Ihre Unruhe begann die andern anzustecken, und alle fingen an, sich zu

wundern.

Das Mädchen kam zurück und sagte, Sjur hätte nichts von ihm gesehen.

Da gingen sie hinaus, einer nach dem andern, umkreisten alle Häuser,

guckten hinein, und schließlich begann die Mutter ihn zu rufen.

Bei dem Rufen schien über alle die Angst zu kommen, und bald rief jeder

nach einer andern Richtung. Keine Antwort.

Da erinnerte sich der Bauer an Burman:

Sollte der Junge in den Wald gelaufen sein; der Hund benahm sich heute

zu merkwürdig!

Ja, daran erinnerten sich alle. Sie fingen an Burman zu locken und

waren nicht wenig verwundert, als er nicht kam, denn Burman entfernte

sich nie vom Hofe.

Ja, sagte der Bauer, da bleibt nichts anderes übrig, wir müssen das Heu

liegen lassen und in den Wald ziehen.

* * * * *

Als der kleine Jon den Waldweg aufwärts stieg, stieß er auf einen

sehr steilen, steinigen Hügel, auf den die Sonne mit aller Kraft

herniederbrannte. Aber das kümmerte ihn weiter nicht, und er stieg

mutig darauf los; je weiter er kam, um so krümmer wurden seine Knie und

der Hosenboden wurde so merkwürdig schwer; als er halb oben war, mußte

er Halt machen und die Jacke ausziehen. Er nahm sie über den Arm und

zog weiter.

Nach einer Stunde war er oben, und nun ging der Weg sanft ansteigend im

Walde weiter.

Er setzte sich -- er meinte, er müßte nun doch bald da sein; er wußte

allerdings nicht ganz genau, wie lang eine Meile war, aber so übermäßig

weit konnte es jetzt nicht mehr sein. Vielleicht war er dem Hof ganz

nahe und hatte sich bloß nicht richtig danach umgesehen.

Er blickte vorwärts.

Nein, nichts als dichter Wald zu beiden Seiten des Weges; er mußte sich

vielleicht beeilen, wenn er bis zum Abend da sein wollte.

Er stand auf und lief weiter; jetzt kam ihm sein Auftrag wieder in den

Sinn:

Eine tiefe Verbeugung:

Guten Tag! Seid Ihr Peter Sandvold?

Ja, der bin ich -- aber nimm erst mal Platz, bitte.

O, danke, ich finde schon Platz!

Wo kommst du her?

Von Sörbö, ich sollte hierhergehen und dich vom Großvater grüßen und

sagen, du möchtest bald kommen und ihn besuchen, er müßte durchaus mit

dir etwas besprechen.

Nein, sieh an; dann gehe bitte in die Gaststube und gedulde dich bis

morgen.

Die Gedanken liefen weiter:

Und dann gehe ich in die Kammer und sie bieten mir Bewirtung und Kaffee

und Gebäck, und abends lege ich mich in ein Daunenbett so hoch, so hoch

-- --

In diesem Augenblicke flog ein Birkhahn gerade vor seinen Füßen auf und

er erschrak, daß er schluckste. Er sah gerade so viel von ihm, daß er

erkannte, daß es ein Vogel war, aber der Schrecken saß in ihm.

Er blieb eine Weile ganz still stehen, ehe er sich umsah. Da sah er,

daß der Weg verschwunden war und er mitten im Walde stand.

Pah, den Weg würde er wieder finden. Er ging nach der Seite, aber er

war jetzt so merkwürdig vorsichtig geworden, als ob er Angst hätte,

daß ein Zweig krachte, wenn er die Füße aufsetzte.

So ging er lange. Es war seltsam, als ob die Erde den Weg verschlungen

hätte. Und so unheimlich still! Er fuhr zusammen und horchte, wenn nur

ein Eichhörnchen mit einem Tannenzapfen raschelte.

Er ging und ging, schneller und schneller, schließlich rannte er; es

knackte so unheimlich, es raschelte überall; die Mundwinkel verzogen

sich wie zum Weinen, aber es kam nicht zu Tränen, nur vorwärts ging es

in immer schnelleren Sprüngen; es war, als verfolge ihn etwas, als käme

es auch von den Seiten, er lief und lief, -- -- -- bis er über eine

Baumwurzel stolperte und im Heidekraut unter einer großen Tanne liegen

blieb.

