Mit vierundachtzig Jahren versteht man die Kunst... und dann habe ich
meinen Hippokrates... weine nicht, Kind. Es handelt sich jetzt um weiter
nichts, als um die schönen Künste.... und dann um Dein Geschick. Das
Alter, siehst Du, kommt bei Dir, wie bei mir... das Recht behagt Dir
nicht?... nun, nach Deinem Gefallen. Also, wirf Dich auf die schönen
Künste.... denn freilich, jeder muß sich in seinem Geschäfte gefallen.
Du nimmst die Madonna; wir suchen für Dich eine Werkstätte. Hier magst Du
beginnen, in Rom endigen; so wird's am besten sein. Ein bloßes Scheinleben
zu führen, wäre ja doch am Ende das größte Uebel; hat man ein Ziel vor
Augen, so arbeitet man, und erstrebt, und erreicht es, vermählt sich...
Ich unterbrach ihn: nimmer, mein Oheim!
Nimmer? gut; wie Du willst... Aber weshalb, Julius, willst Du den Hagestolz
spielen?
Weil, sagte ich verlegen, weil ich mir selbst gelobt habe, seitdem...
Armes Mädchen!... So verständig!... Nun, folge Deinem Hange, Dein Wille
gilt ja. Ich bin nicht daran gestorben. Die Hauptsache ist, daß Du Dir
einen Stand wählest; wir wollen darüber sprechen.
Ich mußte mir alle Mühe geben, um über die Vertauschung des Rechts
mit den schönen Künsten erfreut zu scheinen; allein mein Herz war von
Traurigkeit und Dankbarkeit so erfüllt, daß kein andres Gefühl darin
Platz fand. Nach Verlauf weniger Augenblicke zog ich mich zurück, nachdem
ich meinen Oheim herzlich umarmt hatte.
* * * * *
Hierdurch erklärt sich meine zweite Bemerkung. Und jetzt, Leser, wirst du
begreifen, da ich nun Künstler geworden und einer aus dem Volke geblieben
war, daß mich ein zwiefaches Verlangen nach den Weingeländen zieht oder
mich antreibt, eine Rolle mitzuspielen. Und noch ein anderer Grund kommt
dazu: das Vergnügen, dieselben Orte zu besuchen, wo ich vordem mit meinem
Oheim gegangen war. Selber an der langen Tafel sitzend, stelle ich mir ihn
vor, wie er durch die umliegenden Büsche streift, stehen bleibt, um zu
hören, um dies oder jenes zu beobachten, sein Lächeln umschwebt mich wie
ein Zephyrhauch und die Erinnerung an ihn wird lebendiger.
Uebrigens gewähren diese Orte, abgesehen von der Kunst, welche dort
reichliche Nahrung findet, die wahrsten und achtbarsten Vergnügungen unter
denen, die man im Familienkreise hat. Die Sitte beherrscht und zügelt
die Freude, wie Einfachheit den Reiz derselben erhöht. Welch unschuldige,
süße Spannung gewährt nicht an den oft so unangenehmen Wochentagen die
Hoffnung auf die Augenblicke, wo man seine Familie mit der eines Freundes
oder Nachbars vereint, um auf die Flur hinauszugehen, unter die reizenden
Schatten der Buchen oder unter die Kastanienbäume auf die Berge! Wie
strahlend erscheint nicht Sonntags die Sonne, wie glänzend das Blau des
Himmels! Nach den frommen Pflichten, welche diesen Tag heiligen, gehen
bei Zeiten, schon um Mittag, denn die Tageshitze scheint dem nicht schwer,
dessen Schritt die Freude belebt, die Familien hinaus vor die Stadt und die
fröhlichen Gesichter stehen im Einklange mit dem lebendigen Aussehen der
Festkleider. Der Schritt der Eltern, der des Großvaters, wenn derselbe
noch Theil an den Vergnügungen nimmt, regelt den Gang; nichts desto
weniger scherzt man frei nach allen Seiten hin, und das junge Mädchen,
welches den Jünglingen zu gefallen sucht, wie das ihr unvermeidlicher
Trieb ist, fühlt sich vor dem bewachenden Auge der Mutter nicht durch
falsche Zurückhaltung oder trauriges Sprödethun gefesselt. Gelächter,
Spiele, neckische Munterkeit, eine frische Laune bringen die muthwillige
Truppe durcheinander und beleben sie; die Eltern plaudern im Lärm dieser
Lust, und hinter ihnen verjüngt selbst der Großvater sich am Gewühle
dieser Freuden des ihm entgegengesetzten Alters.
