Da sank der „Rumpf“ in seinen Granattrichter zurück. –

* * * * *

In dieser Nacht gab es zwei Träume.

Den einen träumte der Bankier.

* * * * *

Er schwebte unermeßlich hoch darin über der Erde, in einer kristallisch

geschliffenen, eisklaren, atmosphärischen Traumwolke, und die Erde unter

ihm war wüst und leer, brodelte dumpf und schäumte.

In morasttiefen Abgründen hausten die Menschen, und die ganze

Menschenerde glich einem mit einem porösen Stoff ausgelegten

Riesenbecken, darin die gewaltigen Blutströme die ununterbrochen vom

Menschengeschlechte abfielen, spur- und farblos versickerten.

Eine auserwählte Schar von Dichtern und Presseleuten hatte der Bankier

um sich versammelt, die ihm in seinem Flug nachfolgten, die ihm

huldigten, indem sie ihm zu Ehren barock geschwollene Lobestiraden

verfaßten und diese bei den häufig stattfindenden Empfängen und

Festtafeln mehr oder minder pathetisch vortrugen. Und, ein wirbelnder

Blättersturm, fegten die Zeitungen tagtäglich auf die Erde hinab, die

lange Artikelserien mit wissenschaftlich sorgfältigen Analysen des neuen

Zeitalters brachten, mit ausführlichen, höchst detaillierten und durch

ein reichhaltiges statistisches Material ergänzten Beschreibungen der

Rolle des Finanzkapitals und des Wesens des Imperialismus, was, mehr

dem Kulturgeschmack nach ausgedrückt, bedeutete: „Das Neue

Renaissance-Menschentum.“

Und in der Tat – wer hätte es leugnen können! – der Bankier wurde immer

mehr Gott gleich!

Wenn der Priester z. B. betete „Vater unser!“, so flehte er doch

insgeheim, im innersten Kammerwinkelchen seiner unruhenden Seele:

„Hoffentlich wird uns der Herr Bankier nicht doch noch eines schönen

Tages unsere fetten Pfründen sperren ...“ Aber Gott, der Bankier, dachte

nicht im entferntesten daran, im Gegenteil, nach glücklicher Genesung

aus einer höchst atheistischen Jugendkrankheit, wurde er mit den Jahren

immer mehr der Ansicht: „Die Religion muß dem Volk erhalten bleiben!“

Das Aufklärertum kam in dieser Periode der Bankier-Herrschaft völlig

außer Mode, und mit dem Salz des religiösen Glaubens waren diese Tage

der Welt gewürzt.

„Die Welt wird schöner mit jedem Tag. Es ist eine Lust zu leben!“ – so

verkündeten es wenigstens die offiziellen Apostel. „Die Herrschaft des

Finanzkapitals: das ist der Anbruch des Paradieses auf Erden ...“ –

prophezeien, selbst allerdings vom Gegenteil überzeugt, wieder andere.

Nun, hoch über dem immer mehr sich ausweitenden Erdsumpf durch die

sphärischen Abgründe des Himmels dahinschwebend, wähnte der Bankier und

seine Gefolgschaft, die Brust vom kühnen Erobererstolz geschwellt, gegen

den immer tiefer bis in das Erdinnere vordringenden Fäulnisprozeß sich

hinreichend gesichert. Gegen seine anscheinend unheilbare

Berufskrankheit, gegen eine oft jede Lebensenergie lähmende und jeden

Lebenswillen unterminierende Langeweile, die besonders kraß bei seiner

Nachkommenschaft auftrat, erfand das ständige Aufgebot medizinischer

Autoritäten aller Länder immer neue, den tödlichen Endprozeß verzögernde

Gegenmittel ...

Trotzdem er aber so hoch in den Lüften schwebte, und scheinbar im

Unendlichen und Zeitlosen thronte und kreiste, war er doch tiefer, als

die Dichter es in ihren apotheotischen Gesängen wahrmachen wollten, mit

der Zeit verwurzelt und mit dem Erdgrund verbunden.

