Das ist mir nicht lieb, versetzte ich... oder vielmehr das wird der Person

nicht lieb sein, die mich herschickt... das arme Mädchen erröthete hier

so, daß sie aufstand und sich abwendete, um auf's neue ihr Brüderchen

zu wiegen, obgleich es diesmal sich nicht gerührt hatte. Als sie sich so

meinem Anblicke entzogen, versetzte sie:

Sie werden erst gegen Mitternacht zurückkommen, Herr Tom; ich sage Ihnen

das, damit Sie nicht zu lange vergeblich warten...

Freilich, es ist schon spät... Ich will also meinen Auftrag bis morgen

verschieben... und wenn Sie, mein schönes Kind, erfahren haben, was es

ist, so bitte ich um Ihre gütige Fürsprache... vorausgesetzt, daß...

daß Sie uns geneigt sind und mir insbesondre... mir, der ich ruhiger

stürbe, wenn ich zuvor das Geschick meines Julius mit dem Ihrigen

verbunden sähe: sein Glück unter Ihrer Obhut und seine Jugend unter dem

Schutz Ihrer verehrten Familie...

Bei diesen Worten erhob ich mich und stürzte mich in die Arme meines

Oheims. Ich überhäufte ihn mit Liebkosungen, ohne Worte für die

Gefühle, welche mein Herz überströmte, zu finden...

Nun, nun!... mein armer Julius... o, meine Perrücke!... meine Perrücke

geht verloren!... laß mich doch ausreden... Du weißt ja noch nichts...

da!... setz Dich ruhig hin... so... so...

Das junge Mädchen also erholte sich, sobald ich etwas deutlicher geredet

hatte, vollständig: -- Mein Herr, sagte sie zu mir mit fester Stimme, Sie

werden keinen Zweifel hegen, daß ich Sie ehre und liebe... Ich bin

von Ihren Worten tief ergriffen, aber in großer Verlegenheit, was ich

antworten soll... Ich denke eben nicht an die Heirath, denn ich sehe gar

mancherlei Hindernisse... (Na, entsetze Dich nur nicht gleich!) Ich gehöre

meinen Eltern, ich bin ihnen nothwendig, ich will sie weder verlassen noch

ihnen zur Last fallen... (So erschrecke doch nicht!) .... Ich werde mich

nur mit einem Manne verbinden, der mich für Seinesgleichen achtet

und meine Familie als die seinige annimmt, der mir sein Herz ganz und

ungetheilt darbringt, wie ich ihm das meinige schenken werde. -- Ich hätte

mich nimmer versehen, daß ich dergleichen Dinge gegen jemand äußern

würde; allein Ihr Alter und die Achtung, die ich vor Ihnen hege,

ermuthigen mich. Uebrigens steht die Antwort meinen Eltern zu... Ich werde

sie, wenn Sie es wünschen, von Ihrem Besuche unterrichten...

Wollen die Güte haben, theures Kind: morgen um zehn Uhr... Wie freut es

mich, so viel Verstand und Tugend bei so jungen Jahren zu finden... und ich

wünsche um so lebhafter, daß mein Neffe unter solchen Bedingungen, die

ihm nicht schwer erscheinen werden, Ihnen gefallen möge... Eine

große Ehre, mein liebes Kind... eine sehr große Ehre, in eine Familie

einzutreten, wo so viele Tugenden zu Hause sind... und bereits in so

zartem Alter... sein ganzes, ganzes Herz... (da hätte ich ihr können die

Geschichte von der Jüdin erzählen) und zwar ein recht ehrliches Herz,

dafür bürge ich Ihnen, mein Kind... das wohl begreift, welches Kleinod

ihm anvertraut wird, unter welchen Bedingungen es das Glück empfängt, und

wie daraus nur gegenseitige Liebe, gegenseitige Treue, gegenseitiger

Eifer für alle Pflichten, die der Ehestand mit sich bringt, hervorgehen

können... Hier ahmte mein guter Oheim mit aller Heiterkeit die Eheformel

aus der Liturgie nach: Nicht wahr, Julius, das versprichst Du!!

