Endlich war es Abend geworden, die Sonne war untergegangen, die Pferde

waren auf die Wiese gelassen, alle hatten gegessen und standen

draußen im Hofe, bereit nach Hause zu gehen, die Männer mit den Pfeifen

im Munde und die Frauen schon ein gutes Stück auf dem Heimwege -- sie

mußten nach Hause und die Kühe für den Abend melken.

Der Wagen mit der letzten Kartoffelladung stand am Kellerloch und

Trampelpeter stand und lehnte sich daran.

Er blickte sich heimlich um, tat aber, als wäre er ganz in Gedanken,

wie er den einen Kartoffelsack am Sackband nahm und ihn auf die Erde

herunterhob. Kurz darauf hob er ihn auf dieselbe Weise wieder in den

Wagen und sah sich heimlich um. Ja, sie hatten es beobachtet und Ola

Nordlien sagte auch gleich:

Ja, du hast doch Kräfte, Per. Was meinst du, Christan?

Ach, ~das~ war doch nicht so gefährlich.

Da wurde Trampelpeter böse.

Nein, hört mal den Burschen da. Er nahm wieder den Sack und hob ihn

herunter. Du mußt viel Brei essen, ehe du so weit bist, daß du ihn

wieder auf den Wagen kriegen kannst.

Vielleicht könnte ich es gleich tun, meinte Christian.

Ja, wenn du das kannst, so will ich der schlechteste Bursche im ganzen

Kirchspiel sein.

Da bist du mein Zeuge, Ola Nordlien, borg mir bitte einen Sack. Und ehe

Trampelpeter ein Wort gesagt hatte, hatte Christian den leeren Sack auf

den Wagen gesetzt und begann die Kartoffeln aus dem einen in den andern

zu füllen. In unglaublich kurzer Zeit war er fertig und warf den leeren

Sack hinterher auf den Wagen.

Jetzt sind die Kartoffeln und der Sack dort und jetzt bist du der

schlechteste Bursche im ganzen Kirchspiel, Trampelpeter.

Trampelpeter spuckte weit aus und lief ins Haus.

Ola Nordlien lachte, bis ihm die Tränen kamen.

Ja, wenn jemand doppelten Tagelohn verdient hat, so bist du es,

Christian. Sollen wir gleich abrechnen oder kann ich dich morgen wieder

bekommen?

Du verstehst, ich muß dir helfen, bis du mit den Kartoffeln fertig

bist.

Als Christian allein seinen Nachhauseweg über die Abhänge

hinaufschlenderte, fühlte er sich merkwürdig schwach in den Knieen.

Es war am besten, daß er sich ein wenig hinsetzte. Er hatte nur ein

paar Minuten bis nach Hause, aber er konnte sich trotzdem ein wenig

ausruhen, und so setzte er sich an den Wegrand.

Auf einmal fing der Kopf an zu nicken, erst nach der einen, dann nach

der anderen Seite; ehe er sich's versah, hatte er sich hintenüber

gelehnt und war süß eingeschlafen.

Die Mutter hatte im Fenster gestanden und zugesehen. Gleich darauf war

sie bei ihm:

Du mußt jetzt aufwachen und nach Hause kommen, Christian. Du hast dich

wohl heute ordentlich angestrengt.

Bist du es Mutter? Wo bin ich? Er rieb sich die Augen.

Du bist hier draußen eingeschlafen, Christian.

Bin ich eingeschlafen? Du, Mutter -- es ist vielleicht am besten, du

erzählst das nicht so, daß der Lümmel, der Trampelpeter, es hört.

-- Übrigens eine Schande ist es nicht, denn ich habe auch doppelten

Tagelohn verdient.

[Illustration]

Alexander und Buzephalos.

Blaß und blau, dünn und mager stand der kleine Stadtjunge am Gatter und

guckte nach den Schafen, die in der Nähe weideten, bereit, über den

Zaun zu setzen, wenn sich eine Gefahr zeigte. Er überlegte, ob es nicht

mit dem Widder möglich sein sollte, seinen großen Plan von Alexander

und Buzephalos ins Werk zu setzen.