Aber das sind nur erst die Vorspiele. Man kommt unter die Buchen: die
Frische, die Ruhe, eine besetzte Tafel thut Allen wohl; die Speisen mögen
sein wie sie wollen, Eßlust und Glück verleihen ihnen eine kostbare
Würze. Selbst die verdrießlichen Uebelstände einer ländlichen Küche
sind nur eine Veranlassung zur Fröhlichkeit, ein gefundenes Willkommen
für die zum Scherz gestimmte Gesellschaft. Dem Großvater aber wird jede
Rücksicht gezollt, man trifft die Anordnungen, wie sie ihm bequem sind,
berücksichtigt, was ihn innerlich freuet, der Lärm wird seinetwegen
gemildert, jeder Jüngling macht sich eine Ehre daraus, ihm Ehrerbietung
zu zollen, und schätzt es sich zum Glücke, daß er so eine Gelegenheit
findet, einen Anspruch auf die Nichte des Greises zu erlangen.
Und welch' entzückende Augenblicke folgen nicht jetzt! Die Gruppen
zerstreuen sich, die weißen Gewänder glänzen hier und dort auf dem Rasen
ringsum. Der Einfluß des Abends erweckt heitere Gespräche, eine größre
Vertraulichkeit; auf die Ausgelassenheiten des Mahles folgt ein süßes
Sichgehenlassen, und des herannahenden Tages Ende macht die Augenblicke
kostbarer. Ich leugne es gar nicht, daß, während die Eltern an der
Tafel sitzen bleiben, um fortzuplaudern, oder an einem ruhigen Plätzchen
schlummern, nicht manch' zärtliches Wörtchen ausgetauscht ward; daß das
Vergnügen, sich von den Uebrigen wegzustehlen, nicht lebhaft sei, daß
Wonne und Verwirrung die Pulse nicht heftig pochen machen, daß endlich
nicht auch mancher sich verrechnet hatte, wenn von der Buchenlaube das
Zeichen der Wiedervereinigung und des Aufbruchs erschallt.
Wo wäre da etwas Uebles daran? Wie können junge Leute sich besser kennen,
sich lieben lernen und zu Gatten erkiesen? Wahrlich, die plaudernden
oder schlummernden Eltern haben Recht, daß sie nicht fürchten, was sie
andrerseits nicht bemerken wollen; sie haben das Gefühl gegenseitiger
Ehrbarkeit zum Bürgen, daß im Schoose der Familie sich alles rein
gestaltet, daß sie in ihrer Vereinigung ein Heiligthum ist, aus dem jede
Unlauterkeit verbannt ist.
So waren die Belustigungen unserer Eltern; Spuren davon sind allerdings
noch da, aber sie verschwinden mehr und mehr in der allgemeinen
Verschmelzung der Sitten, in der sie sich allzumal so die alte Derbheit wie
die alte Gutmüthigkeit verlieren; in der sich die einfachen, durch Arbeit
errungenen Freuden, die Annehmlichkeiten des Brudersinns und die heiligen
Bande der Familie von Tag zu Tag gegen ein zunehmendes Wohlleben, das aber
ohne Würze ist, austauschen.
* * * * *
Aber was zu allen Zeiten am meisten verheerend in die Einfachheit und
Gemüthlichkeit der Vergnügungen fällt, das ist das Knötchen, das
unbezähmbare Knötchen. Das Knötchen ist's, von dem die Reihen dieser
liebenswürdigen, achtbaren Spaziergänger gelichtet werden, von ihm
werden diese geräuschlosen und nicht kostspieligen Vergnügungen in Acht
erklärt; das Knötchen stellt an seinen Mann die Anforderung, auf irgend
einem öffentlichen Platze zu paradiren; es empfiehlt ihm Bart und Sporen,
die nur in der Thüre eines Kaffeehauses oder auf dem Pflaster einer
Straße von gutem Tone einen Werth haben; es ist's, das ihn Sonntags seine
Straße, seinen Laden, seinen Vater selber und die Orte, wo derselbe weilt,
meiden läßt; es läßt ihn Vergnügen an dem Rößlein finden, welches
ihn in einem Stücklein Fiaker, das gelb wie eine alte Stiefelstulpe ist,
hinschleppt bis zu einer räucherigen Kneipe; es ist's eben so sehr und
gar noch mehr als das Vergnügen, das ihn aus der Gesellschaft der Seinigen
scheucht und ihm jenen unehrbaren Ton, jene frechen Reden eingibt, worin er
sich mit den Freunden seiner Wahl belustigt.
