Unterdessen wurde sein Blick matter, sein Athem kürzer und aus mehren

Anzeichen konnte man das Nahen des Todes erkennen. Seine Rede war jedoch

noch deutlich, sein Verstand ungetrübt und die milde Wärme seines Herzens

erlosch nicht eher als mit seinem Leben. Gegen Mittag rief er mich: Sieh

doch, ob Herr Bernier (so heißt unser Pfarrer) kommen kann, ich glaube,

es wird Zeit... (Ich schickte zu dem Pfarrer.) Ich habe ein langes Leben

gehabt... und habe einen glückseligen Tod... Ich bin unter Euch... Wo ist

Deine Hand, mein armer Julius... Einige Augenblicke später meldete ich ihm

die Ankunft des Pfarrers.

Willkommen, mein lieber Herr Bernier... Ich bin bereit, erfüllen Sie Ihren

Beruf... Ich habe den Hippokrates verkauft... Es thut sich jetzt der

Jude mit ihm gut... aber, wenn ich meinen alten Körper dem Knochenmann

überlasse, so thue ich dies doch nicht mit meiner Seele... Ich empfehle

sie Ihrer Fürbitte, mein lieber Herr Bernier. Geschwind, geschwind, sie

möchte enteilen, der Faden hält nur noch schwach.

Der Pfarrer sprach ein salbungsvolles, rührendes Gebet. Amen! wiederholte

mein Oheim... leben Sie wohl, theurer Herr, auf Wiedersehen... Ich empfehle

Ihnen hier diese Kinder. Der Pfarrer, auch bereits ein bejahrter

Mann, drückte ihm mit jener ruhigen Wärme die Hand, welche nur die

Ueberzeugung, daß man sich bald anderswo wiedertrifft, verleiht, und

entfernte sich alsdann. Mein Onkel fiel hierauf in Schlummer. Nach

einer Stunde etwa fuhr er auf und rief mit schwacher Stimme: Julius!...

Henriette! (er hielt unsere Hände gefaßt)... dies waren seine letzten

Worte, gleich darauf hörte sein Odem auf.

Dies ist die einfache Erzählung der letzten Augenblicke eines

unbeachteten, der Welt fremden Mannes, der selbst seinen eigenen Nachbarn

unbekannt blieb, den ich aber nicht anders als unter die besten Sterblichen

zählen kann. Sein langes Leben scheint mir dem Laufe eines Bächleins

vergleichbar, das unbekannt, aber segenspendend rinnt, die bescheidenen

Ufer wässert, welche es bespült, und in dem sich die milde Heiterkeit

eines lachenden, wolkenlosen Himmels spiegelt. Der einzige Zeuge, jedoch

nicht der einzige Gegenstand dieser alle Tage, alle Augenblicke sich

erneuenden Güte, scheint mir mein Herz nicht auszureichen, um sein

Gedächtniß würdig zu feiern, genugsam zu begehen. Das Bedürfniß, darin

noch einen Genossen, wenigstens einigermaßen, zu haben, drängte mich,

Sie von diesen Dingen zu unterhalten. Erlauben Sie mir, gnädige Frau, ein

offenes Geständniß. Sie waren von großem Einflusse auf mein Geschick.

Ihr Anblick, Ihre Traurigkeit ergriff mich gleich beim ersten Male; Ihre

Güte hat meine Laufbahn geebnet, wenn ich nicht sagen soll geschaffen; ich

liebe Sie aus diesen Gründen allen so sehr, als ich Sie achte; allein, was

mich noch mit einem süßern, tiefern Gefühle durchdringt, dies ist der

gemeinschaftliche Punkt, worin unser beider Leben sich gleicht, diese

beiden vortrefflichen, uns beiden so lieben, als nothwendigen Menschen,

die wir beide beweinen und deren Andenken, o lassen Sie es mich hoffen,

gleichsam ein Band bilden wird zwischen Ihnen, gnädige Frau, und Dem, der

sich glücklich schätzt, sich zu nennen Ihren achtungsvollen und dankbaren

Diener

Julius.

Druck von F. A. _Brockhaus_ in _Leipzig_.

[ Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription

werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in =Antiqua-Schrift=

hervorgehoben.

Eine auf den Halbtitel folgende ganzseitige Illustration wurde hinter die

Titelseite verschoben, und der Halbtitel entfernt.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden

Ausnahmen,

Seite 22:

"närrrische" geändert in "närrische"

(faßte mich meine närrische Lachlust)

Seite 26:

"«" verschoben von "ist«" nach "Maikäfer!«"

(je gemacht hat, sagt Buffon, ist.... sicherlich der Maikäfer!«)

Seite 79:

"gekomnen" geändert in "gekommen"

(Die Nacht war gekommen. Traurig riß ich mich von dem Bilde los)

Seite 94:

"," geändert in "."

(belebte meinen Muth. Die Ruhe kehrte)

Seite 111:

"ausgesteckt" geändert in "ausgestreckt"

(ihre Opfer auf zwei langen Reihen von Betten ausgestreckt haben)

Seite 237:

"In nit en" geändert in "Inmitten"

(Inmitten ihres thätigen, bedrängten Lebens)

Seite 248:

"mch" geändert in "mich"

(Dies verleitete mich nun zu einem ritterlichen)]

End of Project Gutenberg's Die Bibliothek meines Oheims, by Rudolf Töpffer

Die Bibliothek meines Oheims: Eine Genfer Novelle · 第 13 / 13 段