Meine Antwort machte großen Eindruck auf sie; erst nach einigem Schweigen

versetzte sie: Ich bin gekommen, um mit dem Maler zu sprechen, der das

Bild meines Vaters gefertigt hat... Glauben Sie, Herr Julius, daß ich ihn

allein treffen kann?

Ohne Zweifel, gnädige Frau, ertheilen Sie mir Ihre Befehle, ich werde sie

meinem Kunstgenossen überbringen.

Sie unterbrach mich.

O! so haben Sie Ihrer Neigung folgen können!... Schön, ich nehme Ihr

Anerbieten an; ich werde die Zeit bestimmen. Allein zuvor möchten wir,

mein Gemahl und ich, gern etwas von Ihren Leistungen sehen. Wohnen Sie hier

im Hause?

Ja, gnädige Frau.... Obgleich es mich etwas in Verlegenheit setzt, daß

ich Ihnen nichts, als einige schlechte Versuche zu zeigen vermag, so

schlage ich doch aus Eigenliebe die Ehre, die Sie mir erweisen wollen,

nicht aus.

Wir sprachen noch einige Worte. Ich trat zurück und der Wagen entfernte

sich.

[Illustration]

* * * * *

Diese unerwartete Begegnung gab alten süßen Regungen das Leben wieder und

riß mich aus einem Zustande der Erschlaffung, worin ich mich seit einigen

Monaten befand.

Doch darf ich's sagen? Wenn schon ich stets meine Jüdin geliebt und

ihr Gedächtniß bewahrt hatte, so verlor doch nichts desto weniger mein

Schmerz von diesem Tage an seine Bitterkeit, meine Seele wurde gleichsam

von der Vergangenheit losgebunden und begann eine freie Erhebung nach

der Zukunft, süß beladen mit einer Erinnerung, die ihr nicht mehr so

schmerzlich war, ohne daß sie aufhörte, theuer und lieb zu sein.

Gleichwol war diese Begegnung nicht frei von jeglicher Wolke gewesen.

Obgleich ich Lucy vergessen hatte, obgleich ich niemals, selbst nicht in

den überschwänglichsten Träumen, im entferntesten den Gedanken hegen

konnte, ihr etwas zu sein, so war mir doch vom ersten Augenblicke an der

Anblick jenes neben ihr sitzenden Herrn beklemmend gewesen, und als ich

aus Lucy's Munde vernahm, daß sie vermählt war, zuckte Verwirrung und

Eifersucht durch mein Herz.

* * * * *

Doch war das ein Uebergang; noch ehe ich den Wagen verließ, hatte mein

Herz sich mit dem Herrn ausgesöhnt und ich sah in Lucy nichts mehr als

seine liebenswürdige Gemahlin, die er mir gestattete lieb zu haben.

Die nächsten Tage lebte ich in dieser Erinnerung und der Hoffnung, Lucy

bald wiederzusehen; ich hatte einige Kopien verfertigt, unter anderen eine

von der Madonna, zwei oder drei Portraits, so wie einige Compositionen,

alles meistentheils mehr als mittelmäßig ausgeführt, jedoch nicht ohne

gewisse Anzeichen von Talent. Nun, man kann denken, wie das Knötchen mir

beistand, mit der größten Sorgfalt die Bilder in's vortheilhafteste Licht

zu stellen, und alles war zum Empfange Lucy's bereitet, als sie in der That

erschien. Ihr Gemahl begleitete sie.

Noch heute kann ich an diese junge Dame nicht denken, ohne daß mir bei

der Erinnerung das Herz schwillt. Daß ich diese so wahre Güte, deren Reiz

durch ihren Stand, ihren Schmuck, ihren Reichthum noch erhöht wurde,

nicht schön genug malen kann; diese Einfachheit der Gefühle, welche

die Manieren und Vorurtheile der großen Welt weder zu verfälschen noch

zurückzudrängen vermochten! Obgleich ein schwermüthiger Zug ihr eigen

war, so durchdrang doch der Hauch eines wohlwollenden Lächelns jedes ihrer

Worte, und schon der freundliche Ausdruck ihres Blicks verlieh selbst ihrem

Schweigen einen unwiderstehlichen Zauber. Kaum war sie in mein bescheidenes

Dachstübchen eingetreten, so waren ihre ersten Worte ermuthigende

Glückwünsche. Sie betrachtete meine Werke mit besonderer Theilnahme

und in allem, was sie ihrem Gemahl auf Englisch sagte, athmete ein

entzückendes Wohlwollen. Nur einen Augenblick redeten Beide flüsternd

zu einander; allein mit einem Tone und einem Ausdruck, der nur zu geeignet

war, mich in jene süße Verlegenheit zu setzen, welche die Begleiterin

einer freudigen Erwartung ist.