Folgendes geschah:

Es geschah, daß er auf seinem Flug wie in einem Luftwirbel in den

Strudel eines für ihn völlig unlösbaren Widerspruchs geriet, der für ihn

schicksalhafte Gestalt annahm, und in den er sich, je mehr er sich

daraus zu befreien versuchte, desto tiefer verstrickte.

Alles, was er auch unternahm: sei es, daß er Fabriken gründete,

kolonisierte, neue Rohstofflager aus der Erde schürfte, alles was er für

sich unternahm, unternahm er doch gleichzeitig auch wieder gegen sich

selbst. Jede Verordnung, die er in seinem eigenen und nur in seinem

eigenen Interesse erließ, kehrte plötzlich sich wieder unversehens gegen

ihn selbst um, mit einem um so geschärfteren Stachel.

Das ist vielleicht besser zu verstehen, wenn man sich in die Lage jenes

unglücklichen Schwimmers versetzt, der sich krampfhaft bemüht, Arme und

Beine aus dem Gewirr von Schlingpflanzen zu lockern, dessen geringste

Bewegung aber doch dazu bestimmt ist, ihn immer fester, unlösbarer in

seinen eigenen Untergang zu verstricken.

So sah sich der Bankier auch eines Tages dazu veranlaßt, durch seine

Regierungen das feste, allzu starre und geschriebene Gesetzprinzip in

der Praxis aufzuheben und durch einen Ausnahmezustand, d. h. durch eine

ausgesprochene Willkürordnung, zu ersetzen, denn er konnte nurmehr

herrschen auf Grund einer absoluten Anarchie. Seine eigenen Erlässe,

Dekrete, Gesetze wären ihm sonst unfehlbar zur Fallschlinge geworden.

So bewaffnete er auch einmal Schwarze gegen Weiße.

Plötzlich aber drehten eines Tages die Schwarzen das Gewehr um und

nahmen ihn selbst als Weißen aufs Korn.

Oder:

Er züchtete künstlich Verwesung, aber er verweste auch selbst dabei,

während das Volk trotz unbeschreiblicher Martern, die ihm dieser

Verwesungsprozeß verursachte, letzten Endes an diesem Gift gesundete.

Denn verschluckten sich gierig gegenseitig Trusts und Konzerne, so gab

es wohl blutiges Bauchgrimmen beim Volk, zugleich aber bildeten sich

auch als wirksame Gegengifte heraus: Klassenbewußtsein,

Solidaritätsgefühl, Klassenkampfgeist, und als hochkonzentrierter

Kampfstoff unter Führung einer straff disziplinierten Partei betraten

alsbald darauf die revolutionären werktätigen Massen die politische

Arena ...

Aber auch dann, als er von der Zwangsvorstellung des für ihn

verhängnisvollen und unlösbaren Widerspruchs gehetzt, dazu überging,

einen Staudamm von Galgen gegen die anbrandende rote Sturmflut der

Empörer zu errichten, als ihm schon nichts mehr anderes übrig blieb, als

in Wahrheit zur völligen Ohnmacht verdammt, seine Machtgefühle nurmehr

darin zu äußern, daß er wahnwitzig und sinnlos drauflos mordete und die

Volkskraft frivol und zwecklos ausplünderte, auch in dieser Periode

seiner Scheinherrschaft war er widerwillig gezwungen, streng nach dem

Grundsatz zu handeln: „Einerseits-andererseits“.

Einerseits vernichtete er physisch die Empörer und rottete sie oft

mitsamt ihren Organisationen restlos aus, andererseits aber schuf er

eben dadurch, durch diesen Vernichtungsakt, eifrig und geradezu behutsam

doch zugleich wieder den Nährboden, auf dem Unzufriedenheit, Hungersnot,

Streik, Empörung, Aufstand treibhausartig wucherten.

So fraß er, und wurde dabei doch zugleich auch selbst aufgefressen.