Ja, ja, rief ich aus, und das vor Gott! vor Dir! mein vielgeliebter

Oheim... vor Dir! Und ich überhäufte ihn auf's neue mit Liebkosungen,

indeß die Alte sich die Augen trocknete. Er allein, der glücklich in dem

Glücke war, das er stiftete, aber heiter wie stets, behauptete seine Ruhe

und mischte in meine Freudenthränen einige liebevolle Scherzworte.

* * * * *

So wärest Du also vermählt, fuhr mein Oheim fort.

Wollte es der Himmel, guter Oheim! Und haben Sie sonst nichts mit ihr

gesprochen?

[Illustration]

Nichts Erhebliches mehr, ich stand danach auf und wollte die Püppchen

sehen, die da lagen und schliefen... Sie schickte sich lächelnd an, sie

mir zu zeigen. Was ich am meisten bewunderte, war die Sauberkeit, die

Sorgfalt, die Ordnung, die inmitten der größten Einfachheit von einer

gewissen Zierlichkeit begleitet war. -- Sie machen da den Kleinen Kleider,

sprach ich... -- Meine Mutter, werther Herr; allein während ihrer

Abwesenheit arbeitete ich etwas daran. Nun nahm ich ihre Hand zum Kusse und

sie faßte die meinige wie vorhin, um mir das Geleit zu geben. In der Thür

hab ich ihr ganz leise den Rath gegeben, nicht weiter mitzugehen, wenn sie

sich nicht der Gefahr aussetzen wolle, Dir zu begegnen. Eiligst flüchtete

sie wieder zurück, das ist alles. Aber da ist's schon eilf Uhr; laß uns

nun schlafen gehen.

Die Alte lächelte. Hast Recht, Margarethe. Nicht alle Welt wird diese

Nacht schlafen können; aber wir Beide, meine Alte, wir werden für alle

Welt schlafen.

* * * * *

[Illustration]

Gegen Mitternacht kamen die Eltern zurück. Ich horchte, ich konnte

bemerken, daß ein ernsthaftes, lebendiges Gespräch unter den Mitgliedern

der Familie stattfand. Gegen zwei Uhr standen sie von ihren Sitzen auf,

gingen auseinander und ich hörte die beiden Gatten noch lange in ihrer

Kammer sich unterhalten, bis endlich allgemeine Stille eintrat. Ich legte

mich nicht zu Bette; einer heftigen Aufregung zur Beute, erwartete ich voll

Ungeduld den Tag.

Sobald mein Oheim Tom erwacht war und während er sich ankleidete, ließ

ich mir alle Umstände seines gestrigen Besuchs noch einmal erzählen. Um

mir gefällig zu sein, erzählte der gute Greis sie einen nach dem andern

von neuem, mit dem Tone süßer Zuversicht, die meine Einbildung belebte,

meine Hoffnung neu erweckte und mein Entzücken wieder anfachte. Indessen

fand ich doch ein wenig zu viel Zurückhaltung in den Worten Henriettens,

und wenn ich an die schrecklichen Vorstellungen dachte, welche mein

Benehmen und die Aeußerungen meines Oheims in den reizbaren Geist des

Feldmessers geschleudert haben mußten, so verlor ich alle Hoffnung, die

mir eben aufgegangen war, auf's neue.

Endlich schlug es zehn Uhr. Mit steigender Beklemmung wiederholte ich

meinem Onkel alles, was er sagen sollte, und wir verabredeten, daß, sobald

er seinen Antrag vorgebracht, er geradesweges nach meinem Arbeitszimmer

gehen solle, wo ich ihn erwarten wollte.

* * * * *

Wenige Minuten war ich oben, als jemand in Henriettens Zimmer trat. Ich

unterschied den Schritt zweier Personen und aus verschiedenen Anzeichen

erkannte ich bald, daß sie und ihre Mutter es waren.