Während ich alle meine Bilder auf Lucy's Ansuchen hervorholte, um sie

ihren Blicken vorzuführen, vernahm ich den Schritt meines Oheims auf dem

Vorsaal. Ich lief hin, um die Thür zu öffnen.

[Illustration]

Lucy mußte etwas ahnen; sie stand auf. Beim Anblick meines alten Oheims

ging sie ihm entgegen; dann dachte sie an sich selbst und konnte ihre

Bewegung nicht verbergen. Mein Oheim, heiter wie immer und seiner alten,

höflichen Sitte getreu, erfaßte die Hand der jungen Dame, neigte sich und

brachte dieselbe an die Lippen. Erlauben Sie, schöne Dame, sprach er,

daß ich Ihnen den Besuch erwidern darf, womit Sie mich vor fünf Jahren

beehrten, als Sie den Taugenichts da mir zurückbrachten... Ich weiß, fuhr

er fort, als er Lucy's Thränen rinnen sah, ich weiß, Sie sind betrübt...

jener edle Greis war Ihr Vater! ich weiß auch, daß dieser Herr Ihr Gemahl

ist... und würdig ist, es zu sein, da Er ihn für Sie erwählt hat.

Der Herr ergriff in diesem Augenblicke die Hand meines Oheims und lud ihn

ein, sich auf einen Stuhl zu setzen, den er selber herangerückt hatte,

während ich in gespanntester Aufmerksamkeit auf diese Scene hinschauete.

Verzeihen Sie meine Bewegung, sagte jetzt Lucy... als ich Sie zu Lausanne

sah, Sie und meinen Vater, beide beinahe in gleichem Alter, in einem Zimmer

bei einander, beide für das Glück zweier Personen so nothwendig... damals

empfand ich Ahnungen, welche Ihre Gegenwart mir in diesem Augenblicke

allzulebendig zurückruft... Ich danke Gott dafür, daß er Sie erhalten

hat. Wenn mir nicht der Zufall Herrn Julius in den Weg führte, so war

meine Absicht, Genf nicht zu verlassen, ohne Erkundigungen über Sie

einzuziehen... Aber es freut mich ungemein dem Anscheine nach Sie so

wohlauf zu sehen, und ich empfinde eben so viel Dank als Verlegenheit

darüber, daß Sie sich so hoch heraufbemüheten, mir dieses Vergnügen zu

bereiten.

Beste Dame, versetzte mein Oheim, Sie sind ein liebenswürdiges Wesen! und

es ist eine Lust, Sie anzuhören... Zu Lausanne stieg er auch hoch, Ihr

Vater... und er wurde dafür nicht mit einem solchen Empfange gelohnt, wie

man ihn nicht ohne Ihre Stimme, ohne Ihr Wesen, ohne Ihr Herz gewähren

kann.... Theuerste Dame, seien Sie glücklich... Bald, ja bald steige ich

noch höher!... wenn mein armer Julius dort nichts dagegen hat.

Ach, nimmermehr, bester Oheim, rief ich aus und war tief ergriffen von der

eben so traurigen, als schlagenden Aehnlichkeit, welche meine gegenwärtige

Lage mit derjenigen hatte, worin sich damals Lucy befand. Und in den Mienen

der jungen Dame las ich, daß ihr Gedanke in diesem Augenblicke mit dem

meinigen zusammentraf.

Doch, ich will Sie nicht stören, bemerkte mein Oheim nach einigen

Wechselworten. Sie besehen die Versuche meines armen Julius... ich will

Sie allein lassen... Ich bitte Sie, sagen Sie dem Herrn, daß ich heute

bedauere, nicht lieber Englisch zu verstehen als Hebräisch, da würde ich

das Vergnügen haben, ihn unterhalten zu können.

