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In dieser Nacht gab es zwei Träume.
Den einen träumte der Bankier.
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Er schwebte unermeßlich hoch darin über der Erde, in einer kristallisch
geschliffenen, eisklaren, atmosphärischen Traumwolke, und die Erde unter
ihm war wüst und leer, brodelte dumpf und schäumte.
In morasttiefen Abgründen hausten die Menschen, und die ganze
Menschenerde glich einem mit einem porösen Stoff ausgelegten
Riesenbecken, darin die gewaltigen Blutströme die ununterbrochen vom
Menschengeschlechte abfielen, spur- und farblos versickerten.
Eine auserwählte Schar von Dichtern und Presseleuten hatte der Bankier
um sich versammelt, die ihm in seinem Flug nachfolgten, die ihm
huldigten, indem sie ihm zu Ehren barock geschwollene Lobestiraden
verfaßten und diese bei den häufig stattfindenden Empfängen und
Festtafeln mehr oder minder pathetisch vortrugen. Und, ein wirbelnder
Blättersturm, fegten die Zeitungen tagtäglich auf die Erde hinab, die
lange Artikelserien mit wissenschaftlich sorgfältigen Analysen des neuen
Zeitalters brachten, mit ausführlichen, höchst detaillierten und durch
ein reichhaltiges statistisches Material ergänzten Beschreibungen der
Rolle des Finanzkapitals und des Wesens des Imperialismus, was, mehr
dem Kulturgeschmack nach ausgedrückt, bedeutete: „Das Neue
Renaissance-Menschentum.“
Und in der Tat – wer hätte es leugnen können! – der Bankier wurde immer
mehr Gott gleich!
Wenn der Priester z. B. betete „Vater unser!“, so flehte er doch
insgeheim, im innersten Kammerwinkelchen seiner unruhenden Seele:
„Hoffentlich wird uns der Herr Bankier nicht doch noch eines schönen
Tages unsere fetten Pfründen sperren ...“ Aber Gott, der Bankier, dachte
nicht im entferntesten daran, im Gegenteil, nach glücklicher Genesung
aus einer höchst atheistischen Jugendkrankheit, wurde er mit den Jahren
immer mehr der Ansicht: „Die Religion muß dem Volk erhalten bleiben!“
Das Aufklärertum kam in dieser Periode der Bankier-Herrschaft völlig
außer Mode, und mit dem Salz des religiösen Glaubens waren diese Tage
der Welt gewürzt.
„Die Welt wird schöner mit jedem Tag. Es ist eine Lust zu leben!“ – so
verkündeten es wenigstens die offiziellen Apostel. „Die Herrschaft des
Finanzkapitals: das ist der Anbruch des Paradieses auf Erden ...“ –
prophezeien, selbst allerdings vom Gegenteil überzeugt, wieder andere.
Nun, hoch über dem immer mehr sich ausweitenden Erdsumpf durch die
sphärischen Abgründe des Himmels dahinschwebend, wähnte der Bankier und
seine Gefolgschaft, die Brust vom kühnen Erobererstolz geschwellt, gegen
den immer tiefer bis in das Erdinnere vordringenden Fäulnisprozeß sich
hinreichend gesichert. Gegen seine anscheinend unheilbare
Berufskrankheit, gegen eine oft jede Lebensenergie lähmende und jeden
Lebenswillen unterminierende Langeweile, die besonders kraß bei seiner
Nachkommenschaft auftrat, erfand das ständige Aufgebot medizinischer
Autoritäten aller Länder immer neue, den tödlichen Endprozeß verzögernde
Gegenmittel ...
Trotzdem er aber so hoch in den Lüften schwebte, und scheinbar im
Unendlichen und Zeitlosen thronte und kreiste, war er doch tiefer, als
die Dichter es in ihren apotheotischen Gesängen wahrmachen wollten, mit
der Zeit verwurzelt und mit dem Erdgrund verbunden.
Folgendes geschah:
Es geschah, daß er auf seinem Flug wie in einem Luftwirbel in den
Strudel eines für ihn völlig unlösbaren Widerspruchs geriet, der für ihn
schicksalhafte Gestalt annahm, und in den er sich, je mehr er sich
daraus zu befreien versuchte, desto tiefer verstrickte.
