„Sehr einfach,“ sagte Reinhardt -- „ich habe im Kursbuch einige

überflüssige Längen gestrichen.“

Fragment

Der innerste Kern des Hasses ist die Furcht. Der Kater haßt die Maus

nicht -- mit ihr spielt er am liebsten.

Industrie

In Ischl lernte ich einen Herrn Wernicke aus Berlin kennen, einen

feinen Beobachter und offenen Kopf.

„De janzen Alpen,“ sagte er mir eines Tages, „is der reene Mumpitz.

Eene jrandiose Fremdenneppanstalt. Sehn Se, zum Bleistift, det Mächen

da mit det Edelweiß! -- Na, überhaupt det Edelweiß. Haben +Sie+ so

wat schon mal wachsen sehn? Ick nich. Un ick kann Ihn bloß sagen --

ick, Wernicke aus Berlin: ene Blume Edelweiß jibt et jar nich un

hat et ooch nie jejeben. En jeder intelljente Mensch muß et uff’n

ersten Blick raushaben, det det Zeuch jar keene Möchlichkeit von ne

Blume is. Edelweiß is de jesetzlich injetrajene Wortmarke for enen

Industrieartikel -- et wird in ene Fabrik in Plauen mit Maschinen aus

dinnen Filz jestanzt un den Touristen in de Alpen als Blume anjedreht.“

Die Skeptiker

In einem Vorort Wiens.

Ein Auto fuhr durch.

Zwei Bürger standen am Weg und blickten ihm sinnend nach.

Da sagte der eine:

„Wer aa wieder abkummen.“

Ein Vorzug des Berufes

Ich schritt mit Dr. Leindl, dem Redakteur der Täglichen Nachrichten,

über die Karlsbader Alte Wiese.

Da sagte Dr. Leindl plötzlich:

„Verzeihung, einen Augenblick ...“

„O -- bitte, ich schließe mich an.“

Und wir bogen ab.

Als wir fertig waren, zahlte ich meinen Obolus.

Dr. Leindl aber zückte seine Brieftasche und legitimierte sich als Herr

von der Presse.

Der Reisebrief

Eine Dame aus Bonn war in Ägypten gewesen -- nun schreibt sie ihre

Eindrücke nieder.

Unglaublich interessant, zum Beispiel, eine arabische Schule:

„Nirgends ist wie bei uns eine Bank zu erblicken -- mit gekreuzten

Beinen hängen die Kinder an den Lippen des geliebten Lehrers.“

Der Millionär

„Darf ich mich vorstellen, Herr Kommerzienrat?“

„Bitte -- gern -- wenn Sie kein Verwandter sind.“

~Noblesse oblige~

Der Großherzog von Weihburg-Dillingen ist ein ebenso hochherziger wie

sparsamer Souverän.

Als unlängst der pensionierte Oberhofsilberbeschließer Gerstel seinen

hundertsten Geburtstag feierte, schlug der Minister vor: das Ruhegehalt

Gerstels um hundert Mark zu erhöhen.

„Nein,“ sprach Seine Hoheit. „Hundert Mark wäre wenig vornehm. Wir

erhöhen das Ruhegehalt um tausend Mark -- dann trifft den alten Mann

vor Freude der Schlag, und wir brauchen überhaupt nichts zu zahlen.“

Population

Glückliches Habsburg! Als Karl VI. starb, gab es eine einzige

Habsburgerin -- Maria Theresia. Jetzt gibt es hundert. Nach aber 180

Jahren wird es 10000 geben.

Die deutsche Sprache

„Sie, was is denn das für eine Maschine?“

„Das? Eine gewöhnliche Strampftatzensalve -- eh, Stratzwampenfalze

-- nein, eine Wandstrafensalze, Paßstrampfenschwalbe -- eine

Staatstrampfenbalze -- eine Straftanzenfalbe, Strampfpatzensalbe --

Donnerwetter noch einmal -- eine Dampfstraßenwalze.“

Der Wagen

In Esseg war einmal feudaler Ball -- Kirchenbau mit entblößten

Rückenwirbeln und einer angenehm parfümierten Gräfin im Komitee.

