„Herr Amtsbruder,“ sprach der Oberkonsistorialrat, „wir sollen aber

unsern Herrn Heiland nur in seinen guten Werken nachahmen.“

Die Badehütte

Wagner aus Chemnitz hat eine Badehütte ergattert -- die einzige in

Maderno. Er ist sehr stolz darauf.

„Aber --,“ sagt er dem Padrone am nächsten Tag, „-- in der Badehütte

riechts so schlecht ...“

Der Padrone erklärt:

„Es riecht so schlecht, weil unter meiner Badehütte alle Kloaken von

Maderno zusammenlaufen. Und bei dem lebhaften Fremdenverkehr ... Sie

verstehen? Trösten Sie sich, Signor Wagner: in vierzehn Tagen sind die

Fremden weg, dann riecht die Badehütte viel weniger.“

Die Frau

„Wer ist die schöne große Frau?“

„Lyrikerin aus München. Der Herr, der mit sie geht, wird von ihr zum

Mann gehabt.“

Die Dichter

„Komische Stimmung bei so’ner Uraufführung: lauter Leute vom Bau im

Zuschauerraum, das Theater verdunkelt ...“

„Das geschieht mit Rücksicht auf den Verfasser -- damit er nicht die

schadenfrohen Mienen der Konkurrenten sehen muß.“

Das Denkmal

Die Drosedower, treue Pommern, wollten einst dem Kaiser Friedrich ein

Denkmal errichten und bezogen auch eins -- von Moritz Köpenicker & Sohn

in Leipzig-Plagwitz -- zwei Meter hoch, edelste Bronze und garantiert

unverwüstlich.

Leider kriegten sie nicht die Bewilligung zur Aufstellung.

Da sprach Willem Strehlow, der Kirchenälteste:

„Wißt ’r wat?“ sprach er -- „wenn wa ’n Kaiser Friedrich nich ufstellen

dürfen -- nu, denn lassen wa ihm vom Klempner ’n Hut machen -- denn is

et der Turnvater Jahn.“

Familienverhältnis

„Erlauben Sie, Gnädigste, daß ich Ihnen die Herrschaften vorstelle:

meine Braut, die Frau Konsul -- ihr Gemahl, der Herr Konsul -- und ihr

Freund, der Herr Vizekonsul.“

Eile

Der selige Baron Mundy hatte es immer sehr eilig. Wenn er ins Wirtshaus

kam, rief er schon an der Tür:

„Kellner! Suppe, Fleisch, Gemüse, Mehlspeis, zahlen!“

Das Teleauto

Eine Empfindlichkeit, die mit Hilfe unsrer physikalischen Gesetze nicht

mehr erklärt werden kann, zeigt das Auto des Doktors Schachinger zu

Neusiedel am Inn.

An jedem Ersten eines Monats versagt der Wagen ohne ersichtlichen Grund

den Dienst, und kein Mechaniker vermag zu helfen.

Erst wenn der Gerichtsvollzieher dagewesen ist oder Doktor Schachinger

die fällige Autorate durch gütliche Übereinkunft prolongiert hat,

stöhnt der Motor befriedigt auf und funktioniert plötzlich wieder.

Regimentsrapport

Der Oberst:

„Ich habe Ihnen schon viele -- sagen wir: lose Streiche verzeihen

müssen, Herr Leutnant -- was Sie aber jetzt wieder angestellt haben,

übersteigt alle Grenzen. Wie kommen Sie dazu, Anzeigen über Ihr Ableben

zu verbreiten?“

„Habe meine Gläubiger ein wenig schrecken wollen, Herr Oberst.“

Der Lebemann

„Ich habe die sanften Frauen satt. Ich suche mir jetzt eine strenge,

aber gerechte Masseuse.“

Die Stiftungskneipe

Die Landsmannschaft Hercynia feiert ihr Stiftungsfest.

Beim Kommers hat der älteste Alte Herr den Vorsitz übernommen und

gebietet Silentium.

