieb stehen und blickte ihm nach:

Du, Ole?

Ja?

Mutter hat gesagt, ich dürfte auf die Eisbahn, den ersten Tag, wo Eis

wird; -- willst du dann kommen und mich schieben?

Ole machte kehrt, nahm Stellung und führte die Hand nach militärischer

Art an die Mütze (er war einexerziert worden, damals, als der Kadett

bei seiner Mutter wohnte): Zu Befehl!

Dann machte er wieder kehrt und ging.

* * * * *

Seitdem gab es nur ein Ding in der Welt, was Ole sich wünschte, und das

waren ordentliche Schlittschuhe, solche mit Mechanik zum Anschrauben.

Er hatte gescharrt und gespart, so daß er schließlich drei Kronen und

fünfundzwanzig Öre besaß; aber da war vor einem Monat die Mutter krank

geworden und konnte drei Tage nicht auf Arbeit gehen, und da hatte sie

ihn gebeten, ihr das Geld für Holz und Kohlen zu borgen, und da konnte

er natürlich nicht nein sagen, so gern er auch gewollt hätte; -- denn

sie hatte es nicht leicht, die arme Mutter. Er wußte wohl, daß er es

wiederbekommen würde, sobald sie es hätte; aber da konnte es zu spät

werden; seitdem hatte er nicht mehr als sechzig Öre zusammengebracht,

und dafür konnte er ja nicht einmal ein paar alte mit Riemen bekommen.

Jetzt setzte er seine ganze Hoffnung auf den Studenten und sein

Geburtstagsgeschenk.

Er hatte gleich daran gedacht, als der Student anfing ihn zu fragen,

welcher Tag es wäre. Und er hatte dann auch öfters, wenn er mit etwas,

das er beim Kaufmann geholt hatte (denn alle solche Dinge hatte Ole zu

besorgen), zurückkam, versucht, das Gespräch auf Schlittschuhlaufen

und ähnliche Sachen zu bringen, so daß er meinte, der Student müßte

ihn verstanden haben. Denn er begriff manchmal so unglaublich leicht;

mehrmals hatte er Dinge aus Ole herausgelockt, die dieser durchaus

nicht hatte erzählen wollen; erst hinterher, wenn der Student

angefangen hatte, ihn zu necken, hatte er gemerkt, daß er es doch

gesagt hatte. Ja, es war zweifellos, er mußte es verstanden haben. Wenn

er nun nur auch wollte!

Ole stand in der Küchentür und spähte. Es war die Zeit, zu der der

Student nach Hause zu kommen pflegte. Seine Spannung war von Tag zu

Tag gewachsen, und seit ein paar Tagen hatte eine unglaubliche Kälte

eingesetzt, so daß man jeden Tag erwarten konnte, sie würden auf

Tullinlökken anfangen, die Bahn zu gießen. Er hatte es dem Studenten

sogar heute morgen rund heraus gesagt, aber der hatte nicht darauf

geantwortet, er war immer so kurz angebunden in seinen Antworten, wenn

er über einem Buche saß.

Vielleicht hatten sie mit dem Gießen schon angefangen?

Es war zu dumm, er hätte ebensogut sagen können, der Geburtstag wäre

acht Tage früher, der Student würde es wohl kaum erfahren haben.

Da hörte er ihn auf der Treppe, jetzt zog er die Schlüssel heraus,

jetzt ging die Vorsaaltür.

Ole spähte.

Ja, wahrhaftig, er hatte etwas in Papier gewickelt in der Manteltasche.

Hm, ja, es konnte übrigens recht gut auch nur eine Flasche sein; aber

es sah doch nicht richtig danach aus. Wenn er es nur herausnehmen

wollte! Nein, da ging er hinein -- zum Teufel --, der Student nahm

immer den Mantel mit hinein, wenn es kalt war.

Er konnte ja immerhin hineingehen und fragen, ob er einen Auftrag

besorgen sollte. Aber da mußte er noch etwas warten; es würde zu

komisch aussehen, wenn er gleich angestürzt käme.

