* * * * *
„Arbeiten heißt es jetzt, arbeiten und nochmals arbeiten!“ Begann wieder
nach einer kurzen Gesprächspause der Bankier: „Das ist, glaube ich, auch
die Lehre, die wir unbedingt aus diesen Exkursionsstunden, die wir teils
auf der Erde und teils in den Lüften erlebt haben, jetzt ziehen müssen
... Es soll nicht einmal heißen, wir hätten aus der Geschichte nichts
gelernt ... Die Vergangenheit, wie sie hier vor uns auftauchte, gibt uns
zu denken ... Aus den Lehren der Vergangenheit heißt es die Tat der
Zukunft schöpfen ... Die Verantwortung für das Schicksal kommender
Geschlechter, die uns allein schon durch die Tatsache unserer bloßen
Existenz – ob wir nun wollen oder nicht – aufgebürdet ist, zwingt uns
dazu. Ganz gleichgültig, ob wir jetzt Deutsche, Franzosen, Engländer
oder Amerikaner sind ...“
„Ausgezeichnet! Blendend!!“
„Sehr richtig! ... Arbeiten ...“
Wiederholten einige.
Ein Journalist notierte:
„Goldene Worte ... Arbeiten: das ist des Rätsels Lösung.“
„Mit diesem Wort, mit diesem Schwurwort auf den Lippen, Amalie –“,
schloß sich der deutsche Professor gern der allgemeinen Meinung an ...
„können wir getrost der Zukunft in die Augen blicken.“
Und etwas leiser, daß es nur seine Gattin zu hören vermochte, lispelte
er:
„Und wenn wir Deutschen es ein klein wenig schlau anfangen, du verstehst
mich schon, was ich meine; dann kann auch Deutschland, unser geliebtes
Vaterland, nicht untergehen. Es wird sich emporentwickeln am Zwiespalt
der übrigen Welt. Dann werden auch wir noch den Tag, Amalie, erleben,
Amalie, schau: den Tag der Auferstehung Deutschlands in Kraft, Schönheit
und Herrlichkeit! Deutschland über alles ... Das walte Gott! Amen ...“
Frösche quakten, Grillen zirpten.
Der rote Vollmond kroch, von grünlichen Nebelgespinsten umschleiert,
über dem Schlachtfeld herauf. –
* * * * *
Der Direktor des Hotels „Zum Weltkrieg“, von den beiden Oberkellnern
assistiert, empfing, sich ununterbrochen verbeugend, die hohen Gäste.
„Darf ich mir die Frage erlauben, haben die Herrschaften einen
hinreichenden Eindruck vom Weltkrieg gewonnen!?“
„Großartig ... unbeschreiblich ...“
„Kaum glaubhaft ... imponierend ...“
„Welch ein Panorama!“
„Phänomenal!“ –
„Ich habe mich einfach ganz köstlich dabei amüsiert!“
„Sensationell!“
„Und die Natur, die Aussicht dabei: prächtig ...“
Schallte es ihm vielstimmig entgegen.
Der Bankier allerdings, von einigen Teilnehmern der Gesellschaft
unterstützt, bemängelte energisch die Art der Führung.
„Die Führung allerdings, Herr Direktor, läßt einiges zu wünschen übrig.