Alles schweigt ehrfürchtig und gespannt.

Doch der Alte Herr rührt sich nicht.

Minuten vergehen in peinlicher Stille -- man sieht einander befremdet

an.

Endlich wagt einer der Festteilnehmer, dem Präsidenten zuzuraunen:

„Bitte, wenn Sie nichts zu sagen haben: heben Sie doch wenigstens das

Silentium auf.“

„Ich möchte ja,“ sagt der Alte Herr verzweifelt. „Aber ich habe

vergessen, wie das Gegenteil von Silentium heißt.“

Die Großstadt

Angermeyers haben eine sonderbare Köchin, die Leni. Sie ist links zwölf

Jahre jünger als rechts und hinten größer als vorn.

Eines Sonntags bittet sie um Urlaub -- sie wolle, sagt sie, tanzen

gehen.

„Sie ...? ... tanzen?“ fragt Frau Angermeyer verblüfft.

„Oh, gnä Frau, in der Stadt trifft sich auf a jeds Madel,“ ruft Leni

mit glühenden Wangen.

Erziehung

Kandidat Schwämmlein, der Erzieher des jungen Grafen, erteilt auch dem

Komteßchen Unterricht.

Einstens sucht er die stillste Klause des Schlosses auf.

Er findet sie unverschlossen.

Als er aber öffnet, sitzt Komteßchen drin und haucht errötend: „Pardon!“

„Komtesse,“ lehrt der Herr Kandidat, „in diesem Fall habe ich Pardon zu

sagen. Sie antworten nur: ‚Ich bitte, Herr Kandidat‘!“

Die Kennerin

„Er hat sich für einen polnischen Grafen ausgegeben -- und Sie haben

ihm das ohne weitres geglaubt, Amelie?“

„Gott, ich hab mir gedacht: wann er wirklich ein Hochstapler wär, hätt

er sich doch nicht für einen polnischen Grafen ausgegeben.“

Am Scheideweg

„Sie wollen mich nicht erhören, Fräulein?“

„Lassen Sie mir doch Zeit, zu überlegen! Eine Verlobung ist ja keine

Kleinigkeit -- sie entscheidet oft über das Schicksal von Monaten.“

Unsre Tante

Unsre Tante hat unglaubliche Taschen. Wenn sie ihr Geldbörschen

vorholen will, muß sie ihre ganze Hinterfront durchstöbern.

Eines Tages verlangte das Söhnchen fünf Mark von ihr für Schokolade --

Tantchen aber mochte vor der großen Gesellschaft nicht auf die Suche

nach ihrer Tasche gehen.

„Später, Kind!“ sagte sie. „Ich habe jetzt kein Geld bei mir.“

Darauf der Kleine:

„Du hast schon, Mama -- greif nur in ’n Popo.“

Die Ehrung

Ich weiß nicht mehr, wo es war -- da wollten sie eine Hohenzollerneiche

pflanzen.

„Nein,“ sagte einer von den Vaterlandslosen, „das Andenken an die

glorreiche Regierung unsres erhabenen Herrschers wird besser durch

einen Trompetenbaum versinnlicht werden.“

Industrie

„Sind eure Möbel auch solid?“

„Ich glaube schon. Allerdings -- heute habe ich eine Postkarte auf den

Bücherschrank gelegt -- da hat er etwas gekracht.“

Der Gasthof

In Salzburg machte sich jüngst ein Mann verdächtig, weil er mit einer

jungen Dame reiste. Man dachte, er wäre ein Mädchenhändler.

Er hatte keine Legitimation bei sich, behauptete aber, einen Gasthof in

Berlin zu besitzen.

Die Salzburger Polizei erkundigte sich telegraphisch nach der Natur

dieses Gasthofs.

Nachmittag traf aus Berlin die Auskunft ein:

„Angefragtes Restaurant hochanständig, in selbem verkehren Israeliten

und Offiziere.“

Fragment

Es gibt kein schlechtes Wetter -- es gibt nur gute Kleider.

