Die Schlachtfeldbesucher schwiegen betroffen einen Augenblick. –

* * * * *

„Und nun, meine Herrschaften, entschuldigen Sie die Erzählung der

Legende bitte, nichts für ungut, und setzen wir unsere Tournee fort!“

Noch immer schweigend folgten die Schlachtfeldbesucher dem Führer.

„Wenn Sie zu Hause ihre Kriegserlebnisse erzählen, dürfen Sie auch nicht

vergessen ...“

Auf einer sauber gezimmerten Stufenleiter klommen sie nacheinander in

eine Kiesgrube hinab.

Auf der einen Seite war eine dicke Sandsteinmauer.

„Spaß beiseite! ... Hier, meine Herrschaften, fanden regelmäßig

Exekutionen statt von Verrätern, Deserteuren und anderen

Vaterlandsschädlingen, bei allen Nationen gleichermaßen tiefster

Verachtung preisgegeben ... Ich werde Ihnen, wenn wir wieder oben sind,

das Wrack einer Mühle zeigen, von der aus ein französischer Bauer, mit

Geld bestochen, das feindliche Artilleriefeuer mittels einfacher

Laternensignale geleitet hat ... Die Kiesgrube mag durch ihre Lage

besonders günstig für derartige Hinrichtungen gewesen sein, die sofort

nach der Urteilsfällung durch die Kriegsgerichte, gegen die es keinen

Einspruch mehr gab, innerhalb vierundzwanzig Stunden vollstreckt werden

mußten. So verlangt es bei allen Staaten ausdrücklich das Gesetz ... Die

verschiedenen Sandhaufen, die Sie hier sehen, ohne Kreuzschmuck

wohlgemerkt, das ist die Ruhestätte dieser Hingerichteten. Ihre Namen

kennt keiner. Auch die Angehörigen nicht. Wäre es doch eine Schande für

die Familie. Die Zahlen der hier Füsilierten kann ich nicht genau

angeben, doch spricht man von Hunderten, die hier in dieser Grube ihre

schändlichen Verbrechen sühnten ...“

„Zucht muß sein, ohne das geht es nun einmal in einem straff

disziplinierten Heer nicht ab.“

Stützte der deutsche Professor seine Gattin beim Wiederaufwärtssteigen.

„In Deutschland würde es heute sicherlich anders aussehen, wenn alle

Novemberverbrecher kurzerhand in solch einer ...“

„Und die Bauern, die da, wie ihnen ihr Christus prophezeit hat, den

zweiten Galgen errichten wollen, sollen sich nur vorsehen, daß sie nicht

vom Regen in die Traufe kommen, daß heißt, statt an den Galgen, hier in

der Kiesgrube – –“

Der Bankier sprach diesen Ratschlag in einem geradezu väterlich

gerührten Ton gedämpft vor sich hin. –

* * * * *

„Hui!“ und „Pfui!“ schrieen da plötzlich einige Damen, rissen die Röcke

hoch, die Männer schlugen wild durcheinander mit den Spazierstöcken auf

den Pfahldamm ein.

„Eine Ratte –

„Pfui! Hui!

„Was für ein abscheuliches, häßliches –

„Unappetitliches Tier –

„Solch ein Biest!

„Solch ein Freßsack ...“

Und die Rattentreibjagd begann.

Der Deutsche trillerte leis:

„Lützows wilde verwegene Jagd ...“

Es war eine ausnehmend große, prall gemästete Ratte.

„Rattenbisse sind tödlich unter Umständen! ... Bleiben Sie zurück, meine

Herrschaften! ... Ein Rattenbiß überträgt Bazillen unter Umständen, die

Pest ...“

Und der Führer setzte allein hinter ihr her.

Die Ratte stürmte wieder die Kiesgrube hinab, und aus halber Höhe

knallte der Führer ihr einige wohlgezielte Pistolenschüsse nach.

Die Ratte kratzte einigemale energisch mit den Pfoten im Sand, dann

drehte sie sich, verzuckend, auf die Bauchseite.

Pfiff noch einmal.

Pißte noch.