Der Mann ist seiner hohen Aufgabe absolut nicht gewachsen, scheint mir
im übrigen auch angetrunken gewesen zu sein, sonst könnte ich mir seine
marktschreierischen Anzüglichkeiten in betreff eines kommenden Krieges
nicht erklären. Ueber sowas spricht man nicht im Zusammenhang mit einem
Schlachtfeldbesuch ... Solche Führer sind in der Tat nur recht wenig
geeignet, das wissenschaftliche und ästhetische Vergnügen, das an sich
normalerweise solch eine Schlachtfeldexkursion allen wirklich ernsthaft
daran Interessierten bieten könnte, den Teilnehmern auch gebührend zu
vermitteln. Auch das belehrende und sachlich aufklärende Moment ist in
seinen Erläuterungen reichlich zu kurz gekommen. Die historische Seite
wurde bei weitem zu wenig berücksichtigt. Viel zu viel überflüssige
Details. Was habe ich schon davon, zu erfahren, daß jene
zusammengeschossenen Tanks zu ihren Lebzeiten einmal „Susanne“, „Bubi“,
„Eiserne Jungfrau Ottilie“ oder „Totila“ geheißen haben. Namen tun
nichts zur Sache, sind Schall und Rauch ... Der Mann, den Sie uns
beigegeben haben, seiner Natur nach offenbar ein Stimmungsmensch,
scheint sich vorwiegend in der Kunst des Gruselnmachens zu üben. Aber
das ist doch schließlich nicht der Zweck der Uebung und die Besucher des
Schlachtfeldes müssen sich dafür bedanken, als Experimente für solch
einen ungeschlachten Querkopf herzuhalten. Er pariert nicht. Das heißt:
er richtet sich nicht nach den Wünschen der ihm Anvertrauten, sondern
maßt sich eine Führung an, und zwar eine Führung besonderer Art ...
Sehen Sie dem Mann in Zukunft besser auf die Finger. Scheint im übrigen,
was seine Vergangenheit anbetrifft, früher einmal als Ausrufer vor einer
Jahrmarktsbude angestellt gewesen zu sein. An dem hätte ein Barnum seine
Freude gehabt. Mit allen Wassern ist der gewaschen. Ein ganz Geriebener.
Trau ihm zu, es unter Umständen fertigzubringen, einem den Genuß eines
Schlachtfeldes gründlich zu verleiden ... Ein ganz gemeiner imaginärer
Kerl ...“
„Ja, gewiß doch! Bitte!“
Der Direktor, verlegen lächelnd und sich weiter verbeugend, versprach
sofortige schleunigste Abstellung dieses Mißstandes, stammelte etwas von
einer Prüfung im Takt, der man die als Führer in Frage kommenden
Anwärter unterziehen müsse und schloß:
„Gewiß! Gewiß! ... Aber eben nur ganz wenige erweisen sich leider als zu
solch einer heiklen Aufgabe qualifiziert!“
„Heikel!? ... Den Ausdruck versteh ich nicht!“ gab der Bankier unwirsch
zurück, drehte sich energisch auf dem Absatz um, und schritt mit einem
militärisch-stramm markierten festen Schritt zu dem soeben beginnenden
Souper in den festlich erleuchteten Speisesaal.
* * * * *
Ein hundertkerziger kristallischer Lüster flimmerte, die Spiegelscheiben
an den mit italienischen Landschaftsbildern ausgemalten Wänden
vibrierten ein beruhigendes Licht-Echo, abgesprengte sprühende
Lichtreflexe sprangen hin und her, verfingen sich in den fein
geschliffenen Weingläsern und herrlich aufgebauten Obstschalen und
Anrichteschüsseln, der Wein funkelte, und mild und gedämpft leuchtete
ein Lichtmeer wieder von unten herauf aus dem tiefen Grund der
spiegelblank polierten Parkettböden.
Die Menschenstimmen verflochten sich ineinander, schwebten sanft
vertönend dahin im Saal, dessen ausgezeichnete Akustik von den dort
konzertierenden Künstlern allgemein gelobt wurde, nur hie und da wurde
das Geplauder durch ein feines helles Lachen unterbrochen, das wie eine
Tropfenkette von Tisch zu Tisch entlang perlte.
Der Bankier schwieg hartnäckig.
Er hatte aus Gesundheitsrücksichten sich frühzeitig daran gewöhnt, auf
seinen Erholungsreisen zu fletschern, das heißt: er kaute jede Speise
dreißigmal ...
Ein Sektpfropfen knallte.