Zwei Jünglinge hatten sich den Rummel einige Zeit betrachtet,

langweilten sich und sprachen zueinander:

„Weißt du was? Gehen wir lieber zur Lustigen Kreatur!“

Und holten die Überzieher.

Er regnete in Strömen. Zum Glück war ein Wagen da, ein halbgedeckter.

„He, Kutscher!“

Der Mann rührte sich nicht.

Die Jünglinge ehrten seinen Schlaf, setzten sich unters Dach, ergriffen

die Zügel und kutschierten los.

Nun stand der Wagen vor der Lustigen Kreatur, und alle, die das Lokal

verließen, fanden den Regen infernalisch und weckten den Kutscher.

Er antwortete regelmäßig:

„I kann nöt. I wart auf’n Herrn Kanonikus Krauthappel.“

Die Affäre war dem Herrn Kanonikus, als er davon erfuhr, sehr

unangenehm.

Musik

So oft ich ein Konzert besuchte, fiel mir ein alter Herr mit schönem,

eisgrauem Haar auf. Er saß regelmäßig in einer der vordern Reihen, und

vom ersten Bogenstrich an, vom ersten Tastenschlag hielt er, bis der

Schlußakkord verklang, mit gesenkten Blicken still.

Unlängst lernte ich ihn zufällig kennen.

„Sie lieben wohl die Musik über alles?“ fragte ich ihn.

„Nöh. Nicht im geringsten. Ich bin überhaupt nicht musikalisch.“

„Aber Sie fehlen doch in keinem Konzert --?“

„Tjah -- weil ich Musikreferent der Wiener Nachrichten bin.“

Diagnose

Im Hirne hat der Vata Kalk,

Bald liegt er auf dem Katafalk.

Ungarn

„Wir haben jetzt zwei große Parteien im Land: eine Regierungspartei und

eine Opposition. Die Regierungspartei besteht aus Seiner Durchlaucht,

unserm erhabenen Reichsverweser -- die Opposition aus den Untertanen

Seiner Durchlaucht.“

Frau Lewi

Georg David Schulz und ich veranstalteten einmal in Berlin einen

Wohltätigkeitsabend. Da brauchten wir vor allem Leute, die uns Billetts

abnehmen.

„Keine Sorge,“ sagte Schulz. „Wir wenden uns an die alte Lewi,

Kommerzienwitwe -- die kauft sicher zwanzig Karten zu zwölf Mark.“

„Gut. Aber man muß den Leuten für ihr Geld doch auch was bieten?“

„Keine Sorge! Schreib einfach der Carmencitta. Nenn sie eine südliche

Zaubergestalt und bitt sie, einen ihrer berückenden Fandangos zu

tanzen.“

Ich schrieb.

Carmencitta antwortete eisig kühl: sie könne unmöglich kommen und sende

anbei zehn Mark für unsre Kasse.

Der andre Brief, von Frau Lewi, lautete:

„Meine Herren! Ich bin einundsiebzig Jahre alt. Deklamieren will ich in

Gottes Namen -- weil es zugunsten der Armen ist. Aber einen Fandango --

das können Sie nicht von mir verlangen.“

Schüttelreim

Wer möchte statt des Weines Kakes?

Ich keineswegs.

Die Tante

Wir Kinder liebten unter allen Verwandten am meisten unsern Onkel

Balthasar. Er war ein wunderschöner alter Herr, weiß wie ein Lamm, und

hatte kobaltblaue Augen.

Mit Tante Berta war er immerzu im Krieg. Sie sparte gern mit Licht

-- und er wollte vier Lampen brennen haben -- eine im Flur, zwei im

Schreibzimmer und eine im Salon. Darüber grämte sie sich jeden Abend,

vierzig Jahre.