[Illustration]

Durch diese Gewißheit fand ich mich so sehr in meinen Erwartungen

getäuscht, daß ich alles für verloren hielt. Seit der Unterredung,

welche ich erwähnt habe, bildete ich mir beständig ein, daß die gute

Frau als Vertraute der geheimsten Gedanken Henriettens geneigt wäre, mich

in Gunst aufzunehmen, und daß sie bei ihrem Wunsche, vor allen Dingen ihre

Tochter einem jungen ehrenhaften Manne zu vertrauen, bei dem Feldmesser

mein bester Anwalt gewesen wäre, wenigstens der einzige, auf den ich

zählen konnte. Als ich nun sie und ihre Tochter in einem so entscheidenden

Augenblicke das Feld räumen und meinen Oheim mit dem Feldmesser allein

gelassen sah, welcher ganz und gar von Vorurtheilen beherrscht wurde,

welche sie sicher nicht in einem gleichen Grade theilen konnten, erachtete

ich meinen Antrag von vorn herein für abgelehnt. In dieser verzweifelten

Lage beschloß ich den Augenblick zu benutzen, um mir eine letzte Zuflucht

zu eröffnen. Ich wollte mich nämlich zu den beiden Frauen begeben und

mich überwinden, ihnen alle Gluth und Aufrichtigkeit meiner Gefühle zu

zeigen, um sie zu meinen Gunsten zu gewinnen. Ich klopfte an ihre Thüre;

Henriette öffnete mir.

* * * * *

Nur die eigne Bestürzung des jungen Mädchens, die sich so lebhaft auf

ihrem Gesicht malte, stand mir bei, daß ich die meinige überwand.

Darf ich, sprach ich mit bewegter Stimme, einige Augenblicke zu Ihnen

kommen?... -- Treten Sie ein, Herr Julius, sagte die Mutter hierauf.

Nach diesen Worten schwieg sie und betrachtete mich schweigend, Thränen

begannen aus ihren Augen zu rollen... Was haben Sie uns zu sagen? hub sie

auf's neue mit trauriger, vom Weinen bewegter Stimme an.

[Illustration]

Ich wollte, ehe Ihre Familie über mein Schicksal entscheidet, Sie einmal

sehen... Sie einmal sprechen... und fühle mich zu verlegen dazu... Ich

wollte Fräulein Henriette sagen, daß seit langer Zeit es mein einziges

Glück ist, sie zu lieben, sie zu bewundern, die Ehre, mein Geschick an das

ihrige zu ketten, höher als alles in der Welt zu schätzen... und Ihnen,

daß ich Sie lieben werde wie meine Mutter, die ich nicht mehr habe, daß

Sie mir Ihre Tochter vertrauen würden, ohne sie zu verlieren... ach,

was weiß ich? Theuerste Frau! Ihr Anblick erfüllt mich mit Rührung und

Ehrfurcht, ich verstehe die Sprache dieser Thränen, die Sie vergießen...

ich glaube, daß ich Ihnen versichern kann...

Während ich so redete, betrachtete mich die minder aufgeregte Henriette,

während sie meine Worte aufmerksam anhörte. --

Henriette, sprach die Mutter, rede Du mit dem jungen Herrn, Dich verlieren,

mein Kind! nein, ich kann den Gedanken nicht fassen... Du bist mein Leben.

-- Nimmer, sagte Henriette mit einer Entschlossenheit, welche durch einen

Ausdruck von Bescheidenheit gemäßigt wurde; nimmer, Mutter, werde ich

einem Andern angehören, als dem, der ganz Euer Sohn wird!... Mein Herr,

ich bin noch verlegener um ein Wort, als Sie... Ich kenne Sie wenig... Ich

kenne Ihren Antrag, aber ich kenne Ihren Charakter nicht... Ich habe viele

Männer gefunden, die für preiswürdige Gatten gelten und denen ich keine

Achtung zollen kann... Und dann, meine Eltern verlassen!... Hier stockte

Henriettens Stimme und ihre Thränen flossen. Nein! ohne sie zu verlassen,

ohne sie jemals zu verlassen, mein Fräulein, wenn sie mich der Aufnahme

würdigen...

Ich gehöre ihnen an, Herr Julius, fuhr Henriette mit mehr Ruhe fort. Ich

habe keine Erfahrung, sie aber haben dieselbe. Ich weise Sie durchaus nicht

ab, sie mögen entscheiden, ich werde thun, wie sie beschließen...

* * * * *

[Illustration]

In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür.

Hier suchte ich Sie nicht! sprach der Feldmesser, zu mir gewendet.

Uebrigens, bleiben Sie; ich wollte Sie eben rufen lassen.

