Das schwimmende Märchenschloß. – Vornehme
Passagiere. – Hotel „Zum Weltkrieg!“ – Lernt
aus dem Vergangenen für das Zukünftige! –
Gewidmet den Meistern in der Verwendung von
Millionenheeren! – Auf den Spuren schwerer
Brocken. – Von denen, die sich über den
Massengräbern aalen. – Legende vom toten
„Bauernchristus“. – Das Frontschwein Emil. –
Brüder der „Großen Grube“, hört! – Hop hop
hop! –
Der amerikanische Bankier und Milliardär Mr. Branting hatte, als er in
dem weltberühmten Höhenluftkurort St. Moritz in der Schweiz eintraf,
bereits eine mehrwöchige wohlgelungene Vergnügungsreise hinter sich. –
* * * * *
Es war schon gegen Mitternacht, als der mit dem modernsten Luxus
ausgestattete Riesenturbinendampfer „Columbia“ aus dem Hafen von Newyork
auslief.
Die Bordkapelle intonierte die amerikanische Nationalhymne.
Hüte flogen am Ufer hoch, ein hundertstimmiges Hurra erscholl, und dann
wie ein Salutschießen: ein knatterndes Händeklatschen.
Die unter einem bengalischen Sprühregen rotierenden Feuerräder der
Lichtreklame, die auf hängenden Tafeln auf und nieder rollenden
Lichtbuchstaben leuchteten noch weit ins Meer hinein, die Turmbauten der
Wolkenkratzer waren in Kreuzform illuminiert, und die Freiheitsstatue
war wie in einem Gazeschleier in ein Lichtkegelspiel von Scheinwerfern
gehüllt, so daß man, von diesem Lichtwerk geblendet, schon kaum mehr das
Geräusch der Staffeln der Nachtflugzeuge bemerkte, die unter einem
monotonen Surren, bald näher, bald weiter, den Küsten des Großen Ozeans
entlang flogen. Nur manchmal, wenn sie plötzlich einer der von der Erde
aufgescheuchten Lichtkegel traf, dann reckten staunend die Passagiere
ihre Köpfe hoch: da hingen sie beinahe wie unbewegt, die stählernen
Riesenfalter, unmittelbar unter einem wie ein Gletscher schimmernden
Wolkenfeld.
Noch kreisten, laut sirenend, Torpedoboote und Barkassen um die
„Columbia“, gaben ihr das Geleit bis zu der äußersten Grenzzone und
schwenkten dann, wobei sie Leuchtraketen abschossen, noch einmal, bevor
sie in den Hafen zurückkehrten, in einem großen Bogen um sie herum ...
Die Passagiere konnten sich nicht genug darin tun, noch vor dem
Schlafengehen die Einrichtungen der „Columbia“ zu bewundern.
„Ein schwimmendes Märchenschloß“, so wurde sie nicht zu Unrecht genannt.
Hätte jetzt ein Deutscher, und gar ein Patriot noch dazu, das
Schiffsinnere betreten, es hätte sich ihm beim Anblick der vielen
deutschen Firmenschilder gewaltig die Brust geschwellt, und das schöne
Schiffsungeheuer zärtlich mit Blicken streichelnd, hätte er sicherlich
wehmütig aufgeseufzt: „Deutschland über alles.“ Und hätte sich, wieder
einmal, gerade zur rechten Zeit der Worte seines Großen Kurfürsten
erinnert: „Gedenke, daß du ein Deutscher bist!“ ...
Auch Mr. Branting ließ sich durch einen Schiffsoffizier durch sämtliche
Räume führen.
Der Speisesaal glich mit seinen traubenförmig niederhängenden Ampeln und
den gedrechselten durchsichtigen lichtflüssigen Glassäulen einer
traumhaften Grottenhalle, ja, die länglichen Fensterplatten zu beiden
Seiten ließen, von außen her grell beleuchtet, die Meertiefe
durchschimmern, so daß man speisend, während der Fahrt, wie in einem
Aquarium, die Meerflora und die Seetiere an sich vorübergleiten sah.
Rauch- und Billardzimmer schlossen sich an die „Traumgrotte“ an, ein
Lesezimmer und die Bordbibliothek, so umfangreich und mit solch
wertvollen Buchausgaben ausgestattet, daß, was auch ein flüchtiger Blick
in den Katalog besagte, sie sich mit jeder Bibliothek mittleren Ranges
messen konnte.
Der Bankier musterte noch, offensichtlich befriedigt, die Massage- und
Baderäume, wobei das Schwimmbassin mit einem ein Meter und einem drei
Meter hohen Sprungbrett besonderer Erwähnung verdiente und ließ sich
dann von dem ihn begleitenden Schiffsoffizier darüber belehren, daß auch
eine besondere Schiffspolizei vorhanden sei, um, wenn nötig, das an sich
schon immer etwas rebellisch veranlagte Heizpersonal gebührend in Schach
zu halten.
„Wollen Sie einmal einen Blick in die „Hölle“ tun!? ... Dann bitte –“
In Begleitung des Schiffsoffiziers kletterte der Bankier eine lange
Eisenleiter hinunter und – der Aufforderung des Offiziers folgend:
„Bitte, treten Sie ein wenig zurück, es ist nicht gerade nötig, daß die
Heizer Ihrer ansichtig werden“ – sah er durch die mit schweren
Eisenklammern abschließbare Luke in den Heizraum hinein.
Ein stickichter Glutwind sprang ihm entgegen.
Er nahm nur zögernd wieder die Hände vom Gesicht.
Es war, als ob das Heizpersonal in flüssigem Feuer badete.
„Genug!“
Die Luke schloß sich.
„Kann sogar von der Kommandobrücke aus automatisch bedient werden ...“
Der Bankier sah sich noch einmal um.
