Unglücklicherweise hing Henriette nicht von ihrer Mutter allein ab. Es war

ein auffallender, jedoch natürlicher Zug, daß jener Charakter des Stolzes

und der Unabhängigkeit, welcher bei den Mitgliedern dieser Familie

so sichtbarlich hervorsprang, sich bei jeglichem mit einer gänzlichen

Unterwürfigkeit unter den Willen des Familienhaupts, der die Seele Aller

bildete, vereinigte. Der Feldmesser, ein fester, strenger, arbeitsamer

Mann, übte, wenn er auch in seinem Wesen nicht sehr gesprächig und in

seinen Formen nicht übermäßig höflich war, auf alle die Seinigen die

mächtige, einflußreiche Gewalt des guten Beispiels, der Aufopferung,

untadelhaften Wandels. Seine Frau liebte ihn bis zur Verehrung, und seit

ein selbständigeres Urtheil Henrietten gestattete, ihren Vater mit andern

Männern zu vergleichen, gewöhnte sie sich, ihn höher als die Mehrzahl

derselben in ihrer Achtung zu stellen; so, daß ihre mehr tiefe als

zärtliche, mehr ehrerbietige als mittheilende kindliche Liebe dem Urheber

ihrer Tage einen unbedingten Gehorsam zollte. Weder ihr Herz noch ihre

Person konnten einem Andern angehören, als dem der Vater, der in ihren

Augen so würdig war, ihre Wahl zu leiten, den Vorrang ertheilte.

Ich habe seitdem Gelegenheit gehabt wahrzunehmen, und zwar oft mit jenem

Gefühle der Bewunderung, welches die Augen mit heißen Thränen füllt,

wie anziehend und ehrwürdig diese bescheidene Familie, wie wahrhaft groß

dieser geringe Mann war. Allein damals erschienen mir diese Strenge, diese

Unterwürfigkeit, diese Tugendhaftigkeit als eben soviel Hindernisse meiner

Wünsche. Was kümmerte es mich denn auch, daß die Frauen unterwürfig

waren, da ich meinerseits nicht wußte, wie ihrem Herrn und Meister

zu nahen? Was lag mir daran, daß der Feldmesser streng, entschieden,

arbeitsam war, wenn diese Eigenschaften, die er zweifelsohne in seinem

Schwiegersohne wiederfinden wollte, just mir gebrachen? Zwar konnte er

dafür die guten Eigenschaften, welche ich zum Ersatz für die seinigen

bieten konnte, mir zu gute rechnen; allein ich hegte wenig Hoffnung,

in diesem Punkte viel Glück zu erfahren. In der That, die rauhe

Unzugänglichkeit des Mannes, sein stolzes, empfindliches Auge, seine

abgemessene Rede und der Einfluß seines Charakters verursachten mir, ihm

gegenüber, eine Linkheit, welche alle meine Lichtseiten in den Schatten

stellte.

Also stand alles mir entgegen, und wie das zu gehen pflegt, jedes

Hinderniß machte meine Wünsche nur glühender; jemehr ich daran dachte,

wie schwer, ja unmöglich es sei, Henriettens Hand zu erlangen, destomehr

vereinigte sich all' mein Begehren in einen sehnlichen, in einen einzigen

Wunsch, den, diese Hand zu erlangen.

* * * * *

Dies verleitete mich nun zu einem ritterlichen, aber verzweifelten

Beginnen; nämlich: den ersten Schritt mit Gewalt zu thun, indem ich meiner

Zukünftigen das leidenschaftliche Geständniß meiner Gefühle machte.

Es handelte sich in der That auch nur darum, eine günstige Gelegenheit zu

erspähen. Ich erspähete also, und so lange und so vortrefflich, daß

eine Gelegenheit um die andere mir entschlüpfte, ohne daß ich zu einer

Erklärung gelangte.