Er erhob sich rasch mit einem Schrei in sitzende Stellung, jetzt,

dachte er, hatte es ihn gepackt.

Nein, es war nichts; aber es war ihm, als ob es rings im Walde auf

ihn lauerte; er wagte nicht sich zu rühren, sondern kroch nur tiefer

unter die Tannenzweige, gerade als ob der kleine Fleck ihm Sicherheit

gewährte.

So blieb er lange sitzen, und spähte und forschte nach allen Seiten in

ängstlicher Spannung.

Da hörte er hinter sich, wo er hergekommen war, etwas rascheln.

Er drückte sich unter die Tannenzweige und riß die Augen weit auf. Da

kam es, etwas Großes, Schwarzes -- immer näher - gerade auf ihn los --

-- -- er sah einen Schwanz, der sich vergnügt in die Luft streckte, ein

paar sanfte Augen sahen ihn an.

Er brach in Tränen aus und schlang beide Arme um Burmans Hals.

Diesmal hatte Burman nichts dagegen; er legte sich nieder und leckte

ihm Gesicht und Hände.

* * * * *

Am nächsten Tage bekam der kleine Jon Wagen und Kutscher, um auf der

Landstraße hinzufahren und zu fragen, ob Peter Sandvold auf Besuch zum

alten Jon Sörbö kommen könnte.

[Illustration]

Kirchenexamen vor dem Bischof.

Es ist ein strahlender Sommermorgen oben auf einer Sennhütte. Sie

liegt gerade am Talrand mit Aussicht bis hinunter, umgeben von kleinen

niedrigen Wäldchen, die sich auf dem sanften Abhang nach den kahlen

Höhen hinaufziehen. Die Sonne ist schon längst am Himmel -- sie geht

um drei auf -- und scheint auf die drei oder vier kleinen Sennhütten

herab, wo sich die Türen eben wie kleine, schwarze Rachen geöffnet

haben und wo lange blaue Rauchstreifen mit einer leise südlichen

Neigung emporsteigen. Auf der Schattenseite der Tannen glitzern die

feinen Tauperlen in den Tannennadeln und den Spinneweben, und in den

Frauenmänteln und Salbeiblättern auf der Wiese liegen große, glänzende

Tropfen. Die Luft ist klar und still; die bewaldeten Gipfel ringsumher

und der Neusäterberg im Hintergrund rücken ganz nahe in der hohen,

klaren Luft. Über den Tannenwipfeln schwärmen einige Krähen, und in dem

Steinhaufen drüben auf der Wiese huschen ein paar Wiesel hin und her.

In Wald und Feld herrscht tiefe Stille.

Da ertönt ganz in der Ferne der Klang einer tiefen Glocke, und unter

dem Neusäterberg kommt eine Herde wie ein langer weißer Streifen vor,

-- die Uhr geht so unglaublich schnell drüben auf dem Neusäter.

In der obersten Sennhütte, vor der eine lange flache Wiese sich

hinzieht, öffnet sich die Kuhstalltür, der Hirtenjunge kommt auf die

Wiese heraus mit einem Milcheimer in der Hand, den Strohhut weit hinten

im Nacken, und blinzelt gegen die Sonne. Er geht hin, öffnet das

Zauntor, geht zum Kleinvieh hinein und beginnt die Ziegen zu melken. Er

bewegt die Lippen, als spräche er mit sich selbst, es sieht aus, als ob

seine Gedanken wo anders weilen, er achtet nicht auf die Ziegen, die

sich an ihn herandrängen, um die ersten zu sein. Die Schafe liegen in

dichten Haufen und wiederkäuen, die Ziegen dehnen sich; nirgends ist

Lärm. Aus dem Kuhstall hört man wie die Hörner gegen die Wand stoßen,

jedesmal wenn eine Kuh aufsteht.

Auf einmal entsteht Lärm:

Lykkelin! Du sollst nicht die Schafe mit deinen Hörnern stoßen!