Alles, was er auch unternahm: sei es, daß er Fabriken gründete,
kolonisierte, neue Rohstofflager aus der Erde schürfte, alles was er für
sich unternahm, unternahm er doch gleichzeitig auch wieder gegen sich
selbst. Jede Verordnung, die er in seinem eigenen und nur in seinem
eigenen Interesse erließ, kehrte plötzlich sich wieder unversehens gegen
ihn selbst um, mit einem um so geschärfteren Stachel.
Das ist vielleicht besser zu verstehen, wenn man sich in die Lage jenes
unglücklichen Schwimmers versetzt, der sich krampfhaft bemüht, Arme und
Beine aus dem Gewirr von Schlingpflanzen zu lockern, dessen geringste
Bewegung aber doch dazu bestimmt ist, ihn immer fester, unlösbarer in
seinen eigenen Untergang zu verstricken.
So sah sich der Bankier auch eines Tages dazu veranlaßt, durch seine
Regierungen das feste, allzu starre und geschriebene Gesetzprinzip in
der Praxis aufzuheben und durch einen Ausnahmezustand, d. h. durch eine
ausgesprochene Willkürordnung, zu ersetzen, denn er konnte nurmehr
herrschen auf Grund einer absoluten Anarchie. Seine eigenen Erlässe,
Dekrete, Gesetze wären ihm sonst unfehlbar zur Fallschlinge geworden.
So bewaffnete er auch einmal Schwarze gegen Weiße.
Plötzlich aber drehten eines Tages die Schwarzen das Gewehr um und
nahmen ihn selbst als Weißen aufs Korn.
Oder:
Er züchtete künstlich Verwesung, aber er verweste auch selbst dabei,
während das Volk trotz unbeschreiblicher Martern, die ihm dieser
Verwesungsprozeß verursachte, letzten Endes an diesem Gift gesundete.
Denn verschluckten sich gierig gegenseitig Trusts und Konzerne, so gab
es wohl blutiges Bauchgrimmen beim Volk, zugleich aber bildeten sich
auch als wirksame Gegengifte heraus: Klassenbewußtsein,
Solidaritätsgefühl, Klassenkampfgeist, und als hochkonzentrierter
Kampfstoff unter Führung einer straff disziplinierten Partei betraten
alsbald darauf die revolutionären werktätigen Massen die politische
Arena ...
Aber auch dann, als er von der Zwangsvorstellung des für ihn
verhängnisvollen und unlösbaren Widerspruchs gehetzt, dazu überging,
einen Staudamm von Galgen gegen die anbrandende rote Sturmflut der
Empörer zu errichten, als ihm schon nichts mehr anderes übrig blieb, als
in Wahrheit zur völligen Ohnmacht verdammt, seine Machtgefühle nurmehr
darin zu äußern, daß er wahnwitzig und sinnlos drauflos mordete und die
Volkskraft frivol und zwecklos ausplünderte, auch in dieser Periode
seiner Scheinherrschaft war er widerwillig gezwungen, streng nach dem
Grundsatz zu handeln: „Einerseits-andererseits“.
Einerseits vernichtete er physisch die Empörer und rottete sie oft
mitsamt ihren Organisationen restlos aus, andererseits aber schuf er
eben dadurch, durch diesen Vernichtungsakt, eifrig und geradezu behutsam
doch zugleich wieder den Nährboden, auf dem Unzufriedenheit, Hungersnot,
Streik, Empörung, Aufstand treibhausartig wucherten.
So fraß er, und wurde dabei doch zugleich auch selbst aufgefressen.