Da kam ein kleiner untersetzter, breitgebauter Bursche daher, braun und

schwarz auf einmal, die Hände wie ein Erwachsener bis an die Ellbogen

in den Hosentaschen, mit langen Hosen, die einen ledernen Hosenboden

hatten, und mit wiegenden Schritten nach Art der Erwachsenen.

Der Stadtjunge fühlte unwillkürlich nach, ob er noch seinen Skalp

hätte, und setzte die Mütze so, daß er nicht zu sehen war.

Vielleicht war es ein Indianer? Man mußte auf dem Lande auf alles

gefaßt sein. Nein, die gingen nicht so gerade drauf los, wenn sie auf

dem Kriegspfad waren -- dieser lief gerade auf ihn zu.

Der Bauernjunge blieb stehen, spuckte wie ein Großer aus dem einen

Mundwinkel und hütete sich, den Hosenboden zu zeigen. Es war zu dumm

mit dem Hosenboden; keiner der andern Jungen hatte einen solchen, und

es hatte auch einen Tanz gegeben, bis die Großmutter das Leder hatte

darauf setzen dürfen. Aber es war noch schlimmer, daß gestern beim

Gewitter der Blitz hineingefahren war. Der Knecht auf Opsal hatte

es deutlich gesehen, wie er hineinfuhr -- ja, er wußte selbst, daß

das Leder den Blitz anzog --, und die Hosen waren seitdem so schwer

gewesen. Und jetzt bliebe der Blitz darin, bis sie entzwei gingen,

hatte der Knecht gesagt; aber dann verschwände er auch mit solcher

Eile, daß der ganze Kerl umfiele.

Bist du der Stadtjunge, der den Sommer auf Opsal liegen soll, um fett

zu werden?

Ja.

Ja, du siehst auch aus, als ob du es nötig hättest.

Nein, das war kein Indianer, das war eher ein verkleideter Räuber.

Der Bauernjunge betrachtete ihn von oben bis unten. Er schien ihm

nicht gerade ein forscher Kerl zu sein; es konnte nicht schwer sein,

ihn durchzuprügeln. Aber wie furchtbar fein er war! Nirgends ein

Lederfleck.

Hast du deine guten Hosen auch Werktags an?

Hm, er war gewiß ein verkleideter Räuber, wie sie in Italien zu Hause

sind. Fiel die Lederhose von ihm ab, so stand er sicher in voller

Rüstung da mit goldenem Gürtel und Pistolen. Es war am besten, sich

nicht ängstlich zu zeigen; mutige Jungen gefielen den Räubern.

Ich könnte noch einmal so feine Hosen haben, wenn ich nur wollte. Und

mit verächtlicher Kopfbewegung wandte er sich gleichgültig um und sah

wieder nach den Schafen.

Der Bauernjunge wandte sich auch nach dem Zaun um, stützte sich mit dem

Ellbogen dagegen und legte die Backe in die flache Hand.

Was du auch für feine Hosen hast -- einen so riesengroßen Widder hast

du doch noch nie gesehen, nicht wahr?

Aber ich habe den Elefanten gesehen; der ist dreimal, ja hundertmal so

groß.

Aber nicht so stark. Ich kann ihn gerade festhalten, wenn ich ihn an

den Hörnern packe, und dann ist er wütend.

Aber der Elefant ist so stark, daß hundert Mann, ja noch mehr dazu

gehören, um ihn festzuhalten. Er könnte dich weit, weit wegschleudern,

-- ungefähr eine Meile weit.

Hm! Glaubst du vielleicht, ich wäre nicht stark?

Nicht so stark.

Da spuckte der Bauernjunge in die Hände, ging einen Schritt vorwärts,

und stellte sich in Bereitschaft.

Soll ich dem lieben Gott deine Schuhsohlen zeigen?

Das klang drohend. Dem Stadtjungen fielen auf einmal alle Gefahren ein,

denen seine Helden, Robinson, Karl von Rise und Gustav Vasa ausgesetzt

gewesen waren. Als er auf das Land reiste, hatte er sich genau

ausgedacht, wie er sich gegen Indianer und Räuber schützen wollte; aber

er konnte sich auf keinen einzigen Kniff besinnen. Es pflegte auch

immer Hilfe zu kommen von irgendeinem, der im Hinterhalt lag! Er spähte

schnell umher, ob nicht wenigstens Netta, das Kindermädchen, das mit

war, um auf ihn aufzupassen, im Hinterhalt lag; aber er sah nur den

Widder, der aufmerksam geworden war und den Kopf mit den großen krummen

Hörnern emporgerichtet dastand und sie anstarrte.