Guten Tag, mein liebes Kind, sagte mein Oheim Tom und nahm Henriettens Hand

zum Küssen. Dann wendete er sich gegen die Mutter: Und Sie, theure Frau,

fassen Sie Muth... Wenn Sie den Burschen da, wie ich, seit einundzwanzig

Jahren kennten, so hätten Sie Zutrauen... wie ich Zutrauen und Freude

darin finde, da ich ihn um dieses liebenswürdige Wesen werben sehe, das

ein wahres Kleinod ist... doch lassen wir den sprechen, dem sie angehört.

Mein Oheim setzte sich. Ich blieb neben Henriette stehen und wir hörten

auf den Feldmesser.

Um zehn Uhr, sprach dieser, empfing ich den Besuch des Herrn Tom. Herr

Julius, der Aufrichtigkeit Ihrer Gesinnungen und der Redlichkeit Ihrer

Absichten lasse ich Gerechtigkeit wiederfahren; allein Sie haben ein

schwaches, schwankendes Gemüth, wo Sie offen sein sollten; das ist ein

Fehler, der den redlichen Absichten die Offenheit nimmt, welche man bei

ihnen sucht. Ich weiß, daß Sie nichts besitzen als die Summe Geldes,

welche ich gestern gesehen habe. Ihre Hilfsquellen laufen also auf

Hoffnungen hinaus, und in dieser Hinsicht entbehren Ihre Verhältnisse

der Sicherheit, die meine Pflicht zu fordern heischt. Ich wollte mit Euch

Frauen darüber reden; allein, da alle Betheiligte hier beisammen sind, so

will ich meine Meinung frei heraussagen.

Meine Herren, ich habe niemals auf einen reichen Schwiegersohn gerechnet,

ja ich habe ihn nicht einmal gewünscht. In dieser Hinsicht wären die

Umstände des Herrn Julius, wie mir dieselben mitgetheilt sind, kein

Hinderniß, ihm meine Einwilligung zu dieser Verbindung zu geben, im Falle

die Frauen auch ihre Zustimmung ertheilen... Aber, fuhr er mit gehobener

Stimme fort, eins geht mir über alles, dies ist das Glück meiner Tochter!

und dies setze ich in treue Liebe, in gegenseitiges Vertrauen, in Arbeit,

gutes Benehmen, in ein rechtschaffenes tadelloses Leben.... und in

nichts anders. Ich weiß, meine Herren, wie viel mein Kind werth ist! und

derjenige, welcher ihr nicht alle die genannten Güter mitbringt, wäre

unwürdig sie als Gattin zu besitzen, so wie er für mich ein Gegenstand

des Hasses und der Verachtung sein würde...

Der Feldmesser schwieg einige Sekunden, doch nicht von Zärtlichkeit

übermannt, sondern im tiefsten Herzen erschüttert; dann fuhr er ruhiger

wieder fort: Jetzt werden Sie begreifen, liebe Herren, warum ich nicht

auf Reichthum sehe... Die Güter, die Bürgschaften, welche ich verlange,

welche ich fordere, sind weit schwerer anzutreffen als das Gold.

Herr Julius hat einen Stand, ist jung, wird arbeiten, wir werden ihn

unterstützen; da ist also kein Hinderniß.... Wenn er wohl aufschaut was

er thut, und wozu er sich verpflichtet; wenn er, nur den unschätzbaren

Werth einer tugendhaften Gattin erkennt, so gebe ich ihm gern die Hand

Henriettens. Also, auf seine Rechtlichkeit vertrauend, daß er seine

Versicherungen halte, wage ich ihn unsrer elterlichen Liebe zu versichern,

so wie seines eignen Glücks.

Mein Herr, versetzte ich jetzt, so ruhig, als meine aufgeregte Stimmung

nur immer gestattete, ich bestätige alle Worte meines Oheims, ich begreife

sehr wohl die Ihrigen und mein Herz wird sie nie vergessen... Ich spreche

zu Ihnen hier, nicht etwa von der Liebe, die ich zu Fräulein Henriette

hege, hingerissen, sondern gekräftigt und bestärkt durch die Achtung,

die ich für ihre Tugenden hege, und durch den Anblick des vollen und so zu

verehrenden Glückes, zu dem Ihre Grundsätze führen... Möchte Fräulein

Henriette und ihre Mutter Ihrer Einwilligung beipflichten, so schwöre

ich hier, daß Ihre Familie um einen Sohn bereichert sein soll, der Ihre

Erwartungen nicht täuschen wird!