Es gelang ihm durch seine Gewaltmaßnahmen nicht viel an der Wahrheit
jener unumstößlichen Tatsache zu ändern, die ihm einst ein von ihm zum
Tode verurteilter Revolutionär ins Gesicht schleuderte:
„Sie ehrenwerter Herr!“ – ergriff der unter dem Galgen das Schlußwort:
„Ihre Mörderpraxis und als Ueberbau darüber Ihre verlogene Henkermoral,
das ist die beste Propaganda für uns und unsere Ideen. Fahren Sie fort
in Ihrem Werk ... Je ungenierter, desto besser; bitte ... Dank Ihnen
kommen wir rascher an unser Ziel ...“
Die letzten Stützpunkte, auf die sich der krampfhaft um seine Macht
Ringende noch stützen konnte: illusionssüchtige und sensationslüsterne
Kleinbürger, Deklassierte, Berufsmörder, Hasardeure: sie stützten ihn
zwar, aber sie stützten ihn so, wie der Strick den Gehängten stützt.
Der Blutrausch ging jäh zu Ende.
Eine Sekundenpause grauenhafter Ernüchterung folgte.
Wäre es jetzt nach dem Bankier gegangen, so wäre das Ende der Welt
gekommen.
Es kam aber anders.
Tiefer, immer tiefer senkte er sich in seinem Flug.
Schon spritzte Erdschaum hoch um ihn auf.
Denn er hatte die Schwerkraft bisher nur erfolgreich überwinden können
dadurch, daß Millionen und Abermillionen Menschen willig für ihn
Schwerarbeit leisteten. Nur auf Grund dieser von Millionen und
Abermillionen Menschen willig für ihn geleisteten Schwerarbeit konnte er
sich frei und ungehemmt im Luftraum bewegen.
Die Fesseln von Millionen und Abermillionen Menschen waren für ihn die
unbedingte Voraussetzung seiner eigenen Freiheit. Deren Freiheit aber
war gleichbedeutend für ihn mit seiner, mit seiner eigenen Fesselung.
Und immer tiefer zur Erde niedergleitend, sah er jetzt, wie die wohl
über ein Jahrhundert lang ihm Dienstwilligen unter mörderischen
Krümmungen und Zuckungen ihre Fesseln von sich abstreiften, ein ganzes
Zwangs- und Fesselsystem zerriß, zugleich aber spürte er, wie sich ihm
unlösbar Gehirn und Leib banden ...
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Mit dieser Vorstellung wachte der Bankier auf, angstschweißtriefend, und
wie ein Fisch, der aus seinem Element gehoben ist, nach Luft schnappend.
Langsam glättete sich ihm nun auch der tiefe Einschnitt vom Strick, der
ihm in der letzten Traumsekunde noch umgeworfen worden war, an dem etwas
speckig geratenen Gurgelknopf und im Nacken.
Eine dicke Träne kollerte.
„Das wär also der Dank. Undank ist der Welt Lohn.“
Und wieder nach einer geraumen Weile voll Gähnens und Nachdenkens:
„Wie vielen Millionen gab ich nicht Brot durch die Arbeit, schenkte ich
nicht sozusagen überhaupt erst das Leben? ... Wenn ich nur an die
Riesenkolonien der von mir errichteten Arbeiterwohnungen denke. Auch
wunderbare Bauten von Erholungsheimen, Angestelltensanatorien,
Heimstätten habe ich erst neulich in Gedanken projektiert! Geschäft ist
Geschäft ... Aber außerhalb des Geschäfts kann man sich schon einmal
ausnahmsweise den Luxus gestatten und seinen Gefühlen freien Lauf lassen
... Hauptsache für einen Geschäftsmann ist und bleibt, mag er einer
Branche angehören, welcher er will, daß er innerhalb des Geschäfts sich
von derartigen sentimentalen Anwandlungen und kuriosen Träumereien
absolut frei hält ... Das Geschäft gehört ins Tal und die Seele auf die
Berge ... Im übrigen: gegen Klagen, Drohungen, Träume, Gespenster usw.
immun wie immer. Bange machen lassen gilt noch immer nicht ... wir sind
noch stark, stark, stark genug ...“
Er streckte sich.
Befühlte seine Muskeln.
Die Knochen knackten.
„Quatsch! An dem ganzen Traum-Unsinn ist nur das Schlachtfeld und der
Führer mit seinen dummdreisten und aufdringlichen Witzen schuld.