Dann faßte er die Hand Lucy's und sprach: Leben Sie wohl, mein Kind...

seien Sie glücklich... Es ist ein Recht, das dem Greise zusteht, daß er

eine so junge Dame mit seinen Segenswünschen begleite... Also thue ich...

Leben Sie wohl, werthester Herr, Sie sind mit einander verbunden, ich werde

Sie auch in meiner Erinnerung nicht von einander scheiden. Nach diesen

Worten verbeugte sich mein Oheim Tom abermals, küßte Lucy's Hand und zog

sich zurück. Wir begleiteten ihn alle drei, sämmtlich von dem lebhaften

Gefühle der Ehrfurcht und Zuneigung erfüllt, welches in Verbindung mit

einem schwermüthigen Gedanken das liebenswürdige Greisenalter einflößt.

Als mein Oheim sich entfernt hatte, setzten wir uns. Lucy sprach von ihm,

sie wollte in seinen Zügen Aehnlichkeit mit ihrem Vater finden, besonders

in dieser heitern Freudigkeit, in dieser so wahren Höflichkeit unter etwas

alten oder vertraulichen Formen. Und oft nach diesen Bemerkungen hielt sie

inne, als würde sie von dem Gedanken an den Verlust, den eine nahe Zukunft

mir drohete, trübe gestimmt. Hierauf ging sie zu einem andern Gegenstande

über: Herr Julius, sagte sie und eine leichte Röthe überflog dabei ihre

Wangen, wir haben das Ihnen bekannte Portrait meines Vaters mitgebracht,

unser Wunsch wäre, zwei Kopien davon zu besitzen. Ich hoffe, Sie werden

mir die Gefälligkeit erweisen, diese Arbeit über sich zu nehmen. Ihr

Talent ist uns Bürge, daß Sie unseren Erwartungen entsprechen werden,

wenn schon das Andenken, welches Sie meinem vielgeliebten Vater bewahrt

haben, ein Grund ist, der mich weit mehr bestimmt.

* * * * *

Man denke sich meine Freude; ich mußte dieselbe zurückhalten; allein Lucy

und ihr Gemahl konnten durch meine Verwirrung und Verlegenheit hindurch

die ganze Lebhaftigkeit derselben ermessen. Dieselbe wurde durch die

Zuversicht, welche ich hegte, daß eine solche Arbeit meine Kräfte nicht

überstieg, noch vermehrt. Denselben Tag noch holte ich das Portrait ab

und ging an's Werk, ich sah mich diesmal ganz entschieden in die Bahn der

schönen Künste hineingeworfen.

Unter andern Umständen hätte dies Portrait mir einige Traurigkeit

einflößen können, denn es lenkte meine Einbildung lebhaft auf die

Vergangenheit zurück, wo ich jene beiden Wesen, die einander so theuer

waren und die jetzt der Tod schied, im vollen Leben erblickte; die

Jungfrau, geschmückt mit dem lachenden Glanze der Pracht und Jugend,

welche ihre Thränen noch nicht getrübt hatten, und Lucy jetzt in Trauer

und Klagegewänder gehüllt... Allein ich war zu sehr von der Freude und

Dankbarkeit erfüllt, als daß der Eindruck dieses Gegensatzes in mir

hätte vorherrschend bleiben können.

Welch' herrliche Beschäftigung! Mein Stift hatte dies theure Gesicht

nachzuzeichnen, er hatte die Umrisse ihrer Gestalt, die weiche Anmuth ihrer

Haltung wiederzugeben; oft blieb ich bezaubert vor meinem Modell stehen und

war für einige Augenblicke zu aufgeregt, um fortarbeiten zu können.

[Illustration]

* * * * *

Ein vortreffliches Weib! sagte mein Oheim, als er diese großen Ereignisse

von mir erfuhr; ich bedaure, nicht lieber Englisch statt Hebräisch zu

verstehen,... nun bist Du recht zufrieden, mein armer Julius!... nun sei

es. Aber daß die Arbeit Dir Ehre mache! setzte er hinzu, daß man

die Gesetze des Lichts und Schattens beobachtet sehe, und die beiden

Perspectiven, sowol die Linear- als Luftperspective... und dann,

das Kunstgefühl... und... Vortreffliche Frau! In Wahrheit eben so

liebenswürdig als schön!...