Die Aufgabe

Harro, unser Söhnchen, hat seine erste Hausaufgabe zu machen: einen

einfachen Satz zu bilden und ins Heft zu schreiben.

Harro fleht uns um Hilfe an, doch wir, die hartherzigen Eltern,

verweigern sie; er solle sich helfen, wie er kann.

Als er schlafen gegangen ist, schlagen wir sein Heft auf und finden

darin den „einfachen Satz“. Er lautet: „Meine Frau ist wasserreich“.

Der Pudel

Die alte Baronin Mohrenfeld ist verrückt eifersüchtig.

Sie schläft, da der Baron endgültig auf ihre Gesellschaft verzichtet

hat, im Vorzimmer seines Schlafgemachs -- natürlich mit ihrem geliebten

Pudel Bruno.

Da hört sie eines Nachts leise Schritte.

„Bruno, bist +du+ dä?“ fragt sie schlaftrunken.

„Jä, Mämä,“ antwortet eine Stimme.

Und die Baronin legt sich beruhigt aufs andre Ohr.

Ankündigung

„Elegante Ottomane zu verkaufen -- von feiner Dame wegen vorgerückten

Alters.“

Der Verwöhnte

In Gmunden war mir eine Waschfrau dienstbar, die tat ungemein vornehm.

„O mei,“ sagte sie, „ma hat dös Ghörtsich scho so in der Natur, wann

ma mit dö feinen Herrschaften aufgwachsn is. Mei Mann war zwanzig Jahr

Kammerdiener beim hochseligen Herzog von Cumberland. Maanen S’, er

möcht, mit Respekt, a Zeitung nehmen? Naa -- grad Klosettpapier muß er

haben.“

Der Diener

„Küß die Hand, Euer Gnaden, an schön gun Morgen wünsch ich,“ rief der

Diener des seligen Barons Mundy und schnitt ein ungemein freundliches

Gesicht dazu.

Das fiel dem Baron Mundy auf.

„Was hast denn, Johann?“ fragte er -- noch halb verschlafen.

„Euer Gnaden -- heut saans grad fünfundzwanzig Jahr, daß ich die Ehre

hab, bei Euer Gnaden zu dienen ...“ -- Johann erwartete ein größeres

Geldgeschenk.

Baron Mundy aber wurde vor Zorn blaß. Und langte nach dem Stiefelzieher.

„Seit du bei mir bist, Schurke, siehst du mich alle Tag nach rechts aus

dem Bett steigen, und alle Tag stellst du mir die Pantoffel nach links.

Ich hab bis heut noch kein Wort gesagt -- ich hab sehen wollen, ob du

endlich doch von selber draufkommst. Und das geht jetzt schon, sagst

du, fünfundzwanzig Jahre so?“

Sprachs und krachte dem getreuen Johann den Stiefelzieher an den Kopf.

Hof

„Unser Prinz braucht keinen Sabberlatz -- er hat die große

Familienunterlippe.“

Am Ziel

In Preßburg sollt ein Mann hingerichtet werden, und nach der

Verkündigung des Urteils bekam er das Henkermahl aufgetischt:

Kalbsbraten mit Salat, Bier und Schweinshaxen mit Sauerkraut.

Freundlich lud er den Seelsorger ein, am Mahl teilzunehmen.

„Die Regeln meines Ordens verbieten mir ein so üppiges Essen,“ sprach

der Franziskaner.

Da schlug der arme Sünder mit der Faust auf den Tisch und rief:

„Hab i’s endlich doch noch derzu gebracht, daß mich die Pfaffen ums

Essen beneiden.“

Der Kropf

„Ein kräftiges Volk, diese Oberbayern.“

„Ja. Aber merkwürdig, wo sie den Bizeps sitzen haben.“

Der Ausweg

„Herr Amtsrichter -- der angeklagte Pöpelmann, dessen Fall so

kompliziert ist, ist irrsinnig geworden.“

„Das Vernünftigste, was er tun konnte.“

Ostpreußen

Jüngst war ich bei Herrn v. Mollnow zu Besuch.

