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Anmerkungen zur Transkription.
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des
Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler
sind stillschweigend korrigiert worden.
Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; ~gesperrte~ so und
+fett gedruckte+ so.
Eine Liste der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.
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Hans Aanrud
Jungen
Vierzehn Geschichten
von kleinen ganzen Kerlen
Mit Bildern
von
Lisbeth Bergh
Erstes bis drittes Tausend
Leipzig
Verlag von Georg Merseburger
1910
Einzige autorisierte Übersetzung aus dem Norwegischen von +Dr.+
Friedrich Leskien und Marie Leskien-Lie. Einbandzeichnung nach einem
Bild von L. Bergh von A. Andresen.
Alle Rechte vorbehalten.
Von Hans Aanrud erschienen:
+a+) ~für Kinder und Erwachsene~
Sidsel Langröckchen, Erzählung
brosch. M. 2,25 geb. M. 3,--
Kroppzeug, zwölf Geschichten von kleinen Menschen und Tieren
brosch. M. 2,25 geb. M. 3,--
+b+) ~für Erwachsene~
Erzählungen, sechzehn Geschichten
brosch. M. 3,-- geb. M. 4,--
Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
Inhaltsverzeichnis.
Seite
Der Gemeindejunge 1
Amunds neue Ski 12
Wenn die Graugänse fliegen 22
In Großvaters Auftrag 36
Kirchenexamen vor dem Bischof 49
Die Mütze, die auf der Wolke war, um Gold
zu holen 67
Der erste Arbeitstag 80
Alexander und Buzephalos 92
Holzvermesser Ole Pedersen 106
Ranzenräuber und Zottelbär 114
Tischler Simen und der Blaufuchs 126
Die Kvinstöljungen 140
Erste Liebe 154
Wie Hans und Marte die Henne hüteten 173
Der Gemeindejunge.
Die Sonne hatte schon längst ihren ersten goldenen Morgenstreifen über
die Tannenwipfel ganz oben an der Westseite des Tals gesandt, war
langsam die hintere Talwand bis auf den Talboden heruntergeschlichen
und wollte eben beginnen, an der östlichen Talseite hinaufzukriechen,
die bisher im Schatten gelegen hatte. Aber gerade als sie zwischen den
Tannenwipfeln hoch oben hervorgucken wollte, war nichts mehr da, was
sich hindernd dazwischenstellte, und auf einmal rieselte ihr gelbes
warmes Licht in zitternden Wellen über die ganze Talseite hinab, es
schlüpfte zwischen dem winzig kleinen jungen Laub hindurch, liebkoste
das feine zarte Gras, das eben begonnen hatte hervorzusprießen, glitt
glitzernd über die rauschenden Frühlingsbäche hin, die nach dem kleinen
trüben Fluß unten im Talgrund hinabströmten, und füllte das ganze Tal
mit seinem Licht. Mit einem Male war das ganze keimende, sprießende
Leben des Frühlingsmorgens erwacht, aber die großen wohlgepflegten
Höfe lagen noch still da, mit verschlossenen Türen und in der Sonne
glitzernden Fensterscheiben, nur hin und wieder stieg ein blauer Rauch
aus den Essen kerzengerade in die klare Luft.
Ein kleiner Junge mit offnen blauen Augen kam und guckte durch das
rotgestrichene Gattertor, das nach dem ebenen breiten Hofplatz
auf Opsal führte. Nie hatte er etwas so Schönes gesehen wie das
weißgestrichene Gebäude und die merkwürdige Treppe mit dem Geländer
außen dran. Und alle die anderen langen, rotgestrichenen Häuser!
Es war alles gerade, wie er sich die Königsschlösser gedacht hatte,
von denen in den Märchen die Rede war. Es fehlte nur ein König drüben
auf der Treppe, sonst war alles genau so! Er mußte unwillkürlich noch
einmal nachsehen; es war aber keiner da.
Er war nicht gerade ein Staatskerl, der kleine Junge, der dort durch
das Gattertor guckte. Auf dem Kopfe hatte er einen durchlöcherten
Strohhut, der so weit hinten im Nacken saß, daß der blonde Schopf
gut zu sehen war, der fast bis über die großen blauen Augen und eine
kleine wichtige Nase herunterhing. Eine Jacke trug er nicht, nur eine
karrierte Unterjacke, die an den Ärmeln geflickt war. Die Hosen, die
nur aus Flicken bestanden, reichten nicht weit über die Knie, so daß
man die großen Frauenstiefel, in denen er ging, ganz sehen konnte;
sie waren viel zu groß, die Schäfte gähnten um die dünnen Waden, da
die Riemen nur für die Hälfte der Löcher ausgereicht hatten, und die
Spitzen bogen sich vorn nach aufwärts. Im Arm trug er ein Bündel, das
in ein dunkles karriertes Tuch eingewickelt war.
Es war der acht Jahre alte Tor aus Stubsveen, dem obersten Häuslerplatz
ganz oben am Waldrand drüben auf der anderen Talseite; er sollte heute
seine Stellung als Gemeindejunge auf Opsal antreten.
Plötzlich zuckte er zusammen, bewegte sich nicht etwas da drüben auf
dem Hof? Er blickte hin. Nein, es war wohl nichts. Alles war so still;
ob sie wohl noch nicht aufgestanden waren? War das eine Art, mitten am
hellichten Tage! Er sah nach der Sonne, die jetzt bis über die obersten
Tannenwipfel gekommen war.
Nein, es war doch wohl noch sehr früh. Die Uhr hatte auch die letzten
Tage drüben in Stubsveen gestanden. Er mußte warten.
Er wandte sich um, stützte den Ellbogen an das Gatter und den Kopf in
die Hand und sah über das Tal hin und weit an der anderen Seite hinauf.
Da lag Stubsveen -- er hatte es nie aus so weiter Entfernung gesehen.
Es war aber auch nicht viel daran zu sehen, er hatte nicht gewußt, daß
es so armselig aussah und so unermeßlich hoch oben lag.
Übrigens durften sie sich nicht einbilden, daß es so armselig war, wie
es von hier aussah; sie konnten nicht den Söller auf der anderen Seite
sehen, und dort war auch das Kammerfenster, das machte viel aus. Er
guckte wieder nach dem Hof, -- Opsal sah auch nicht so prächtig aus von
da oben, wie es war. So kam er also doch nach Opsal. Die kleine Ane
mußte sich damit begnügen, nach Hoel zu kommen; -- nun! Hoel war schon
auch prächtig genug, aber mit Opsal ließ es sich nicht vergleichen.
Er mußte daran denken, wie er und Ane neulich gegen Ende des Winters
am Fenster drüben in Stubsveen knieten und über das Tal blickten und
sich aussuchten, wo sie in Dienst gehen wollten, wenn sie groß wären.
Ane war gleich bereit zu sagen, daß ~sie~ nach Opsal wollte, aber
da hatte Tor gesagt, daß ~er~ dorthin wollte, denn er wäre ein
Junge, und er wäre der Älteste, und sie wäre nur ein Mädchen; aber Ane
war hartnäckig, und da zankten sie sich. Da wurde zuerst Ane von ihm
durchgeprügelt und dann er von seiner Mutter; ja sie konnten sagen, was
sie wollten, es war nun einmal so, daß die Mutter ein bißchen zu viel
zu Ane hielt; denn ~die~ konnte auch manchmal unartig sein; --
wenn er es vielleicht öfter war, so war er auch ein Jahr älter.