Teile der Gesellschaft stiegen nochmals die Stufenleiter zur Kiesgrube

hinab, um die tote Ratte zu betrachten.

Stocherten mit den Spazierstöcken an ihr herum, wendeten sie nach allen

Seiten hin und stiegen wieder herauf ...

„Ein ekliger Geselle! –

„Wie bissig das Gebiß! –

„Heißhunger, Leichenraub, Menschenhaß, die ganze Menschheitsverachtung

blitzt ihr aus den Augen ...

„Oft hatten die Truppen in den Schützengräben, besonders nach lang

andauernden Regenfällen oder Ueberschwemmungen, richtige

Rattenschlachten auszufechten ... Da half aber keine Kugel, sondern nur

das blanke Messer ...

„Es ist etwas Schreckliches um die Ratten –

„Gott, gibt es Tiere auf dieser Welt ...!“

Und weiter wanderte die Gesellschaft.

„Hier ein geplatztes Geschütz!“ demonstrierte der Führer. „Die ganze

Mannschaft ist bei der Explosion durch einen sogenannten Rohrkrepierer

mit in die Luft gegangen ... Ehre ihrem Angedenken! ... Und hier wieder

Fallgruben, spanische Reiter, der Boden besät mit Blindgängern in Hülle

und Fülle ... Bitte, und hier, treten Sie ruhig unbesorgt näher, es kann

Ihnen garantiert nichts passieren: Was sehen Sie!?“

„Ah, davon hat man so oft in den Zeitungen gelesen, wie das aber in der

Wirklichkeit oft so ganz anders sich ausnimmt!“

„Richtig geraten! Erstens: ein Flammenwerferapparat und zweitens: ein

schwerer Minenwerfer mit der dazu gehörigen Munition: Flügelminen. Hier

an dem Zaun sehen Sie außerdem einige der gebräuchlichsten Modelle von

Gasmasken ... Wenn Sie wünschen, können die Herrschaften einmal eine

aufprobieren. Vielleicht steht sie Ihnen. Vielleicht wird das noch

einmal die große Mode ...“

Der deutsche Professor zog sich auch wirklich schon eine der Gashauben

über und während alle um ihn herum „huhu!“ heulten, drehte er sich um

sich selbst, kokett wie ein Mannequin, das eine neue Toilette zeigt.

„Welch eine Fratze! –

„Hui! Pfui!“

„Sie wollen mit uns wohl „schwarzer Mann“ spielen!?

„Wie die tote Ratte –“

Und „na, Sie Probiermamsell!“ foppte ihn einer und man wandte sich

wieder den Flammen- und Minenwerfern zu.

„Erstens: Flammenwerfer, meine Herrschaften! ... Bequem von einem Mann

zu transportieren. Hier wird mit verflüssigtem Feuer auf mindestens

dreißig Meter Entfernung der Mensch rettungslos in Brand gespritzt. Wer

starke Nerven hat, dem bin ich in der Lage hier das Folgende zu zeigen

–“

Und der Führer reichte einige Photographien herum, die einen

Flammmenwerferangriff naturgetreu darstellten. Die von den

Flammenwerfern bespritzten Menschen brannten lichterloh, in eine

weißliche staubähnliche Lichtlohe gehüllt.

„Auch „Wander-Krematorium“ genannt ... Realistisch, was ...“

Die Betrachtung der Photographien tat einem in der Herzgrube weh.

„Durchlöchert alles! Aehnlich wie ein hundertfach verstärktes

Sauerstoffgebläse ... Stichflammen! Meine Herrschaften! Stichflammen!“

„Und nun, meine Herrschaften, zu den schweren Minenwerfern! ... Und hier

habe ich eine Ueberraschung, ich zeige Ihnen solch ein Ungeheuer in

Betrieb! An dieser Kommandotafel hier sehen Sie: diese Minen wurden alle

von einem Punkt aus, oft gegen tausend Stück gleichzeitig, zur

Entzündung gebracht – und auf einen Schlag abgeschossen. Ladung:

Giftgase mit Brandeinlagen. Effekt also: tipptopp! ... Damit sich nun

die Herrschaften einigermaßen eine Vorstellung machen können von der

elementaren, geradezu naturhaften Wucht, mit der so eine schwere

Flügelmine die Lüfte durchpeitscht und in dem feindlichen Graben zum

Einschlag kommt, bringe ich hier, wenn Sie gütigst gestatten, so eine

Mine zum Abschuß ... Damit wäre dann der Rundgang beendet und ich

ersuche die sehr verehrten Herrschaften, sich wieder auf dem gleichen

vorgeschriebenen Weg in das Hotel zurückzubegeben ...“

„Damit Sie aber zu gleicher Zeit auch einen möglichst wahrheitsgetreuen

Eindruck vom wirklichen Schlachtenlärm erhalten, möchte ich Sie bitten,

sich das Geräusch dieser einen Flügelmine in Ihrer Phantasie zu

verhundert-, nein zu vertausendfachen ... Schauen Sie genau zu! Und

richten Sie, wenn ich auf den Knopf hier drücke, sofort Ihr Augenmerk

auf den gegenüberliegenden 300 Meter entfernten Graben! Vorsicht!

Zurücktreten! Wenn mir der eine oder der andere Herr dabei vielleicht

behilflich sein möchte ...“

* * * * *

Der Bankier und der Deutsche beteiligten sich beim Laden der schweren

Flügelmine.

Mittels eines eisernen mechanischen Hebelkrans wurde die Mine

emporgekurbelt, von vorn in die Rohröffnung des Minenwerfers

eingeschwenkt, der Minenwerfer wurde mit einigen einfachen Griffen

ausgerichtet, wobei die Flügelmine bis zu einem Viertel mit ihrer oval

abgeflachten Spitze noch aus der Rohröffnung herausragte.

Der Bankier, der Deutsche traten zurück.

Der Bankier blies einige Stäubchen vom Rockärmel und streifte sich

gegenseitig die Glaceehandschuhe von einigen darauf haftenden

Schmutzkörnchen ab.

„Achtung!“

Und schon schoß nach einem gewaltigen Luftrauschen, das wie das

Dahinflattern apokalyptischer Flügelreiter klang, und nach einer

Erschütterung, als ob sich der Boden einem unten den Füßen hinwegziehe –

schon schoß in dem gegenüberliegenden Graben eine über hundert Meter

hohe Erdfontäne hoch, mit Felsbrocken und Balkensplittern untermischt.

Das zerrte, zupfte an den Nervensträngen. Drückte auf die Magennerven.

Erst das hagelwetterartige Niederprasseln der hochgeschleuderten

Erdmassen brachte Erleichterung.

Ein pressender Luftdruck hatte sich sogleich nach Abschuß spürbar

gemacht.

Der eine oder der andere taumelte sogar.

Viele hielten sich Nasen und Ohren zu. Einige hatten sich sogar sorgsam

Wattebäuschchen in die Gehörgänge gestopft. Alle aber hielten den Mund

weit aufgesperrt.

„Glänzend! nein, sowas –

„Fabelhaft ... Grauenhaft schön ... Wie ein Geysir!

„Das ist wirklich ein Kulturfortschritt, daß auch unsereins so etwas zu

sehen bekommen kann ...

„Das erhebt die Brust! Läutert! Das läßt den Menschen über sich selbst

hinauswachsen. Das macht heroisch und kühn! Da versteht man erst, was es

mit dem geflügelten Wort „vom Krieg als von einem Stahlbad“ für eine

tiefere Bewandtnis hat!

„Geradezu eine Verjüngungskur!

„Das kann man mit Fug und Recht behaupten. Ohne Uebertreibung! ...

„Wirklich, ein Naturschauspiel ... Bravo! Dacapo! ...

„Und dem wohnen Menschen, kaum glaublich, lebendige Menschen bei, ganz

der wissenschaftlichen und ästhetischen Betrachtung hingegeben ...“

Der Explosionsrauch verzog sich.

Der Führer sammelte indeß, stolz auf das gelungene Experiment,

Trinkgelder ein.