[Illustration]

* * * * *

Die Kalesche Lucy's hatte während ihres letzten Besuchs auf der Seite

des Hauses gehalten, die dem Hospital gegenüberliegt, während die

Wagen, welche die Modelle zu meinem Kunstgenossen brachten, stets an der

Kirchenseite angehalten hatten.

Dieser Umstand erregte die Aufmerksamkeit der Miethsleute. Als diese

endlich nach tausenderlei Muthmaßungen, in denen sie am allerwenigsten auf

mich gerathen hatten, bemerkten, daß die Kalesche mit den Wappenschildern

meinetwegen da anhielt, stieg der Ruf meines Ruhmes, eines funkelnagelneuen

und deshalb um so glänzenderen Ruhmes von Stock zu Stock, und der alte

Schulmeister that sich etwas darauf zu gute, daß er in Bezug auf seine

Vorhersagungen sprach:

-- =Non ego perfidum

Dixi sacramentum.=

Was für eine schlechte Redensart führst Du da? unterbrach ihn seine Frau.

-- =Odi profanum vulgus

Et arceo.=

Acht auf Deine Töpfe!

[Illustration]

Ich dächte, daß funfzig Jahre Schulmeisterei Dir diese verwünschte Sucht

lateinischer Floskeln, die Dich unerträglich machen, verleidet hätten.

Kannst Du diese Dummheiten nicht sein lassen und wie alle Welt Französisch

sprechen?

Du weichst sehr von Horaz ab, meine Liebe, denn der sagt:

=Nocturna versate manu, versate diurna;=

und wenn ich Dich Nachts damit verschone, kannst Du mich wol Tags über

anhören.

Horaz und alle diese Leute sind große Dummköpfe, wenn sie Dir so etwas

eingebildet haben. Nachts schnarchst Du, daß ich nicht schlafen kann, und

am Tage machst Du mich taub mit Deinem Kauderwelsch.

Du schimpfst da auf Schönheiten, die Du nicht verstehst. Nimm doch

Vernunft an, liebe Frau; wenn ich Deine Gerichte esse und sie gut finde,

kannst Du doch auch meine Verse loben und ihren Duft empfinden...

=Vellem in amicitia sic erraremus.=

Meine Gerichte sind gut, aber Dein Gebräu abscheulich!

-- =Melius nil caelibe vita!=

Und ich bleibe dabei, was ich von dem jungen Manne sagte:

-- =Non ego perfidum

Dixi sacramentum.=

* * * * *

[Illustration]

Andrerseits hatte der Baßspieler und seine ganze Sippschaft (ich habe

schon anderswo einmal bemerklich gemacht, daß Studenten ihr Leben am

Fenster verbringen) nicht ermangelt, die glänzende Kalesche zu bemerken.

Wenigstens funfzehn Köpfe zeigten sich auf einmal an den Fenstern, die auf

die Straße gingen, sahen neugierig die Diener herabspringen, den Schlag

öffnen und die junge Dame, auf den Arm ihres Gemahls gestützt, in die

Hausflur treten. Sogleich begannen die Muthmaßungen: Zu wem geht

sie?... -- Wär's vielleicht, dachte der Musiker, ein Dilettant, den die

Vorsehung... und alle Köpfe hatten sich an die Fenster, Dachluken und

Gucklöcher begeben, welche auf den Hof gingen...

Lucy stieg die Treppe hinauf, Lucy durchschritt den letzten Stock; sicher

geht die schöne Dame zu dem jungen Maler!! und mein Ruhm stieg bis zu den

Sternen.

Nur der Feldmesser und seine Familie hatten für diese großen Ereignisse

keine Acht. Der Herr vom Hause befand sich auf den Feldern und maß seine

Winkel, die Mutter befaßte sich mit den Haushaltssorgen, während die

älteste Tochter, seitwärts von mir in dem Zimmer, an den Blättern ihres

Vaters arbeitete. Inmitten ihres thätigen, bedrängten Lebens gab es wenig

Zeit auf die Angelegenheiten der Straße zu passen oder auf den Verkehr der

Nachbarn.