Seine Augen glitten unwillkürlich nach Hoel hinüber, einem andern
großen Hof, ein Stück davon entfernt.
Ob Ane wohl jetzt bis nach Hoel gekommen war? Vielleicht stand sie auch
da und wartete; es sah auch nicht aus, als ob sie dort aufgestanden
wären.
Ane konnte einem richtig leid tun, sie war so still und kümmerlich, als
sie sich hier unten am Gatter trennten.
Ach, Ane konnte doch auch furchtbar gut sein. Wenn er es sich recht
überlegte, so war sie wohl doch viel, viel besser als er. Ja, das war
kein Zweifel, das hatte sich besonders in der letzten Zeit gezeigt.
Denselben Tag, wo er sie durchprügelte, war der Vater krank geworden,
es war Lungenentzündung, und Ane weinte viel mehr als Tor, als der
Vater krank war, und als er starb, und als sie ihn zur Kirche fuhren
und Erde auf ihn warfen.
Ja natürlich, er fand es auch so traurig, wie irgend möglich, aber es
lag jetzt auf einmal so vieles auf ihm, daß er zum Weinen keine rechte
Zeit hatte. Erstens mußten sie den furchtbar dicken Doktor mitten im
schlimmsten Tauwettermorast bis nach Stubsveen hinaufschaffen, und
wenn er auch wütend war über den Weg und das Fahrzeug und die ganze
Schererei, so war es doch ein Aufzug, der nicht eigentlich zum Weinen
war, -- sie konnten darüber denken, wie sie wollten. Dann kam die
Leichenstrohverbrennung -- er mußte es noch selbst anzünden -- und dann
waren so viele Leute da, der Tischler und viele alte Weiber, und dann
gab es ein Leichenbegängnis mit Geschenken und so vielen guten Dingen,
wie er nie oben in Stubsveen gesehen hatte, und dann fuhren sie mit
vier Schlitten nach der Kirche, und er durfte auf dem Schlitten, der
gleich hinterm Sarge fuhr, hinten aufsitzen.
Wenn er alles wahrheitsgemäß überdachte, so hatte er eigentlich nicht
mehr als einmal geweint, und das war -- hinterher; es geschah obendrein
hauptsächlich, weil die Mutter so sehr weinte, als sie von dieser
Gemeinderatsversammlung, oder wie sie es nannten, nach Hause kam, wo
bestimmt worden war, daß er und Ane in der Gemeinde untergebracht
werden sollten --, ja sie sollten nur nicht sagen, daß ~er~ der
Gemeinde zur Last fiel, denn der Bauer von Opsal hatte ihn umsonst
genommen und gesagt, ein solcher Junge wäre wohl imstande, sein Essen
und seine Kleider zu verdienen.
Aber Ane, die Ärmste, weinte die ganze Zeit. Auch heute früh, als sie
von zu Hause fortzogen, weinte sie so bitterlich, daß sie nicht einmal
den Kaffee herunterbekommen konnte; aber auch da wollten ihm keine
Tränen kommen. Erst als er sich hier unten am Gatter, das nach Hoel
hinaufführte, von Ane trennen sollte und er ihre kleine weiche Hand
nahm und sagte: Leb' wohl denn, kleine Ane, schnürte ihm etwas die
Kehle zusammen, und er mußte sich schnell umwenden und weitergehen;
es war ja nicht gerade notwendig, es sehen zu lassen; aber auch da
schluchzte Ane, er sah es deutlich an ihrem Rücken, als er sich
umwandte, wie sie eben im Begriff war, so klein und kümmerlich durch
das Gattertor zu gehen.
Wenn er sie wiedertraf, sollte Ane wirklich sein Taschenmesser
bekommen, das sie so gern haben wollte; er selbst würde es nicht mehr
so nötig haben, er müßte doch zusehen, bald ein Scheidenmesser zu
bekommen.
Er blieb eine Weile stehen, dann guckte er wieder durch das Gatter.
Wahrhaftig, dort war der König draußen auf der Treppe, ein großer
starker Mann in schlohweißen Hemdsärmeln. Aber er hatte keine Krone
auf, nur eine kleine Schirmmütze, die weit hinten im Nacken saß.
Unsinn, das war natürlich der Bauer selber. Wie er sich dehnte und in
der Morgensonne wohl fühlte!
Ja, jetzt mußte er wohl hin und sich zur Stelle melden.
Er öffnete vorsichtig das Gattertor, schlüpfte durch und machte es
hinter sich wieder zu, ohne sich umzuwenden; -- es war, als machte es
ihm Mühe, zurück zu blicken. Er blieb einen Augenblick stehen, zog die
Hosen herauf und schob den Hut noch weiter in den Nacken. Dann hielt
er die Arme in zwei großen Bogen von den Seiten ab und ging vorwärts,
langsam und mit langen Schritten wie ein Erwachsener, die Augen die
ganze Zeit auf den Mann auf der Treppe gerichtet.
Als er näher kam, fiel es ihm offenbar schwer, gerade draufloszugehen,
und so näherte er sich in einem großen Bogen der untersten
Treppenstufe. Er nahm die paar Stufen, blieb stehen, machte eine tiefe
Verbeugung mit dem Kopf, führte die eine Hand an seine weiße Mähne und
streckte die andere aus:
Guten Tag!
Opsal nahm die kleine braune Hand, die ganz in seiner großen Faust
verschwand, und sah mit verhaltenem Lächeln auf ihn herunter.
Guten Tag. Sind so erwachsene Burschen schon so früh unterwegs?
Ja, das sind sie. Es ist schönes Wetter heute.
Opsal fuhr fort ihn anzusehen. Tor sah weg, setzte den Fuß vor und
suchte eine erwachsene Stellung einzunehmen:
Du bist der Opsal selber, scheint mir.
Ja, sie nennen mich so. Aber was bist du für ein Bursche?
Tor sah sehr erstaunt aus.
Weißt du das nicht? Ich sollte ja jetzt dein Knecht sein.
Meiner? Sieh mal einer an, da bist du wohl mein neuer Knecht aus
Stubsveen. Wie heißt du?
Weißt du das auch nicht? Ich heiße Tor.
Ja richtig. Du bist wahrhaftig zeitig unterwegs.
Ich finde eher, daß man hier spät aufsteht. Wir beginnen den Tag früher
oben bei uns.
Hm. Und jetzt hast du vielleicht vor gleich für immer dazubleiben?
Ja, das war die Meinung.
Tat es dir denn nicht leid, von Mutter wegzugehen?
Die Kehle wollte sich Tor wieder zuschnüren, aber er biß die Zähne
zusammen und schluckte alles schnell herunter.
Ach, du weißt -- aber man kann doch nicht sein Lebenlang am
Schürzenband hängen.
Opsal lächelte.
Ja, willkommen denn, und geh dann mal in die Küche und sieh zu, daß du
etwas zu essen bekommst; du hast wohl Hunger nach dem langen Weg, den
du schon hinter dir hast.
Aber ist es nicht unrecht, mit Essen zu beginnen, ehe ich etwas getan
habe?
Ja, was hast du dir eigentlich gedacht, daß du hier auf Opsal tun
willst?
Das, was du von mir verlangst.
Glaubst du, daß du das alles kannst?