Es gelang ihm durch seine Gewaltmaßnahmen nicht viel an der Wahrheit

jener unumstößlichen Tatsache zu ändern, die ihm einst ein von ihm zum

Tode verurteilter Revolutionär ins Gesicht schleuderte:

„Sie ehrenwerter Herr!“ – ergriff der unter dem Galgen das Schlußwort:

„Ihre Mörderpraxis und als Ueberbau darüber Ihre verlogene Henkermoral,

das ist die beste Propaganda für uns und unsere Ideen. Fahren Sie fort

in Ihrem Werk ... Je ungenierter, desto besser; bitte ... Dank Ihnen

kommen wir rascher an unser Ziel ...“

Die letzten Stützpunkte, auf die sich der krampfhaft um seine Macht

Ringende noch stützen konnte: illusionssüchtige und sensationslüsterne

Kleinbürger, Deklassierte, Berufsmörder, Hasardeure: sie stützten ihn

zwar, aber sie stützten ihn so, wie der Strick den Gehängten stützt.

Der Blutrausch ging jäh zu Ende.

Eine Sekundenpause grauenhafter Ernüchterung folgte.

Wäre es jetzt nach dem Bankier gegangen, so wäre das Ende der Welt

gekommen.

Es kam aber anders.

Tiefer, immer tiefer senkte er sich in seinem Flug.

Schon spritzte Erdschaum hoch um ihn auf.

Denn er hatte die Schwerkraft bisher nur erfolgreich überwinden können

dadurch, daß Millionen und Abermillionen Menschen willig für ihn

Schwerarbeit leisteten. Nur auf Grund dieser von Millionen und

Abermillionen Menschen willig für ihn geleisteten Schwerarbeit konnte er

sich frei und ungehemmt im Luftraum bewegen.

Die Fesseln von Millionen und Abermillionen Menschen waren für ihn die

unbedingte Voraussetzung seiner eigenen Freiheit. Deren Freiheit aber

war gleichbedeutend für ihn mit seiner, mit seiner eigenen Fesselung.

Und immer tiefer zur Erde niedergleitend, sah er jetzt, wie die wohl

über ein Jahrhundert lang ihm Dienstwilligen unter mörderischen

Krümmungen und Zuckungen ihre Fesseln von sich abstreiften, ein ganzes

Zwangs- und Fesselsystem zerriß, zugleich aber spürte er, wie sich ihm

unlösbar Gehirn und Leib banden ...

– – – – – – –

Mit dieser Vorstellung wachte der Bankier auf, angstschweißtriefend, und

wie ein Fisch, der aus seinem Element gehoben ist, nach Luft schnappend.

Langsam glättete sich ihm nun auch der tiefe Einschnitt vom Strick, der

ihm in der letzten Traumsekunde noch umgeworfen worden war, an dem etwas

speckig geratenen Gurgelknopf und im Nacken.

Eine dicke Träne kollerte.

„Das wär also der Dank. Undank ist der Welt Lohn.“

Und wieder nach einer geraumen Weile voll Gähnens und Nachdenkens:

„Wie vielen Millionen gab ich nicht Brot durch die Arbeit, schenkte ich

nicht sozusagen überhaupt erst das Leben? ... Wenn ich nur an die

Riesenkolonien der von mir errichteten Arbeiterwohnungen denke. Auch

wunderbare Bauten von Erholungsheimen, Angestelltensanatorien,

Heimstätten habe ich erst neulich in Gedanken projektiert! Geschäft ist

Geschäft ... Aber außerhalb des Geschäfts kann man sich schon einmal

ausnahmsweise den Luxus gestatten und seinen Gefühlen freien Lauf lassen

... Hauptsache für einen Geschäftsmann ist und bleibt, mag er einer

Branche angehören, welcher er will, daß er innerhalb des Geschäfts sich

von derartigen sentimentalen Anwandlungen und kuriosen Träumereien

absolut frei hält ... Das Geschäft gehört ins Tal und die Seele auf die

Berge ... Im übrigen: gegen Klagen, Drohungen, Träume, Gespenster usw.

immun wie immer. Bange machen lassen gilt noch immer nicht ... wir sind

noch stark, stark, stark genug ...“

Er streckte sich.

Befühlte seine Muskeln.

Die Knochen knackten.

„Quatsch! An dem ganzen Traum-Unsinn ist nur das Schlachtfeld und der

Führer mit seinen dummdreisten und aufdringlichen Witzen schuld.