* * * * *

Indessen schritt meine Arbeit vorwärts. Mit der Morgendämmerung stand ich

auf und stieg in meine Werkstatt, um daselbst mit Eifer bis zur Tagesneige

zu arbeiten. Diesen anhaltenden Beschäftigungen verdanke ich's, daß ich

auch in etwas die Bekanntschaft des Feldmessers machte. Auch er verließ

mit der Morgenröthe nebst seiner Tochter seine Wohnung; wir stiegen

zusammen die Treppe hinauf, und während er in sein Arbeitszimmer trat, um

dem jungen Mädchen Arbeiten für den Tag anzuweisen, ging ich meinerseits

in meine Werkstatt, um mich einzurichten. Die Nachbarschaft und diese

Gleichförmigkeit der Gewohnheiten brachten uns allmälig etwas näher, so

daß, trotz des Werthes, den der Mann auf die Benutzung seiner Zeit legte,

es bereits dahin gekommen war, daß er eine oder zwei Minuten zum Plaudern

auf der Thürschwelle verwendete, wenn der Gegenstand, den wir beim

Hinaufsteigen besprochen hatten, durchaus noch ein Paar kurze Worte

mehr heischte. Während wir hinaufstiegen, ging seine Tochter, mit dem

Schlüssel des Arbeitszimmers in der Hand, vor uns her. Sie war von

anziehendem Wuchs und einem mehr edeln als hübschen Gesichte. Immer in

bloßem Kopfe und äußerst einfach angezogen, waren ihre schönen an

der Stirne anliegenden Haare bei ihrer Jugend und Frische ihr schönster

Schmuck.

[Illustration]

Der Einfluß einer strengen Erziehung gibt sich bei denen, welche so

glücklich waren, eine solche zu genießen, in jedem Alter kund. Obgleich

unterwürfig und schüchtern, trug das junge Mädchen doch auf ihrer Stirn

den Ausdruck jenes etwas rauhen Stolzes, welcher sich weit kräftiger in

dem Gesichte ihres Vaters aussprach. Unbekannt mit den Sitten der Welt,

hatte sie ihre eigenen, edeln, zurückhaltenden, so, daß sie, einfach, wie

ihr Stand, durchaus nicht den gemeinen, gewöhnlichen Ausdruck zeigte.

Aber es war doch eine höchst eigenthümliche und anziehende Sache, dieses

junge Mädchen in dem Alter der Lust so fleißig zu sehen, ohne Rast und

fast ohne Erholung sich Arbeiten widmend, die gewöhnlich ihrem Geschlechte

fremd sind, und so jung wie sie war, gemeinschaftlich mit dem Vater für

den Unterhalt der Familie sorgend.

* * * * *

Ich verfehlte nicht, mich Morgens regelmäßig einzustellen, damit ich

nicht nöthig hätte, allein in meine Werkstatt steigen zu müssen. Nur

geschah es einige Mal, daß der Feldmesser Tags zuvor die Arbeit angewiesen

hatte und Henriette allein hinaufstieg. Das waren unglückliche Tage für

mich; denn ich fürchtete, daß ich ihr dieselbe Verlegenheit bereiten

möchte, die ich selber bereits empfand, und ich wußte nichts Besseres zu

thun, als meinen Schritt zu beflügeln, wenn ich mich vor ihr befand, oder

langsamer zu gehen, wenn ich sie vor mir hinaufsteigen hörte.

Saß ich einmal in meiner Werkstatt, so gewährte mir die Anwesenheit

meiner unsichtbaren Genossin einen seltsamen Reiz. Ich fand eine angenehme

Zerstreuung in dem geringsten Geräusche, das mir ihren Schritt, ihr

Verhalten oder ihre verschiedenen Bewegungen vergegenwärtigte. Und wenn

dann die Mittagsstunde sie hinabrief, so empfand ich eine Einsamkeit

und Langeweile, so daß ich mich nach und nach daran gewöhnte, mich zu

derselben Stunde, wie sie, zu entfernen.