Nach dem, was ich gehört habe, sollst du kein unbilliger Mann sein;
übrigens -- er betrachtete Opsal von oben bis unten mit seinen offenen
blauen Augen -- kann es schon sein, daß ich imstande wäre, Dinge zu
tun, die du selbst nicht bewältigen könntest.
Was sollten denn das für Dinge sein?
Tor antwortete rasch:
Die Kälber durch das Gebüsch jagen.
Der Opsal sah sich selber an, und dann lächelte er Tor zu:
Du bist wohl ein großer Schelm.
Tor sah ihm lächelnd gerade in die Augen:
Ja, wenn ich nur nicht hier auf Opsal meinen Meister finde.
Opsal nahm ihn an der Hand: So, jetzt mußt du mit hereinkommen und dir
die Leute und die Einrichtung ansehen, und wenn es dir gefällt, dann
ist es wohl am besten, ich ernenne dich gleich zu meinem Großknecht.
Jetzt hast du mich wohl wieder zum besten, Opsal; aber vielleicht
könnte ich auch das fertigbringen.
Sie gingen Hand in Hand hinein.
So hielt der Gemeindejunge seinen Einzug auf Opsal.
[Illustration]
Amunds neue Ski.
Amund schielte unter der Felldecke hervor:
Ane Marja? -- A--ne Mar--ja! Sagte der liebe Gott etwas davon, wie
lange es dauern sollte, bis ich meine Ski bekäme? Er lauschte. Nein,
Ane Marja schlief wohl schon. Teufel auch! er mußte es jetzt wissen,
denn so ging es nicht weiter.
Ane Marja hatte gesagt, daß alle artigen Jungen Ski vom lieben Gott
bekämen, und da konnte kein Zweifel sein, daß er sie bekommen würde.
Aber es war ihm darum zu tun, sie bald zu bekommen; Ane Marja und der
liebe Gott sollten nur wissen, wie es war, drüben auf dem Südfeld zu
stehen und alle die anderen Jungen Schlitten fahren zu sehen. Und
die Skibahn, die jetzt war! Wenn der liebe Gott selbst zum Skilaufen
zu alt war, so mußte er doch wissen, daß Amund im Frühling keine Ski
brauchte, wenn der Schnee entweder zu weich oder zu hart war. Nein,
sollte er welche haben, so mußte es jetzt sein. Er konnte auch nicht
begreifen, warum es so lange dauerte. Denn artig war er gewesen. Am
zweiten Weihnachtsfeiertag hatte Ane Marja es gesagt, und jetzt war
schon Hochneujahr, und in dieser ganzen Zeit hatte er sich nicht mit
der kleinen Liese gezankt, nicht einmal, als die Lakritzenstange in
seinem Kasten anfing kleiner zu werden, -- ja, denn es konnte niemand
anders als Liese sein, die daran schuld war. Er hatte nur den Kasten
zugeschlossen, denn da hörte doch alles auf. Sie konnten doch nicht
verlangen, daß er sie alles aufessen lassen sollte. Nein, ~daran~
konnte es nicht liegen. Jon Rönningen hatte schon vor langer Zeit Ski
bekommen, -- Amund glaubte übrigens nicht, daß diese Ski so wundervoll
wären, wie Jon immer tat, -- und er war gar nicht artig; -- ein
richtiger Lümmel; -- und wie er fluchte!
Und dann Hans Svebakken. Er hatte zu Weihnachten welche bekommen; ach
ja, das war nicht ganz unbillig; ~denn er war artig~; er hatte
Amund gestern zweimal seine Ski geborgt, um auf dem Südfeld darauf zu
laufen.
Nein, er konnte es nicht begreifen. Wenn es wenigstens so gewesen wäre,
daß es viele gab, die Ski haben sollten, so konnte man dem lieben Gott
verzeihen, daß er nicht genug fertigbekommen hätte; aber es waren ja
nur Amund und Lars Sagbakken, die keine hatten.
Ach ja, er glaubte schon, daß er sie vor Lars bekommen würde, denn Lars
sagte gestern: Hol' mich der Teufel, und das war ein Fluch, hatte Ane
Marja gesagt.
Aber, du liebe Zeit -- warum konnte er sie nicht gleich bekommen? Es
war schade um jeden Tag, den es länger dauerte.
Sie meinten wohl doch, daß er nicht artig genug wäre. Aber er hatte
getan, was er konnte, -- und Amund zog wieder den Kopf unter die
Felldecke.
Wenn Lykkelin bald Zicklein bekommen hätte, so würde er sich weder von
Ane Marja noch vom lieben Gott haben hereinreden lassen; denn Lykkelin
hatte immer Zwillinge, und für das Fell von ihnen hätte er schon ein
Paar Ski bekommen, -- wenn sie auch nicht so besonders gut gewesen
wären --; aber Lykkelin setzte in diesem Jahre aus. Sie sollte erst
Mitte Februar Junge haben.
Er steckte den Kopf wieder hervor.
Nein, er mußte es sich noch einmal überlegen, woran es wohl liegen
könnte. Hatte er etwas getan, was nicht recht war? Ja, er hatte das
Band aus dem Schlitten genommen, damit Liese ihn nicht brauchen sollte;
aber das konnte er doch machen, wie er wollte, denn es war ~sein~
Schlitten. Doch, er war artig gewesen. Aber sie glaubten vielleicht
nicht an ihn?
Ach, er würde gern den Schlitten und die Lakritze weggeben, wenn er sie
nur bald bekäme!
Die Lakritze?
Sollte er es damit versuchen, um ihnen zu zeigen, daß es ernst war? Ja,
das wollte er tun.
Er richtete sich vorsichtig auf den einen Ellbogen auf und horchte, ob
Ane Marja schlief. Ja, sie schlief.
Dann kroch er vorsichtig unter der Felldecke hervor und schlich sich
leise durch das Zimmer bis an seine Truhe. Den Schlüssel hatte er
daruntergelegt. Er öffnete sie, nahm die Lakritzenstange heraus und
wickelte sie aus. Dann ging er ans Fenster. Es war am besten, sie dahin
zu legen, da konnte der liebe Gott sie durch die Fensterscheibe sehen.
Er hielt inne und überlegte, ob er sie erst kosten sollte. Nein, lieber
nicht. Der liebe Gott sollte sehen, daß er es ernst meinte.
Er legte sie hin und schlich wieder in sein Bett zurück. Jetzt war
es getan. Er fühlte sich ganz sicher. Das konnte nicht fehlschlagen,
morgen noch würde er Ski bekommen. Er glaubte schon darauf zu laufen,
und er begann darüber nachzudenken, wie er sich den andern Jungen
gegenüber verhalten wollte.
Lars Sagbakken sollte sie vielleicht ein- oder zweimal borgen dürfen,
wenn Amund sie nicht selbst brauchte. Aber gegen Jon Rönningen wollte
er ordentlich stolz sein. Er hatte nicht vergessen, wie er neulich die
Ski von Hans Svebakken borgte. Da hatte Jon, der Lümmel, gesagt, er
sähe aus, als habe er Kartoffeln in der Hosenklappe.
Ja, das kam davon, wenn man Hosen mit Klappe trug. Von jetzt an wollte
er eine Hose zum Knöpfen haben mit Trägern, wie die größeren Jungen.
Ja, Jon wollte er es schon wiedergeben. Er wollte ihm sagen, er sähe
aus, als ob er Milchbrei in den Knien habe, denn Jon hatte krumme
Beine.