Es war Anfangs des Morgens. Wir stiegen zuweilen allein hinauf, und ich war

mit Henrietten schon zu dem Grade der Vertraulichkeit gekommen, daß ich

nach dem Gruße mich an sie wendete, um nach ihrem Vater zu fragen und

meine Ansicht über das langweilige Regenwetter oder die schönen Tage

auszusprechen. Zehnmal wenigstens ermunterte mich meine Kühnheit, weiter

zu gehen und ein entscheidendes, zärtliches Geständniß auszusprechen;

doch stieg mir in dem entscheidenden Augenblicke das Blut in die Wangen,

die Verwirrung raubte mir die Sprache und ich verschob es auf einen

Augenblick, wo ich ohne Erröthen und ohne Verwirrung sein würde. Während

ich so auf den günstigen Augenblick wartete, mischte sich der Feldmesser

unmerklich wieder in's Spiel, und Henriette stieg nicht wieder allein zum

Dachstübchen hinauf.

Aber die Liebe ist so erfinderisch! Zur Stunde des Mittagessens ging und

kam Henriette, ohne begleitet zu sein; ich richtete mich also ein, daß ich

mit ihr zusammenging. Das Ding gelang vortrefflich. Mir fehlte nichts mehr,

als mich zu erklären, da verlegte die Familie auf einmal plötzlich ihre

Essenszeit und ich mußte Mittags wie Abends allein die Treppen auf und ab

wandeln.

Nun blieb noch ein letztes Mittel, allerdings sehr gewagt, aber unfehlbar.

Dies war nämlich, unter irgend einem Vorwande mich zu Henriette zu begeben

und daselbst meinen Gefühlen freie Sprache zu verleihen. Gar manches Mal

machte ich mich auf den Weg, allein jedes Mal blieb mir nichts übrig, als

wieder umzukehren, denn die Mutter Henriettens fing nach und nach an, ihr

bei der Arbeit Gesellschaft zu leisten.

* * * * *

Ich verdanke es den Lehren des Herrn Ratin und seinen zuchtreichen Reden,

daß ich während des ganzen Verlaufs einer Jugend, worin ich kaum etwas

anderes that als lieben, niemals an eine Frau das mindeste zärtliche

Wort richtete. Diese dumme Schüchternheit ist ein Gut, dessen Werth

ich gegenwärtig erkenne. Sie ist's, die dem Jüngling jene angeborene

Verschämtheit, welche, einmal verloren, nicht wiederkehrt, erhält und ihn

dieselbe bis in die Ehe hinein behaupten läßt; sie bewahrt sein Herz jung

und rein; sein Herz füllt sich mit tausend regen, zärtlichen Gefühlen,

deren Trieb er unterdrückt, doch nur, um den reinsten und reichsten Zoll

derjenigen darzubringen, welche die Gefährtin seines Lebens sein wird.

Allein damals dachte ich anders. Ich war unwillig über mich selber und

überlegte, wie oft bereits diese unheilbare Schüchternheit meine Zunge

gebannt hatte, wo alles mich zum Sprechen einlud, und ich begann bereits zu

glauben, daß ich vermöge dieses angeborenen linkischen und blöden

Wesens ewig Junggeselle bleiben müßte, blos weil ich meine Gefühle nicht

auszusprechen vermochte. Glücklicherweise kam der Zufall mir zu Hilfe.

Als ich so eines Morgens meinen entmuthigenden Gedanken nachhing, klopfte

es an meine Thür. Ich eilte zu öffnen: es war Lucy. Der Besuch dieser

Dame erfüllte mich mit heitrer Stimmung, denn ich wußte im Voraus, wie

schmeichelnd verbindlich ihre Rede war, und bildete mir fest ein, daß

jenseit der Scheidewand Henriette kein Wort verlor.

[Illustration]

Lucy kehrte von einem Ausfluge in die Schweiz zurück und kam, um nach

ihren Kopien zu fragen. Sie war allein, ich zeigte ihr dieselben; sie

war so freundlich, davon entzückt, bezaubert zu scheinen und mich mit

Lobeserhebungen über meine Talente zu überschütten. Auch war ich außer

mir vor Freude, als sie auf einmal abbrach und mich fragte: Sie waren

gestern nicht zu Hause?

Hatten Sie sich bemüht, bis zu meinem Zimmer zu steigen, gnädige Frau?

Gerade gestern Morgen ließ mich mein Oheim zu einem Spaziergange mit ihm

abrufen.

Dies sagte mir eben eine junge Person, die in dem Zimmer nebenan arbeitet

und bei der ich mich einige Augenblicke erholte. Können Sie mir nicht

sagen, wie sie heißt?