Die Schellenziege, Lykkelin, war drüben in einer Ecke vom Viehgatter

aufgestanden, streckte sich, und stieß an ein Schaf, daß es in den

Rippen krachte, dann schwankte sie mitten durch die Schafe hindurch, so

daß ein breiter Weg entstand, bis zum Hirtenjungen, der rittlings über

Blaasale saß und sie melkte. Dort drückte sie sich an seinen Schenkeln

entlang, bis sie ihren Kopf in derselben Höhe hatte wie Blaasale.

Blaasale bog ihren Kopf so weit weg, wie sie konnte und sah nach der

andern Seite. Doch plötzlich fühlte sie Lykkelins scharfes Horn unter

ihrem Kinn, und machte einen Satz, so daß der Hirtenjunge hinter sie zu

sitzen kam und der Milcheimer umkollerte.

Den Teufel auch -- -- --!

Er sprang auf und setzte Lykkelin nach.

Großer Aufruhr entstand, die Schafe liefen gerade gegen das Gatter, daß

es krachte, die Schellen klingelten, als wäre ein Hund in der Herde.

In Jesu Namen, was ist denn los, Gudbrand!

Es war die Mutter, die durch die Kuhstalltür heraussah.

Es ist diese elende heimtückische Lykkelin; die Milch von sechs Ziegen

hat sie umgeworfen und mich in den Dreck gesetzt, aber ich werde -- hol

mich der Teufel -- --

Er machte einen Satz und faßte Lykkelin drüben in einer Ecke. Da packte

er sie beim Bart:

Ich werde dich lehren, dich anständig zu betragen! Weißt du, was du

getan hast? Du hast mich in den Dreck gesetzt. Weißt du nicht, daß ich

dein Herr bin, und daß ich heute vor dem Bischof examiniert werde!

Könntest du vielleicht dem Bischof antworten, du Wüterich! Ja, kratze

nur mit dem Fuß, diesmal -- er schüttelte sie hart am Bart, so daß

Lykkelin einen verzweifelten Sprung machte und wieder los kam.

Teufel --

Nein, du darfst heute nicht so fluchen, Gudbrand, denke an den Bischof!

Ach, ich denke schon, der Bischof hätte auch ein kleines Gebet

angefangen, wenn er an meiner Stelle gewesen wäre.

Pfui, wie du redest, Gudbrand! Du wirst so großmäulig, daß ich mir

nicht zu helfen weiß. Geh hinein und nimm dein Buch und lies den

zweiten Artikel noch einmal durch, denn die Werke des heiligen Geistes

kannst du gar nicht, ich werde die übrigen Ziegen melken.

Doch, allerdings, die kann ich; ich war gerade mitten im dritten

Artikel, als Lykkelin zustieß. Ich will es nicht mehr durchkauen, blos

weil es ihnen einfällt, uns mitten im Sommer zu prüfen. Und dann glaube

ich schon, daß ich trotzdem einer bin, der seinen Mann steht.

Ja, meinetwegen, wenn du die Schande haben willst! Es ist wirklich der

Mühe wert, daß ich mich abplage, um dir neue Schuhe und eine neue Jacke

zu verschaffen, daß du wie anständiger Leute Kind aussehen sollst, wenn

du dahin kommen willst und dich als Heiden zeigen. Denn du hast den

ganzen langen Sommer nicht in die Bücher gesehen außer in den letzten

Tagen!

Sie war mitten in das Viehgatter hineingekommen und nahm ihm den

Milcheimer fort.

So geh herein, und wasch dich wenigstens und zieh dich an, du mußt bald

gehen!

Gudbrand ging langsam hinein.

Dann rief sie ihm nach:

Es liegt ein reines Hemd auf dem Bordbrett über dem Bett.

Jetzt fingen sie auf der unteren Sennhütte an, das Vieh loszubinden.

Es entstand ein Brüllen und Meckern und Schellenläuten und die Hirten

lockten die Ziegen, daß es gegen den Neusäterberg hallte. Sie zogen

in langer Reihe am Zaun entlang den Berg herauf, voran das Kleinvieh,

rasch und lebhaft über die Wiese hin springend und sich balgend;

hinterher kamen die Kühe, langsam und schwer und sahen sich um.

Kjersti Nerlien folgte selbst mit und trieb sie an; am Gatter blieb sie

stehen und blickte hinüber. Ihre beiden Kälbchen blieben auch stehen

und standen und kauten an ihrem Rock.