Dann schlief er ein.
Und er träumte, daß er dastand und dem lieben Gott zusah, der im
Begriff war, Ski zu tischlern; aber bisweilen kam es ihm auch vor, als
wäre es nicht der liebe Gott, sondern der Tischler Ola, denn er hatte
dieselben krummen Finger und denselben Riß über dem einen Knöchel.
* * * * *
Am Morgen schlief er so lange, bis Ane Marja und Liese aufgestanden
waren. Er schielte nach dem Fenster hin, als er die Hosenklappe
zumachte. Wahrhaftig, die Lakritzenstange war kleiner geworden. Er
beeilte sich, hinaus zu kommen.
Liese stand hinter der Tür und sah nach, ob er böse wurde.
Er erblickte sofort Ane Marja. Es war, als ob sie da stand und auf ihn
wartete. Dann sah er sich um. Oh! Da standen sie an die Wand gelehnt,
neu und fein, geteert bis an die Bindung. Er blieb wie gebannt stehen.
Er sah sie und Ane Marja abwechselnd mehrere Male hintereinander an,
dann fingen die Mundwinkel an zu zittern und sich krampfhaft weiter
auseinanderzuziehen, beinahe bis an die Ohren, zu einem unendlichen
Lächeln, und als er etwas sagen wollte, zog er den Atem ein, so daß er
es nicht herausbekommen konnte.
Ane Marja strich ihm übers Haar. Ja, sie sind für dich, aber jetzt mußt
du wirklich ein guter Junge sein und weder aufschneiden noch fluchen,
sonst nimmt der liebe Gott sie wieder weg.
Er ging um sie herum und betrachtete sie von allen Seiten mit demselben
Lächeln, und dann wagte er sie wegzunehmen.
Nein, so wunderschöne Ski hatte er noch nie gesehen; wie die Spitzen
in die Höhe standen und wie elastisch sie waren! Ob es wohl Birkenholz
war! Nein, es war Tanne; ja, das war auch am besten. Birkenski waren
Plunder, denn sie zogen sich so sehr.
Dann mußte er prüfen, ob die Bindung paßte.
Ja, es -- waren -- prächtige -- Ski!
Er mußte gleich hinüber nach dem Südfeld.
Dort waren sie schon versammelt, Jon Rönningen und Hans Svebakken und
alle die andern, die Ski hatten, ja, sogar Lars Sagbakken, der keine
hatte, stand schweigsam und kümmerlich da und fror. Er tat Amund heute
richtig leid.
Es herrschte ein großer Lärm und Spektakel. Schon von weitem sahen sie
Amund kommen, und Jon rief:
Nein, seht Amund mit den weiten Hosen, jetzt hat er Schneereifen
bekommen!
Amund vergaß, daß er nicht aufschneiden sollte:
Auf den Schneereifen habe ich keine Angst vor dir, auch wenn du doppelt
soviel Milchbrei in den Knien hättest.
Dann sollten sie die Ski ansehen und begutachten.
Jon musterte sie genau:
Sie wären nicht sehr aufgebogen.
Oh, sie wären allemal so gut, wie die Birkenstöcke von Jon, die beide
Enden in die Luft setzten.
Und dann werden sie nicht nach hinten zu schmäler. Sie würden nicht
schnell gehen.
Nein, aber dafür trügen sie auch, wenn der Schnee locker war. Die Ski
sollten auch nicht wie ein Backholz sein.
Und wie stand es, hatten sie die richtige Biegung?
Jon nahm den einen auf und untersuchte ihn.
Ja, etwas gebogen waren sie, aber nicht gleichmäßig, zuviel am
Vorderende; bei lockerem Schnee würden sie unten einschneiden, und bei
hartem würden sie sich kreuzen.
Aber sie wären elastisch!
Elastisch! Glaubte er vielleicht, daß das ein Vorzug wäre, wenn die
Spitzen wie ein Tauende hin und her schlügen! Nein, die Thelemärker,
die zwanzig Ellen hohe Sprünge ausführten, hätten steife Vorderenden
mit einer ganz feinen Biegung --, so fein wie ein Flitzbogen. Solche
wie diese könnten nicht einmal einen kleinen Satz aushalten, geschweige
denn einen richtigen Sprung.
Doch Amund wollte ihm zeigen, daß sie es aushalten könnten. Er erbot
sich, überall nachzufahren, wo Jon mit seinen Birkenstöcken es ihm
vormachte.
Ja, sie könnten es ja erproben, -- nur über den Weg da unten.
Dann machten sie sich auf, Jon voran, und Amund hinterher über das
Südfeld hin. Jon nahm den Sprung und kam gerade auf den Weg unten
an. Die Knie waren ihm etwas wackelig, aber er sprang zu, so daß er
hinüberkam.
Es war das erstemal, daß Amund sich an etwas derartiges wagte, und
darum hingen ihm die Hosen hinten auch noch weiter herunter als
gewöhnlich, wie er ganz zur Seite auf seinen Stock geneigt tiefe
Furchen in den Schnee grub, so daß es stob. Er bekam zu wenig Schwung,
kam nicht über den Wegrand, die Ski blieben stecken und knacks -- --;
trotz seiner Hinterladung flog Amund kopfüber in den Schneehaufen.
Er sprang wie verrückt wieder in die Höhe. Er glaubte einen Knacks
gehört zu haben. Er packte den einen Ski und riß und zerrte an ihm
wie wahnsinnig, bis er ihn draußen hatte -- das Vorderende war mitten
durchgebrochen.
-- Damit war diese Herrlichkeit vorbei. Mit dem anderen nahm er
sich viel Zeit. Er mußte den Handschuh tief in den Mund stecken und
zubeißen, um das Weinen zu unterdrücken.
So etwas hätte er sich nie träumen lassen.
Ganz betäubt nahm er sie bei der Bindung, einen in jede Hand, ohne sie
anzusehen und begab sich auf den Heimweg.
Es ging langsam. Er war so seltsam dünn und klein und krumm in den
Hosen, wie er den ausgetretenen Weg neben der Rinne mehr heraufkroch
als ging, und es konnte schon sein, daß die Hosen beinahe hinten
aufstießen. Er sah gerade in den Schnee, auch als er an den Kameraden
vorbeikam, und sie ließen ihn in Ruhe; es kam ihm vor, als wären sie
auf einmal so still geworden.
Er ging nach Hause, und suchte so zu gehen, daß ihn niemand sah.
Die Ski versteckte er gut unter dem Vorratsgebäude zwischen einigen
Brettern. Dann eilte er hinauf in die Kammer.
Wenn es ~so~ ging, so wollte er seine Lakritze wieder haben. Er
ging schnell ans Fenster.
Wahrhaftig sie war schon halb aufgegessen!
Er nahm sie mit einem Ruck:
Gib mir meine Lakritze wieder, mein Junge, -- und dann wickelte er sie
gut ins Papier und schloß sie in seine Truhe ein.
[Illustration]
Wenn die Graugänse fliegen.
Unter dem großen einsamen Ebereschenbaume oben auf der Höhe auf der
Südseite des Hofes stand Ivar, beide Hände tief in den Hosentaschen,
und sah über das Tal und nach dem Himmel im Süden.