Henriette sagte nichts; aber sie wendete sich gegen mich und reichte mir,

innig bewegt, die Hand. Als mein Oheim das sah, verließ er seinen Sessel,

eilte vor Alter und Freude schwankend auf uns zu und umarmte uns beide. Die

Zähren waren ihm in die Augen getreten und die Liebkosungen Henriettens

lockten dieselben in mildem leichten Fluß hervor. Der Feldmesser allein

behauptete seine ganze Festigkeit, er näherte sich seiner Frau und hielt

deren Fassung durch vorstellende, freundliche Worte aufrecht.

* * * * *

Als mein Oheim wieder nach seinem Lehnstuhl zurückgekehrt war, sprach er:

Meine Freunde, ich danke Ihnen Allen... Dieser Tag erfüllt meinen letzten

Wunsch. Dies liebenswürdige Kind (jetzt das meinige) wird glücklich

sein... das ist ausgemacht... denn Sie werden in meinem Julius ein

rechtschaffenes, liebendes Herz finden... bereit, alle seine Pflichten zu

erkennen und zu erfüllen... wenn schon seine Laune munter und sein Kopf

von den schönen Künsten eingenommen ist.

[Illustration]

Ich wiederhole also, daß ich Ihnen Allen danke. Jetzt will ich Ihnen meine

Gedanken sagen und wie die Dinge stehen. Dies Bürschlein wird in

meine Stelle treten. Mein bischen Gut gehört ihm. Es gehört ihm seit

einundzwanzig Jahren, laut meinem Testament... Er hat mich also seit

einundzwanzig Jahren unterhalten... hier hielt er lächelnd inne.

In diesem Betracht, fuhr mein Oheim fort, werde ich ihm nicht lange mehr

beschwerlich fallen, so daß die Zukunft keineswegs stockfinster ist...

Diese kleine Habe ist eine Rente von hundert und siebenundzwanzig Pistolen,

deren Kapital auf den besten Weinberg im Kanton Waadt angelegt ist... unter

dem Schutz des Bacchus also sehen Sie... Es hat da gut gelegen, so daß

seit fast vierundfunfzig Jahren die Rente auch nicht ein einziges Quartal

ausgeblieben ist.

Ich sagte also, daß dies Hundert und siebenundzwanzig Pistolen sind...

Außerdem funfzig, die mir der Bursch da kostet, sie sind ihm von heute an

zugesichert... dieselben sollen in Terminen ausgezahlt werden, doch

nicht an ihn... sondern an dies Fräulein, welche mir gestern als eine

geschickte, treue Wirthschafterin erschienen ist.

Ein Gemurmel unterbrach meinen Oheim. Ei... so hört mich doch an... ich

bitte Euch... es fehlt mir ja ohnehin an Kraft... die funfzig Pistolen

sollen zur Einrichtung der kleinen Wirthschaft sein... denn es heißt ja,

ohne Topf keine Suppe... nun, mein Neffe ist nicht reich an Töpfen...

so muß ich wol für ein Hausgeräth sorgen... also wollen wir und werden

unsre Kessel, unsre Speiseschränke, unsre Geräthe haben, und diese junge

Dame empfangen, wie es ihrer würdig ist... Nun hört wie:

Ich habe in meinem langen Lebenslaufe viel alte Scharteken

zusammengescharrt... ich sehe ein, daß ein Künstler, wie Julius, nicht

viel damit anfangen kann... und ich, ich muß nun anfangen, an den Rückzug

zu denken... Ich kenne einen Juden, der mir mit Vergnügen dabei hilft,

und zwar ohne mich zu betrügen, denn ich kenne den Werth meiner

Siebensachen... Ich habe bereits einen Theil der Summe aufgenommen; damit

können wir die Kinder einrichten... Keine Umstände, keine Entgegnung:

jedes Widerstreben würde mir schmerzlich sein. Zudem die Sache gewährt

mir Erholung, der Jude leistet mir Gesellschaft dabei... wir lesen

Hebräisch... wir vergleichen die Ausgaben... und ich sage einem nach

dem andern meiner alten Bände Lebewohl... bis ich Euch endlich insgesamt

Lebewohl sagen werde, meine Freunde.