Der Bauernjunge streckte den Arm aus, um ihn vor der Brust zu packen.

Da fiel ihm plötzlich etwas ein, was er in der Schule gehört hatte. Er

heftete die großen, erschreckten Augen auf seinen Gegner und sagte:

Sklave, wagst du es, Hand anzulegen an Cajus Marius?

Der Bauernjunge ließ den Arm sinken. Dieser seltsame Ausspruch kam

ihm gänzlich unerwartet. Es ging wohl auch nicht recht an, ihn

durchzuprügeln. Er trat ein paar Schritt zurück, und im selben Nu bekam

er einen Stoß auf den Hosenboden.

Es war der Widder, der sich in den Streit mischte.

Da bekam der Stadtjunge Mut; es war ja gerade wie in den Geschichten:

die Hilfe kam unerwartet. Jetzt würde er schon gewinnen -- wenn auch

nicht gerade den Skalp nehmen, so doch jedenfalls ihm einen Denkzettel

geben. Der Widder ging ein paar Schritt zurück und die Reihe kam jetzt

an ihn. Da bekam er einen Stoß mitten vor den Bauch, so daß er neben

seinem gefallenen Gegner lag.

Mit einem Satz waren sie beide über den Zaun, sie wußten nicht wie.

Das erste, was der Bauernjunge untersuchte, war, ob seine Lederhose ein

Loch bekommen hatte.

Dann drohte er mit geballter Faust durch den Zaun.

Das sollst du nicht umsonst getan haben, du Schweinehund.

Der Stadtjunge zog ein etwas langes Gesicht, doch dies gab ihm wieder

Mut. Es war, als ob sie sich auf einmal ganz gut kennten und gute

Kameraden geworden wären.

Hat er dir weh getan?

Ach nein, es muß anders kommen, ehe es weh tut. Er drohte wieder: Ich

werde dich schon zähmen!

Als der Stadtjunge das Wort zähmen hörte, tauchte gleich sein

Lieblingsgedanke wieder in ihm auf:

Ob sie Philipp und Alexander sein sollten und ~der da~ Buzephalos?

Davon wußte der andere nichts; er kannte keinen andern Philipp als

den Apostel Philippus und dann Philipp Storsveen, und Alexander und

Buzephalos hatte er nicht einmal nennen hören.

Darüber konnte der andere ihm Bescheid geben. Philipp war König von

Mazedonien; das war ein Land weit, weit von hier, gerade so weit auf

der andern Seite der Stadt, und es war lange her, sicher über hundert

Jahre, und Alexander war dort Kronprinz. Philipp hatte ein Pferd, das

sie Buzephalos nannten, und das konnten sie nicht zähmen, so sehr sie

sich anstrengten.

Da muß es ein Pferd aus Valders gewesen sein; denn das sind die

schlimmsten.

Nein, es war ein Araber.

Nun, das wäre so ziemlich derselbe Schlag, soviel er wenigstens wüßte.

Das war es wohl auch, und es war so toll und wild, daß es über alle

Gartentore und Zäune in der Stadt sprang und Kirschen fraß. Dann

berief Philipp sein ganzes Volk, den Diener und den Kutscher und die

Generäle und die Minister und die Feuerwehr und die Schutzleute, und

sagte, sie sollten so viel Elfenbein bekommen, wie sie zu tragen

vermöchten, wenn sie den Buzephalos zähmten.

War er nicht selber Manns genug, sein Pferd zu zähmen?

Doch; aber für ihn, den König, ging es nicht an. Dann begannen sie; die

Generäle zuerst; sie dachten nun einmal, sie wären die besten; aber

viele von ihnen kamen gerade hinauf, da warf sie Buzephalos auch schon

ab, daß es nur so rauchte. Selbst der Kutscher, der die beiden andern

Pferde auf einmal lenken konnte, kam nicht weiter als bis ans Tor.

Dann kam Alexander an die Reihe. Er nahm Anlauf und saß mit einem Satz

im Sattel, -- nein, das ist wahr, einen Sattel hatte er nicht. Und dann

ging es fort -- aber Alexander blieb sitzen -- über die Gartentore und

über die Hausdächer, und schließlich waren sie verschwunden.