Jeder gab noch ganz unter dem Eindruck dieses Ereignisses mit vollen

Händen.

Die Legende vom roten Bauernchristus war vergessen.

„Und nun, meine Herrschaften, zurück zum Flugplatz! Sie haben jetzt

sozusagen den Krieg von unten erlebt, den Krieg als einfacher Soldat,

als Frontschwein, den Krieg im Granattrichter, Minenstollen und

Schützengraben. Sie haben auch gegen Ungeziefer und Ratten gekämpft. Man

müßte für Schlachtfeldbesucher wie Sie, meine Herrschaften, einen Orden

stiften ... Es ist Ihnen jetzt Gelegenheit gegeben, den Krieg auch von

der Vogelperspektive aus zu betrachten, den Krieg als Flieger und

zugleich den Krieg von der strategischen Gesichtswarte eines hohen

Kommandeurs aus. ... Aber auch zugleich, nicht zu verachten, den Krieg

der Zukunft! ... Sie werden selbst eine Bombe abwerfen können, Sie

werden in drei bis vier Meter Höhe über die Stacheldrahtverhaue, aus

Ihren Maschinengewehren Tod und Verderben speiend, dahinstreichen, es

ist Ihnen ferner Gelegenheit gegeben, einige zerschossene Tanks zu

studieren, das Herzinnere der Tanks wird deutlich noch sichtbar sein,

Aufräumungsarbeiten, die störend oder verschönernd wirken könnten, sind

prinzipiell an keiner dieser Stellen bisher noch vorgenommen.“

Ohne Ausnahme entschloß sich die ganze Reisegesellschaft nach den

vorhergegangenen gewaltig erschütternden und belehrenden Eindrücken auch

noch mit dem Flugzeug das Schlachtfeld abzustreifen. –

* * * * *

Der Bankier blieb beim Rückweg, ohne daß er es selbst bemerkte, hinter

der Gesellschaft zurück.

Er stand auf einem kleinen erdigen Vorsprung, wo es um eine Grabenecke

ging, abwechselnd die Arme in die Seite stemmend oder vor sich

verschränkt. Verträumt in die Landschaft hinausschauend ...

Er stand wie ein Standbild.

Ihm gegenüber das Kruzifix, der „rote Christus“, wie er ihn getauft

hatte.

Es war, als ob der Bankier durch den gekreuzigten Holzleib hindurchsehe

...

Er dachte jetzt an die Worte seines jungen Freundes Antonio:

„Auch der Sinnenrausch, der Blutrausch ist für den geistigen Menschen

ein geistiger Rausch.“

Und auch daran wieder:

„Dieser Krieg muß von uns wie ein Mysterium mit einem Gürtel von

Geheimnissen umgeben werden ...

„Hüten wir aber unser Geheimnis! Lassen wir es den großen Tanz des

Schweigens auf unseren Zungen tanzen!“

Nur ab und zu blickte er ein wenig an sich herunter, tat, als ob er

etwas, das aus der Tiefe zu ihm aufkriechen wolle, von sich abstreife,

wischte dann verlegen an seinen Hosen herum und – wurde wieder zum

Standbild.

„Pst! Er ist in Gedanken versunken! Stört ihn nicht!“ wehrte jemand, als

man ihn rufen wollte.

„Fixieren wir ihn scharf! Er ist schon nicht mehr Fleisch und Blut. Er

wirkt abstrakt. Er nimmt geistige Gestalt an. Sicher hat er eine

Erscheinung, ein Fernsehen. Er wird zu einer Art spirituellen Elements

... Entsinnlicht, entleiblicht: er wird zur Idee ...“

Dozierte dazwischen vor einigen Damen ein Theosoph.

„Das ist die Stellung, die ich brauche!“ frohlockte der Filmoperateur.

„Wart, nun hab ich ihn. Solch ein Karnickel! ...“ Und setzte auch schon

seinen Apparat in Bewegung.