Das berühmte internationale Jazzband-Elite-Orchester begann mit seinem
extra ausgewählten exquisiten Programm ...
* * * * *
Wüst und leer lag draußen das Land.
Emil, der Irrsinnige, der im Volksmund auch der „Unbekannte Soldat“ hieß
oder auch kurz nur der „Rumpf“, kniete sich auf den Rand eines
Granattrichters herauf.
Emils Gesicht war hölzern, wie ein Hackbrett, die Nase darin glich einem
knolligen Gewächs, und ein Stirnfetzen hing darüber, wie ein lose
angeflickter Knochenscherben.
Das mit vereinzelten bräunlichen Zahnstumpfen besetzte und ausgefranzte
Zahnfleisch aus den schief verzogenen Kiefern herausbleckend, die durch
und durch mit Klammern verheftet und schnurartig vernäht waren, lauschte
er, lauschte ...
Der Jazzband hackte, tackte, quieckte und quietschte.
Wimmerte, stöhnte, schrie.
Rührte um, klapperte und schepperte ...
Und durch die hell erleuchteten Riesenscheiben des Hotels „Zum
Weltkrieg“ hindurch sah man Menschen, prunkvoll angetan in Frack und
Seide, in merkwürdig rhythmischen Zuckungen und eckigen Bewegungen,
Körperpaare an Körperpaaren, wie zu einem einzigen vierbeinigen
Körperstrunk verwachsen, im Tanz sich dahinschleifen.
„... Schlaraffenland! Schlaraffenland! ... Gebratene Tauben fliegen
denen dort in den offenen Mund. Ah, wie schön lebendig das duftet, und
köstliche Speisen rollen ganz von selbst auf fahrbaren Tischchen heran.
Die ganze Welt wird denen zu einem „Tischlein, deck ich“ ... Die kosten
sicher nur mal zur Abwechslung, wenn sie mit allzuviel Süßem und Fetten
sich den Magen verdorben haben, das Bittere eines Mandelkerns ...“
Emil glotzte stier in das Lichtparadies.
Der Speichel zog sich ihm im Mund zu einem Schleimklümpchen voll
säuerlichen Geschmacks zusammen.
„Kameraden!“
„Kamerad!“ schien es Emil als Antwort aus der Tiefe der
Schlammkatakomben widerzuhallen.
„Kameraden! Hört ihr mich?“
„Kamerad! Wir hören dich!“
„Parole?!“
Wieder schien es Emil, als ob ihm ein millionenstimmiger Sprechchor
antworte, dumpf, wie ein langgezogenes Gewitter in der Tiefe der Erde
dahinrollend:
„Brü–der der Gro–ßen Gru–be!“
„Brüder der Großen Grube, hört!“
„Wir hören dich!“
„Da feiern sie ihr Siegesdiner und nicht einmal eine lumpige Brotrinde
ist dabei für Emil, das Frontschwein, mit abgefallen. Seht her, nicht
ein einziger Brosamen, wieder einmal ist mir der Stahlhelm
leergeblieben. Ist es auch noch eine Art, mir ewig mit der gleichen
Melodie aufzuspielen: „Pack dich! Pack dich!“? Und Kamerad Emil hat sich
doch wacker, akkurat so wie jeder andere, geschlagen, ob in Phosgen,
Yperite, ob im Bajonettkampf oder beim Handgranatenüberfall ... Weiß
Gott doch! ... Sonst trüge er ja wohl nicht jetzt das Ehrenkreuz auf der
Brust! ... He! ... Und steht Emil nicht Wachtposten Tag und Nacht ohne
Sold, ohne Ablösung? ... Ihr Kindlein in der Grube! Ihr schmucken
Waisenknäblein im pechschwarzen Ehrenkleid! Ist Emil nicht eine gute
Mutter euch!? ... Aber da gibt es zweierlei Arten von Gewürm und
Geziefer, Kameraden, solches unter und solches über der Erde, Kameraden!