Natürlich! Grünes Gemüse. Noch nicht trocken hinter den Ohren. So ein

Lausejunge, so ein Hundesohn, Müßiggänger, Nichtsnutz, ein ganz gemeiner

imaginärer Kerl ...

„Gehören die Träume, die ich träume, mir, oder nicht!?

„Spekuliert man auf meine Träume!? ... Sozialisiert man meine Träume!?

...

„Ist etwa mein Traumland gar schon ein öffentliches Terrain, und muß

ich, wenn ich eine Traumwanderung antrete, mich auch von einem Führer

begleiten lassen, der jede meiner Bewegungen, der jede meiner

Traum-Zuckungen zynisch kommentiert ...!?“

Er klingelte dreimal kurz hintereinander scharf.

Er fetzte den letzten Traumgedanken sich mit der Reitpeitsche aus dem

Gehirn.

Pfiff vor sich hin:

„Das ist doch wenigstens noch etwas ganz anderes

Als Kalifornien mit seinem ewigen Einerlei ...“

* * * * *

Der Sekretär erschien mit der Morgenpost und den Zeitungen.

Darunter war auch ein ausführlicher Brief seines bald

zweiundzwanzigjährigen Sohnes Cuco, in dem dieser seinem Vater

mitteilte, er mache jetzt eine neue Entwicklung durch „mit

freiheitlichem Einschlag“, und er fühle sich, als „wenn er von innen

aufgehe“.

Bei „freiheitlichem Einschlag“ stutzte der Bankier einen Augenblick.

Schmunzelte aber sogleich, als er weiter las:

„Unter freiheitlichem Einschlag verstehe ich, daß ich mich immer mehr

von den sozialistischen Ideen, denen ich in meiner Jugend anhing,

freimache, von dem historischen Materialismus im besonderen, und mich

immer schärfer von dem jeden Geist tötenden und jeden freien Entschluß

hemmenden, terroristischen, schändlichen Treiben der Gewerkschaften mit

Abscheu abgrenze, das auf die Dauer jedes unbefangene, unvoreingenommene

Verhältnis des Arbeitnehmers dem Arbeitgeber gegenüber zur Unmöglichkeit

macht und unser ganzes Volkswesen in einen bürgerkriegähnlichen

Fieberzustand hineinhetzen muß. Ich suche die Wahrheit und glaube jetzt

bestimmt auf dem richtigen Wege zu sein. Die äußeren Verhältnisse sind

es nicht, die Glück, Wesen und Wert eines Menschen ausmachen, Wandlung

tut not, Einkehr nach innen und radikaler Bruch mit der herrschenden

Idee dieser Zeit: mit dem alle wahren Lebenskräfte lähmenden

Sozialismus. Das dünkt mich die große Krankheit dieser Zeit, aber sie

wird auch aus sich selbst heraus, wenn auch unter Fieberschauern, das

neue Heilmittel zeugen, das als Gegengift dazu zwangsläufig sich

steigernde Wertbewußtsein der Persönlichkeit ...“

„Bravo, Cuco! Gut so! Du wirst deinem alten Vater noch Freude machen!

Fahre weiter so fort, dann kann es nicht schief gehen ... Er fühlt sich,

als ob er von innen aufgeht. Einfach aber für sein Alter schon recht

nett gesagt.“

Und der Bankier gab den Auftrag, an Cuco ein Telegramm zu schicken,

folgenden Inhalts:

„Gut so. Suche weiter die Wahrheit auf diesem Weg, und du wirst sie

finden. Fördere freiheitlichen Einschlag mit allen Kräften. In Treue

dein Vater.“

* * * * *

Den anderen Traum träumte Jacques.

Jacques Rillot, ein französischer Kleinbauer.

Die dürftige Hütte, die er bewohnte, und die während des Krieges

vollkommen zusammengeschossen worden war, hatte er sich nach seiner

Entlassung vom Militär eigenhändig wieder zurechtgezimmert. Es reichte

sogar noch zu einem Stall, mit einer Kuh, Geflügel und zwei Ziegen

darin.

Das alles, Mensch und Vieh, wohnte friedlich nebeneinander, Wand an

Wand.

Der Bankier reitet über das Schlachtfeld · 第 10 / 16 题