Und Tage fröhlichsten Bordlebens begannen! –

„Man kann seine Ferien kaum besser verbringen ... Die ganze Welt wird

einem zu Venedig ... Alle Länder der Welt miteinander durch Kanäle

verbunden, darüber hinweg wir in schwebenden Gondeln ...“

Auch der Bankier erlebte es wieder, mit einem Gefühl von Dankbarkeit an

das Schicksal der Welt, wie der Mensch, aus Staub und Lärm der Großstadt

entfernt, ein Anderer wird.

Reiche Abwechslung ward den Bordgästen geboten.

Ein internationales Tennisturnier an Deck fand sportbegeisterte und

sachverständige Zuschauer.

Aber auch das Radio wurde fleißig benutzt.

Nachrichten aus aller Welt:

Man konnte in der Badewanne bei einem Sauerstoffbad oder den

erholungsbedürftigen Körper auf einem Liegestuhl ausgegossen träumen,

was Europa träumt, träumen, was Amerika träumt, und kaum, daß ein

Ereignis in der Welt geschah, sei es auf dem Gebiet der Literatur und

der Kunst, der Politik und des Rennstalls: durch die elektrischen Wellen

wurde es einem ins Ohr geflüstert.

* * * * *

Zu einem besonderen Ereignis aber, dem nicht ein gewisser sensationeller

Beigeschmack fehlte, sollte sich das Auftreten des jungen italienischen

Pianisten Antonio Carracarra gestalten, das für die Passagiere noch

hinreißender zu werden versprach, als die oft an eigenartigen

Ueberraschungsmomenten reichen Sparringsrunden Charlie Hinklings, des

Weltmeisters im Boxen im Mittelgewicht.

Von Antonio Carracarra war allgemein bekannt: er war kein Frauenfreund.

Sogar in der amerikanischen Presse stand jüngst darüber ausführlich

geschrieben.

Trotzdem umgaben ihn rudelweis die Frauen, bewunderten seine Hände,

küßten seine Hände, Antonios Hände, von denen eine ungarische Gräfin,

die sich der Poesie widmete, sagte, man müsse einen Abguß von ihnen

nehmen, um sie noch rechtzeitig der Nachwelt zu übermitteln.

Antonio Carracarra sei die Gewißheit des Paradieses in die Hände

geschrieben, er denke, er fühle mit den Händen, und diese Hände würden

auch, abgesondert von dem Körper, dem sie zugehörten, ein Leben führen

können, ein Traumleben, ein berauschendes Klangleben. Sie seien auch,

getrennt vom Instrument, Musik; zu Nervenfasern geronnene Musik: Antonio

Carracarras Hände!

Nun, die meisten Passagiere hatten Antonio Carracarras Spiel bisher nur

im Radio gehört, seine Klavierabende waren immer schon Wochen, ja Monate

vorher ausverkauft, und selbst für einen Passagier der „Columbia“ waren

die Eintrittspreise, von Tag zu Tag durch Zwischenhändler in eine immer

schwindelhaftere Höhe hinaufgetrieben, unerschwinglich.

Ueber den Abend, den Antonio Carracarra an Bord der „Columbia“ gab, war

nur das eine zu berichten:

Die Hände Carracarras wurden zu Musik und schwebten als Klangfittiche,

sich ihm wunderbar verschmelzend, durch den Konzertsaal, und zur Musik,

zu lebendigen Traum-Fugen wurden auch die andächtig lauschenden Zuhörer.

Als Antonio Carracarra nach Vortrag des letzten Stückes hinter einem

Frühling prächtigster Blumenarrangements verschwand, da sprach die

Meinung aller derer, die sich so reich begnadet dünkten, an diesem Abend

haben teilnehmen zu dürfen, wiederum jene ungarische Gräfin am

treffendsten aus, die, Tränen in den Augen, schluchzte:

„Einfach Apollo!“

War es da weiter verwunderlich, daß sie auch gleich darauf, was ihren

höchsten Erdenwunsch betraf, sich dahin äußerte, einmal, Antonio

Carracarras Hände über Augen und Stirn gebreitet, sterben zu dürfen

...!?

Auch dem Bankier war es dabei, als ob er seines sterblichen Körpers

entledigt würde, die irdische Hülle fiel von ihm ab, und er fühlte sich

einen Augenblick lang gut, ganz gut ...

Seine beiden Söhne kamen ihm in Erinnerung, er verglich sie in Gedanken

mit dem jungen Antonio, einige Pläne kreuzten sich ihm wirr im Kopf, und

er faßte den Entschluß, Antonio Carracarra kennen zu lernen.

Es ergab sich aber in der Folge nie eine passende Gelegenheit. Antonio

Carracarra wiederum, der an Bord ein zurückgezogenes Leben führte, tat

so, als ginge er dem Milliardär aus dem Weg, der ihm als einer der

genialsten Vertreter des modernen Finanzkapitals bekannt war, und dem er

gern die Hochachtung des Künstlers den großen Männern der Industrie

gegenüber ausgesprochen hätte ...

* * * * *

So kam auch jener Abend heran, der letzte vor dem Eintreffen der

„Columbia“ in Europa.

Sie sollte kursmäßig am andern Tag gegen Mittag im Hafen von Southampton

einlaufen.

Die Schiffsdirektion hatte für diesen Abend noch eine Spezialattraktion

angekündigt.

Einer der aktuellsten und durch seinen tiefen menschlichen und

künstlerischen Gehalt ergreifenden Großfilme sollte gezeigt werden, die

neuesten Ereignisse in Bulgarien schildernd.

Welch eine Ueberraschung!

Die Filmvorstellung fand kurz nach Einbruch der Dunkelheit, nach dem

Souper, im Freien an Deck statt, eine riesige Leinwand war gespannt, und

die Zuschauer hatten ihre Plätze derart eingenommen, daß sie sich bequem

in Decken gehüllt am Boden lagerten oder sich in ihren Liegestühlen

räkelten.

Die Bordkapelle spielte die geeignete Begleitmusik dazu.

Zuerst: ein Trommelsolo, dann, zögernd und diskret angedeutet: die

„Internationale“, gleich darauf ein wildes Durcheinandergeknatter von

Gewehrschüssen, dem, gemessen und mit breiten Strichen vorgetragen, ein

Choral folgte, und dann als Abschluß, fortissimo, wobei auch Hörner und

Blechmusiken mitwirkten: ein Potpourri aus der amerikanischem

englischen, französischen und deutschen Nationalhymne.