Es war schon richtiger Frühling in der Luft. Nur ganz oben an den
Talrändern und auf den nach Norden gewendeten Abhängen lag noch Schnee,
die Südabhänge und die langgestreckten Äcker waren schneefrei, und die
Erde dampfte unter der milden Sonne. Oben in dem kleinen Tannendickicht
lärmten die Elstern noch wie im Winter, aber auf den Äckern stolzierten
die Krähen ernsthaft herum, lüfteten die Flügel, als ob es zu warm
wäre, und schwelgten in all dem Gewürm, das die Sonne hervorlockte. Die
Ackerfurchen entlang -- Per Madslien versuchte bereits auf dem Südacker
zu pflügen -- gingen die Bachstelzen, die echten Frühlingsvögel, und
zwitscherten und wippten mit dem Schwanz. Die Bäume trugen schwellende
Knospen, die noch nicht aufgesprungen waren, und an den Feldrainen
guckte hier und da eine kleine, gelbe, rundliche Blume hervor; aus
dem Tal herauf ertönte eine tiefe Kuhglocke und dazwischen hinein die
Glocken des Kleinviehes mit ihrem scharfen hohen Ton, und durch all das
Geläute schnitt der einförmige, langgezogene, melancholische Ton einer
Weidenflöte -- der Hirtenjunge mußte schon eine Weide gefunden haben,
die ihre Rinde hergab. Die Luft war von Tönen aller Art erfüllt, die
sich zu einer einzigen mächtigen Frühlingsstimmung mischten.
Ivar schickte einen Jodler hinab, der Hirtenjunge antwortete und
entlockte dann seiner Flöte einen langen, klagenden Ton. Es war so
lockend, eine solche Unruhe in allen Dingen, daß es unmöglich war,
still zu stehen und sich zu Hause zu halten; Ivar erhob schon den Fuß,
um hinunterzurennen. Aber plötzlich richtete er seine Blicke wieder
nach oben, dorthin, wo die Talränder im Süden sich zusammenschlossen.
Er zog den Fuß zurück, blieb mit offnem Munde stehen, riß die Hände aus
den Taschen und hielt sie schützend vor die Augen.
Ja, da waren sie!
Gerade über dem Einschnitt am Talende erschien ein kleiner dunkler
Streifen, hoch oben in der Luft segelnd, gleichmäßig und taktfest,
immer vorwärts!
Das war die erste Schar Graugänse, auf die Ivar nun schon so viele Tage
gewartet hatte.
Seine Wangen röteten sich, er machte eine Wendung, als ob er ins Haus
laufen wollte, bedachte sich aber; es war doch zu herrlich zu stehen
und zu sehen, wie sie vorüberzogen.
Die Schar kam näher, bog ein wenig nach der westlichen Talseite ab,
es sah aus, als stiegen sie immer höher, je näher sie kamen. Bald
konnte er die einzelnen unterscheiden, voran war eine große, starke als
Wegweiser, dahinter die große Schar in zwei Linien, die in einer Spitze
vorn zusammenliefen. Sie flogen gleichmäßig und sicher mit taktfesten
Flügelschlägen.
Als sie mitten vor ihm waren, packte ihn die Lust, diese Regelmäßigkeit
zu zerstören. Die Mutter und Großmutter hatten ihm beide gesagt, daß er
das nie tun dürfte, aber ehe er recht wußte, wie es kam, stand er da
mit ausgestreckter Hand und zeigte auf die Schar.
Im selben Augenblick schwankte die vorderste in der Schar und kam aus
der Reihe, dann noch eine und noch eine, sie gerieten auseinander,
sanken herab, verlangsamten den Flug, es war, als ob sie mit einmal die
Kraft verlören und in die größte Verwirrung kämen.
Lange, hilflose Schreie drangen aus der Luft hernieder, verloren sich
in der Ferne, und merkwürdig, es klang, als kämen sie von allen Seiten.
Ebenso plötzlich wurde Ivar von einer starken Angst gepackt, als habe
er etwas ganz Schlimmes begangen --, er wußte doch, daß es Sünde war,
auf die Graugänse zu zeigen. Er begann ein Vaterunser zu beten -- das
hatte er gehört, war die einzige Art, es wieder gut zu machen.
Der Wegweiser tat ein paar kräftige Flügelschläge, kam an die Spitze
und bog mehr nach Osten ab; eine nach der andern arbeiteten sie sich
wieder in die Höhe und bildeten wieder ihre Reihen, bald gewann auch
die letzte mit ein paar kräftigen Schlägen den Anschluß wieder, die
Schar glitt weiter mit taktmäßigen Flügelschlägen genau nach Norden.
Ivar stand und folgte der Schar langsam mit den Blicken und wurde
gerade mit dem Vaterunser fertig, so daß er ihnen das Amen nachnicken
konnte, als sie den Tannenwald, der sich in blauer Ferne im Norden
hinzog, erreichten und verschwanden.
Es war, als sei die Freude daran ausgelöscht, aber er mußte nun doch
wohl zur Großmutter hineingehen.
* * * * *
Drinnen in der Auszüglerstube saß seine Großmutter, die alte Beret
Madslien, in ihrem Lehnstuhl und brummte. Sie war klein und
zusammengeschrumpft und saß in der Ecke zwischen dem Kachelofen und
dem Bett, wohlverpackt in gestrickte Tücher, mit großen gestrickten
Socken an den Füßen und einem dunkelkarierten Tuch über dem gestrickten
Ohrwärmer. Die Tür zur Stube stand angelehnt, und von drüben drangen
Stimmen herüber. Beret murmelte etwas vor sich hin, zog mit Mühe den
Ohrwärmer zur Seite und horchte:
Hm! Hm! Ach nein, sie waren schon vorsichtig und sprachen leise, daß
sie es nicht hören sollte! Was sie wohl wieder heimlich vorhaben
mochten? O nein, sie sollten sich nicht einbilden, daß sie so
davonkämen.
Oline!
Keine Antwort. Sie nahm ihren Krückstock, der in der Ecke am Ofen stand
und klopfte auf die Diele.
Oline!
Ja -- hier bin ich, Mutter! Was willst du?
Eine energische Frau mittleren Alters erschien in der Tür.
Ich kenne niemand, der so ist wie du, Oline. Nicht zu kommen, wenn ich
dich rufe.
Ich kam ja so schnell ich konnte, Mutter! und es handelt sich wohl auch
um nichts Besondres.
Nein, wenn du nur selber schwatzen kannst, so ist es dir gleich, ob
ich den ganzen Tag allein sitze. Wer ist drüben?
Meinst du es sei jemand drüben?
O ja, ich hörte es wohl! Wer ist drüben? Ich will es augenblicklich
wissen, hörst du?
Ja, ja, es ist ja nur Marthe Moen.
Was will sie?
Oline machte sich irgendetwas am Schranke zu schaffen und antwortete
nicht.
Hörst du nicht, Oline! Sollte man es für möglich halten! Was sie will,
frage ich?
Ach nichts, sie wollte bloß hören, ob sie ein Ferkel haben könnte, wenn
wir welche bekommen.
Hm, hm! hat man so was gehört. Du hast doch nicht etwa auch ihr eins
versprochen?
Sie saß eine Weile ruhig und sah gerade vor sich hin. Dann hatte sie
das Ganze vergessen und fragte plötzlich:
Sind Fremde drüben?
Oline warf einen scharfen Blick auf sie, schüttelte leise den Kopf und
sagte in milderem Tone:
Ich sagte dir doch, daß Marthe Moen da ist!
