Sie fragten mich nach allen Richtungen hin aus, und du verstehst, ich
blieb ihnen keine Antwort schuldig. Und dann, als sie nicht weiter
kamen, dann sagten sie alle, ich wäre klüger als der Bischof, aber das
können sie wohl nicht im Ernst gemeint haben.
[Illustration]
Die Mütze, die auf der Wolke war, um Gold zu holen.
Per lag hinter dem großen Stein oben auf Storbakken und blickte
hinunter. Er konnte gerade auf den Hof sehen, der dicht darunter lag.
Es war früh am Morgen, die Sonne war eben aufgegangen und schien auf
die blanken Scheiben, daß sie glitzerten, und mitten zur Haustür
herein, die wie ein schwarzer Rachen offen stand.
Per hatte die Mütze auf dem dunklen Schopf weit nach hinten geschoben
und lag da und warf die Beine bis fast in den Nacken. Er fand schon,
daß Christian gern die Nase aus den Federn stecken könnte, ehe Hänschen
aufwachte.
Unten auf dem Hof gingen die Hühner und gackerten und scharrten mit den
Füßen, der Hahn stand auf der Scheunenbrücke und krähte und krähte, die
Schwalben flogen durch den Sonnenschein wie stahlblaue, metallglänzende
Streifen, oben auf dem Scheunendache schwatzte eine Elster und aus der
Esse stieg ein hellblauer Rauch hoch in die Luft. Trotzdem war es ganz
still, -- man sah keinen Menschen, sie waren wohl alle draußen auf dem
Felde und mähten.
Endlich trat Christian in die Haustür. Er strich sich den hellen Schopf
aus den Augen, blinzelte gegen die Sonne, die ihm gerade ins Gesicht
schien, hielt die Hand vor die Augen, und blickte nach oben. Nein, er
sah nichts; nur einen blauen Rauch über dem Rand von Storbakken. Er
kam aus der Häuslersesse. Ja, er glaubte, er konnte sehen, daß er nach
Kaffee roch.
Hallo, Per! Keine Antwort. Nein, Per hatte wohl noch keinen
Morgenkaffee bekommen.
Er steckte die Hände in die Tasche und wollte umkehren.
Da ertönte ein: Hallo, Christian!
Er blieb stehen: Hallo, Per!
Per sprang auf und schlug Purzelbäume hinunter, Hallo, Christian! --
Hallo, Per! -- Hallo, Christian! -- Hallo, Per!
Und Per sprang und schlug Purzelbäume und kollerte hinunter, und die
ganze Zeit schallte es hinaus in die Morgenluft: Hallo, Christian!
Hallo, Per!
-- -- Per war vom Häuslerplatz und Christian war vom Hof. Sie waren
gute Freunde und pflegten den ganzen langen Tag zusammen zu sein, und
das war nicht zu verwundern, denn es gab weit und breit keine solchen
forschen Jungen wie sie, und niemand, der solche Sachen hatte. Sie
hatten eine Mühle und eine Säge, die gingen, wenn im Bach genug Wasser
war, und dann hieß Per der Müller und Christian der Obersägemeister;
wenn sehr viel Wasser da war, so stauten sie das Wasser erst und ließen
es dann laufen und flößten Holz; doch da hatten sie andre Namen, denn
da hieß Christian Zimmermann Pedersen und Per Inspektor Wasserfall,
von dem Mal her, wo er fiel und auf den Hosenboden mitten in den Bach
zu sitzen kam. Wenn der Bach trocken war, trieben sie Landwirtschaft;
sie hatten Hof und Sennhütte und Vieh, Großvieh und Kleinvieh und
Schäferhund. Die Kühe waren runde Steine und der größte, der so
ungeheuer groß und glänzend war, war der Bulle Dybendal; und die Schafe
waren Tannenzapfen und eine merkwürdige kleine runde Wurzel, die der
Knecht ihnen zugeschnitten hatte, war der Schäferhund: Bärenbeißer,
und der hatte mehr als einmal mit dem Bären zu tun gehabt. Sie hatten
auch einen Bogen, mit dem sie auf die Jagd gingen und Pfeile, die so
unwahrscheinlich hoch flogen, daß der beste einmal bis auf die Wolke
gegangen und dort oben liegen geblieben war, -- sie fanden ihn erst
viel später im Gras wieder, als es geregnet hatte. Und da erzählte
ihnen der Knecht, daß er wahrscheinlich wieder heruntergeregnet wäre,
und daß sie gut nachsehen sollten, ob nicht Gold an ihm wäre, denn oben
auf der Wolke wäre Gold. Doch er war so glatt, daß nichts an ihm hängen
geblieben war, und als sie ihn teerten, bekamen sie ihn nicht mehr so
hoch.