Ein Geschlecht zweibeinigen Gewürms ward der Welt zum Verhängnis, aus
dem Kriegsschoß geboren, Kameraden, zweibeiniges, menschenähnliches, gar
menschliche Worte sprechendes Gewürm ... Uns aber hat es dabei die
Sprache verschlagen ... Legt nur einmal das Ohr auf den Boden! Horcht
nur einmal hinunter durch die Erdporen, hinein in die innersten
Erdgänge! Was knabbert, schmatzt und raspelt da!? Ja, das Erdinnere,
meine sehr verehrten Damen und Herren, ist auch so ein mitternächtlicher
Festsaal. Da schlüpfen die Ratten, übervoll ihren Wanst mit Leichenfett
angefressen, und die Wurzeln freuen sich, ist ihnen doch Leichendung und
Kottunke Götterspeise ... Aber habt ihr sie auch gesehen, die Totenkäfer
mit ihren Freßwerkzeugen und die Myriadenarmeen der Aasfliegen, die
Madenhorden: das ist auch eine Melodie, wenn die schmausen. Fein
säuberlich zerlegen die so einen Knochenleib und tragen ihn nach einem
einheitlich organisierten Plan mit den Jahren wie einen Berg ab ...
Schön weich wird das Fleisch und die Knochenwände knusprig, was ...?!
„Kickericki!“ möchte man da sich wohl schon wünschen, und daß der Hahn
kräht, damit der Verrat endlich an den Tag kommt! ... Kameraden! Brüder
der Großen Grube! Hungert ihr?!“
„Wir hungern ... Hunger und Durst, besonderer Art, Emil! ... Man bindet
sich dabei keine Serviette um, sondern die Schlächterschürze, Emil!
„Rache“ schreit der Erdrachen, blutige Rache! Wer noch zwei gesunde
Proletenbeine und -arme sein eigen nennt, nimmt Platz! ... Möge aus
unseren Gebeinen die Rache erstehn! ... Prost Mahlzeit!“
– – –
„Tirili ... Ti–i–rili ... tiri ...“
Der einsame Vogel sang.
„Arm Vöglein! Du mein herzliebstes Vöglein, was singst du denn immer
noch?!“
Und das irrsinnig gewordene Frontschwein Emil glotzte weiter stier in
das Lichtparadies hinein. –
* * * * *
Wieder stampfte, knatterte, spritzte und schliß der Jazzband.
Ein langhin geblähtes Grunzen ...
Gluckste, wisperte, wieherte, gähnte ...
Und die ganze Gesellschaft rief plötzlich laut:
„Holla!“
Und gleich darauf:
„Hurra!“ und „hoch!“ und „holla!“
Wie eine Schnellfeuersalve krachte das Händeklatschen.
Ein berühmter Pariser Komiker war aufgetreten.
Eine feine Zoten-Lese wurde wie eine mit allerlei delikaten
Ueberraschungen gefüllte Bonbonnière höchst anmutig serviert.
Wieder schnalzte der Komiker mit der Zunge und brachte, noch immer laut
beifallumtost, am Ende noch als Zugabe das weltberühmte Couplet zum
Vortrag:
„Das ist doch wenigstens noch etwas ganz anderes,
Als Californien mit seinem ewigen Einerlei ...“
Leise summte der Bankier mit.
„Text und Melodie, beide wie aus einem Guß ... Trefflich ...“
Der deutsche Professor stieß mit einem Landsmann an:
„Auf Ihr Spezielles!“
Begeistert und kindlich gerührt drückte der Bankier noch während des
Vortrages seiner Frau die Hand:
„Kätzchen, siehst du, das ist mein Mann! So einen muß ich mir doch noch
einmal anschaffen. Das ist das richtige Gegengift gegen die
Alltagssorgen und gegen die Schwermut, Claire. Das heilt. Das ist die
richtige Kur bei Weltschmerz ... Gemütsmassage ...“
Mrs. Branting streichelte lieblos automatisch die kleine dicke, vom
Weingenuß leicht angerötete Hand ihres Gatten.