[Illustration]

Er schlich sich auf den Vorsaal hinaus, blieb stehen und horchte.

Jetzt zog der Student den Mantel aus, -- er hörte, daß ein Bindfaden

durchschnitten wurde und das Rascheln von Papier. Dann klirrte etwas.

Er klopfte.

Er hörte etwas auf die Erde fallen, und nach einer Weile tönte es

»Herein«.

Er trat rasch ein, nahm Stellung und grüßte militärisch.

Befehlen der Herr Student etwas?

Dabei richtete er die Blicke nach dem Bett. Es war deutlich, daß etwas

rasch darunter gestoßen worden war, aber er konnte nichts sehen, weil

die Decke zu weit herunterhing.

Nein danke, Ole, jetzt nicht.

Ole blieb eine Zeitlang stehen, dann beugte er sich rasch herunter,

als ob er etwas vom Boden aufnehmen wollte. Es war so dunkel unter dem

Bett -- aber wahrhaftig, blinkte da nicht etwas?

Der Student wurde aufmerksam:

Was gibt's?

Ich dachte, es wäre eine Stecknadel.

Na, also für jetzt nichts weiter.

Ole machte kehrt und verschwand.

Ja, diesmal, meinte er, hätte er den Studenten doch gefangen; es wäre

doch seltsam, wenn es nicht die Schlittschuhe gewesen wären, die er so

rasch verborgen hatte.

Nein, daß er seinen Geburtstag nicht acht Tage früher verlegt hatte.

Es wäre doch übrigens immer noch möglich, daß er oder die Mutter sich

geirrt hätten, vielleicht war er doch eher. Er mußte einmal in der

Bibel nachsehen; da stand es aufgeschrieben.

Er ging und holte das Buch vom Regal. Da stand es: Ole Christian

Hansen, geboren am 2. Dezember 1886. Ja, das war leicht möglich, daß

sie Dezember statt November geschrieben hatten; darum war es nicht

sicherer, weil es dastand.

Es kam eine solche Unruhe über ihn, daß er nirgends still sitzen

konnte. Bald war er auf dem Vorsaal und griff nach der Mütze, bald

war er in der Küche, bald in der Kammer drinnen und versuchte seine

Aufgaben für morgen zu lernen, schließlich kniete er auf einem Stuhl am

Fenster nieder und hauchte ein Loch in das Eis.

Ja, wahrhaftig, es war ordentlich kalt draußen. Doch was war das? Da

sprangen zwei Jungen über den Hof mit Schlittschuhen um den Hals.

Hatten sie etwa schon mit Gießen begonnen? Das mußte er sehen.

Er stürzte in den Vorsaal hinaus, riß die Mütze vom Haken und eilte in

langen Sprüngen bis herab nach Tullinlökken.

Ja, sie hatten angefangen. Da standen mehrere Männer mit langen

Wasserschläuchen und spritzten, daß das Wasser schäumte. Sie spritzten

schon zum zweiten Male darüber; es fror augenblicklich. Und eine Masse

Jungen standen herum und sahen zu, alle die Schlittschuhe um den Nacken

gehängt oder in der Hand, auch ein paar rotbäckige kleine Mädchen.

Ein paar von den eifrigsten saßen schon auf den Bänken und schnallten

an, es war am besten, sich bereit zu halten; in ein paar Stunden oder

so, würden sie draufgelassen, hatte einer von den Männern gesagt.

Es war ungefähr zwei Uhr, und die Kinder aus mehreren Schulen kamen

vorbei:

Ole sah, wie sie einen Augenblick still standen und dann fast

davonrannten; es galt heimzukommen, schnell Mittag zu essen und die

Schlittschuhe vorzusuchen.

Ja, die hatten Schlittschuhe!

Da sah er auch Elsa auf der andern Seite der Straße; -- nie hatte er

sie so schnell gehen sehen, sie vergaß rein, sich umzusehen und mit der

Schulmappe zu schlenkern, wie sie gewöhnlich tat.