Doch in der letzten Zeit waren Per und Christian umgezogen. Die Mühle
und die Säge standen da und Bärenbeißer mußte allein auf das Vieh
achtgeben. Es war oft genug langweilig gewesen, daß Hänschen immer mit
sein wollte; denn es war nun einmal nichts für Zimmermann Pedersen und
Inspektor Wasserfall, stets den Jungen zum Aufpassen zu haben; aber da
war nichts zu machen gewesen, -- er kam stets, wenn er wußte, wo sie
sich aufhielten. Aber jetzt waren sie sehr darauf aus, es verborgen zu
halten, wo sie ihre Zuflucht hatten; sie schlichen sich früh weg und
blieben den ganzen halben Tag fort. Sie hatten sicher etwas vor, wovon
Hänschen lieber nichts wissen sollte.
Das erste, was Per sagte, als er in die Haustür hinunterkam, war auch:
Ist er auf?
Nein, er schlief, als ich hinausging.
Hast du den Fünfpfünder instand?
Ich sollte es meinen! Und Per zog ein großes Kuhhorn hervor, in das er
Zündlöcher gebohrt hatte. Hast du Futter für ihn?
Ach ja, ich denke schon, und Christian zeigte einen großen Beutel mit
Pulver vor.
Die Sache war, daß sie oben auf dem Boden ein Fäßchen Minenpulver
gefunden hatten, und davon durfte niemand etwas wissen, denn Pulver war
streng verboten.
Ja, dann ist es am besten, daß wir fortkommen.
Sie schlichen sich leise über den Hof und sahen sich jeden Augenblick
um; dann als sie um die Ecke des Vorratshauses waren, fingen sie an die
Straße entlang zu laufen.
Halt, Christian! Ich sehe dich schon.
Es war Hänschen, der in die Haustür hinausgekommen war, und das letzte
Ende von ihnen gesehen hatte, als sie um die Ecke verschwanden.
Er hatte nur Hosen und Schuhe anbekommen, oben war er im bloßen Hemd.
Er hatte Eile gehabt, denn Hänschen verstand sehr wohl, daß sie sich
von ihm fortschleichen wollten und hatte sich vorgenommen, auf sie
aufzupassen.
Halt, hörst du! Ha--a--lt!
Er schrie, bis er an der Ecke des Vorratshauses vorbeikam und Per und
Christian ruhig im Grase liegen und in die Luft blicken sah.
Er sagte nichts, sah sie nur ein wenig zweifelnd an, und setzte sich
auch ins Gras. Er wollte schon auf sie aufpassen.
Per und Christian blinzelten einander zu und begannen Purzelbäume
zu schlagen. Nach einer Weile durfte auch Hänschen mitmachen. Dann
spielten sie mit andern Dingen. Auf einmal sagte Christian:
Du, Hänschen, wollen wir zum Jahrmarkt reisen?
Ja--a! Hänschen wurde strahlend vergnügt.
Du fängst an.
Nein, du wirst mich nicht zum Narren haben! Du fängst an!
Ja, gern. Ich hatte ein Füllen!
Hänschen sprach ihm nach: Ich hatte ein Füllen!
Meins wurde ein Pferd.
Meins auch.
Ich zähmte meins.
Ich zähmte meins auch.
Dann reiste ich zum Jahrmarkt in Grundset.
Dann reiste ich zum Jahrmarkt in Grundset.
Da traf ich einen Mann, der einen Bären hatte.
Da traf ich einen Mann, der auch einen Bären hatte.
Da vertauschte ich mein Pferd gegen den Bären.
Da vertauschte ich auch mein Pferd gegen den Bären.
Da traf ich dich.
Da traf ich dich.
Da nahm mein Bär deinen Bären und fraß ihn auf.