Eines Abends, Tante Berta war vor Zorn weggegangen, saßen wir bei Onkel

Balthasar und seinen Lampen.

„Eh,“ hatte er eben gesagt, „bei euerm Vater hab ich einmal einen

Gansbraten ge...“

Und blieb mit offenen Augen still.

Da kam eine Fliege, setzte sich ihm auf die Pupille und spazierte

unverfroren im Kreis umher.

Wir rüttelten ihn -- er war mausetot.

Husch -- liefen wir um die Tante.

Wir fanden sie am andern Ende der Stadt und sagten ihrs.

„Kinder,“ rief sie, „ich kann nicht, mir ists in die Glieder gefahren.

Aber rennt ihr geschwind nach Haus und löscht die Lampen aus!“

Die staatlichen Gewalten

In Gumbinnen wollten sie einmal den Biberpelz aufführen.

„Nee,“ sagte der Polizeigewaltige, „en Stück, wo drin en Amtsrichter

lächerlich jemacht wird, könn wa nich erlooben. Sie haben die Wahl,

Herr Theaterdirektor: entweder Se machen aus Wehrhahn ’n bürgerlichen

Refrendar: denn können Se det Stück vor jeladene Jäste jeben. Wollen

Se aber ne öffentliche, richtiche Aufführung haben, denn müssen Se

Wehrhahn schon als jüdischen Rechtspraktikanten spielen lassen.“

Die Kaiserin

Die Kaiserin ist in Tränen aufgelöst.

„Was fehlt Ihnen, Majestät? Die Heere Ihres Gemahls haben gesiegt --

treu und liebeglühend ist er in Ihre Arme zurückgekehrt -- Zehntausende

haben Ihnen gehuldigt ...“

„Ja, aber hinten stand ein halbblinder Bettler, der hat nicht einmal

nach mir geguckt.“

Milliardäre

„Sie reisen diesen Sommer nach Europa, Miß Ellis?“

„Nein. Papa verträgt nicht den Armeleutgeruch der europäischen

Finanzwelt.“

Der sorgende Erzeuger

Die Fürstin Möllstorff läßt die Tochter ihres Portiers erziehen -- das

Mädel soll dereinst mal Kammerjungfer werden.

Eines Tages kommt der Portier mit einer Bitte.

„Eure Durchlaucht,“ sagt er, „wann S’ halt die Gnad hätten und taten

mei Tini aa franzöisch lerna lassen.“

„Aber, lieber Johann, Französisch braucht sie doch nicht?“

„O ja, Durchlaucht. Segen S’, Durchlaucht, ewig kann s’ net

Kammerjungfer bleiben -- aamal muß s’ zu was besserm kummen. Un wann s’

a Maitresse werden will, braucht s’ französisch.“

Heraldik

„Du, Papa, was ist das?“

„Das ist das preußische Wappen.“

„Und warum tragen die beiden Männer Bruchbänder von Eichenlaub?“

Maler

„Der Kerl bestiehlt mich offensichtlich -- er plagiiert auch

Beardsley.“

Die Pistolen

Vor sieben Wochen schrieb mir Herr von Zakrzewski: er bitte dringend um

meine Pistolen -- es handle sich um eine Ehrenangelegenheit.

Ich wollte nicht -- aber: konnt ich Nein sagen? Ich schickte ihm die

Pistolen.

Heute bin ich dem Kerl endlich begegnet.

„Na, Herr v. Zakrzewski? Wie steht die gewisse Angelegenheit?“

„Panje -- ausgetrjaggen. Ljääängst ausgetrjaggen. Unjsr Geggnr tott.“

„Um Himmels willen --!?“

„Er chatt sichj geknjiffen. Morrallisch tott.“

„Und meine Pistolen?“

„Behalte ichj zu Anjdenken an verehrten Totten.“

Der Praktiker

„Wenn man an der Riviera billig leben will, muß man sich die

Weiblichkeit von zu Haus mitbringen.“

Agrarierhochzeit

„Herr Paster, die Traurede war sehr schön. Sie dürfen dafür zwei Stuten

zu meinem Hengst schicken.“

Die Bekehrung

Als ich in Bosnien diente, wollt mich der Hodja Hadji Hafis Selim zum

Islam bekehren.