Bei dieser Frage erröthete ich bis über die Stirne. Lucy bemerkte es und

verbesserte sich nicht ohne einige Verlegenheit: Ich habe Ihnen da eine

dumme Frage gethan, die etwas zudringlich sein kann, entschuldigen Sie,

Herr Julius... Mein einziger Beweggrund war das Verlangen, den Namen

des jungen Mädchens zu wissen, deren Miene, Haltung und Benehmen meine

Theilnahme erweckt haben.

Sie heißt Henriette... versetzte ich, noch in größter Verwirrung. Es ist

dies ein Name, den ich nicht ohne Bewegung ausspreche, obgleich ich mir ihn

unaufhörlich wiederhole... Aufgemuntert durch die Miene, womit Lucy mich

anhörte, vorzüglich aber aufgemuntert von dem Gedanken, das große Wort

meines Geständnisses zu fördern, vielleicht sogar zu Stande bringen, fuhr

ich fort: Da ich gewagt habe, soviel zu sagen, glaube ich noch mehr sagen

zu müssen... Dies junge Mädchen, alle Tage sehe ich sie, ich arbeite

neben ihr, ich liebe sie!... und Ihre Frage hat mich so bestürzt, als

hätten Sie ein Geheimniß überrascht, welches bisher in der Tiefe meines

Herzens verborgen war!... Nun wissen Sie genug, um meine Empfindungen

zu begreifen und die Wünsche, welche sie in mir erwecken, wenn ich mich

überreden könnte, daß sie günstig aufgenommen würden...

In diesem Augenblicke wurden wir unterbrochen; es war der Gemahl Lucy's.

Wir kamen wieder auf die Kopien zu sprechen; bald darauf verließen sie

mich.

* * * * *

Nach diesen Vorgängen fühlte ich das Bedürfniß, allein zu sein.

Freudestrahlend, entzückt, erleichtert, bewunderte ich, was ich zu sagen

gewagt hatte, und so vortrefflich, so zur rechten Zeit. Und wie leicht es

ist, dachte ich.

Und was mich am meisten entzückte, war, daß Henriette, der es doch jeden

Augenblick freistand, ihren Unwillen dadurch kund zu geben, daß sie

sich entfernte, das Dachstübchen erst nach der Ankunft von Lucy's Gemahl

verlassen hatte.

Auf diesen Umstand bauete ich eine Welt von Seligkeit. Henriette hatte

meine Erklärung angehört, also gut aufgenommen; sie hatte dieselbe gern

gehört, weil ihr Herz mir gehörte. Kurz, da sie um ein Uhr nicht, wie

gewöhnlich, wieder heraufkam, so überredete ich mich alsbald, daß sie

als gehorsame, zärtliche Tochter meine Wünsche ihrer Familie vorgetragen

habe und diese sich jetzt darüber berathe.

[Illustration]

Ich empfand daher die süßesten Qualen der Erwartung, bis ich gegen drei

Uhr nach Mittag jemand die Treppe heraufkommen hörte. Die Person ging

festen Schritts auf meine Thür zu und öffnete ohne Umstände. Es war...

es war... der Feldmesser!

[Illustration]

* * * * *

Mein Gesicht mußte sich wol nicht im gehörigen Zustande der Ruhe

befinden, denn der Feldmesser sprach barsch: Mein Besuch macht Sie

erbleichen, und doch hätten Sie sich desselben wol versehen können.

In der That, mein Herr, stotterte ich, ich schmeichelte mir...

Fassen Sie sich, setzen wir uns.

Wir setzten uns. Ich pflege in allen Dingen geradeaus zu gehen, hub

der Feldmesser an; deshalb sehen Sie mich hier. Er warf einen von Stolz

funkelnden Blick auf mich: seit längerer Zeit, mein Herr, misfällt mir

Ihr Benehmen. Ich glaubte genugsam dagegen vorgebeugt zu haben... aber

heute Morgen haben Sie im Beisein einer dritten Person meine Tochter

compromittirt!... Was soll dies Benehmen bedeuten?

Werthester Herr, stammelte ich zur Antwort, Sie mögen meine Unerfahrenheit

schelten, aber verdächtigen Sie meine Absichten nicht...

Ehrliche Absichten gehen offen zu Werk. Aber Ihre Handlungsweise ist

zweideutig, zumal schon Ihre Lage, wenigstens so weit ich sie kenne, mich

keineswegs über Ihr Benehmen beruhigen kann...