Ein herrliches Gut, dieses Mollnow, seit Urzeiten im Besitz der Familie.

Als es Abend war, tranken wir noch zwei, drei Pullen -- dann hieß es

schlafen gehen.

Ich bin gewohnt, im Bett zu lesen.

„Können Sie mir was Gescheites geben?“ fragte ich.

Herr v. Mollnow, der Gastfreundliche, stand’ auf und rief, daß es

weithin durchs Haus scholl:

„Das Buch! Das Buch! He, Minne, Trine, Line -- wo is das Buch?“

Man suchte stundenlang.

Doch man fand kein Buch, trotzdem sich Herr v. Mollnow bestimmt

erinnerte, eins gehabt zu haben.

Der Sprachfehler

Im Berliner Herrenfeldtheater hatten sie einen sehr tüchtigen

Schauspieler, Schulze geheißen. Und entließen ihn.

„Denn,“ erklärte mir der Direktor, „von einem Schauspieler wird man

doch verlangen dürfen, daß er Deutsch kann. Und bei unserm Repertoire

... -- Sie verstehen? Dieser Schulze christelt.“

Die Operette

Der Theaterkapellmeister hatte eine Operette komponiert -- die Partitur

war fertig und lag hochaufgeschichtet auf dem Schreibtisch.

Da geschah es, daß Mimi, das Äffchen der Frau Kapellmeisterin, auskam,

auf den Tisch kletterte und die Partitur in Atome zerriß.

Kapellmeisters kamen heim und sahen die Bescherung.

Er wollte Mimi erdrosseln.

Die Kapellmeisterin aber legte ihm begütigend die Hand auf die Schulter

und sprach:

„Geh, Franzl! Sei net gach! Es wiiird dir schon wieder was einfallen.“

Der Maler

„Herrgott, wann mich der Herrgott als künstlerischen Beirat ghabt

hätt, wie er die Welt derschaffen hat! Da wäret des Abendrot net a so

kitschig ausgfallen.“

Die Warnung

„Gnädige Frau, hüten Sie sich vor Leutnant Andorff -- er ist indiskret.“

„Um Himmels willen! Und das sagen Sie mir erst jetzt?“

Reigen

Eine Geschichte aus Galizien in Leitartikelüberschriften:

1921. Anregungen zu einer Regulierung der Weichsel.

1922. Das Volk wills.

1923. Kostenvoranschlag der Weichselregulierung.

1924. Die Weichselregulierung.

1925. Kostenüberschreitungen.

1926. Unterschleife bei der Weichselregulierung.

1927. Die Herren Regulierer auf der Flucht.

1928. Die Potemkinsche Regulierung.

1929. Im Überschwemmungsgebiet.

1930. Anregungen zu einer neuen Weichselregulierung.

Malersleute

„Hat er denn Erfolg?“

„Das will ich meinen -- seine Bilder werden schon gefälscht.“

Definition

„Was heißt denn das: ~entre deux âges~?“

„Wann man net waaß: möcht man schon die Tochter oder noch die Mutter.“

Die Besprechung

Seine Exzellenz, der Divisionär hatte die beiden Brigaden gegeneinander

kämpfen lassen. Nordpartei: Erzherzog Albrecht Ferdinand; Südpartei:

Oberst Huber von Siegschwert.

Dann Besprechung der Übung.