Der Filmstreifen wickelte sich ab:

Die Kathedrale von Sofia erschien, wie ein auseinandergefetzter

Steinhaufen, die Höllenmaschine, mit der dieses fluchwürdige Attentat

verübt wurde, ließ sich einige Sekunden lang sehen, dann fuhr König

Boris in einem schnittigen Automobil vorüber, gerade zur rechten Zeit

noch von seinem Vorhaben, die Kathedrale zu besuchen, ablassend, wobei

er selbst unfehlbar ein Opfer der grauenhaften Explosion geworden wäre

... Rauchende Trümmer: die Verschwörernester; verstümmelte Leichen mit

abgehackten Köpfen davor: die kommunistischen Verbrecher. Die, wie ein

darauffolgendes Bild klar aufwies, durch den rollenden roten Moskauer

Rubel bestochen, in der Tat die verabscheuungswürdigsten Pläne hegten

und – wie gezeigt – auch ausgeführt hatten. Ein Blick in das

kommunistische Parteibüro besagte mehr als genügend ... Und nunmehr

folgte auch schon der Akt der Sühne! Man sah zunächst lange Reihen von

Gefangenen vorüberdefilieren, bärtige, räuberische Gesichter, aber auch

Studenten und Gymnasiastinnen darunter, und dann Großaufnahme: die drei

Hauptschuldigen. In diesem Moment schrie einer aus dem bisher in tiefem

Schweigen verhaltenen Publikum: „Hunde! Bluthunde!“ Ein Ruf, der

allerorts begeisterte Aufnahme fand. Die aber, denen er gelten sollte,

hörten ihn nicht mehr ... Schon war das Galgenrechteck auf

dem Richtplatz in die Höhe gezimmert, der lebende Wall der

vieltausendköpfigen Zuschauermenge wogte, ungeduldig vor Spannung, auf

und ab, da aber ratterte auch schon der Lastkraftwagen mit den zum Tode

Verurteilten heran, in eine Horde schwerbewaffneter Soldaten gepfropft,

und der letzte Gang begann ... Das Urteil wurde nochmals verlesen. Der

Verbrecher unter den Galgen geführt. (Wieder: Trommelsolo!) Man half

ihnen auf den Tisch hinauf. Einer der Henker stieg nach und legte den

Strick um den Hals ... Man sah deutlich an den Kopfbewegungen der

vornehmen Gesellschaft auf den Zuschauertribünen, die sich blendend

amüsierte, daß jetzt der Staatsanwalt fragte: „Alles fertig?!“ Die

Henkergesellen nickten, sprangen wie Katzen auf die Tische zu, warfen

sie um und schlangen sich zugleich bis zu den Hüften herauf um die

Leiber der Exekutierten, fest darin eingekrallt, schnitten dazu wie

Clowns Grimassen, die Leiber der Exekutierten schwangen langsam wie

Pendel hin und her, strafften sich, und der Strick, von dem doppelten

Gewicht, dem des Henkers und dem des Gehenkten, belastet, schnitt

doppelt tief im Genick des Gehängten ein ... (Hier senkte sich feierlich

wie ein Samtvorhang aus Moll der Choral hernieder ...) Eine weiße Kapuze

wurde jetzt den im Todeskrampf zu einiger wüsten Grimasse verzerrten

Gesichtern übergestülpt und –

Das Nationalhymnen-Potpourri schmetterte!

Während zu gleicher Zeit das Schlußbild aufleuchtete:

„Des Volkes Blühen und Gedeihen!“

Erntefelder.

Bauern, die Garben binden.

Und König Boris, der gute Worte und Orden spendend wie ein Heiland durch

ihre ehrfürchtig die Köpfe von den Mützen entblößenden Reihen

hindurchschritt ...

Das Bordpublikum klatschte.

Die Zuschauer waren, wie sich das in ihren Gesprächen äußerte, alle

durch die historische Wucht jener Szenen zu tiefst erschüttert.

Das Lichtbild mit dem Galgen stand noch einen Augenblick lang in der

Nacht, und darunter mit einer flammenden Inschrift, die sich jedem tief

bis auf den Herzkern einbrannte, nichts weiter als die knappen Worte:

„Wir oder sie ...“

* * * * *

Und der Herztakt des Schiffes, die Maschine, stampfte ...

* * * * *

Nur in der Bar war noch bis über Mitternacht Betrieb.

Es dauerte diesmal bis in den Morgen hinein.

Eine kunterbunte Gesellschaft hatte sich dort nach der Filmvorführung

zusammengefunden: Dancinggirls, die Schiffsoffiziere mit den Aspiranten,

Sportsleute, Schaupieler.

Auch der Bankier saß als „stiller Teilnehmer“ in einer Ecke im

Klubsessel.

Der „Budenzauber“, wie sie es nannten, begann, als einer, in eine lang

an ihm herabwallende Ku-Klux-Klan-Maske gekleidet, händeklatschend und

dabei wie ein bayerischer Gebirgler jodelnd hereintanzte.

Das war das Zeichen zu einer allgemeinen Kostümierung.

Trotzdem alles nur improvisiert war, waren die Kostüme ausgezeichnet

gelungen.

Einer erschien als Meergott Neptun, einer als Pope, einer als Gehängter,

sogar den Strick noch um den Hals, die Dancinggirls teils als

„öffentliche Frauenzimmer“, teils als Nacktdamen.

Eines dieser Dancinggirls tänzelte zierlich auf den Bankier zu:

„Komm, Alterchen! Schmücke dein Heim!“

Und so konnte auch er es nicht verhindern, daß man ihm einen roten

Türkenfez aufstülpte und ihm bunte Papierschlangen um Brust und Hals

wand.

Die Ku-Klux-Klan-Maske stieg auf einen Stuhl.

Ein Glas klingelte dreimal schrill.

Ein allgemeines Gesumme:

„Ah, eine Ansprache ...“

Die Ku-Klux-Klan-Maske sprach dabei aus einem langen rüsselartigen

Papiertrichter, der sich abwechselnd auf und zu rollte. Die Worte daraus

tönten dumpf und krächzend.

„Meine sehr verehrten Damen und Herren! Das Thema dieses Abends ist

einfach. Bitte, stellen wir uns vor, dieser Raum hier sei ein

Unterseeboot oder eine Taucherglocke. Wir befinden uns auf dem Grund des

Meeres. Hören Sie, wie es knirscht: das sind Schädelgerölle, über die

der Kiel unseres Bootes wie ein Wiegemesser hin und her wippt ...

Rettung ist ausgeschlossen ... Also, meine Herrschaften, wir setzen

jetzt einen Sauerstoffapparat in Gang, den Reservebehälter. Nach ihm –

die Sintflut! ... Läutern Sie Ihr religiöses Gemüt! Zur Ohrenbeichte und

Absolution haben Sie nebenan ungestört Gelegenheit ... So also liegt die

Situation ... Eine verfahrene Sache. Diesmal also ist der Karren im

Dreck stecken geblieben ... Wir haben nunmehr die sicher lobenswerte

Absicht – und die hohe Kommandoleitung unseres versunkenen Boots hat

sich dem Wunsch ihrer Untertanen angeschlossen – wir hegen also die

Absicht, in unserem eigenen Sarg die wenigen Stunden, die uns durch die

Gnade unseres Sauerstoffreservebehälters gelassen sind, würdig mit

unserem eigenen Leichenbegängnis zu begehen. Unsere Gesellschaft ist so

gemischt wie nur irgend möglich zusammengesetzt. Alles ist darunter;

alles, was das Herz eines armen Sterblichen begehrt: Kokotten, Zuhälter,

Kolonels, Prärie-Räuber, Ku-Klux-Klan-Leute, Bolschewisten, Milliardäre,

sogar ein Henker. Darf ich gleich vorstellen – vielleicht findet sogar

noch im letzten Lebensaugenblick eine Hinrichtung statt – Jonas

Thompson, gebürtig aus Chikago, erfolgreicher Scharfrichter ... Und nun,

meine Herrschaften, nützen Sie Ihr Leben, so lange es Ihnen kraft der

eingangs meiner Rede behandelten Umstände noch gestattet ist ... Freut

euch des Lebens, wenn noch das Lämpchen glüht ...“

Ein Wirbeltaumel von Schlaginstrumenten, Tamburins, Blechschellen,

Trommeln, Holzklappern setzte schon bei den letzten Worten der Rede ein.