Bist du noch beim Melken, Randine?

Ja, und du treibst schon die Tiere heraus! Bei mir dauert heute alles

so gräßlich lange.

Ja, du hast wohl keine Hilfe heute? Gudbrand muß doch zum

Kirchenexamen?

Ja, es kommt doch noch dazu; er bekam die Schuhe gestern Abend spät.

Ja, für ihn ist das keine Sache, er ist ja so tüchtig im Lernen; ich

bin wirklich froh, daß mein Sigvart noch zu jung ist.

Ach, ja, ich habe mich so für ihn abgemüht, daß ich hoffe, er wird mir

wenigstens nicht Schande machen, aber es ist nun einmal sonderbar, wo

soviele Kinder von besseren Leuten hinkommen.

Gudbrand kam wieder heraus, furchtbar fein, mit neuen Schuhen, neuer

Jacke, neuem Schal und gewaschen, daß das Wasser ihm von den Haaren

triefte. Er trat vorsichtig und sprang auf die Steine, um die neuen

Schuhsohlen nicht zu beschmutzen. Er fühlte sich wie ein anderer

Mensch, beinahe erwachsen. Er zog an der Weste, und rückte den Schal

gerade, steckte die Hände erst in die Hosentaschen, aber die waren so

weit unten, daß er die Knie hätte krumm machen müssen; dann steckte er

sie in die Jackentaschen und spreizte sie weit nach beiden Seiten. Das

war männlicher, fand er.

Da haben wir den Jungen, der vor den Bischof soll, sagte Kjersti, so

fein wie ein neugeprägter Groschen. Das ist meiner Treu ein Junge, der

sich vor Pröpsten und Bischöfen sehen lassen kann.

Gudbrand antwortete nicht; er blieb mit weit auseinander gespreizten

Beinen stehen und spuckte aus dem einen Mundwinkel:

Sind das deine Kälber?

Ja, das sind meine.

Es sind ganz schöne Kälber.

Da verstehst du viel davon, sollte ich meinen, sagte die Mutter.

Bist du so weit fertig, daß wir sie jetzt losbinden können? Es ist

keine Art, daß wir so weit hinterher sein sollen!

Ja, jetzt bin ich fertig; aber du sollst heute nichts mit dem Losbinden

zu tun haben; du hast ja die neuen Sachen an.

O doch, es ist schon am besten, daß ich selber dabei bin. Wenn sie

ungehütet herumgehen sollen, so ist es am sichersten. Ich werde

Lykkelin auf den rechten Weg setzen. Es ist eine eigene Sache, wenn man

den ganzen Tag wegbleibt.

Er öffnete das Gattertor, und Schafe und Ziegen drängten sich so

hastig herbei, daß sie zwischen den Torpfosten stecken blieben und

sich mühsam hindurch pressen mußten. Hüpfend und um die Wette laufend

zogen sie über die Wiese, wobei einige besonders vorlaute Ziegen

hier und da einen Abstecher machten; eine machte eine Wendung nach

dem Schweinekoben, um zu sehen, ob nicht ein bißchen Mehlbrei übrig

wäre, eine andere steckte den Kopf zum Kuhstall hinein, ob nicht Salz

verschüttet wäre, eine dritte preßte den Kopf durch die Stäbe des

Gatters und streckte den Hals nach einem Büschel Gras drinnen auf der

Sennwiese.

Als Gudbrand sie gesammelt hatte, erteilte er Lykkelin seine Befehle.

Jetzt sollte sie es ihm danken, daß er ihr sein Vertrauen geschenkt

hatte; sie sollte nicht vor dem Abend nach Hause kommen; aber da sollte

sie auch kommen und alle mit sich haben. Und sie täte am besten, nicht

nach den Hammerbergen hinunterzugehen, denn es war so schwer, von

dort wieder hinaufzukommen, daß sie die Milchziegen nicht mitbekommen

würde, sie sollte sich oben auf den Lövhügeln halten. Damit fuhr er

fort, solange die Sennhütte zu sehen war, aber als er hinter das erste

Wäldchen kam, ließ er sie ziehen und legte sich hinter eine kleine

Tanne. Hier zog er das Buch unter der Weste vor; es war am sichersten,

die Heiligung noch ein wenig durchzugehen. Man konnte nie wissen,

worauf sie kämen und das Stück: warum nennt man die Kirche heilig, war

so furchtbar lang. Er las es zweimal durch, machte das Buch zu und

versuchte -- nein -- noch einmal -- dann versuchte er wieder. -- --

Er merkte nicht, daß das Vieh vorüberzog, merkte nicht, daß ein Kalb

an der Tanne vorbeikam, bis es sich erschreckt auf die Seite warf, den

Schwanz in der Luft. Aber da standen auch Kjersti und die Mutter dort.