Seine Exzellenz sagte im Ton wärmster Anerkennung:

„Über die Führung der Brigade Eurer kaiserlichen Hoheit verliere ich

kein Wort. So und nicht anders hatte ichs erwartet. Jedermann hatte es

so erwartet. Die Feldherrntalente Eurer kaiserlichen Hoheit sind ja

bekannt. Aber wenigstens vom Herrn Obersten von Huber wird man doch,

zum Teufel, ein Atom taktischen Verständnisses verlangen dürfen.“

Ein verfehltes Leben

„Zweimal hatte ich schon das Geld beisammen für eine

Alkoholentziehungskur. Beidemal hab ichs versoffen.“

Erfahrung

„Wenn Wein sich gut halten soll, muß der Keller gleichmäßig kühl sein,

luftig, trocken und vor allem: fest versperrt.“

Anknüpfung

Ich fuhr von München um 8 Uhr 17 ab -- nach Augsburg. Im Abteil saß

schon ein Herr.

Er hatte im ‚Berliner Kaufmann‘ gelesen, faltete das Blatt zusammen und

wollt ein Gespräch mit mir anknüpfen.

„Ich glaube bereits das Vergnügen zu haben...,“ begann er.

„Ganz ihrerseits.“

Pause.

„Ich glaube, wir sind Landsleute.“

„Möglich. Ich bin Eskimo.“

Pause.

„Sie reisen wohl viel?“

„Ja. Aber immer stumm.“

„Ach so.“

Pause.

Ich hole mein Notizbuch vor und schreibe was ein.

Er sieht mir zu. Und ruft freudig:

„Ah, Gabelsberger! Da sind wir ja Kunstgenossen.“

Turf

„Beim Rennsport ist das so: die nix wissen, schreins aus -- und die

Wissenden därfens net sagen, sonst sperrt man sie wegen Betrugs ein.“

Hilfe!

Seit Tantchen Martha Witwe ist, fürchtet sie sich entsetzlich. ’s ist

auch kein Wunder: so allein im dritten Stockwerk -- unten die Bureaus,

da ist bei Nacht kein Mensch -- oben die Magazine, wo die Mäuse tollen.

Als ich unlängst zu Tantchen kam, sah ich eine Papptafel auf ihrem

Nachtkasten. Die Tafel hing an einem langen, langen Bindfaden.

„Ja,“ sagte Tantchen, „das hab ich mir ausgedacht: wenn die bösen

Menschen mich überfallen sollten, lasse ich das Täfelchen zum Fenster

hinaushängen.“

Auf dem Täfelchen stand:

„Leider haben wir Diebe im Hause.“

Die Gründung

Freund Zlamal klagt mir über sein verflossenes Berliner

Theaterunternehmen.

„Ich war doch,“ erzählt er, „in Kompagnie mit einem gewissen Reiner.

Unser Theater stand in voller Blüte. Mein Kompagnon aber war ein

einsichtsloser Schurke -- er nahm täglich zehn Mark aus der Kasse. Eine

solche Schwächung des Betriebskapitals konnte unser Theater natürlich

nicht überdauern.“

Tapferkeit

Unser Harro hat Besuch bekommen: den kleinen Uli Plötz aus der dritten

Klasse.

„Heute morgen,“ erzählt Uli, „war ich in einer furchtbaren Gefahr.

Ich hatte einen großen Jungen angespuckt -- der ist mir nachgelaufen

und wollt mich prügeln. Da bin ich rasch in ein Haustor und hab mich

versteckt.“

Harro großartig:

„Pfui -- verstecken! Das ist ja feig. Da läuft man doch davon.“

Wien

Zum Kardinal von Wien kam eine sehr hohe Dame und regte an: Seine

Eminenz möchte doch etwas gegen die gottlose Wiener Literatur tun.

„Ja,“ sagte der Kardinal, „da werden Eure Hoheit sich schon an meinen

Kollegen wenden müssen, den Herrn Oberrabbiner.“

Promenade

„Sind +Sie+ der Busenfreund von Madame Scheu?“

„Madame Scheu kenn ich nicht; aber Busenfreund bin ich schon.“

Der Irre

Professor Preyer, der berühmte Physiognomiker, besichtigte die

Irrenanstalt von Egelfing. Es galt, die Schädelbildung der Kranken auf

ihre Übereinstimmung mit der Preyerschen Theorie zu untersuchen.