Blieben sie weg?

Sie warteten sicher über eine Stunde. Da kamen sie denselben Weg

zurück, und da war Buzephalos so zahm, daß er sich hinlegte wie ein

andres Kamel.

Hm! Ganz so toll trieb es der Braune auf Opsal nicht, als sie ihn im

Frühjahr zähmten. Aber sie mußten den Stangenzaum anwenden. Das hat

Alexander wohl auch getan.

Ja, davon wußte der andere nichts.

Doch, das hatte er ganz bestimmt getan. Und dann war es nicht so

gefährlich. Vor dem Stangenzaum mußten sie klein beigeben, wie

ausgelassen sie auch waren, -- wenn sie ihn nicht auf die Zähne zu

nehmen verstanden. Aber den Kniff kannte wohl Buzephalos nicht, denn

den kannten nur die ausgefahrenen Hemärkingsmähren.

Es dauerte nicht lange, bis sie einig waren, diesen Plan auszuführen.

Sie nahmen gleich die Titel an. Der Stadtjunge sollte selber Philipp

von Mazedonien sein und der Bauernjunge Alexander, und jetzt hieß es

immer nur König und Prinz. Netta mußten sie als General verwenden,

und Alexander glaubte schon, daß er seine Großmutter bewegen würde,

die Feuerwehr zu bilden. Die Zaunpfähle sollten die Schutzleute sein.

Mazedonien sollte sich gerade vom Zaun bis an den Kuhstall erstrecken,

und die Scheunenbrücke sollte das Schloß sein; da sollte der Thron

errichtet werden. Alexander mußte genau lernen, wie er sich als

Prinz zu benehmen, das Zepter zu berühren, und sich vor dem Thron zu

verneigen habe. Dann verfaßte der Stadtjunge den Aufruf an das Volk

von Mazedonien, und am nächsten Tag sollte Buzephalos gezähmt werden.

Darauf trennten sie sich mit königlichem Gruß und hochtrabenden Titeln.

Alexander hatte bis spät am Abend damit zu tun, seiner Großmutter dies

alles zu erzählen, und schließlich bekam er auch ein halbes Versprechen

von ihr, daß sie als Feuerwehrmann mitmachen wollte, wenn gutes Wetter

wäre. Aber wieviel er auch davon sprach, wie sie angezogen sein und wie

sie aussehen sollten, so konnte er seine Großmutter doch nicht dazu

bringen, sich über die Hose auszusprechen. Er hielt es indessen für

so selbstverständlich, daß er die neuen Hosen anhaben müßte, wenn er

Alexander sein sollte, daß er in dem sicheren Glauben einschlief, sie

wäre derselben Meinung. Aber am Morgen, als er angezogen werden sollte,

kam die Großmutter doch mit der Lederhose.

Ob sie nicht mehr wüßte, daß er Alexander sein sollte?

Doch, aber Großmutter meinte, daß diese gut genug wäre. Die

Sonntagshosen müßten geschont werden.

Das ging aber nicht an, Alexander hätte keine Lederhosen.

Wenn er so schlimm war, seine Kleider zu zerreißen, so hat er schon

auch welche gehabt, als er klein war.

Ja, aber Philipp von Mazedonien war auch klein; er hatte keine.

Es wäre etwas anderes mit den Stadtleuten, sie wären ständig im vollen

Staat.

Sie müßte doch verstehen, daß das nicht anginge. Der Blitz wäre auch

hereingefahren. Sie könnte den Knecht auf Opsal fragen.

Er sollte das nicht glauben; sie hätten ihn nur zum Besten.

Ja, sie sollte sehen, wenn sie ein Loch bekäme, so --

-- Ja, dann wäre es am besten, wenn es die alten Hosen wären; -- und er

mußte sie trotz allem anziehen.

Es war unglaublich, wie lange Großmutter brauchte, bis sie fertig

war! Er hatte Zeit, es sich viele Male hin und her zu überlegen, wie

er Buzephalos am besten lenken sollte, und er hatte sich schon längst

einen Knoten ausgedacht, mit dem er das Tau so fest machen wollte, daß

das Horn eher abgehen würde, als daß der Knoten aufginge.