[Illustration]
Hänschen bekam zuerst ein langes Gesicht; aber dann wurde er wütend:
Du mogelst, Christian, du sagtest zuerst guten Tag, und darum wird es
mein Bär, der deinen auffrißt.
Nein, es war meiner, der deinen auffraß.
Nein, meiner! Hänschen war am Weinen: ja, so laß uns noch einmal
anfangen, dann wirst du sehen!
Nein, dein Bär ist aufgefressen.
Ä--h ä--h, es war meiner. -- ä--h ä--h.
Nein, meiner!
Ä--h, Mutter! er sagt ä--h ä--h, daß sein Bär meinen auffraß! Hänschen
lief hinein, um es der Mutter zu sagen; er vergaß, daß er auf sie hatte
aufpassen wollen.
Als er glücklich in der Haustür drin war, machten sich Per und
Christian eilends aus dem Staube und verschwanden.
Drüben in Svartdalen, ein gutes Stück vom Hofe entfernt, hatten sich
Per und Christian eine Höhle eingerichtet, vor der ein Haselwäldchen
stand, so daß sie nicht gesehen werden konnten, wenn man nicht auf die
oberste Höhe hinaufkam und gerade auf sie hinunterblickte. Dorthin
hatten sie das meiste von ihren Sachen gebracht; dort hatten sie
einen Herd gebaut, dort hatten sie ihre Schmiede, dort zündeten
sie ihre Feuer an; aber das wagten sie nicht oft zu tun, aus Angst,
daß man den Rauch sehen könnte. Hier fühlten sie sich sicher, hier
hatten sie Sprühmännchen angezündet, und hier hatten sie mit Tüten und
Sturmhutstielen zu schießen versucht; aber ~damit~ ging es nicht,
die Tüten brannten nur an und die Sturmhutstiele platzten; es konnte
also nicht die Rede davon sein, mit ihnen in die Wolke nach Gold zu
schießen, -- denn das war es eigentlich, was sie vor hatten. Aber heute
hatten sie den Fünfpfünder, heute sollte es Ernst werden.
Sie mußten erst Probeschüsse machen, ehe sie in die Wolke schossen. Sie
machten ein Feuer an, gossen das Pulver in das Horn und stopften es
voll mit Gras.
Es knallte nicht sehr stark; das Horn sprang nur einige Ellen nach
rückwärts und der Grasbüschel ein wenig nach vorwärts.
Pah, es war nicht stark genug geladen, der Fünfpfünder mußte
festgemacht werden, und dann mußte eine Kugel hinein; ja, dann wurde es
eine Kanone, die schon gehen sollte; sie würden mindestens quer über
das Tal schießen können.
Sie luden von neuem und legten einen großen Stein hinein und
befestigten den Fünfpfünder zwischen zwei Steinen. -- Nein, sie mußten
ihn vielleicht ein wenig wegrücken? -- Ja, es wäre schade um die Leute
am Talende, wenn man ihnen die Häuser niederschoß; sie mußten ihn auf
den Wald richten.
Das taten sie denn und zündeten an.
Ja, diesmal knallte es wahrhaftig! ~Der~ Schuß ging! Konnte Per
nichts drüben am Abhange sehen! Ja, denn Christian schien es deutlich,
als fiele eine Tanne um, als der Schuß losging.
Ob es eine ganze Tanne war, konnte Per nicht sagen, aber er sah
jedenfalls, daß ein Tannenwipfel herunterfiel.
Es war schon fraglich, ob sie eine bessere Kanone auf der königlichen
Festung hätten.
Ach nein, das war nicht anzunehmen. Mit der konnten sie sicher bis in
die Wolke schießen.
Ja, das war sicher. Aber was sollten sie hinaufschicken? Es mußte etwas
sein, in das das Gold hereinkommen konnte.
Sollten sie etwa Pers Zipfelmütze hinaufschicken? Vielleicht kam sie
dann vergoldet wieder herunter.
Ja, Christian wunderte sich schon, was sie zu Hause sagen würden, wenn
sie mit vergoldeten Mützen und Goldstücken in den Taschen heimkämen. Da
könnten sie Pulver kaufen -- ein ganzes Faß voll!
Ho--ho! erklang es gerade über ihnen. Der Fünfpfünder und der
Pulverbeutel wurden schnell beiseite gebracht, ehe sie hinaufblickten.
Dort lag Hänschen:
Ach bitte, vergoldet doch auch meine Mütze!