„Freut euch des Lebens! Das soll heute Nacht unser Motto sein!“

Plärrte heroisch ein Schauspieler mit gewaltiger Stimme.

Glas auf Glas wurde hinuntergestülpt.

Einige rülpsten laut.

Andere gurgelten.

Eine der Tänzerinnen wurde auf den Tisch gelegt, ein langer

Spritzenschlauch ihr zum Mund eingeführt.

Die Ku-Klux-Klan-Maske feixte geheimnisvoll:

„Rhizinus!“

Und zum Henker gewandt:

„Danach tranchiert ...“

Gleich darauf erschollen Hochrufe:

„Der heilige Ku-Klux-Klan soll leben! ...

„Aber auch die von ihm massakrierten, die Kopflosen und die Gehängten!

...“

Unter lautem Beifallsgebrüll schleppte der Scharfrichter einige

Stoffpuppen heran, die ihm welk wie fleischige Lappen unter den Armen

hingen.

„Frisch vom Galgen ... preiswert abzugeben ...“

„Hoch! Hoch!“

„Es lebe der Kommunismus! Hoch!“

Eins der Dancinggirls setzte sich jetzt rittlings auf die Schulter eines

Cowboys, der wiederum auf der Schulter der Ku-Klux-Klan-Maske stand.

„Welch ein Akrobatenkunststück! Excentrik-Akt! Brillant! Famos! Was!

...“

Und das Dancinggirl trällerte den neuesten Schlager:

„Das ist doch wenigstens noch etwas anderes

Als Kalifornien mit seinem ewigen Einerlei ...“

„Na, Dickerchen, was meckerst du denn!?“ geriet jetzt an den Bankier

einer der als Zuhälter Kostümierten heran, eine Kokotte imitierend.

„Schnuckelchen, bin ich nicht eine süße Kanaille, ein liebreizender

Schäker ... o du, mein holder Abendstern ...“

Dabei fächelte er ihm mit einem Flederwisch ins Gesicht.

Befingerte ihm den Bauch, tat schwul, seufzte sabbernd „uch nein“, und

ließ dabei zum Spaß mit einem Taschendiebstrick die Uhr mitsamt der

Kette verschwinden.

„Na, Männeken Schwemmbauch, Männeken Wackelbauch! ... Auch anders wie

die anderen!? ... Du federleichtes Spatzengehirn, wieviel Milligramm

wiegst du denn, Komm tanz mal! ... Lüft auch mal ein wenig deinen

Klubsesselhintern! ... Tu dich doch nicht so, Kratzbürste!“ ...

Nur mit Mühe gelang es dem Bankier, gut zuredend, den die Kokotte

imitierenden Zuhälter von sich abzuwehren ...

* * * * *

An einem Tisch in der gegenüberliegenden Ecke hatten sich inzwischen die

Schiffsoffiziere über einen der Aspiranten hergemacht.

„Nein, so ein Kadett! Drollig, drollig, so ein Witzling, will Seemann

werden und verträgt keinen Schluck nicht.“

Ein Humpen nach dem andern wurde ihm in seinen Schlund entleert.

„Na, grein nicht, kriegst schon den Schnuller.“

Eine dicke Havanna wurde ihm zwischen die Zähne gepreßt.

„Na, Bürschchen, soll ich dir jetzt mit dem Finger das Gaumenzäpfchen

kitzeln oder dir ein Stückchen schön fettigen Schweinespecks recht

liebevoll an einem Schnürchen im Hals auf und niederziehen!? ...“

Der Schiffsaspirant, noch ein Bübchen, verfärbte sich grün und weiß.

Kotzte.

„Na endlich! ... So ein Muttersöhnchen, so ein Lausewürstchen, das zieht

ihm die Milch aus den Wangen ... Tüchtig, allemal tüchtig! Auch das

Kotzen will gelernt sein. Verflixte Drecksau! Hast du die Zappelfritzen

heute abend am Galgen gesehn!? Ja!? Genau so ergehts dir, wenn du nicht

bald Gläser in Scherben beißen kannst! ...“

Die Ku-Klux-Klan-Maske tutete aus ihrem Papierrüssel „Halleluja! Gloria

in Excelsis! Hosianna! Er kotzt! Er kotzt sogar um die Ecke! ...“

Ein Freudengewieher erfüllte den ganzen Raum.

„Hihihi!“

„Hahaha!“

„Huhuhu!“

„Kotz! Kotz! Wart du Milchgesicht! Noch eine Prise gekotzter Sch...e

gefällig!?

„Eine schöne Bescherung! Und wie er kotzt! Wie wie! Nein, habt ihr schon

einmal so ein Kotzen gesehen?!

„Toll, einfach toll! Nur nicht stecken bleiben in deiner Lektion,

Brüderchen! Sag sie immer mal feste uff ...“

Auch der Bankier, vom Scharfrichter und der Ku-Klux-Klan-Maske geleitet,

mußte sich das Kotzen mitansehen.

„Direkt eine Sehenswürdigkeit!

„Ein Meister seiner Art!

„Ein richtiges Kotzwunder!

„Komm, animier ihn zum Kotzen, Dickerchen!

„Sieh ihn dir an, Bürschchen, den Bankier, ein fetter Leckerbissen, was

...

„Aber wenn du jetzt wieder kotzt, laß bitte die Gedärme drin ...“

Der Aspirant schlug wie hypnotisiert die Augen auf und ergab sich gleich

wieder demütig in sein Schicksal, das heißt, er kotzte.

„Wir müßten eigentlich rechtskräftig für dieses Kotz-Schauspiel

besonderes Eintrittsgeld erheben ...

„Im übrigen: nur Erwachsenen ist der Zutritt gestattet.

„Sind vielleicht trotz des ausdrücklichen Verbots Hunde und Kinder

anwesend!?“

Unter lautem Gejuchze wurden von dem Scharfrichter die Dancinggirls, der

Bankier und die Ku-Klux-Klan-Maske als Hunde und Kinder verhaftet, und

aus der Kotz-Vorstellung abgeführt.

„... Nieder mit ihm auf den Boden! Laßt ihn doch seinen eigenen Dreck

aufschlecken ...“ brüllte ein Obermaat jetzt den Aspiranten an, der aus

dem letzten Loch pfiff und bestimmt glaubte, sein letztes Stündchen sei

gekommen.

Einer der rangältesten Offiziere aber nahm den Ausgekotzten, wie er ihn

bärbeißig nannte, jetzt fest in den Arm, drückte ihn an sich und wiegte

ihn.

„Na, mein Wickelwackelkind!? Saugst jetzt an der Mutterbrust ... Schlaf,

mein Kind, schlaf ... Na, hat das Komitee der Todgeweihten nicht etwas

zu bieten!?“

Es war inzwischen Morgen geworden.

Wieder bestieg unter geheimnisvoll gemurmelten Beschwörungsformeln und

eckige Zeichenbuchstaben mit der Hand in die Luft fuchtelnd die

Ku-Klux-Klan-Maske den Tisch.

„Ruhe im Puff! ... Meine Damen und Herren!“

Einige lagen bereits am Boden.