Nein, das ging nicht an, -- er mußte das letzte Mittel probieren.

Kurze Zeit darauf stand er wieder mit militärischem Gruß im Zimmer des

Studenten:

Befehlen der Herr Student etwas?

Nein, danke, Ole!

Der Student sah nicht auf. Nach einer Weile merkte er, daß Ole gegen

seine sonstige Gewohnheit stehen geblieben war, nachdem er Bescheid

erhalten hatte.

Nun, willst du noch etwas?

Da tat Ole einen Schritt vor, suchte seiner Stimme einen forschen Klang

zu geben, aber es kam doch recht schüchtern heraus:

Jetzt gießen sie.

Der Student sah verwundert auf.

Was tun sie?

Sie gießen.

Wo?

Auf Tullinlökken.

Der Student drehte sich auf dem Stuhl um, sah Ole schelmisch an und

sagte:

Ja, was geht mich das eigentlich an, Ole?

Nein, ich ging nur vorbei und da sah ich -- da dachte ich -- laufen der

Herr Student nicht Schlittschuh?

Doch, manchmal.

Kannst du den Studentenschwung?

Nein, und du?

Nein.

Es entstand eine lange Pause. Der Student blickte ihn die ganze

Zeit mit freundlichem Spott an, so daß Ole schließlich die Augen

niederschlagen mußte. Wie sollte er nun eigentlich sein Anliegen

vorbringen?

Da sagte der Student:

Du wolltest gewiß noch etwas, Ole?

Nein -- ja -- ich mußte daran denken, daß du mich einmal fragtest, wann

mein Geburtstag wäre, und -- ich sagte, er wäre heute in acht Tagen.

Ja?

Ja, und seitdem ist mir eingefallen, daß -- daß ich -- vielleicht --

nicht ganz sicher bin, daß ich es nicht ganz gewiß weiß.

Weißt du es nicht ganz gewiß?

Ole wurde rot:

Ja, ich weiß es schon, -- aber sie könnten es in der Bibel vielleicht

falsch aufgeschrieben haben.

Der Student bekam einen merkwürdig schlauen Ausdruck um die Augen:

Ja, es könnte ja leicht sein, daß er später wäre, so um Weihnachten

herum?

Nein, das ganz und gar nicht. Ist es ein Fehler, so ist er früher --

das fühle ich.

Ja, wann hattest du denn gedacht, daß er sein könnte?

Ich, ich habe immer gemeint, er müßte etwa heute sein.

Nein, so was. Das wäre wirklich dumm, wenn er heute wäre.

Warum denn?

Ja, denn ich hatte gedacht, dir -- hier machte der Student eine Pause

-- einen Schlitten zum Geburtstag zu schenken. Aber nun ist es heute zu

spät dafür.

Oles Herz hüpfte vor Freude anfangs, aber als er das Wort Schlitten

hörte, war es vorbei mit der Freude. Es wäre ja auch ganz hübsch, einen

Schlitten zu besitzen, aber das war es nicht, was er sich wünschte. Es

waren also doch keine Schlittschuhe gewesen, was der Student heute mit

nach Hause gebracht hatte.

Er stand ein Weilchen ruhig und sagte dann leise:

Ja, weiter war es nichts. Und sicher ist es wohl auch nicht, daß der

Geburtstag heute ist.

Er drehte sich langsam um und wollte zur Tür hinaus.

Du, Ole!

Ja.

Das ist wirklich dumm. Ich sitze hier und denke daran -- wenn du damit

zufrieden bist, so -- habe ich -- er ging und tastete unters Bett -- so

habe ich hier etwas, was du vielleicht brauchen könntest -- er hielt

ihm ein paar blinkende Schlittschuhe hin, aber daraus machst du dir

wohl nichts?