Nein, ist sie da? Mit ihr muß ich reden. Bitte sie, daß sie zu mir
herauskommt, ehe sie geht.
Ja, das will ich tun, und Oline ging wieder hinüber.
Eine Weile danach kam Ivar in die Kammer.
Ihr Gesicht hellte sich auf, sowie sie ihn sah.
Nein, bist du es Ivar!
Ja, Großmutter; ich kann dich von den Graugänsen grüßen -- jetzt sind
sie da!
Pst -- sie winkte mit der Hand nach der Tür -- mach die Tür zu, Ivar,
daß uns niemand hört.
* * * * *
Sie hatten ihre Geheimnisse, die beiden, und das war so zugegangen:
Es war lange her, daß die alte Beret Madslien das kleine
Auszüglerstübchen verlassen hatte. Sie war alt, und obwohl sie gut
eingehüllt war, fror sie beständig. Ihre Hände waren ganz in Ordnung,
aber wenn sie in ihren Stuhl gekommen war, so saß sie da und konnte
sich nicht allein erheben. Gesicht und Gehör hatte sie so einigermaßen
bewahrt, aber mit den anderen Sinnen war es nicht mehr weit her,
namentlich hatte sie ganz ihr Gedächtnis und ihre Urteilskraft
verloren. Wie alle alten Leute war sie eigensinnig und neugierig
geworden, und es war unmöglich, ihr etwas recht zu machen; wenn sie um
etwas gebeten hatte, so war sie im nächsten Augenblicke unzufrieden,
wenn man es ihr gab.
Meist ließ sie ihre schlechte Laune an Oline, ihrer eigenen Tochter
und der Mutter des Jungen, aus, weil sie am meisten um sie war. Sie
bildete sich ein, daß sie ganz unglaublich viel zu erzählen habe.
In Wirklichkeit war kein Zusammenhang in ihren Reden, es war dies
und jenes, was weit, weit zurücklag, als ihr Mann noch lebte, und
was sie nur noch in den gröbsten Zügen in der Erinnerung hatte und
oft durcheinander mischte. Ab und zu hörte Oline ihr ja zu, aber sie
merkte wohl, daß erwachsene Leute ihr nicht aufmerksam folgten, oft
sogar lächelten, und das verursachte ihr Ärger. So war es gekommen,
daß sie Ivar zu ihrem Vertrauten gewählt hatte. Er hörte ruhig zu, und
es schmeichelte ihm, daß die Großmutter immer so vorsichtig war und
flüsterte, damit kein anderer es hören sollte.
Es war namentlich eins, womit sich die Großmutter diesen Winter
abgequält hatte. Sie wollte ins Freie hinaus. Und das wollten sie ihr
nicht erlauben. Einmal im Winter hatten sie ihr scheinbar nachgegeben,
sie in die Stube hinüber und nach der Tür geführt, aber als sie so weit
gekommen war, war sie plötzlich zornig geworden, »weil es derartig in
der Stube aussähe« und hatte wieder in die Kammer zurückverlangt.
Und seitdem -- sie hatte wohl verstanden, daß sie ihr damals nur zum
Schein nachgegeben hatten -- sprach sie nie mehr zu den Erwachsenen von
ihrem Wunsche, hinauszukommen; aber mit Ivar sprach sie um so mehr
davon: Sie wäre nur vor Sehnsucht krank, sie wäre sicher, sie würde
gesund werden, wenn sie nur das Tal zu sehen bekäme und die Wiesen, und
die Sonne fühlte. Und das sollte an dem Tage sein, wo die Graugänse
kämen, denn dann wäre der Frühling da.
Die beiden hatten nun miteinander ausgemacht, daß Ivar ihr an jenem
Tage hinaushelfen sollte, ohne daß die andern etwas davon wüßten --
deshalb hatte er drüben auf dem Hügel gestanden und nach den Graugänsen
gespäht, heute und viele Tage vorher.
* * * * *
Die Großmutter war sehr eifrig, noch ehe Ivar die Tür geschlossen
hatte. Dann warf sie einen langen Blick nach dem Fenster, beugte sich
zu ihm und flüsterte:
Flogen sie schön in Reih und Glied? Das ist ein gutes Zeichen.
Er fuhr zusammen, wurde feuerrot und antwortete nicht gleich. Sie
fragte auch nicht noch einmal, sondern sah ihn nur fragend an. Da sagte
er:
Ja, Großmutter, sie flogen sehr schön, wie ein Schneepflug.
So sieh zu, daß du deine Mutter aus der Stube bekommst, damit wir
durchkönnen.
Er ging nach der Tür.
Nein, warte ein bißchen Ivar, zieh das oberste Kommodenfach auf, da
findest du ein Stück gebrannten Zucker.
Du weißt, ich bekam das letzte gestern, Großmutter.
So, so; ich möchte dir gern etwas schenken. Sieh nach, ob du etwas
findest, was du haben willst.
Er ging hin, zog das Fach auf, und seine Finger griffen nach einem
silbernen Herzen. Sie sah es.
Ja, ja, das sollst du haben, Ivar.
Er war hocherfreut, aber da fiel sein Blick auf die Großmutter, und er
dachte daran, daß er nicht die Wahrheit gesagt hatte.
Nein, Großmutter, ich kann es ja später einmal haben, sagte er
kleinlaut, legte es wieder ins Fach und ging hinaus. Bald darauf kam er
schnell wieder herein, nahm einen Stuhl und trug ihn hinaus. Dann kam
er wieder herein:
Mutter ist mit Marthe Moen im Schweinestall.
So?
Ja, und nun habe ich einen Stuhl an die Südwand gestellt. Komm nun,
Großmutter!
Er reichte ihr den Krückstock und setzte die Spitze ordentlich auf der
Diele zurecht, daß er fest stehen sollte, darauf stemmte er die Achsel
unter ihren andern Arm und richtete sich auf. Sie kam in die Höhe. Sie
war sehr eifrig, und die Spannung verlieh ihr Kräfte; es ging leichter,
als sie erwartet hatte. Über die Türschwelle nach der Stube ging es
gut, denn sie war ganz niedrig, aber als sie die Stube erst hinter sich
hatten, wurde es schlimm. Sie mußte sich an den Türpfosten lehnen, und
er beugte sich nieder und hob ihr den einen Fuß über die Schwelle,
-- sie konnte ihn nicht so hoch heben. Dann mußte sie sich ein wenig
drehen, damit er auch den andern hinüberheben konnte.
Ein Schauder überfiel sie, es war, als würde sie noch kleiner, als sie
durch die Tür kam und die frische Luft ihr entgegenschlug. Doch sie
ermannte sich und versuchte zu lachen:
Was für ein Unsinn, soll ich nicht hinauskommen, ich bin ja frisch wie
in der Jugend!
Eifriger setzten sie ihren Gang längs der Wand fort, bald waren sie an
der Ecke. Da fing sie an müde zu werden. Das erste, wonach sie sah,
war der Stuhl. Er stand noch ein Stück weit entfernt, zwischen beiden
Fenstern. Sie krochen weiter. Ein paar Schritte vom Stuhle entfernt
konnte sie nicht mehr, ließ den Stock los, streckte die Hand hilflos,
sehnsüchtig nach der Stuhllehne aus, taumelte einen Schritt weiter, riß
Ivar mit sich und bekam gerade den Stuhl zu fassen. Sie sank schwer
darauf nieder, und Ivar setzte sie zurecht.