„Es soll der Dichter mit dem König gehn,
Sie beide wandeln auf der Menschheit Höhn ...“
„Schön gesagt, Claire ...“ erwiderte der Bankier mit einem dankbaren
Blick. „Und vor allem echt und wahr empfunden. Tief wahr ... Der Mann
des Ideals verbündet mit dem Mann der Tat ... Das ist’s, was der
Menschheit am dringendsten nottut. Unter solcher Führerschaft ... Der
Sieg über die Erdenschwere, der durch Wissenschaft und Technik schon so
schön angebahnte Triumph über die Vergängnis wäre damit endgültig
gesichert.“
„Ja, Arm in Arm die Beiden!“ fiel der deutsche Professor dazwischen:
„... die könnten getrost das Jahrhundert in die Schranken fordern ...“
* * * * *
Es war schon spät in der Nacht.
„Tiri ... T–i–i–iri ... Tirili ...“
Der einsame Vogel sang immer noch ...
Die Autokolonne, die die Gesellschaft noch nach Paris zurückbringen
sollte, fuhr vor.
„Ob das nicht ein bißchen zu viel wird, noch so eine gespenstische
Nachtfahrt?“ fragten sich einige und überlegten sich, ob man nicht
lieber im Hotel „Zum Weltkrieg“ übernachten solle ...
* * * * *
Als stimmungsvoller Abschluß der Tournee fand noch ein bengalisches
Brillantfeuerwerk statt, verbunden mit einem groß angelegten
Scheinwerfernaturschauspiel, nach dem Thema „Tausend und eine Nacht.“
Damen und Herren, Arm in Arm, unter den Klängen eines flotten Marsches
des Jazzband-Elite-Orchesters, traten in einer glänzend ausgeführten
Polonaise, jeder Herr sein Glas in der Rechten, auf die Terrasse.
Weit schossen schon durch die Schlachtwüste kegelförmige flache
Lichtblitze.
Auf den spontan aus der Mitte der Gesellschaft einige Male dringend
geäußerten Wunsch entschloß sich der Bankier nun doch noch nach einigem
anfänglichen Zögern zu einer kurzen Ansprache:
„Meine sehr verehrten Damen und Herren! Beim Anblick dieser Trümmer,
grausige Ueberreste blutigen Geschehens, meldet sich auch in unserem
Herzinneren wieder von neuem der uralte Menschheitswunsch nach
Völkerverständigung, Erdenglück, Völkerfrieden. „Friede auf Erden!“ das
ist das Gelübde, was sicher uns allen der Besuch dieses Schlachtfeldes
abringt. Aber nur Arbeit, Arbeit und wiederum Arbeit, Arbeit und damit
allgemeine Wohlfahrt, können für uns die Bürgschaft, die einzigen
Garantien eines wahrhaft dauernden Friedens sein ... Mögen sich das die
Völker mit goldenen Lettern in ihr Gedächtnis schreiben ... Meine sehr
verehrten Herrschaften! Ich erhebe nun das Glas und bitte Sie, mit
einzustimmen in den Ruf: Es lebe der Friede! Es lebe die
Völkerverständigung, die Völkerversöhnung, jener gute Geist des
gegenseitigen Verstehens und der gegenseitigen Achtung, wie er jetzt so
siegreich durch die Lande zieht ... Der Krieg ist tot. Es lebe ... Der
Völkerbund, er lebe – – –“
„Hoch! Hoch! Hoch!“
Die Gläser klirrten ...
Der deutsche Professor schwitzte.
Seine junge Gattin wischte ihm mit seinem Taschentuch die Schweißtropfen
von der Stirn.