Ja, das Knötchen ist's, welches den Menschen regiert! Ist's nicht in
dieser einen Gestalt, so ist's in einer andern, und zwar wird es stets
heftiger, je besser die Verhältnisse des Menschen sich gestalten. Das
Knötchen ist's, welches seine Vergnügungen verflacht, seinen Geist
verdummt, sein Herz verdirbt. Wenn Leidenschaften oder die Wechselfälle
des Lebens, wenn persönliches oder allgemeines Unglück seine Stimme nicht
übertönen, so gebietet es unumschränkt über den Menschen wie über die
Gesellschaft. Die Sitten, die Gebräuche, die Empfindungen des Einzelnen
und Aller richten sich nach seinem Willen oder wechseln nach der geringsten
seiner Launen. Dann trennen oder einen sich die Menschen, nicht wahren
Unbills oder heiliger Sache willen, sondern um elende Vortheile, wegen
des falschen Glanzes, worin sie strahlen, wegen des Flitterstaats, der
ihr hohles Gemüth bedeckt. Dann sieht man sie Staub auf Ihresgleichen
schütten, einzig und allein in dem glühenden Begehren, die ihnen
Voranstehenden einzuholen; dann tritt die Gleichgiltigkeit an die Stelle
des Brudersinns, ein neidisches Begehren an die des theilnehmenden Herzens
und leben heißt nicht mehr lieben, sich freuen, sondern scheinen!
Und wenn Zeiten wie die unsrigen schon durch die Verweichlichung des
Wohllebens und die faden Schaubilder, die sie bieten, zur Erweiterung der
Herrschaft des Knötchens geeignet sind, so sind sie es noch mehr durch
die Lauheit der Gemüther, durch die Richtigkeit der Ueberzeugungen,
durch jenen falschen Schimmer der Gleichheit, womit die Menschheit voll
unsinnigem Begehren sich wohlgefällig brüstet. Wie viel Raum zu Wachsthum
und maßloser Ausdehnung bieten nicht dem Knötchen jene Herzen dar, in
denen keine Flamme lodert, kein Glaube wurzelt, keine Leidenschaft in den
Tiefen rüttelt! Welch ungemeines Gebiet eröffnet ihm nicht das Prinzip
der Gleichheit, so wie es ausgelegt und von denen gepredigt wird, die nicht
daran glauben, noch daran halten; begierig aufgenommen von denen, die es
nicht verstehen; angenommen nur als das Recht, die Pflicht, die Sucht, den
Höherstehenden sich gleich zu stellen! Seht hin, wie sie sich alle in
den Tummelplatz stürzen, wo, nichts destoweniger, obgleich man sich hat
stoßen, erdrücken, verstümmeln lassen, die Einen immer an der Spitze
stehen und die Anderen auf der untersten Stufe... Statt an ihrem Platze zu
bleiben und denselben zu verbessern, verachten sie ihn voll Verdruß und
Scham, daß sie denselben einnahmen, und brennen vor Ungeduld, einen andern
einzunehmen, vor Begierde, auch sich zu brüsten. O ihr Einfältigen,
Menschen ohne Herz, die an ihren dünnen, aber zahllosen Fäden die
schmählichste aller Leidenschaften, die Eitelkeit, leitet!
* * * * *
Das Knötchen ist also, richtig erwogen, ein trauriger Rathgeber, ein
erbärmlicher Herrscher; und wenn es auch nicht möglich ist, es mit der
Wurzel auszureißen, so ist es wenigstens die Pflicht eines vernünftigen
Menschen, es stets zurückzudrängen, und wo er einen Sproß desselben
aufschießen sieht, ihm entgegenzuwirken.