Per und Christian waren wirklich ärgerlich. Sie versuchten Hänschen
alles Mögliche einzubilden. Sie boten ihm den besten Bogen an, wenn er
gehen und nichts sagen wollte. Doch Hänschen hatte den Knall gehört,
sie könnten ihm nichts weismachen, -- wenn sie nicht seine Mütze
vergoldeten, so ginge er spornstreichs nach Hause zu Mutter und sagte,
daß sie Pulver hätten, und da würde es einen andern Tanz geben.
Ja, da gab es keinen andern Rat, als sich mit Hänschen abzufinden und
ihn zu besänftigen. Sie zeigten ihm alle ihre Herrlichkeiten und er
versprach, daß er gar nichts vom Pulver sagen wollte; aber da sollten
sie seine Mütze zuerst vergolden.
Ja, das wollten sie auch gern tun, und bald hatten sie alles vergessen
und waren wieder gleich eifrig. Es war wohl am sichersten, sie banden
einen Stein an die Mütze, denn sonst kam sie nicht wieder herunter, ehe
Regenwetter war.
Das war am besten. Wie wollten sie es machen?
Sie könnten das Kanonenende fest in die Erde stecken, den Stein
hineintun, ihn mit einer Schnur an der Mütze festbinden und die Mütze
oben darauf hängen.
Der Vorschlag wurde angenommen. Dann schütteten sie das Horn fast
halb voll mit Pulver, luden gut und machten sich fertig. Es war ein
feierlicher Augenblick und alle standen atemlos da, als Christan
endlich einen Brand nahm.
Gebt jetzt acht! -- Er brachte den Brand an das Zündloch.
Frrrr--s--piff--paff--puff!
Sie standen in einem Lichtscheine wie von einem starken Blitze und
schraken alle drei so zusammen, daß sie umfielen.
Sie sahen ein wenig blaß aus, als sie sich so weit erholt hatten, daß
sie einander ansehen konnten. Sie hatten den Pulverbeutel so weit in
die Nähe gesetzt, daß er mit draufgegangen war.
~Das~ war ein Schuß, sagte Christan.
Ja, das ~war~ ein Schuß, sagte Per.
Sahst du die Mütze?
Es war mir, als sähe ich sie undeutlich, als sie vorbeiflog.
Ist sie denn jetzt auf der Wolke? fragte Hänschen.
Wir wollen froh sein, wenn sie nicht noch weiter ist.
Kommt sie denn bald wieder herunter?
Oh, das wird wohl noch eine Weile dauern.
Sie blieben alle drei stehen und starrten in die Luft. Nach einiger
Zeit bekam Hänschen einen müden Nacken und sah wieder nach unten. Da
ist sie!
Die Mütze hing oben im Haselbusch.
Ja, dann mußte sie aber auch schnell wieder heruntergeflogen sein, wenn
sie sie nicht hatten kommen sehen!
Ja, Per war es, als hätte er einen Streifen gesehen, gerade als
Hänschen es sagte, -- da war sie sicher gekommen.
Sie hatten viel Mühe damit, sie herunter zu bekommen. Draußen war
nichts zu sehen; sie waren sehr gespannt, was drinnen sein konnte.
Als sie sie herunter bekamen, war weiter nichts zu entdecken, als ein
großes Brandloch im Innern.
Das war seltsam. Wer hätte gedacht, daß das Gold da oben so heiß wäre;
denn es hatte sicher ein Goldklumpen darin gelegen, der das Loch
gebrannt hatte und dann herausgefallen war.
Vielleicht lag er in dem Haselbusch drinnen.
Sie suchten lange. Ach nein, der konnte weit von hier heruntergefallen
sein. Ja, ja, morgen mußten sie den kleinen Blecheimer nehmen und
hinaufschicken, denn da mußte der Goldklumpen drinnen bleiben, wie warm
er auch war.
-- -- Als sie an dem Tag nach Hause kamen, hielten sie alle drei gut
zusammen und Hänschen war so gut und artig und so vorsichtig, daß
niemand seine Mütze zu sehen bekäme.
Er wollte schon nicht klatschen.
Als die Mutter ihnen allen dreien das Essen hinstellte, sagte Hänschen,
während sie dasaßen und aßen. Du, Mutter, heute sind Per und Christian
so gut zu mir gewesen, daß ...