„Paneuropa, meine ich“, debattierte er mit seinem Landsmann: „Paneuropa,
meine ich, das wäre das richtige. Natürlich unter Deutschlands
wirtschaftlicher und kultureller Führung. So unter einer Art geistiger
Vorherrschaft ...“
Die Jazzband-Kapelle brachte jetzt ein Potpourri aus Soldatenliedern
aller Nationen zum Vortrag, die am Weltkrieg beteiligt waren.
Darunter auch das Motiv, sentimentalisch variiert:
„Ich hatt’ einen Kameraden“ mit dem Schluß: „Die Vöglein im Walde ...“
Ganz sachte, in einem _piano pianissimo_ verschwingend ...
* * * * *
Die Scheinwerfer spielten.
Die Lichtblitze kreuzten sich, zogen und dehnten sich fächerartig
zusammen und wieder auseinander, oft glichen sie einer riesigen
Knochenhand, die mit nervig ausgespreizten Fingern die Erdfurchen nach
irgendeiner Beute abtastete.
Raketen prasselten aus dem Erddickicht hoch, magische Lichtbündel hingen
in den Wolken, ein effektvoller Lichtregenbogen wölbte sich; hüpfende
Sterne, tanzende Funkenreihen; eine lampionartig glühende, in Hunderte
von blühenden Lichtschmetterlingen zersprühende scharlachene
Riesenglanzkugel; sich drehende Flammensonnen; ein künstliches
Firmament, in allen Farben orgiastisch schwelgend, aus dem herab – als
Finale dieser Lichtsymphonie – ein blendend flimmernder Goldregen sich
ergoß, der in der Vorstellung manch eines aus der Gesellschaft teils zu
einem als mystischer Katarakt niederrauschenden Riesenweihnachtsbaum
wurde, teils zu einer Vision der himmlischen Heerscharen, die „Friede
auf Erden!“ singend aus den mit einem ewigen Hosianna unvergänglich
imprägnierten Aeonen auf die zerrissenen Jammergefilde des Diesseits
gnadenspendend herniederfuhren.
Der rote Vollmond verschwand oft für einige Sekunden hinter dem
Zauberwerk.
Und dazu träumte das Jazzband-Elite-Orchester aus den geöffneten
Fenstern des großen Hotelsaales heraus eine weich sich dem Nachtgold
anschmiegende schmelzende Melodie.
– – –
Die Lichtblitze der Scheinwerfer schossen erdab, vereinigten sich zu
einem einzigen weißlich-glühenden intensivsten Strahlen, und dieses
Strahlen glich ganz einem unendlich durch die Schlachtenwüste hindurch
gestreckten Lichtpfad.
Das war auch der Weg, den Nachts der Christus der armen Bauern wandelte
...
Noch immer kniete draußen in dem von der Lichtflut überschwemmten Land
der „Unbekannte Soldat“, Dumpfes vor sich hinmurmelnd, auf dem Rand
eines Granattrichters.
„... Emil heiß ich. Der „Unbekannte Soldat“ oder „Rumpf“ werde ich
genannt ... Trillert nicht „Emil, wo bist du?“ das einsame Vöglein?
„Allemal hier, Schatz!“ antwortet aus seinem Grabkeller der Rumpf ...
Und der „Unbekannte Soldat“ klopft mir auf die Schulter und zupft mir am
Nabel das Bärtlein fein: „Hat dein Weib dich geärgert? Mach’ kein gar so
griesgrämig Gesicht! Regenwetter gibt’s ohnehin schon genug und auch
saure Gurkenzeit. Komm, Rumpf, wir wollen eins saufen gehen! Komm,
Rumpf! ... Bis zum Sammelblasen hat’s alleweil noch Zeit ...“ So bin ich
der heiligen Dreifaltigkeit gleich. Bin drei und eins.“
* * * * *
Emil glotzte.
Die Lichtflut traf ihn.