Ich zerfloß in Thränen. Henriette, ihre Mutter und selbst der Feldmesser

hörten ihn mit Erstaunen, das Herz voll Bewunderung und Liebe für den

guten Greis. Weit entfernt, einzuwilligen, widersprachen wir auch nicht,

sondern eilten Alle auf ihn zu und umringten ihn mit unsrer Liebe und den

Bezeigungen der herzlichsten Dankbarkeit.

* * * * *

Also erhielt ich die Hand Henriettens. Die Zukunft hat die Voraussagungen

meines Oheims wie die Verheißungen des Feldmessers erfüllt. Ich trat

in eine Familie, wo Einigkeit, Innigkeit, Anhänglichkeit für das

gemeinschaftliche Wohlergehen Aller herrschte; kein anderer Kreis hätte

meinen Charakter besser ausbilden können, denn ich lernte hier kennen,

von welcher Beschaffenheit die allerdings einfachen, aber wahrhaften und

zuverlässigen Güter sind, von denen uns so oft ein romanhafter Sinn, eine

Einbildungskraft entfernt, die sich allzuwillig verführen läßt.

Lucy erfuhr von mir vor ihrer Rückkehr nach England meine bevorstehende

Verbindung. Dies diente ihr zur Veranlassung, mir noch einen Auftrag zu

ertheilen, durch den meine Wirthschaft für lange Zeit flott gehalten

wurde. Der Schutz dieser jungen Dame war also für mich eben so nützlich,

als er anhaltend war. Vermöge ihrer Verbindung mit den vornehmsten

Familien ihres Landes schickte sie mir oft einige von ihren Landsleuten

zu, welche unsere schöne Gegend jährlich heranlockte, und selten war ihre

Empfehlung unfruchtbar. Der Besuch dieser Fremden verlieh mir einen Ruf,

welcher auch andere Besucher, andere Aufträge herbeiführte, und so hatte

ich nach Verlauf weniger Jahre eine Wohlhabenheit erworben, die meinen

Ehrgeiz befriedigte und die Erwartungen des Feldmessers beiweitem

übertraf. Schwiegervater, sagte ich ihm zuweilen, der Stand ist gut; aber

Ihr Sprichwort taugt nichts.

* * * * *

Man erinnert sich vielleicht, daß Lucy mir eines Tages mit Thränen in den

Augen sagte: wenn einmal Sie dasselbe Unglück, wie das meinige, betrifft,

Herr Julius, so bitte ich Sie, mich davon zu benachrichtigen. Ungefähr

zwei Jahre nach meiner Verheirathung traf dies Unglück ein und sobald ich

meinem Oheim die letzten Pflichten erwiesen hatte, schrieb ich an die Dame

folgenden Brief:

Gnädige Frau!

Eingedenk des Befehls, den Sie mir vor zwei Jahren ertheilten, zeige ich

Ihnen das Hinscheiden meines Oheims an. Es war dies ohne Zweifel ein Trost,

den mir Ihre Güte im voraus bereitete, denn wenn Sie irgend einen Werth

darein setzten, mich nach dem Tode Ihres Herrn Vaters noch einmal zu

treffen, so wissen Sie, gnädige Frau, welcher Trost es für mich ist, zu

wissen, daß ich bei Ihnen einige Theilnahme für den Schmerz und die noch

größere Leere finde, welche mein Herz fühlt.

Ich habe einen unermeßlichen Verlust erfahren; mein Oheim hatte mich

auferzogen, mich in's Leben eingeführt, mich verheirathet; vor allen aber

hatte er über mich den Fittig jener vollkommenen Güte ausgebreitet, die

ich nirgends wiederfinde. Ich habe diese heitere Seele verloren, die

über mein Leben schützend wachte; dieses liebenswürdige Gemüth, dessen

sanfte, schlichte Herzlichkeit täglich einige Stunden mich erheiterte; ich

habe alle diese Güter verloren, als ich kaum sie zu würdigen, zu erkennen

begann... Wie, gnädige Frau, begreife ich jetzt erst die Betrübniß,

worin ich Sie damals sah! Lassen Sie mich dieselbe jetzt theilen! Wie viele

von den Thränen, die ich jetzt vergieße, gehören nicht Ihrem Schmerze

und dem meinigen gemeinschaftlich an! Jedoch sind die Ihrigen fern von

Bitterkeit; ich habe selber gehört, welch glänzende Anerkennung Ihr Vater

Ihrer kindlichen Liebe zollte, während mein armer Oheim hingeschieden ist,

bevor ich ihm Gelegenheit gab, mir gleiches Lob zu ertheilen.