„Anders,“ sagte er, „wirst du nicht in den Himmel kommen, Effendim.

Es führt eine Brücke dahin, schmal wie eine Messerschneide und

bogenförmig. Fünfhundert Jahre gehst du hinan -- fünfhundert darüber --

fünfhundert hinab -- dann erst bist du im Paradies bei Muhammed.“

„Hodja, wann ist Muhammed gestorben?“

„Nach eurer Zeitrechnung: 632.“

„Hör mal -- dann ist er ja selbst noch gar nicht drüben?“

Die Visitenkarte

Demeter Jopatz ist um drei Zoll gewachsen, seit er Trambahndirektor

ist. Mit den meisten Menschen redet er überhaupt nicht mehr, und die

wenigen, die er noch einer Anrede würdigt, schnauzt er französisch an.

Er hat sich auch neue Visitenkarten drucken lassen:

„~Démétrius Yopâse,

Directeur des chemins de fer de Topchidère à

Belgrade et retour.~“

Die Aufklärung

Wenn im Mai der Schnee auf den Bergen schmilzt, setzt sich der

Fremdenstrom in Bewegung, und die jungen Damen aus Hannover erscheinen

in den Alpen.

Erstaunt sehen sie das Lenztreiben auf dem Bauernhof mit an --

besonders gewisse Vorgänge in der Tierwelt erwecken die Neugier.

Und die Bäuerin, von naiven Fragerinnen bestürmt, errötet schämig.

Bäuerin, du mußt nicht verlegen sein! Es gibt ein Buch, das dir aus der

Klemme hilft. Der Lizentiat Bohn hat es verfaßt unter dem Titel:

„Wie sage ichs meinen Sommergästen?“

Das schwere Leben

„Ja -- ja, en Abenteuer macht den Abend teuer -- un bei een Vahältnis

stehn de Kosten in jar keen Vahältnis.“

Orient

„Unsre Herrscher verdanken ihren Thron immer einer verdienstlichen Tat:

sie haben der Regierung des erlauchten Vorgängers ein Ende bereitet.“

Justiz

Nuttinger war von Kindheit auf verrückt -- später, als die Familie zu

Geld kam, nannte mans eine Nervenkrise und steckte ihn ins Sanatorium.

Darin stak er lange.

Eines Tages brach er aus, ging Unter den Linden spazieren und schrie,

er wäre der Dalai-Lama.

Daraus erwuchsen der Familie zahlreiche Unannehmlichkeiten. Denn

das Amtsgericht III zu Berlin verurteilte den Nuttinger wegen

unrechtmäßiger Beilegung eines Amtscharakters.

Die Glocke

Kellers kleiner Richard ist ein wahres Wunderkind. Er kann schon ein

ganzes Stück vom ‚Lied von der Glocke‘ auswendig. Und deklamiert:

„Von der Stirne heiß

Rinnen muß der Schweiß,

Soll das Werk den Meister loben;

Tochtersegen kommt von oben.“

Fragment

Der gesellschaftliche Verkehr ist ein Austausch von Vorurteilen und

Halskrankheiten.

Naturheilkunde

Als mir die Ärzte allesamt nicht zu helfen wußten, ging ich mit meinem

Beinleiden zu Kuhne nach Leipzig.

Kuhne in Leipzig ist ein wahrhafter Heilkünstler, Naturheilkünstler,

und diagnostiziert aus den Augen.

Er sah mir in die Augen und sprach:

„Entzündung des linken Kniegelenks.“

Und gab mir Kräuter. Und sagte, ich solle nach einer Woche wiederkommen.

Ich kam wieder, zeigte ihm mein Bein, da meinte Kuhne:

„Kurzsichtig rechts -- vier Dioptrien.“

Und gab mir wieder Kräuter.