„Finden Sie nicht: ganz Napoleon!“

„Vollkommen getroffen. Der Vergleich paßt wunderbar. Napoleon auf dem

Feldherrnhügel in der Schlacht bei Waterloo ...“

„Nicht gerade Waterloo ... In der Schlacht bei Jena. Das paßt besser

...“

„Nein, Napoleon, finde ich gar nicht. Aber bis auf ein Haar: Friedrich

der Große. Fridericus Rex in der Schlacht bei Leuthen, wie er auf jenem

berühmten Gemälde in der Berliner Nationalgalerie verewigt ist ... Einem

Beobachter der Gesamtszene erschienen wir sicher als Ziethen, Seydlitz,

kurzum: als sein Generalstab.“

„Welch ein edler Ausdruck in seiner Haltung! Ganz antik. Wie verklärt!

Ganz Cäsar ...“

„Und ist er doch auch ein Napoleon, ein Friedrich der Große, ein Cäsar

meinetwegen ... Ein Napoleon, ein Cäsar, ein Friedrich der Große der

Wirtschaft, wenn dieser Vergleich gestattet ist ...“

Der Bankier stand immer noch, den einen Fuß vor den anderen gesetzt, in

einer lässigen majestätischen Haltung da.

Wie aus Traum gegossen ...

Der Filmoperateur kurbelte.

„Fertig. Schluß ... Nun können wir rufen ...“

Da riefen sie alle zugleich:

„Ha–a–allo!“

Der Bankier fuhr aus seinem Wachtraum erschreckt hoch, grüßte höflich,

wie sich verabschiedend, noch immer in Gedanken versunken, mit seinem

Zylinder flüchtig in die Richtung zum „Roten Christus“ hin, dann kam er

gemessenen Schrittes, wie in einem Begräbniszug oder wie in einer

Prozession hinter dem Allerheiligsten, den Pfahlweg entlang.

Das Schlachtfeld hing schwer wie Blei in seinem Schritt.

Mehrere moderne Flugzeuge wurden soeben aus den Schuppen auf dem

Landungsplatz neben dem Hotel herausgezogen.

Sie wurden bei den Rundflügen über das Schlachtfeld von erfolgreichen

Fliegeroffizieren gelenkt.

Der Führer meldete dem Bankier:

„Die Flugzeuge wären startbereit.“

Pünktlich vier Uhr nachmittags erfolgte der Start.

Der Pilot, die Brust über und über voll von Ehrenzeichen, salutierte.

Die Filmoperateure kurbelten.

Photographen knipsten.

Der Bankier und seine Gattin an der Spitze der Gesellschaft schritten

durch ein lose gebildetes Spalier von Neugierigen hindurch,

Angestellten, einigen Landleuten und Bauarbeitern.

Die Monteure nahmen die Mützen vom Kopf.

Der Direktor des Hotels „Zum Weltkrieg“ stand auf der Terrasse, den

rechten Arm zum Gruß steil emporgereckt.

Die Motore brüllten ...

„Achtung!“

„Los!!“

Drei Flugzeuge erhoben sich zu gleicher Zeit, schraubten sich beinahe

senkrecht in die Luft. –

„Meine Herrschaften!“ begann, kaum daß sich der Apparat von der Erde

gehoben hatte, der Führer: „Der Pilot, der die Ehre hat, Sie durch das

Luftreich zu geleiten, ist jener Glücklichen und Auserwählten einer, die

den Rekord von über 100 Abschüssen innehaben ... Eugène Daudet ist sein

Name ...“

„Wahrhaftig, wie eine Mondlandschaft! Krater an Krater ...“ ließ sich

eine Stimme vernehmen, und einige Köpfe beugten sich zur Erde hinab, wo

vereinzelt mit dem Taschentuch heraufgewinkt wurde.

„Es zieht!“ rief eine andere Stimme, „uch!“, und einige, die es beim

Einsteigen unterlassen hatten, bewehrten ihre Augen mit Schutzbrillen.

Das Flugzeug kreiste einige meisterhaft ausgeführte Bogen im blendend

blauen Licht, dann schwang es sich in einer langgezogenen Kurve, etwas

seitlich sich neigend, erdab und schoß dicht über Stacheldrahtgewirren

und Schützengrabenlabyrinthen dahin, der Stelle zu, wo die

zusammengeschossenen Panzerwagen lagen.