Das kam Ole so überraschend, daß sein Lächeln noch breiter ausfiel

als gewöhnlich; es war nicht mehr weit von den Mundwinkeln bis zu den

Ohren. Er faßte die Hand des Studenten und sagte so recht von Herzen:

Danke! Das ist das, was ich von allem am liebsten haben will.

Sie begannen nun anzuprobieren, ob die Schlittschuhe paßten, und ob die

Schrauben richtig säßen, -- solche Schlittschuhe, glaubte Ole, hätte

kaum einer von den andern.

Nach einer Weile sagte der Student:

Du, Ole, warum wolltest du eigentlich gerade heute Geburtstag haben?

Ole blickte auf und wurde rot:

Es war mir nur darum zu tun, gleich auf die Bahn zu kommen.

Sollst du jemand dort treffen?

Nein, ich habe gar nicht versprochen, jemand zu schieben.

Nun, sie läuft wohl besser als du?

Nein, das tut sie nicht.

Wer, sie?

Ole machte sich eifrig an den Schlittschuhen zu schaffen und antwortete

nicht. Der Student stand am Fenster und sah hinaus.

Da geht schon die Elsa mit den blonden Haaren. Da ist die Bahn wohl

fertig.

Ole hatte sich mit den Schlittschuhen unterm Arm der Tür genähert.

Wahrhaftig, hatte der Student auch das aus ihm herausgelockt!

* * * * *

Die Sonne sandte ihre letzten Strahlen durch den Frostnebel über den

Platz, nur einen kleinen Streifen, so daß das blanke Eis einen roten

Schimmer bekam.

Es war ein Lärm und Geschrei und Spektakel von all den hundert

frischen kräftigen Kindern, die sich herumtummelten. Da waren große

Jungen, die liefen mit den Händen auf dem Rücken und flottem Schwung

-- sie hatten alle engzugeknöpfte Jacken an --; da waren andre, die

liefen rückwärts und zogen Achten und Schleifen, bis sie plötzlich

mit einem andern Schlittschuh zusammengerieten und plötzlich auf dem

Eise saßen; da waren kleine Mädchen, die setzten die Beine gerade

vorwärts wie Schlittenkufen und wollten die Füße am liebsten einwärts

stellen; von jedem Alter waren sie da, bis herab zu den ganz kleinen,

die fielen und aufstanden bis ins Unendliche, und jedesmal einen

Freudenschrei ausstießen, als hätten sie ein Meisterstück vollführt.

Da gab es Finnenschuhe und Schnürschuhe, und Schuhe, die vorn den

Rachen aufsperrten. Da gab es rote Handschuhe und blaue Handschuhe

und bloße blaue Finger; da gab es rote Mützen und blaue Mützen und

Pelzmützen; da gab es Ohren, die wie Rosen glühten, Halstücher, die

oft herumgewickelt waren, und nackte Hälse; hier und da sah man

auch ein nacktes Knie hervorgucken, wo die Strümpfe und die Hosen nicht

zusammenhalten wollten. Aber eins hatten sie alle: rote Wangen und

blaue Augen und Kehlen, die vor Freude jubelten.

Nahe beim Platz holte Ole Elsa ein; -- er hatte sie unterwegs beinahe

vergessen. Es zuckte ihm in den Gliedern, als er den Lärm hörte und

das Getümmel sah; -- nein, wahrhaftig, dazu hatte er jetzt eigentlich

keine Zeit; aber er mußte ihr wohl beim Anschnallen helfen. Er vergaß

zu grüßen, rief nur, sie sollte sich beeilen und verhalf ihr zu

einem Platz auf einer Bank. Er hatte solche Eile, daß er die Riemen

verwirrte, so daß es länger dauerte, als er wollte. Endlich hatte

er ihr die Schlittschuhe angeschnallt, und er sah, wie sie sich

unbehilflich ein Stück fortbewegte, während er hastig die seinigen

anschraubte. Ja, es sah aus, als brauchte sie einen, der sie schöbe,

-- da blieb sie stehen, als warte sie auf ihn. Er lief ein paar Bogen

über die Bahn und rund um sie herum auf einem Bein -- ein klein wenig

spielte er sich vor ihr auf.