Endlich war Großmutter fertig, und sie zogen zusammen den Berg

hinunter.

Im Hof trat ihnen Philipp von Mazedonien und sein General entgegen,

die dort auf sie warteten. Philipp hatte eine rote Papierkrone auf dem

Kopf, ein Schwert an der Seite und einen abgebrochenen Harkenstiel in

der Hand. Das war Mazedoniens Zepter. Er streckte dem edlen Prinzen

als Zeichen seiner königlichen Gnade das Zepter entgegen, daß er es

berühren sollte; doch Alexander war von dem Staat so geblendet, daß er

es vergaß. Oben auf der Scheunenbrücke war der Thron errichtet. Es war

ein Stuhl mit einer Fußbank darauf.

Philipp begann seine Befehle zu erteilen. Großmutter bekam den Befehl,

Buzephalos zu holen und ihn an den Zaun zu binden.

Dann bestieg Philipp von Mazedonien seinen Thron. Er schwang sein

Zepter, blickte über Mazedoniens Land und Leute und hielt

folgende Rede:

Meine Generäle, Minister, Kutscher, Feuerwehrleute und Schutzleute!

Ich, König Philipp, der Größte von Mazedonien tue hierdurch kund, daß

ich meine königliche Gnade und hundert Ellen Elfenbein dem geben werde,

der mein wildes Pferd Buzephalos, das im Schloßhof festgebunden steht,

zähmen kann.

Netta und Großmutter zogen sich auf die Scheunenbrücke zurück, wie

ihnen befohlen worden war.

Darauf blickte er sich vorwurfsvoll um:

Wagt es niemand? Sind alle Mazedonier solche Feiglinge? Wenn ich nicht

König wäre, würde ich es selbst tun.

Da trat Alexander vor. Er verneigte sich ehrerbietig vor dem Throne.

Philipp streckte sein Zepter aus, und er berührte es.

Das ist recht, mein Prinz, jetzt kann ich sehen, daß es noch Männer in

Mazedonien gibt.

Alexander machte kehrt und näherte sich Buzephalos, der dastand und am

Tau riß. Er machte runde Ellbogen und schlenkerte mit den Armen.

So groß war er sich noch nie vorgekommen. Er konnte es nicht lassen,

einen verstohlenen Blick auf Philipp und Mazedoniens Volk zu werfen,

und der Mund war breiter und lachender, als es sich streng genommen für

einen Prinzen ziemte. Jetzt sollte er doch einmal zeigen dürfen, was er

für ein forscher Kerl war.

Er biß die Zähne zusammen und nahm einen so kräftigen und tiefen

Anlauf, daß die Hosen fast hinten aufstießen. Es mißglückte.

Ja, das hatte er sich gedacht; sie waren zu schwer, weil der Blitz

darin war.

Er versuchte es noch einmal. Und diesmal gelang es.

Da saß er. Der Widder machte einen Satz, doch da er nicht los kam,

drückte er sich an den Zaun, so daß Alexander Gelegenheit bekam, das

Tau zu lösen. Er löste es und warf im selben Nu wieder einen Blick auf

die Mazedonier.

Doch da sprang das Hinterteil von Buzephalos auf einmal in die Luft,

und das Tier lief ein paarmal um sich selbst. Alexander schreckte

zusammen, so daß er das Tau los ließ und sich mit beiden Händen an der

Wolle festklammerte.

Philipp sprang auf den Thron hinauf, schwang das Zepter und rief:

Suche dir ein anderes Königreich, Alexander, Mazedonien ist für dich zu

klein.

Jetzt flog Buzephalos in langen Sätzen immer schneller und schneller

davon; bald war er ganz hinter den Ställen verschwunden. Alexander hing

fest, und das letzte, was sie sahen, war eine breite Lederhose, die

zwischen dem Halse und der Lende von Buzephalos hin und her geworfen

wurde, als er sich über die Grenze von Mazedonien hinaus begab.

Nach kurzer Zeit kam er wieder auf der anderen Seite vom Hauptgebäude

zum Vorschein und lief dann in rasender Eile um das Vorratshaus

herum. Alexander hing noch immer darauf, und da der Widder ihn nicht

los werden konnte, schlug er wieder den Kurs über die Grenzen von

Mazedonien und gerade auf das Schloß zu, ein. Er wollte zu Leuten

kommen und nahm seine Zuflucht zur Großmutter.