Inmitten meiner neuen Zerstreuungen fiel mir oft ein Umstand ein. Die

ersten Tage vor meinem regelmäßigen Morgeneintreffen hatte sie zuweilen

während der langen Arbeitsstunden ein Liedlein gesungen, dann aber hatte

der Gesang plötzlich aufgehört, und just eben, als ich begann,

demselben mit größerm Vergnügen zu lauschen. War es Zufall? Geschah es

meinetwegen? War ich ihr schon genugsam aufgefallen, daß sie sich

diesen Zwang anlegte? Bedeutete dieses Schweigen, daß sie sich mit mir

beschäftigte, wie ich mich mit ihr?

[Illustration]

Das waren hundert Fragen und eine Menge anderer dazu, die mir unendlich

viel zu denken und sinnen gaben. Nach Vollendung meiner Kopien unternahm

ich nichts mehr; meine Leinwand blieb leer, meine Pinsel lagen zerstreut

umher. Nichts hatte Reiz für mich, neben dem Gefühle, welches meine Tage

erfüllte.

* * * * *

Und es waren nicht mehr wie sonst Träumereien, deren Leere und Hohlheit

ich mir selbst gestand. Dieses Mal vielmehr kam der Gedanke an Heirath

von vorn herein in meinen Sinn, und als er einmal da war, wollte er nicht

wieder fort.

Glückliches Alter, in dem ich mich damals noch befand! letzte schöne

Tage, die bald das Alter der Erfahrung und Reife abschließen soll! Ehe ich

noch ein Wort mit dem Mädchen gesprochen hatte, nahm ich mir vor, sie

zu heirathen. Bevor ich noch über diesen beschwerlichen Stand einmal

nachgedacht, den die Dichter uns als das Grab der Liebe malen und die

Moralisten als ein heiliges aber fesselschweres Joch, steuerte ich darauf

los wie zu einem Gestade voll Blumen und Duft. Bevor ich mich darum

kümmerte, wie oder wovon ein Haus besteht, oder eine Familie aufblüht,

beschäftigte ich mich bereits und vorzugsweise, gewisse Anordnungen

herauszuklügeln, deren leichte Möglichkeit meinen Wünschen allen Reiz

naher Wirklichkeit verlieh.

In der That, mein ganzes Streben ging darauf hin, eine Thür in die

Breterwand zu brechen; dann wurde Henriettens Dachstübchen unsere

Hochzeitskammer, das meinige unser Arbeitszimmer, wo, sie an ihren

Schreibereien, ich an meiner Leinwand, uns die Tage in Frieden, Glück und

Liebe gesponnen, dahinflossen.

* * * * *

Eines Morgens dachte ich, in mein Fenster gelehnt, an dergleichen Dinge und

schaute gewohnheitsmäßig dem alten Schulmeister zu, welcher die Tulpen

seines Gärtleins begoß; da erschien auf einmal Henriette an ihrem

Fenster.

[Illustration]

Sie suchte mich nicht, wie ich an der lebhaften Röthe, die plötzlich ihre

Wangen färbte, erkennen konnte. Indeß, um nicht merken zu lassen, daß

meine Anwesenheit einen größern Eindruck auf sie mache, als ihr Stolz zu

gestehen erlaubte, so konnte sie nicht sogleich wieder zurückgehen. Sie

blieb also; nur um ihre Verlegenheit zu verbergen, blickte sie auf die

entgegengesetzte Seite nach den Wolken in der Luft.

Die Gelegenheit war vortrefflich, um endlich mit derjenigen, die ich zu

meiner Frau machen wollte, ein Gespräch anzuknüpfen. Ich raffte also

meine Kräfte zusammen, um meine lebhafte Unruhe zu überwinden.

Diese Tulpen... sagte ich zum Schulmeister...

Kaum hatte ich die beiden Worte ausgesprochen, da zog Henriette ihren Kopf

zurück, ehe noch der Schulmeister den seinigen emporgehoben hatte, und mit

der Unterredung blieb es dabei.

* * * * *

[Illustration]

Ah! ah! Sie schauen mir zu? sagte der Schulmeister; Schalk! Ich ahne, was

Sie denken:

Das Bauen geht noch an, doch in dem Alter pflanzen!

Erstlich, junger Herr, sind dies Tulpen:

Ei, wehrt dem Weisen nicht

Daß er für Andrer Freude sich bemüht!