Da fiel dem Gelehrten ein Mann auf, dessen Typus keine, aber auch nicht

die geringsten Preyerschen Degenerationsmerkmale aufwies.

„Was fehlt dem Mann?“ fragte der Gelehrte. „Warum ist er interniert?“

„Oh, Herr Professor,“ antwortete der Assistent, „das ist ein ganz

Verrückter; der betreibt Physiognomik.“

Folklore

„Haben Sie hier in der Gegend auch schöne Sagen?“

„Halt nur, was die Kinder so in der Schul lernen.“

Nutzen der Großmama

„Die arme alte Frau! Lassen Sie ihr doch den Bandwurm abtreiben!“

„Was fällt Ihnen ein? Ich bin leidenschaftlicher Angler.“

Studienreife

Man kann über die Japaner verschiedener Meinung sein -- eins wird man

ihnen lassen müssen: sie sind ungemein kühl und vorsichtig im Urteil.

Anfangs des vorigen Monats kam Hauptmann Osaka mit der kaiserlich

japanischen Sondergesandtschaft in Wien an. Heute lernte ich ihn kennen.

„Welchen Eindruck haben Sie von den Wiener Frauen?“ fragte ich ihn.

„Kann noch nifts sagen. Kenne elst im ganzen neunhundeltzwörf.“

Ehe

Frau Gusti hatte mir immer wieder über ihren Mann geklagt -- wie

herrschsüchtig er sei, einsichtslos und knickrig.

Seit acht Tagen strahlt sie von Glück.

„Er ist total verändert,“ erzählt sie. „Ich habe ihn mit einer jungen

Person erwischt.“

Schleis

„Da ist auch das Ehepaar Schlei. Ekelhafte Menschen.“

„An ihr ist immerhin noch ein sympathischer Zug: sie pflegt ihren Mann

zu prügeln.“

Der Kaltblütige

In Venedig lebt ein Komponist, Sandro Mezzadri, ein ungemein begabter

Kerl. Und sehr populär. Alle Welt grüßt ihn.

Unlängst geht er die Riva entlang -- da hält Signor Parea ihn an und

schreit:

„Sandro, Sie sind der gemeinste Hund und Schuft Europas. Sie haben mir

dreißigmal versprochen, mir die Schuld abzutragen -- dreißigmal haben

Sie Ihr Wort gebrochen.“

Sandro Mezzadri steht still und hört aufmerksam zu. Die Leute sammeln

sich an. Immer mehr und mehr. Ein ganzer Haufe.

„Sie sind kein Künstler, Sie sind ein Gauner und Hochstapler. Sie sind

der Ruin meiner Familie. Ein nichtswürdiger Schwindler, ein Lump, ein

Tunichtgut, ein ehrloser, niedriger Betrüger.“

Die Zuhörer füllen die Riva der ganzen Breite nach. Einige besonders

Neugierige erklettern das Denkmal von Vittore Emanuele.

„Ein Schurk, der sich nicht scheut, das sauer erworbene Vermögen seiner

Nebenmenschen zu verprassen -- ein meineidiger Schuldenmacher, ein

Dieb, den ich anspucke und verachte.“

Signor Parea schöpft Atem.

Sandro Mezzadri mit unverschämter Ruhe:

„Ganz recht hatten Sie. Und was hat der andre darauf erwidert?“

Der Auswanderer

„Sie wollen Rußland verlassen, Pjotr Mihajlowitsch?“

„Gewiß. Ich habe unsre Zustände satt. Ich sehne mich nach Ruhe, nach

einem Lande, wo die Autorität der Behörden noch durch kein Gesetz

erschüttert wird. Ich gehe nach München.“

Die Behörde

Mord im Ostrauer Kohlenrevier. Auf die Ergreifung des Täters ist ein

Preis von tausend Kronen ausgesetzt, der ‚unter allen Umständen‘ zur

Auszahlung gelangt. Sollten mehrere gleich Verdächtige angemeldet

werden, so entscheidet das Los.