Ein wahrer Künstler, ein Naturheilkünstler. Schade, daß ich die beiden

Kräuter verwechselte. Ich wurde kurzbeinig rechts und bekam eine

Entzündung des linken Auges.

Das Provisorium

„Fräulein Rose, ich biete Ihnen Herz und Hand fürs Leben.“

„Aber Sie sind doch verheiratet?“

„Ich werde mich scheiden lassen -- Sie können solang auf dem Diwan

schlafen.“

Mein Freund Nuber

pflegte nicht viel Federlesens mit Weibern zu machen.

Eines Tages lernte er Frau Katz kennen, die ihren Namen vollauf

verdiente. Und unterbreitete ihr einen Vorschlag.

„Was??“ schrie sie pantherwild -- „Sie frecher Mensch! Wie können Sie

sich das mir gegenüber erlauben? Meinen Sie, ich bin die Frau Schöller?“

„Ich danke,“ antwortete Nuber leise.

Und ging.

Nämlich: zu Frau Schöller.

Die war noch viel empörter.

„Unverschämter Kerl! Wer sind Sie denn? Wie dürfen Sie so was wagen?“

„Entschuldigen Sie,“ sprach Nuber, „Frau Katz hat mir ausdrücklich

gesagt: bei Ihnen darf ichs.“

Fragment

Wenn einer uns nichts zu sagen hat, tut ers in Versen. Hat er aber gar

nichts zu sagen, schreibt ers im Dialekt.

-- -- -- Schade, daß Beaumarchais das schon vor mir entdeckt hat.

Das Schuhbesteck

Eine Freundin meiner Frau ist in Paris gewesen und hat uns was

mitgebracht. Es steckt in einem Juchtenetui, die Firma eines Juweliers

darauf -- was mag es sein?

Ein Schuhlöffel und ein Stiefelknöpfer mit phänomenalen Silbergriffen.

Als sich meine Frau drei Fingernägel damit gebrochen hat, beschließen

wir, das Ding weiterzuschenken. Am besten Hutterers -- denen sind wir

ohnehin was schuldig.

Hutterers laden uns dafür zum Mittagessen. Das Schuhbesteck prangt in

der Salatschüssel.

Vor dem Familienbad

„Schatz, wenn wir einander im Gedränge verlieren sollten: ich heiße

Gertrud.“

Landleben

„Segen S’, mir brauchen ka Barometer nöt; wann der Luftdruck sinkt,

stinkt unser Abort.“

Meteorologie der Liebe

„Ihr Decolleté ist vielleicht zu tief, Lydia.“

„Bei mir richtet sich das je nach dem wärmern oder kühlern Vetter.“

Mein Freund Hollinger

war Witwer und hatte eine Bonne für sein Kind.

Die Bonne war kokett wie ein Stieglitz, ausgelassen und auffallend.

Hollinger ist ein guter Kerl -- er tat nichts dagegen.

Da kam seine Tante und sagte ihm:

„Mein Lieber, das geht nicht -- du mußt die Bonne entlassen. Jeder

Mensch meint, du hättest ein Verhältnis mit ihr.“

Hollinger ist sehr schwer von Entschlüssen. Er sagte, er wolle sichs

überlegen.

Überlegte sichs drei Tage -- und am dritten fing er das Verhältnis an.

Das Restaurant

„Die größten Portionen, sag ich Ihnen, kriegt man beim alten Postwirt.