Sie beleidigen mich, Herr! unterbrach ich ihn, mit lebhafter Geberde

auffahrend.

Das ist möglich, versetzte der Feldmesser mit einer Ruhe, die mich

fürchten machte; ich bin aber auch bereit, Ihnen Genugthuung zu geben.

Mag sein, daß ich Sie zu streng beurtheile. Mag sein, daß Sie bei Ihrem

schüchternen, unerfahrnen, linkischen Wesen fest und ehrenhaft in Ihren

Absichten sind. Es liegt an Ihnen, mir den Beweis zu geben, daß Ihre auf

jeden Fall unschicklichen Aeußerungen wenigstens ehrlich sind. Sie sollten

wissen, wohin sie führen können, nothwendig führen müssen, wenn sie

nicht jeder Rechtfertigung entbehren sollen!... Zeigen Sie mir also,

daß Sie wirklich im Stande sind, sich zu vermählen, so will ich Ihren

Absichten augenblicklich Gerechtigkeit wiederfahren lassen. Was verdienen

Sie, jahrein, jahraus gerechnet?

* * * * *

Diese entsetzliche Frage, welche ich bereits eine Weile über meinem Haupte

schweben sah, brach mit Blitzesgewalt auf mich herein; ich verdiente noch

nichts, ich besaß keinen Heller im Vermögen, aber daran zu denken, hatte

ich vergessen. Wenn Henriette mich liebte, wenn Henriette mit mir vereint

war, was bedurfte es da weiter?... Eine Thür durch den Verschlag brechen,

so war alles abgethan. Aber so rechnete der Feldmesser nicht.

[Illustration]

Ich verdiene, versetzte ich todtenbleich, mein Herr, ich verdiene...

allerdings weniger, als ich ohne Zweifel in der Folge verdienen werde;...

aber ich habe einen Stand...

Er unterbrach mich: drum eben, weil Sie einen Stand haben, und weil dieser

Stand Maler ist, stelle ich meine Frage. Es wird Ihnen das Sprichwort nicht

unbekannt sein. Ihr Stand bringt zuweilen Ruhm ein, aber nicht immer Brod.

Meine Tochter hat nichts. Was haben Sie? Oder besser, um auf meine Frage

zurückzukommen: wie viel verdienen Sie durchschnittlich im Jahr?

Ich verdiene...

Es gab kein anderes Mittel, ich mußte lügen oder die Frage nicht

verstehen... da klopfte es an meine Thüre.

* * * * *

Wer liebt eine plötzliche Umwandlung? Aristoteles rühmt die

Knotenschürzung und ihre plötzliche Lösung; es lebe Aristoteles! Was in

der Welt ist nicht eine gute, glückliche Lösung werth! Lucy, mein guter

Engel, meine Vorsehung!!

Ich hatte geöffnet. Ein Livreebedienter trat ein und trug zwei große

Beutel Geld. In meinem Entzücken ließ ich ihn gewähren. Er legte

dieselben auf den Tisch und öffnete den einen, Haufen blanker Thaler

fielen daraus hervor und er stapelte sie auf, damit ich sie nachsehen

konnte. Dann reichte er mir ein Papier dar: hier ist die Rechnung:

Funfzehnhundert Francs für die beiden Kopien. Milady hat mir aufgetragen,

sie sammt dem Originale mitzubringen, wenn Sie erlauben.

[Illustration]

Nun war alle Verlegenheit weg! Es ist gut, versetzte ich. Ich will Ihnen

die Kopien geben. Hiernach wendete ich mich wieder zu dem Feldmesser, der

sich erhoben und seinen Hut bereits genommen hatte: wie ich die Ehre Ihnen

zu sagen hatte, ich verdiene durchschnittlich...

Er unterbrach mich: Sie haben Ihre Geschäfte, ich die meinigen. Der Mann

hier wartet. Auf ein ander Mal. Und er verließ mich in dem Augenblicke,

da ich voll Zuversicht mit aller Beredtsamkeit eines feurigen Liebhabers

sprechen wollte, den der Himmel selbst begünstigt und beisteht... Zum

Henker die Feldmesser! rief ich, als er gegangen war.