Ein Schiffsoffizier wimmerte monoton vor sich hin:

„So ein Rotzlöffel, nein, so ein Kotzteufel ...“

Lautlose Stille trat ein.

Man hörte Schnarchen.

„Hören Sie, der Ast, auf dem wir sitzen, wird soeben abgesägt ...“

witzelte die Ku-Klux-Klan-Maske als Nebenbemerkung vor sich hin.

„ssssst!“

Ein Glas klingelte schrill dreimal.

„Eine wichtige Mitteilung! Die Gespenstersitzung ist zu Ende. Ruhe und

Ordnung! Die Verfassung der Todgeweihten verlangt es! Der

Sauerstoffbehälter ist leer. Suchen Sie sich Ihre Plätze aus! Nehmen Sie

die Haltung ein, in der Sie zu sterben wünschen. Stellen Sie langsam

Ihre Atmung ab, wenn ich bitten darf ... Einige Minuten noch ... Dann

erscheint, wie weiland bei Nebukadnezar die Feuerschrift an der Wand:

_mene menetekel upharsin_. Und dann drücken die Wasser zu den Wänden

herein, denn unsere Taucherglocke, meine Herrschaften, ist im Verhältnis

zum Meeresdruck eine gar windige Konservenbüchse. Pappe. Eine Sache wie

ein Spielzeug ... Sehr verehrte Frau Leichinnen! Sehr verehrte Herren

Leichen! Wir bekommen gleich hohen Besuch! Aale, Algen, Schwertfische,

Wale ... Pst! Pst! Die Leichen werden um Ruhe gebeten! ...“

Es herrschte in der Tat während der Schlußrede der Ku-Klux-Klan-Maske

vollkommene Totenstille.

Auch jetzt noch, da sie schon seit geraumer Weile geendet hatte.

Hie und da nur ein krampfhafter Schluck.

Es gluckste.

Einige würgten ihren Brechreiz hinunter.

– – –

Die Maschinen stampften.

* * * * *

Es war kurz vor der Ankunft der „Columbia“ in Europa.

Das Signal „Land in Sicht!“ hatte alle Passagiere an Deck versammelt.

Langsam stieg am Horizont die englische Küste hoch.

Der Bankier wiegte sich in seinem Liegestuhl und blinzelte schläfrig ins

strahlende Licht.

Der junge Musiker entschloß sich nun doch, die Bekanntschaft des

Milliardärs zu machen.

Trat an den Amerikaner heran:

„Nun zwar in letzter Stunde ... aber doch ...“

Und als der Amerikaner freundlich nickte:

„Auch ich ... wie mich das freut ... bitte, bitte ...“

Zog auch der junge Italiener einen Liegestuhl herbei und setzte sich

dicht an den Amerikaner heran.

„Ich dachte eigentlich, Sie neulich abends nach dem Film noch bei dem

Maskenfest zu sehen ...?“

„Nein, solche derben Späße vertragen meine Nerven nicht. Da geht es dann

gegen Ende zu doch immer ziemlich toll her. Das sind Volksbelustigungen,

mit einer tüchtigen Sprengdosis Kaschemmenton untermischt, nicht

geschaffen für Menschen meiner Art ...“

„Ach, Spaß muß sein. Man muß die Jugend doch schließlich sich einmal

austoben lassen. Es war eigentlich ganz gemütlich ...“

„Ich habe gehört, daß Sie mit dem Flugzeug nach Paris ... Und da wollte

ich mich mit Ihnen verabreden ...“

„Gut. Gut. Ich bin hocherfreut darüber, daß wir uns noch kennengelernt

haben, bevor es zu spät ist ...“

„Junger Freund!“ begann jetzt wieder der Amerikaner nach einigen Minuten

Stillschweigens. „Ich möchte zwar nicht mit der Türe, wie man so sagt,

ins Haus fallen, aber Sie interessieren mich ungemein. Vielleicht

erscheint es Ihnen so, als sei ich aufdringlich. Nein, das aber ist es

nicht. Aber ich habe das bestimmte Gefühl, wir seien schon seit langem

gute Bekannte, um nicht zu sagen Freunde, und ich habe auch den Glauben,

die Zuversicht: wir werden es immer bleiben ...“

„Sonderbar! Sonderbar!“ erwiderte der junge Italiener. „Ich hätte

dasselbe nicht besser von mir aus sagen können ... Fragen Sie mich,

bitte fragen Sie mich ... Es erscheint mir wie eine heilige Pflicht,

Ihnen Antwort zu geben ...“

Wieder schwieg der Bankier.

Er schien sich die Frage innerlich abzuringen.

Am Horizont stieg die englische Küste höher empor.

„In spätestens einer Stunde werden wir da sein ...“, sagte ein Paar, das

an den beiden vorüberstrich.

„Na also, junger Freund, da Sie sich entgegenkommenderweise dazu bereit

erklärt haben, mir Rede und Antwort zu stehen ... Sie werden ja selbst

fühlen, Schweres geht in der Welt vor. Die Welt geht schwanger mit

gewaltigen Ereignissen. Sie sind ein gottbegnadeter Künstler und müssen

daher über die Schranken der Zeit, der wir Sterbliche verhaftet sind,

hinausblicken. Und welche Ideale nun sind es, frage ich Sie, für die die

Jugend in den Weltentscheidungskämpfen, in denen wir stehen, ihre Stimme

erhebt? Auch ich habe Söhne. Vielleicht können Sie jetzt meine Frage

begreifen ... Ich zittere oft aus Angst um meine Söhne ... Ich frage Sie

als Freund und Vater ...“

Der junge Italiener schien über die Frage nicht sonderlich erstaunt.

Er holte tief Atem, das wie Seufzen klang, dann erwiderte er.

„Ich spreche, wenn ich jetzt zu Ihnen spreche, Mr. Branting, im Namen

und im Auftrag einer Jugend, im Namen eines ganzen Geschlechts. Welchen

Geschlechts, das sollen Sie alsbald erfahren!

„Dem Ungewöhnlichen, Abenteuerlichen, Tollkühnen, all dem, das wie ein

Kreisel balancierend über eine messerscharf geschliffene Kante

dahinschwebt: dem gilt unsere Liebe ... Wir, die wir in Wahrheit nicht

mehr lieben können, wir lieben die Liebe. Wir, die wir in Wahrheit uns

nicht mehr sehnen können, wir empfinden eine heiße Sehnsucht nach der

Sehnsucht ... Wir lieben nicht mehr mit dem Herzen, wir sehnen nicht

mehr aus Herzensgrund heraus: wir lieben, wir sind sehnsüchtig mit den

Nerven ... Wir sind Nervenbündel, längst stumpf gekitzelte Nervenbündel,

hoch hinein in den Weltenraum wie eine Antenne gespannt: wir vibrieren,

phosphoreszieren ... Nicht mehr ... Wir senden keine Funken, wir

strahlen keine Wärme mehr aus ... Der Lebensquell in uns ist versiegt

...

„Wir sind unglaublich feist, geistig feist, meine ich, ausgehöhlt vor

unstillbarem Heißhunger und sattgefressen zugleich. Wir werfen uns über

die Welt, gierig wie über einen Leichenhügel her, wir beschlafen

Leichen, treiben Leichenschändung, und selbst unfähig zum Leiden, sind

wir geniale Leidenspender ganzer Völkerrassen, die durch uns zum Leiden

gezwungen sind. Wir sind gefräßige Kulturmaden, wir sind die

wollüstigsten, raffiniertesten Genießer, die je ein Zeitalter

hervorgebracht hat.