Soll ich dich schieben?

Ja, wenn du willst.

Er faßte sie und begann sie quer über den Platz zu schieben; es ging

schwer und langsam; -- da stieß einer an sie an, so daß sie beide

hinfielen, sie standen auf und es ging von neuem los. So kamen sie

einmal um den Platz.

Hei, Ole, komm und spiel mit Indianer, -- es war »Krischan«, mit dem er

im Sommer zusammen Krabben gefischt hatte, der vorbeisauste, verfolgt

von einem andern.

Ole blieb stehen und kratzte sich unter der Mütze; er hatte schon Lust,

aber --

Soll ich dich noch weiter schieben?

Ja, bitte!

Und Ole schob, und er zog und versuchte vorsichtig, sie an der Hand zu

nehmen, so daß sie nebeneinander liefen; aber da fiel sie hin, und so

mußte er wieder anfangen wie vorher.

Hm -- im Grunde war das nicht ganz so unterhaltend, wie er sich gedacht

hatte; aber wenn Elsa ihre glänzenden Augen auf ihn richtete und

lachte, so fühlte er sich wieder erleichtert und schob sie rund herum,

viele Male und tat, als ob er Christian und die andern, die nach ihm

riefen, nicht hörte. Schließlich begannen sie, ihn ziemlich nah zu

umkreisen und zu rufen:

Seht den Kavalier!

Er biß die Zähne zusammen und fuhr davon, aber in seinem Innern gelobte

er sich, daß Christian bei der ersten Gelegenheit Prügel dafür haben

sollte.

Plötzlich sagte Elsa:

Jetzt muß ich nach Hause; Mutter erlaubt nicht, daß ich länger draußen

bin.

Können wir nicht noch ein bißchen bleiben, nur noch einmal herum?

Ja, aber nur einmal.

Das taten sie, und Elsa setzte sich auf die Bank und hielt den Fuß hin.

Er schnallte ihr die Schlittschuhe ab, behielt aber seine eigenen an.

Er wollte sehen, ob sie daran dächte, allein zu gehen. Nein, sie blieb

stehen. Er setzte sich also, machte seine auch los, und sie trotteten

die Straße hinauf, viel langsamer, als sie gekommen waren. Sie sprachen

nichts miteinander, bis sie an die Haustür kamen. Da sagte Ole:

Gehst du morgen wieder?

Ja, wenn ich darf; es ist so hübsch, sich schieben zu lassen.

Ole blieb in dem Flur stehen, bis er sie oben auf der Treppe hörte;

dann schlüpfte er heraus und rannte wieder herunter -- immer dicht an

den Häusern.

* * * * *

Ole kam spät heim, und er empfand ein wundervolles Gefühl im ganzen

Körper, als er im Bett lag. Aber Christian hatte er nicht getroffen.

Im Einschlafen hatte er -- o diese Männer! -- seinen ersten treulosen

Gedanken:

Wenn Elsa morgen nicht durfte, -- vielleicht würde es beinahe ebenso

hübsch. Da könnte er auch den Christian verhauen.

[Illustration]

Wie Hans und Marte die Henne hüteten.

Auf dem Hof draußen stand eine alte Henne auf einem Bein, drehte den

Kopf und blinzelte mit den runden klaren Augen.

Dicht daneben lag der fünfjährige Hans. Hinten aus der Hosenklappe

guckte ihm der Hemdzipfel, er schlenkerte mit den Beinen und sah die

Henne an, als ob er mitten durch sie hindurchsehen wollte; er wagte

kaum zu zwinkern. Heute würde er sie die ganze Zeit ansehen und den

Blick nicht von ihr wenden.

In der Stube drinnen saß Marte, seine siebenjährige Schwester, und

lugte vorsichtig zum Fenster hinaus; sie behielt beide im Auge.

Sie sollten beide heute auf die Henne aufpassen.