Die Luke glich einer schweren Panzerplatte.
Armdick.
„Wie der Deckel zu meiner Familiengruft in Kalifornien“, meinte der
Bankier treuherzig.
„So ähnlich wohl ja ... Wenn nämlich einmal was vorkommen sollte, Leck,
hier werden die Schotten zuerst abgedichtet. Aber auch bei Aufruhr ...
Die Wassermasse stürzt in den Heizraum herein, platzt unter einem
gewaltigen Getöse auf die Glut, man kann dann zwar den ganzen
Schiffskörper hindurch das Fäustegetrommel und das Wutheulen der
Verzweifelten hören, aber der Kampf der Eingeschlossenen mit dem Element
dauert nicht lange, je nachdem, aber sicher nicht länger als drei
Minuten. Bloße Fäuste und Schreien aber haben bekanntlich noch nie
Panzerplatten zum Erweichen gebracht, auch nicht, wenn Köpfe dagegen
rennen. Sie löcken umsonst wider diesen Stachel. Und jede Sekunde, die
unten das Schiff noch in Gang bleibt, ist oben für die Rettungsaktion
gewonnen ...“
Der Rundgang war beendet.
Der Bankier stieg an Deck, um sich von der Höllenhitze des
Maschinenraums, die ihm noch wie flüssiges Metall durch die Adern
zischte, abzukühlen ...
Mitten durch den Ansturm der Wogenberge hindurch schnitt sich die
„Columbia“. Jede Art Schlingerbewegung war durch eine bestimmte
Rumpflinienführung und durch eine neueste Kreiselkonstruktion
ausgeschaltet.
Die Wogenberge, oben mit Schaumblüten bewachsen, stürzten sich unter
einem langanhaltenden Rolldonner heran, der Kiel schnitt glatt mitten
hindurch, ein wüstes Gekreische, als ob Wasser geschlachtet würde – und
der Meeresgrund sog mit einem tiefen Atemzuge die abgeschlachteten
Wogenberge wieder in einer langen Schleife an sich zurück ...
Schön und tiefblau war die Nacht.
Ein lauer Windzug strich.
Das Firmament glitzerte.
Hie und da fiel eine Sternschnuppe.
„An was denke ich nur? Oder – bin ich wunschlos!?“
Der Bankier sann noch einen Augenblick darüber nach.
Dann suchte er seine Kabine auf.
Fern, ganz fern – durch eine moderne Schalldämpfervorrichtung gedämpft –
stampften, stampften die Maschinen.
* * * * *
„Du, von was leben die da oben eigentlich?“
Machte sich unten im Maschinenraum einer der chinesischen Heizer an
einen Deutschen heran.
„Pst!“ gab der unwirsch zur Antwort, „du weißt doch, daß Kontrolle ist,
hast du nicht den Wisch mit den Paragraphen unterschrieben?! Du weißt
doch, daß es eine Schiffspolizei gibt, auch unter den Heizern sind
solche ... Von was die leben!? ... Davon!!“
Er deutete auf seine Oberarmmuskeln, auf seine schwielige Hand, und
schippte seine Kohlenbrocken weiter.
„Davon! Und nur davon! Ausschließlich nur davon! ... Wenn wir einmal die
Glut aus den Kesseln reißen, dann: Herrlichkeit ade! ... Dann nämlich
ist’s aus mit dem großen Bogen spucken. Ratzekahl aus damit! sage ich
dir ...“
„Ich will dir was sagen, Bruder“, flüsterte der Chinese, „genau so ist’s
auch in unserem Land. Dort, wo ich daheim bin. Länderhungrig sind die.
Und schöne Maisplantagen haben die sich angelegt und große, große
Spinnereien ... Und der Christengott ist übers Meer gefahren gekommen
und überall haben die dickwanstigen Missionare den eingesetzt ... Ein
gräulicher, scheußlicher Gott ist so ein Christengott, ein
Blutsäufergott, stinkt nach Fusel und macht alle besoffen mit Branntwein
... Auch Opium, Bruder, Opium! Ganze unterirdische Höhlenstädte haben
wir, in denen nur Opiumraucher wohnen ...“
Ein Schwarzer trat hinzu.
„Wie bei uns ... Da nehmen sie auch das Vieh weg, mitsamt dem Weidland,
ja schrecklich länderhungrig sind die, und die Erde bohren sie an und
ziehen daraus mittels elektrisch betriebener Pumpwerke den ganzen Saft
hervor ... Sogar in einen Krieg haben wir ziehen müssen, aber wißt ihr,
Kriegsmaschinen haben die, da kann unsereins nicht dagegen aufkommen.
Ein Gewehr, das ganz schnell „tacktack“ macht, da sind oft gleich an die
Tausende in einem Nu hin. Hin und futsch ... Seht ihr, Brüder, wie
dieser Maschinenraum schwitzt, so schwitzt unser ganzes Land. Blut
schwitzt unser Land ... Was ist da zu machen, Brüder ...!?“
Schweigend starrten die Drei in die Glut.
Bis der Deutsche ganz leise zu singen begann:
„Tüchtig heizen, tüchtig heizen,
Daß das Schiff läuft –
Tüchtig heizen, tüchtig heizen,
Daß das Schiff schneller läuft ...
Tüchtig heizen, tüchtig heizen,
Daß das Schiff Volldampf läuft!“
Die Nachtrunde, aus drei Schiffsoffizieren bestehend, erschien.
Jeder der drei Heizer sang jetzt lautlos für sich allein das Heizerlied
zu Ende:
„Tüchtig heizen, tüchtig heizen,
Bis die Glut zum Himmel spritzt!!!“
– – –
Die Maschinen stampften.
Sonst war tiefe Stille auf dem ganzen Schiff.
* * * * *