Das ist brav von ihnen, aber da mußt du auch gut sein.
Ja, ich werde so gut sein, daß ...
Wie gut willst du denn sein?
Ach, ich werde gar nichts davon sagen, daß Per und Christian meine
Mütze in die Wolke schossen! ...
[Illustration]
Der erste Arbeitstag.
Christian richtete sich auf den Ellbogen in die Höhe, kroch nach dem
Kopfende und guckte aus dem Fenster dicht daneben.
Es war noch beinahe dunkel in der geräumigen Häuslerstube. Draußen war
Dämmerung, gerade am Übergang zum Tag, nur einzelne von den größten
Sternen waren sichtbar an dem blauen klaren Herbstmorgen.
Wieviel Uhr es wohl war? Ja, zu ~spät~ durfte er nicht kommen, die
Schande sollten sie ihm nicht antun, -- und dann konnte das auch einen
Abzug vom Tagelohn bedeuten. Ein ganzer Kerl mußte den ganzen Tagelohn
haben. Es war übrigens seltsam, er hatte vergessen zu fragen und Ola
Nordlien hatte auch nichts vom Tagelohn gesagt!
Er drehte sich, so daß er im Bett saß und blickte hinüber nach dem
anderen Bett am anderen Fenster, wo die Mutter lag.
Mutter! Mut--t--ter!
Die Mutter drehte sich ein paarmal um, ehe sie aufwachte, dann schlug
sie die Augen auf:
Ja. Was willst du, Christian?
Du hörtest nicht, ob Ola Nordlien etwas davon sagte, wieviel Tagelohn
er geben wollte?
Und darum weckst du mich, du unartiger Junge!
Ich dachte auch, es wäre vielleicht Zeit, daß du den Kaffee
aufsetztest. Denn wer auf Arbeit soll, braucht Zeit, um richtig munter
zu werden.
So leg dich jetzt wieder hin. Ich werde es schon nicht verschlafen.
Aber Christian schlief nicht wieder ein, und was das anbetrifft, er
hatte auch die ganze Nacht nicht viel geschlafen. Denn gestern abend,
als er sich eben hinlegen wollte und schon mit den Hosen in der Hand
dastand, war etwas geschehen.
Ola Nordlien war selbst hereingekommen, hatte guten Abend gewünscht und
gesagt:
Jetzt bin ich im ganzen oberen Dorf herumgezogen und habe Leute zum
Kartoffellesen gedungen, und da wollte ich 'mal vorsprechen, ob
vielleicht auch hier ein Knecht zu haben wäre.
Nein, ich habe jetzt keinen Knecht hier, hatte die Mutter gesagt; der
Per hat jetzt mit dem Kuhstall auf Opsal zu tun, und ich erwarte ihn
vor den Feiertagen nicht zurück.
Hast du niemanden? Ich finde, da steht ein großer Bursche drüben am
Bett. Nach ihm dort hatte ich fragen wollen.
Da kann einer glauben, daß Christian sich aufrichtete.
Du willst also mit zum Kartoffellesen? fuhr die Mutter fort.
Ja, und darum habe ich ein ganzes Heer von solchen Kerlen zum Auflesen
gemietet, die Kulsvejungen und Sagbakjungen und Jens Perhus.
Die Mutter lächelte und sah zu Christian hinüber.
Ja, ich weiß nicht, was Christian dazu sagt, du mußt mit ihm selbst
reden.
Da verstand Christian, daß er durfte.
Ola Nordlien wandte sich dann zu ihm und sagte so ernst, als spräche er
zu einem erwachsenen Knecht:
Ja, hast du wohl Lust, morgen zu uns zu kommen und uns beim
Kartoffellesen zu helfen, Christian?
Christian zog die Hosen wieder in die Höhe und knöpfte die Klappe zu,
so gut es sich in der Eile machen ließ. Dann setzte er sich auf die
Bank, schlug die Knie übereinander, spuckte weit aus und sagte:
Ja, eigentlich habe ich nicht viel Zeit, aber da du Mangel an Leuten
hast, so muß ich wohl kommen.
Das war der Grund, warum Christian nicht wieder einschlief, -- denn
zu spät kommen wollte er nun einmal nicht und dann gab es auch viel
anderes zu überlegen, einmal, wie er sich ausrüsten sollte, und dann
auch, wie er sich benehmen sollte.