Wenn man da einen Rehrücken bestellt, tischen sie einem eine ganze

Ziege auf.“

Der Maler

„Sö wollen a Modell sein, Fräulein? Stellen S’ Ihnen net a so

prärafaelitisch her -- sonst komm ich Ihnen gleich mit der

Radfahrpumpe.“

Der Direktor

„Herr Direktor,“ sagte des Fräulein, „ich bitte um ein Engagement

in Ihrem Theater. Ich habe noch nie gespielt, doch ich verfüge über

wundervolle Toiletten. Ich beanspruche auch keine Gage, denn ich habe

-- im Vertrauen gesagt -- einen millionenschweren Verehrer.“

„Fräulein,“ erwiderte der Direktor, „ich kann Sie nicht engagieren,

denn ich bin komplett. Aber ...“ -- er schritt auf und ab und überlegte

-- „wissen Sie was? Ich bitte um Ihre Hand.“

Das Wirtshaus

„Was können Sie uns zu essen geben, Frau Wirtin?“

„Oh, mir haben alles, Sö brauchen nur anzuschaffen. Da haben mir

Rindsbraten -- aber der ist noch net braten. Dann haben mir sauern

Aal -- der is noch net sauer. Un frischen Aal -- der is net mehr ganz

frisch ... Möchten S’ vielleicht a Butterbrod, wann mir a Butter haben

taten?“

Fragment

Zehn Helden entstehen, indem sich immer einer vor den neun andern

seiner Feigheit schämt.

Der gerettete Abend

Der Herr Redakteur plauderte:

„Mit der dichterischen Inspiration is das so ne Sache. Man muß ein

wenig nachzuhelfen wissen. Ich, zum Beispiel, arbeite nur bei Nacht.

Aber wenn mir um neun nicht gleich was einfällt -- ich gebe den Abend

noch lange nicht verloren. Nehmen wir den Fall mit gestern: Ich setze

mich um neun hin -- nichts. Da nehme ich den ersten Kognak. -- Nichts.

-- Ich nehme den zweiten Kognak. -- Nichts. -- Ich nehme den dritten,

den vierten Kognak. Endlich um Mitternacht -- der Abend war gerettet.“

„Da ist Ihnen eine Dichtung geglückt?“

„Nö. Aber fünfzehn prachtvolle Kognaks hatte ich getrunken.“

Der Kellner

Jüngst frühstückte ich mit meiner Frau auf der Halenseer Terrasse.

Wir schrieben auch eine Ansichtskarte -- ich ging, sie zur Post

bestellen.

Da, als ich wiederkam, fand ich meine Frau nicht vor. Sie hatte den

Platz gewechselt.

Der Kellner sagte mir leise:

„Das gnädige Verhältnis befindet sich weiter vorn.“

Egon

Frau Bamberger -- fünfunddreißig Jahre alt, geschieden, israelitisch

-- stand uns beim Tennis so im Weg, daß wir beschlossen, ihr einen

Kavalier zu suchen.

Ich nahm meinen Neffen vor und sprach zu ihm:

„Egon, du bist nahezu akademischer Bürger. Ich werde dich mit einer

scharmanten Dame bekannt machen.“

Er ist eine verschlossene Natur und durch den Verkehr mit sich selbst

etwas scheu.

„Was soll ich mit ihr?“ fragte er unmutig.

„Du sollst ihr den Hof machen, sie wird dir sehr dankbar sein.“

Frau Bamberger nahm den jungen Mann mit sichtlichem Behagen in Empfang

und schwenkte mit ihm in die Kirchholzanlagen ab.

Ich war neugierig. Brennend neugierig. Die Bekanntschaft mit der Frau

-- das mußte doch ein historisches Erlebnis für Egon werden.

„Na,“ fragte ich ihn am Abend, „was sagst du zu Frau Bamberger?“

„Deutsch gut. Französisch befriedigend. Englisch minus kaum genügend.“

Die Bank

Die Unionbank in Petersburg hat eine eigene Polizei eingerichtet, um

sich vor räuberischen Überfällen zu schützen.

In einer schlaflosen Nacht fiel dem Direktor ein: ob denn die

Bankpolizei auch etwas tauge?

Und er beschloß, sie auf die Probe zu stellen.

Er verkleidete sich und stürzte, mit einer Pistole in der Hand, in den

Hauptkassenraum.

Die Polizei taugte nichts. Sie sah müßig zu, wie der verkleidete

Direktor zwei Milliarden Rubel davontrug.