Seit zwanzig Jahren habe ich dies ernstlich betrieben und glaube, daß
ich manche Keime erstickt, manche Sprößlinge des Knötchens unterdrückt
habe; aber kann ich behaupten, daß ich mein Knötchen vertilgt habe?
das wäre eine Lüge. Ich fühle sein Dasein; obgleich es nicht mehr so
gefräßig ist, so hat es doch noch eine beträchtliche Dicke, und ist bei
der geringsten Veranlassung bereit, üppige Sprossen zu treiben und alle
guten Keime zu ersticken, denen ich auf seine Unkosten ein Plätzchen
angewiesen habe. Sonderbar! Ueber gewisse Grenzen hinaus schlägt unsre
Kraft wider uns selbst zurück; will man das Knötchen ausrotten, so
verleiht man einem andern Knötchen daneben das beste Gedeihen. Und man
sagt: Ich kann mir schmeicheln, daß ich keine Eitelkeit besitze; aber
das ist schon an und für sich eine Eitelkeit. Drum habe ich, weil ich
das Ganze nicht vermochte, das Nothwendigste gethan. Ich habe ihm meine
Gemälde, meine Bücher zum Spielplatze eingeräumt, doch dabei ihm
jegliche Vorrede untersagt, obgleich es mir jedes Mal dazu rieth; aber
es gibt noch weit wichtigere Dinge, die ich vor seiner Berührung in
Sicherheit gebracht habe.
Und so nun sind meine Freundschaften. Ich will, daß daran gar nichts
Bemerkenswerthes sei. Ich will, daß das Band derselben frei bleibe, aber
stark; ich will, daß die Quelle derselben tief, stets frisch und rein sei,
geschützt vor dem Zephyr und geschirmt vor dem Unwetter; es möge nicht
der wilde Bach sein, der sich über jegliche Klippe stürzt, um jeden
Vorsprung spaltet, und dessen bald erhitzte, bald kalte Welle jegliche
Blume tränkt, sich mit jedem Dufte schwängert, nach der Farbe des Himmels
oder mit dem Rande seines Bettes das Aussehen ändert. Ich will in meinem
Freunde seine Zuneigung zu mir lieben, den Reiz, den ich empfinde, ihn
wie mich selbst zu lieben, unsere gemeinschaftlichen Erinnerungen, unsere
gegenseitigen Hoffnungen, unsere vertrauten Unterredungen, sein dem
meinigen bekanntes Herz, seine Tugenden, welche meine Seele fesseln, seine
Talente, aus denen mein Geist Genuß schöpft, und nicht seinen Wagen, sein
Haus, seinen Rang, seine Stellung, seine Macht oder seinen Ruf will ich
lieben. Ich will es, Knötchen! also schweig!
Und nun meine Freuden -- die sind folgender Gestalt. Ich will sie suchen,
wo mein Herz sie findet, ohne Rücksicht auf das Kleid der Leute oder
die Vergoldung der Wände. Ich will einfache, wo möglich aber wahre,
beständige; solche, die ihre Reize von irgend einer Würze des Herzens
oder des Geistes, aus irgend einer lebendigen und anständigen Neigung, aus
irgend einem unschuldigen Triumphe empfangen haben, der über Trägheit,
Sünde, Eigennutz erfochten ist; ich will sie in dem Vergnügen Anderer
weit eher finden, als in dem meinigen; denn das ist die beste Freude,
die sich mittheilt, sich ausbreitet, im Kreise schwirrt und das Herz mit
erweiternder Wärme durchzieht. Also, fort, Knötchen! Laß mich unter den
Buchen bei den wackeren Leuten. -- Aber man bemerkt dich! -- Mir einerlei.
-- Aber du bist in Hemdärmeln! -- Desto kühler befinde ich mich. -- Aber
es sieht aus, als gehörtest du zu ihres Gleichen! -- Das meine ich auch.
-- Da, sieh ein Wagen!... -- Laß ihn fahren. -- Und dort Städter, die
dich kennen! -- Grüße sie von mir und scher' dich fort, Knötchen!