Wie in der Mitte auseinandergeklappte dunkelgrau gestrichene

Konservenschachteln staken die Kampfmaschinen mitten im Schlachtfeld,

die Raupenschlepper tief in den Erdschlamm eingegraben, der Mechanismus

des Wageninnern war deutlich erkennbar: eine völlig in sich verbogene

Schnellfeuerkanone, dazwischen verkohlte Knochenreste, einige

brikettartig gepreßt, und Uniformfetzen, die vielfach geborstene

Stahlkuppe des Panzerturms tief bis auf den Wagenboden durch die Wucht

der Explosion heruntergedrückt.

„Zehn Mann Inhalt!“ erklärte trocken der Führer.

„Durch einen schneidigen Stoßtrupp mittels einer Handgranatenballung von

unten her auseinandergeplatzt. Die anderen, wie Sie sehen, im direkten

Abschuß durch sogenanntes Infanteriegeschütz erledigt ...“

„Stimmt! Stimmt!“ freute sich der deutsche Professor diesmal beistimmen

zu können, und er war stolz darauf, seiner Gattin einige nähere

Einzelheiten über so einen abgeschlagenen Tankangriff erzählen zu

dürfen, an welchem er, wie er laut betonte, selbst einmal in

hervorragender Weise beteiligt war.

„Stimmt! Benzinbehälterexplosion. Durch direkten Abschuß erledigt, aus

dem nahen Gehölz dort, höchstens 600 Meter Entfernung. Mit

Panzermunition ... Wer hätte das je gedacht, daß es einem vergönnt sein

würde, als Unbeteiligter noch einmal seine eigenen Heldentaten an sich

vorüberziehen zu sehen ... Wie ein höchst lebendiger Film, das ...

Schade, schade drum, daß Kriegsszenen nicht auch im Film vorgeführt

werden. Reiches Material stünde doch in den Archiven unseres

Generalstabes zur Verfügung. Aber natürlich: durch den Schandvertrag von

Versailles ... Solche Filme mit Kriegsszenen könnten außerdem, was die

pädagogische Seite der Sache anbetrifft, wesentlich zur militärischen

Ertüchtigung unseres Volkes beitragen, denn nach unseren psychologischen

Erfahrungen üben sie – was wieder einmal für die natürliche Empfindung

und für die Gesundheit unseres Volkskernes zeugt – üben sie auf den

weitaus größten Teil der Bevölkerung keine abschreckende Wirkung aus,

sondern im Gegenteil ... Verkauft und verloren aber ein Volk, betrogen

um seine heiligst verwahrten Güter, zur Sklaverei verdammt jenes Volk,

in dessen Unbewußtem und aus dessen Triebkräften heraus sich nicht immer

wieder allgewaltig die Stimme erhebt, urgewaltig, elementar die Stimme

des Blutes spricht: Es lebe der Krieg!“

„Militärische Sachverständige, meine Herrschaften, behaupten –“, fuhr

unterdessen der Führer fort, „daß der kommende Krieg, soweit er sich

überhaupt noch auf der Erde abspielt, durch Geschwader solcher

Kampfwagen zum Austrag gebracht werden wird, die dann eine sogenannte

gepanzerte Feuerlinie bilden, und deren Gefechtsleitung ähnlich wie die

einer Hochseeflotte in einer Seeschlacht erfolgt. Auch wird man

dementsprechend der Größe, Schnelligkeit, Geschützzahl,

Geschützreichweite usw. nach: Tank-Kreuzer, Tank-Dreadnoughts und

Tank-Torpedoboote unterscheiden müssen. Völlig abgedichtet nach außen

hin gegen Gas, mit langlebigen Sauerstoffapparaten versehen, werden

diese Kampfwagengeschwader in der Tat die einzigen wirksamen

Kollektivschutzräume gegen die hochkonzentrierten Gasangriffe

darstellen, und damit auch die einzigen beweglichen Mittel, lebende

Wesen durch Gassperren und Gassümpfe hindurchzubefördern, mit deren

Dauer je nach den Witterungsverhältnissen unter Umständen sogar bis auf

über acht Monate zu rechnen sein wird.“

Wieder stieg das Flugzeug auf der Luftfläche steil an.