Die Sonne schien warm auf die Hauswand, das Bachesrauschen kam in
steigenden und fallenden Wellen, Vögel zwitscherten, Insekten summten,
-- der Frühling lag in der Luft.
Ivar stand da und sah sie an. Es fiel ihr schwer, den Kopf aufrecht zu
halten, sie hob ihn langsam, begann an der einen Seite und ließ den
Blick langsam rund um den ganzen Gesichtskreis wandern, aber es war ein
matter und gleichgültiger Blick, und dann sank der Kopf wieder nach
vorn und sie sah vor sich hin. Angst und Enttäuschung überfielen Ivar:
Ist es dir nicht gut, Großmutter?
Sie fuhr zusammen, schauderte, als sie seine Stimme hörte -- im selben
Augenblick fuhr auch ein kalter Luftzug um die Ecke.
Hm! Alles wird verdorben! Die Flur ist nicht wie in alten Tagen.
Ivar machte große Augen.
Wie war es denn damals Großmutter?
Viel, viel schöner. Und die Sonne ist auch nicht mehr warm! Ja, nichts
hat mehr seine richtige Ordnung. Ich will wieder hinein, mich friert!
Hu!
Ivars Stimme zitterte, und er hatte Tränen in den Augen:
Ja, ja, Großmutter, wir wollen wieder hinein! Komm!
Hu, wie kalt! Nein, ich kann nicht, du mußt deine Mutter holen!
* * * * *
Am folgenden Tage waren eine Menge Leute in dem kleinen
Auszüglerstübchen. Die Großmutter lag im Bett und phantasierte. Der
Doktor war eben fort und hatte gesagt, es sei Lungenentzündung, und
es sei nicht wahrscheinlich, daß die Großmutter in ihrem Alter sie
überstehen würde. Die anderen waren ruhig und sprachen leise, aber sie
weinten nicht weiter. Oline mußte doch hier und da, wenn die Großmutter
im Fieber etwas recht Seltsames sagte, den Schürzenzipfel gebrauchen.
Nur Ivar stand im Winkel beim Schranke und weinte unaufhaltsam. Niemand
konnte es begreifen, denn Kinder pflegen so etwas nicht so ernst
zu nehmen. Er hatte auch gestern den ganzen Tag geweint, und daher
hatten sie ihn nicht weiter gescholten, und niemand hatte ihm von dem
Ausspruch des Doktors erzählt, daß sie sich gestern erkältet habe, und
daß er gewissermaßen daran schuld sei.
Es war ganz still in dem Kämmerchen, nur die Großmutter phantasierte
und Ivar schluchzte.
Plötzlich wurde die Großmutter still. Nach einer Weile stieß sie einen
leisen Klagelaut aus und sah sich um. Dann sagte sie mit einem seltsam
milden Klang in der Stimme, so daß alle hörten, daß sie bei Bewußtsein
war:
Ist es Ivar, der so weint?
Ja, sagte Oline. Ivar, die Großmutter fragt nach dir.
Er ging hin, warf sich vor dem Bett auf die Knie und flüsterte:
Es war nicht wahr, Großmutter; denn ich zeigte gestern auf die
Graugänse.
Ja, aber dann betetest du ein Vaterunser, wie ich dich gelehrt habe.
Darauf sagte sie leicht mit einem Lächeln:
Nein, wahrhaftig Oline, das hätte ich bald vergessen. Ivar soll das
silberne Herz von mir haben.
Das war das letzte, was die Großmutter sagte.
[Illustration]
In Großvaters Auftrag.
Burman saß auf dem Schwanz draußen im Hof im Sonnenschein. Er blickte
mit dem einen Auge verstohlen nach den Hühnern, die vorsichtig in
einem großen Bogen um ihn herumgingen und sich nicht getrauten ihm zu
nahe zu kommen, und mit dem andern verfolgte er, was sich sonst im Hof
zutrug: die Katze, die sich am Hause lang drückte und sich jedesmal
flach auf den Boden legte, wenn die Turmschwalben wie schwarze Streifen
vorüberflogen, daß es in der Luft pfiff, die Bachstelzen, die hin und
her trippelten und Insekten fingen, und die beiden kleinen Ferkel, die
drüben an der Stalltür herumwühlten. Er döste leise vor sich hin, denn
es gab heute nicht viel zu tun, die Hühner schienen nicht in den Garten
gehen zu wollen, und die Haustür war geschlossen, so daß die Ferkel
nicht hineinkommen und Unheil anstiften konnten.
Da ging die Tür vorsichtig auf und Burman drehte den Kopf. Es war der
kleine Jon, der auf die Steinfliesen hinauskam und die Tür behutsam
hinter sich schloß.
Was das wohl bedeuten sollte? Er sah sich so schlau um und trug etwas
unter der Jacke.
Als Jon sich ein wenig umgesehen hatte, eilte er über den Hof hinter
das Vorratsgebäude; er machte auch einen kleinen Bogen um Burman, denn
die beiden waren nicht besonders gute Freunde. Jon fand, daß Burman
häßlich war mit seinen langen Zotteln, und dann wedelte er nie mit
dem Schwanz, wenn er ihn streichelte und sah ihn auch nie an, sondern
blickte nur geradeaus und saß ganz still oder ging seiner Wege. Und das
tat Burman, weil er der Ansicht war, er hätte wichtigeres zu tun, als
sich mit so einem Jungen einzulassen, der einem lästig genug werden
konnte, wie er aus seinen jüngeren Tagen wußte.
Eine Weile darauf kam Jon zurück -- jetzt hatte er nichts mehr unter
der Jacke --, er ging hinunter und stellte sich auf den großen Stein
auf der anderen Seite des Hauses.
Burman blickte ihm nach, bis er um die Ecke war, dann erhob er sich,
sah sich noch einmal um und trottete hinter das Vorratsgebäude, er
wollte sehen, was Jon dort hingelegt hatte. Er schnüffelte ein wenig
herum und dann fand er verborgen unter einer Steinfliese an der Wand
ein Tuch, in das etwas eingewickelt war; an dem Geruch merkte er
gleich, daß es Butterbrot war. Hm, es war am besten, heute ein Auge auf
Jon zu haben!
Er ging wieder in den Hof, etwas weiter vor als vorher, so daß er am
Haus vorbeisehen konnte, setzte sich gleichgültig auf den Schwanz und
tat nicht dergleichen.
Da stand Jon auf dem Stein und lehnte sich an die Wand. Er hatte
wahrhaftig auch den neuen Schal um. Er stand mit einem sehr ernsten und
vornehmen Gesicht da und versuchte tiefe und feine Verbeugungen mit dem
Kopfe zu machen, und bei jedem Mal sagte er:
Guten Tag.
Endlich schien es ihm, als ob er es könnte.
Eine tiefe Verbeugung:
Guten Tag! Seid Ihr Peter Sandvold?
Er antwortete auch für den andern:
Ja, der bin ich. Aber nimm erst mal Platz.
O, danke, ich finde schon Platz.
Woher kommst denn du?
Ich bin von Sörbö -- ich sollte hierher gehen und dich vom Großvater
grüßen und dir sagen, er erwartete dich in den nächsten Tagen, da er
etwas hätte, was er unbedingt mit dir besprechen müßte.