* * * * *

[Illustration]

Um mich zu beruhigen, heftete ich meine Blicke auf die Thaler. Es war

selbst bei meiner Verstimmung ein behaglicher Anblick. Die Stapel erhoben

sich in geschlossenen Reihen und ich entdeckte eine wunderbare Schönheit

in dieser Bauart. Noch niemals hatte mein Auge so große Schätze beisammen

gesehen, und als ich an Lucy dachte, von der mir alles dies Gute kam,

konnte ich nicht umhin zu wiederholen: edle Lucy, mein guter Engel!

In Ermangelung eines Geldschranks verbarg ich bis dahin, daß sich ein

Plätzchen zum Anlegen meines Reichthums gefunden hätte, die ganze Summe

in den Ofen und verließ mein Zimmer, um allein, in freier Natur die Freude

zu genießen, welche nach Augenblicken so großer Beängstigung in mein

Herz gekommen war. Uebrigens waren meine Angelegenheiten seit dem Morgen

tüchtig vorgeschritten, und ich fühlte das Bedürfniß, sobald

als möglich hinlängliche Ruhe zu gewinnen, um über die Schritte

nachzudenken, welche mir zu thun übrig blieben.

Das Erste war, meinem Oheim, welcher noch von nichts wußte, alles zu

offenbaren. Daß ich ihm bisher meine Pläne verborgen hielt, daran war die

feste Ueberzeugung schuld, daß er sich von keinem andern Gedanken leiten

lassen würde, als dem, mich glücklich zu machen, und daß er meine

Verheirathung durch neue Opfer von seiner Seite erleichtern würde. Gerade

diese Gewißheit, in Verbindung mit meiner Kenntniß seiner beschränkten

Mittel und mancher Aufopferungen, die er sich in jüngster Zeit meiner

kleinen Künstlerausstattung wegen auferlegt hatte, machte es mir zur

heiligen Pflicht, seinen allzubereitwilligen Edelmuth nicht ferner auf die

Probe zu stellen. Alle diese Gedanken aber verscheuchte der Reichthum, den

ich der Freigebigkeit Lucy's verdankte, so daß ich ihn nur noch von dem

Vorgefallenen zu unterrichten und ihn zu bitten hatte, er möge seiner

Güte die Krone aufsetzen und nächsten Tags hingehen und um Henriettens

Hand für seinen Neffen anhalten. Es unterlag keinem Zweifel, daß, wenn

er mir diese Gunst erzeigte, die Würde seines Alters, das Gewicht seiner

Zustimmung und die einnehmende Herzlichkeit seines Wesens den Erfolg eines

Schrittes sicherten, von dem die Ruhe meines Lebens abhing. Ich beschloß

noch denselben Abend mit ihm zu reden.

* * * * *

Spät kam ich wieder, und es war zur Stunde des Nachtessens: Zu Tisch! zu

Tisch, lieber Oheim!... ich bringe wichtige Neuigkeiten!

Ich weiß, ich weiß, mein Kind. Die Alte unterrichtete mich von allem...

Es ist von Thalern die Rede... ein großer Sack... der Pactolus hat sich

ganz und gar über meinen armen Julius ausgeströmt...

Der Pactolus in leibhaftiger Person, lieber Oheim. Er ist in meinem Ofen

eingesperrt... doch setzen wir uns zuvörderst zu Tisch, denn ich habe noch

ganz andere Dinge mitzutheilen!

Ich bemerkte, daß mein Oheim, statt die letzten Worte heiter aufzufassen

und, wie es seine Gewohnheit war an meiner Freude Theil zu nehmen, sich mit

nachdenklicher Miene, wie wenn ihm etwas im Kopfe herumginge, dem Tische

näherte und einen Blick seitwärts auf die Alte warf, deren Anwesenheit

ihm sichtbarlich unbequem war, ohne daß er es über sich gewinnen konnte,

sie fortzuschicken. Ich gab Margarethen ein Zeichen und sie zog sich

zurück.

Als wir an unserm gewohnten Platze saßen, hub mein Oheim an: Ich habe Dir

auch etwas mitzutheilen. Und er hustete, wie es ihm wol geschah, wenn er

sich sehr anstrengte, um einen peinlichen Vorwurf auszusprechen.