Wie traurig ist es doch, gnädige Frau, so ausgezeichnete Wesen zu

verlieren, das süße Band zerrissen zu sehen, das nur jenseit der Erde

neu geknüpft werden kann. Ich erstaune, ich mache mir Vorwürfe, daß

dergleichen Bedenken meine Stunden nicht eher trübten; ich erinnere mich,

daß Ihre Augen sich lange vorher netzten, durchdrungen, wie Sie waren, von

dem Gedanken eines über lang oder kurz hereinbrechenden, aber auf jeden

Fall unersetzlichen Verlustes. Und ich war so unbekümmert um die Zukunft,

ich erfreuete mich fast ohne alle Unruhe an jenen zahlreichen seltenen

Eigenschaften, die das Alter gleichsam mit verehrungswürdigem, heiligem

Zauber umkleidete.

Mein guter Oheim verschied, wie er gelebt hat, ruhig, heiter, beinahe

fröhlich. Er sah den Tod herankommen, seine Glieder umfangen, sie nach und

nach erkalten und schien gleichsam mit dem Tode zu spielen. So lange es ihm

möglich war, hat er nicht das Geringste an seinen Gewohnheiten geändert;

nur als er sich genöthigt sah, seine Arbeiten aufzugeben, behielt er uns

längere Zeit bei sich. Seine Leiden, wie danke ich dem Himmel dafür!

waren nie sehr groß, und er ertrug sie ohne Bitterkeit, wie einen

unwillkommenen Gast, den man aber nichtsdestoweniger aufnehmen und fast

mit Achtung behandeln muß. Wir saßen um sein Bett herum und hielten unsre

Thränen zurück, die ihn mehr als seine eigenen Leiden betrübt haben

würden; wir mußten sogar zuweilen bei den Einfällen, die er inmitten

seines Leidens äußerte, lachen, weil immer noch einige Züge von

Fröhlichkeit mit unterliefen. Und dennoch war es ein Schauspiel des

tiefsten Mitgefühls würdig. Es kommt einem vor, als wäre für Wesen von

solcher Güte das Leiden eine Beleidigung und das Herz empört sich gegen

ein barbarisches Uebel, welches keinen Unterschied zwischen seinen Opfern

macht.

Vergangenen Sonntag ist er in meinen Armen verschieden. Als er die

Morgenglocken läuten hörte, sagte er: dies ist wol der letzte Klang,

den ich höre, dies Mal... Diese Worte preßten unsere Thränen hervor...

Gewiß, fuhr er fort... Ihr wollt mich überreden, meine Kinder, ich hätte

noch nicht genug gelebt;... ich bin so zufrieden... Vergeßt meine alte

Margarethe nicht... Sie hat immer viel Sorge getragen um meine Bücher...

und um mich... Julius, wenn Du der lieben, guten Dame schreibst (so nannte

er Sie immer), meinen Segen, bitte, ihr und ihren Kindern... ich hoffte

ihren Vater in der Wohnung edler Seelen zu treffen... heißt das, wenn man

mir den Zutritt gestattet.

Nach einigem Schweigen hub er auf's neue an: der Tod findet mich zäher,

als er wol gedacht hat... ich werde ihm Stand halten, bis zum letzten

Augenblicke... Das Testament liegt dort links in der Schublade... Meine

gute Henriette, welche Lust war's, mit Ihnen zu leben... Ihren werthen

Eltern meinen besten Gruß... und zeigen Sie mir noch einmal das Püppchen

her... Sie wissen ja, da oben werden sie mich mit Fragen bestürmen, mein

Bruder, meine Schwägerin... Gute Botschaften, werde ich ihnen zurufen,

gute Botschaften.

Die Bibliothek meines Oheims: Eine Genfer Novelle · 第 12 / 13 段