Nein, was du nicht sagst. Ja, dann geh bitte in die Gaststube und
gedulde dich bis morgen.
Er wiederholte es noch einmal, aber als er das drittemal anfangen
wollte, kamen die Leute zum Frühstück, und er setzte sich auf den Stein
und tat nicht dergleichen.
Die Sache war, daß Jon sich vorgenommen hatte, heute einen Auftrag vom
Großvater zu besorgen, doch das sollte niemand wissen, nicht einmal
Großvater selber.
Der alte Jon Sörbö, der Großvater, war jetzt so alt und schwach, daß
er schon das dritte Jahr zu Bett lag. Er war nicht krank, aber die
Kräfte reichten nicht länger, und das Gedächtnis begann auch allmählich
nachzulassen. Wie alle seinesgleichen war er ziemlich quengelig
geworden; wenn er sich erst etwas in den Kopf gesetzt hatte, war es
nicht leicht, es ihm auszureden. Und trotzdem alle versuchten, ihm,
soweit es anging, seinen Willen zu lassen, so fand er doch oft, daß sie
unbillig gegen ihn waren, und es gab eigentlich nur einen, der wirklich
gut mit ihm auskam und sein Vertrauter war; das war der kleine Jon --
der hieß ja auch nach dem alten Jon und war der zukünftige Hofbesitzer,
der alles auf Sörbö wieder in die gute alte Ordnung bringen sollte, --
denn der Alte fand, daß Jons Vater, der jetzt den Hof hatte, sich in
vielen Dingen ganz seltsam anstellte.
Im Frühjahr nun hatte der alte Jon es sich in den Kopf gesetzt, daß er
absolut mit seinem alten Freund, Peter Sandvold, sprechen müßte. Was er
eigentlich von ihm wollte, wußte er wohl selber nicht so recht, aber
die Sehnsucht nach dem alten Freunde war da. Erst machte er dem Sohne
nur eine Andeutung, indem er sagte:
Jetzt, wo es auf den Sommer geht, werde ich wohl so weit zu Kräften
kommen, daß ich auf sein kann, und da will ich den Peter Sandvold
besuchen, ich muß notwendig etwas mit ihm besprechen.
Er sah, wie der Sohn in den Bart lächelte, als er antwortete:
Ja, das solltest du wirklich tun, Vater.
Aber der Sommer kam und Jon fühlte sich nicht kräftig genug um
aufzustehen.
Daher sagte er eines Tages:
Du mußt nach Peter schicken; ich muß ihn sprechen.
O ja, das will ich gern bei Gelegenheit tun.
Doch der Alte verstand wohl, was das hieß, und schickte den kleinen Jon
hinterher, und der konnte später berichten, daß der Vater drüben in der
Stube gesagt hätte:
Es ist Unsinn, bei Peters hohem Alter, aber wir wollen so tun, als ob
wir damit einverstanden wären, dann vergißt er es bald.
Seitdem vertraute der Alte sich keinem anderen als dem kleinen Jon
an. Er spekulierte und spekulierte, wie er es anfangen sollte, eine
Botschaft zu senden. Weit war es ja, auf der Landstraße zwei und eine
halbe Meile, aber quer über den Bergrücken knapp eine, wenn man den
direkten Weg durch den Wald einschlug. Gestern nun hatte der kleine Jon
ihm heimlich Feder und Papier gebracht, und er versuchte zu schreiben:
aber es ging nicht und sie waren einig, daß sie warten müßten, bis der
kleine Jon schreiben gelernt hätte; aber er sollte erst zum Herbst in
die Schule kommen.
Als der Alte das hörte, seufzte er:
Herrgott, das wird ein langes Wartejahr.
In diesem Augenblicke tauchte in dem kleinen Jon der Gedanke auf, über
den Bergrücken hinüber zu Peter Sandvold zu gehen, um ihm Großvaters
Botschaft zu überbringen.
Das war es, was er heute heimlich vorhatte, und dafür hatte er den
Reiseproviant verborgen.
Er blieb ruhig stehen, bis die Schnitter die Sensen hingelegt, gegessen
und sich zur Ruhe ausgestreckt hatten.
Darauf eilte er hinter das Vorratshaus, holte das Bündel mit dem
Proviant und machte sich auf den Weg.
Burman war das einzige Lebewesen auf dem Hofe, das ihn sah.
Er drehte sich um, setzte sich ganz ruhig wieder hin und sah nach der
Höhe hinauf.
Er wollte wohl zu Sjur Pladsen, dahin war er oft allein gegangen.
Auf einmal spitzte Burman die Ohren -- da schlug er den Waldweg ein,
und jetzt war er auch schon im Walde verschwunden.
Burman begann mit seiner tiefen Stimme zu bellen, daß es zwischen den
Häusern und über das Tal hin hallte.
Bald darauf trat Jons Vater auf die Schwelle, zornig, weil er geweckt
worden war.
Kaum hörte Burman die Tür gehen, so bellte er noch lauter, lief ein
paar Sprünge den Weg aufwärts und sah sich um.
Verdammter Köter! Uns alle zu wecken!
Burman bellte weiter.
Pfui, willst du ruhig sein! -- er nahm einen Stein und warf nach ihm.
Burman jagte mit eingeklemmtem Schwanz auf den Hof zurück, legte sich
mit einem beleidigten Blick nieder und sagte nichts mehr.
Als sie nach der Frühstückspause herauskamen, bellte er wieder
hartnäckig nach dem Wege, der in die Höhe führte, hin. Die Männer
folgten der Richtung mit den Blicken, und einer sagte:
Was hat der Hund? Ob sich ein Landstreicher gezeigt hat.
Aber der Bauer antwortete:
Ach was, Unarten sind es. Pfui, willst du ruhig sein, wenn es nichts zu
bellen gibt -- darauf gingen sie alle wieder aufs Feld und Burman legte
sich wieder still auf dem Hofe nieder, die Augen spähend nach der Höhe
gerichtet.
Als sie zu Mittag wiederkamen, probierte Burman es noch einmal, sprang
bellend den Weg hinan und wieder zum Bauern zurück, wieder hinauf und
wieder zurück. Doch da wurde der Bauer ernstlich böse:
Pfui, willst du ruhig sein, -- er gab ihm einen Tritt, daß er
fortrollte -- hat man je so einen Köter gesehen.
Während sie hineingingen, sandte Burman ihnen einen langen Blick nach,
dann trottete er, den Schwanz schwer hinter sich herschleppend mit weit
heraushängender Zunge in der heißen Sonnenglut langsam bergauf.
Der kleine Jon war gewohnt, sich allein herumzutreiben, und niemand
hatte ihn vermißt. Erst als sie gegessen hatten, sagte die Mutter:
Wo mag der kleine Jon sein? Hat ihn einer gesehen?
Nein, niemand hatte ihn seit dem Frühstück gesehen.
Sollte er beim Großvater draußen sein?
Sie ging in die Kammer hinaus und fragte.
Nein, der Großvater hätte ihn seit dem frühen Morgen nicht gesehen, er
hätte es so eilig gehabt.
Sie begann unruhig zu werden und suchte im Hofe überall, wo er sich
sonst aufhielt. Die Angst wuchs, sie kam herein und bat eins der
Mädchen, zu Sjur Pladsen hinaufzuspringen und zu sehen, ob er da wäre.