Seither fehlt jede Spur von ihm.

Malheur

Leutnant Nikolaj Serafimowitsch erhält die Einberufung auf den

östlichen Kriegsschauplatz.

„Verdammt,“ ruft er -- „und ich Esel hab gestern alle meine Schulden

gezahlt!“

Der Züchter

„Denken Sie sich -- dieses Glück! Meine Wachtelhündin wirft mir gestern

vier Welpen -- einen echten Leonberger, einen prachtvollen Mops und

zwei reinrassige Dackel.“

Rußland

Der Gouverneur von Moskau sollte eine Fahrt auf der Wolga machen.

Große Verlegenheit: wo einen zuverlässigen Kapitän hernehmen?

Man mietete einen Engländer.

Der Engländer ließ die Kessel heizen -- die Siederohre platzten, der

Dampfer geriet in Brand.

Man wollte löschen -- die Feuerspritze funktionierte nicht.

Man setzte das Rettungsboot aus -- es lief voll Wasser.

Man packte den Gouverneur in einen Rettungsring -- der Ring versank.

Man warf ihm ein Tau vom Ufer zu -- das Tau riß.

Der Gouverneur ging unter.

Zum Glück war er kein echter Gouverneur gewesen, sondern ein

Hochstapler.

Die Herrenmode

Für sechs Uhr abend hatten sich die beiden Gärbers angesagt. Ich sah

sie auch schon über die Straße kommen -- beide höchst elegant, im Frack.

„Papa, Papa,“ schreit mein Kleiner draußen, „zwei Oberkellner sind da

in Uniform.“

Die Verwandten

Der alte Strakosch war mit einem wunderhübschen Mädchen, seiner

Tochter, nach Berlin gekommen und stieg im Hotel Seidenberg ab, erster

Stock.

Tags darauf kam der junge Strakosch mit seiner Schwester an und mietete

sich ahnungslos im Hotel Seidenberg ein. Belleetage.

Am nächsten Mittag begegneten die vier einander.

Vater und Sohn erkannten sich sofort.

Die beiden Damen mußte man gegenseitig vorstellen.

Schüttelreim

Die Hausfrau sitzt perplex im Moos --

Es fehlen nämlich sechs Plumeaux.

Porto

Salomon Trompetenschleim bringt einen Brief an seine Braut zur Post.

„Da gehören noch fünfzig Pfennig drauf,“ sagt der Beamte, „das sind

keine Geschäftspapiere.“

„Wie heißt -- ä Brief an meine Braut keine Geschäftspapiere? Bin iach ä

romantische Natur?“

Handel

Ich besuchte meinen Onkel in seinem Parfümerieladen.

Da trat eine elegante Dame ein, kaufte einen Flakon zu hundert Mark und

stahl -- ich sah es deutlich -- noch fünf andre Fläschchen.

„Onkel ...“ begann ich erregt, als sie gegangen war.

Er winkte ab.

„Laß man,“ sagte er. „250 Prozent sinn ooch en janz en scheener

Reinjewinn.“

Die Heilsarmee

Die Heilsarmee hält Gottesdienst auf freiem Feld, mitten im Bergwerk.

Miß Young ist verzückt.

„Andächtige,“ ruft sie -- „gestern noch schlief ich in den Armen des

Satans. Heute ruhe ich am Busen des Engels ...“

Paddy, der besoffene Ire:

„Und für morgen, Jungfer -- seid ihr da noch frei?“

Der Vater

„An meinen Kindern freut mich nur eins: die Gouvernante.“

Der Dichter

Unlängst lernte ich im Eisenbahnwagen ein Ehepaar Kunze aus Berlin

kennen -- er soll ein sehr berühmter Romanschriftsteller sein.

Wir sprachen von allerlei. Die Frau langweilte sich und zog ein Buch

hervor, darauf stand groß und breit der Titel: ‚Die bleiche Gräfin.‘

Von Schmöcksdorf.