Da verlor Philipp völlig den Kopf. Er erhob sich auf dem Thron und

schleuderte sein Zepter gegen das Tier.

[Illustration]

Buzephalos erschrak, machte eine schnelle Wendung und stieß gerade

gegen den Thron von Mazedonien, so daß dieser umfiel, erschrak immer

mehr und sprang mit einem gewaltigen Satz die Brücke hinunter.

-- -- Als Buzephalos weiter galoppierte, war er allein.

Netta nahm sich des gefallenen Königs Philipp an, der Nasenbluten hatte

und weinte, und Großmutter lief schnell hinunter, um nach Alexander zu

sehen.

Der erhob sich mit königlichem Zorn, zeigte mit der einen Hand einen

Riß in der Hose, und mit der anderen drohte er der Großmutter:

Das hatte ich dir gleich gesagt, Großmutter, es geht nicht an,

Alexander zu sein, wenn man eine Lederhose hat, in die der Blitz

gefahren ist.

[Illustration]

Holzvermesser Ole Pedersen.

Das letzte, was ich am Abend vor dem Einschlafen sah -- es war in einer

dieser herrlichen Sennhütten dicht unterhalb der Rondaneberge -- war

eine Leiter, die auf den Boden unter dem Dach hinaufgezogen wurde.

Einen Augenblick vorher war der Hirtenjunge Ole dort hinaufgekrochen

-- in vollem Anzug, mit schwarzem Rock und den Strohhut auf dem Kopf,

wobei die Bergstiefel mit den großen, blanken Hackeneisen gegen die

Stufen der Leiter klapperten. Dann rumorte er eine Zeitlang da oben;

er zog wohl die wichtigsten Kleidungsstücke aus. Darauf wurde es

still; dann schnarchte er, und bald schliefen wir alle miteinander,

die Sennerin in dem einen Bett, ich, der ich auf einer Fußtour war, im

andern und Ole auf dem Boden.

Das erste, was ich am Morgen hörte, war die Sennerin, die zum Boden

hinaufrief:

Ole, jetzt mußt du aufwachen, jetzt wollen wir gleich die Ziegen

melken.

Nichts rührte sich auf dem Boden, niemand antwortete, und die Sennerin

machte eine Wendung nach dem Herd, wo der Kaffeekessel schon kochte und

brodelte.

Dann fing sie wieder an:

Ole, jetzt mußt du aufstehen.

Keine Antwort. Sie machte sich noch ein wenig unten zu schaffen; dann

stellte sie sich gerade unter den Boden und ich sah, daß sie lächelte:

Pedersen, jetzt ist's Zeit aufzustehen.

Heh --? antwortete es oben vom Boden.

Jetzt muß Holzvermesser Pedersen aufstehen.

Niemand antwortete; aber im selben Nu kam der alte Strohhut mitten

in die Stube hineingesegelt und blieb in dem breiten Sonnenstreifen

liegen, der sich vom Fenster schräg durch das Zimmer zog. Einen

Augenblick darauf kam der eine Bergstiefel mit einem schweren Krach

hinterher; kurz danach der andere. Dann kam die Leiter, sie wurde

vorsichtig vom Boden heruntergelassen und schließlich kam Ole rückwärts

heruntergestiegen, die Hosenträger hinten herunterhängend, den

schwarzen Rock über dem einen Arm und die zusammengebundenen Strümpfe

über dem andern. Er kam in die Stube herunter, schnitt Gesichter gegen

die Sonne und dehnte sich nachdrücklich. Darauf setzte er sich auf

die äußerste Ecke des Herdes und begann sich anzuziehen. Er löste die

Strümpfe voneinander, zog einen an, spuckte in die Hände und zog das

Strumpfband lang. Es ging langsamer und langsamer, als er es festband

und es ging sehr langsam, als er nach dem andern Strumpf griff. Als er

ihn halbangezogen hatte, hörte er ganz auf und neigte sich bedenklich

tief nach der einen Seite, als ob er vom Herd herunterfallen wollte; --

es war ja auch recht früh am Morgen. Da sperrte er plötzlich die Augen

weit auf, biß die Zähne zusammen, zog die Strümpfe mit einem Ruck an

und schnürte das Strumpfband ordentlich zu. Im Handumdrehen hatte er

die Hosenträger angeknöpft und den Rock angezogen. Dann dehnte er sich

wieder und spazierte geradeswegs in die Bergstiefel hinein, die mitten

im Zimmer standen und gähnten; sie gingen von allein an. Dann stand er

einen Augenblick da und sah den Strohhut an, ging dann hin und schlug

die Tür weit auf. Darauf kam er noch einmal zurück, blickte wieder den

Hut an:

Der elende Hut! damit versetzte er ihm mit dem Fuß einen Stoß, daß er

aus der Tür flog, ging selbst nach und machte die Tür hinter sich zu.

* * * * *

Als ich aufgestanden war, erfuhr ich von der Sennerin, warum Ole

Holzvermesser Pedersen hieß; -- ja, sein Vater hieß Peder, mit Pedersen

hatte es also seine Richtigkeit; aber Holzvermesser war er nun doch

nicht. Bei der Holzvermessung im Frühjahr hatte einer der Vermesser

Pedersen geheißen, und Holzvermesser waren die großartigsten Menschen,

die Ole gesehen hatte. Er war den ganzen Tag dabei, und plötzlich ging

er hin und gab dem Holzvermesser die Hand:

Guten Tag, ich höre, wir haben denselben Namen.

Nein, was du nicht sagst, heißt du auch Pedersen?

Ja, und darum wollte ich fragen, ob du mich nicht als Holzvermesser

annehmen könntest?

Nein, das kann ich nicht, solange du den Hut da hast, -- dies geschah

im frühsten Frühjahr, und Ole hatte schon den Strohhut aufgesetzt -- du

mußt eine Talermütze aufhaben, um Holzvermesser zu werden, -- ja, und

schwarzen Rock.

Seit der Zeit konnte Ole seinen Hut nicht recht leiden; einen Rock

hatte er bekommen.

* * * * *

Ich ging hinaus und traf Ole, der dabei war, die Ziegen zu melken. Ich

versuchte ein Gespräch über die Ziegen mit ihm anzuknüpfen; aber er

wollte nicht recht dran und war sehr wortkarg. Ich fragte ihn, was er

werden sollte, doch er wollte nicht mit der Sprache heraus. Dann sagte

ich:

Es sind schöne Balken hier im Schafstall.

Ja der Grundbalken ist wohl 12: 10 gewesen und derselbe Stamm hat noch

einen Balken 8: 10 geliefert.

Nein, das doch wohl nicht!

Ole sah mich sehr überlegen an.

Du bist sicher kein Holzvermesser?

Nein, das bin ich nicht.

Das merke ich.

Damit war diese Unterhaltung zu Ende.

Als Ole kurz darauf die Ziegen durch das steile Birkenwäldchen

hinuntertrieb, das auf beiden Seiten am Flußabhang lag, schlich ich ihm

nach.

Es war ein herrlicher Morgen mit Sonnenstreifen rings auf allen Bergen

und grauem Gestein, so weit man hinaufblicken konnte, bis hoch, hoch

in die Luft, und unten frische grüne Birkenabhänge bis hinunter an die

klaren glitzernden Flüsse und Bäche im Talgrund.

Von der Sennhütte drüben stieg ein langer blauer Rauch empor, und an

den Abhängen standen die Ziegen zu zweit an den kleinen Birken und

rupften das Laub ab. Auf einer kleinen Lichtung im Birkenwald stand Ole

und blickte sich vorsichtig um, und dicht am Waldrand lag ich, ohne

gesehen zu werden.

Als Ole eine Weile ruhig gestanden hatte, riß er den Hut ab und warf

ihn auf die Erde. Darauf ging er auf eine Birke zu.

Guten Tag. Wird hier Handel getrieben?

Er antwortete selber für den andern: Ja.

Hast du Talermützen?

Ja, hier ist dieselbe, die Holzvermesser Pedersen hat.

Ja, das sehe ich; denn ich kenne ihn. Aber ich will nicht mehr als zwei

Kronen dafür geben.

Zwei Kronen für eine Talermütze, das ist eine seltsame Rechnung.

Jungen · 第 4 / 8 段