[Illustration]

Du weißt... Er hielt inne und hub anders an: diese gute Dame ist wirklich

großmüthig, edel in ihrem Verfahren!... Es ist eine Ehre, die Gunst einer

Person von so würdigem Herzen zu genießen... eine Ehre, mein Kind, die

verdient sein will... Du bist nun auf einmal auf dem besten Wege... Nun

aber Ordnung, gute Aufführung, Arbeit, und alles geht gut.... Aber, fuhr

er mit festerm Tone fort, ehrenhaft für und für!... Schaden wollen,

nimmerdar! Hüte Dich, ein junges Mädchen ist etwas Heiliges!... nur für

den Bösewicht nicht.

Ich verstehe Sie nicht, bester Oheim! rief ich in großer Aufregung aus.

Das junge Mädchen... da oben...

Und was ist's mit der?...

Du liebst sie?...

Aus Herzensgrund!

Das ist's eben, Julius, das taugt nicht!

* * * * *

Diese Worte sprach mein Oheim mit feierlichem Ernste; ich fühlte mich --

ich muß es gestehen -- versucht zu lachen, denn ich nahm an, daß

seine Bekümmerniß um meine Ehrenhaftigkeit von irgend einem

Dienstbotengeklatsche herrührte, welches die Alte ihm vertrauen zu müssen

geglaubt hatte. Dieses Mal, entgegnete ich, weiß ich wirklich nicht, was

Sie meinen. Das junge Mädchen -- ich liebe sie wirklich, und ich wollte

Sie bitten, morgen zu den Eltern derselben zu gehen, um im Namen Ihres

Neffen um ihre Hand anzuhalten. Wo ist da etwas Böses, liebster Oheim?

[Illustration]

Du!... rief mein Oheim erstaunt; wie sagtest Du? Du willst Dich

verheirathen?... Und bist Schuld daran, sagte er in heftiger Bewegung

aufstehend, daß ich ihrem Vater gerade das Gegentheil versichert habe!...

O weh! rief ich aus. Wie unglückselig! Bester Oheim, was haben Sie

gemacht!

Aber, ich that... was die Rechtlichkeit verlangte... Höre... so höre

doch. Eben, vor einer Stunde, kommt dieser Teufelskerl auf einmal zu mir

gerannt, sagt, Du machtest seiner Tochter den Hof... sagt, Du habest seine

Tochter compromittirt... fragt, was seine Tochter thun solle und ob Du an

Ehe dächtest?... Da hab' ich ihm versetzt, im Gegentheil, Du habest Dir

selber gelobt...

Ich bin verloren! unterbrach ich ihn und überließ mich allen Ausbrüchen

der Verzweiflung.

* * * * *

Kaum hatte mein Oheim Tom vernommen, daß meine Absichten lauter und meine

Ehre unangetastet war, da unterdrückte das heftige Bedauern, wider seinen

Willen meine Hoffnungen gefährdet zu haben, bei ihm fast jenes kluge

Bedenken, welches den Greisen eigen ist, und er dachte augenblicklich

weit mehr daran, wie er meinen Kummer schnell abhelfen solle, als die

Rathsamkeit oder Rücksichten der Heirath zu erwägen, von der ich ihm eben

zum ersten Male gesprochen hatte.

Indeß ich mich trostlos meinem Schmerze überließ, ging er im Zimmer auf

und ab und sprach vor sich hin: Ja, ja!... was ist da zu machen... Lieber

Himmel! wenn ich das hätte ahnen können... dergleichen Schwüre... man

macht sie in Deinem Alter... das mag hingehen... Man besinnt sich anders,

auch gut... der Fehler steckt darin, daß man in meinem Alter alle solche

Verwicklungen vergessen hat... Dann trat er näher an mich heran: Muth

gefaßt! mein armer Julius!... Muth gefaßt!... Ich gehe morgen... ich

erkläre alles, ich thue ihnen zu wissen...

Morgen! sagte ich erschrocken. Heute Abend!... Abend noch, lieber Oheim! in

diesem Augenblicke! Sie finden sie Alle beisammen. Morgens da geht er aus.

Aber... meine Güte! diesen Abend... Und dann ist das junge Mädchen dabei!

Was thut das! sie lassen sie hinausgehen, wenn es nothwendig ist. Diesen

Abend, ich beschwöre Sie, bester Oheim!

Nun! so sei es drum! ich gehe heute Abend!... Freilich schon zehn Uhr. Rufe

die Alte, daß ich mich ein wenig ankleide.