„Sehen Sie, gestern abend bei der Vorführung des Hinrichtungsfilms, da

habe ich deutlich beobachten können, wie die Herrschaften dabei vollauf

befriedigt sich mit der Zunge die Mundwinkel leckten. Auch mir zog es

das Wasser im Munde zusammen, auch ich leckte mir die Mundwinkel ...

„Wir genießen aber auch unseren eigenen Tod! Jauchzen wir nicht jeden

Tag wieder von neuem vor Entzücken auf über unsere eigene Verwesung!?

„Aber in all diesen Genüssen wollen wir ungestört sein! Wehe dem, der es

wagen sollte, nach unserem Traumreich die Hände auszustrecken!

„Denn grausam sind wir, erbarmungslos, das Gehirn voll von Ränken und

unberechenbaren Gedanken, geschmeidig und unerbittlich zugleich, und

noch sind wir stark, stark genug! ...

„Farbenräusche, Klangräusche ... auch der Sinnenrausch, der Blutrausch

ist für uns geistige Menschen ein geistiger Rausch.

„An was berausche ich mich, wenn das Schiff wie jetzt über die

abgründige Meertiefe dahinfährt?

„Ich berausche mich an dem Gedanken an seinen Untergang.

„An was berausche ich mich, wenn die Nacht hereinbricht und der Mensch

in ihrem Schatten zusammensinkt?

„Ich berausche mich an dem Gedanken: es wird der Menschen letzte Nacht

sein ...

„Ich berausche mich an dem Gedanken, wie mich Stunde für Stunde die

Finsternis aufzehrt, an dem Gedanken, wie mir Haar und Nagel im Sarg

noch um ein geringes nachwächst ... Ich bin trunken davon ...

„Ich berausche mich am Rausch. Aber dieser Rausch, Mr. Branting, hat

_eine_ Voraussetzung: Ihre, ja Ihre Nüchternheit.

„Hören Sie: ich bin nur Ihre andere Seite, Mister!

„Ich bin nur die andere Seite jener Medaille, die heute noch den

Kurswert der Zeit besitzt.

„Ich bin Ihr „wahres Jenseits.“

„Ich bin Ihr: „nicht von dieser Welt!“

„Ich bin der goldene Sternenschmelz an der Gedanken-Kuppel, die sich

dieser Welt überwölbt ...“

Die Maschine tief unten im Schiffsrumpf stampfte.

„Sie haben wunderbar, ergreifend gesprochen, Antonio. Ihre Worte klangen

wie eine Symphonie ... Haben Sie mir nichts mehr zu sagen!?“

„Gewiß! Gewiß! Mister! Wir sind eingetreten in das Zeitalter des

„letzten Worts“, und dieses „letzte Wort“, das wir sprechen werden, muß

ebenso wie das erste, das wir gesprochen haben, hart sein! Ein

Machtwort!! In dieser Periode unserer Herrschaft können wir uns nicht

mehr den Luxus der flauen Rede gestatten! ... Nach der politischen Seite

hin betrachtet, entspricht der Faszismus noch am ehesten unserer

Weltkonzeption. Wir können der Menschheit zwar keinen neuen Welt-Entwurf

vorlegen, aber wir werden mit spitzem Hammerschlag noch einen neuen Zug

ins Weltgesicht einmeißeln: eine grausame Linie, Schattenkurven unters

Auge, eine maßlose Bitterkeit. Wir dürfen unter Umständen auch nicht

davor zurückschrecken, das Welten-Antlitz offen und zynisch in eine

Blutgrimasse umzuschminken ... Wir sind zwar Flüchtlinge. Wir sind auf

dem Rückzug. Aber dieser Rückzug vollzieht sich unter der Parole des

Angriffs, unter einem schmetternden Angriffssignal ... Wie auch unser

Draufgängertum, unser brutaler Mut Lebensfeigheit und eine tiefe

Welt-Angst zur Wurzel hat. Leichentürme türmen wir uns selbst zur

Leichenfeier auf diesem Weg, Leichentürme, Opferberge. Wenn wir Menschen

anstecken als Fackeln, zünden wir uns selbst an. Wir legen bei allem,

was wir tun, Hand an uns selbst. Wir sind gezwungen, ob wir wollen oder

nicht, uns an uns selbst zu vergreifen ... Wir verzweifeln an der

Verzweiflung ... Aber, wie ich Ihnen schon sagte, wir sind noch stark

genug, stark ...

„Das gewaltige Schüttelfieber, das seit langem uns alle befallen hat,

schüttelt unter konvulsivischen Zuckungen aus uns noch die letzten

Früchte heraus: eisig glühende, gespenstische, exzentrisch verformte

Gewächse. Dann ist uns der Herbst gekommen, traum- und rauschlos ist er,

dieser Welten-Herbst, von einer Kälte, Morschheit und Einsamkeit

ohnegleichen, daß man sich schier selbst verbrennen möchte. Wird dann

noch einmal wie dürres Blättergeraschel diese Welt aufflammen zu einem

Scheiterhaufen, darauf man sich zur großen Ruhe betten kann!?“

Die Maschine unten im Schiffsbauch stampfte fester.

„Hören Sie, hören Sie ... Das ist es ... Die Maschine stampft, und sie

stanzt mit jedem Kolbenstoß unser Grabloch tiefer aus der Erde heraus!

... Der Heizer im nackten Oberkörper da unten, der Arbeiterkittel, der

feldgraue Rock ... Die, die sind es ... Ich berausche mich, wenn ich an

sie denke bei dem Gedanken, sie, wenn ich schon auf mein Traumreich

Verzicht leisten muß, eigenhändig mitzuwürgen. Stahl, Kohle, Erdöl: aus

ihnen heraus destilliert sich auf einem langen, qualvollen Umweg mein

Traumreich ... Und wenn Stahl, Kohle, Erdöl einst aufstehen wider mich

–!?“

Die Maschine stampfte zurück.

Der Schiffskörper zitterte.

„Also!“

Der Bankier und der junge Musiker erhoben sich.

„Europa.“

„Was ich Sie noch fragen wollte, Antonio: glauben Sie an die

Unsterblichkeit der Seele, an Gott?“

„Mr. Branting, bleiben wenigstens wir ehrlich voreinander. Wir beide

wissen mehr, als wir für unbedingt geboten halten, daß es ausgesprochen

wird ...“

„Also dann auf Wiedersehen, morgen früh, Punkt acht, im Flugzeug!“

Die Schiffssirenen schrillten.

An einem gewaltigen Hebelkran vorüber, der wie ein eisern gemuskeltes

Armgelenk gebogen herniederhing, lief die „Columbia“ in dem Hafen von

Southampton ein. –

* * * * *

„Ein eigenartiger Reiz!“ nickte der Bankier seinem jungen Freunde zu,

als das Flugzeug wie ein Aufzug senkrecht in den lichtblauen Aether

hineinschnellte.

„Gleicht nicht die ganze Welt einer gläsernen Riesenkugel,“ träumte

Antonio Carracarra, „mit Lichtblau angefüllt, angefüllt mit schmelzendem

Meerblau. Und der Mensch, von gekrümmten Klang-Mulden umgeben, eine

melodische Schwingung darin: anklingend, eine kurze Spanne lang

volltönend, und wieder verwehend ... O luftblaue Höhle des Nichts ...!“

Die Flugzeugmotore donnerten.