Einige beobachteten den durch eine Glasscheibe von der

Gesellschaftskabine abgetrennten Piloten, ließen sich Höhen- und

Seitensteuer erklären, begriffen alles überraschend schnell und

lächelten befriedigt.

„Und nun, meine Herrschaften, was weiter den kommenden Krieg betrifft,

den einige militärische und nationalökonomische Autoritäten spätestens

auf das Jahr 1928 angesetzt haben, so können wir heute schon behaupten,

daß er sich wohl in der Weise abspielen wird, daß gewaltige

Kampfflugzeugstaffeln in etwa 12 Kilometer Höhe, als unsichtbare,

unhörbare Gewitterwolke heranziehend, versuchen werden, die

Produktionszentren des Gegners so gründlich wie nur irgend möglich

einzugasen, und zwar werden dabei chemische Kampfstoffe zur Anwendung

kommen, deren Wirkung, wenn wir heute davon sprechen, dem Uneingeweihten

märchenhaft und unglaublich klingt ...“

Die Passagiere bemühten sich krampfhaft, bei diesen Auslassungen des

Führers nicht zuzuhören.

Nur der Bankier wußte unter den Schlachtfeldbesuchern eigentlich genauer

Bescheid, um was es sich dabei handelte.

Hatte er doch als Mitglied des Ehrenpräsidiums einer chemischen

Gesellschaft schon des öfteren Gelegenheit gehabt, einer Vorstellung des

amerikanischen „Chemical Warfare Service“, des amerikanischen

Gasdienstes, auf dem Versuchsfeld des Kriegsarsenals Edgewood

beizuwohnen. Mechanische Armeen wurden dort ausgeprobt. Bald jeden Tag

ein neues Gas. Und ein neuer Soldaten-Typ entstand, in eine der

Taucherkleidung ähnliche Uniform gekleidet, die ganze Haut mit einer

asbestartig wirkenden Salbe präpariert.

„Begeben wir uns, sehr verehrte Herrschaften, unseren Prinzipien treu,

nicht unter die Legendenerzähler, Schauermärchendichter, berufsmäßige

pathologische Schwindler und prophezeiungslüsterne Kolporteure, sondern

bleiben wir weiter in unseren Erörterungen auf dem Boden der nüchternen

Tatsachen, so werden wir feststellen können – vielleicht ist der eine

oder der andere unter Ihnen, der mir das bestätigen wird! – so werden

wir feststellen können, daß mittels der heutigen Kriegstechnik, in

engster Verbindung natürlich mit der modernen Wissenschaft, bereits

innerhalb einer Woche ein ganzer Erdteil radikal vergiftet werden kann

...“

Die beiden anderen Flugzeuge warfen jetzt aus beträchtlicher Höhe auf

ein durch einen blendend weißen Kreis abgezeichnetes Ziel Versuchsbomben

ab.

Die Explosion der Bomben erfolgte als ein feines stählernes Klirren,

kleine weiße Staubwölkchen bliesen unten auf der Erde auf und ziehen

mollig-verschleimt im Wind dahin ...

Die Passagiere fühlten sich in der prächtig ausgestatteten Luxuskabine

des Flugzeuges wohl geborgen. Neben praktischer Waschgelegenheit war

sogar ein elektrischer Zigarettenanzünder vorhanden, und in einem

kunstgewerblich mit diskreten Farbenreizen ornamentierten

Porzellanbehälter dufteten frische Rosen.

* * * * *

Es ging gegen Abend.

Ein dünnes Stimmchen, wie eine schwirrende Metallfaser, zirpte unten von

der Erde herauf: es war die Glocke einer Dorfkirche, die Ave läutete.

Die Sonne brannte heißglühend im Westen herunter, der Himmel schimmerte

wie Perlmutter, und fern rannen die von Geschoßböen glatt rasierten

kahlen Berghöhen.