So schließlich ist meine Ansicht, meine Weise, nicht allein mich zu
benehmen, sondern auch Andere zu beurtheilen, abzuwägen, was sie
taugen, und sie in meiner Achtung abzuschätzen. Noch einmal, von hinnen,
Knötchen! Du bist der Vater der Dummheit, wenn nicht die Dummheit selber.
Von hinnen! Ich sehe, als was du dich vor mir darstellst, von wem du zu mir
kommst, du triffst oft Gutes und Schönes bei dieser Außenseite, die dich
verlockt, aber du triffst auch Gutes und Schönes unter dem Kittel, den
du verachtest. Bevor du diese Menschen wägst, erlaube, daß ich sie, den
Einen wie den Andern, entkleide. Knötchen! ich hatte einen Oheim, dessen
du dich mehr geschämt als gerühmt hättest... ich habe eine Jüdin
geliebt, die du nur mit Verachtung angeblickt hättest... Von hinnen! auf
immer fort von mir!!
* * * * *
Außer meinem Oheim Tom, mir und dem bereits früher erwähnten Maler gab
es noch andere Miethsleute in dem Hause. Ich will sie der Reihe nach von
unten bis oben aufzählen, um so bis zu dem zu gelangen, der dem Himmel
am nächsten wohnte und den Weg dahin um diese Zeit etwa einschlug, eine
schöne Dachwohnung gen Norden freilassend, wo ich mich einrichtete.
Frage mich nicht, Leser, was all' diese neuen Personen mit meiner
Geschichte zu thun haben. Nichts vielleicht. Allein, wenn du mir bis
hierher gefolgt bist, was wird dich eine Abschweifung mehr kosten? Du bist
daran gewöhnt, und ich werde diese Gestalten, die mir so theuer sind,
wie jede Erinnerung des Jugendalters es ist, wieder aufleben sehen. Also
herauf, ihr alten Miethsleute, Nachbarn von ehedem, die gegenwärtig vom
Schauplatze der Welt verschwunden sind, deren ferne Erinnerung aber mein
Herz mit Entzücken bewahrt!
Da war zuerst in demselben Stockwerke mit uns ein abgedankter Lehrer, ein
alter, gutmüthiger Mann, dessen einzige Beschäftigung darin bestand, sein
mit vierzig Jahren Arbeit verdientes Gnadenbrod gemächlich zu verzehren.
Ein friedlicher, jovialer Epikuräer, begoß er Morgens die Blumen eines
kleinen Gartens, Mittags hielt er regelmäßig sein Schläfchen. Nach dem
Essen ging er, die Abendluft zu genießen, in Gemeinschaft mit einigen
Kanarienvögeln, die er aufgezogen hatte und die pickend und flatternd ihm
zur Seite blieben.
[Illustration]
Er hatte indeß seinen frühern Stand nicht so gänzlich aufgeben können
und sein Hauptvergnügen bestand darin, daß er allen Dingen, allen
Personen ein Sprüchlein anhängte, welches seine Schulmeister-Erinnerungen
ihm darboten. Ich war ehedem ihm durch die Hände gegangen und nicht ganz
und gar gefühllos für den prosodischen Fluß seiner Kernsprüche; dazu
hatte er mich lieb und es geschah nicht leicht, daß er mir begegnete, ohne
mich in seiner Weise anzureden:
=puer, si qua fata aspera rumpas,
Tu Marcellus eris,=
und sein dicker Bauch schüttelte sich in langem, kräftigem Lachen, um das
ich ihn beneidete, wenn ich auch nicht mit einstimmte. Wenn eine alte Magd
ihm aus dem Dorfe irgend ein kleines, eigennütziges Geschenk brachte:
=Timeo Danaos, et dona ferentes!=
und das Bäuchlein setzte sich in Bewegung. Aber wenn es sich um seine
Gemahlin handelte, dann nahm es kein Ende
=Dum comuntur, dum moliuntur, annus est....
..... varium et mutabile semper foemina!