Die Henne war alt und war so lange allein gewesen, daß sie sich

allerhand Streiche angewöhnt hatte. Sie wechselte jedesmal das Nest,

wenn sie ihr die Eier genommen hatten, und versteckte sie an den

unglaublichsten Stellen, wo es niemand einfiel, zu suchen; -- einmal

hatte sie die Eier in ein paar hohe Grasbüschel gleich neben die

Türschwelle gelegt, und da lag sie und brütete acht Tage, ehe sie sie

fanden. Und sie war so ausspekuliert klug geworden, daß es beinahe

unmöglich war, sie zu hüten. Einmal, als die Mutter selber auf sie

aufgepaßt hatte, so daß sie nicht entwischen konnte, hockte sie nieder

und legte das Ei mitten auf die nackte Erde.

Da hatte die Mutter für je acht Eier, die sie fänden, ein Ei als Prämie

ausgesetzt. Nun hatte sie vor zirka vierzehn Tagen wieder ihren Platz

gewechselt, so daß es jetzt sechs bis sieben Eier sein mußten und heute

sollte sie wieder legen -- die Mutter hatte nachgefühlt.

Es war ein brennend heißer Sommertag, die Insekten summten durch die

Luft, die Schwalben flogen zwitschernd hin und her nach ihren Nestern

am Stallgiebel, und im hohen Gras an der Wand entlang schlich die Katze

dahin, hob vorsichtig ihre Pfoten und schielte nach oben, wie sie wohl

die Nester erreichen könnte.

Hans lag in der warmen Sonne und sah nach der Henne. Sie stand auf

einem Bein, blinzelte gegen die Sonne und sah ihn lange an. Dann tat

sie plötzlich gleichgültig, machte ein paar Schritte, scharrte in der

Erde und tat, als fände sie etwas zum Aufpicken.

O, nein, auf diese Art sollte sie ihn nicht hintergehen; er kannte ihre

Faxen.

Nach einer Weile blieb sie stehen, sah wieder auf und schielte zur

Seite:

Nein, er lag immer noch da und verfolgte sie mit den Augen; -- sie

blieb wieder auf einem Bein stehen und blinzelte; das konnte langweilig

werden, wenn es lange dauerte.

Hans fand auch, daß es sich lange hinzog; jetzt hatte er gewiß eine

Stunde hier gelegen.

Nein, sie war so abgefeimt, daß sie sah, wohin er seine Augen richtete.

Er mußte tun, als ob er wo anders hinsähe. Er schielte nach dem

Fenster.

Oh, er sah wohl, wie Marte den Kopf schnell wegzog; ja, sie konnte gern

dort stehen, er war am nächsten, er würde sie diesmal zuerst finden.

Er sah wieder nach der Henne. Sie war ein paar Schritte gegangen,

während er wegblickte und stand jetzt wieder still. Nein, er mußte so

tun, als ob er nach der Stallecke sähe, dann vielleicht --

Er tat es. Im selben Augenblick strichen zwei Schwalben neben ihm mit

lautem Geschrei dicht an der Erde hin -- sie hatten die Katze erblickt.

Diese schlug mit der Pfote nach ihnen; -- wahrhaftig, bei einem Haar

hätte sie eine erwischt! Es kamen mehr; alle begannen sie am Boden hin

zu fliegen, sie zu foppen und auszuschelten.

Ach, wie dumm sie war, daß sie sie nicht erwischte, -- sie duckte sich

nur, legte die Ohren zurück und verkroch sich tiefer ins Gras. Es half

nicht; da kniff sie aus, verschwand um die Ecke und in den Stall. Sieh,

da zerstreuten sich die Schwalben und flogen wieder von und nach ihren

Nestern.