Nein, du hast aber einen feinen Jungen, Randine! Liegt er nicht da und

lernt!

Hat es dich doch noch gepackt, Gudbrand, jetzt wo es dir auf den Nägeln

brennt! Es war aber auch die höchste Zeit!

Sie hatte es wohl gemerkt, daß Gudbrand schon seit langer Zeit das

Buch mit sich in den Wald geschmuggelt hatte, aber sie hatte nicht

dergleichen getan. Und jetzt sagte sie zu Kjersti:

Ja, Gott weiß, wie es gehen wird! Ich habe ihn den ganzen Sommer kaum

ein Buch in die Hand nehmen sehen.

Gudbrand stand ein wenig verlegen auf:

Es fiel mir ein, daß Marten Madslien gesagt hat, es hätte in den

Blättern gestanden, daß wir ein neues Fragebuch bekommen würden, das

kürzer sein sollte, und da fand ich, ich müßte 'mal nachsehen wie lang

das wäre. Es ist wohl nicht zu erwarten, daß es viel besser wird.

Er steckte das Buch unter die Weste und stolzierte zurück nach der

Sennhütte.

Eine Weile darauf lief er den Abhang hinunter mit dem Gesangbuch, dem

neuen Testament und einem Päckchen Waffeln unter dem Arme.

* * * * *

Die kleinen Kirchenglocken hatten zum erstenmal geläutet.

Von allen Seiten kamen Leute herbeigeströmt, schüttelten sich die

Hände und stellten sich schweigend in Reihen längs der Kirchhofsmauern

oder in dem Torweg der Wagenschuppen auf. Wer von weit her kam, suchte

schwitzend mit der Jacke über dem Arm den Schatten und wischte sich

mit der Hand über das Gesicht. Wer Konfirmanden hatte, gab ihnen die

letzten Ermahnungen und schickte sie auf den Kirchplatz, wo sich die

Kinder in Scharen versammelt hatten, eine Schar für jeden Schulkreis.

Sie standen schweigend da und sahen sich um, sie warteten auf die

Schulmeister.

Die Erwachsenen redeten auch nicht viel, nur einige Worte, wenn einer

gefahren kam, und hin und wieder beschatteten sie die Augen mit der

Hand und blickten nach dem Pfarrhof hinüber, wo die Fahne in der

stillen Luft hin und her flatterte.

Die kleine Holzkirche lag so weiß da in der Sonnenglut und bekam Risse

von der Hitze, daß es krachte. Es glitzerte in den Fenstern, alle Türen

standen weit offen, und in dem Fensterchen hoch oben im Turm stand der

Glöckner auf beide Arme gelehnt und spähte. Er sollte läuten, wenn er

die Geistlichen in dem Pfarrhoftor sah.

Die Schulmeister kamen, stellten ihre Kinder in langen Reihen auf und

sagten ihnen, was sie zu tun hätten.

Wenn der Bischof durch die Kirche schritt, sollten die Jungen sich

verbeugen und die kleinen Mädchen einen Knicks machen, aber nicht alle

auf einmal, sondern immer erst, wenn der Bischof an ihnen vorbeikäme.

Sie sollten laut antworten und nicht vergessen, dem Bischof gerade in

die Augen zu sehen, wenn er sie fragte, denn das hätte er gern.

Dann hatten sie nichts mehr zu sagen, und es entstand eine feierliche

Stille. Es konnte schon sein, daß ihnen die Stimme ein wenig gezittert

hatte, und große Schweißtropfen traten ihnen auf die Stirn.

Dann mit einem Male zitterten die Glockenschläge durch die Luft, daß

der Turm schwankte. Im selben Nu blickten sie alle nach dem Pfarrhof.