Da sagte Herr Kunze indigniert:

„Laura,“ sagte er, „Laura, ich verstehe dich nicht. Wie kannst du

Reklame für andre Autoren machen?“

Gefahr

„Gestern -- das muß ich dir erzählen -- gestern hätte ich um ein Haar

ein Duell gehabt.“

„Ah!“

„Ja. Kommt da auf einmal sporenklirrend ein kolossaler Dragonerleutnant

grade auf mich zu ..“

„Und du?“

„Ich ... bin im letzten Moment weggesprungen.“

Der Reiter

„Ich schwöre, mein Gaul kostet 250000 Em. -- Auf 180000 Em geb ich fast

Ehrenwort.“

Der Fidibus

Der alte Moritz Vorderfuß ist ein sehr bequemer Mann. Wenn er sich

seine lange Pfeife gestopft hat, muß immer eins von seinen Kindern

bereitstehen und sie ihm anzünden. Heut ist die Reihe an Rosa, der

Ältesten.

„Rosa,“ mahnt der Alte, „wo bleibt der Fidibus?“

„Laß mich doch, Papa! Siehst du nicht, daß ich studiere?“

„Rosa, mach mir e Fidibus und werd um fünf Minuten später Dokter!“

Der Hilfsbereite

„Es war der schrecklichste Moment meines Lebens, Otto, als ich deinen

Absagebrief bekam. Ich wollte mich erschießen -- doch ich hatte kein

Geld, mir einen Revolver zu kaufen.“

„Liebste, hättest du mir nur ein Wort gesagt ..“

Marienbad

„Die Korpulenz hat auch ihre Annehmlichkeiten. Meine Frau, zum

Beispiel, setzt sich in die Wanne -- dann gießt das Dienstmädchen einen

Teekessel Wasser über sie -- und das Vollbad ist fertig.“

General Lindemann

Festvorstellung in der Wiener Hofoper.

General Lindemann hat einen schlechten Parterresitz bekommen und ärgert

sich darüber sehr. Wie immer, denn er ist ein grober General.

Er setzt sich kurzweg, eigenmächtig auf einen bessern Platz -- in die

erste Reihe.

Dieser Platz gehört einer Hofmätresse.

Sie kommt, tippt dem General mit dem Fächer auf die Schulter und flötet:

„Lieber Lindemann -- Kavaliere pflegen Damen den Vortritt zu lassen.“

„Liebe Jenny,“ erwidert General Lindemann, „das hat mit unserm Fall nix

zu tun. Sie sein kein Dame, und i bin ka Kavalier.“

Das Merkmal

„Maanst dü, daß der feine Herr, was is mit üns gefahren, war ä Jüd?“

„Natürlich -- sonst hätt ers doch nix äso lebhaft abgeleugnet.“

Psychiatrie

„Als geistig normal haben wir jene Individuen zu bezeichnen, welche

alle geistige Anomalien in richtiger Mischung vereinigen.“

Christentum

Pastor Wuckereit von Klein-Nustago hat eine Filiale in Ellistfer -- da

muß er jeden zweiten Sonntag predigen.

Einst war er wieder dahin unterwegs. Die Ellistferschen erwarteten ihn

an der Straßenkreuzung und schlossen sich ihm an.

Ein heißer Tag -- bis zur Kirche zwei Berge, und der Weg ohne Schatten.

„Err Baster,“ sprach Jürri Koiw, „zu fas weit gehen? Alten Sie Bredig

ier an Stelle.“

Warum auch nicht? -- Pastor Wuckereit erstieg ein Hügelchen und redete.

Ergriffen hörtens die Ellistferschen und die andächtige Landschaft.

Minder erbaut aber war das Konsistorium, dem man die Sache

hinterbrachte. Es zog den Pastor zur Verantwortung.

„Ich habe getan wie unser Herr Jesus Christ -- auch er hat auf den

Bergen und im Tal gepredigt.“

500 Schwänke · 第 3 / 8 段