Zu dumm, daß der Eckbalken am Stall so glatt war, daß er nicht daran

in die Höhe klettern konnte; -- sonst hätte er das niedrigste Nest

erreichen können. Das wäre fein gewesen, ein paar von den Jungen zu

haben; sie waren schon so groß, daß sie die schwarz und weißen Köpfe

zum Nest hinaussteckten. Wenn er ein paar kriegte, so würde er ihnen

ein Bauer zurechtmachen, und für Nahrung würde er auch sorgen, -- es

gab so kolossal viel Fliegen am Fenster.

Da würde Marte neidisch werden; -- sie sollte sie nicht einmal zu sehen

kriegen; oder doch vielleicht, wenn sie ihm für jedesmal eins von ihren

Eiern gäbe; -- sie hatte wohl schon vier, und er erst drei -- --

Eier --?

Wo war die Henne? -- Fort.

Zum Teufel, hatte sie ihn auch diesmal genarrt?

[Illustration]

Er stand auf, stampfte mit dem Fuß auf und war dem Weinen nahe.

So eine gemeine Henne, so ein infames Vieh. Kaum ließ er sie aus den

Augen, so war sie auch schon entwischt.

Ja, dann also das nächste Mal; er guckte nach dem Fenster, -- -- denn

Marte hatte sie doch wohl auch nicht gesehen? Sie war übrigens vom

Fenster verschwunden. Da kam sie heraus.

Sie sah so verschlagen aus. Ob sie vielleicht doch --?

Hast du die Henne gesehen, Hans?

Nein, -- du?

Nein.

Es stak bestimmt etwas dahinter. Marte tat so gleichgültig. Er wollte

schon auf sie aufpassen.

Ich glaube fast, sie ist in den Stall gegangen, sagte er, -- ich will

dort nachsehen -- er wußte wohl, daß sie dort nicht war, denn da hatten

sie jeden Winkel abgesucht.

Laß mich zuerst, sagte Marte, und tat, als ob sie hinlaufen wollte.

Nein, ich will zuerst -- und Hans sprang davon.

Ja, es war deutlich, sie wollte ihn forthaben, denn sie tat gar nichts,

um zuerst zu kommen. Er wollte sie schon überlisten!

Er schlüpfte in den Stall und guckte durch eine Ritze. Sie stand erst

ruhig und blickte sich vorsichtig um, dann schlich sie auf den Zehen an

der Stallwand entlang. Er kam heraus, schlich bis zur Ecke und streckte

den Kopf vor.

Ah, eben war sie im Begriff, die großen Brennnesseln zur Seite

zu biegen.

~Dort~ hatte sie also die Henne hineinschlüpfen sehen.

Er stürzte vor, gerade auf ihren Rücken los:

Ich weiß es, ich fand sie zuerst.

Sie fielen beide in die Brennnesseln. Die Henne flatterte

schreiend davon.

Sie standen auf; -- es brannte schrecklich an Gesicht und Händen.

Eine Weile standen sie da und starrten sich an, Hans die Mundwinkel

verzogen, bereit zu weinen, Marte beide Hände voller Rührei in die Höhe

haltend.

Plötzlich klatschte ihm die eine Hand hinter die Ohren, daß das Rührei

spritzte, und er zu Boden kollerte.

Dann fingen sie beide an zu heulen.

Die alte Henne schalt fürchterlich drüben auf dem Hofplatz.

[Illustration]

Im Verlage von Georg Merseburger, Leipzig, erschienen von

=Alexander L. Kielland=

übersetzt von

+Dr+. ~Fr. Leskien~ und ~Marie Leskien-Lie~

herausgegeben und durchgesehen vom Verfasser

mit Buchzeichnungen von

=A. Andresen=, =R. Carl=, =M. Loose=, =H. Schittenhelm=,

=A. Sommer=

+a+) =Gesammelte Werke=

====Inhalt:=====

Bd. I: =Garman & Worse=

+a+) Schiffer Worse, +b+) Garman & Worse. Zwei Romane.

Brosch. 5 M., geb. 6 M.

Bd. II: =Novellen, Novelletten, Schnee, Else.=

Brosch. 5 M., geb. 6 M.

Jungen · 第 7 / 8 段