Natürlich! Grünes Gemüse. Noch nicht trocken hinter den Ohren. So ein
Lausejunge, so ein Hundesohn, Müßiggänger, Nichtsnutz, ein ganz gemeiner
imaginärer Kerl ...
„Gehören die Träume, die ich träume, mir, oder nicht!?
„Spekuliert man auf meine Träume!? ... Sozialisiert man meine Träume!?
...
„Ist etwa mein Traumland gar schon ein öffentliches Terrain, und muß
ich, wenn ich eine Traumwanderung antrete, mich auch von einem Führer
begleiten lassen, der jede meiner Bewegungen, der jede meiner
Traum-Zuckungen zynisch kommentiert ...!?“
Er klingelte dreimal kurz hintereinander scharf.
Er fetzte den letzten Traumgedanken sich mit der Reitpeitsche aus dem
Gehirn.
Pfiff vor sich hin:
„Das ist doch wenigstens noch etwas ganz anderes
Als Kalifornien mit seinem ewigen Einerlei ...“
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Der Sekretär erschien mit der Morgenpost und den Zeitungen.
Darunter war auch ein ausführlicher Brief seines bald
zweiundzwanzigjährigen Sohnes Cuco, in dem dieser seinem Vater
mitteilte, er mache jetzt eine neue Entwicklung durch „mit
freiheitlichem Einschlag“, und er fühle sich, als „wenn er von innen
aufgehe“.
Bei „freiheitlichem Einschlag“ stutzte der Bankier einen Augenblick.
Schmunzelte aber sogleich, als er weiter las:
„Unter freiheitlichem Einschlag verstehe ich, daß ich mich immer mehr
von den sozialistischen Ideen, denen ich in meiner Jugend anhing,
freimache, von dem historischen Materialismus im besonderen, und mich
immer schärfer von dem jeden Geist tötenden und jeden freien Entschluß
hemmenden, terroristischen, schändlichen Treiben der Gewerkschaften mit
Abscheu abgrenze, das auf die Dauer jedes unbefangene, unvoreingenommene
Verhältnis des Arbeitnehmers dem Arbeitgeber gegenüber zur Unmöglichkeit
macht und unser ganzes Volkswesen in einen bürgerkriegähnlichen
Fieberzustand hineinhetzen muß. Ich suche die Wahrheit und glaube jetzt
bestimmt auf dem richtigen Wege zu sein. Die äußeren Verhältnisse sind
es nicht, die Glück, Wesen und Wert eines Menschen ausmachen, Wandlung
tut not, Einkehr nach innen und radikaler Bruch mit der herrschenden
Idee dieser Zeit: mit dem alle wahren Lebenskräfte lähmenden
Sozialismus. Das dünkt mich die große Krankheit dieser Zeit, aber sie
wird auch aus sich selbst heraus, wenn auch unter Fieberschauern, das
neue Heilmittel zeugen, das als Gegengift dazu zwangsläufig sich
steigernde Wertbewußtsein der Persönlichkeit ...“
„Bravo, Cuco! Gut so! Du wirst deinem alten Vater noch Freude machen!
Fahre weiter so fort, dann kann es nicht schief gehen ... Er fühlt sich,
als ob er von innen aufgeht. Einfach aber für sein Alter schon recht
nett gesagt.“
Und der Bankier gab den Auftrag, an Cuco ein Telegramm zu schicken,
folgenden Inhalts:
„Gut so. Suche weiter die Wahrheit auf diesem Weg, und du wirst sie
finden. Fördere freiheitlichen Einschlag mit allen Kräften. In Treue
dein Vater.“
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Den anderen Traum träumte Jacques.
Jacques Rillot, ein französischer Kleinbauer.
Die dürftige Hütte, die er bewohnte, und die während des Krieges
vollkommen zusammengeschossen worden war, hatte er sich nach seiner
Entlassung vom Militär eigenhändig wieder zurechtgezimmert. Es reichte
sogar noch zu einem Stall, mit einer Kuh, Geflügel und zwei Ziegen
darin.
Das alles, Mensch und Vieh, wohnte friedlich nebeneinander, Wand an
Wand.