Wie ein unermeßlich ausgedehntes Gangrän schien unten die Erde.

Baumstümpfe, zerfetzte Telegraphenmasten, ganze Bündel in sich

zerknäulter Drahtgewirre: wie aus dem durch und durch schlammig

vereiterten Erdleib herausgerissene Sehnen, Gedärme und Nervenstränge.

Die verstreut umherliegenden Felsblöcke in den Steinbrüchen gewannen das

Aussehen von riesigen Schädeltrümmern, Gehirnschalen eines Giganten;

aufgerissene Steinwege lagen, zickzack sich durch die Dämmerung

schlängelnd, wie Gehirnwindungen bloß; und dazwischen Tümpel, Pfützen

und verschimmelte Wasserlachen: ein Kunterbunt von nässenden Geschwüren.

Hie und da knoteten sich die Narben von selbst zu einem unförmigen Wulst

zusammen, aber die Nähte rissen wieder, und der erdige Kadaver bot sich

den Beobachtern aus der Luft dar, wie ein unsagbar geschundener Leichnam

auf einen Seziertisch gelegt, voll von Schnitten, Wucherung an

Wucherung, über und über bedeckt von schwarz ausgeschlagenen Bluthöhlen

und unheimlich zackig gerandeten Brandflächen ...

Und dieser Kadaver atmete noch.

Einen dumpfen, stickichten Dunst hauchte er aus, die Geruchsnerven

beizend, und so intensiv, daß er Hustenanfälle, Niesen, Augenbrennen und

Brechreiz verursachte.

Alle Gestänke der Welt stanken sich hier zusammen ...

Ein einsamer Vogel fing immer bei Einbruch der Nacht zu singen an, es

war ein schluchzender, flötender Gesang, wie ihn die Vögel singen im

Moor oder auf der Heide.

Hie und da blinkte auch jetzt unten ein Lichtpunkt auf.

Fern summte ein Schnellzug durch die Landschaft, wie eine wagrecht dahin

flitzende goldspurige Nadel ...

Die Herren steckten sich in Anbetracht des „bestialischen Geruchs“, wie

sie es nannten, eine besonders dicke Zigarre in den Mund, die Damen

fächelten nervös und hielten mit Lavendel getränkte Taschentücher sich

unter die Näschen.

Der Führer lächelte versteckt vor sich hin, ein wenig spöttisch und

schadenfroh.

Er empfand das irgendwie als eine geheime Rache.

Er schwieg.

Der deutsche Professor redete tröstend auf seine Gattin ein, die

ohnmächtig zu werden drohte, und sich fest in den Arm ihres Gemahls

klammerte.

Der Bankier wunderte sich:

„Nein, so ein Geruch, trotz der Ventilatorenwirkung des Propellers ...“

Die Situation fing an bedenklich zu werden.

Der Führer erhob sich.

„Wir sind gleich aus dieser Zone heraus. Bitte, meine Herrschaften,

nehmen Sie sich noch einen Augenblick zusammen, Sie werden mir doch

nicht am Ende unserer Luftreise gar noch seekrank werden!“

„Nichts ohne Anstrengung, Schatz!“ tröstete der Professor flüsternd

immer noch weiter: „Jed Ding hat seine Strapazen. Das ist eben allemal

die Kehrseite der Medaille ... Na, ich möchte trotzdem die Tour nicht

missen ... Hochinteressant! Hochinteressant! ... _Per aspera ad astra!_

... Und Aufregungen solcher Art haben immer eine Nachwirkung wie

Schlummerpunsch. Wir werden großartig schlafen ...“

„Merkwürdig, das kommt immer zur gleichen Zeit, wie am Meer die Flut,

abends, wenn die Sonne untergeht ...“

Die Zone war glücklich passiert.

Ein frischer Luftzug wehte.

„Ist aber auch höchste Zeit! ... Das möchte ich nicht noch einmal

erleben ...“, stöhnte jemand im Namen aller befreit auf.

Federnd schoß das Flugzeug einige Meter auf der Landungsfläche dahin ...

Der Bankier reitet über das Schlachtfeld · 第 7 / 16 题