..... notumque, furens quid foemina possit!=
und manche andre Redensart. Madame bereitete indessen ihre Speisen und
fand die Redeweise ihres Gemahls höchst abscheulich, worüber sich dieser
bewogen fühlte zu murmeln:
=melius nil coelibe vita.=
[Illustration]
Im Stockwerke drüber wohnte ein achtzigjähriger, brummiger, mürrischer
alter Rathsherr der Republik. Sommers saß er in einem großen Sorgenstuhle
und verbrachte seine Lebenszeit neben dem Fenster, um die Straße auf's
Genaueste zu beobachten. In allen Dingen sah er den Verfall des Staats
und die Verderbniß der Sitten. An den frisch getünchten Häusern, an
den frisch beworfenen Mauern, an den runden Hüten, an der Seltenheit der
Zöpfe und vor allen Dingen an der Jugend der jungen Leute
=..... cuncta terrarum mutata
Praeter atrocem animum Catonis,=
sagte der Schulmeister. Winters steckte er seine mageren Beine in
Pappenstiefeln und verlebte seine Stunden am Kamin, nur einmal alle
Monate verließ er dasselbe, um an die Thür zu treten, versteht sich in
Pappenstiefeln, und einigen Bettlern, seinen Zeitgenossen, eine Gabe zu
verabreichen. In diesen alten, verwitterten Menschenresten erkannte er
noch die Spuren der guten Zeit, die wurmstichigen Reste jener alten, so
veränderten, so verfallenen Republik.
[Illustration]
Ueber diesem mürrischen Greise wohnte in stiller Zurückgezogenheit eine
zahlreiche Familie, deren Haupt ein im Steuerwesen angestellter Feldmesser
war. Dieser Mann saß den ganzen lieben Tag an seinem Meßtische und
brachte selbst einen Theil der Nächte über seinen Zeichnungen zu. Ich
erinnere mich, daß er stolz auf sein mühevolles, unabhängiges Leben war,
und wenn er hin und wieder einmal sich mit seiner Familie eine Lustpartie
erlaubte, so kostete er selbst die Freude mit einer ernsten stolzen
Miene, die mir, dem Jünglinge, eine mit Bewunderung vermischte Ehrfurcht
einflößte
=Dos est magna, parentium
virtus . . . . .=
sagte mit ernster Miene selbst der Schulmeister.
[Illustration]
Bevor wir zur Dachwohnung gelangen, kommen wir noch vor der Wohnung eines
Baßspielers vorbei. Dieser gab den ganzen Tag über Stunden und behielt
nur die Nacht für sich, um Weisen für sein Instrument zu componiren
=modo summa,
Modo hac resonat quae chordis quatuor ima.=
Rings um den Musikanten herum ging es in eine Menge von Zimmern und
Kämmerchen, welche an Studenten vermiethet und veraftermiethet waren, die
bei ihm in die Kost gingen; diese Herren waren starke Raucher, nahmen ihre
Vorlesungen durch, sangen Lieder, bliesen Horn oder spielten Flageolet, so
daß in diesem Bereiche die Musik niemals abriß.
[Illustration]
=Quousque tandem!!=
Und nun die besagte Dachwohnung.
* * * * *
Diese Dachwohnung war groß und hatte ein vortreffliches Licht. Der
Feldmesser wollte sie haben und ich ebenfalls. Man brach ein Fenster durch,
zog eine Breterwand und so hatten wir jeder unser Dachstübchen.
Ich fand hier die Aussicht auf den See und die Berge wieder. Mein Fenster
befand sich in gleicher Höhe und gar nahe bei den großen gothischen
Rosen, die in der mittleren Höhe der Thürme der Hauptkirche sich
befinden. Von dieser erhabenen Gegend aus beherrscht der Blick die öden
Dächer, und das Geräusch der Stadt erstarb, ehe es so weit gelangte.
Aber ich begann bereits in jenes Alter zu treten, wo solche Eindrücke
nicht mehr ihre gewaltige Kraft üben, und jeden neuen Tag suchte mein Herz
mehr in sich selber Bewegung und Leben.
Aus demselben Grunde war auch mein Hang zur Nachahmung nicht mehr so
lebendig; es bedarf zu einer solchen Neigung einer Ruhe, die ich nicht
mehr besaß. Oft aufgeregt, verwirrt von den unbestimmten Regungen einer
Sehnsucht ohne Gegenstand vermochte ich nicht mehr auf mein Modell zu
sehen, ich betrachtete meine undankbare Nachbildung mit Widerwillen, warf
den Pinsel bei Seite und überließ mich meiner Träumerei ganze Stunden
lang.