Sehen Sie, diese gesprenkelte, die in Holland zwanzig Dukaten werth wäre,

habe ich meiner Gemahlin bestimmt:

=Purpureos spargam flores=....

Der Schulmeister citirte noch, als ich verwirrt und ärgerlich bereits mein

Fenster wieder geschlossen hatte.

* * * * *

Der schlechte Erfolg dieses Versuchs benahm mir die Lust, ihn zu erneuern,

so daß ich während mehrer Wochen mich begnügte, bescheidentlich die

vorerwähnten Gewohnheiten weiter zu verfolgen.

[Illustration]

Henriette bekam zuweilen einen Besuch. Wenn die Sorgen der Haushaltung der

Mutter einige Augenblicke erlaubten, so kam sie herauf, um neben ihr zu

arbeiten. Sogleich näherte ich mich der Zwischenwand und hielt meinen

Athem an, um ihre Worte besser zu vernehmen.

Dein Vater, sprach die Mutter, wird gegen sechs Uhr zurück sein; ich habe

Deine Brüder bereits angekleidet, damit wir zusammen ausgehen können.

Ihr werdet wol ohne mich gehen müssen, Mutter, denn ich sehe nicht ab,

wie diese Arbeit morgen fertig sein soll, wenn ich nicht dabei bleibe.

Donnerstag, weißt Du, ist der Hauszins fällig.

Du bist der Familie höchst unentbehrlich, mein liebes Kind, ich freue

mich, daß Deine Brüder Dir werden Beistand leisten können.

Ich freue mich des Vaters willen darüber.

Dein Vater ist, gottlob, stark und noch jung; ich fürchte für ihn nichts

als Krankheit und Alter... Da könntest Du uns wol fehlen, Henriette.

Ich bin auch stark und hoffe am Leben zu bleiben.

Ich hoffe das auch, liebes Kind; allein Du kommst in die Jahre, wo Du Dich

verheirathen könntest.

Meine Mutter, ich bleibe bei Euch; lieber will ich in dieser Bedrängniß,

die wir zusammen theilen, bleiben, als sie gegen eine andre, in der ich

Euch entfremdet wäre, vertauschen.

Also einen reichen Mann begehrst Du, Henriette?

Nein, meine Mutter; denn ich wäre ihm nicht gleich. Aber ich will Euch

nicht meine Arbeit entziehen, um sie einem Herrn zuzubringen, dem ich sie

nicht schuldig bin.

Du hast Recht, Henriette, keinen Reichthum zu begehren, allein bedenke,

mein Kind, daß Deine Mutter sich in ihrer Bedrängniß recht glücklich

fühlt und daß all ihr Glück ihr von ihrem Herrn und ihren Kindern

herkommt. Eine noch größere Armuth, aber mit einem achtbaren Manne, ist

besser, als Mädchen bleiben, Henriette. Das Unglück kommt vom Laster und

nicht von der Armuth.

Meine Mutter, es gibt wenig Männer, wie mein Vater.

* * * * *

Das hieß sich mir bedeutend nähern, ohne im geringsten Arg von mir

zu haben; das Gefühl, welches mir dieses tugendsame, stolze Mädchen

einflößte, war der Art, daß ich einen sehr bittern Verdruß darüber

empfand. Uebrigens war die Unterhaltung durchaus nicht nach meinem Sinne.

Henriettens Worte verkündeten zwar ein wirklich freies Herz, aber auch ein

starkes, das über sich selbst verfügte, und wenn es auch geschaffen war,

sich ohne Wiederkehr zu geben, doch nicht jene zarten, leicht entzündbaren

Seiten darbot, durch welche allein ein junger Mann meiner Art den Zugang

zu finden sich schmeichelt. Das Einzige, was meine Hoffnungen ermuthigte,

waren die Worte der Mutter. Die gute Frau schien mir, indem sie die

Achtbarkeit der Armuth pries, wahrhaft göttlich und ganz zu meinen Gunsten

zu reden. Denn ich war ehrenhaft, aber vor allen Dingen war ich arm.

Die Bibliothek meines Oheims: Eine Genfer Novelle · 第 10 / 13 段