„Hören Sie, Mr. Branting, auch hier die Maschinen! Ueberall in der Welt

singt es unseren Untergang. Aber auch wir stimmen darin ein wie in ein

Triumphgeheul ... Sehen Sie, tief dort unten auf der Meeresfläche:

Dreadnoughts, ein, zwei Geschwader ... Und ich berausche mich bei dem

Gedanken an das, was kommen wird ... Ich berausche mich bei dem Gedanken

an die wie ein leise sirrendes metallisches Gewitter heraufziehenden

Geschwader der Bombenflieger, ich berausche mich an dem Gedanken an den

kommenden Krieg, der die ganze Welt mit Gasschwaden einsumpfen wird ...

Dieser Krieg muß von uns wie ein Mysterium mit einem Gürtel von

Geheimnissen umgeben werden. Die wenigen Eingeweihten werden zu

schweigen wissen ... Ich berausche mich bei dem Gedanken an dieses

Geheimnis, an unseren Absturz, an unseren Zusammenbruch, der die im

Giftgas sich krümmenden Menschenmillionen wie eine lebendige grandiose

Leichenschleppe hinter sich herziehen wird ... In Schönheit sterben,

nenne ich das ...“

Der Bankier hörte mit halbgeschlossenen Augen den Worten seines Freundes

zu.

„Was Sie sagen, nein, singen, Antonio, ist mir, als wäre es aus meinem

Herzinnersten geboren ... Wie gottbegnadet Sie sind! Ein Dichter! ... Es

ist gefährlich, was Sie sagen ... Der Weltabgrund, über den berauscht

wir dahingleiten, selbst spricht ...“

* * * * *

Das Automobil, das die Flugzeugpassagiere vom Landungsplatz auf den

Longchamps nach Paris bringen sollte, blieb plötzlich mitten in einem

ungeheueren Menschenstrom stecken.

Rote Fahnen wehten.

Rufe erschollen:

„Nieder mit dem Krieg!“

„Eine Arbeiterdemonstration! ... Sie demonstrieren gegen den Krieg ...

Damit meinen sie aber in Wirklichkeit uns! ... Es lebe der Krieg ... Der

Krieg, er lebe ... Hüten wir aber unser Geheimnis! Lassen wir es den

großen Tanz des Schweigens auf unseren Zungen tanzen!“

Langsam steuerte der Chauffeur das Automobil frei.

„Sehen Sie, Mr. Branting, wieder ist es die Maschine, die Millionen

solcher Menschen, ganze Armeen aus dem Erdboden heraufstampft ... Es

sind Millionen, Abermillionen Grabwürmer in Menschengestalt, die uns wie

einen Berg bei lebendigem Leibe abtragen ... Hört ihr die Meute

kläffen!? ... Werden wir sie daran hindern? Leisten wir ernsthaften

Widerstand? Nein. Aber wir verstricken sie in unseren eigenen Untergang

... Spüren Sie nicht, wie jeder Blick der Demonstranten uns das Messer

zwischen die Rippen hindurch wünscht?! ... Sehen Sie dort: die Polizei

rückt an! Die Truppen schießen ... Die eiserne Kette des

Demonstrationszuges schwankt, reißt ... Aber, aber ... Wie lange noch?!

... Giftgase über diese empörerische Erde! Die Sintflut über uns! ...

Noch nicht genug durchfiltriert ist die Erde. Nun kommt die

Giftgasschwemme als letzte Feuerprobe ... Bald ist’s so weit ...“

Die beiden Freunde verabschiedeten sich.

„Ich danke Ihnen! Von ganzem Herzen danke ich Ihnen! Sie haben mir

unendlich viel gegeben!“

„Auch Sie mir, Mr. Branting! Ja, es ist mir jetzt, als ob ich damals

unbewußt, als ich auf dem Schiff im letzten Augenblick an Sie herantrat,

jenem noch wenig erforschten, aber sicher auch im Menschenleben

geltenden Gesetz von der gegenseitigen Anziehung gleichartiger Größen

gefolgt sei. Wir beide, wir gehören unzertrennlich zusammen, wie Stoff

und Geist. Zwei verschiedenartige Profile nur ein und desselben

Gesichts, und der Sockel, darauf wir ruhen: aus _einem_ Guß ... Ich

fahre morgen weiter nach Marseille, dann nach Nordafrika, Kairo ... Ich

will den Kelch zur Neige leeren. Ich will die Welt zu Ende schmecken.

Ich will das Nichts, das diese Welt ist, gründlich bis auf den Grund

auskosten ... Im übrigen, beinahe hätte ich vergessen, da Sie gerade in

Paris sind, müssen Sie einmal so einen kleinen Bummel über die

Schlachtfelder machen. Lohnt sich. Großartig, sage ich Ihnen, das ...

Und nun leben Sie wohl! Grüßen Sie mir, wenn Sie darüber wandern, die

Katakomben der Schlachtfelder und dann, wenn Sie in St. Moritz sind, den

Sonnenaufgang über den Schweizer Bergen, die ewigen Gletscher! ... Und

ob wir uns noch einmal wiedersehen oder nicht –!? Hüten wir unser

Geheimnis! ... Nun: glückliche Reise!“

Die beiden Freunde umarmten sich.

* * * * *

Der Bankier nahm, wie er sich ausdrückte, die den Fremden gebotene

Gelegenheit nicht ungern wahr, unter sachkundiger Führung die berühmten

europäischen Schlachtfelder aus dem Weltkrieg 1914 bis 1918 zu besuchen.

Wieder war es ein herrlicher Frühlingstag, als die jede Woche einige

Male stattfindende Fremdenfahrt begann.

Es mochten gegen sieben vollbesetzte Autos gewesen sein, die an diesem

Tage an der Exkursion teilnahmen.

Innerhalb zweier Stunden war, wie es in dem umfangreichen und mit

auserlesenen Bildermaterial versehenen Prospekt hieß, das Schlachtfeld

bequem zu erreichen.

Das Diner sollte programmäßig in dem neu aufgeführten Hotel „Zum

Weltkrieg“ eingenommen werden, das an der Stelle eines in Trümmer

geschossenen Dorfes errichtet worden war: fünfzig Stock hoch, nach

amerikanischem Zweckstil, und in der sicheren Erwägung der Unternehmer,

daß sich in dieser Gegend bald eine ausgedehnte Fremdenindustrie

entwickeln werde.

Das hier ausgeführte Projekt war, mit dem ersten Preis gekrönt, aus

einem internationalen Wettbewerb, ausgeschrieben von der

Schlachtfelder-Verwertungsgesellschaft m. b. H., hervorgegangen, an dem

sich die berühmtesten Architekten des In- und Auslandes beteiligt

hatten.

Die Schlachtfelder-Verwertungsgesellschaft m. b. H., deren Aufsichtsrat

prominente politische Persönlichkeiten Frankreichs angehörten, hatten

riesige Flächen Schlachtgeländes schon während des Krieges, die

Panikstimmung unter der ländlichen Bevölkerung ausnützend, oder gleich

nach Beendigung des Krieges zu spottbilligen Preisen aufgekauft und

beabsichtigte, wenn der von ihr inszenierte und klug propagierte

„Besichtigungs-Rummel“ einmal abgeflaut sein würde, die Schlachtfelder

mit ihrem gesamten beweglichen und unbeweglichen Inventar aufzuteilen,

stückweis an die Bauern zurückzuverkaufen, um sie so wieder ihrer

ursprünglichen Bestimmung zuzuführen.