Dies innere Leben hat seine Wonne und seine Bitterkeit. Wenn diese Träume
süß sind, so ist das Erwachen düster, niederschlagend; die Seele tritt
wieder in die Wirklichkeit, nachdem sie ihre Kraft erschlafft oder verloren
hat. Drum war ich denn nach solchen Stunden zur Wiederaufnahme
meiner Arbeit unfähig und nicht weniger unfähig, die Träume wieder
herbeizuführen; ich verließ dann das Haus, um meinen Unmuth draußen
spazieren zu tragen.
* * * * *
Auf einem solchen Spaziergange geschah es, daß eine zufällige Begegnung
mich aus diesem Zustande der Sehnsucht und halben Müßiggangs riß.
Eines Tages wollte ich in meine Wohnung durch die Thür, die auf der
Kirchenseite unter den dicken Linden sich befindet, zurückkehren. Ein
prächtiger Wagen hielt davor; kaum war ich an demselben vorüber, als
eine Stimme, die ich augenblicklich wiedererkannte, mich voll Ueberraschung
zurückkehren ließ.... »Herr Julius!« rief diese Stimme mit großer
Bewegung.
In meiner Verwirrung zögerte ich näher zu treten, als ich zu bemerken
glaubte, daß man mir winke. Ich wendete wieder um; in rascher
Hast öffnete sich der Schlag und ich befand mich Angesichts der
liebenswürdigen Lucy! Sie war in Trauerkleidern, ihre Augen naß von
Thränen... Bei diesem Anblick brachen auch mir die Thränen hervor.
Ich erinnerte mich alsbald an ihr weißes Gewand, ihre kindlichen
Befürchtungen, an die Worte des Greises, an seine Güte gegen mich. O! wie
sehr verdiente er noch zu leben, sprach ich nach einer Weile, der Verlust
ist schmerzlich, mein Fräulein!... Erlauben Sie mir, daß ich diese
Zähren dem Gedächtniß seiner herzlichen Güte, das in mir lebt, zolle.
Lucy hinderten ihre Gefühle zu antworten, sie drückte mir die Hand mit
einer Bewegung, deren dankbare Huld durch eine anmuthige Zurückhaltung in
Schranken gehalten wurde.
Ich hoffe, sagte sie endlich, daß Sie glücklicher sind, als ich, und
Ihren Herrn Oheim noch besitzen... -- Er lebt, versetzte ich, aber das
Alter kommt immer mehr und beugt ihn zur Erde. Wie oft, mein Fräulein,
habe ich an Ihren Vater gedacht!... und jeden Tag begriff ich Ihre
Betrübniß mehr.
Lucy wendete sich jetzt zu einem Herrn, der neben ihr saß, und erklärte
ihm in wenigen Worten auf Englisch den Zufall, dem sie vor fünf Jahren
meine Bekanntschaft und die meines Oheims verdankte, und wie mein
Wiedersehen, das ihr so lebhaft einen Tag vorgeführt habe, da ihr Vater so
glücklich und liebevoll war, ihr diese schmerzliche Bewegung verursachte.
Sie fügte noch eine Lobeserhebung über mich und meinen Oheim hinzu, und
als sie davon sprach, daß ich Waise sei, bemerkte ich in ihren Mienen und
in ihren Worten dasselbe Mitleid, welches mich früher so sehr ergriffen
hatte. Als sie mit ihrer Erzählung fertig war, reichte mir der Herr,
welcher nicht Französisch zu sprechen schien, die Hand mit dem Ausdrucke
wohlwollender Achtung.
Da wandte sich Lucy an mich: der Herr ist mein Gemahl; er ist der
Beschützer und Freund, den mein Vater selbst für mich erwählt hat. Nach
jenem Tage, wo Sie ihn sahen, Herr Julius, sollte ich ihn nicht mehr lange
behalten... Achtzehn Monate später rief ihn Gott zu sich ab... Mehr als
einmal erinnerte er sich lächelnd Ihrer Geschichte... Wenn, fügte sie
hinzu, auch Sie ein dem meinigen ähnliches Leid erfahren werden, so bitte
ich Sie, mich davon zu unterrichten; ich will Ihren Oheim begrüßen... wie
alt ist er?
Er tritt in sein fünfundachtzigstes Jahr.