Ja, da kamen sie durch das Gittertor alle miteinander. Nein, was für

ein leutseliger Bischof, der zu Fuß ging!

Und dann begannen sie in die Kirche hineinzuströmen. Jeder Schulmeister

führte seine Kinderschar herein und stellte sie auf. Die Erwachsenen

setzten sich in die Stühle dahinter, hin und wieder gaben sie den

Kindern einen Puff, nahmen ihnen das Frühstückspaket weg und reichten

ihnen ein Buch.

Gudbrand hatte keine Anverwandten da, und er hatte vergessen, die

Bücher herauszunehmen. Er legte das Bündel zwischen die Kniee, aber die

Hand zitterte ihm, als er den Knoten aufmachte. Er steckte das Tuch

in die eine Jackentasche und die Waffeln in die andere, so daß sie

hervorguckten, und nahm die Bücher in die Hand.

Die Sonne schien durch die hohen Fenster, sie streifte die beiden

Stühle, die für den Bischof und den Propst hingestellt waren, fiel

auf die Kniebank und den Altar, bis hinein in die Nische zu den zwölf

Aposteln. Noch knarrte hin und wieder eine Kirchenstuhltür, doch dann

konnte man deutlich hören, wie die Blätter der hohen Birke, die gerade

vor dem Fenster stand, leise gegen die Scheiben streiften.

Dann wandten sich auf einmal alle Köpfe um, und alle Jungen hielten

den Atem an, bis sie ihre Verbeugung hinter sich hatten; denn da

kamen sie, zuerst der Bischof mit dem goldnen Kreuz auf der Brust und

schwarzem glänzendem Seidenkäppchen, hinterher der Propst und zum

Schluß der Pfarrer in langsamen, feierlichen Schritten durch die Kirche

und grüßten mit kleinen ernsten Verbeugungen nach beiden Seiten.

Es war beinahe eine Erleichterung, als sie oben am Altar niederknieten

und der Küster wie gewöhnlich vorkam und das Eingangsgebet verlas.

Als er fertig war, räusperte man sich und scharrte wie sonst, und der

Kirchendiener lief mit der Mütze in der Hand um den Altar und jagte

einen Hund, der sich eingeschlichen hatte, hinaus.

Darauf hielt der Propst eine Rede, und dann begann das Kirchenexamen.

Es kribbelte Gudbrand förmlich im Magen, während die Fragen und

Antworten fielen, und das nahm zu, je näher es an ihn herankam. Das

Blut schoß ihm in die Backen, wenn einer dastand und stotterte und

stammelte; er hatte sich halb gewandt, war beinahe im Begriff, einen

Schritt vorzugehen und hielt die ganze Zeit seine Augen auf den Bischof

gerichtet. Wenn er ihn nur fragen wollte!

Aber der Bischof stand in lauschender Stellung da, die sanften blauen

Augen auf den, den er fragte, geheftet, und wenn die Antwort endlich

einigermaßen zustande kam, nickte er viele Male mit dem Kopf und tat

einen Schritt zur Seite.

Sie schlichen sich mühselig weiter, alle saßen aufmerksam lauschend da,

nickten und warfen sich Blicke zu. Es herrschte eine solche Spannung,

daß es fast wie eine Erlösung wirkte, als ein milder Regenschauer

im Sonnenschein draußen fiel und die nassen Birkenblätter gegen das

Fenster zitterten.

Gudbrand vergaß sich, als es so lange dauerte. Er stand und betrachtete

das glänzende Laub. Doch auf einmal erschrak er bis in die Knie. Da

stand der Bischof gerade vor ihm, und der Schulmeister hatte die Frage

begonnen, ehe er zuhörte:

Wir hörten neulich, daß im dritten Artikel steht: die ~heilige~,

christliche Kirche.

Kannst du mir sagen, warum die Kirche heilig genannt wird?

Da hatte er es; wie gut, daß er es noch durchgegangen hatte! Es wurde

ihm schwarz vor den Augen, er konnte nicht auf das erste Wort kommen.

Nun? Warum wird die Kirche heilig genannt? Weil --

Weil der heilige Geist durch seine heiligen Gnadenmittel sein Werk

der Heiligung an allen ihren Gliedern ausführt, darum wird die Kirche

heilig genannt trotz der Sünde und Armseligkeit, die sich in ihr

findet.