Das Hotel „Zum Weltkrieg“ wurde sozusagen zu einer Art Wallfahrtsort.

Es war der Mittelpunkt aller Schlachtfeldbesuche, aber abgesehen auch

davon, was die innere und die äußere architektonische Anlage betraf,

eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges.

Die feierliche Einweihung fand schon vor zwei Jahren statt, im Beisein

der Pressevertreter aller Welt und in Anwesenheit der sämtlichen

Botschafter der alliierten Regierungen. Die Absicht der Gründung

allerdings reichte schon, wie gesagt, bis in die Mitte des Weltkriegs

selbst zurück. –

Nach Tisch waren die beiden Führungen in Aussicht genommen, eine zu Fuß

mitten durch die Schützengrabensysteme hindurch, von denen es hieß, daß

sie „echt“ und „original“ und „unaufgeräumt“ seien, um den Fremden auch

wirklich einen möglichst unmittelbaren Eindruck der Kriegsereignisse zu

vermitteln, die zweite sich daran anschließende Führung, deren jede

gegen eine Stunde dauerte, sollte im Flug durch die Lüfte den

Teilnehmern die Gelegenheit geben, sich in die Lage der tapferen und

heldenhaften Flieger zu versetzen, zugleich aber auch die

Kriegsereignisse durch höchstpersönliches Erlebnis von der

verantwortungsvollen Warte des hohen Kommandeurs aus nachzukontrollieren

und sie noch einmal im Geist an sich vorüberziehen zu lassen, als eine

Warnung, als eine Belehrung und als ein seltsam ergreifendes

Naturschauspiel zugleich.

Trotzdem Bankier Mr. Branting incognito reiste, hatten sich schon am

frühen Morgen Reporter und Vertreter seiner Geschäftsfreunde im Hotel

eingefunden, die durch den Sekretär des Bankiers kurzerhand abgefertigt

wurden. Kaum aber eine Stunde nach Mr. Brantings Entschluß hatten es die

Presseleute bereits in Erfahrung gebracht daß der Amerikaner mit der

Autokolonne die Schlachtfelder zu besuchen beabsichtige. So war es auch

nicht weiter verwunderlich, daß sich bei der Abfahrt eine Anzahl

Filmoperateure und Photographen einfanden, die den Bankier, der sich die

Hände vors Gesicht hielt in ein Kreuzfeuer nahmen, und von denen sogar

einige sich es etwas kosten ließen, d. h. die Tournee in höchsteigener

Person mitmachten. –

* * * * *

Schon eine Stunde von Paris entfernt, waren die Spuren des Krieges

deutlich bemerkbar. Die Wiederaufbauarbeit verzeichnete scheinbar

überhaupt keine Fortschritte.

Böse Zungen behaupteten, das aus den Deutschen herausgepreßte

Reparationsgeld werde zu ganz anderen Dingen, zu Spekulationen usw.

verwendet, und wiesen, nicht ohne einiges Beweismaterial für sich zu

haben, auf das enorme Anschwellen der Automobilziffern in den Städten,

besonders in Paris, hin, auf die unverhältnismäßig hohe Zahl neu

errichteter Luxuspaläste, auf die Geldkonzentration, auf das

Emporschießen neuer Vermögen und auf die rapide Zunahme industrieller

Neugründungen Luxus und Verelendung standen, selbst nach bürgerlichen

Maßstäben gemessen, kaum in einem auch nur einigermaßen mehr

erträglichen Verhältnis zueinander. Trotz Güteranhäufung, trotz Reichtum

und Verschwendung zog eine immer mehr zu einer Explosionskatastrophe

sich verdichtende allgemeine Krise heran ... Zwar Villen und Landhäuser

in einem neuen praktischen Stil gebaut sah man zu beiden Seiten der

Chaussee; neu aufgebaute Bauernhöfe oder gar wiederaufgebaute zerstörte

Ortschaften gab es beinahe überhaupt nicht ...

Der Erklärer im Vorderteil des Wagens erhob sich, deutete mit dem Finger

in die Landschaft und begann:

„Diese Höhenzüge, die die Herrschaften jetzt in der Ferne sehen ... heiß

umstritten ... zehnmal während des Krieges in unserer Hand, ebenso oft

im Besitz des Feindes ... Noch nicht wegen der zahlreichen Minengänge

betretbar ... Insgesamt 60000 Mann mögen bei der Erstürmung und bei der

Verteidigung dieser höchst wichtigen Stellungen gefallen sein ...“

„Welch ein Kontrast!“ seufzte einer der Fremden ... „Das zarte reine

unschuldige Himmelsblau und diese Landschaft ... Das ist ja alles noch

totes Land. Nichts gesät, nichts geerntet ... O welch eine Katastrophe!

Katastrophal das ...“

Das Auto schwankte, Dreckspritzer um sich schleudernd, auf der

holperigen Landstraße, die erst seit kurzem wieder hergestellt war.

An einem Wald glitt man vorüber, an einem Fetzen von Wald, an einem

Waldgespenst. Alle Bäume von Granaten zerrissen. Holzspäne lagen weit

und breit. Wie in einer gewaltigen Hobelwerkstatt. An einem Weg quer

durchs Feld bemerkte man schon Ansätze von Schützengräben. Der Erklärer

bedeutete mit erhobener Stimme gewichtig, diese seien von den Franzosen

in den Tagen der Schlacht an der Marne ausgehoben worden.

„Das wäre also vor Paris unsere letzte Stellung gewesen ...“

Die Gesellschaft wandte die Blicke rückwärts, wo die Konturen der

Hauptstadt in einer dunstigen Nebelferne verschwammen.

Die Autokolonne raste weiter die Chaussee entlang.

Die einst prächtigen Alleepappeln waren alle in halber Höhe geknickt.

Die zerschlissenen Reststämme zeigten die sonderbarsten Figuren.

Eine dreistimmige Fanfare schmetterte die Autokolonne in die Landschaft.

Hie und da in einer der zerstörten Ortschaften trat ein

menschenähnliches Wesen aus einer der Ruinen hervor, über und über mit

Lumpen bekleidet, blinzelte, beschattete das Auge mit der Hand und sah,

wie zu einer Säule erstarrt, noch lange der dahinknatternden Autokolonne

nach ...

Auch einige kleine Kinder spielten hie und da in Dreckpfützen herum,

grimassierten und streckten die Zungen ...

Nun begann der Erklärer Kriegsgeschichten, Kriegsmoritaten und

Kriegsheldentaten zu erzählen. Diese Erzählungen waren durchwegs alle

mit Rücksicht auf etwaige deutsche Massengräberbesucher auf einen

versöhnlichen und für die deutsche Armee außerordentlich anerkennenden

Ton gestimmt.

„Man muß schon sagen, der Feind hat sich tapfer gehalten. Hier zum

Beispiel, wenn wir ihm Gerechtigkeit angedeihen lassen wollen, hat er

sich geradezu bravourös geschlagen ... Hier sehen Sie: der Tod fürs

Vaterland! ...“

Und soweit das Auge reichte: Kreuz an Kreuz, schwarze schlichte

Kreuzpfähle mit einer weißlichen, nun schon verblichenen Inschrift,

lauter deutsche Namen.