Der Morgen schlich langsam weiter, es kam ihm vor, als ob die Uhr
gar nicht von der Stelle rückte -- vielleicht war sie auch stehen
geblieben; ein paarmal versuchte er, sich laut zu räuspern oder zu
husten, um zu sehen, ob die Mutter nicht aufwachen wollte. Und als die
Mutter endlich aufgestanden war und kaum den Kaffeekessel mit Wasser
gefüllt hatte, da stand auch Christian mitten im Zimmer.
Er hatte noch viel zu tun. Erst untersuchte er, ob alle Knöpfe an der
Hose richtig fest saßen. Nein, einer hing bloß an einem Faden; der
mußte befestigt werden; ein Knecht mußte Hosen haben, die es vertrugen,
daß er ordentlich zufaßte. Dann kam der Gürtel an die Reihe, -- er
mußte ein neues Loch machen, um ihn enger zu bekommen, er war nämlich
zu weit, und sollte es zu einer richtigen Kraftanstrengung kommen, so
war es am besten, daß er ordentlich eng war. Und den neuen Schal wollte
er lose drüber hängen lassen; das würde sich gut machen, wenn er kam,
und später wenn er den Rock auszog, und ihn dann schön zusammengefaltet
darauf legte.
Lange ehe der Kaffee fertig war, war Christian angezogen und gerüstet,
bis auf das Heu in den Stiefeln und die Zipfelmütze auf dem Kopf,
und er ging aus und ein und sah aus, als hätte er sehr viel zu tun.
Und als der Kaffee endlich fertig war, nahm es nicht lange Zeit ihn
herunterzukriegen, obgleich er gewaltig viel essen mußte, um seinen
Mann zu stellen und bald stand die Mutter und blickte ihm nach und
bat ihn, gehorsam zu sein und sein Bestes zu tun, während er, die
Zipfelmütze bis über die Ohren, mit langen, wiegenden Schritten wie ein
Erwachsener den Abhang nach Nordlien hinuntertrabte.
Als er nach Nordlien hinunterkam, war es ganz still draußen im Hof, er
sah nichts anderes, was sich bewegte, als den Rauch, der langsam in
gerader Linie aus der Esse emporstieg, und hörte nichts anderes als das
gleichmäßige Kauen der Pferde im Stall, -- sie bekamen ihr Morgenfutter
drinnen vor einem so strengen Tag.
Es dauerte indessen nicht lange, bis er hörte, daß Ola Nordlien auf den
Beinen war und im Hause herumfuhr und weckte, und als er herauskam und
Christian erblickte, sagte er:
Das ist meiner Treu ein richtiger Junge, der zuerst auf dem Platz ist,
und da setzte Christian den einen Fuß vor und sagte:
Ja, ich finde, wir hätten schon anfangen müssen, wenn wir bis zum Abend
etwas ausrichten wollen.
Allmählich wurde es lebhaft auf dem Hof. Die Leute des Hofes selber
waren aufgestanden und kamen heraus, gähnten und dehnten sich, und von
dem oberen Dorf kam der eine nach dem andern, Erwachsene und Kinder,
Häusler und Häuslerinnen, und Ola Nordlien ging herum und fand Hacken
und Eimer und lieferte sie aus, und Trampelpeter, der Knecht, ließ die
Pferde heraus, um sie zu tränken.
Christian war der kleinste von ihnen allen, und er hielt sich auch so
weit im Vordergrund, daß er ihnen auffiel. Trampelpeter, der ein loses
Mundwerk hatte, sagte auch gleich:
Nein, was ist das für eine Kartoffel, die ist ja mächtig groß.
Christian wurde sehr wütend auf den Lümmel, aber sein Zorn legte sich,
als Ola Nordlien gleich sagte:
Das ist mein Großknecht. Du, Christian, du mußt ein bißchen ein Auge
auf Trampelpeter und die anderen haben.
Christian sah ihn ein wenig unsicher an, und seine Mundwinkel fingen an
zu zittern; denn er wußte zwar, daß er ein tüchtiger Junge war, aber
eine solche Auszeichnung hatte er trotzdem nicht erwartet.
Ist das dein Ernst, Ola Nordlien?
Ja, natürlich ist es mein Ernst.