Die Sentimentale

„Treue ist was Erhabenes. Aber doch nicht immer ein und demselben?“

Der Künstler

Rottmann ist Charakterspieler am Hoftheater zu München. Er stammt aus

einem Dörfchen bei Hollabrunn in Österreich.

Einst, als ihm eben der Titel eines königlichen Hofschauspielers

verliehen worden war, beschloß er, sein Heimatdörfchen aufzusuchen.

Fuhr hin und schwelgte in Sentimentalität und plauderte mit den

Nachbarsleuten.

„Ah, also z’ München bist?“ rief der alte Mistelbauer. „Schauspieler

bist? Geh, mach amal an Purzelbaum!“

Das Gewissen

Bankett des ungarischen Bankierstages.

Der zweite Vorsitzende ist in lebhaftem Flüstern mit seinem Nachbarn.

Man fordert ihn plötzlich auf, einen Trinkspruch auszubringen.

Er ruft verwirrt:

„Pardon -- ich verweigere die Aussage.“

Schüttelreim

Er hat ’ne Gabel beim Lunch gemaust

Und dann damit sein Mensch gelaust.

Der Vetter vom Land

Ich habe eine Tante in Steierisch-Mutzenbach.

Unlängst höre ich, sie wäre krank.

Ich setze mich sofort hin -- in München -- und schreibe an meinen

Mutzenbacher Vetter: was denn die gute Tante treibe, und ich wünschte,

Gott möge usw.

Gestern kommt plötzlich mein Vetter aus Steiermark daher.

„Weißt,“ sagt er, „ich hab mir gedacht: was soll ich da erst lang

herumschreiben? Bin ich gleich lieber selber kummen. Alsdann: meiner

Mutter gehts schon etwas besser.“

Der Lebemann

„Ich habe mich in Ostende zum Beispiel sechsmal verlobt.“

„Und das soll man Ihnen glauben?“

„‚Zum Beispiel‘ im Munde eines Kavaliers ist schon ein Ehrenwort.“

Das Korps

Mensur in Prag -- Gunther (~Bar-Kochbae~) ~contra~ ~Cand. jur.~

Robitschek aus Trebitsch.

Plötzlich schreit einer der Sekundanten:

„Gott, der Gerechte, die Herren Paukanten fechten ja mit milchige

Schläger!“

Der Sittenstrenge

Unlängst komme ich mit meiner Frau in Berlin an.

Ich will dem Träger meinen Gepäckschein geben -- der Schein ist nicht

zu finden.

Nun noch lang reklamieren und parlamentieren? Um drei Uhr nachts? Ich

fahre ins nächste Hotel -- und die Geschichte mit dem Gepäck werde ich

bei Tage erledigen.

Das nächste Hotel war das Hotel Alemannia.

Am Morgen verlange ich meine Rechnung. Zweitausenddreißig Mark.

Donnerwetter! Zweitausenddreißig Mark für ein Zimmer, für eine Nacht!

„Ja,“ sagt der Wirt, „wa sin en anständiget Etablissemang. Paare, die

wo keen Jepäck nich haben, entweda jar nich -- oda wenn, denn nich for

ne Butterstulle.“

Der Schirm

„Gestern,“ erzählte Herr Bumcke, „lasse ich meinen schönen seidnen

Schirm irgendwo stehen -- Gott allein weiß, wo. Ich renne alle Läden

ab, die ich gestern besucht habe -- lauter erste Firmen -- vergebens.

Endlich im Gemüsekeller an der Ecke kriege ich meinen Schirm wieder.

Ja, die armen Leute sind halt doch die ehrlichsten.“

Der Bericht

Im dreizehnten Regiment hatten wir einmal einen Major v. Drexler.

Ein guter Herr, ein untadeliger Offizier, nur etwas alt: dem

Grundbuchsblatt nach 52 Jahre, dem Aussehen nach 104. Er hatte immer

den Mund offen und schloß ihn nur, wenn er gefragt wurde.