„Rund eine Infanterie-Division! ... Alle mit Gas ...“

Aber schon wieder erschien ein neues Kreuz-Feld, dahinter noch eins und

nebendran wieder eins, und dann Felder, Felder nur noch mit einem

einzigen großen Holzkreuz darauf oder mit einem umgekehrten Spaten.

„Massengräber. In keinem unter tausend Mann ...“

„Hier soll noch im Laufe des Jahres, vielleicht im Herbst, ein großes

Kriegerdenkmal errichtet werden, in Pyramidenform. Oder ähnlich dem

Grabmal des „Unbekannten Soldaten“ unterm _Arc de Triomphe_ ... Mit

einer ewigen Flamme ... Es wird eine gewaltige Sache werden ...“

Langsam rückte am Horizont der fünfzigstöckige Turmbau des Hotels „Zum

Weltkrieg!“ empor.

Ein allgemeines „Ah!“ entrang sich der staunenden Gesellschaft.

„Ein tollkühnes Projekt in der Tat! Noch dazu in solch einer Gegend!“

...

„Wird sich das rentieren ...?“

„Doch, doch! Die Schlachtfeldbesuche sollen noch bedeutend ausgebaut

werden ...“

„Da läßt sich noch allerlei dabei herausholen!“

„Dieses Hotel kann sozusagen das Zentrum einer neuen gewaltigen Stadt

über den Schlachtäckern werden.“

„Entwässerungsanlagen usw. wären dazu allerdings nötig, aber wenn die

Aufräumungsarbeiten munter und rüstig vorwärtsschreiten, wer weiß, in

ein paar Jahren vielleicht ...“

Der Bann des Schweigens, der bis dahin die Gesellschaftsreisenden

umfangen hielt, war gebrochen.

Die Autokolonne hielt.

Der Eingang zum Hotel war mit Palmen geschmückt.

„Ganz südlich!“ scherzte jemand.

Die Reisegesellschaft stieg aus.

Die Reisegesellschaft war in bester Stimmung.

Es waren Reisende darunter aus allen Ländern.

„Da kann man es wahrhaftig mit dem Gruseln zu tun bekommen!“ sagte eben

ein deutscher Hochzeitsreisender zu seiner jungen Gattin, die sich ihrem

Gatten, einem Professor, wie sich jetzt bei der allgemeinen Begrüßung

herausstellte, furchtsam in die Arme hing.

„Nur nicht so schreckhaft, Amalie ... Nach Tisch will ich dir vielleicht

den Schützengraben zeigen, wo auch ich gelegen habe. Die Gegend ist mir

ziemlich genau bekannt ... Vielleicht find ich auch das Grab noch, wo

mein Hauptmann liegt ... Blumen scheint man ja hier im Hotel zu

bekommen, vielleicht auch ein neues Kreuz ... War ein Prachtkerl, mein

Hauptmann. Ein Zufall wär das, gewiß ... Aber man kann nicht wissen ...

sehr interessant das ... So über den Schlachtfeldern ...“

Er zog seine Generalstabskarte aus dem Zelluloidetui, das er an einem

Band praktisch um den Hals trug, hervor, studierte dazu den Bädecker und

durchforschte nach allen Richtungen hin die Landschaft mit dem

Feldstecher.

„Aber ein Andenken möchte ich auch mitnehmen ...“ bat eine Gattin ...

„Eine Reliquie, weißt du, die Glück bringt. Es gibt hier sicher so was

... Und auch für die Kinder! ...“

„Sei unbesorgt, natürlich ... Percy ist alt genug, er soll einen

Stahlhelm erhalten ... Er wird ihn ja nicht, so wie ich ihn kenne, zum

Spielzeug entweihen ...“

Lustig plaudernd schritt die Gesellschaft dem Hotel zu.

Eine Holzbude war nicht unweit davon aufgeschlagen, die zwar Wochentags

geschlossen war. Dort wurde für minderbemittelte Besucher, die Sonntags

oft aus Paris in Scharen herausströmten, billiger Schlachtfeldkitsch

feilgeboten. –

* * * * *

Eine große Tafel war am Eingang zum Hotel angebracht.

Der Erklärer wies die Reisegesellschaft ausdrücklich darauf hin.

Die Tafel lautete:

„Es ist verboten, Gegenstände auf den Schlachtfeldern aufzuheben und

mitzunehmen. Eigenmächtiges Betreten der Schlachtfelder ist mit

Lebensgefahr verbunden. Eine ständige Ausstellung von Kriegsgegenständen

aller Art aller am Weltkrieg beteiligten Armeen befindet sich im großen

Saal des Hotels, im ersten Stock. Dieselbe soll mit der Zeit zu einem

Völkerschlacht-Museum ausgebaut werden. – Andenken in reicher Auswahl.

(Darunter Uniformknöpfe, Waffengegenstände, Achselstücke,

Kunstgegenstände aus Granatsplittern und Knochenteilen von

Pferdeskeletten.) Führer, mit dem einschlägigen Material genau vertraut,

stehen zu jeder Tageszeit im Hotel zur Verfügung. Photographische

Aufnahmen nur mit besonderer Erlaubnis. Postkarten, interessante

Situationen aus dem Weltkrieg festhaltend, ebenfalls in reicher Auswahl.

– Zu weiteren Aufschlüssen gern bereit, empfiehlt sich dem verehrlichen

Publikum

Die Schlachtfelder-Verwertungs-Gesellschaft m. b. H.

Die Hotel-Direktion.“

Man nahm Platz zum Diner.

„Siehst du also, es ist hier für alles gesorgt!“

Zeigte sich der Bankier seiner Gattin gegenüber außerordentlich

befriedigt über die wohlgelungene Organisation der ganzen

Schlachtfeld-Besuchs-Unternehmung.

„Hier hat man nicht das Gefühl des Genepptwerdens. Kein unfeines

Animieren. Man kann der Gesellschaft gratulieren. Durchaus solide

Aufmachung. Und was die Ausstellung mit Verkaufsgelegenheit von

Schlachtfeldandenken betrifft, gut so, sehr gut so, da braucht man sich

nicht eventuell der Unterschlagung von Heeresgut schuldig zu machen ...“

Einige der Schlachtfeldbesucher schrieben noch während des Essens

Postkarten.

Andere richteten Fragen an die Kellner:

„Wie stehts eigentlich mit der Flora?“

„Faul! Oberfaul!“ war die Antwort –

„Nur Unkraut. Hie und da ganz krankhaft fette Kartoffeln ... Hier wächst

nichts. Wir beziehen alles aus Paris ...“

* * * * *

Das Diner war beendet.

Der Führer erhob sich zu einem kleinen feierlichen Einleitungsakt.

„Meine sehr verehrten Herrschaften! Wir wollen heute ein Totengedenkfest

auf besondere Art begehen. Wir geloben uns dabei: Wir wollen das

Andenken der Toten ewig hoch in Ehren halten!“

Die Lippen der Schlachtfeldbesucher kräuselten sich zu einem stillen

Schwur.

* * * * *

Wieder eine Tafel:

„Privat-Weg! Unbefugten ist der Zutritt streng untersagt!

Der Bankier reitet über das Schlachtfeld · 第 5 / 16 题