Jetzt waren sie alle versammelt, mit Ausnahme von dem Faulpelz Jens
Perhus, den sie langsam die Straße herunterschlendern sahen. Christian
rief ihm zu, er möchte sich gefälligst beeilen und dann sagte er:
Jetzt mußt du die Pferde anschirren, Trampelpeter. Jetzt müssen wir
anfangen, und er nahm seinen Eimer über den Arm, warf die Hacke über
die Schulter und ging mit langen Schritten an der Spitze des ganzen
Zuges hinüber nach dem Kartoffelfeld.
Sie verteilten sich über eine lange Kartoffelfurche, ein Erwachsener
zum Graben und ein Junge zum Auflesen, und Christian richtete es so
ein, daß er abwechselnd vor Ola Nordlien selber und vor Trampelpeter
auflas, denn die gruben nicht die ganze Zeit, -- Ola mußte eine neue
Furche aufpflügen, wenn die eine geerntet war, und Trampelpeter sollte
die Kartoffelsäcke zum Hof fahren.
Ola setzte den Pflug an und pflügte eine Furche um, so daß die schönen
weißen Kartoffeln über die schwarze feuchte Erde hinausrollten, alle
Rücken bückten sich, um zu graben, und alle die kleinen Hände gingen
wie Trommelschlägel, um aufzulesen; es wuchs schnell an in den weißen
Säcken, die in einer Reihe hinter ihnen standen, denn Christian und
einige andere wetteiferten, wessen Sack am schnellsten voll würde, und
wer seinen Eimer am öftesten leeren könnte, -- es ging scharf zu beim
Kartoffellesen auf Nordlien an dem Tage.
Die erste Zeit verging sehr rasch, ehe Christian sich's versah, war die
Frühstückszeit da und sie sollten zurück und essen. Als sie gegessen
hatten und draußen im Hofe saßen und satt und zufrieden ausruhten,
sagte Ola Nordlien:
Ja, so geht es, wenn man einen tüchtigen Großknecht hat; ich weiß mir
keinen besseren Rat, als daß ich Christian doppelten Tagelohn bezahle,
wenn er Jens Perhus wirft; aber daran zweifle ich, denn Jens ist zäh.
Christian zögerte eine Weile, aber dann stand er auf, zog den Gürtel
bis ins neue Loch, spuckte in die Hände und sagte:
Ja, so komm heran, Jens.
Sie fuhren aufeinander los, und keiner gewann gleich; aber schließlich
sank Christian auf die Kniee und in demselben Augenblicke sprang der
Gürtel entzwei. Er stand mit rotem Gesichte auf und hielt den Gürtel
vor.
Ja, ich verlor, aber hier siehst du, Ola Nordlien, wäre der Gürtel so
stark gewesen wie ich, so hätte ich ihn geworfen.
Dann begannen sie von Stärke zu reden, und Trampelpeter, der gern für
sehr stark gelten wollte, sprach davon, daß er eine Tonne Kartoffeln
auf den Wagen heben könnte.
Ja, das kann ich auch -- mit dem Maule, sagte Christian ganz trocken
und ernst, so daß Ola Nordlien und die andern lachten; aber seitdem
waren Trampelpeter und Christian nicht besonders gut aufeinander zu
sprechen.
Die Zeit bis Mittag verging nicht ganz so schnell, es war tüchtig warm
geworden und die Sonne stand ihnen gerade auf dem Rücken. Es kann schon
sein, daß Christian das eine oder andere Mal nach der Sonne schielte,
um zu sehen, ob es nicht bald Zeit wäre, aber er sagte nichts, er las
ebenso schnell und er machte auch darauf aufmerksam, daß Jens Perhus
kniete anstatt den Rücken zu beugen. Das war keine Art, wenn etwas
ausgerichtet werden sollte, Jens sollte, bitte, seinen faulen Rücken
beugen. Aber als es gegen Abend ging, kam es doch vor, daß Christian
selber ein wenig Erde auf die Kniee bekam, wenn es niemand sah, und er
war bedeutend runder im Rücken geworden, als er am Morgen war. Doch da
war auch Ola Nordlien gleich fertig, und er schickte ihn nach dem Hofe,
um seine Hacke umzutauschen; er verstand, daß Christian sich einmal
ausruhen mußte.
[Illustration]