Alles war einig darüber: der Herr Major ist ein irrtümliches

Plusquamperfektum, ein Armeeskandal.

Die Kunde von der hoffnungslosen Verkalkung Drexlers drang bis zum

Korpskommando. Prinz Albrecht Ferdinand, Chef des Korps, verlangte ‚die

sofortige Vorlage eines Berichtes über die Fähigkeiten des Herrn Majors

v. Drexler‘ -- mit dem festen Vorsatz, den Greis augenblicklich zu

vertilgen.

„Ha,“ rief unser Oberst, „Seine Kaiserliche Hoheit interessiert sich

für den Major.“ Setzte sich auf die Hosen und schrieb -- von Mittag bis

Abend -- einen Bericht.

Der Bericht muß glänzend ausgefallen sein. Denn Drexler ist dieser Tage

Oberstleutnant worden.

Das Betriebsreglement

Ich habe eine Dogge, die heißt Millimixchen und ist immer mit mir.

Unlängst steige ich in Kufstein in den Eilzug, finde ein leeres

Halbabteil und setze mich ans Fenster. Millimixchen macht sich ungefähr

drei Meter lang und belegt die beiden übrigen Sitze.

Millimixchen hat etwas in ihrem Blick, was Fremde abhält, sie zum

Verlassen eines Platzes aufzufordern.

Der Schaffner überwand seine unmännliche Scheu und trat ein.

„Ich bitte, der Hund därf net hier bleiben.“

„Warum?“

„Warum, weil Hunde laut Betriebsreglamaa därfen nur mitgenommen wern,

wanns Hunderln saan un wann niemand von die Paschascheer was dagegen

hat.“

„Es ist niemand da, also kann niemand was dagegen haben.“ Ich gab ihm

zwei Zigarren.

„Gnä Herr,“ sagte er, „es is haaß -- dö Hitz macht Durscht -- i wer auf

der näxten Station Ihnerm Hunderl a wengerl Wasser bringen.“

Vorstellung

„Mein Name ist v. Uebel.“

„O, das ist noch gar nichts. Ich heiße v. Kotze.“

Der Hirt

Debretzin ist eine sehr hübsche, moderne Stadt und hat eigentlich nur

einen Fehler: daß man dort jeden Morgen um vier Uhr die Schweine auf

die Weide treibt.

Dies Austreiben der Schweine geschieht ziemlich geräuschvoll; der Hirt

bläst dazu nämlich eine Trompete.

Als ich nach Debretzin in Garnison kam, blies der Hirt am dröhnendsten

und längsten immer vor dem Haus Kossuthgasse Nr. 4. -- Ich wohnte

Kossuthgasse 4~a~.

Schon am dritten Morgen ließ ich mir den Hirt rufen.

„Onkelchen,“ sagte ich ihm, „ihr seht, ich bin Soldat. Ich muß jeden

Morgen um vier Uhr aufstehen. Wollt ihr so freundlich sein, an meinem

Fenster besonders laut zu blasen? Ich zahl euch gern was dafür. Ihr

werdts jeden Morgen auf dem Fensterbrett zehn Kreuzer finden.“

Zweimal legte ich das Geld hin.

Und dann nicht mehr.

„So?“ sagte der Hirt zu meinem Burschen -- „so ist die Sache? Umsonst

soll ichs tun? Dann soll sich der Herr Leutnant nur hübsch selber

blasen.“

Sprachs und tat nie, nie mehr einen Ton.

Eheirrung

Mein Freund Krottinger kam Mittwoch spät nacht aus Dresden heim nach

München. Er fand die Wohnung finster, versperrt und verlassen.

Mittwoch nacht -- er diagnostizierte ganz richtig: ~bal paré~.

Er zog einen Frack an und ging ins Deutsche Theater. -- Die Frau war

nicht da.

500 Schwänke · 第 4 / 8 段