[Illustration]

Ich benutzte diese Augenblicke, um meinen Oheim von allem Vorgefallenen

zu unterrichten. Bald hatte er die Pantoffeln abgelegt und gegen

Schnallenschuhe vertauscht; ich rückte ihm die Perrücke zurecht, nachdem

ich dieselbe sorgsam gepudert hatte; Margarethe und ich halfen ihm den

schönen kastanienbraunen Rock auf die Schultern, dann gab ich ihm den

Rohrstock in die Hand, alles indem ich ihn unterrichtete, was vorgegangen

war und was er zu sagen und was zu antworten habe. Schon gut! schon gut!

sagte mein Oheim, den mein Geschwätz ganz betäubte. Und er ging.

* * * * *

Ich unterrichtete jetzt die alte Margarethe von Allem. Mit Thränen in den

Augen hörte sie mich an und in den Augenblicken lebhafter Spannung war sie

ganz Seele mit mir und theilte meine Angst und meine Wünsche, als wären

es ihre eigenen. Jeden Augenblick öffneten wir die Thüre, um auf der

Treppe nach der Rückkehr des Oheims zu lauschen, oder wir gingen in die

Bibliothek und suchten etwas von dem, was über uns vorging, zu erhaschen.

[Illustration]

Nach Verlauf einer Viertelstunde öffnete sich die Thüre des Feldmessers;

ich erkannte den Gang meines Oheims.

So bald! rief ich aus. So bin ich ausgeschlagen, Margarethe.

Müssen bis morgen warten! sagte mein Oheim hereintretend; sie sind nicht

zu Hause.

Diese Antwort verursachte mir eine lebhafte Bekümmerniß.

Sie haben also auf sie gewartet?...

Ja, ich wartete... aber sie kommen erst gegen Mitternacht heim, hat mir die

Tochter gesagt.

Sie haben sie also gesehen?...

Ja! meiner Treu! ein reizendes Wesen, oder ich verstehe nichts davon.

Ich konnte meine Freude nicht fassen: doch was hat sie Ihnen gesagt, lieber

Oheim? Alles, ich bitte Sie, erzählen Sie mir alles.

Laß mich erst den Rock ablegen... und mich setzen... Ein reizendes, braves

Mädchen!... Meine Pantoffeln, Margarethe!...

Was hat sie denn gesagt, bester Oheim?

Sie hat mir gesagt... Da, stell' den Stock 'mal hin... daß sie bei einem

Freunde zur Taufe gegangen sind...

Aber sonst, aber sonst? Sie sind doch neunzehn Minuten bei ihr geblieben?

Ja, ja, nur Geduld... es fällt mir schon bei. Zuerst also, sie machte mir

die Thüre auf... Wenn ich ein Gespenst gewesen wäre, so hätte sie keinen

größern Schrecken haben können, als da sie mein Gesicht erblickte...

(Er fing an zu lachen und ahmte Henriettens Geberde nach.) -- Fürchten Sie

sich nicht, schönes Kind, sagte ich und nahm ihre Hand... Lassen Sie uns

hineintreten.... Da bedeckten sich ihre Wangen mit dunkler Röthe, sie ging

voraus, ohne meine Hand loszulassen, weil sie mich in dem Gange führen

wollte, siehst Du, wie man's einem Greis thut... Ein artiges gesittetes

Kind...

Das Sie liebt, das Sie schätzt, wie alle Welt, bester Oheim.

Ja wohl! sagte Margarethe leise im Dunkel des Vorzimmers.

... So kamen wir in das Wohnzimmer, wo sie beim Nähen saß und über

eine Schwester und zwei kleine Brüder wachte, welche zu ihrer Seite

schliefen... Bei unserm Eintreten wachte der Eine davon auf: -- Sehen Sie

danach, sagte ich da zu ihr, und wenn Sie fertig sind, so gehen Sie und

rufen Sie Ihre Eltern: ich habe mit ihnen zu sprechen.

Sie sind nicht zu Hause, mein Herr, entgegnete sie und wiegte das Kind. Ich

sage Dir Alles, wie Du siehst... oder soll ich mich kürzer fassen?

O nein, nein! Oheim!... Spotten Sie meiner nicht.

Die Bibliothek meines Oheims: Eine Genfer Novelle · 第 11 / 13 段