Der Bischof nickte viele Male, und der Schulmeister ließ einen Blick

über die Gemeinde streifen.

Sein Werk der Heiligung in allen ihren Gliedern, -- fuhr der

Schulmeister fort. Wer sind die Glieder der Kirche?

Gudbrand überlegte.

Gehörst du zu den Gliedern der Kirche?

Ja.

Und ich?

Ja.

Und der Bischof?

Gudbrand dachte nach. Er fand nicht, daß es anging, daß er mit

dem Bischof zusammengehörte, und darum flüsterte er, daß nur der

Schulmeister es hörte:

Nein.

Überlege es dir einmal; gehört nicht der Bischof zu den Gliedern der

Kirche?

Doch.

Der Bischof nickte.

Nun denn, wer gehört also zu den Gliedern der Kirche?

Gudbrand ging ein Licht auf.

Alle, die an Christum glauben.

Richtig. Aber --, kannst du aus dir allein an Christum glauben?

Nein.

Wer verhilft dir zum Glauben?

Der heilige Geist.

Was steht darüber in dem dritten Artikel?

Ich glaube, daß ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesum

Christum, meinen Herrn glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der

heilige Geist hat mich --

Richtig. Würde es Klugheit oder Torheit sein, wenn du glaubtest, daß du

aus eigener Kraft an Christum glauben könntest?

Torheit.

Wenn nun der Bischof sagte, daß es anginge, wer wäre dann klüger, du

oder der Bischof?

Gudbrand überlegte. Der Bischof wurde ein wenig unruhig und wollte zum

nächsten übergehen, blieb aber lauschend stehen.

Nun? Wer wäre dann der Klügste, du oder der Bischof?

Nein, das ging nicht an, wenn alle zuhörten zu sagen, er wäre klüger

als der Bischof:

Der Bischof wäre der Klügste.

Der Bischof schüttelte heftig den Kopf. Dann ging er zu ihm hin und

strich ihm sanft über das Haar:

Nein, mein Junge, dann wärst du klüger als der Bischof.

Ja, sagte der Schulmeister, du meintest aber, auf so etwas könnte unser

gottesfürchtiger Bischof nie verfallen, nicht wahr?

Ja.

Das war recht, mein Junge, mit Gottes Hilfe wird er das nicht tun,

sagte der Bischof, strich ihm noch einmal über den Kopf und ging dann

weiter.

* * * * *

Die Sonne stand schon tief über dem Neusäterberg, als Gudbrand der

Sennhütte zustrebte.

Lykkelin war schon mit der ganzen Herde nach Hause gekommen, und sie

lagen jetzt satt und zufrieden am Viehgatter und wiederkäuten. Die

Ziegen drehten sich nur ein wenig um und meckerten, als er kam. Die

Mutter war drinnen im Kuhstall und melkte; sie sah ihn nicht, ehe er

hereinkam. Er nahm sich viel Zeit und schob den Riegel behutsam vor.

Nein, da bist du ja, Gudbrand? Wie war es denn?

Ach, es war wohl ungefähr, wie man erwarten konnte, denke ich.

Konntest du antworten?

Ach, du weißt, ich wußte schon das meiste, was sie fragten.

Erzähle doch!

Da gibt es nicht weiter viel zu erzählen, finde ich. Und dann sagte er

plötzlich: Nein, jetzt muß ich schon meine alten Sachen anziehen und

anfangen zu melken; man kann nicht den ganzen Tag nur zum Staate da

sein.

Mehr bekam die Mutter nicht aus ihm heraus. Sie begann zu fürchten, daß

er seine Sache nicht gekonnt hätte. Eine Weile darauf kam er in seinen

alten Sachen wieder heraus und begann die Ziegen zu melken. Gudbrand

war so unglaublich verschlossen.

War denn der Bischof freundlich?

Ach ja, er war nicht gerade unangenehm.

Hat er etwas zu dir gesagt?

Ach ja, er hat schon auch etwas gesagt.

Was hat er denn gesagt?

Ach, -- man darf nicht alles glauben, was man hört.

Was sagst du da?

Jungen · 第 2 / 8 段